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„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


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(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

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Manfred Dahlmann – Kultur ist Zwang
Pascal Bruckner – Die Erfindung der Islamophobie
Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]

Forwarded: BBC World Service – „The Holocaust Deniers“

Trotz einiger Missdeutungen definitiv hörenswerte Radiosendung über Holocaust-Leugnung bzw. -Relativierung und Antisemitismus im heutigen Europa.
In this two-part series for Heart and Soul, Wendy Robbins takes a personal journey into the heart of Europe, where fears grow that Jewish history is being rewritten so as to minimise the past and threaten the future. […] Holocaust denial is provably on the increase, and no longer confined to extremists. But, in countries where evidence of the holocaust is hard to deny, there is a subtle change too. It’s called ‚holocaust obfuscation‘, which started among Baltic ultra-nationalists who combine the atrocities of the Nazis with those of the Soviet Union, resulting in Eastern European history re-written as an equal Nazi-Soviet ‚double genocide‘. Bizarrely, this means some Jews who joined up with anti-Nazi (often Communist) partisans now find themselves under investigation for war crimes. […] And in Sweden’s capital, Malmo [sic], many of the 50,000 Muslims want the 1,000 Jews to leave – and the Mayor wants Zionism condemned as forcefully as anti-semitism.“ “ (BBC Heart And Soul: The Holocaust Deniers, via Z-Word Blog)

Player Episode 1

Recommended reading:
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Pierre-André Taguieff – Rising From the Muck. The New Anti-Semitism In Europe (La nouvelle judéophobie)
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Pausenvideo I

„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

*

Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.

Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.

(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.


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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)

(mehr…)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization V: Aspiration

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization IV: Intelligence

„Unsere Kristallnacht“

Da, wo Darwin für alles herhält/ ob man Menschen vertreibt oder quält, da/ wo hinter Macht Geld ist, wo stark sein die Welt ist/ von Kuschen und Strammstehen entstellt/ Wo man Hymnen auf dem Kamm sogar bläst/ in barbarischer Gier nach Profit/ „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn!“ ruft/ wenn man irgendeinen Vorteil darin sieht/ ist täglich Kristallnacht
BAP – Kristallnaach (in dem das Wort „Juden“ kein einziges Mal vorkommt)

Weltweit hat den Deutschen „täglich Kristallnacht“ zu sein, weswegen man sich zum 9. November in Frankfurt einen Redner bestellt hat, der das deutsche Verbrechen korrekt einzusortieren weiß, einen veritablen Völkerverständiger (deutsch-französisch) und dementsprechend und zu Recht Träger des „Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband“ (deutsch). Um die Verständigung zweier am Holocaust so oder eben anders beteiligter „Völker“ hat sich Alfred Grosser insbesondere insofern verdient gemacht, als er dem mehr oder weniger mitmachenden „Volk“ einreden wollte, das „eine Volk“ sei gar nicht so eins gewesen in seinem Wollen und Wirken. Es habe ja auch unter den Deutschen gutmütige Helfer der Juden gegeben. Was man in Frankreich eine zeitlang vielleicht nicht wirklich hören mochte, war, sobald man in Deutschland das Verbrechen überhaupt ein wenig zuzugeben bereit war, Konsens.
Wenn man den deutschen Erzählungen vom „Dritten Reich“ unbedingt Glauben schenken mag, müsste man allerdings in der Tat davon ausgehen, dass kein einziger Jude in deutschen Vernichtungslagern umgebracht worden sein konnte. Sechs Millionen ermordete Juden sähen sich dann nämlich wenigstens sechzig Millionen aufopferungsbereiten Deutschen nochmals ausgesetzt, die jeder mindestens einen von „denen“ gerettet haben wollen. Weswegen es nach dem Krieg eine derartige jüdische Übermacht gegeben habe, dass man heute Israel nicht mehr kritisieren dürfe… Or so the delirious story goes!

Die Mehrzahl [der Deutschen] gab zu, daß sie 1939 und 1940, als alles noch »rosig« aussah, voll und ganz hinter dem »Führer« gestanden hätten. Die wenigen, die angaben, daß sie ihn schon damals nicht gemocht hätten, beschwerten sich über seine Kurzsichtigkeit, Rußland und die USA zu unterschätzen und anschließend zu provozieren. Von moralischen Bedenken war keine Rede.
Erika Mann – Why the Germans Fight on, 1945

Der erstaunlich geringe bewaffnete Widerstand der Deutschen, nachdem die Sieger erst einmal die Städte besetzt hatten jedoch, lässt sich auch damit erklären, dass sie ganz entgegen ihren Erzählungen ihr wichtigstes Wirken auf Erden für weitestgehend vollbracht hielten. Bloß irgendwann gab es Israel. Und man wähnt sich in die Watzlawick-Geschichte von der Frau versetzt, die sich beschwert, sie sähe die Jungen nackt ins Wasser hüpfen. Woraufhin die Polizei die an einen anderen Ort verweist, und die Frau sich wieder beschwert. Aber sie könne sie von ihrem Fenster aus doch gar nicht mehr sehen, und sie erwidert: Hinausgebeugt und mit dem Fernglas schon.
Man hat also die Juden alle und gar mehrfach gerettet, und trotzdem gibt es welche, die hier nicht leben wollen. Man hat sie restlos vernichtet geglaubt, und trotzdem gibt es noch so viele von ihnen, dass sie einen eigenen Staat gründen konnten. Die Deutschen (und die von ihrer Ideologie auf Umwegen infizierte Welt) richten ihre Ferngläser auf den Staat, der ihrer Meinung nach nicht sein kann und machen ein „Konstrukt“ aus, etwas Unorganisches, Illegitimes, was auch immer. Einen Ort, auf jeden Fall, der all ihren Projektionen zu widersprechen vermag, weswegen man auch permanent behauptet, dort habe man ganz im Gegensatz zu den Deutschen nicht aus Auschwitz gelernt.
Gerne lässt man behaupten, und in diesem Jahr gleich alles auf einmal: Die Deutschen seien gar nicht so deutsch respektive deutsch sein, sei gar nie so schrecklich gewesen, und irgendwas stimme nicht mit Israel, weil es anders als fast der gesamte Rest der Welt nicht aus Auschwitz gelernt habe. Dafür hat man den „Auschwitzkeulen“-Apologetiker Alfred Grosser eingeladen, nicht ausgerechnet am 9. November sondern wann sonst. Schließlich ist Mauerfall-Jubiläum.

Gremliza: In der Paulskirche haben Sie nicht den Eindruck gemacht, als dächten Sie gerade über die möglichen Folgen eines Widerspruchs nach. Sie waren einfach nur erschlagen.
Bubis: Das ist klar. Ich habe eine kurze Zeit überlegt, ob ich aufstehen und rausgehen soll. Meine Frau hat mich angestoßen: Ob wir uns das anhören müssen? Aber ich wollte keinen Eklat.
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99

Der Eklat ist auch diesmal ausgeblieben – bei der ARD denkt man sich, weil Grosser am Ende doch nichts Anstößiges gesagt habe und irrt sich. Er sprach über Israel („Sonst würde ich mich ja entwürdigen.“ Grosser) und über die guten Deutschen und aufgestanden und rausgegangen wurde wohl nur nicht, weil ein Großteil des Publikums sich schon drohend aufs Standing Ovations-Spalier vorbereitete. Und wer sich freiwillig einem deutschen Spießrutenlauf aussetzt, hat schon verloren. „Am Ende der Feier reichten sich die beiden vormaligen Kontrahenten [Grosser und Graumann] versöhnlich die Hand.“ (ARD – Erinnerung an die Pogromnacht. Gedenkredner Grosser bleibt bei Israel-Kritik)
Micha Brumlik durfte nach dem ‚Festakt’ in 3Sats kulturzeit (Interview mit Andrea Meier) wenigstens erklären, dass von „Versöhnung“ wohl kaum die Rede sein könne, die jüdische Gemeinde würde sich demnächst überlegen, ob sie an der Frankfurter vorgeblichen Pogromnacht-Veranstaltung überhaupt noch teilzunehmen bereit sei.
Ansonsten wurde am 9. November viel Mauerfall gefeiert, natürlich nicht ohne der Toten der Bewegung zu gedenken, und Martin Walser erhielt schon wieder einen Preis, den der Deutschen Gesellschaft für seine Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung.


via bubi zitrone

Am Vortag besuchte der deutsche Außenminister das Klärwerk in Gaza (was Niebel verweigert wurde, weswegen er den Countdown einleitete), im Spiegel freut man sich mit ihm, dass er dort so herzlich Willkommen geheißen wurde, und die Hamas habe sogar den Bau einer Schule erlaubt. Und am 4. November traute sich Tina Mendelsohn mutig, für kulturzeit ein Interview mit Alfred Grosser zu führen:

Transkript
Anmoderation Tina Mendelsohn:
Stimmt Alfred Grossers Vorwurf? Sobald einer die Stimme gegen Israel erhebt, heißt es sofort Antisemitismus? […] Nächste Woche, am 9. November, der so genannten Reichskristallnacht soll Alfred Grosser die Festansprache in der Frankfurter Paulskirche halten. Grosser ist Franzose, in Deutschland geborener und vertriebener Jude. Er ist auch ein vehementer Kritiker Israels und von dessen Umgang mit den Palästinensern. Ein Skandal bahnt sich, denn der Zentralrat der Juden fordert energisch die Ausladung Grossers. Pietätlos sei es, einen solchen Mann an einem solchen Ort sprechen zu lassen. Das meint auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden Salomon Korn.

Einspieler Salomon Korns Statement:
„Wenn es darum geht, Israel zu kritisieren, dann ist von nichtjüdischer Seite immer eine Hemmung vorhanden. Und dann werden gerne jüdische Kronzeugen ins Rennen geschickt, die das sagen, was vermutlich, vermeintlich Nichtjuden sich nicht zu sagen getrauen. Und das ist eine Funktionalisierung des Herrn Grosser. Und der hat in diesem Falle die Rolle des nützlichen Idioten.
[…] Also, es ist sicher sehr bequem, einen Menschen wie Alfred Grosser in die Paulskirche zu schicken, am 9. November.“
Unterbrochen von Propaganda-Bildern aus der Reichspogromnacht, an deren Ende jeweils das Schild zu sehen ist, auf dem steht: „Achtung Juden!“

Kommentar Tina Mendelsohn:
„Nützlicher Idiot“ – starker Tobak ist das. Es darf also in Deutschland keine unterschiedlichen jüdischen Meinungen zu Israel geben. Das ist das Gegenteil von gelebter Meinungsfreiheit. Es gibt in diesem Denken immer noch nur sie, die Deutschen und wir, die Juden. Muss die Frankfurter Oberbürgermeisterin wirklich die jüdische Vertretung um Erlaubnis bitten, wen sie ein- oder auslädt? Und muss mit dem Zentralrat abgesprochen werden, ob ein angesehener und erfahrener Mann, ein gebürtiger Frankfurter und ein israelkritischer Jude in der Paulskirche sprechen darf? Offenbar war das Praxis. Ich begrüße jetzt Alfred Grosser. Herr Grosser, ich freue mich sehr.

G: Ja, ich auch. Ja, guten Abend.
M: Guten Abend. Herr Grosser, offenbar ist man im Zentralrat der Juden in Deutschland der Meinung, dass ein israelkritischer Jude nicht an den Beginn der Shoa, also an den Reichspogromtag am 9. November 1938 erinnern darf. Haben Sie mit diesem Widerspruch gerechnet?
G: Na, es ist ja nur vom Generalsekretär. Denn der Vizepräsidenten, der auch Mitglied des Vorstands der jüdischen Gemeinde Frankfurts ist, spricht ja vor mir. Das wussten alle. Frau Roth spricht, dann spricht Herr Graumann, zwei Ansprachen, und dann ist meine Rede. Also, ich kann nicht sagen, dass der ganze Rat gegen mich appeliert hat und verboten habe, dass ich komme. Also, Verbot sowieso nicht. Aber ich glaube, es ist zu einfach zu sagen, der Zentralrat hat. Sein Generalsekretär hat eigenmächtig gesagt, ich sei nicht würdig zu kommen.
M: Was ist es dann für eine Kritik an Israel, die zumindest bei manchen schon so anstößt?
G: Ja, ich weiß. Also, zuerst einmal, ich erinnere mich, ich dachte, all das sei vorbei, als eine standing ovation kam für David Grossmann. Ich war dabei beim Friedenspreis. Und wo Gauck in seiner Laudatio etwas gesagt hat, das ich auf Englisch sage, wie ers gesagt hat, und Ihre Hörer können Englisch. „Right or wrong, my country. If my country is right let it keep it right. If it is not right make it right.“ Und das ist die eine Seite, man darf das Land kritisieren, sagt Grossmann und sagen viele Israelis. Und auf der anderen Seite, im schönen Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Stern heißt es, die beiden können nicht verstehen, dass man in Deutschland sagt, manchmal, z.B. der Rat: Right or wrong, my Israel. Und dass heute keine Kritik erlaubt sein darf.
M: Herr Grosser, es war die Praxis nach dem Krieg, dass wer, dass man mit einer Stimme, dass die Juden mit einer Stimme sprechen sollten. Und diese Stimme sollte israelfreundlich sein. Sind diese Zeiten Ihrer Meinung nach vorbei, dass man mit einer Stimme nur sprechen darf?
G: Ja, aber das stimmt doch gar nicht. Denn vor mir Ignatz Bubis hat zuerst einmal gesagt, nicht dass er Jude in Deutschland sei, er sei ein Deutscher mit jüdischem Glauben. Und er sei auch sehr aufgebracht, wenn man gleich die Kritik untersagte. Und ich glaube, das muss klar gesagt werden. Die Leute wie ich waren nach dem Krieg sofort hier dabei, weil wir an keine deutsche Kollektivschuld glaubten. Und weil wir glaubten, dass man den jungen Deutschen eine Zukunft geben musste. Gemeinsam z.B. mit dem Bürgermeister von Frankfurt Walter Kolb, den ich 47 gesehen habe, bei meiner ersten Deutschlandreise. Wir hatten die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. Und nun kommt die Frage: Welche ist die heutige Generation der Jugendlichen? Sie haben sich mit Auschwitz zu befassen. Sie haben zu verstehen, was der Kniefall von Brandt in Warschau war. Vielleicht nach Warschau gehen […]. Denn der Kanzler, der 1933 mit 19 Jahren weggegangen ist aus Deutschland, verfolgt als Linkssozialist hat im Namen Deutschlands eine Last auf die Schultern genommen. Damit aber die Jugendlichen heute diese Last tragen können, müssen sie verwirklichen, was Bundespräsident Köhler vor der Knesset gesagt hat. Und ich zitiere den Satz: „Diese Lehre aus den nationalsozialistischen Verbrechen haben die Väter des Grundgesetzes im ersten Artikel unserer Verfassung festgeschrieben: Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutschen. Dazu gehört, zu jeder Zeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten. Daran will sich deutsche Politik messen lassen.“ Ich glaubte zuerst, er würde damit die Palästinenser meinen, die auch Menschen sind. Aber er meinte etwas Anderes. Aber gerade dieser Satz ist, dass jeder, der in der Vergangenheit den Nazismus ablehnt, sich in der ganzen Welt um Menschenrechte kümmern muss, in Deutschland z.B. Und nicht nachmachen wie in gewissen Büchern, wo gesagt wird, oben gibt es genetisch Gute, unten gibt es genetisch Schlechte. Das ist in letzten Büchern gesagt worden. Oder der, der sich um die Asylanten kümmert. Im Namen der Würde aller Menschen, und dazu gehören auch die Palästinenser.
M: Warum möchten Sie am 9. November in der Paulskirche sprechen? Was ist eigentlich Ihr Anliegen?
G: Mein Anliegen ist zuerst einmal zu erinnern, was im November geschehen ist. […] Dann aber auch daran erinnern, wie viele verkannte Deutsche, nichtjüdische Deutsche jüdischen Deutschen geholfen haben. Die Legende eines einigen Volkes, der Nazismus, das stimmt einfach nicht. Das habe ich gewusst. Ich war sicher dessen in der Nacht, wo ich in Marseille gehört habe, im August 44, dass mein Onkel und meine Tante von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden waren, dass mein Vater gestorben war am Herzschlag, nach unserer Ankunft in Paris, dass meine Schwester gestorben war, nachdem wir auf dem Rad nach Süden vor den Deutschen geflüchtet sind. Das alles zusammen hat mich nicht dazu bringen lassen zu sagen: Die Deutschen. Das ist wesentlich und daran werde ich auch erinnern.
M: Herr Grosser, hat man Sie eigentlich, die Kritiker, die, wie Sie sagen, es pietätlos finden, dass ein Israelkritiker wie Sie in der Paulskirche an diesem Tag sprechen wird, hat man Ihnen das eigentlich persönlich gesagt? Oder ist das nur in der Presse gesagt worden?
G: Nein, ich habe auf Umwegen eine Reihe von Statements bekommen. Und eine Reihe von Angriffen, vor allen Dingen natürlich aus Berlin vom Generalsekretär. Und dann ist das wieder aufgegriffen worden, und man hat versucht, die jüdische Gemeinde in Frankfurt zu überzeugen nicht zu kommen. Soviel ich weiß, kommt Herr Korn. Vielleicht sind die bereit zu gehen, wenn ich was ganz Böses sage. Aber die Gemeinde macht mit, und ich bin eingeladen. Ich hoffe, ich werde es auch tun, und irgendwer wird es nicht verhindern, nachher zur Feier in der Synagoge, in die Westend-Synagoge zu gehen.
M: Ich danke Ihnen sehr, Herr Grosser und wünsche Ihnen alles Gute.
G: Danke.

Tina Mendelsohn Abmoderation:
Wir haben das Gespräch mit Alfred Grosser kurz vor der Sendung aufgezeichnet, ihm dann die Anwürfe Salomon Korns vorgespielt. Er wollte zu ihnen nichts sagen. Salomon Korn hat übrigens uns gegenüber auch gesagt, er würde zur Gedenkfeier kommen, behalte sich aber vor, während der Rede zu gehen. Es ist ein schweres historisches Erbe…

Recommended reading:
Lizas Welt – Selbstgespräch mit Kronzeuge
aa:b – Was bedeutet der 9. November? Ist er wirklich ein Tag der Erinnerung oder eher ein inszeniertes Trauerritual?
haGalil – 9. November: Spricht Alfred Grosser in der Frankfurter Paulskirche?
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99 (insbesondere als Beleg dafür, dass Bubis als Zeuge für Grossers Aussagen nicht zur Verfügung gestanden hätte)
Eike Geisel – Triumph des guten Willens: Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung

+ 12.11. Schlamassel Muc – Der Süddeutschen falsches Spiel mit Matthias Jena
+ 13.11. Clemens Heni – Erinnern, um zu vergessen, Die Jüdische
+ Clemens Heni – Zur Versöhnung eine Sauerstoffdusche (insbesondere auch nochmal zu Micha Brumlik)
+ 29.11. Verbrochenes – Guido und Alfred oder Das Leiden in Gaza
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Later – Konsens-Kommentar in der Zeit:
Ich finde es schlichtweg scheußlich, wie die Funktionäre des Zentralrat der Juden in Deutschland Alfred Grosser anfeinden. Es soll Israel kritisiert haben, so heißt es. Und er soll Martin Walser zugestimmt haben, Auschwitz sei kein geeignetes Mittel im tagespolitischen Geschäft. Und schon sehen sie rot, die Graumanns, Korns und Kramers. Muss sich ein aus Frankfurt stammender Überlebender der Judenverfolgung des Nazis-Staats vor solchen Leuten für seine Ansichten rechtfertigen? Ich denke, nein. Die Oberbürgermeisterin hat m.E. ganz zu recht an der Einladung Grossers festgehalten.
Der 9. November ist keine Plattform für die Eitelkeiten dumm-dreister Funktionäre, sondern ein nationaler
[!] Gedenktag, der an verletzte Menschenwürde, Raub und Barbarei, eine Selbstverstümmelung [!] Deutschlands erinnert. Aber es stehen Wahlen vor der Tür, im Zentralrat. Und deshalb muss jetzt anscheinend besonders hysterisch aufgetreten werden. Denn mit Charlotte Knobloch tritt ein letzter Vertreter der sog. Erlebnisgeneration [!] ab. […]“ ibn_ruschd zu Publizist Grosser hält an Israel-Kritik fest

Erika Mann * 9. November 1905, München; † 27. August 1969, Zürich



Female war correspondents during World War II (Left to right): Ruth Cowan, Associated Press; Sonia Tomara, New York Herald Tribune; Rosette Hargrove, Newspaper Enterprise Association; Betty Knox, London Evening Standard; Iris Carpenter, Boston Globe; Erika Mann, Liberty magazine

„Lieben konnte sie, aber beliebt war sie nicht. Und sie konnte hassen wie nur wenige. Als sie 1933 Deutschland verlassen hatte, wagte sie es, im April in aller Heimlichkeit nach München zu fahren: Sie war mutig genug, Manuskripte und verschiedene andere wichtige Papiere ihres Vaters zu retten. Wo in späteren Jahren gekämpft wurde und wo es gefährlich war, da war sie als Berichterstatterin an Ort und Stelle: im Spanischen Bürgerkrieg, 1940 bei den Bombenangriffen in London, 1943 am Persischen Golf, 1944 in Frankreich, Belgien und Holland. Als sie gegen Ende des Krieges in amerikanischer Uniform nach Deutschland kam, soll sie, damals noch nicht vierzig Jahre alt, schön wie eine Kriegsgöttin gewesen sein und herrisch wie eine Amazonenkönigin. […] Von Gnade und Barmherzigkeit wollte Erika Mann nichts wissen, Sündern zu vergeben, war sie nicht imstande. Was immer geschah und wem immer sie begegnete, sie blieb so unduldsam wie unversöhnlich. […] Auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters hat Erika Mann einen unmittelbaren Einfluss ausgeübt – und es war alles in allem ein kluger, ein segensreicher Einfluss. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Thomas Mann 1933 nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich in aller Öffentlichkeit vom Dritten Reich distanziert hat.“
Marcel Reich-Ranicki, FAZ

„100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften“ oder: Warum ich mir „Wir sind die Nacht“ nicht ansehen werde

An deutschen Filmhochschulen wird ebenso wie an deutschen Kunsthochschulen kaum und dann meist (!1) auch noch hinterwäldlerisch Theorie gelehrt. Hinzu kommt, dass Studenten der Fächer selten überhaupt Lust auf die wenigen obligatorischen Geschichts-, Philosophie- oder was auch immer Seminare oder Vorlesungen haben. Weswegen viele anspruchsvolle (etc.) Dozenten nach kurzer Zeit genervt und zu Recht aufgeben – was alles noch schlimmer macht.

Exkurs I:
Der Jungle World-Liste der „miesesten Studienfächer“ sollte mindestens noch „Freie Kunst“ hinzugefügt werden. U.a. weil es eine Aufnahmeprüfung gibt, die man nach der Mappenbewertung hierzulande problemlos durch Auslosen oder Hausnummernwürfeln ersetzen könnte. Oder weil man durch die Atelier-Situation Tag und Nacht Menschen ausgesetzt ist, die mindestens so wahnsinnig sind, wie man selbst es ist – das ist nicht gut fürs Selbstbewusstsein! Und niemand, außer vermutlich den Medizinern, trinkt mehr Alkohol in all seinen möglichen Erscheinungsformen als die Künstler – das ist nicht gut für die Leber, den Teint und das Aufwachen irgendwann vielleicht sogar schon am nächsten Tag! Das Material (und der ganze Alkohol etc., der Kaffee und die Kopfschmerz- und Koffeintabletten) für die einzigartigen und künftigen Ruhm versprechenden Werke ist noch teurer als unausleihbare Fachbücher. Man muss also zudem viel arbeiten, und wenn man so richtig dumm ist als Aktmodell. Nur die körperlich gut Trainierten – es gab z.B. ein langjähriges Modell, das bezeichnenderweise ein recht erfolgreicher Zehnkämpfer war – kommen damit durch; denn wer jemals bis zu 30 Minuten zur Unbeweglichkeit verdammt eine alberne Pose einnehmen musste, weiß wie unzulänglich der Muskelapparat der Unsportlichen ist. Wenn man zudem mit höhersemestrigen Studenten desselben Faches zusammenzieht, wird einem drastisch vorgeführt, wie man gegen Ende des Studiums aussieht und lernt Farbpigmente so richtig zu hassen. Und irgendwann gibt es ein Rauchverbot im Atelier – wie soll man denn da noch Kunst produzieren? Usw. usf. Beim Filmstudium kommt noch hinzu, dass sich der ganze egomane Irrsinn mittlerweile unglaublich bieder und unbedingt auswertbar gestalten lässt.

Exkurs II:
Vor einigen Jahren habe ich mir mit einem Freund im Kino „Interview with the Vampire“ angesehen – seltsamerweise ohne, dass wir beide jemals Details über den Film gehört oder gelesen hatten. Wir haben das Ganze bis zum Ende für eine halbwegs gelungene Komödie gehalten (no kidding!) und diverse Male laut gelacht, was die Personen in unserer Reihe ansteckte, den Rest der Zuschauer allerdings – für uns unverständlicherweise – störte.

Dennis Gansel – u.a. Regisseur von „Mädchen, Mädchen“ (no comment!), der absurdesten filmischen Interpretation der Milgram-Versuche, basierend auf Morton Rhues an Tatsachen angelehnte Erzählung „The Wave“, dessen deutschpädagogischer Untertitel „Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ lautet… wie auch immer „Die Welle“ oder ‚die antiautoritäre Erziehung ist Schuld am ganzen Nazizeugs’ und „NaPolA“ („Hakenkreuz statt Hogwarts“, David Hugendick – Napola, konkret 01/05) – hat einen Vampir-Film gedreht, den ich mir nicht ansehen werde. Zu Werbezwecken gibt es im Internet derzeit einen Filmausschnitt, zwei Trailer („German“) und Interviews u.a. des Regisseurs mit der Zeit zu sehen und lesen. Dementsprechend weiß man definitiv zu viel, um den Film noch für eine Komödie oder Parodie halten zu können, wenngleich alles bis auf das Zeit-Interview darauf hinzuweisen scheint. Das nämlich zeugt bloß von Ödnis und mangelnder Theorie-Ausbildung an deutschen Film-Hochschulen (im Fall des Hannoveraners Gansel war das München, wo auch Florian Henckel von Donnersmarck studierte).

Auszug Interview mit Dennis Gansel „Ich würde gerne ewig leben“:
ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?
Gansel: Ich würde gern ewig leben. Wir haben uns diese Frage natürlich auch im Team immer wieder gestellt, und eigentlich waren alle außer mir der Meinung: „Nee, das ist nichts – da stirbt dir nur jeder weg.“ Ich verstehe das schon: alle Menschen, die man liebt, gehen irgendwann, die Welt verändert sich, nur man selbst nicht. Aber ganz ehrlich – ich fände das super! Vielleicht würde ich nach 300 Jahren meine Meinung ändern, aber jetzt scheint mir diese Vorstellung unheimlich verlockend. All die Zeit, die man dann hätte! Einfach 100 Jahre lang nur reisen! 100 Jahre lang nur lesen! 100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften.
ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen wirklich um ewiges Leben oder nicht eher um ewige Jugend?
Gansel: Immer jung fände ich doof. Als Greis ewig zu leben auch. Etwas zwischendrin wäre gut: Als Fünfzigjähriger ewig leben. Ich bin überzeugt, dass ich die beste Zeit in meinem Leben noch vor mir habe.

Zum Wegsterben gibt es neben „Highlander“ (dessen einziger sinnvoller Beitrag zur Filmgeschichte ein angenehm bissiger Kommentar zur Rolle von Frauen in Action-Filmen ist: „Ich habe deine Freundin. Sie ist die klassische Sirene.“) Simone de Beauvoirs eher konventionellen aber trotzdem schönen Roman „Alle Menschen sind sterblich“ (Later: lustigerweise auch als Lektürevorschlag für den Regisseur in den Zeit-Kommentaren erwähnt). Und das Thema Unsterblichkeit taucht (jenseits von Vampir-Romanen) in der Weltliteratur immer wieder auf, beispielsweise in Maturins „Melmoth the Wanderer“ (Why, oh why, am I bad?) oder bei Edgar Allan Poe – in keinem der Werke allerdings kommt der unsterbliche Protagonist (oder bis vor kurzem häufiger Antagonist) auf die Idee, 100 Jahre einen Bauernhof ausgerechnet zu „bewirtschaften“. Und das zu Recht! Natürlich hätte man auch endlich Zeit, 100 Jahre Pullover aufzuribbeln oder 100 Jahre Kaugummi mit den Fingernägeln vom Fußgängerzonenpflaster abzukratzen oder 100 Jahre Film oder Kunst zu studieren. Und das als ewig Fünfzigjähriger…
Den beiden Trailern und den überwiegend durchwachsenen Rezensionen ist zu entnehmen, dass Gansels Vampire – zumindest in der im Film erzählten Zeit – offenbar weder der einen noch den anderen Tätigkeiten nachgehen. Stattdessen sind sie Berlinerinnen, wie sich alle – vom Regisseur bis zu den Rezensenten – zu betonen bemühen. Und das finden sie auch alle gut, weil das Genre damit zurückkehre zum Ursprungsort zum Beispiel, und Berlin sich hervorragend eigne fürs Thema.

Exkurs III:
Die Hauptstadt des ‚wiedervereinigten’ Deutschland soll filmisch anknüpfen an das prä-nationalsozialistische Berlin der 1920er – ob allerdings ausgerechnet Murnaus „Nosferatu“ als Stellvertreter für ein noch unschuldig sich bahnbrechenden filmischen Schöpfungen hingebendes Deutschland gelten kann, ist mindestens fragwürdig. Denn so einfach wie Thomas Koebner es zu begründen versucht, sind die antisemitischen Motive des Films nicht beiseite zu wischen. Koebner hält Anton Kaes’ Vergleich von Nosferatu mit „Der ewige Jude“ „für abwegig; es sei zu plump, die Instrumentalisierung dieser Motive aus der Zeit des Nationalsozialismus auf Murnaus Film zu übertragen.“ (Wikipedia)
Übertragen werden muss allerdings nichts, denn die Repräsentationen beider Filme entstammen nicht bloß den Köpfen ihrer Regisseure, sondern lassen sich auch auf teilweise jahrhundertealte, teilweise im 19. Jahrhundert entstandene Stereotype zurückführen. Judith Halberstam hat den Antisemitismus in Bram Stokers „Dracula“, der Vorlage für „Nosferatu“ in „Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters“ schlüssig nachgewiesen. In der Verfilmung werden die von ihr als antisemitische Stereotype identifizierten Eigenschaften nicht aufgegeben. Ähnliches gilt für die von Gansel als Inspirationsquelle angeführte (bei ihm der in diversen Punkten abweichenden Verfilmung der) Erzählung „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu. Wenn der Antisemitismus dort auch nicht so augenfällig ist wie bei Stoker, gibt Le Fanu Hinweise. (Vgl. auch Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic: „The Crypto-Wandering Jew in „Carmilla“ is not the first Jewish figure in British literature to possess fangs.“ Und allgemein Peter Dan Psychology – How Vampires Became Jewish)
Und bei Le Fanu sind es tatsächlich Hinweise. Le Fanus explizit antisemitische Stereotypisierungen seiner mal als Juden bezeichneten, mal als solche – nachdrücklich – angedeuteten Antagonisten (siehe z.B. „Checkmate“ und „The Wyvern Mystery“) sind selbst im Genre der in der Hinsicht nicht gerade harmlosen Gothic Novel hervorstechend (siehe aber auch Louisa May Alcott – A Long Fatal Love Chase). Was auch immer aus den Literatur- und Film-Vampiren heutzutage geworden ist, eine fundierte Theorie-Ausbildung in künstlerischen Studiengängen (und man gibt dort gerne Vampir-Seminare) hätte sich mit ihrer problematischen Herkunft auseinanderzusetzen, auch damit die Inspirationsquellen nicht so unreflektiert gehandhabt werden.

Seltsam mutet im Zeit-Interview ebenfalls an, dass Gansel an keiner Stelle erwähnt, dass sein Film offenbar auf einer Romanvorlage von Wolfgang Hohlbein basiert (das muss man ergoogeln: „Eine Nacht verändert alles im Leben der einsamen Lena. Sie wird von Louise gebissen, der Anführerin eines weiblichen Vampir-Trios, und gibt sich von nun an hemmungslos den Verlockungen der Unsterblichkeit hin. Bei ihren nächtlichen Streifzügen hinterlassen sie eine Spur aus Blut und Verwüstung. Als Lena sich aber in den jungen Polizisten Tom verliebt und den Vampiren den Rücken kehren will, kennt Louises Zorn auf die Verräterin keine Grenzen. Lena muss sich zwischen der Liebe und dem ewigen Leben entscheiden.“ Amazon). Unangenehm genug und trotzdem: stattdessen…

Auszug, Zeit, ebd.:
Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen […] In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.
ZEIT ONLINE: Warum?
Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt, aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. […] Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.
ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?
Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

Jenseits davon, dass Monica Bellucci in Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ viel mehr als nur „nettes Beiwerk“ ist, Frauen (‚vampirisierte’ oder ‚teilvampirisierte’) spielen im Film – der trotz aller problematischen Inhalte zumindest eines zeigt, nämlich, dass die Monsterjäger oft grausamer sind als die Monster (vgl. allg. Judith Halberstam – The transgender gaze in „Boys don’t Cry“, Screen Journal, thanks to AdG) – durchaus gewichtige Rollen. Und die bei männlichen Vampiren von Gansel vermisste Emotionalität (und das Geliebtwerdenwollen) wird bei Coppola (1992) geradezu penetrant ausgestellt, nachzulesen ist das bei Lars Quadfasel und Carmen Dehnert – Rollback in Transsylvanien.
Nicht zu vergessen Catherine Deneuve und Susan Sarandon in Tony Scotts „The Hunger“, kein sensationeller Film, aber zumindest mit einer am Ende skrupellos über alle triumphierenden Sarandon und David Bowie als – eine zeitlang – „nettes Beiwerk“, den Gansel trotz der auch inspirierengekonnthabenden Eingangs-Party-Sequenz nicht erwähnt. Aber dort sind die weiblichen Vampire ja auch recht ‚unweiblich’ gefühllos…
Außerdem vermisst Gansel die Action-Frauen im deutschen Kino und behauptet dann, die gäbe es bloß bei Besson, der zu dessen Glück kein Deutscher ist. Im internationalen Film jedoch, und zwar auch und gerade im amerikanischen, der angeblich nur Superhelden kennt, sind sie durchaus zu erleben – ich verweise nur auf Ridley Scotts „Thelma and Louise“ (1991). Von der Drehbuchautorin des Films Callie Khourie hat Gansel den Trailern nach zu schließen zumindest etwas gelernt, Khourie nämlich beklagte zu Recht, dass Frauen in Filmen niemals das Auto fahren dürften, weswegen sie Thelma und Louise das Steuerrad übergab, und as soon as they were allowed to drive the car they drove the story (© by AdG). Gansels Vampirfrauen machen daraus das tausendfach repetierte Filmritual: Auf der Überholspur fahren, bis endlich wer entgegenkommt. Den Rezensionen ist zu entnehmen, dass es kaum Blut- und/ oder Sexszenen in „Wir sind die Nacht“ gibt – Thelma hat on screen sichtbaren Sex, mit Brad Pitt.
Es ist außerdem zu befürchten, dass Nina Hoss eine ähnliche Rolle wie in Oskar Röhlers „Elementarteilchen“-Verfilmung spielt, die böse weil fürallesoffeneunddaherschrecklichrepressive 68er-Mutter, die damit allen am Ende den Spaß an der Sache verdirbt. Das gliche der Rolle der antiautoritären Eltern in Gansels „Die Welle“, und „Wir sind die Nacht“ trüge implizit den Untertitel der deutschen Übersetzung des Buches vom Experiment, „das zu weit ging“. Die Botschaft lautete dann, insbesondere wenn man die immer wieder in den Rezensionen erwähnten Vampir-Shopping-Touren berücksichtigt: „Iss’ nicht zu viel Kuchenteig, davon bekommst du Bauchschmerzen.“
Es gibt wie bereits erwähnt zu viele Gründe, sich dem nicht auszusetzen. Wobei ich mir „Let the right one in“ auch nicht ansehen werde, in dem Fall allerdings, weil ich Lindqvists ‚hübsches‘ „So finster die Nacht“ gelesen habe und mir meine eigenen Bilder nicht kaputt machen lassen möchte.

Recommended reading:
Neil Gaiman – Neverwhere
William Wilkie Collins – Armadale
Jane Austen – Northanger Abbey
Leo Perutz – Der Meister des jüngsten Tages
Henry James – The Turn of the Screw
Ian McEwan – The Comfort of Strangers

  1. Gilt natürlich nicht für DdM etc. pp. [zurück]

Later: Ich habe mir die „So finster die Nacht“-Verfilmung doch noch angesehen, und sie ist insofern tatsächlich besser als das Buch, als Lindqvist über weite Strecken nicht nur einen äußerst guten Horror-Roman sondern, kürzte man ihn denn um ca. 200 Seiten, auch einen sehr guten Roman geschrieben hat. Die Mängel des Romans aber, die allein dem Klischee geschuldet sind, werden im Film ganz einfach ignoriert, und es kommt ein sehr kalt distanziert bebilderter und umso beeindruckenderer Film dabei heraus.

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization III: Irreverence

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization II: Grace

Vaslav Nijinsky ‚dancing‘ Mallarmé/ Debussy „L’Après-midi d’un faune“ (Christian Comte)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization I: Irony

Paul Jones – „I‘ve been a bad, bad boy“ (from Privilege, UK, 1967, director: Peter Watkins)

Reread 6: „Auf geb‘ ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!“* Auf geb‘ ich noch lange nicht, sag‘ mir erst…

*Richard Wagner – Ring des Nibelungen
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In einem Punkt war Wagner wirklich genial. Es gelang ihm, für seine Dichtung – Hier! Hier! Dort! Dort! Weh! Weh! Ein Schwan! – eine passende Musik zu finden. Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini und alle anderen wären dabei draufgegangen.
Rainer Trampert/ Thomas Ebermann – Sachzwang und Gemüt

Während Daniel Barenboim in den USA noch vorwiegend für sein musikalisches Schaffen ausgezeichnet wird, geschieht dies hierzulande meistens im Rahmen seiner friedensfördernden Projekte. Barenboim ist also u.a. Träger des „Paul-Hindemith-Preises der Stadt Hanau“, des „Ernst von Siemens Musikpreises“ der Stadt Zwickau, des „Hessischen Friedenspreises“, des Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt, des Westfälischen Friedenspreises und des Herbert-von-Karajan-Musikpreises, „weil er die klassische Musikwelt nicht nur entscheidend geprägt sondern auch versöhnend weiter entwickelt hat“ (Wikipedia).
Wie auch immer man sich eine „versöhnend weiter entwickelte“ „klassische Musikwelt“ vorzustellen hat, gebe es einen „Richard Wagner-Preis“ zur Versöhnung der Deutschen mit dem Komponisten, der wie kein anderer zu ihrer Selbststilisierung als Gesamtkunstwerk beigetragen hat, so stünde Barenboim mit Sicherheit auf der short list der zu Prämierenden. Mag Barenboim selbst bloß darum bemüht sein, seine Liebe zum musikalischen Œuvre Wagners irgendwie zu rechtfertigen, – wer will das beurteilen? – den gesamtkunstwerkapologetischen Deutschen geht es keineswegs in erster Linie um Wagners Musik. Bis auf den „Ritt der Walküren“ sind sie nur wenig mit ihr vertraut (und auch das überwiegend wegen der kongenialen filmischen Adaption einer einzigartigen Erzählung).

This year I have been three times--to FAUST, TOSCA, and--“ Was it „Tannhouser“ or „Tannhoyser“? Better not risk the word.
E. M. Forster – Howards End

Von Wagner kennt man mittlerweile vornehmlich die zu den Bayreuther Festspielen Pilgernden, bekannt aus dem, was man im deutschen Fernsehen so unter Politik, Kultur und Unterhaltung versteht. Je nach politischer Couleur gerieren die sich beim Akt als Revolutionäre, Rebellen, Unkonventionelle, Konservative und/ oder Genussmenschen, denen das den Deutschen gerade mal fünf Jahre obligatorische Gruseln umso ostentativer mutig überhaupt nichts mehr ausmacht. Gottschalk ist so widerständig wie seine mal in der 1980er Byron-Reprise der Byron-Reprise der 1960er misslungene Kleidung und dann wieder als fünfter Musketier aus einer deutsch-italienisch-bulgarischen Verfilmung vorort; Guttenberg mit schmückendem Beiwerk und Gel im (absurd!) Stufenhaarschnitt; Merkel, weil Wagner im freudlosen Osten so gar nicht zu gehen schien; Claudia Roth, um 2001 die Renaissance des Pink der 1980er erfolgreich zu promoten usw. usf. Wenn Cem Özdemir Mappus vom baden-württembergischen Thron kippt, darf er bei den Festspielen 2011 die 1990er Wiedergeburt der 1960/70er Wiedergeburt der Koteletten des 19. Jahrhunderts einleiten.
Bayreuth versucht seit dem „Wiederaufsperren“ (Adorno) im Jahre 1950 verzweifelt, so harmlos wie ein ausdrücklich hutloses Ascot und eine deutsche Last Night of the Proms ohne Mitmachen und Rasseln (dafür jetzt aber auch mit Public Viewing!) daherzukommen. So albern wie am Ende der Saison in London kann es in Bayreuth nur beim (trotzdem öden und peinlichen) Defilee zugehen, sobald man den Konzertsaal betreten hat, erschöpft sich das deutsche Vergnügen im Witz, der bei Wagner überwiegend als die Juden als grotesk, unauthentisch und dergleichen denunzierend reüssiert. Absurderweise ‚verdankt’ sich Wagners Ruf als die Musik modernisierender, als revolutionärer Komponist hauptsächlich seinem Antisemitismus. „Wie antisemitisch kann Musik sein?“, fragt Gerhard Scheit und deckt die Ausdrucksmöglichkeiten (ganz abgesehen von den Libretti) einer Kunstform auf, deren Konsumenten meinen, dass Musikgenuss flüchtig sei (wer kauft heutzutage schon noch Partituren?), mathematisch, abstrakt oder bloß zu Tränen rührend (was Beethoven den Deutschen sehr übel nahm) etc. pp.

Das „Judenthum in der Musik“ ist keineswegs, wie später in Bayreuth behauptet wurde, der Abschluß, sondern der Beginn von Wagners Antisemitismus im Sinne eines kulturpolitischen Konzepts. […] Sein Antisemitismus aber blieb und äußerte sich vor allem in den Schriften „Über Staat und Religion“ (1864, „Was ist deutsch?“ (1865/78), „Deutsche Kunst und Politik“ (1867) bis zu den Regenerationsschriften (1879-1881).
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Barenboim jedoch mag nicht aufhören Wagner ‚mutig’ zu entschulden – gerne in Deutschland, wo ihm die Zustimmung umso sicherer ist, als die Deutschen sich mitgemeint wähnen (dürfen!) und ahnen, dass sie auf keinen ihrer – nicht so zahlreichen, wie sie gerne vorgeben – Kulturschaffenden von Weltgeltung verzichten können. Barenboim teilt ihnen diesmal mit, er glaube nicht, „dass man Wagner mit der Endlösung verbinden kann.“ (zitiert nach: Volker Blech – Barenboim nimmt Wagner in Schutz, Morgenpost) Natürlich sei Wagner „ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte“ gewesen, „zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.“ (Ebd.) Unbestritten. So mag man denn auch behaupten, Wagners angeblich singuläre Verfehlung, seine antisemitische Schrift über das „Judenthum in der Musik“, sei bloßer Spiegel seines „Egomanentums“ (Barenboim) oder bloß mainstream-kompatibel gewesen. Die Vehemenz und Irrsinnigkeit allerdings, mit der Wagner sich als verfolgtes Opfer darstellte, nimmt das grundlegende Thema vorweg. Und „Das Judenthum in der Musik“ war nicht Wagner einzige antisemitische Tirade, wie Wagners Urenkel Gottfried zeigt:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner, ebd.


Briefmarken-Serie: Nothilfe mit Darstellungen aus den Werken Richard Wagners, Erstausgabetag: 1. November 1933

„Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war“, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen.“ (Morgenpost, ebd.) Und: „Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte.“ (Barenboim, zitiert nach: ebd.) Warum es nicht möglich ist, Richard Wagners musikalisches Werk von seinem antisemitischen Weltbild zu trennen und Wagner „offensichtlich unvereinbare Elemente“ zu vereinigen versuchte, hat Gerhard Scheit in „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ analysiert.
Doch stets schafft Wagner in einer Figur – sei es Alberich, Mime oder Hagen – einen Fokus der Abweichung, Trübung oder Zersetzung.
Es scheint, als biete die Musik nicht unbedingt die Möglichkeiten, die Figuren gegeneinander scharf abzusetzen – wie der Strich des Karikaturisten oder die Worte des Artikelschreibers oder auch die Mimik und Sprechweise des Schauspielers –, da sie doch davon lebt, die Motive in Zusammenhang zu bringen und eins ins andere zu verwandeln oder aufzulösen. So wird bei Wagner eine Vielfalt kompositorischer Methoden aufgeboten, um die Eindunkelung der lichten Momente zu bewerkstelligen und damit die Abgrenzung zwischen den Sphären aufzuheben. Der Komponist selber spricht von einer „fremdartig ableitenden Harmonisation“, wenn er an einem Beispiel aus der Walküre zu erklären sucht, was mit Natur- und Walhall-Themen durch Alberichs, Mimes oder Hagens Eingreifen fortwährend geschieht. Georg Knepler sieht völlig neue „Techniken zur Konfliktlösung“ [A.a.O.], wenn komplexe musikalische Vorgänge der Eintrübung, Verzerrung und Entstellung mit den negativen Figuren der Handlung semantisierbar werden. Die schließt jedoch nicht aus, sondern legt im Gegenteil eher nahe, daß sich Wagner bei der Komposition durch die antisemitisch geprägte Vorstellung leiten ließ, wonach die bösen Wesen sich in die guten einschleichen und sie von innen her zersetzen. Und so gesehen, hat Wagner in der Musik völlig neue Techniken antisemitischer Projektion entwickelt.
“ (S. 296 f; ein kurzer aber erhellender Auszug ist außerdem zu finden unter: Gerhard Scheit – Blonde Bestie, ewige Jüdin. Wagners Vernichtungsklang)

But, of course, the real villain is Wagner.
E.M. Forster – Howards End

In den Deutschen Medien beklagt man sich trotzdem unisono über die Unversöhnlichkeit der Israelis. Man kann ja gerade noch verstehen, dass diejenigen, die in den Vernichtungslagern miterleben mussten, wie sich die Deutschen mit Wagners Musik in mörderische Stimmung brachten, ihn nie wieder hören möchten. Aber nachdem sie – wie permanent mitgeteilt wird – demnächst aussterben werden… (Mit Claude Lanzmann – für den der Tod eine Schande bedeutet – möchte man für alle einfordern, was er sich für Michael Podchlebnik, einen inzwischen verstorbenen Überlebenden Chelmnos gewünscht hätte: „Männer seines Schlages sollten nie sterben dürfen.“ Der patagonische Hase)
Und obwohl viele nachweislich und zum großen Unbehagen der Deutschen, die endlich die letzten Zeugen beseitigt wissen möchten, nach wie vor überleben, ‚muss doch wohl endlich mal Schluss sein’… Und man gibt sich ein wenig indigniert, denn: „Kürzlich erst waren dort die (medialen) Leidenschaften wieder entflammt, als bekannt wurde, dass die junge Festspielleiterin Katharina Wagner in bester Absicht ein Kammerorchester aus Israel in Bayreuth empfangen wollte. Die Regisseurin hatte bei Amtsantritt bereits angekündigt, die Nazi-Verwicklungen ihrer Familie aufarbeiten zu lassen. Aber ihre einladende Geste sorgte für Unmut in Israel.“ (Morgenpost, ebd.)
Die ‚Aufarbeitung’ der „Nazi-Verwicklungen“ – man handhabt sie unterdessen wie die eines Stuhls oder Sofas, irgendwo kann man das Schmuckstück wohl hinstellen, schließlich ist es ein Erbstück und durchaus noch zweckmäßig zu verwenden.

Recommended reading:
Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult
Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
Claude Lanzmann – Der patagonische Hase

+ Playlist: „Heute mal nicht Wagner“

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 1/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 2/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 3/3

Dmtri Schostakowitsch – Klavierkonzert No. 2: II Andante

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 1/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 2/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 10: II Allegro

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 8: II Allegro non troppo

Bernard Herrmann – Psycho Suite

„Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“ – Kann schon sein… 2010 Remix

Die Fassade des Reichstags ist erst in Schwarz-Rot-Gold, dann ins Blau der Europafahne getaucht, die ersten Takte der „Ode an die Freude“ heben an, das Feuerwerk spritzt in den Himmel. Gänsehaut-Atmosphäre in Berlin wie damals in jener Nacht vor 20 Jahren, als Deutschland zur Mitternacht wiedervereinigt war.
Sebastian Fischer – Deutschland feiert sich, Spiegel online

Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.
Christian Wulff

Als 2009 den virtuell demokratiebegeisterten Deutschen vom Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung offenbar erschreckend häufig die NPD als Partei, die ihren Neigungen gerecht werden könnte, angeboten wurde, meinte man, das damit wegreden zu können, dass die NPD „wie ähnliche Gruppen [?] auch – ziemlich geschickt darin [sei], Forderungen zu formulieren, denen viele Menschen zustimmen können.
Oder: „Viele Programmaussagen der NPD aber lassen sich nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema nicht mehr deutlich einordnen – wenn man also einfach einen rechnerischen [?] Durchschnitt ermittelt, dann kann die Partei durchaus in „der Mitte“ [!] liegen.“
Oder: „Wer ausschließlich auf die konkreten [?] Forderungen von Parteien wie der NPD schaut, verliert das Wichtigste aus dem Blick. Dass nämlich vor der Lösung politischer Detailfragen erstmal Einigkeit über Grundsätzliches hergestellt sein muss – über Demokratie und Menschenrechte, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und die Ablehnung von Dingen [?] wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel. Aber das Problem ist wohl, dass all dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Tatsächlich?
Oder: „Die NPD fordert ein höheres Kindergeld. Sie will kleinere Schulklassen. Sie lehnt die Atomkraft ab. Und verlangt mehr Volksentscheide. Das sind doch alles gute Sachen, oder? [ODER?] Doch wer einige dieser Positionen teilt, kann beim Wahl-O-Mat eine „Übereinstimmung“ mit der rechtsextremistischen NPD bescheinigt bekommen. Ist er oder sie deshalb ein verkappter Nazi? – Nein, natürlich nicht.
Natürlich nicht! Verkappt?
Oder: „Was Parteien wie der [sic] NPD von Demokraten unterscheidet, sind nicht so sehr [!] Forderungen zur Familien-, Bildungs- oder Umweltpolitik. Sondern die Antworten auf Fragen wie diese: Sind Sie dafür, dass alle Menschen gleiche Rechte und dieselbe Menschenwürde haben? Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu den höchsten Werten des Grundgesetzes und dürfen nicht angetastet werden, oder: Ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess für Sie ein Held? Von solch harten Fragen lenkt die NPD durch ihre „weichen“ Forderungen ab, und das ist Strategie.“
Alle Zitate: BpB, Thoralf Staudt – Hilfe bin ich jetzt ein Nazi?
Zu Sicherheit wurde jedoch noch einmal darauf verwiesen, dass es in Deutschland eine unbestechliche Institution gäbe, bei der man erfahren könne, wo man als guter und den Schein zu wahren bereiter Nachkriegsdeutscher sein Kreuz auf keinen Fall zu machen habe:
Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. […] Welche Parteien als extremistisch eingestuft werden, können Sie auf den Seiten des Verfassungsschutzes nachlesen: www.verfassungsschutz.de.“ (BpB)
Was hierzulande als selbstverständlich vorausgesetzt wird, beweisen die Deutschen wieder mal; und die scheinbar (!) erschrockene Reaktion in den Medien angesichts der Zahlen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) vorgelegt hat, dient bloß der Exkulpation. Dass im einen Volk weitgehende Übereinstimmung herrscht, und ‚Links’, Mitte und Rechts in Deutschland immer noch deutsch sein wollen, kann nicht überraschen. Zum Thema wurden in den letzten Jahren diverse (mehr oder weniger gelungene) Bücher publiziert.
Beim Spiegel z.B. rechnet man sich dennoch alles schön, Beispiel:
Der vorgegebene Satz lautet: „Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ Die Zustimmung/ Ablehnung verteilte sich wie folgt: lehne völlig ab – 21%, lehne überwiegend ab – 16%, stimme teils zu, teils nicht – 27,4%, stimme überwiegend zu – 21,9%, stimme voll und ganz zu – 13,7%. Der Spiegel errechnet daraus 35,6% Zustimmung.
Schlimm genug wäre das, aber alles außer einer nicht vollständigen Ablehnung dieses Satzes hat, jenseits anderer Erwägungen, ebenfalls zu berücksichtigt werden. Die Prozentzahlen, mit denen in den Medien derzeit im ‚Negativbereich’ gearbeitet wird, täuschen immer noch über das tatsächliche Ausmaß von u.a. Rassimus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der „Wertegemeinschaft“ Deutschland hinweg.
Sarrazin, Seehofer, und wie sie alle heißen mögen, sind tatsächlich in einer Hinsicht das, als was sie sich gerieren: Die Vertreter des unbeirrbar harten, mitleidlosen, missgünstigen und sentimental selbstgerechten Volkswillens. Das Deutscheste an ihnen ist, dass sie das auch noch als mutig und aufopferungsvoll ausstellen. Was sie den Deutschen unverzeihlicherweise erneut in die Hand geben wollen, in Zusammenarbeit mit den deutschen Massenmedien, ist der unbedingte Wille, nachdrücklich und um jeden Preis mal wieder eine als solche auch noch bezeichnete deutsche Identität zu konstruieren. Und wie immer, wenn es in der Geschichte des Volkes ums Deutschtum geht, wird zum sich Wehren aufgerufen.
Reprise: „Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ Und Wulff „hält nur eine knappe Ansprache, fordert zu „stillem Stolz und lautem Dank“ auf. Dann ertönen die Hymnen.“ (Sebastian Fischer, ebd.)

Highly recommended reading:
Améry, Horkheimer, Adorno, Claussen, Scheit, Bruhn, Pohrt, Berg etc. pp.
Gisela Elsner – Heiligblut
Gershom Sholem – Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch (Auszug bei ex-antifareferat Freiburg)
Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle
Nichtidentisches – Die letzte Tapferkeit/ Deutsche Klotüren
+ Later:
Telegehirn – Das ist Wahnsinn! Nein, das ist Deutschland!
WADIblog – Gelungen assimiliert

Anselm Kiefer – der Künstler als Deutschlandinsichtragender

Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry

Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.

The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.

R.L. Stevenson – The Cow

Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.

And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?

Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)

Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.

Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«

Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09

* Da passt immer noch eine Kuh rein!

„Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht.“ Die Leiden des jungen B.

Mit dem ‚Vollgasgebenden‘ oder ‚voll Gas Gebenden‘ ist Joseph Goebbels gemeint. Der 39-jährige, von den US-Amerikanern im Bunde mit den Nazis um sein Deutschtum, um seine Identität und Kultur betrogene Moritz Bleibtreu hat im Interview mit The European außerdem so ziemlich alles von sich gegeben, was dieses Land so unangenehm macht, weswegen die Zitate hier auch weitgehend unkommentiert wiedergegeben werden. Mehr zu den Reaktionen auf Oskar Röhlers (laut Süddeutscher „einer der erklärten Wilden unseres [!] Kinos“ – teehee) „Film ohne Gewissen“ kommt demnächst.

Moritz Bleibtreu im Interview mit Nina Klotz für The European: „Jud Süß. Film ohne Gewissen. ‚Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft‘“, Auszüge:

Trotzdem finde ich, dass gerade Leute aus meiner Generation das Recht haben müssen, sich mit der eigenen Zeitgeschichte künstlerisch frei zu beschäftigen. Ich muss das Recht haben, mit diesen Figuren künstlerisch machen zu können, was ich will.[…]
Das [Harlans „Jud Süß“] ist handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus [???? usw. usf.] . Er spielt mit einer irren Manipulation, die den Film wahnsinnig gefährlich macht, keine Frage. Es ist perfide. Und gerade in Bezug auf die Novelle von Feuchtwanger [die, by the way, ein 535-Seiten-Roman ist, Aufbau TB] ist es abstoßend, was daraus gemacht wurde – und mit welcher Intelligenz. Aber diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen. Der Film bekommt dadurch eine Wichtigkeit und ein Gewicht, die er überhaupt nicht verdient hat. Ich bin der Meinung: Zeigt ihn in der achten Klasse im Deutschunterricht, lest die Novelle dazu und diskutiert es! […]
Der Faschismus damals war auf seine Art so intelligent, dass die Menschen nicht gemerkt haben, worauf er hinausläuft.[…]
Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.[…]
Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte.[…]
[E]r war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter. […] Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen. “Der Bock von Babelsberg”, “Goebbels gerammelte Werke” – der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals […].
Diese Zeit [der Nationalsozialismus] hat für mich als Schauspieler immer noch einen direkten Einfluss auf mein Leben, da sie meine kulturelle Identität beeinflusst hat. Alle Kunstschaffenden leben von kultureller Identität. Kino wäre ohne kulturelle Identität tot.[…]
Als ich jung war, habe ich Deutschland gehasst. Ich fand alles an diesem Land schrecklich, weil ich keine Identifikationsfläche hatte für irgendetwas Deutsches, das ich als positiv empfinden konnte. Es gab keine deutsche Musik [???, nur mal kurz dem Alter des Interviewten gemäß recherchiert…], es gab keine deutschen Filme [???], es gab keinen Xavier Naidoo [lucky you!], kein Silbermond [dito], keinen Til Schweiger [dito] und keinen Jürgen Vogel [Es gab schon lange Werner Enke, und der sagte immer wieder und offenbar zu Recht: „Es wird böse enden!„] Es gab im Bezug auf das Deutsche gar nichts. Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten. […] Wann werden wir es endlich lernen, auf eine schöne [den Link zu Riefenstahl setze ich jetzt mal nicht] und coole Art patriotisch zu sein? Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes. […] Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?

Heute vor siebzig Jahren haben es die, die u.a. deutsche Kultur mit allen Mitteln vor geistigen ‚Besatzern‘ bewahren wollten, geschafft, Walter Benjamin in den Tod zu treiben. Er hat auf deutsch geschrieben; jemand sollte Moritz Bleibtreu eine Gesamtausgabe seiner Werke zu Weihnachten schenken. ThdHH?

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Recommended reading:
Walter Benjamin – Gesammelte Schriften
Lion Feuchtwanger – Die Brüder Lautensack, Erfolg, Exil, Die Geschwister Oppermann, Der Tag wird kommen und überhaupt
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
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Update 30.11.2010: Der „junge B.“ wurde im aktuellen Konkret-Heft (12/10) von Herrn Gremliza express-gerevisited – auch hübsch, aber es gibt nichts wirklich Neues zum Thema zu lesen.

Reread 5: 1.008 Jahre Riefenstahl

Jenny Elvers-Elbertzhagen wird Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsregisseurin. Der Film mit dem vielversprechenden Arbeitstitel Angeklagt soll frühestens 2012 in die Kinos kommen. Wer den Film produziert und wer Regie führt, wollte die Agentur der Hauptdarstellerin nicht verraten – nur so viel: Ein Niederländer soll es sein.“ (Katharina Riehl – Die Rolle eines Lebens, Süddeutsche)

Das mit dem Niederländer ist natürlich eine falsche Fährte. Nachdem Riefenstahl Madonna die Rechte an der Verfilmung ihres Lebens nicht gönnen wollte und auch nicht Kevin Costner oder Jodie Foster, kommt nur noch eine Regisseurin in Frage: Riefenstahl selbst. Dass sie tot ist, bedeutet für die schon zu Lebzeiten Untote (s.u.) das geringste Hindernis. In der Süddeutschen wird die Frage gestellt: „Nun also Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ob ihr das gefallen hätte?“ Und geantwortet: „Man weiß es nicht.“ (ebd.) Soll das ein Witz sein? Riefenstahl würde es grauenvoll finden, weswegen ihr Geist zu gegebener Zeit Elvers-Elbertzhagens Körper übernehmen wird, um sich unter eigener Regie auch noch angemessen darstellen zu können.


Riefenstahl beim Truppenbesuch in Polen, Bundesarchiv

Als Riefenstahl 100 wurde, schrieb Gert Ockert ihr und ihren Gratulanten eine Laudatio, die an Schicklichkeit kaum zu überbieten ist.

Gert Ockert – 1.000 Jahre Riefenstahl, Konkret 10/02 (kurze Zitate aus einem angebracht langen und leider online nicht verfügbaren Artikel):

Sie haben sich nie für etwas geschämt, niemals um die Opfer ihrer Mordlust getrauert, keine Sekunde lang die Schuld, in der sie vor der ganzen Welt stehen, akzeptiert, keinen Augenblick lang innegehalten, um vor sich selbst zu erschrecken und vor ihrer Geschichte, ein halbes Jahrhundert lang nicht. Und inzwischen tun sie nicht mal mehr so, als ob. Die Deutschen kommen mit ihrer Vergangenheit bestens klar, weil sie nur das in ihrem Gedächtnis bewahren, was bei Gedenktagen nicht stört. Sie sind mit sich im reinen, weil sie jeden, der sie an das erinnert, was sie, und nicht nur eine kleine, exotische Bande von Nazi-Unholden, angerichtet haben, als einen abtun, der sie in den Schmutz ziehen will. Das abscheulichste und entsetzlichste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit hat nichts mit ihnen, sondern nur mit ihrem Namen zu tun. […] Kein nennenswerter Akt der Sühne ist den Deutschen je gelungen, den man ihnen nicht hätte aufzwingen müssen, und dann war er erst recht nicht nennenswert. Sie reden sich heraus seit 57 Jahren, sie leugnen, lügen, fälschen, drohen, verklagen, jammern, quatschen schön oder schweigen stur, und sie sind darüber steinreich geworden und arrogant; unbesiegbar, weil sie keine Reue kennen, unentrinnbar, weil sie sich aufdrängen, wo sie nur können, unsterblich, weil ihr Schlaf von keinen Alpträumen gestört wird. Deutsche haben keine Alpträume, denn sie sind selbst einer.
Wie sehr die Kinder der Mörder ihren Eltern in der Absenz von Trauer und Scham ähneln, wie viel Geschwätz sie entfesseln, um nur nichts Selbstkritisches sagen zu müssen, wie sie das Maul aufsperren, damit sie es anderen verbieten können, all das läßt sich am besten besichtigen, wenn ein runder Geburtstag ansteht. Wie z. B. soeben der hundertste einer Frau, die alle Lügen und Frechheiten, alle Gewissenlosigkeit und alles Selbstmitleid dieser Deutschen derart plakativ verkörpert, daß man meinen möchte, sie sei eine Art ektoplasmatische Erscheinung, geboren bei einer nationalen Séance gleich nach Kriegsende, der fleischgewordene kollektive Unwille der Deutschen zur Scham, und darum so alt, so unverwüstlich, so grauenerregend: ein Gespenst der Gemeinheit, eine Wiedergängerin, die für jeden ermordeten Juden ein Jahr Lebenszeit geschenkt bekommen hat, ein Zombie des Obszönen.

[…] Riefenstahl, blödelt Martenstein, ist vermutlich keine Nationalsozialistin gewesen, das sagten jedenfalls alle, die sie damals kannten, nur ein Genie auf Arbeitssuche. Das nehmen mußte, was es kriegen konnte, weil der schwer faschistische Schmarren, den Riefenstahl bereits 1932 in »Das blaue Licht« inszeniert hatte, allein von den Nazis goutiert wurde. […] Eine der wenigen Zigeunerkomparsinnen, die »Tiefland« überlebten, erzählt in der »Süddeutschen Zeitung«, was ihr passierte, nachdem sie vom Set geflüchtet war. Bald fing die Polizei sie ein, und das Genie verlangte von der jungen Frau Bußfertigkeit, was das Mädchen verweigerte: Da hat die Frau Riefenstahl gesagt: »Dann kommst du eben ins Konzentrationslager.« Und so geschah es auch.
[…] Die »Bunte« überliefert, was die Frau mit der atemberaubend erotischen Bildsprache ihren Festgästen zurief: Alles hätte ich mir vorstellen können, aber daß ich 100 Jahre alt werde, niemals! Sie ist unter all diesen exemplarischen Deutschen wahrscheinlich die einzige Person gewesen, die weiß, daß ihr Geburtstag und all das Gewese um ihn in einem zivilisierten Gemeinwesen unvorstellbar wären. In Deutschland aber ist nur der Tod nicht ihr Freund.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei…“

Gesetzt den Fall, es käme einer, der die Deutschen zu lieben verspricht: Würde er bei ihnen auf Gegenliebe stoßen?
Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit

…und die Deutschen wünschen sich schon wieder einen Tabubrecher herbei – lieben muss er sie nicht, das käme ihnen dann doch unglaubwürdig vor.
Sie wollen bloß einen, der erneut ausspricht, was man im Land der Opfer von so ziemlich allem nicht sagen darf, der das außerdem auf „gut deutsch“ tut. Und der überhaupt beweist, dass man nach wie vor Opfer ist. Dass auf höchster volksvertretender und vertretenwollender Ebene vergleichsweise schnell abwehrend reagiert wurde (auch von Angela Merkel, die üblicherweise, bevor sie eine Meinung äußert, abwartet, was die RTL-Telefonumfragen zum Thema mitteilen und dann die von Sat1, Pro7, Kabel1, und dann noch die von der ARD, dem ZDF und allen Dritten Programmen), verwundert kaum. Denn Schuld daran haben, dass sich „Deutschland“ „abschafft“, will man tatsächlich nicht. Es ist eben dieser auch noch titelgebende Vorwurf Thilo Sarrazins, der die heftigsten und Volkes Stimme erst einmal zu widersprechen scheinenden Reaktionen überhaupt ermöglichte. „Rechts von den Volksparteien“ sei noch Platz, verkünden die staatstragenden Medien. Womöglich, aber in Deutschland versteht sich jede Partei als Volkspartei, wie sich auch nahezu alle von Parteien vertretenen deutschen Interessengruppen inklusive jene der Partei der Nichtwähler als das wahre Volk gerieren. Nachdem man sich allerdings „scharf“ von Sarrazin distanziert und Konsequenzen angedroht hatte, nachdem also bewiesen war, dass man selbst ganz und gar nicht rassistisch, fremdenfeindlich, volksverhetzend, böse, gemein und antisemitisch (nach offizieller Diktion also deutschlandabschaffend) ist, geschah das, was jeder mit Deutschen und ihren Politikern auch nur halbwegs vertraute bereits zu Beginn der Debatte erwartet hatte: Die Mehrheit des Volkes als mutige Avantgarde gibt ihm sowieso recht – in Umfragen, in Foren, in Briefen an Sarrazin (von denen er stolz wie Walser berichtet), in der Bild-Zeitung, der NPD, bei PI, einfach überall, wo die Deutschen sich nonkonformistisch fühlen dürfen. Nonkonformismus jedoch bedeutet hierzulande, die von allen, die man im Dorf so kennt, zigmal bestätigte Meinung endlich mal richtig öffentlich zu machen. Die sich selbst immunisierthabenden Repräsentanten zogen kaum später nach. Graduell abweichend und pädagogisch vermittelnder im Tonfall sicherlich und unterschiedlich motiviert ganz gewiss. Die vorgeblich beschwichtigenden Reaktionen der „anständig gebliebenen“ Politiker kamen viel zu schnell, um sie als bloßes demvolknachdemmundreden klassifizieren zu können. Regierung und Volk haben, wenn Letzteres sich bedroht wähnt, denselben Lösungsansatz zu bieten. Die wichtigste Botschaft allerdings, die so schnell wie möglich unters Volk gebracht werden musste, war: „Auch wir wollen trotzalledem keine Tabus.“ Die Chance durfte man sich nicht entgehen lassen. Die große deutsche Bürger-Initiative hat einen einzigen Slogan: „Kein Tabu nirgendwo.“ Einer der intelligenteren Sätze von Roger Willemsen lautete, es gebe doch in den deutschen Medien gar keine Tabu-Themen, außer dem Spätwerk Adalbert Stifters. (Oder war’s Heimito Doderer? Ausnahmsweise egal…). Eben.

Thilo ist die Kurzform von Namen, welche mit Diet, insbesondere Dietrich, gebildet sind. Altfränkisch thiuda (althochdeutsch: diot das Volk) und rihhi reich und mächtig, rihhan beherrschen). Das bedeutet „Der Reiche (Mächtige) im Volke“ oder auch „Der Herrscher des Volkes“.
Wikipedia

Ist Sarrazin also nur ein hilfloses Opfer, rituell gemeuchelt auf dem Altar vorgeblicher Political Correctness? Ganz gewiss nicht. Er ist jetzt genau das, was er sein wollte: Er ist deutscher Prophet. In Deutschland wird niemand des Volkes unermüdliches Raunen zum begeisterten Kanon anschwellen lassen („Wehrt euch, leistet Widerstand…“), der sich nicht als Opfer (Märtyrer trifft es nicht – denen sind alle Gesten der Empörung fremd, und Sarrazin gibt sich dauerempört) ausstellen kann. Walser musste scheitern, weil ihm zu früh offiziell zugestimmt wurde (Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen!), Hohmann hielt seinen Vortrag in Neuhof bei Fulda, Schill war dicht dran, aber Kokain die falsche Droge für Berufene und er zu moralisierend für die Droge, Stoiber und Rüttgers wars nur rausgerutscht usw. usf. Ganz zu schweigen von den vielen, die nicht einmal wahrgenommen oder unter den Teppich gekehrt wurden, bei denen es egal war beziehungsweise niemand verstand oder merken wollte, was sie da gerade gesagt hatten, weil es eh im Konsens oder alle besoffen waren etc.pp. Ob Sarrazin darauf hinarbeitete, ob es Intuition war, ob deutsche Erziehung, Bildung, kulturelle Identität, seine mühsam gezüchtete Intelligenz, seine Gene, was auch immer, man wird es wohl nicht herausfinden (wobei eine Autobiographie unvermeidlich scheint: „Mein Opfer für Deutschland. Wie ich verhinderte, dass wir abgeschafft wurden“ oder so). Sicher ist eins: Es hat seit langem keinen erfolgreichen deutschen Demagogen mit Schnurrbart mehr gegeben. Nicht einmal einen westeuropäischen – von den Pim Fortuyns, Geert Wildersens, Jörg Haiders, und wie sie alle heißen mögen, unterscheidet er sich allein dadurch schon, dass er eben einen Schnurrbart trägt und keine polierte Glatze hat oder erstaunlich fülliges, erstaunlich blondes Haar oder luxuriös gebräunte Haut. Natürlich tun die ihn demokratisch legitimiert nachahmenden Politiker trotzdem so, als ginge es ihnen darum, ihr Volk vor einem grotesken Demagogen zu retten, es davor zu bewahren, sich selbst so (neidvoll) verächtlich mustern zu müssen wie all die Jahre die Niederländer, Österreicher, Italiener etc. Nur erscheint Sarrazin den Deutschen überhaupt nicht verdächtig verführerisch oder fragwürdig faszinierend. Der Volkswirt und Dr. rer. pol. Sarrazin braucht das nicht, will es nicht, darf es nicht haben; er gleicht auffällig vielen der SPD sich verbunden fühlenden Akademiker seiner Generation.
Seine betonte Schlichtheit richtet er mit ein paar Attitüden ein, mit etwas z.B., das schnoddrig-preußisch daherkommt. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er jemanden ungeduldig herbeiwinkt und runterputzt: „Komm er mal her, Kerl. Seine Schuhe haben wohl lange keine Bürste mehr gesehen.“ Die Durchschnittlichkeit, die sich solcher Distinktionsmerkmale zu bedienen hat, prädestiniert ihn zum Propheten eines Volkes zu werden, das zu seinen Wortführern immer nur die seinem phänotypischen und intellektuellen Durchschnitt entsprechenden erkoren hat.
Wer immer noch glaubt, die Herren Hitler und Goebbels, Himmler und Göring hätten die Deutschen mittels ihrer sensationellen rhetorischen Fähigkeiten, ihrer umwerfenden Ausstrahlung, ihrer einzigartigen Überredungsgabe, ihres Charismas, womöglich sogar ihrer den ganzen Polit-Kram vergessen machenden Schönheit wegen etc. pp. in Bann gezogen, also glaubt, das Volk habe eine ganz besondere Persönlichkeit gebraucht, um sich dem Wahn zu ergeben, liegt schlicht und einfach falsch. Hitler reüssierte als Darsteller des Kleinen Mannes (vgl. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger et al.), der aus nichts schöpfte als dessen Opferimagination, und dessen Größenwahn sich nur aus dieser speisen konnte. Hitler versprach den Deutschen nichts, als dass sie sich endlich würden wehren dürfen. Und nichts anderes wollten sie.
Einer der Gründe dafür, dass selbst ein durchschnittlich Begabter wie Sarrazin derzeit nicht zum Führer – welcher Ausprägung auch immer – aller Deutschen werden kann, ist die Tatsache, dass man sich im Moment halbwegs zuhause fühlt, gemütlich ins bequeme Pseudo-Tabu-Nest gekuschelt. Noch ruht sich das Volk außerdem aus, die „friedliche Revolution“ verdauend und verkatert, wie nach jeder lausigen Party, die man sich um jeden Preis schöntrinken wollte. Bedenklich ist dennoch, dass Deutschland ihm etwas nicht übel nehmen mag, das üblicherweise seinen Abscheu hervorruft. Er habe sich bereichert, auf Kosten der Steuerzahler! ruft Gabriel ins Land, und unverschämte Pensionsansprüche mit der Bundesbank ausgehandelt. Und der Ruf verhallt.
Als Berufener hingegen darf sich Sarrazin fühlen, denn: Er habe eigentlich zurücktreten wollen und täte es nur deswegen erstmal nicht, weil ihn die überwältigende Zustimmung des Volkes davon abgehalten habe (im Volksbildungs- und Volkserziehungsverein SPD will er passenderweise nach wie vor bleiben; aus dem Vorstand der Bundesbank hat er sich zurückgezogen, auch um den tatsächlich beliebten Bundespräsidenten zu retten). Wenn Deutschland befiehlt, folgt sein in Umfragen erwählter Repräsentant. („Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt, ebd.)
Fröhlich droht der sich notwendig als verfolgt Darstellende und Autor eines Buches über die Deutschen als Opfer nun gleich selbst mit einem „politischen Schauprozess“, dem er ausgesetzt sein und, er ist sich sicher – seltsam bei einem Schauprozess, außer eben man ist der Ankläger –, gewinnen wird. Auch der Landesausländerbeirat Hessen hat Anzeige gegen Sarrazin erstattet, wegen des Tatbestands der Volksverhetzung – das ist nicht die erste einschlägige Klage gegen Sarrazin, und so sehr man jede Klage gegen ihn unterstützen sollte, im verzweifelten Versuch, den deutschen Tabubrechern und deutschen Mauereinreißern doch noch irgendwie Einhalt zu gebieten. Es bleibt die Frage:

Wer kann dieses Volk überhaupt noch verhetzen? Dieses friedliche Lichterkettenvolk? Dieses Tee- und Grablichter-, dieses Fackeln-Volk? Dem Taschenlampen zu banal zivilisiert oder zu umweltfeindlich (dabei gibt es schon welche mit Kurbeln…) und eh zu unromantisch für seine Anlässe erscheinen. Irgendetwas muss hier immer glimmen, glühen, leuchten, brennen, züngeln, lodern, um Deutschland vor sich selbst schöner aussehen zu lassen. Die liebevoll gehegte narzisstische Kränkung kann nur im sanften Licht der „Flamme empor“ ertragen werden. Jeder, auch noch der pointierteste Kritiker Deutschlands irrt sich, wenn er glaubt, irgendetwas sei vorbei. Das „eine Volk“ ist über alle Parteien hinweg mehrheitlich rassistisch oder ethnopluralistisch oder völkerverstehend oder kulturbewusst oder als was es sich gerade exkulpierend bezeichnen will. Und es stellt sich auch deswegen nicht mit batteriebetriebenen Lichtlein an den Straßenrand, weil man mit denen nicht nachher doch noch vielleicht ein kleines bisschen rumzündeln könnte. Wenn es seine einstigen bzw. zukünftigen Opfer zwischendurch mal ein wenig in Ruhe lässt, sie gar ein wenig lieb haben mag, dann bloß, weil es zum Beispiel glauben darf, dass man gemeinsame Feinde hat, sie eine taugliche Illustration des eigenen Leidens (an diesen) hergeben oder weil man Angst hat, ihr Opferstatus könne den eigenen übertreffen und dergleichen mehr. Nach 1993 wollte man ihnen daher nicht mal mehr gönnen, dass Rechtsradikale ihre Häuser anzündeten. Denn unter ihren Rechtsradikalen haben die Deutschen gefälligst selbst am meisten zu leiden, wie man auch nicht aufhören möchte, mitzuteilen, die ersten Opfer der Nazis seien schließlich ‚die Deutschen’ gewesen.
Die Deutschen wollen nichts teilen und befürchten doch, dass man etwas geben muss, um Ruhe zu haben. Man verteilte also großzügig das Wertvollste, was man sich vorstellen kann: kulturelle Identität, völkische Identität, deutsch verstandene Identität, die von vorneherein ausschließt, dass derjenige, dem sie gewährt wird, jemals mit den Deutschen verwechselt wird, und die festschreibt, dass er auf ewig fremd sein muss, weil er irgendwo anders noch wurzelt – wohin er bei Nicht-Bedarf zu verschwinden hat.


Neozoon Wildkaninchen: Deutsche Kulturlandschaften bedrohender Immigrant aus Südeuropa

Es herrscht genau so lange Ruhe, wie von oben nachdrücklich bedeutet wird, sich allzu öffentlich zu wehren, sei gerade so gar nicht opportun – Standort, Export etc. – und vor allem schade es dem deutschen Opferstatus. Weshalb auch jeder im Dorf brav die Fenster schließt, wenn die Abwehrschlacht der ach! so bemitleidenswert perspektivlosen deutschen Jugend gegen die fremden Invasoren allzu viel Krach erzeugt. Im Wollen sind die entnazifiziert sich wähnenden Deutschen unübertroffen, für jede Handlung allerdings hätten sie trotz aller demonstrativen Unkonventionalität gerne einen Legitimationsschein. Als solcher gilt ihnen mitunter bereits ein Wort, ein Satz, eine Rede, ein Buch. Weil aber fünfzig zum Preis von einem-Wochen sind, werden dem Volk die Ermächtigungslizenzen hinterher geschmissen. Express Köln: „Wir brauchen keine Populisten, aber gestandene Demokraten, die auch mal gegen [?] den Strom schwimmen.“ Neue Westfälische, Bielefeld: Sarrazin „hat den Empörungsdemokraten [mit seinen Verallgemeinerungen] das Holz für seinen eigenen Scheiterhaufen [!] übergeben.“ Merkel will keine rechtsfreien Räume zulassen und nicht vor gewaltbereiten Jugendbanden kapitulieren. Sie teilte der Bild am Sonntag außerdem mit, die Gewaltbereitschaft junger Muslime solle nicht tabuisiert werden. „Das ist ein großes Problem, und wir können offen darüber reden, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.“ Gewalt junger Menschen sei aber nicht mit einer bestimmten Religion zu verbinden und oft ein Zeichen dafür, dass sie keine Perspektive für sich sähen: „Und da hilft nur Bildung.“ Die SPD will „Integrationsmuffel abschieben“ (Sigmar Gabriel), ein Integrationsministerium und … Bildung. Klaus von Dohnanyi, der bereits Walser beistand und 1998 behauptete, wenn die Nazis die Juden nur hätten mitmachen lassen, würde sich herausgestellt haben, dass die auch Nazis seien (Broders Vergewaltigungs-Metapher war recht treffend), meint 2010, dass „[n]iemand mit Sachkenntnis“ heute noch bestreiten könne, dass es „besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen“ gebe. Und so weiter und so fort.
Sarrazin hat die große deutsche Pressure Group zwar nicht von der Leine gelassen, aber die Leine ein Stück weit abgerollt. Merkel spüre, dass etwas „schwer zu beherrschendes aufgebrochen sei“, sagt er und deshalb komme es zum „Kesseltreiben“. „Man traut meinen Gedanken einige Sprengkraft zu.“

Wenn demnach dieses sozialspezifische Problem zu einer allgemeinen Degenerationsthese und der mit ihr erzeugten Furcht verallgemeinert wurde, ist dafür die biologische Interpretation sozialer Bedingungen verantwortlich zu machen. Sie wurde getragen von einer bürgerlich-akademischen Schicht, die ihren Lebensraum, die Großstädte, durch ebendiese Entwicklung bedroht sah und dieser Bedrohung auch nicht entkommen konnte. Erst unter Berücksichtigung dieser Bedingungen wird die spezifische, kontrafaktische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Strukturveränderungen der allgemeinen Degeneration verständlich, die im übrigen kurze Zeit später im Pendant in der genauso motivierten Generalisierung der ‚differentiellen Geburtenraten’ erhalten sollte, wo aus der – kurzfristig – höheren Kinderzahl der ‚minderwertigen’ Familien eine Bedrohung der höherwertigen Schichten wurde.
(Weingart, Kroll, Bayertz – Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland)

Die Intention allerdings ist das Gegenteil von die deutsche Gesellschaft aufsprengenden Analysen. Das Volk soll geeint werden im alle verbindenden Anspruch: „Keine Tabus mehr!“ Der Plural selbst ist schon gelogen, gemeint ist: „Kein Tabu mehr!“ Als Tabu gilt der Volksgemeinschaft am Ende einzig ihr Wille, sich mal wieder zu wehren. Natürlich handelt es sich um ein imaginiertes Tabu, das nichts anderem dient, als permanent rumjammern zu können, man dürfe ja als Deutscher so gar nichts. Was wiederum zum ungeheuer mutig sich wehren aufruft. So kreist die deutsche Volksseele ewig weiter um sich selbst und lässt Zentrifugalkräfte die Drecksarbeit für sich erledigen.
Sarrazin vertritt uneingeschränkt eugenische Forderungen. Die Furcht vor der Degeneration des deutschen Volkes treibt ihn um. Und er findet nichts als die alten Antworten, die er als Neuigkeiten ausgeben muss, um ihre Rolle als Wegbereiter zum deutschen Verbrechen zu vertuschen. (Denjenigen, die mitteilen, unter den Eugenikern hätten sich im 19./20. Jahrhundert auch Linke befunden, ist Recht zu geben – das sagt allerdings mehr über die Linke als über die Eugenik aus.) Das kostet ihn nicht einmal Mühe, denn die deutsche Bildung, auf die er nicht zuletzt deswegen pocht, hat ihm nichts gegeben, außer dem absurden Stolz darauf, dass ‚diese zwölf Jahre’ eben nicht alles waren. Genau das aber waren sie für Millionen Menschen: Das Ende von allem! Und das perverse Versprechen, das darin nicht allzu verborgen liegt, wirkt nach. Da er aber gerade das nicht wissen will, fürchtet er nichts mehr als die ‚Entartung’ und den Niedergang der Deutschen. Und verwendet umso unbefangener und Trotz bloß vortäuschend die kontaminierte und kontaminierende Terminologie.
Wer sich in Deutschland ‚unbefangen’ des Begriffs Kultur bedient, ignoriert, dass die Nationalsozialisten durchaus keine erklärten Anhänger Darwins waren. Die Exkulpierung Heideggers vom nationalsozialistischen Rassismus trieben die Nachkriegsdeutschen auch mit Hilfe seiner vordergründigen Kritik an der Biologie voran – Heideggers Kritik jedoch galt wie die vieler deutscher Wissenschaftler nicht der rassischen Diskriminierung, sondern einer Wissenschaft, „die nicht deutschen Ursprungs ist, da sie auf der darwinistischen Lehre vom Leben beruht und damit auf dem, was Heidegger ‚die liberale Auffassung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft’ nennt, die im englischen Positivismus des 19. Jahrhunderts zu Anwendung gelangte.“ (Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie) In diesem Rahmen spielte deutsche Kultur eine zentrale Rolle. Sarrazin lagert nachkriegspolitisch alles aus, was mit den Begriffen Gene, Ethnien und ‚Rassen’ zu tun hat: Britische oder US-amerikanische oder kanadische oder gar israelische Forschende haben womöglich irgendetwas zum Thema gesagt, und ganz „Deutsches Opfer“ beugt er sich ihrem Sieger-Diktum. Weil die Deutschen ja im Gegensatz zu den darum beneideten moralischen Siegern nichts zum Thema und sowieso sagen dürfen! Deutsche Kultur jedoch ist das immer bloß gewollte ‚andere Deutschland’.
Wer annimmt, Sarrazins rassistische Thesen seien eigentlich classism oder religionskritisch täuscht sich ebenfalls. Sarrazin leidet weder an klassenbedingtem Bildungsdünkel (wobei natürlich wie immer alles hier aus der Mitte entspringt…), noch ist er islamophob. Der Islamismus kümmert ihn so wenig wie der Islam, solange sie sich nur nicht ins Deutsche einzumischen wagen. Und natürlich gilt ihm das „Kopftuchmädchen“ nicht als Bedrohung. In seiner Imagination nämlich hat es hinten in der Klasse zu sitzen und die Klappe zu halten. Erst wenn es teilhaben will, am Leben seiner Mitschüler wird das Problem offensichtlich – man hat ihm keinen anderen Platz zuweisen wollen, als in der Bankreihe noch hinter denen, die man sich in Deutschland so unter Hartz IV-Empfänger-Nachkömmlingen vorstellt. Wie deren Eltern auszusehen haben, wird einem regelmäßig in Talk-Shows, in der Bild-Zeitung, überall sichtbar vorgeführt. Und nur diesen wenigen vorgeführten Personen ist Sarrazins Verachtung gewidmet. Das schmälert sein herausforderndes Deutschtum ebensowenig wie der Hass der Nazis auf ‚die Asozialen’. Die Nazis übrigens, die ebenso wie er ihre ‚Vorzeige-Ausländer’ vorweisen konnten.
Sarrazin schreibt nicht einmal für Leute, die Bücher lesen – der Abdruck von Auszügen genügt ihm, seinen Lesern (und mir sowieso! Der permanente Hinweis, sein Buch zu kaufen, ist unverkennbar ironisch gemeint und zielt nicht auf sich selbst, sondern ist als Entblößung der nur Gierigen gedacht. Wobei Sarrazin – ganz deutsches Opfer – auch verschämt andeutet, er würde aufgrund seines Mutes demnächst womöglich verhungern müssen, vgl. Walser und Henscheid). Den Abdruck gibt es unter anderem in der Bild-Zeitung (online ausschließlich für Nicht-Hartz IV-Empfänger, denen will man nicht mal einen Computer gönnen! Later: Jetzt doch Computer, dafür aber nicht merh rauchen oder trinken…). Und wer glaubt, alle Hartz IV-Empfänger fühlten sich angesprochen, wenn man ihnen vorwirft, sie trügen zur Abschaffung der Deutschen bei, täuscht sich noch einmal. Wer das ist, hat man sich im Volksfernsehen (das man empfangen darf, weil es laut Gerichtsurteil zur Teilhabe an ausschließlich Deutschem genügt) anschauen können – Deutsche sind das den Deutschen nicht. Derart stereotyp imaginierte Hartz IV-Empfänger sind innerhalb erschreckend kurzer Zeit zu etwas die deutsche Kultur verderbenden geronnen – das war nicht möglich ohne das ungebrochene Ressentiment. Sie sind faule parasitäre Existenzen, gerne in Florida oder sonstwo in der Sonne! Schön wär’s und ihnen eindeutig zu gönnen; die Missgunst aber hat noch jeden Traum (außer den, der alle anderen beendet!) als schädlich diskreditiert. Es gibt keinen tatsächlich gravierenden ideologischen Unterschied in Deutschland zwischen Mob, Kleinbürgertum und Elite. Alle – oben wie unten, links wie rechts – finden sich im angeblichen Nichtssagendürfen, Nichtkönnen, Nichterlaubtsein. Daran ostentativ zu leiden und dem Rest der Welt alles Mögliche zu neiden, ist deutsche Identitätsstiftung in Reinkultur. Entlang dieser Identifikation werden Bündnisse geschmiedet, avisiert oder imaginiert, die nur über den deutsch verstandenen Opferstatus hergestellt werden können.
Wer auch immer behauptet, den Deutschen genüge es, sich vor der Welt als tolerantestes aller Völker auszustellen und dass sie zu irgendetwas nicht in der Lage seien, hat seine eigenen Texte nicht gelesen. Wozu die Deutschen nicht in der Lage sind, kann man 65 Jahre nach Kriegsende überhaupt nicht wissen. Und nicht umsonst geht es Sarrazin auch darum, das Kulturvolk mittels Gebärprämie zu verjüngen. Es gilt immer noch Churchills Warnung „The hun is always either at your feet or at your throat.“ Und wenn – zugespitzt formuliert – der ausgerechnet im Gebirgsjägerbataillon 233 militärisch ausgebildete Verteidigungsminister die Abschaffung der Wehrpflicht anzustreben vorgibt (wohl wissend, dass höchstens eine Aussetzung drin ist) und betont, man müsse dann auch Bewerber ablehnen dürfen, weil sie „nicht zu uns passen“, ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, ihm läge vor allem daran, eine deutschlandtreue und der internationalen Kontrolle weitgehend entzogene Armee zu formen (wie die „Atlantiker“ in der Union deren völkischem Flügel zu Recht noch nie als Opposition galten). Im Ernstfall wird wieder eingezogen und Schießenwollen hat das Fußvolk nach spätestens einer Woche gelernt. Es steht nichts an und geplant wird auch nichts, aber es raunt und ahnt mal wieder. Und jedesmal, wenn es nicht zum ‚großen Knall’ gekommen ist, lehnt sich jemand zurück und will demnächst Recht gehabt haben. Dass aber jede dieser ‚Verpuffungen’ Menschenleben gekostet hat und einen weiteren Schritt der Deutschen zur erneuten offensiven Volkswerdung, ihr crawling from the feet to the throat bedeuten könnte, geht in alberner Erleichterung oder dem kindischen Bedürfnis zu den cool gebliebenen zu gehören unter. Erleichterung ist unangemessen, und das Fatale an der Story vom „Boy Who Cried Wolf“ ist, dass der Wolf immer kommt, wenn keiner mehr daran glauben mag. Die alle anderen exkulpierende Moral der Geschichte weist allein dem Warner die Schuld zu, weil niemand mehr wachsam sein will, wegen des penetranten Alarmismus. Trugschluss!

Das 19. Jahrhundert war keineswegs nur die Epoche eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Neben dem ‚offiziellen’ Geschichtsoptimismus dieses Jahrhunderts existiert ein sich aus kulturkritischen, pessimistischen, irrationalistischen und bisweilen einfach skurillen Ideen. Lehren und Theorien speisendes Niedergangsbewußtsein, dessen Einfluß auf die weltanschauliche und ideologische Orientierung von Teilen des ‚gebildeten’ und kulturell interessierten Bürgertums kaum zu unterschätzen ist.
(Weingart et al. ebd.)

Die Erwähnung von Genen erfolgte nicht aus Versehen im Zusammenhang mit Juden und Israel, und ganz bewusst als vergiftetes Lob. Sarrazin hat bis dato keine seiner Aussagen zurückgenommen, keine einzige. Auf jeder besteht er wiederholt und nachdrücklich, nur „das mit den Juden“ hätte er „vielleicht nicht sagen sollen“, betont er wie mit einem Augenzwinkern und weiß sich verstanden. Denn was immer der Leser diesem singulären Rückzug entnehmen mag, ist intendiert.
Das den Deutschen verbotene Wort ist in die Diskussion eingeführt und zielt im philosemitischen Deutschland in seiner Anwendbarkeit auf jeden, nur nicht auf die Juden. Von denen wird erwartet, dass sie im Idealfall gleich selbst leugnen, überhaupt Gene zu haben und ergo unangreifbar weil unmenschlich mächtig sind. Ganz anders nämlich sind sie als die „Basken“ oder „Isländer“, von denen man das mit den Genen unwidersprochen hätte behaupten dürfen. Wobei die es gar nicht nötig hätten, irgendetwas von ihren Genen zu erzählen – weil sie ungeheuer verwurzelte Kulturvölker sind, die müssen ihr ‚Existenzrecht’ nicht mal beweisen. Sarrazin lobt dann auch die Fähigkeit der Juden, in den europäischen Nationen aufzugehen, zu deren Wohlstand und Reichtum sie beitragen durften. So gut sind sie dort seiner Meinung nach integriert, dass man ihr Dasein nicht mal mehr wirklich mitbekommt. Dass das auch daran liegen könnte, dass der Deutschen Verständnis vom Aufgehen der Juden nur das in Rauch bedeutete, und zwar nicht bloß in ihrem Reich sondern in ganz Europa, kommt ihm nicht in den Sinn. Und so teilt er mit: „Erklärt wird die durchschnittlich höhere Intelligenz der Juden mit dem außerordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz. “ (Sarrazin – Deutschland schafft sich ab, zitiert nach Ramona Ambs – Neo-Sarrazismus: Rassismus ohne Rassisten)
Ganz unbefangen einen zu Rate ziehend, der ja unverdächtig erscheinen muss, weil er Amerikaner ist. Ramona Ambs verweist darauf, dass Sarrazin sich hier auf Kevin MacDonald bezieht. Den Kevin MacDonald, der im Prozess, den der Holocaust-Leugner David Irving gegen Deborah Lipstadt anstrengte, weil sie ihn als das bezeichnet hatte, was er ist, als Zeuge für den Kläger aussagte. Hinsichtlich der Aussagen MacDonalds zu jüdischer Intelligenz ist zu beachten, dass er „shares at least three core beliefs with hardcore Holocaust deniers. […] The Jew in MacDonald’s universe is the pollutant of the Body Politic. Jews are therefore partially, and sometimes even fully, responsible for the violence and discrimination they have suffered down the centuries. […] He is not simply riding on the coat-tails of the Bell Curve racists but is also tapping into a repertoire of libels that depict Jews as a pollutant, a spoiler race, and a conspiratorial menace. Whereas racists such as Jensen frame their discussions around the supposed ‘passivity and low IQ’ of blacks, MacDonald accuses Jews of the opposite offences: over-activity and hyper-intelligence.
Holocaust Controversies – Kevin MacDonald: Old whine in new bottles
Nebenbei enthüllt Sarrazin den deutschen Philosemitismus à la PI-News als das, was er wirklich ist: der alte und der neue deutsche Neid, die ungebrochene Projektion deutscher mal mehr mal weniger geheimer Wünsche und Ängste. Ewig da seien sie und intelligenter, weil sie ungehemmt ‚Gen-Selektion‘ hätten treiben können. Als Opfer und unter Druck nämlich darf man das alles. PI-News-Vertreter beispielsweise treten als begeisterte Sarrazin-Fans auf, auch weil er Rassismus genauso als Islam-Kritik tarnt wie sie, vor allem aber weil er die zurzeit erfolgsversprechendste Gallionsfigur für deutsche Opferverbände ist. Und: Wer Antisemit ist, bestimmen wir! Über die Juden hätte er ja in ihrem Sinne eigentlich nur Gutes zu sagen…
Überhaupt sammelt sich um Sarrazin eine illustre Schar von opfertümelnden Apologeten. Laut Matthias Matussek beispielsweise steht Sarrazin „am Pranger, aber eines begreifen seine Kritiker offenbar nicht. Der Provokateur verkörpert etwas, das sich nicht ausgrenzen lässt: die Wut von Leuten, die es satt haben, für ihre Integrationsangebote beschimpft zu werden. Nichts ist mehr wie es war. Es ist die Saison des Volkszorns, längst wächst der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Er ist viel größer als der Mann oder das Buch. […] Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren. Und ihm auf dem Weg nach draußen zuzischelt: ‚Wir werden dir Toleranz schon noch einbimsen.’“ (Matthias Matussek – Die Gegenwut, Spiegel online) Am Ende konzediert Matussek den Deutschen Lernfähigkeit – das zornige Volk lernt sich zu wehren, natürlich.
Und Jürgen Elsässer, soeben im Begriff mal wieder eine neue Stufe der Erleuchtung zu erklimmen: Gewiss sei vieles von dem, was Sarrazin sage ganz falsch, aber… Und überhaupt, sei das einzige Ziel der EU, Frankreich mittels der Roma-Schwemme abzuschaffen oder so ähnlich. Alles egal, so lange nur die nationale Komponente nicht vernachlässigt wird. Der Erfolgreiche hat viele Freunde und das erfolgreiche ‚deutsche Opfer’ viele deutsche Freunde.
Wer noch stolz auf sein deutsches Abitur ist, steht nun hinter Sarrazin, denn der verspricht, dass die Halbbildung als Krone der deutschen Erziehung zu gelten haben wird. Als Meister von was auch immer darf man hierzulande mit der Farce, die Sarrazin als Erkenntnis verkaufen will, glänzen: „Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken. Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker.
Süddeutsche – Debatte um Sarrazin.
Eugeniker unter sich.
Als Intellektueller wird Sarrazin hierzulande lobend bezeichnet, was weniger über Intellektuelle aussagt als übers Land, in dem Intellektueller sonst als Schimpfwort gilt.

Recommended reading:
Renate Göllner – Gemeinschaftsgefühl als Ende der Psychoanalyse, in Göllner, Ljiljana Radonich – Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse
Stephan Grigat – Kampfbegriff ‚Islamophobie‘
Lizas Welt – Das Dilemma der Islamkritik
exsuperabilis – Zur Kritik des linken Antirassismus
Kritik der instrumentellen Vernunft – Die Fehler des Etienne Balibar

Richard Gebhardt – Die Chiffre Sarrazin
Richard J. Evans – Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess
Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg
Theodor W. Adorno – Theorie der Halbbildung
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie
+ Sinnvolle Zusammenfassung!
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Later: Sinnvolle Link-Sammlung
+ Die Süddeutsche hat irgendwen losgeschickt, um Blogs zu googeln, in denen man sich „ernsthaft“ mit dem Thema Sarrazin beschäftigt. Herausgekommen sind dabei u.a. Jürgen Elsässer und Arne Hoffmann. File under funny reading…
+ Angemessenes ranting: Nichtidentisches – Deutsche Klotüren
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Update 27.10.10: Hate to say I told you so – Jürgen Elsässer – Sarrazin hat im Kern Recht!

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Michel de Certeau – Walking in the city (1999): „To be lifted to the summit of the WTC is to be lifted out of the city’s grasp. One’s body is no longer clasped by the streets that turn and return it according to an anonymous law; nor is it possessed, whether as player or played, by the rumble of so many differences and by the nervousness of New York traffic. When one goes up there, he leaves behind the mass that carries off and mixes up in itself any identity of authors or spectators. An Icarus flying above these waters, he can ignore the devices of Daedalus in mobile and endless labyrinths far below. His elevation transfigures him into a voyeur. It puts him in a distance. It transforms the bewitching world by which one was „possessed“ into a text that lies before one’s eyes. It allows one to read it, to be a solar Eye, looking down like a god.“

John Steinbeck – East of Eden: „‚Thou mayest‘! Why, that makes a man great, that gives him stature with the gods, for in his weakness and his filth and his murder of his brother he still has the great choice.“
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Recommended reading:
Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt
Tjark Kunstreich – Nach dem Westen
John Steinbeck – East of Eden

9/11

John Lydon in Tel Aviv, August 31, 2010

Provocative, feigning naïveté, offensive, brilliant, dumb, Punk, anti-Punk, anti-government, Post Punk, anti-Post Punk, anti-Elvis Costello („What a wanker!“), anti-Britney, pro-Michael, anti-Heineken, wry, stupid, funny, biased, unbiased, identity-establishing, anti-identity, ironic, undoubtedly and decidedly anti-anti-Semitic, despite the massive pressure put on him:

+ Public Image

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Later: Julie Burchill – Johnny is not the rotten one, via Anti-German Translation