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Alejandro Gonzalez Iñarritu – 11’09′’01

„Ein Selbstmordanschlag stellt das totale Dementi einer Verbindung zwischen individueller Befreiung und kollektiver Befreiung dar, insofern das Individuum durch das Attentat ausgelöscht wird. In einer Revolution kann man sterben, aber der Tod ist nicht ihr Ziel. {…} Zudem bringen Selbstmordattentate unweigerlich einen ausgeprägten Kult des Opfers hervor, der jedes konkrete Emanzipationsversprechen dementiert zugunsten von Abstraktionen, für die man sein Leben zu opfern habe: für das Volk, das Vaterland, oder eben wie unter den Islamisten, für das Paradies. Die Form des Kampfes schlägt unweigerlich auf den Inhalt zurück.“
Bernd Beier – Theo, Theorie und Theokratie. Das Liebäugeln mit fundamentalistischem Unsinn gehört offenbar zur Globalisierungskritik, in Redaktion Jungle World – Elfter September Nulleins

Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden, sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will, während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm, sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte, sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind, Oskar Matzerath, vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden, sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken; aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Um’s Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit, so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen (later: No, not you! Stop reading: It’s not about you!) und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet, sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde (later: going, going, gone!). Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Pausenbild II


This is Ripley, last survivor of the Nostromo, signing off.” Alien (1979)
Source: If we don‘t, remember me. Tumblr
To be continued…

„Stukas Over Disneyland“. Lars von Trier feiert seine „deutschen Wurzeln“ angemessen


Dickies – Stukas Over Disneyland

Jedem, der sich auch nur am Rande mit dem Thema Antiamerikanismus beschäftigt, fällt die Nähe und Prominenz des Topos Antisemitismus auf. Ich betrachte beide als eng miteinander verwandt, als – um es bildlich auszudrücken – Cousins ersten Grades. […] André Glucksmans Charakterisierung der beiden als „Zwillingsbrüder“ erscheint noch treffender.
Andrei S. Markovits – Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa

Aber es gibt keine Antisemiten mehr“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente) und meinten damit nicht nur, dass sich nach Auschwitz kaum noch jemand offen als Antisemit bezeichnen oder bezeichnen lassen wollte und antisemitische Äußerungen als solche erst entschlüsselt werden mussten. Zugleich vermuteten sie: „Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind.“ (Ebd.) Trotz des Superlativs ist der Text, der weitgehend noch während des „Drittens Reiches“ entstand und entsprechend zu lesen ist, von Zweifeln durchzogen, die, wie sich wenig später herausstellen sollte, zu Recht Antisemitismus als fortwährende Grundlage deutscher Ideologie annehmen. Jahre später schilderte Jean Améry deutsche Nachkriegszustände, die die Befürchtungen drastisch illustrierten, kulminierend in seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ (in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, 1977) und seiner Rede zur Woche der Brüderlichkeit „Der ehrbare Antisemitismus“ (in „Weiterleben aber wie?“, 1982). 1969 veröffentlichte Léon Poliakov seine Studie zu den antisemitischen Grundlagen des Antizionismus und vice versa (in Deutschland erstmals 1992: „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“, ça ira). Noch später wiesen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“ und „Aspekte der Alltagsreligion“) und Moishe Postone („Deutschland, die Linke und der Holocaust“) die anhaltende Virulenz von Antisemitismus nicht nur in der Rechten sondern ebenso der deutschen Linken und Mitte nach. Und neben anderen beschrieb Andrei S. Markovits („Amerika, dich haßt’s sich besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) welche Schnittmengen Antiamerikanismus und Antisemitismus notwendig darbieten.

Es liegt in der Natur der Sache, daß Filme, die durch das Pathos ihres Stils jeden Quadratzentimeter Realität mit Bedeutung aufladen und ihr atemlos hinterherhecheln, bald an die Grenzen der Immanenz stoßen und ein Bedürfnis nach Transzendenz entwickeln: letzte Ausfahrt Religion. Trier ist – nur halbironisch gebrochen – besessen von Schuld, Selbstgeißelung, Opferkult und Dogmen und tischt den Zuschauern am Ende von »Breaking the Waves« mit den vom Himmel hoch ins Bild bimmelnden Riesenglocken ein wahrhaftes Wunder auf.
Jan Pehrke – „Im Arsch der Dinge“, Konkret 02/02

Lars von Trier ist als Regisseur fraglos weitaus begabter als Jonathan Meese als Künstler, dennoch teilen beide ein ähnliches Bild von der Funktion des Schöpfers eines Werkes. Wo Meese den Künstler nur noch in den Dienst von etwas Höherem stellen mag (bloß keine „Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht“), sollte das durch von Trier maßgeblich geprägte Dogma 95-Manifest einerseits dem Autorenfilm wie andererseits dem opulenten Kino Hollywoods mit rigider Beschränkung von Ästhetik und letztlich Thematik beikommen. Meese spielt kindisch verharmlosend mit Nazi-Versatzstücken und von Triers Filmen ist vor und nach Dogma 95 seine Faszination für den NS-Gestaltungswahn zu entnehmen (dazwischen gab er das Gegenteil vor und repetierte dennoch im Kollektiv entsprechende Inhalte). Beide geben sich als enfants terribles, als Tabubrecher, die mit sich selbst zugleich jedes Tabu ironisiert betrachtet haben wollen. Während bei Meese jedoch alles zu Eintopf zerkocht wird, lassen sich von Triers Motive trotz aller vorgeblichen Widersprüchlichkeit deutlich exzerpieren. Im Dogma-Manifest, dessen Quintessenz lautet: „Ich bin kein Künstler mehr“, heißt es:
To DOGME 95 cinema is not individual. […] For the first time, anyone can make movies. But the more accessible the media becomes, the more important the avant-garde, it is no accident the phrase „avant-garde“ has military connotations. Discipline is the answer…we must put our films in uniform, because the individual film will be decadent by definition! DOGME 95 counters the individual film by the principle of presenting an indisputable set of rules known as THE VOW OF CHASTITY.
Die Dogma-Filme von beispielsweise Thomas Vinterberg („Festen“) und Lars von Trier („Idioterne“) üben sich dann auch nicht nur in ästhetischer Reduktion, sondern stellen die „Reinheit“ des unschuldigen Opfers ins Zentrum der Handlung, wo es der Dekadenz der Bourgeoisie erst einmal hilflos ausgeliefert ist. Dekadenz wird in „Festen“ u.a. mit eindeutig homophoben Mitteln illustriert. Und in „Idioterne“ zelebriert von Trier wie so oft weibliche Aufopferungsbereitschaft oder Frauen als vornehmliches Opfer sinistrer Kontexte („des Führers Wasserleiche“ lässt grüßen) angesichts des bei ihm aufgrund der so oder so als hoffnungslos ‚verdorben’ ausgestellten Menschheit regelmäßig zu erahnenden nahen Untergangs der Welt. Hinter von Triers vordergründigen Provokationen lauert immer das Opfer, als das er selbst sich in seinen öffentlichen Auftritten wie in seinen Protagonistinnen darzustellen weiß. Nichts ist von ihm zu hören oder sehen, das nicht impliziert, er werde alsbald dafür gequält und gemartert werden. Das Modell ist bekanntermaßen erfolgreich, und so zeitigte es auch in von Triers Fall keine gravierenden Konsequenzen, als er in Cannes seine Begeisterung für Albert Speer und sein Mitfühlen mit Hitler im Bunker ausdrückte, Israel als „pain in the ass“ bezeichnete (was nicht, wie in den deutschen Medien ausnahmslos geschehen, mit „geht mir auf die Nerven“ zu übersetzen ist, sondern wenn schon nicht literally dann mit „geht mir auf den Sack“ oder „ist die Pest“) und sich der Grußformel aller Antisemiten bediente: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“. Am Ende seines Monologs verlieh er, sich gleichzeitig immunisierend, erneut seiner Befürchtung öffentlicher Verdammung Ausdruck: „How do I get out of this sentence. Ok, I’m a Nazi.“ Mit einem aufgesetzt entschuldigenden und „nur halbironisch gebrochenen“ (Pehrke) Lächeln. Die Bestrafung erfolgte in Form einer nicht einmal halbherzigen Geste: Die Leitung erklärte ihn für die Dauer des diesjährigen (!) Festivals zur persona non grata. Was ihm erklärtermaßen gefallen hat: „Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.“ (Lars von Trier im Interview. „Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen“, Spiegel.online)
Doch selbst das nachsichtige auf die Fingerklopfen galt deutschen Medien als Veranlassung, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen. Im Interview mit dem Deutschlandradio teilte dessen Filmkritiker Josef Schnelle mit, man habe in Cannes „zuerst moderat reagiert […]. Und jetzt gab es dann ja plötzlich die Entwicklung, dass das Festival ihn zur Persona non grata erklärt hat. Da werden andere Instanzen des Festivals beteiligt gewesen sein, wie [sic!] bei dieser ersten Erklärung. Das weiß man immer nicht, was hinter den Kulissen da genau vorgeht. Jedenfalls ist der Film jetzt raus und kann auch keine Goldene Palme mehr bekommen. Dabei sah es kurz danach aus, dass er es hätte werden können.“ (Dradio – Lars von Trier aus dem Festival von Cannes geworfen. Josef Schnelle im Gespräch mit Karin Fischer)
Hinter den Kulissen“ agieren gesichtslose Strippenzieher, und der harmlosen Gemüts in Fettnäpfchen stolpernde von Trier ist ihr Opfer. Lars von Trier gibt Bess, Karen, Selma und wie sie alle heißen mögen in Personanongrataunion. Natürlich stürzten sich alle auf seine apodiktische Deutung, da er Speer schätze und Hitler irgendwie verstehen könne, würde er der Welt von nun an als Nazi gelten. Um ihn mit einem Federstrich davon freizusprechen. Und tatsächlich ist Lars von Trier (wie üblich in der Deutsche und deutsch exkulpierenden Diskussion) kein Nazi im Wortsinne, wenn er auch deren grundlegende Opferideologie teilt. Als das jedoch, was zumindest die deutschen Medien nur als Ansätze oder Tendenzen zu erwähnen wagen und im selben Moment weit von ihm zu weisen sich anstrengen müssen, geriert er sich zunehmend. Auf Spiegel.online kommentiert Hannah Pilarczyk: „Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen – rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film „Die Passion Christi“ stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.“ („Stinkbombe und Fehlurteil“)

I really wanted to be a Jew, and then I found out that I was really a Nazi, because my family was German, Hartmann, which also gave me some pleasure. So, what can I say? I understand Hitler, but I think, he did some wrong things, absolutely, but I can see him sitting in his bunker in the end. But there will come a point at the end of this. Now I‘m just saying that I think, I can understand the man. He is not what you would call a good guy. Yeah, I understand much about him. I might sympathize with him a little bit, yes. But, come on, not … I‘m not for the second World War. And I‘m not against Jews. I am of course very much for Jews. No, not too much, because Israel is a pain in the ass. … But still … How can I get out of this sentence? Ok, I‘m a Nazi
Lars von Trier in Cannes

The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish. If you’re Jewish, you’re allowed to make Jewish jokes. So it’s hard to break that habit when you find out that you’re not really Jewish. All of my children have Jewish names. I’m sorry that people took it the wrong way. But I know why; I was stupid enough to talk to the world like I talk to my best friends.
Lars von Trier, Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments

Und irrt sich. Lars von Trier hat sich in seinen Filmen immer wieder diverser Motive bedient, die nur denen, die sie eben nicht sehen wollen, verborgen zu bleiben haben. Und ausschließlich so hat Deutschland seit eh und je funktionieren können. Abgesehen von der unermüdlichen Inszenierung sich aufopfernder Charaktere und seiner Dekadenzphobie, werden antisemitische Motive vor allem in seinem Antiamerikanismus erkennbar. Felix Hedderich beispielsweise schreibt über „Dear Wendy“ (Regie: Thomas Vinterberg, Drehbuch: Lars von Trier): „Dass der Ladenbesitzer […] als einziger Erwachsener, der nicht in der Kohlemine arbeitet, einen jüdischen Namen trägt, kann kein Zufall sein. Ein Händler und Ausbeuter, der die harte Arbeit in der Mine scheut – das muss, vom Standpunkt eines Antisemiten betrachtet, ein Jude sein. Hinzu kommt, dass Salomon auch noch eine Paranoia vor gewalttätigen Gangs, die es in dem verschlafenen Städtchen offensichtlich nicht gibt, angedichtet wird. Beschreibt von Trier hier etwa die nach dem 11. September durchaus berechtigte Angst der Amerikaner vor Terroristen als bloße Paranoia vor einem Gespenst, das gar nicht existiert? Und will er mit der Figur des Salomon darauf verweisen, dass diese Paranoia von den amerikanischen Juden ausgeht?“ (Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret) Außerdem verweist Hedderich zurecht darauf, dass neben den sich opfernden Frauen Antiamerikanismus die vielleicht „größte Gemeinsamkeit der von Trier-Filme der letzten zehn Jahre ist“. (Ebd.) Mindestens.


Eat this, Lars von Trier! („Battle of Britain“, UK 1969, Regie: Guy Hamilton + undeniable „Star Wars“ model 3:05)

A Stuka will outlive a British Spitfire in our consciousness by millennia. That’s my point of view. While a Spitfire has all those rounded forms and was a very beautiful airplane, the Stuka was a revelation. A lot of Nazi design was amazing. They had such big thoughts. The Stuka was a dive-bomber that swooped down and dropped its bombs with great precision. A special feature about the Stuka was that its bombs were equipped with a little whistle, which is staggeringly cynical but also a sign of artistic surplus.
Lars von Trier im Interview mit Per Juul Carlsen, Danish Film Institute: The Only Redeeming Factor is the World Ending (mit Dank für den Hinweis an U+NdG)

Got an SS ticket I‘m feeling fine
Spent five long hours just standing in line
Passed inspection got my ears on straight
Gonna fire up my engines ‚fore it gets too late
I just can‘t wait

Dickies – Stukas Over Disneyland

Lars von Trier, der 1995 die urdeutsche narzisstische Kränkung, er entstamme eben nicht dem auserwählten Volke, am eigenen Leib erfahren musste, als ihm seine Mutter auf ihrem Totenbett mitteilte, sein Vater sei nicht der dänische Jude Ulf Trier gewesen sondern ihr Arbeitgeber, der Deutsche Fritz Hartmann, zog in der Pressekonferenz auch über die dänisch-jüdische Regisseurin Susanne Bier her und beantwortet Fragen nach den Gründen für seine Beleidigungen nur ausweichend und seine Missgunst kaum verhehlend: „I went to film school with her, and she used to work for Zentropa, my production company, but quit. I’ve always thought, compared to me, that she was treated extremely well, which is fair enough, but has nothing whatsoever to do with the fact that she’s Jewish. The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish.Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments
Worauf er tatsächlich neidisch ist, geht dennoch eindeutig aus seiner Replik hervor. Während er zunächst in der einen Identität aufging, um sich Dank ihrer über alles hermachen zu können, richtet er sich nun ebenso in der nächsten ein. Missgunst und Neid gehören wie Waschbecken und Herd zum deutschen Standardinventar und müssen nicht extra angeschafft werden. Von Trier hat schnell gelernt, dass Deutschsein („[W]hich also gave some pleasure.“) heutzutage ein surplus ist – nichts und niemand war am Ende erfolgreicher in der Darstellung als Opfer. An ihr wird man unersättlich.
Nebenbei kristallisiert sich eine neue (deutsche) mediale Repräsentation heraus: Der Antisemit als Genie. Sobald eine prominente Person sich antisemitisch äußert, und sei es noch so drastisch („But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ John Galliano), wird auf ihren Status als begnadeter Künstler verwiesen1, von Galliano bis zu von Trier. Die undifferenzierte deutsche Faszination für Kreative hat sie so weit gebracht, dass sie einen, der sich als einer ausgab, zu ihrem Führer auserwählten. Das feinsinnige Volk exkulpiert sich zum wiederholten Male an dem, was seine Massenmedien uneingeschränkt als „Faux-pas“, „Ausrutscher“, „Dummheit“ und dergleichen mehr und vor allem angesichts des Stress‘ oder des Image als nur allzu verständlich bezeichnen. Ob die ausgiebig bemitleideten sensiblen Geschöpfe am Ende behaupten, sie hätten gar nichts gegen Juden oder eben nicht, macht nicht den geringsten Unterschied mehr aus. Weil „man“ unisono und irrsinnigerweise davon ausgeht, es gäbe keine Antisemiten mehr. Insofern soll selbst Eve Gerrads völlig zutreffende Analyse zunehmend dem Nichts, das am Ende von all dem lauert, anheimfallen:
Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)
Und zwar ausgerechnet weil jede medial bewältigte Aussage zum Thema als nicht rückholbares Vorbild für all diejenigen deutsch motivierten Tabubrecher kursieren wird, die sich in ihrem Opferwahn dem Nichts andienen. Die Einmütigkeit der deutschen Kommentatoren zu von Triers Ausfällen ist auch insofern umso erschreckender, weil es vor Jahren noch wenigstens eine beachtbare Minderheit gegeben hätte, die sich bemüht haben würde, dem deutschen Ansehen in der Welt mit Fingerzeigen weiterzuhelfen. Und sei es nur, weil man in Deutschland eben anständig ist. Aber selbst das scheint ihnen mittlerweile kaum noch nötig zu sein.

  1. Es sei denn, es handelt sich um US-Amerikaner oder Hollywoodstars. Mel Gibson zum Beispiel wollte man seinen Antisemitismus hierzulande enstprechend anhaltend vorwerfen, weil man ihn als Hollywood-Produkt betrachtete. In diversen deutschen Beiträgen zur von Trier-Debatte wird er dann auch als Derechteantisemit ausgestellt, während von Trier „nur spielen will“. In Deutschland stellt man sich als Ausalldemgelernthabende aus, während man in den USA endlich die wahren Rassisten vorzufinden wähnt. Wäre Gibson Europäer gälte er hier ebenso ausdrücklich als bloß überfordertes respektive alberne Tabus brechendes Schauspiel-Genie. [zurück]

Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

Recommended reading:
Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive, welt.de
aa:b – Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc
Daniel Steinmaier – Wir sind die Guten, Jungle World
Lizas Welt – Sympathy for the Devil
ProAsyl – Wichtiger Hinweis für Fluggäste – SCHAUEN SIE NICHT WEG!

Grundlegendes 21: Messing up virtues


John Tenniel, Illustration zu Lewis Carrolls Alice In Wonderland

Den einen Gedanken lehnt Sade bei seinem ganzen Pessimismus stets entschieden ab: den Gedanken, sich zu unterwerfen. Deshalb haßt er auch die resignierte Heuchelei, die man mit der Bezeichnung ‘Tugend’ schmückt, ist sie doch in Wirklichkeit nur eine törichte Unterwerfung unter die Herrschaft des Bösen, wie sie von der Gesellschaft errichtet worden ist”.
Simone de Beauvoir – Soll man de Sade verbrennen?

Liberation of Bergen Belsen, April 1945

To KdP

Even while the camp was liberated the Germans went on killing…

II/III

Ernste Warnung an deutsche Naturfreunde: Wer ist Frank S. wirklich?

Liebe deutsche Naturfreunde,

die Ihr zahlreich und in diversen Internetforen auf die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Tsunami vom 11. März 2011 und Frank S.’ einzigem weltweiten Bestseller (I/ II) hinweisen zu müssen glaubtet, mühsam verhalten aber unverkennbar triumphierend darüber, dass die Natur endlich zurückgeschlagen hat. Das ist alles überhaupt nicht erstaunlich! Während Ihr noch denkt, S. habe sich damit als Prophet des aufgrund der vom Menschen angerichteten Verheerungen in den Meeren gerechtfertigten Weltuntergangs erwiesen, ist die eventuelle Wahrheit so viel banaler wie erschreckender.
Niemand hat sich oder andere bisher gefragt, warum ein derart erfolgreiches, bewegendes, aufklärerisches und blablabla Buch (2004) trotz der Unterstützung von Hollywood-Stars wie Uma Thurman (Tochter von Nena! Thurman) noch immer nicht verfilmt wurde. Seit 2006 nämlich wurde regelmäßig angekündigt, nun sei es endlich soweit. Doch natürlich haben es die Mächte, die S. in seinem Roman als alles verderbend enthüllte, bis heute geschafft, ihre Bloßstellung vor einem noch größeren Publikum zu verhindern. Niemand weiß wie, aber so soll es auch sein. Im Jahre 2011 aber wird es trotzdem geschehen. Warum? Sicherlich nicht, weil 2012 eh alles vorbei sein wird, soviel wissen wir nunmehr aufgrund der Projektionsgabe anderer Hellsichtiger.
Und während man sich in einschlägigen Kreisen noch Erklärungen dafür aus den Fingern saugt, warum die Amerikaner ausgerechnet Japan mit ihrer Erdbebenmaschine HAARP angegriffen haben (z.B. „Im japanischen Parlament wurde 2008 die offizielle Version des 11. September öffentlich kritisiert und in Frage gestellt.“ freidenkertv, aber sicher doch…), und wo die israelischen Organsammler, die natürlich immer mit unter der Decke zu stecken haben, diesmal abgeblieben sind. Während man sich also allerorten noch hilflos den Umweltverschmutzern und Naturvernichtern ausgesetzt wähnt, übersieht man, dass schon längst zurückgeschlagen wird. Das Volk von Baden-Württemberg hat bereits einen zu seinem Ministerpräsidenten erwählt, der vormacht, wie die Zukunft des Planeten deutsch gerettet werden wird: „»Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht […,] dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«“ (Uschi Eid über Winfried Kretschmann, Zeit.online, via only AA but XXX)


Animation: Malene Thyssen

Von ähnlichem Ernst angetrieben trafen sich deutsche Kultur Schaffende (u.v.a. Gudrun P., Roland E., Karen D., Hannes J.) und dergleichen Personal – or so the story goes – an einem natürlich geheimen Ort, um mal wieder ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der zu erzielenden Diskussionen in den Massenmedien. Roland E. jedoch bezweifelte, dass Japan das richtige Ziel einer konzertierten Aktion sei, schließlich habe er schlüssig bewiesen, dass Godzilla nicht vom Erbfreund Japan sondern vom Erbfeind Frankreich künstlich (!) erschaffen worden sei. Frank S. aber beendete die Diskussion ein für allemal mit den Argumenten, das sei ja alles schön und gut, aber da gäbe es noch das mit dem Walfang und dem Delphinschlachten und der noch viel grauenvolleren Vermensch- und -niedlichung von Tieren in japanischen Zeichentrickserien, und überhaupt: Willi, der von einem Amerikaner erfundene und Japanern unverzeihlicherweise inszenierte Sidekick, der der bezaubernden Biene Maja (des bekennenden Antisemiten Waldemar Bonsels) jegliche natürliche Anmut raube! Und ob man überhaupt wisse, dass Haie die neuen Delphine seien, und dass man seine gestressten Kinder schonmal schonend auf entsprechende Therapieangebote vorbereiten solle (…and pop goes the leg…). Und schließlich habe er und sonst niemand die relevanten Kontakte zu den Y. Obwohl Roland E. noch einen Tiefschlag zu landen versuchte und behauptete, das würde ja dann alles bloß als billiger Werbe-Coup für die immer noch ausstehende Verfilmung von S.’ Roman gehalten werden, schwoll das Raunen am geheimen Ort derart an, dass man ihn nicht mehr hören konnte: „Die Y!“ Und so sollte es geschehen.
Die Verfilmung allerdings muss nunmehr so schnell wie möglich abgedreht werden, bevor die Realität all die im Roman enthaltenen Widersprüchlichkeiten offenbart. Auch dort bedeuteten die diversen zum Y-Selbstschutz (die sind schließlich eine deutsch gedachte Volksgemeinschaft!) initiierten Tsunamis eine chemische und atomare Verseuchung der Meere, wie sie nicht mal die übelsten der von S. ersonnenen US-Amerikaner et al. in Kauf nehmen würden. Und das Ylearningbyadaptingtodrownedpeople’sbrains wird der Meeresfauna des Autors kulturellen Vorurteilen gemäß eines Tages eine konzentrierte Verniedlichung bescheren, die kein japanischer Zeichentrickhersteller jemals zu denken wagte. Bis dahin allerdings werden die deutschen Medien wie gewünscht und Mitleid nicht einmal mehr wirklich vortäuschend reagieren. Die Genugtuung ist unüberhörbar. Der einstige Verbündete, in dem man noch im Nachkrieg deutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin bewundern mochte, galt hierzulande zunehmend als veritabler Vertreter der entweder dekadenten oder traditionsverliebten USA im Fernen Osten – nur irgendwie infantiler.

Aber mindestens so umweltzerstörend und tierquälend: Walfänger und Delphinmetzler, die aus den geschlachteten Tieren auch noch hübsch anzusehende Spezialitäten zubereiteten statt Klopse in dicker weißer Sauce oder fettriefende Schnitzel. Die ihrem schönen Heimatland mit Handkultivierer und Schere zu Leibe rückten und alles mit künstlich künstlerischer Bedeutung aufzuladen bereit waren, statt den Boden naturhaft walten zu lassen. Die Robotervernarrten und am hellichten Tage Phantasiekostümträger, die Schöpfer von kindischen Superhelden in Serie, die unbelehrbaren Atomkraftbejaher. Obwohl sie, und da setzte der deutsche Neid ursprünglich ein, hundertausende Opfer zweier Atombombeneinschläge vorzuweisen hatten. Auch Japan hat mittels Opferinszenierungen seine Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg zu relativieren gewusst. Aber in Deutschland ahnt man, dass man hier sehr viel mehr daraus hätte machen können, nicht bloß weil das deutsche Verbrechen jegliche Dimensionen des Vorstellbaren gesprengt hatte, sondern auch weil man eine wesentlich längere und liebevoller gepflegte Tradition der Selbstdarstellung als Opfer von was auch immer vorzuweisen hat. Atombomben auf Deutschland – alles wäre vergeben und vergessen gewesen! Dafür hätte man schon gesorgt, und zwar gründlich. All die Hiroshima-Plätze in Deutschland und die Nagasaki-Städtepartnerschaften etc. waren nur ein unbefriedigender Versuch teilzuhaben. Und unter anderem deswegen wird jetzt auch nicht gespendet. Der Spendenweltmeister Deutschland bringt es diesmal einfach nicht übers Herz, sich wie üblich als großzügig auszugeben. Nicht nur, weil man annimmt, Japan könne mit all seinem Reichtum die Zerstörung eines Großteils seiner Ostküste selbst beheben, sondern weil man meint, sie hätten das mühsam erarbeitete deutsche Geld einfach nicht verdient.

Die Angst vor Strahlenschäden wächst, auch in Deutschland: Nach den Reaktorunfällen in Japan ist die Nachfrage nach Geigerzählern in der Bundesrepublik rasant gestiegen.
Newsticker, spiegel.online
Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.
Theodor W. Adorno an Thomas Mann, in: Briefwechsel 1943 – 1955

Missgunst ist die deutscheste aller Untugenden, weswegen auf einmal alles Leiden, das ausschließlich in Japan stattfindet, unbedingt hier erlebt werden muss, was sich beispielsweise im run auf Geigerzähler und Jodtabletten äußert. ‚German Angst’ ist nicht wirklich Furcht, sondern die Befürchtung, am Opfersein, wo auch immer es stattfindet, nicht als einer der ersten und ernstzunehmendsten teilhaben zu dürfen. Darum prügelt man sich notfalls wie beim Schlussverkauf vorm Wäschetisch. Manchmal erweist sich der Eifer als Zwickmühle, wie z.B. im Fall Libyen. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten von Opferidentifikation. Da kapituliert man dann schonmal völlig verwirrt: „Was kommt jetzt leidender rüber?“ Ergo: Enthaltung. Vor der zum Hintergrundbild erklärten zerstörten japanischen Ostküste jedoch kann sich das Deutsche in seiner Erscheinungsform als „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch irgendwie Abschaltungswilige“ als noch aus allen irdischen Katastrophen als am besten Gelernthabender zeigen. Nur in den deutsch geprägten Medien gelten diejenigen, denen vom Tsunami alles genommen wurde als gesichtslos und duldsam, auch weil man sich hier Protest, Widerstand, Kritik usw. bloß als von vereinheitlichten Parolen vorangetriebene Massenveranstaltungen vorstellen kann. Die zum Einsatz im Reaktor so oder so oder noch offensichtlicher gezwungenen Personen werden entsprechend mit Attributen aufgeladen, die sie fast zu Witzfiguren degradieren, weil sie nicht als Stellvertreter all derjenigen, denen unter den gegebenen Umständen kaum etwas bleibt als auszuharren, auftreten dürfen. Das „Sein zum Tode“ jedoch hat hier nicht dem Anlass sondern dem Wesen geschuldet zu sein.
Liebe deutsche Naturfreunde, nahezu alles ist vorhanden, was Ihr herbeigesehnt habt, und wenn Ihr noch mehr Glück habt, kommt es außerdem schlimmer, als ihr es auszumalen wagtet. Abgesehen davon, dass Ihr mit den offenbar überforderten Geigerzähler-Herstellern den veritabel deutschen Mittelstand zu fördern in der Lage wart, mag man die Profite der internationalen Pharmaindustrie, denen Ihr den Ertrag aus den Schweinegrippen-Impfstoffen damals um keinen Preis gönnen wolltet, als Kollateralschaden abtun. Wäre da nicht der nagende Zweifel: Womöglich war das alles gar nicht von den guten deutsche Kultur Schaffenden initiiert, sondern von den global agierenden Pharmakonzernen, die unbedingt ihre kurz vorm Verfallsdatum stehenden Jodtabletten loswerden wollten?

Yours sincerely,
Nachwievorspaltungsprodukt (in collaboration with CdG)

Recommended reading:
Cosmoproletarian Solidarity – Eine einzige Katastrophe
Weltkritik – Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft
Cornelius Coot – Eine verpasste Chance, Jungle World
Jörg Häntzschel – Japanische Kunst, Schluss mit Hello Kitty, Sueddeutsche.de

Later: Magnus Klaue – Deutschland sucht den Super-Gau

Update, 12.4.: „„Schuld sei sowieso „usrael“, eine beliebte Chiffre von Antisemit_innen jedweder Couleur. Da will auch „Sülzbert“ nicht zurückstehen und ergänzt, dass sich ihm der Verdacht aufdrängen würde, „das diese gigantische menge radioaktivität die in japan freigesetzt wird, nur dazu dienen soll um den eventuellen einsatz von atomwaffen im falle das die arabischen staten israel angreifen würden, nicht weiter auffallen soll“. Man muss sich diesem Gedanken auf der Zünge zergehen lassen! Israel ist schuld am Atomunfall in Japan, um einen eventuellen Angriff durch die benachbarten Staaten mit einem Atomangriff zu beantworten zu können.
Reflexion – Die Kommentatoren des „Infokriegers“

Re-read 7: „Erfahrungen an der Entlastungsfront“


Still standing! Foto: CdG

Eike Geisel – Countdown im Feuilleton, in ders. Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, 1992:

Ende Mai [1992] wurde in London ein Denkmal für den britischen Luftwaffengeneral Harris errichtet, und prompt saß, wie Tucholsky einmal die Reaktion seiner Landsleute auf politische Witze charakterisierte, halb Deutschland auf dem Sofa und nahm übel. Die Oberbürgermeister mehrerer im Zweiten Weltkrieg bombardierter Städte schrieben Protestbriefe nach England. Die notorischen Mahnwachen, die schon während des Golfkrieges mit der Parallele von Dresden und Bagdad Erfahrungen an der Entlastungsfront gesammelt hatten, nahmen ihren Ehrendienst an der Leidensfront der deutschen Geschichte wieder auf. Und schließlich trat sogar das Außenministerium auf den Plan. Genscher ließ die britische Regierung wissen: „Das Vorhaben ist geeignet, alte Wunden aufzureißen. Es könnte zu einem Rückschlag für die in deutsch-englischer Städtepartnerschaft geleistete Arbeit führen.
Mit dieser Drohung machte das Land der Kaiser-Wilhelm-Plätze und Rommel-Kasernen ernst. Der
Spiegel schrieb, Harris habe den „ersten vornuklearen Massenmord aus der Luft“ organisiert; die Welt war sich mit ihren Lesern einig, der britische General sei ein „Architekt der Vernichtung“ gewesen, und die Frankfurter Rundschau entdeckte an dem Weltkriegsgeneral der britischen Luftwaffe einen Charakterzug, den man nun wirklich keinem KZ-Kommandanten nachsagen konnte: „tatsächlich ein Schlächter“ gewesen zu sein. Die Faz, deren Mitherausgeber Reißmüller wegen des Bodenkriegs an der serbischen Ostfront unabkömmlich war, ließ ihren Redakteur Gillesen als Abfangjäger in den westlichen Luftraum aufsteigen. Von seinem Einsatz kehrte dieser mit dem Verdikt „Harrisbarbarei“ und einer Ehrenrettung für die Nazi-Luftwaffe zurück. Diese habe im Gegensatz zur Royal Airforce nicht die Vorstellung geteilt, „ersatzweise oder direkt Krieg gegen die Zivilbevölkerung zu führen“. Guernica, Rotterdam, Coventry und Belgrad „resultierten aus Fehlern“ meldete er seinen diensthabenden Vorgesetzten, blieb aber die Auskunft darüber schuldig, ob die damals Verantwortlichen dieser bedauerlichen Pannen deshalb vor ein Kiegsgericht gestellt oder gerade deshalb ausgezeichnet wurde.
82f

[Günther Rühle vom Berliner Tagesspiegel] „warf den Engländern nicht vor, wie sie sich an den militärischen Sieg über den Nationalsozialismus, sondern daß sie sich erinnerten: „Wer es nötig hat, noch Siege zu feiern, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen und schon einer anderen Welt zugehören, offenbart einen stillgestandenen Geist.“ Mit wachem Geist freilich rief er sich dadurch selbst „Stillgestanden!“ zu und wurde dem brandenburgischen Sozialdemokraten Gustav Just, einer noch älteren Altlast, zum Verwechseln ähnlich. Dieser hatte mit der Auskunft, er habe in einem „anderen Leben“ Juden umgebracht und diese Sache sei ein „alter Hut“, seiner Persönlichkeitsspaltung wie einem kollektivem Bedürfnis knappen Ausdruck verliehen.
Rühle indes war nicht so kurz angebunden. Die feuilletonistische Erscheinungsform der Schizophrenie ist die Geschichtsklitterung, und der Überflieger im Tiefflieger, der Historiker im Stammtischbruder formulierte deshalb so: „Nun steht der Bomber-Harris also da, in Erz gegossen, von der uralten Königin Mutter gesegnet, und ist doch viel weniger das Denkmal für einen heldenhaften Mann als ein ständiges Mahnmal dafür, wie der Krieg entartet ist, daß er gentlemanlike nicht mehr zu führen war, daß das blinde Töten auch dieses gesittete Volk ergriff.“ Damit war im unsittlichen Geschwätz des Historikerstreits die russisch-deutsch-englische Dreifaltigkeit der Schuld etabliert: die deutschen Verbrechen eine Doublette des asiatischen Originals, die britischen Bombardements eine Kopie der deutschen Vorlage. Und wenn Rühle die Engländer als die Massenmörder unter den Alliierten identifizierte, dann konnte es nicht mehr weit sein, nämlich nur bis zur nächsten Zeile, daß er die Angehörigen des anderen gesitteten Volkes, das im Unterschied zu den Häftlingen in Auschwitz ja unter den Bombenangriffen zu leiden hatte, daß er die Deutschen als Opfer von Nachahmungstätern sah: „Und die Toten von Köln und Bremen und Berlin und Dresden und Würzburg und Hamburg und Königsberg können nun dem Denkmal noch immer entgegenschreien und auf den Erzgegossenen hindeuten: da steht er, der unsere Hölle entfachte. Ein Denkmal mutiert leicht zum Schandmal.“

87f

Der ganz offensichtlich intellektuellenfeindlich motivierte und von fast allen beteiligten Seiten vorgetragene Abscheu gegen respektive die Ridikülisierung von Fußnoten in der Guttenberg-Berichterstattung basiert dennoch teilweise auch auf dem Festhalten diverser deutscher Wissenschaftszweige an einem dem Originalautor nicht gerecht werdenden Zitiersystem. Während die amerikanische Vorgehensweise verlangt, dass jedem noch so kurzem Zitat der Name des Autors etc. im Text zu folgen hat, verschiebt man hier alles nach unten oder hinten. Der Urheber wird unelegant beiseite geschafft und aus einem Heuhaufen von Kürzeln muss der Leser die relevanten Ergänzungen mühselig heraussuchen. Fußnoten nämlich können etwas ganz wundervolles sein, bei Geisel beispielsweise ebd. auf Seite 91f:

Das Vergehen der Deutschfeindlichkeit wird nur noch, wie man kürzlich in der taz belehrt wurde, vom Verbrechen der Inländerfeindlichkeit übertroffen. Gemeint ist damit die besondere Verwerflichkeit jener Autoren, die, anstelle Ausländer zu hassen, was sozusagen eine natürliche Feindschaft ist. ihre eigenen Landsleute nicht ausstehen können und ihnen von Herzen wünschen, daß sie sich gegenseitig an die Kehle gehen. Über Wolfgang Pohrt, der gerade unter dem Titel „Das Jahr danach“ einen Bericht über die neue Vorkriegszeit vorgelegt hat, schrieb Reinhard Mohr in der Buchmessenbeilage der taz: „Er ist … ein deutscher Rassist par excellence, ein manischer Inländerfeind, der dem akuten, komplementären Rassismus der ausländerfeindlichen Gewalttäter von Rostock bis Eisenhüttenstadt nur um das intellektuelle Niveau der Ignoranz voraus ist.“ Doch wie immer, so kam die taz auch bei der Aufdeckung dieser dem Gemeinwesen drohenden Gefahr zu spät. Schon im Dezember 1991 hatte ein Nolte-Epigone in der Welt sich mit „linken Wunschträumen, daß deutschen Urlaubern die Schädel eingeschlagen werden“, beschäftigt: „So wird Gewalttaten gegen Deutsche die Legitimation erteilt“, schrieb er und plädierte für ein Strafverfahren gegen Pohrt und andere Mitarbeiter der Zeitschrift Konkret - „wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhass.“ Dieses denunziatorische joint-venture zur Sicherung des inneren Friedens war freilich nur eine Neuauflage einer alten, gleichfalls widerwärtigen Koalition deutscher Intellektueller. Unter dem Label „Innere Emigration“ hatte sie nach 1945 Front gemacht gegen bereits davongejagte Kritiker.

Geisels Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen, Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen und Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung (alle Edition Tiamat) sind vergriffen. Der von Klaus Bittermann im letzten Jahr herausgegebene Band: Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden und Schriften sollte als Vorbild für eine Neuauflage der Texte Geisels dienen.
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Recommended reading:
Lizas Welt – In memoriam Eike Geisel
Eike Geisel – Der hilflose Antisemitismus (pdf, Norman Paech anno 1992)

„Sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten“. Die Aufrüstung des Vokabulars der ‚Erwachten‘ mit armseligen Mitteln

Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.

William Shakespeare – Macbeth

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, und das Erwachen aus einem ungeheuerlichen Traum, mit den eigenen blutigen Händen noch vor Augen mag einen, der in relativer Sicherheit in einem vergleichsweise zivilisiert erscheinenden Land lebt, zu drastischen Schlussfolgerungen animieren. Die billigste ist, den Traum als Bestätigung des lange gehegten Weltbilds zu verstehen. Gemäß dieser Logik ist dem Träumenden die bloß affektive Verarbeitung Bestätigung und Antrieb zugleich. Zweifel können nicht zugelassen werden; die Geschlossenheit des guten, gerechten, wissenden Selbst muss bewahrt werden. Die Welt ist dann ein Ort, an dem Paranoia nicht als Wahn, sondern überlebensnotwendig scheint. Weniger billig ist das Erschrecken vor sich selbst. Es kann so gravierend sein, dass alles, woran man zuvor glaubte, kontaminiert erscheint, als etwas empfunden wird, dessen man sich so gründlich und schnell wie möglich entledigen muss. Am einfachsten ist es dann gründlich aufzuräumen, zu reinigen, zu säubern, desinfizieren, eliminieren und die Katharsis versprechende radikale Gegenposition einzunehmen, von der aus das überwunden geglaubte Böse umso eifriger verfolgt werden kann.
Das Erschrecken gilt in jedem Fall als Bestätigung von Hilflosigkeit und gravierendem Kontrollverlust angesichts von Mächten, die offenbar in der Lage sind, den Träumenden zum Äußersten zu treiben. Was ‚sie’ aus der Welt gemacht haben, muss ihm als Rechtfertigung seiner als verzweifelt zu imaginierenden Tat herhalten. Im Extremfall (!) zeitigen beide Reaktionen trotz ihrer vorgeblichen Unterschiedlichkeit ähnliche Konsequenzen: Entweder wird die Gefährlichkeit des zu bekämpfenden Feindes als nunmehr eindrücklich bewiesen angenommen, oder die ‚Kontrolle’ muss wiederhergestellt werden. Der Traum gilt als Aufforderung, in Zukunft nie wieder an sich zu zweifeln. Der Schonimmerrechthabende oder an sich selbst Geheilte wird zum Monsterjäger. Zunächst rüstet er sich mit einem Arsenal von Abwehrwaffen aus, das die (in beiden Fällen) Rückkehr der Ungeheuer an ihren Ursprungsort zu verhindern helfen soll. In diesem Stadium allerdings ist die Waffensammlung noch bloße Illustration der notwendig eingebildeten Machtlosigkeit. Kindisch gilt das Wort als Tat und pubertär der Vulgarismus als vollzogener Akt.
Die eigene wie die Aufrüstungsgeschichte der Menschheit werden rekapituliert und mit den Mitteln ungeheuerlich phantasievoll dargestellt, die einem unter anderen die deutsche Erziehung zu Kreativität und/ oder die Accessoires des Setzkasten-Äquivalents Facebook gegeben haben. Als vorbildlich gelten Steine, die von Kindern oder Jugendlichen geworfen werden, Messer, mit denen hochgerüstete Erzfeinde erstochen oder im Schweiße des Angesichts herausgeflexte Rohre, mit denen sie erschlagen werden sollen, durch mit bloßen Händen gegrabene Tunnel geschmuggelte Handfeuerwaffen, mit denen Familien in ihren Wagen oder Schlafzimmern erschossen werden, herumtorkelnde Billig-Raketen, irgendwann eine mühselig in volksrevolutionärer Heimarbeit hergestellte Atombombe, und vor allem Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig opfern, sich inmitten der ihnen gesichtslos erscheinen zu habenden Menge in die Luft sprengen sollen oder wollen. Menschen, die sich Bombengürtel umschnallen, umschnallen lassen oder umschnallen lassen müssen, die Fotos ihrer zum Selbstmordattentat bereit zu sein habenden Kinder und Säuglinge stolz verbreiten. Alles ist erlaubt, solange es nur irgendwie verzweifelte Hilflosigkeit suggeriert.


via Lizas Welt – Pallywood revisited

Der sich endlich erwacht Wähnende versieht sich verbal mit den archaischen Waffen des Opfers – seine Sprache muss entsprechend volksnah und nachvollziehbar sein; er könnte ganz anders, aber natürlich will er nicht. Er hat eine Botschaft, die verstanden werden soll. Gegen alle Widerstände, und die sind so unermesslich wie ihm unbegreifbar, denn in seinen Augen vereint der Feind in und um sich übermenschliche Intelligenz, Macht und Rücksichtslosigkeit; er zersetzt, verdirbt und verblödet das Volk; er verführt und führt die Gutgläubigen in die Irre. Und nichts neidet er ihm mehr als den „Opferstatus“, der doch nur von seinen Gnaden verliehen werden dürfte. In ihn wird alles projiziert, was man sich im Wahn ausgemalt hat und nicht von sich wissen darf. Die deutsche Illusion muss unbedingt aufrechterhalten werden. Deutsche Antizionisten und ostentativ deutsche Philosemiten unterscheiden sich hier nur in der Projektionsfläche ihres Opferstatus – was letztendlich einem deutschen Nachkriegskonflikt geschuldet ist, der jeder der beiden Parteien, die sich um ihrer Existenz Willen diametral entgegengesetzt vorstellen müssen, moralische Überlegenheit sichern helfen soll. (In diesem Rahmen dienen erklärte Antisemiten bloß noch und so oder eben anders als Negativfolie.) Ohne die beiden und ihre (angeblich) gemäßigten Platzhalter ist Deutschland nicht mehr möglich! Soviel hat man aus Auschwitz irrsinnigerweise gelernt. Das deutsche Vermögen, aus Auschwitz noch eine (linke wie rechte) selbsterhaltende Lehre zu ziehen, treibt das Denken tatsächlich an die Grenzen des Wahnsinns. Nicht allerdings gelernt haben die Deutschen, dass sie (als solche) keine Opfer mehr sein wollen dürfen. Dass sie trotz der ausgebliebenen Strafe für ihre Verbrechen ihr mitleidlos ungebrochenes Bedürfnis, sich als Opfer zu gerieren, (das weder genetisch noch kulturell noch irgendwie weitergegeben wurde, das allein ideologisch und entsprechend – notwendig gilt nur für irgendetwas, nicht fürs spezifische – angenommen ist!) weder selbst noch in der Projektion aufzuführen haben.
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Schon sind wir ja Zeugen, wie die sich als ‘links’ verstehenden politischen Gruppen kein Wort verlieren, wenn ein Despot und Paranoiker in Uganda sich abscheulicher Morde schuldig macht; wie sie nicht protestieren, wenn der absolute Herrscher Libyens Gesetze erläßt, nach denen ehebrecherische Frauen gesteinigt werden; wie sie diskret schweigen, wenn in Algerien auch nicht einer der großen ‘chefs historique’ der Revolution noch auf der Bildfläche erscheint. Ben Bella? Er wechselte nur die Gefängnisse der französischen faschistischen Offiziere mit denen des ‘Sozialisten’ Boumedienne. Die Linke hält den Mund. Und sofern sie redet, ist ihr Vokabular im eigentlichen Wortsinne ver-rückt. Die Gewaltregime Syriens und Iraks, wo gelegentlich auch Kommunisten in den Kerker geworfen werden, nennt sie hartnäckig ‘progressistisch’. Israel aber, kein Musterstaat, gewiß nicht, aber doch ein Gemeinwesen, wo Opposition, auch anti-nationale. sich regen darf, ist in der linken Mythologie ein ‘reaktionäres’ Land.
Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit (1976), in: Weiterleben – aber wie?

Dem Konvertiten gilt das frühere Selbst regelmäßig als angepasst und von der fremdgesteuerten Mehrheit oktroyiert. Das Aufbegehren gegen den einstigen Standpunkt hat entsprechend als drastischer Nonkonformismus und geradezu verfemt zu gelten. Verboten ist der Gedanke, dass man endlich der sich prinzipiell als rebellisch ausgebenden Mehrheitsmeinung aufgesessen ist, die alles andere als einförmig und mit unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Sei es derjenige, der sich als selbst erklärter „Antideutscher“ dabei ertappte, seine Aggressionen in als erwünscht angenommenen (!) Phrasen auszudrücken und über das „Wegbomben der Palästinenser“ o.ä. zu schwadronieren. Da eben das dort nicht einmal ansatzweise eingefordert wird, ist das Erschrecken umso gravierender. Weswegen es gilt, die Schuld weit von sich zu weisen und den unheimlichen Verführern zuzuschreiben. Aber man hat zugleich selbst ein ‚größeres Opfer’ (in direkter Opposition zu dem angeblich als ‚größtes Opfer der Menschheitsgeschichte verkauften’ (!)) geschaffen, dem man sich selbstreinigend zuwenden kann. Die neue Identität hat dann um jeden Preis verteidigt zu werden. Und die Hemmschwelle ist niedriger, da man an sich selbst erfahren hat, mit welch grausamen Feinden man es zu tun hat. Und der Sieg ist umso befriedigender, je übermächtiger die Projektion gerät. Im neuen Opferstatus, so friedvoll und ausdrücklich harmlos er sich auch ausgeben mag, ist das Jetztreichtsaber bereits angelegt.

An der Kollaboration mit dem Islam lässt sich ablesen, auf welche Weise man die von den Siegermächten geschaffene Nachkriegsordnung innerviert hat: Jihad und Sharia, Verschleierung der Frau und Terror der Tugendwächter werden nicht als Kränkung narzisstischer Art, sondern als Bestätigung von Straf- und Leidensbedürfnis erfahren, als verdiente Strafe dafür, dass man den durch Ausbeutung und Vernichtung geschaffenen Reichtum mitgenießt – die aber, solange man nicht unter der Herrschaft der Sharia lebt, den Vorteil besitzt, dass man selber davon nicht unmittelbar betroffen ist. Der Islam ermöglicht den linken Abkömmlingen christlicher Sühnebereitschaft eine unerhörte Entfesselung ihrer Strafphantasien am anderen Objekt.
Gerhard Scheit – Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, Bahamas

Oder diejenigen, deren beispielsweise „Sozialismus in einem Land“ die Länder abhanden gekommen sind, und die nun nach einer Ersatzheimat suchen. Gefunden haben wollen die (wenig erstaunlich) viele Deutsche im radikalen Islam, der ihnen als der neue große Gleichmacher gilt. Als weise und gütig, wohltätig und – vor allem – respektvoll lobpreisen sie ihre neue deutsche Religion, die tatsächlich nichts wollen soll als einebnen und Volksgemeinschaft herstellen, diesmal unbereubar weltweit. Der Respekt der meisten deutschen Konvertiten gilt hauptsächlich dem aufopferungsbereiten Sein zum Tode, ihre Sehnsucht dem Schutz vor allem, was den Glauben nicht teilen mag, der verordneten Unmündigkeit all derer, die anfällig erscheinen mögen, insbesondere aber dem Schutz vor sich selbst: Es werden so viele menschliche Projektionsflächen fürs an sich selbst Unerwünschte geschaffen, wie sie nun mal nötig sind – es drohen bereits im Diesseits Strafen, die in ihrer Ausgeklügeltheit und als Gerechtigkeit daherkommenden Gier nach Triebabfuhr Dependancen der Hölle auf Erden gleichen. Die sich als gemäßigt ausgebenden Exkulpierer wiederum wollen das alles einfach nicht sehen, denn irgendwo muss es doch das Paradies geben. Ein verbotenes Paradies – denn zugleich will man an der neuen großen Opfererzählung teilhaben. (Vgl. zu Islamophobie allg. Gerhard Scheit ebd. und aa:b – Zwischen Vorurteil und Ressentiment)
Der Weg ehemaliger „Antideutscher“ nach Deutschland erscheint erst einmal unverständlicher. Ist es aber am Ende nicht. In dem Moment, in dem sie ein Sendungsbewusstsein entwickelt hatten, ein Bewusstsein als, hier: innerhalb der radikalen Linken, unverstandene Minderheit, überhaupt als Gruppe, als Identitätsträger, wurden die Tore weit geöffnet, sowohl in Richtung der konservativen Gegner der Bewegungslinken als auch (zurück) zu deutsch-linken Positionen. Sei es als trotzige Binnengruppen-Rebellen, als bloß immer Recht haben Wollende, des Rechthabens Müde, als sich permanent neu Erfindende, als wieder nach jeglicher Möglichkeit sich als Opfer produzieren zu können Süchtige oder was auch immer, sobald der eigene vermutete Status grundsätzliche (!) Kritik und Reflexion obsolet erscheinen lässt, taucht das Versprechen irgendwie rebellisch anmutender Identifikationen am Horizont der Realpolitik auf. All diese Hoffnungen auf dann doch Sinnstiftung oder Anbindung oder Teilhabe oder Einzigartigkeit im neuen Kollektiv erschöpfen sich aber immer bloß im endlich Ankommenwollen, das auch reine Ideologie ist, und „man verwendet im Französischen das deutsche Wort ‚la Realpolitik’, wenn man Opportunismus meint“, Jean Améry – Weiterleben – aber wie?, 143. Dem Deutschen aber gilt Opportunismus nur dann als verwerflich, wenn er den Deutschen nicht opportun ist. Wenn der Opportunist übers Allgemeinwohl sich erheben will.
Diejenigen ‚Linken’, die in letzter Zeit zu veritablen Deutschen geworden sind, die sich aber nach wie vor nicht als Rechte bezeichnen lassen mögen, nicht als antisemitisch oder misogyn oder sexistisch oder homophob, weil sie den Schein unbedingt aufrechterhalten wollen, sind tatsächlich wesentlich verwurzelter im kontemporären völkischen Mainstream als der spektakulärste Konvertit des Jahres: MaKss Damage (in einschlägigen Kreisen ist das bloß mit Horst Mahlers – den er auch als Vorbild benennt – offenem Bekenntnis zum Rechtsradikalismus zu vergleichen). Während man im (zugegeben kleinen) Kreis der deutschen Stalin-Verehrer noch seine Lieder vor sich hinträllerte und ihm alles zutraute, nur keinen Antisemitismus („Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ – „Der singt ‚lyrisch’! Ätsch! Er meint es also überhaupt nicht so!“ etc.), während man sich explizit darüber freute, dass er die „Antideutschen“ diversen Folterpraktiken unterziehen wollte, an deren Ende meist ihr Tod zu stehen hatte, bereitete sich Julian Fritsch bloß noch auf sein öffentliches Erscheinen als „nationaler Sozialist“ vor. With a bang! Alle hatten es bemerkt, sogar der Barde himself, der das Grinsen mühsam unterdrückend (man sieht geradezu die Regieanweisung: „Ja, großartig, Julian! Aber lächle nicht zuviel. Das ist eine ernste Angelegenheit!“) zugab, in den von ihm in letzter Zeit hergestellten Liedern sei das ja alles schon irgendwie zu hören gewesen (dazu zählt also auch das ausschließlich obszöne „Fünf Finger“!) von seinem Kampf mit sich selbst berichtet. Nur die mit ihm auf einer Linie liegenden wollten nichts mitbekommen haben. Die Schadensbegrenzung reicht von: „Wir hören nur noch die Lieder, die er bis 2009 geschrieben hat, irgendwie oder so“ zu … Schweigen. Jegliche Identifikation mit MaKss Damage erschöpfte sich von Beginn bis zum unrühmlichen Ende in Omnipotenz-Fantasien des selbsterklärten Opfers bzw. deren Bewunderung. Hier wurde zum Anlass vorgeschlagen, doch bitte gleich das Horst Wessel-Lied mitzusingen. Erstaunlich war bloß Fritschs frühe Einsicht in die Herkunft seines Ressentiments. Üblicherweise dauert es länger, bis die Fassade zusammenbricht. Und es handelt sich um nichts anderes, denn bei MaKss Damage war nie eine Entwicklung zu beobachten, die äußert sich seit dem Bruch außerdem lediglich in Reizworten, die Texte kommen trotz ihrer fortwährend obszönen Brutalität noch häufig unfreiwillig komisch daher: „Und reißen uns unsere Augen aus/ Nur, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken“, Vita Germania (ja, sicher: Augen sind einem beim Trinken immer gemein im Weg (cp. Odin)).
Während der konvertierte Moderator der „Stoppt den BAK Shalom!“-Facebook-Gruppe sich von Jürgen Elsässer (der dem radikalen Islam selbst in einer seiner brutalsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen, dem Iran, auch nicht abgeneigt ist, solange er für Ruhe und Ordnung sorgt, und wenn da nur nicht die ganzen ‚Ausländer’ wären, und der wie Mahler von „besetztem Deutschland“, „Schuldknechtschaft“ und dergleichen redet…) noch freiwillig aus den lobhudelnden Kommentaren verabschiedete, weil er sich um seine Facebook-Gruppe zu kümmern habe, bevor Elsässer sich zum Sarrazin-Fan auch offiziell erklärte, muss er vom Damage-Outing kalt erwischt worden sein. Thema bei „Stoppt den BAK Shalom!“ kann das nicht sein, denn da geht es nur um den BAK Shalom und die „Antideutschen“, außer irgendwas anderes passt gerade doch irgendwie trotzdem: die „Verbrechen“ Israels und der USA zum Beispiel. Bisher wurde dementsprechend kein Wort über die verloren, die einem doch angeblich so am Herzen liegen und die derzeit gegen die desolaten Zustände, unter denen sie zu leiden haben, aufbegehren: in Tunesien, im Jemen, in Ägypten, Libyen etc. pp. Bei Elsässer wird das gelobt (eindeutig work in progress – wait and see! Stand Mitte März, 2011), wenn es nicht gerade im Iran oder Gaddafi passiert, und so lange nur keiner „von denen“ nach Deutschland kommt. Die deutschen Massenmedien, von denen sich Elsässer angeblich so abhebt, haben es geschafft, das alles und noch viel mehr Zynisches unter einen Hut zu quetschen.
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Bis das Schwert meines Feindes
Mein Herz aus dem Leibe reißt
Dann pack’ ich mein Hackebeil
Und zieh’ in Walhalla ein

MaKss Damage – Vita Germania

Noch kein von den Deutschen allgemein anerkannter Prophet hat es geschafft, eine über seinen Verfolgungswahn und die wie auch immer projizierte Ausschaltung der angenommenen Gegner hinaus gehende Idee zu entwickeln, und selbst aus dem dem Widersprechenden konnten die Deutschen eine nicht im Werk auffindbare Leidensgeschichte exzerpieren und eine zeitlang für eine ihrer Erscheinungsformen als Existenzgrundlage postulieren. Deutsche Ideologie gerinnt irgendwann zu der irrsinnigen Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man sich genug hat wehren dürfen, gegen das Undeutsche, Inauthentische, bloß Kritisierende, die Spaßverderber oder dergleichen (vgl. Horkheimer/ Adorno – Dialektik der Aufklärung). Überall finden sich nach wie vor und zunehmend mindestens Spuren dieses (mehr oder weniger offene Gewaltbereitschaft erzeugenden) Wahns – in Literatur und Spielfilmen, im Fernsehen und Theater, selbst in der Musik und in der Politik sowieso, bei den Rechten wie den Linken. Meist variieren bloß die herbeigesehnten Verbündeten oder Vollstrecker. Denn das müssen nicht notwendigerweise die Deutschen selbst sein. In Frank Schätzings „Schwarm“ beispielsweise sind sie bloß die bescheidenen, von nicht bezeichnet werden dürfenden Verderbern alles Lebendigen auf der Erde, mundtot gemachten Warner, auf die die manipulierte Weltbevölkerung nicht mehr hören mag, woraufhin sie unterzugehen hat, um umso gemeinschaftlicher, wenn auch mit wesentlich weniger Lebewesen (vgl. Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit) aufzuerstehen. Alles wurzellose, als egoistisch diskreditierte individuelle, luxuriöse, ums goldene Kalb sich ausgelassen sammelnde etc. wurde vernichtet von ihren Lebensraum perfekt ausfüllenden, jederzeit zum Selbstopfer bereiten Opfer-Schwarmwesen. Nun muss alles sich zum Besseren wenden. Ende. Soweit die Phantasie des Bestseller-Autors.
Andernorts ist man ebenso blutrünstig, wie es bei Schätzing zugeht. Ums Reinigen wahlweise des Planeten oder des Internet geht es auch da; das Vorbild heißt dann allerdings Stalin oder „Charta der Hamas“ oder dergleichen. Die Feinde sind identisch. Und wie Schätzing seinen Oberschurken kein einziges Mal als Juden bezeichnet, ihn aber mit einer Anzahl antisemitischer Stereotype ausstattet und Michael Rubin nennt, erklärt man sich dort selbst zu Antizionisten. Das Bedürfnis sich in der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ als Opfer einer weltbeherrschenden Macht darzustellen, die nun auch noch den eigenen Zirkel zu unterwandern droht, grenzt ans Groteske.
Abgesehen von den Feindbildern USA und Israel gilt eine denkbar kleine Minderheit als Vertreter des großen und des kleinen Teufels als winziger, feiger, minderjähriger etc. und dennoch die gesamte deutsche Linke knechtender Dämon in Deutschland: „Die Antideutschen“. Was immer man darunter letztendlich verstehen will, im Weltbild der Gruppe sind sie „Wildsäue“, „Schweine“, „Oberschweine“, „schlimmer als Schweine“ und zur „Keulung“ freigegeben. Dafür muss man sich natürlich erstmal als Verfolgter ausstellen:

Beispiel:

CK: zahle seit Juni keinen Beitrag mehr, ich bin aus der Partei zähneknirschend ausgetreten, obwohl ich 1994 den […] KV […] gegründet habe. Nur habe ich mich irgendwann über die ständigen Anfeindungen und Beleidigungen von völlig fanatischen USA- und Israelfahnen schwingenden Ferngesteuerten [!] („Faschist, dekadentes [?] Arschloch“ usw.) und gezielte, permanenten Provokationen bis hin zu Gewaltandrohung derart geärgert, dass es mir auf die Gesundheit ging. Nach dem Motto: Denen, die den Frieden pflegen kommen manche ungelegen.
[…]
CStS: Ich hoffe, wir bekommen Dich wieder, wenn das Ziel, den BAK los zu werden erreicht ist! Wäre schade um einen engagierten Genossen. Es ist einfach nur beschämend, was sich diese Zionazi-Zäpfchen raus nehmen! Für mich ist mittlerweile „Faschist“ o.a., wenn es von diesen minderbemittelten Gestalten kommt, schon fast ein Lob […] Wenn mir wer mit körperlicher Gewalt kommen will… viel Spass! Von den mickrigen Clowns, die sowieso meist noch nicht ganz trocken hinterm Öhrchen sind, nehm‘ ich es mit 5en auf einmal auf und komm dabei nicht mal ins Schwitzen.
[…]
CK: was die mickrigen Kreaturen betrifft sehe ich das ähnlich wie du, problematisch wird es halt dann, wenn Freundin oder Familie mit rein gezogen werden. Meine Freundin fand es nicht schön, dass unser Haus mit Farbbeuteln beschmissen und die großflächigen Fenster mit Davidsternen besprüht wurden. Leider waren wir nicht zu Hause, sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten.
[…]
CK: wir brauchen die [Polizei] hier eigentlich nicht. hätten die nachbarn die aktion mitbekommen wären die arschlöcher an schweine verfüttert worden… wie gesagt, konflikte werden hier intern geregelt..
[…]
CStS: Die armen Schweine! Das wäre doch Tierquälerei!
[…]
CK: […] Ich habe geschrieben, und ich wiederhole das ungerne [?], dass meine Nachbarn (Landwirte) die jenigen, falls sie diese bei der Aktion erwischt hätten, wohl an ihre Schweine verfüttert hätten. Ich habe Menschen nicht als Schweine bezeichnet, denn Schweine sind kontrastiv zu BAKfischen von hoher sozialer und emotionaler Intelligenz und Kompetenz. Ich bin für mein Engagement gegen die Bahamas-Fraktion bekannt. Ich habe nicht behauptet, dass die Attacke von BAkfischen durchgeführt wurde – auch hier: erst lesen, begreifen und dann kommentieren – vielleicht war es ja auch Justus Wertmüller oder Netanjahu höchstpersönlich. Ich war nicht dabei – wohl aber bei der Ankündigung durch BAKfische, kleine Rotzlöffel, kaum 20 Jahre alt, dass ich zukünftig kein friedliches Leben mehr führen werde. Im Übrigen empfinde ich „Schweine“ nicht als hartes Wort für Menschen. Eine angemessene Bezeichnung für die Bahamas-Fraktion wäre wohl eher „Scheiß Gesindel“, „Zio-Faschisten“ und noch viel mehr, was ich allerdings hier nicht näher ausführen möchte.
Ich habe meine Gründe, warum ich dieses fanatische Pack nicht ausstehen kann
.
Stoppt den BAK Shalom!“- Gruppe bei Facebook (viel Spaß beim Sonnenbaden!)

Die LTI [Lingua Tertii Imperii] ist bettelarm. Ihre Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.
Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Die Vorstellung, dass sich zwei oder drei oder vier „antideutsche Feiglinge“ während seiner und der aller vorstellbaren anderen Mitbewohner hierfür notwendigen Abwesenheit zum Haus von CK begeben, das sich laut seiner Aussage 40km von irgendetwas entfernt befindet, um es mit Farbbeuteln zu beschmeißen und außerdem Davidsterne auf seine „großflächigen Fenster“ zu sprühen, ist tatsächlich genauso wahrscheinlich wie die, dass es Wertmüller oder Netanyahu getan haben. Der deutsche Bürger in seiner Erscheinungsform als „zähneknirschendes“ Ex-„Die Linke“-Mitglied stellt sich als Opfer des weltweit mit allen Mitteln und sogar bis an seine Haustür agierenden Erzfeinds aus, und deutsch nonkonformistisch kann er von nichts anderem als seinen vulgären Gewaltfantasien schwafeln. Die Brutalität der Bilder, die bei „Stoppt den BAK Shalom!“ immer wieder sich selbst und den Lesern ausgemalt werden, zeugt von eben dem Fanatismus, den man dem Gegner unterstellt. Es sind genauso grobe wie detailverliebte Kritzeleien, die an die fäkalfixierten Wand- und Tischmalereien Pubertierender erinnern. Nicht ohne Grund ist unaufhörlich von Schweinen und Säuen die Rede, gleich ob der Gegner nun als genauso widerlich oder viel schlimmer dargestellt wird oder als Schweinefutter dienen soll – dem Deutschen gilt das Tier am Ende noch immer als der bessere Mensch. Die Eigendarstellung hingegen changiert einerseits zwischen männlicher Gelassenheit, wütendem Omnipotenz-Wahn und tragisch aufopferungsvollem Weltschmerz: Man ist einerseits Verteidiger oder Rächer unterdrückter Volksgruppen oder Einmannheimatschutzfront. Und andererseits das einzige Wesen auf der Welt, das noch in der Lage ist, die Leiden Anderer nachzuempfinden, und zwar bis zur Neige: Alles tut weh. Und man ist alles, die Anderen sind immer nur das Gegenteil.
Zusammen finden sich alle deutsch Empfindenden in ihrer allgemeinverständlich sein müssenden Sprache („Um es mal auf gut Deutsch zu sagen…“), und ihrer Bewunderung für Zoten und Vulgarismen – das gilt als hoher Akt deutschen Rebellentums. Als höher erscheint ihnen nur das Raunen – der Jargon der Eigentlichkeit und anders Gedrechseltes. Verständlich sind die nur für den, der aus ihnen die Obertöne oder das Echo des Irrsinns herauszuhören in der Lage ist. Die anderen begnügen sich damit, den ausschließlich exklusive Teilnahme versprechenden Wahn verständnislos als ihnen allein gegebenes Versprechen zu empfinden, zu erleben, zu erfahren.

Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.
Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)

Wenn hier von Deutschen die Rede ist, geht es bereits nicht mehr um den einst oder immer noch verklärten genetischen Pool germanischer Volksgenossen. Wie früher beschrieben, hat sich beispielweise mit der Verbreitung u.a. Heideggerschen Gedankenguts durch seine diversen Adepten deutsche Ideologie weltweit erfolgreich in der wissenschaftlichen wie der alltäglichen Auffassung vom Wesen allen Seins eingenistet. „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ (Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt) Überall findet sich mittlerweile die als defensiv sich gerierende Aggression, überall die vorgebliche Ungeduld, die nichts als dem Wollen Ausdruck verleihen soll: “Jedermann vom politisch Verantwortlichen über den vorsichtigen Journalisten bis zum politisierenden Räsonnierer an der Straßenecke blickt wartend um sich, als wolle er fragen: Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt? Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.” (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie?). Das nicht ahnen, das Améry 1976 vermuten wollte, war damals wie heute wenigstens Selbstbetrug. Es reicht, von sich zu behaupten, dass man kein Antisemit sei und schon gibt es keinen Antisemitismus mehr (vgl. Adorno – Negative Dialektik). Und schon wird die Satire („War Hitler Antisemit?“ Titanic) von der Realität eingeholt, werden ausschließlich als Antisemitismus zu deutende Aussagen exkulpiert oder sinnlos subsumiert. Im Fall John Gallianos beispielsweise war das überwiegend (abgesehen von z.B. Natalie Portman oder Karl Lagerfeld, der aber auch davon sprach, dass es unangemessen sei, derartige Sprüche als Angehöriger einer Branche, in der es viele Juden gäbe, zu tätigen) geäußerte Empfinden angesichts des Skandals Mitleid, nicht mit den von ihm angegriffenen sondern mit Galliano. Es sei schade, dass er sich selbst so ausgebeutet habe und: „„Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste“, sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift „Fashion Daily News“. „Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht“, sagt der Branchen-Insider. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden.““ („Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano“, Stern.online)
Dementsprechend stünde alle negative Deutungsmacht über Antisemitismus allein Adolf Hitler zu, wen der hasste oder nur nicht mochte, konnte einfach kein Antisemit sein – u.a. dieser Logik gemäß hat deutsche Vergangenheitsbewältigung schon immer funktioniert.
Zudem bestehen alle darauf, dass Galliano kein Rassist sei. Die (falsche) Auffassung von Antisemitismus als bloßer Spielart von Rassismus hat dazu geführt, dass Antisemitismus als solcher kaum noch wahrgenommen wird. Und automatisch jeder Vorwurf von Antisemitismus den Bezichtigten als Opfer von wahlweise einer mächtigen Lobby oder mit dieser irgendwie kooperierenden, verbandelten, von ihr verblendeten, aufgehetzten etc. dastehen lässt. Da Antisemitismus nicht als das wahrgenommen wird, was er eigentlich ist, wird selbst die Rede vom Vergasen konkreter, vom Angeklagten als jüdisch identifizierten Individuen nicht mehr ernst genommen. Trotz der expliziten Brutalität seiner Sprache: „But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ (John Galliano)
Galliano hat nicht gesagt, er sei Antisemit, er muss nicht mal sagen, er sei keiner – es wird einfach begründungslos vorausgesetzt. Für Rassismus hingegen werden, wenigstens – wenn auch sonst ganz und gar nicht notwendigerweise! – in den sich kultiviert wähnenden Kreisen, aus denen heraus hier exkulpierende Aussagen getätigt wurden, gesellschaftliche Identifikationstandards vorausgesetzt. Was geschehen wäre, hätte er sich stattdessen dem z.B. den erschreckend weit verbreiteten (weswegen es absurd ist zu behaupten, es gäbe keinen Rassismus mehr!) rassistischen Glauben an die „Inferiorität Dunkelhäutiger“ öffentlich angeschlossen, steht auf einem anderen Blatt. (Und obwohl Gallianos konkrete Äußerung auch ausschließlich rassisitisch verstanden wird, verliert sie erst mit Bezug auf die „(weißen!) Juden“ und allein deswegen für viele ihre Brisanz.)
Das deutsche „Erwache!“ setzte ein als träumend vorgestelltes Wesen voraus, das allerdings kein die Realität im Traum verarbeitendes, sondern ein künstlich in Ignoranz versetzt schlummerndes Volksmitglied sein musste. Der Weckruf erfolgt dann auch immer noch entsprechend der Empfehlung, man solle in persönlicher Not keinesfalls „Hilfe!“ sondern unbedingt „Feuer!“ schreien. Der Freudschen Traumdeutung wird ein kollektives Unterbewusstes entgegengeschleudert und das hat so brutal und rücksichtslos, so allgemeinverständlich und arm an Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren, wie man sich selbst gerade noch verstehen kann.

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Later: Magnus Klaue – Die Bauchredner des Affekts

Oh no! Not again!

Germany once again fared best in the poll, with every country viewing it positively and 61% of people rating it favourably, up from 55% last year.BBC/ GlobeScan-Poll 2011

“Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab. Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic]* to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59% [sic], was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet”.
Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“
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*Da ich von Statistik keine Ahnung habe, kann ich mir et al. die seltsamen Zahlenverwirrungen nicht erklären.

Reread 6: „Stimme kommt von Kuh an Wand“

Trotz allen Stolperns ist Guttenberg im Volk beliebter als bisher. 73 Prozent der Deutschen sind mit der politischen Arbeit des CSU-Politikers zufrieden, zu Monatsbeginn waren dies nur 68 Prozent, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag für die ARD-Sendung Hart aber fair ergab. Nur 21 Prozent sind unzufrieden.Die Zeit, online

„‘Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nach einer Umfrage in der Modebranche der am besten angezogene Politiker Deutschlands. Auf den Plätzen folgen FDP-Chef Guido Westerwelle und Bundespräsident Horst Köhler.‘
Ich gebe auf.

Hermann L. Gremliza, Konkret 10/09, 50

Dass Guttenberg zum bestangezogenen Politiker Deutschlands gekürt wurde, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er tatsächlich gut gekleidet ist. Deutschland gilt der Welt nicht unbedingt als Hort stilvoll gewandeter Menschen – au contraire und das zu Recht. Ebenso kann man von der deutschen „Modebranche“ kaum als einer der Beurteilung entsprechender Fragen fähigen Instanz sprechen. Wer tatsächlich haute couture (oder selbst prêt-à-porter oder überhaupt) entwerfen wollte, flüchtete so schnell wie möglich an adäquatere Orte, geblieben sind fast (!) nur Langweiler, Drittrangige und Zurückgewiesene.
Die, diesmal wirklich „abstruse“ (vgl. allg. Guttenberg, insb. Kommentar zu den Plagiatsvorwürfen, 16.02.2011), Illusion der Deutschen, wenigstens einen internationalparkettfähigen Repräsentanten vorweisen zu können, beruht allein auf ihrer mangelnden Kenntnis in dieser Hinsicht relevanter Beispiele. Abgesehen davon, dass Guttenberg ganz gewiss die seiner Kaste gemäßen Gesten beherrscht: ostentatives Knopf vom Jackett öffnen, wenn man sich setzt, ihn – nur den obersten! – wieder reinfummeln, wenn man aufsteht und sei es auch nur für ungefähr dreißig Sekunden, nicht das Öffnen beim wiederhinsetzen vergessen, all das ausschließlich, wenn man Krawatte trägt; ohne Krawatte, dürfen das Jackett und der erste Knopf des Hemdes offen getragen werden und dergleichen mehr. Abgesehen davon also: Sitzt das nicht alles ein wenig zu eng? Am ausladenden Brustkorb? Sind die Hosen nicht eine Nuance zu kurz? Spannen sie nicht oftmals über den Oberschenkeln? Ja, und was ich bei anderen unbedingt sehen will, mag ich in dem Fall ganz und gar nicht, mal wieder egal – Idiosynkrasien. Desgleichen das Haupthaar: Es spannt überm Schädel Karloffschen (1931, inklusive Pomade) Ausmaßes. Anmuten soll das royal, soll heißen: Egal, solange die Stirn völlig frei von Haar ist. Ein deutscher Friseur (derjenige übrigens, der Angela Merkel ihre ‚neue’ Frisur verpasste) bezeichnet das als: „’sehr englisch und edel’. [Udo Walz] bescheinigt dem neuen Bundeswirtschaftsminister, ‚fabelhaft’ auszusehen.Tagesspiegel – Frisurentrends: Etwas Gel, bitte
Alles an Guttenberg soll den Mann modellieren – huh, goosebumps. Das Süddeutsche Zeitung Magazin zeigte vor kurzem eine Fotostrecke, die Guttenberg als mindestens ästhetisches Vorbild betrachtende junge Menschen im Guttenberg-Look vorführte…
Es ist einer der größten Irrtümer der Deutschen, wenn sie meinen, sie beherrschten die Sprache Englisch. Wie auch ihre Interpretation des angenommenen englischen Stils meist in der sehr deutschen Exzerzierung längst überholter dress codes resultiert, und die britische Ironie, die dort nahezu allem anhaftet, nicht umsetzen kann. Außerdem: Zu den Stammkunden eines Schneiders auf der, sagen wir, Saville Row gezählt zu werden, bedeutet noch lange nicht, dass der einen auch mag („Achtung! Goose-step everybody but: Don’t mention the war!“), entsprechend fallen dann auch manchmal die Designs aus.
Ja, gemein, und bis dato ist das alles nur billige Häme, aber jetzt: Über das hinaus bilden sich Guttenberg und die Deutschen ein, er sei eloquent. Gremlizas Einschätzung der sprachlichen Fähigkeiten von Guttenberg ist uneingeschränkt zuzustimmen: „Stimme kommt von Kuh an Wand“ (ins Deutsche übertragener Neil Simon via Peter Sellers in „Murder by Death“, zitiert nach Gremliza, Konkret 09/09, 66). Was auch immer im Original von Guttenberg stammt, ist wortreicher und inhaltsleerer Jargon. Das Original kann leicht vom Plagiat unterscheiden, wer jemals die home story, die vor einiger Zeit vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde, gesehen hat. Dort kann man Guttenberg live beim spontanen verfassen von Schwurbeleien beobachten, ganz so wie er sein Vorwort zur Dissertation selbst geschrieben hat, und die Rede (2009) zum Jahrestag des Entlastungsattentats (pdf):

Die bei den Deutschen beliebtesten Politiker der letzten hundert Jahre – Wilhelm von Preußen, Paul von Hindenburg, Adolf Hitler, Ludwig Erhard, Helmut Schmidt und Joseph Fischer – haben in den letzten Wochen Nachwuchs bekommen: Karl-Theodor zu Guttenberg. Lesen Sie, was dieser jüngste Liebling der Nation zum 65. Jahrestag des Aufstands der Nazioffiziere gegen ihren Führer am 20. Juli aufgesagt hat:
Ein Gefängnishof verliert in der Regel nie seine Kälte. Eine Kälte, die sich über Insassen wie spätere Besucher zu legen weiß und die jedes Ausmaß an Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht.
Wir halten einen Moment inne und repetieren: Eine Kälte, die Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht, weiß sich über Insassen und Besucher zu legen. Peter Sellers, der Inspektor Sidney Wang in »Eine Leiche zum Dessert«, hätte gefragt: »Was Bedeutung von dieses?«
[…]
Zudem ringt dieser Gedenktag so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben.
Wie? Was? Der Gedenktag ringt so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben? »Stimme kommt von Kuh an Wand«, möchte man mit Peter Sellers sprechen, der so die Worte des hinter einer Elchtrophäe versteckten Gastgebers Lionel Twain (gespielt von Truman Capote) kommentiert.
[…]
Darf man nun das Wort »Ehre« mit der Prinzipientrias »Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde« verbinden? Meines Erachtens bedingen sie einander. Beides, die benannten Maximen und ein damit verwobenes, wohlgesetztes Ehrverständnis, widerspiegeln grundlegende Werte, ja ein Erbe des christlich-jüdischen Abendlandes.
Ob Verwobenes etwas spiegeln kann, bleibe dahingestellt, doch ihr Abendland ein christlich-jüdisches genannt und ihre Ehre mit irgendwelchem Judenkram infiziert zu sehen, hätten die Stauffenbergs sich strengstens verbeten.
(Hermann L. Gremliza, Konkret 09/09, 66)

Um den reaktionären Kern herum nichts als stumpfe statt schillernder Blasen (Guttenberg und Gattin als Glamour-Paar zu bezeichnen, kann auch nur den Deutschen passieren. Außerdem, liebe Brigitte-Redaktion, die Farbe heißt nun eindeutig nicht „Mango“ sondern „Lachs“ …, egal!) Die Sprache des Verteidigungsministers ist eben die, die den einfachen Stammtischbruder zum Stammtisch-Präsidenten aufsteigen lässt: Er gibt allen ein wenig recht und das mit Formulierungen, die jeden auf einmal die ungeheuerliche Relevanz der zuvor bloß besoffen in den Raum trompeteten Platituden, Pöbeleien und Protzereien erkennen lassen. ‚Das hätte ich so nicht sagen können, aber du bist ja auch Doktor irgendwas.’ Dem Stammtisch taugt der akademische Grad bloß zum Ziselieren des grobdeutschen Imperativs. Jovial hat sich der (im weitesten Sinne) Landjunker zur sprachlichen Veredelung des deutschen Nichts herabgelassen. Die Begeisterung ob dieser Herablassung lässt sich auch damit erklären, dass es z.B. in der deutschen Literatur keine umfassende Tradition der Ridikülisierung des Landadels gibt, wie beispielsweise in England, Russland oder Frankreich. Der Typus käme einem sonst irgendwie bekannt vor, und man könnte seine Attitüden und Manierismen leicht identifizieren. So aber glaubt Deutschland an ein einzigartiges Phänomen. Und es soll glauben, will glauben, glaubt. Pausenlos und ohne Sinn und Verstand. Es ist kaum erstaunlich, dass sie ihm Dasmitderdoktorarbeit verzeihen. Denn erstens erinnert sich fast jeder an die Demütigung, die man beim ersten Mal mit den Fingern in der Keksdose, in Mamis Portemonnaie oder dergleichen erwischt werden, erlebt hat – das kann also nur Identifikation stiften. Vor allem aber hat jeder schon einmal gehofft, mit einer blöden Ausrede durchzukommen, dem, der das schafft, ist Anerkennung sicher. Und zweitens wähnt man perfide Mächte am zersetzenden Werk: Intellektuelle! Kritiker! (Endlich kann man’s denen mal zeigen!) Und drittens: Egal, denn es ist die vollkommen leere Fläche, die der Minister darstellt, die zur Projektion eigener Wasauchimmers einlädt. Die Argumente seiner Verteidiger sind dann auch seltsam monoton und unverhohlen und im Wortsinne defensiv. Lustigerweise warf Hans-Peter Friedrich (CSU) der SPD und Den Grünen vor, sie hätten erst in die USA fahren müssen, um Guttenberg (der als ‚Atlantiker’ gilt) mit aus den USA in den bis dato harmlosen Deutschen Bundestag importiertem „negative campaigning“ fertigzumachen – und Jürgen Trittin erklärte er zu einer Art Antideutschem – teehee! Beliebt ist ebenfalls eine neue ‚Dolchstoßlegende’: Der von den Soldaten geliebte Minister soll ihnen entrissen werden, woraufhin sie jeglichen Rückhalt usw. usf. Auf Seiten der Plagiatsfahnderunterstützer wird auch viel Blödsinn gefaselt, beispielsweise dass Guttenbergs Nichtdiss den Wissenschaftsstandort Deutschland gefährde, ja, schrecklich! Außerdem täuschen sich diejenigen, die glauben, er habe diesmal niemanden und nichts, worauf er die Schuld schieben könne: Er hat bereits seine „blöde“ Doktorarbeit für alles verantwortlich gemacht und sie in a way entlassen.
In den Olymp der deutschen Opferdarsteller ist Guttenberg allerdings von … tadaaa… Jürgen Elsässer aufgenommen worden. Wir erinnern uns: Elsässer hat sich bereits selbst ein für alle Male gegen jeglichen Homophobie-Vorwurf immunisiert, ist sich aber nicht zu schade den Beweis erneut anzutreten:

Juergenelsaesser in den Kommentaren zu „Guttenberg – Richtig falsch. Mit schlechten Argumenten gegen einen schlechten Mann“:
neeso: Sie missverstehen den Absatz. Es steht da: „Das Image des Barons“, gerade nicht steht da „die Realität“. Ich habe referiert, was die Spin-Doktoren mit Guttenberg transportieren, wie sie ihn vermarkten wollen, etwa auch was das Geschlchterverhältnis angeht etc. – Dass ich im übrigen kein Freund von Leuten bin, die über Schwul-Sein oder Frau-Sein Karriere machen wollen, verheimliche ich nicht. Deswegen bin ich aber noch lange nicht gegen Schwule oder Frauen, das würde ich ganz gerne auseinander halten.
Der Text zum Kommentar in Auszügen:
Das Image des Barons: Guttenberg ist ein Politiker für deutsche Interessen. Endlich wieder ein Mann an der Spitze und keine Weiberherrschaft mit Schwuchtel-Anhang. Ein Mann, der schon mit seinem Familienstammbaum für Tradition und Tugenden steht, gut angezogen und mit tadellosen Manieren. Ein schneidiger Typ, der mit Splitterweste und Ray Ban so militärisch aussieht wie Tom Cruise in Top Gun. Ein Mann, der zu seinen Soldaten steht, ob am Hindukusch oder anderswo.
Die Realität des Barons: Guttenberg ist der Mann der Amerikaner. Aufgebaut von der Atlantik-Brücke. PR-Arbeit abgestimmt mit der Bild-Zeitung. Seine Mission: Abschaffung der Bundeswehr durch Abschaffung der Wehrpflicht bzw. Umwandlung der Bundeswehr in eine Fremdenlegion unter US-Kommando. Einsatz dieser Truppe, aufgefüttert mit gewaltbereiten Ausländern, auch im Innern. Zerstörung der Moral der Truppe durch Absetzung von Kommandeuren wie zuletzt dem Kapitän der Gorch Fock. […] Wenn Guttenberg fällt, fällt ein charismatischer Gefolgsmann der US-Politik. Aber dass die Rot-Grünen diesen Erfolg für sich verbuchen könnten und mit dem Baron auch die von ihm (fälschlich) genährte Erwartung eines selbstbewußten (!) deutschen (!) Mannes (!) an der Spitze der Politik kaputtgegemacht werden könnte, stimmt mich nicht gerade heiter.
“ Jürgen Elsässer, ebd.

Und schon wieder den Homophobie-Vorwurf erfolgreich abgewehrt, wie auch den der Misogynie, den der Xenophobie und überhaupt alle anderen…
Meanwhile in some parallel universe – da Deutschland Platz für Projektionsflächen braucht, darf sowieso niemand mehr rein: „Frontex startet Mission „Hermes 2011″“. (ARD)

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Earlier: SonntagsGesellschaft – Brei ist nicht immer nahrhaft

„Follow the yellow brick road…“

Doch allein wenn man sich die Fotos der beiden ungleichen Brüder anschaut, fragt man sich rasch, ob die gefärbten Haare, die getönte Brille und der rosa Anzug von Elton John ästhetisch nicht weitaus verkommener sind als der selbstbewusst aus seiner chaotischen Prekariatshütte lächelnde Geoff Dwight.
Florian Illies – Über ungleiche Brüder, Zeit online

Nein, fragt man sich überhaupt nicht und schon mal gar nicht rasch. Und man muss Elton Johns Œuvre nicht mal toll finden, um es nicht zu tun. Dessen Halbbruder Geoff Dwight (der „wärmstens an den verrückten englischen Zauberer Catweazle“ erinnert, ebd.) nämlich, den Illies am Ende bloß mag, weil er diesmal weiß, dass er jemanden um tatsächlich überhaupt nichts beneiden muss, schwafelt ausschließlich vom Glück des Verzichts. Und denunziert dabei den älteren und fast unvorstellbar reicheren Bruder mit entsagungsvollem Pathos als geizig und unsolidarisch, obwohl er ja explizit nicht mal was von ihm haben will. Das gilt dann dem sich als dekadenzphobisch outenden deutschen Zeitgeist-Analytiker als „wahre Gesellschaftskritik“ (ebd.). Der er das passende Vorurteil hinterherschiebt: Mann in „rosa Anzug“ = „verkommener“ als irgendwas. Dann doch lieber ‚authentisch‘ und ‚natürlich‘ in einer Hütte vor sich hinprekarisieren. But… beware! Es gilt, sich sofort mit Elton John zu versöhnen, denn den hat bloß die bösartig sich selbst karikierende Musikindustrie (es führt kein Weg an Adorno vorbei!) zum ‚unechten‘ Outfit und desgleichen gezwungen, wie er in „Goodbye Yellow Brick Road“ (prominently featured on „Life on Mars“, season 2, episode 2) zu beklagen hatte:

So goodbye yellow brick road
Where the dogs of society howl
You can‘t plant me in your penthouse
I‘m going back to my plough

Überdimensionierte Brillen zu Pflugscharen? Ironie kann Elton John besser!

Dritte ernste Warnung an Verschwörungstheoretiker: Wer ist Jürgen Elsässer wirklich wirklich wirklich?


youtube

Liebe Verschwörungstheoretiker!
Nachdem hier bereits auf die aufregende Vergangenheit Jürgen Elsässers verwiesen wurde: Ernste Warnung und Zweite ernste Warnung, geht es diesmal um seine nicht minder spannende Zukunft.
Doch zunächst: Rejoice! Die Welt wird im Jahre 2012 nicht untergehen!
Denn am 4. Juli 2200 wird Jürgen Elsässer definitiv etwas vortragen, und zwar …huh! thrilling!… in Fulda. Laut den clair voyants und Diezukunftsogaraufmedienprojizierenkönnenden von NuoVisoProductions allerdings leider bloß (sollte man seiner etwa bereits nach ungefähr 190 Jahren ein wenig überdrüssig geworden sein?) über „nichts Neues für Diejenigen, die bereits mit Elsässers Bücher vertraut sind.“ Die Botschaft wird folgende sein: „Die Dunkelmächte proben [schon wieder!] die Rückkehr in das dunkle Mittelalter! Deutschland ist [wie üblich] in Gefahr. […] Die privaten Großbanken erwürgen [zum wiederholten Male] die Industrie. […] Es handelt sich [kennt man ja] um die Gier des Finanzsystems. Um eine [erneut] künstliche Krise, hervorgerufen von den Banken. Auch er [wie whatsitsname?] sparte nicht mit Namen, wer den das alles verursacht. Und beim Fall von Arcandor wird er [oh no, not again!] ganz detailiert, denn dafür gebe es [wie in den letzten Dekaden unermüdlich repetiert] eine einfachste Lösung. „Arcandor wurde [wieder einmal] durch Wuchermieten kaputt gemacht. Eigentum verpflichtet! Die Lösung wäre also die [again!] Übernehme der Immobilien [durch whatsitsname?] , und anschließende faire Mietpreise. Ja, manchmal wäre die Lösung unserer Probleme ganz einfach!“ (Ebd.) Und natürlich: Rechtschreib- und Grammatik-Korrekturprogramme werden im Jahre 2200 immer noch nicht zuverlässig funktionieren – au contraire!
Meanwhile in the presence sucht Elsässer in seiner Erscheinungsform als Chefredakteur des Querfront-Magazins „Compact“ verzweifelt nach Vorschlägen fürs Design der 2. Ausgabe, deren Arbeitstitel „Das besetzte Land – US-Truppen in Deutschland“ lautet: „Nun will ich die Kreativität meiner lieben Leser etwas [!] in die Vorbereitung der Nummer 2 einbeziehen. Beginnen wir bei der Titelseite. Zum Foto: Ich könnte man vorstellen, man orientiert sich am beiliegenden Cover von Robert Harris „Fatherland“. Aber die zwei Flaggen auf der Quadriga sollen natürlich die der Besatzungsmächte sein: EU-Sternenbanner und US-Sternenbanner. Gibt es bessere Ideen?“ (Ebd.) Jenseits davon, dass das nur Beschäftigungstherapie ist, weil er ja eigentlich (s.o.) weiß, dass sich eh bis ins Jahr 2200 nichts ändert, gibts bis dato nur die üblich verdächtigen Vorschläge wie beispielsweise den von Pablo – „Das mit den Fahnen ist ne gute Idee.Ich würde noch die israelische dazupacken(„deutsche Staatsräson“laut Merckel)“ und fatimaoezoguz – „Das wollte ich schon vorschlagen, verwarf es dann als doch allzu „unkorrekt“.“ (Ebd., in den Kommentaren)
Damit wären die Weichen für die unvermeidbar folgenden 2273 Editionen des monatlich erscheinen werdenden Heftes unverrückbar gestellt. Denn Elsässer scheint nach all seinen aufreibenden Reinkarnationen* endlich im Deutschenopfernirwana angekommen sein…
Still yours sincerely,
Unverbesserliches Spaltungsopfer, das diesmal nur vor grenzenloser Langeweile warnen möchte!

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* Coming soon: „Reread 7: Warum es den Deutschen völlig egal ist, dass man „hochqualifizierte MigrantInnen“ hervorragend ausbeuten könnte und was das mit der anhaltenden Notwendigkeit ‚antideutscher‘ oderwieauchimmermansienennenmag Kritik zu tun hat“

Auszug :

The Cure – Jumping Someone Else’s Train („Everyone’s happy/ They‘re finally all the same“)

In jüngster Zeit haben zwei prominente Vertreter der Antideutschen (Wolfgang Pohrt und, verschmerzbarer, Jürgen Elsässer) die antideutsche Position verlassen und sind in Richtung Traditionskommunismus (Elsässer) oder politisches Nirwana (Pohrt) abgewandert.
Volker Radke – Zur Debatte um antideutsche Positionen

Die Zeiten, in denen Rechtbehalten Spaß gemacht hat, sind mittlerweile vorbei.
Wolfgang Pohrt – Brothers in Crime

2010, seinem Empfinden gemäß passenderweise zum Jahrestag der Deutschen Einheit, meinte Jürgen Elsässer mit einem Interview, das er 2003 mit Wolfgang Pohrt für die junge Welt führte, auftrumpfen zu können: „Abschied von den Anti-Deutschen. Interview mit Wolfgang Pohrt, dem Urvater der Antideutschen“ (Elsässers verwirrende Bindestrich-Setzung ermangelt einer sinnvollen Begründung…)
Der „Impulsgeber“ der „Antideutschen, noch bevor es diesen Ausdruck gab“, sei Pohrt gewesen. Pohrt wie Elsässer geben seit einigen Jahren nur noch Pseudo-Provokationen von sich. Dass Elsässer sich zum schicksalhaften Datum mit Pohrt verbunden wissen will allerdings, kann nur der Tatsache geschuldet sein, dass der anschwellende Sarrazin-Fan irgendwie um seine Unoriginalität weiß und darum, dass er erkennen musste, dass er immer erst auf einen Zug aufsprang, nachdem der bereits reichlich gefüllt war. Pohrt hingegen wollte am liebsten die Schienen verlegen und dann sofort selbst Schaffner sein, was in seinem Fall dazu führte, dass er tatsächlich bahnbrechende […] Analysen vorzunehmen in der Lage war; bis er entdeckte, dass es einen Rückwärtsgang gibt, mithilfe dessen man auch ganz schön Unordnung im Abteil erzeugen kann. Von Pohrt gibt es im Gegensatz zu Elsässer umfangreiche Bücher, anhand derer sich beweisen lässt, dass er früher Recht und Spaß daran hatte.

27. Januar

Große linke Debatten III: Laminat

In Anschluss an die aufwühlenden Wortgefechte in der Jungle World: Rosenkohl (natürlich pro! Es ist nämlich keine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir Bitteresweilimmermalwiedergiftiges zu vermeiden gelernt haben, sondern dass wir herausgefunden haben, was man essen kann, obwohl es angenehm bitter schmeckt!) und Halloween (wäre mir ziemlich egal, gebe es nicht die unterhaltsame deutsche Empörung übers Amerikanisiertwerden. Also auch pro!) werde ich im Folgenden eine Scheinnichteinmaldiskussion zwischen mir und meiner Person über Laminat nicht einmal dokumentieren.

Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist
Wikipedia – Laminat

Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…


Whatever…

Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!

Es gab mehr als nachvollziehbare Gründe dafür, dass Dielen früher mit Rupfen- und selbst das schönste Parkett mit eindrucksvollen Teppichen (Flokati soll und darf hier kein Thema sein!) bedeckt wurden. Solche, die eher der Bequemlichkeit und andere, die der Ästhetik genüge taten. Beides ist erstrebenswert! Früher ließ man auch einfach die Zigarren- oder Zigarettenasche auf den Teppich fallen. Das ist insofern nicht mehr erstrebenswert, als es keine im Haus mehr oder weniger lebenden Domestiken mehr gibt, die den Dreck lautlos und unsichtbar beseitigen. Aber demnächst haben wir ja hoffentlich alle diese niedlichen kleinen Staubsaugroboter…
Später ließ sich Auslegeware industriell herstellen, und immer noch ist selbst das Massenprodukt Teppich dem Massenprodukt Laminat (das bloß stupide nachzuempfinden sucht, statt des Designers manchmal sogar Innovationsdrang zu befördern!) in Farb- und Qualitätsvielfalt haushoch überlegen. Auf Teppichen kann man übrigens auch nicht ausrutschen, selbst wenn mal ein Glas Wasser umgekippt wurde, auf Laminat schon (another sad experience).
Wie dem auch sei, es gibt eigentlich nur einen wirklich wichtigen Einwand gegen Laminat: Es sieht überhaupt nicht schön aus sondern kitschig, blöde und billig, und nur wer im „Ikea-Paradies“ (© by CdP) leben mag, kann es ansprechend finden!
(DER VERMIETER hat übrigens darüber hinaus die Küche mit Terracotta ähnelnden Fliesen, dieses auch hinsichtlich seiner Unelastizität und Schmutzaufnahmefähigkeit imitierend, auslegen lassen – sehr intelligent: Alles nur ansatzweise Zerbrechliche, das runterfällt, geht unvermeidbar darauf kaputt!)

+ Nur aufgrund meiner unentschuldbaren derzeitigen Zerstreutheit later: SonntagsGesellschaft – Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl. Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World

Exit through the rest room: Wenn Kunst, die auch Produkt ist, alles darf, was dürfen dann Produkte, die sich der Strategien von Kunst bedienen?

Our makeup collaboration with MAC developed from inspirations on a road trip that we took in Texas last year, from El Paso to Marfa. The ethereal nature of this landscape influenced the creative development and desert palette of the collection. We are truly saddened about injustice in Juarez and it is a very important issue to us. The MAC collaboration was intended as a celebration of the beauty of the landscape and people in the areas that we traveled.
Rodarte Company Statement via Colorlines


Landschaft bei Juárez

Zweifellos gehört der Rodarte-Lidschatten der Kosmetik-Firma MAC zu den ästhetisch aufregendsten Erzeugnissen der Menschenverschönerungsindustrie der letzten 100 Jahre. MAC ist bei seinen Benutzern auch bekannt für die limited editions (LE)1: Produkte, die nur für wenige Monate, Wochen oder aufgrund des Ansturms auf die ausgewählten Geschäfte, die sie überhaupt führen, Tage erhältlich sind. Die Illusion von Exklusivität scheint unerschöpflich, denn tatsächlich gibt es regelrechte LE-Fans respektive -Süchtige. Die beschweren sich zwar regelmäßig in einschlägigen Foren darüber, dass sie reingelegt würden; in jeder Anklage schwingt dennoch mit, dass sie sich erneut und ganz und gar gegen ihren Willen davon werden überzeugen lassen, dass das jetzt the real stuff sei.
Die Empörung über die Juárez-Linie gleicht dann auch der des sterbenden Junkies, der dem Dealer mit dem letzten Atemzug noch vorwirft, er habe den Stoff diesmal ja überhaupt nicht gestreckt. Das Begehren nach dem einzigartig überwältigenden Kicktriporwhatever war immer da, aber der Konsum erwies sich als tödlich. Davor hat MAC seine Kunden bewahrt. Und auch davor, diverse youtube-Videos zu produzieren, die die Anwendung z.B. des Lidschattens demonstrieren. Der nämlich erscheint auf den ersten Blick inkommensurabel. Vor allem, da in den letzten Jahren der nude look (sich schminken, um ungeschminkt auszusehen) die Roten Teppiche dominierte.
Das (Inkompatibilität mit dem mainstream look) allerdings war nicht der Grund für den in der Kosmetik-Geschichte wohl einzigartigen Rückzug einer bereits hergestellten und aufwändig beworbenen Make Up-Linie und die Ankündigung, alle erwarteten Einnahmen zu spenden – dabei dürfte es sich um einen Kompromiss aus den üblichen Erträgen der LEs und dem diesmal mit Sicherheit reduzierten Kundenkreis handeln. Das model zum Produkt nämlich suggerierte bereits, dass, wer die Juárez-Farben verwendet, kaum anders kann, als sich leichenartig zu stylen. Derzeit ist aber weder mit einem Comeback des heroin chic der (1920er) 1990er noch – trotz einschlägiger erfolgreicher Filme – dem (anyone? Please! Jenseits von albernen Motto-Partys…) Debut des zombie looks zu rechnen. Als ästhetische Rechtfertigung bliebe außerdem eine Reprise der gothic novel heroine des 19. Jahrhunderts, die, von Bösewichten wahlweise in düstere Klöster oder Burgruinen verschleppt, an Lichtmangel und von ekelerregenden Domestiken lieblos zubereitetem Haferbrei einzugehen drohte. Stattdessen faselten die verantwortlichen Designerinnen, Kate und Laura Mulleavy (Rodarte), hilflos, und als habe Oliveiro Toscani La pub est une charogne qui nous sourit (dt. Titel: Die Werbung ist ein lächelndes Aas) nie geschrieben, ihre Linie sei eigentlich als Hommage an die Schönheit der Landschaft um Juárez herum gemeint gewesen. Wie auch immer…
Im englischen Sprachraum gibt es ein eher unterhaltsames Spiel namens Tenuous, eine Variante der Spielregeln (es gibt diverse) lautet: Jemand gibt zunächst unvereinbar scheinende Begriffe vor, und man muss deren Zusammenhang zum Ursprung nachverfolgen oder zu einem Ziel zusammenfügen. Beim Rodarte Make Up ist das eine einfache Übung: Juárez, bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, Lidschatten, der wie Blut auf Asphalt aussieht etc. = die unzähligen unaufgeklärten Morde an Arbeiterinnen auf dem Weg zu den sweat shops im mexikanischen borderland.
Ob die Assoziationskette der Mulleavys (Kate 31, Laura 30) nun romantisch oder politisch oder romantisch-politisch inspiriert war, kümmert niemanden mehr, der Aufschrei galt (schadenfroh) ihrem (mehr oder weniger blöden) „Zynismus“. Und ist entsprechend bloß der Abwehr geschuldet. Ob die Designerinnen nun naiv einem historisch nicht einmal beispiellosen Schönheitsideal von dem Tod geweihten oder toten Frauen huldigen wollten oder meinten, eine besonders originelle Idee zur Aufmerksamkeitsgenerierung entwickelt zu haben, sie haben die Informiertheit und das Empörungspotential sowohl der einschlägigen Presse als auch ihrer meistens relativ wohlhabenden und entsprechend häufig sozial irgendwie engagiert sein müssenden Kunden unterschätzt. Man stelle sich vor, eine der Damen, die sich ausschließlich für die Rettung spanischer Straßenhunde einsetzt, träfe auf einem Empfang eine Bekannte, die weibliche Gewaltopfer in Mexiko unterstützt und würde gefragt, was sie denn da für ein ausgesprochen apartes Make Up aufgelegt habe und antwortete darauf: „Das ist die Juárez-Linie von Rodarte. Ganz exklusiv. Ein wenig gewagt womöglich, aber…“ „DIE WAS?-LINIE?“ Sowas kann einem schon den Abend ruinieren, und da das Gesicht zum Kleid passen sollte, ist einem die Möglichkeit verwehrt, in den rest room zu eilen und sich fluchend abzuschminken, ganz zu schweigen von den Peinlichkeits-Flashbacks in den nächsten mindestens zehn Jahren. Und das obwohl man jede Petition zur Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetikindustrie unterschrieben hat, ganz viel im Bioladen einkauft und den Müll sowas von trennt…

We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

William Shakespeare – The Tempest

Those elements were ejected into space by the force of the massive explosion, where they mixed with other matter and formed new stars, some with planets such as earth. That’s why the earth is rich in these heavy elements. The iron in our blood and the calcium in our bones were all forged in such stars. We are made of stardust“.
Edward Zganjar, cited on Science Daily – Physicist Finds Out Why „We Are Stardust…“

Auf der anderen Straßenseite hingegen lässt man sich bereitwillig mit Dämpfen einnebeln, die aus dem Wasser gewonnen wurden, mit denen Tote in mexikanischen Leichenhäusern vor der Obduktion gewaschen wurden. Im Buch zur Künstlerin heißt es entstellend: „Die darin gelösten ‚Lebensspuren’ verbreiten sich unsichtbar in der Luft und lassen erneut die Toten in minimalen Spuren anwesend sein. […] Indem die Luft eingeatmet wird, ist der körperliche Kontakt unmittelbar und direkt. […] Dies führt zu einer Identifikation mit den Toten, zu einer unmittelbaren Ineinssetzung: Die Toten werden im Besucher verlebendigt, der Besucher in den Toten sterblich.“ (Udo Kittelmann, Klaus Görner, Hg. – Teresa Margolles. Muerte sin fin)
Selbst auf atomarer Ebene gibt es keinerlei Masseunterschied zwischen dem lebendigen Individuum und dem toten Menschen. Das unmittelbar Schockierende an der Installation von Teresa Margolles ist nicht der entweder alberne oder tragische Film-Effekt (Ghostbusters oder Ghost) von Verstorbenen, die einen plötzlich durchdringen (whoooshwhoaaa…), sondern die Erkenntnis, dass wirklich nichts Relevantes mehr da ist. Und dass dafür gesorgt wurde. Die angeblichen ‚Lebensspuren’ haben nicht das Geringste mit menschlichem Leben und mit dem Individuum schon gar nichts mehr zu tun. Identifikation oder Ineinssetzung sind also nur noch mit einer Art von Ursuppe zu haben, mit einem Ektoplasma oder einem Fluidum, einem esoterischen Wahn, einer Aufkündigung des Individuums. Margolles ist mit ihren Installationen und ‚Skulpturen’ dem, was Menschen anderen Menschen antun können, so nah gekommen, wie es Kunst nur kann, und das ist bloß eine Ahnung, und eben deswegen bedeutet jede explizit empathische Deutung ihres Werks mindestens einen Schritt zurück. Alles, was Margolles umsetzen kann, und darin besteht die Eindrücklichkeit ihrer sehr weit gehenden Abstraktion, ist, auf die grausam produzierte Leerstelle hinzuweisen. Und einen körperlichen Effekt zu erzeugen, der im besten Falle nicht die unmögliche und entsprechend kitschige Illusion von Wiederbelebung erzeugt sondern angemessenen Ekel vor dem, was man aufgefordert wird zu inhalieren. Wer das nämlich mit tiefen Zügen und gutem Gewissen einatmet, hat sich schon versöhnt, wer abwehrend aber wehrlos so flach und kurz wie möglich Luft holt hingegen, erfährt wenigstens die Ahnung vom Skandal.

Selbst Margolles’ ‚gegenständlichere’ Arbeiten, wie beispielsweise ihre oben dokumentierte Arbeit für die Biennale in Venedig 2009 oder der kleine Betonklotz, dem man nicht ansieht, dass er als billiger Sarg für einen toten Fötus dient, zeugen nur von Missachtung und Leere, von Unwiederbringlichkeit. Margolles arbeitet konsequent mit dem, was sie bloß noch als Material auffinden kann. Ein Material, das Peter Schiering im Zusammenhang mit Xu Bings – Margolles’ Arbeiten oberflächlich ähnelnder Installation – „Where does the dust itself collect?“ unangenehmerweise als „konkretes, sinnliches Material“ (artnet) bezeichnete. Xu Bing verwendete Staub vom Ground Zero. Am Ende der Spurensuche steht dann auch zu Verwertendes, Einebnendes und Nichtiges: „Von der Decke des Raums im MMK tropft aus vielen kleinen Ventilen normales Leitungswasser auf auf den Boden und die Besucher herab. Der Gedanke eines Kreislaufs, die Abfolge von Verdunstung und Niederschlag, ist wie ein Kommentar […] zum Kern der Arbeit von Teresa Margolles zu verstehen. Die Leichen werden – und nicht nur in Mexico City – durch ein ausgeklügeltes System bürokratischer “Entsorgung“ möglichst reibungslos zum Verschwinden gebracht, der Skandal, den jeder Tod bedeutet, so gut es eben geht, bereinigt. Aber der Tod bleibt in der Luft und findet überall seinen Niederschlag. Die Spuren mögen noch so sorgfältig verwischt werden, durch alle Ritzen dringt er in unser Leben wieder ein. So gesehen ist jedes Wasser, mit dem wir uns waschen, das wir trinken, von der gleichen Qualität, wie das aus der Gerichtsmedizin in Mexico City.“ (Kittelmann, Görner, ebd.)
Damit aber löst sich dann alles in Beliebigkeit auf, und dem zum Teilnehmen gezwungenen Ausstellungsbesucher bleibt die fast beruhigende Erkenntnis, dass man eben überall vom Tod umgeben sei. Darüber kann man Celans (und die Anspielungen im Kommentar auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie sind kaum zu überlesen) entsetztes „Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng […] dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“ oder André Schwarz-Barts tragisches „Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken“ auch hierzulande als im Weltgeschehen nunmal alltägliche Erfahrung mit Verlust und Tod abheften.



Ian McEwan sind die Morde von Juárez einen kurzen, die Seltsamkeit der – diesmal wirklich – Landschaft noch ein wenig mit düster monochromem Lokalkolorit versehenden Absatz in seinem letzten (eher misslungenen) Roman „Solar“ wert. Und At the Drive-In haben ein unwichtiges Lied mit dem Thema eher unbeholfen bebildert. Juárez hat Eingang in die Pop- und Hochkultur gefunden. Den (unberührt) schönen Lidschatten der Mulleaveys hätte man mit ein wenig esoterischem Versöhnungswillen auch noch gut verkaufen können. Was kunstvoll wie Blut auf Asphalt anmutet, würde dann erst in seiner Zerstörung sinnstiftend, mit dem Zeige- oder Mittelfinger oder einem Applikator verrieben und übers Auge des Nutzers geschmiert, trüge der irgendwann unvermeidlich, aber so wenigstens ostentativ ein paar Atome der Opfer mit sich herum.

  1. Bei allem, was hier zum Thema Kosmetik geäußert wird, handelt es sich ausschließlich um meine persönliche Meinung und sowieso um Satire und keinesfalls um eine Qualitätsbewertung der Produkte. Zu einer solchen bin ich überhaupt nicht in der Lage.[zurück]

+ Later – Passt schon: „»Black Swan« ist von der ersten Minute an ein großes Spektakel, ambitioniert und sichtlich um eindrucksvolle Schauwerte bemüht: gothic-gleiche Tanzszenen, exzentrisch-darke Tutus (die Entwürfe haben die Schwestern Kate und Laura Mulleavy des Modelabels Rodarte gefertigt), virtuose Spiegelszenen, eine entfesselte, dabei aber unfassbar fließende Kameraführung, leicht angeschmuddelte Erotik, Psychogrusel, Body Horror, Dornen, Blut und Scherben.Esther Buss – Beautiful Monster, Jungle World

Breaking news: Morgenthau lebt!


(Siehe Link unten)

Finanzcrash, das Forum zur völkischen Währung, wartet mit einer sensationellen Enthüllung auf: Der 1967 (angeblich?!) verstorbene Henry Morgenthau wurde offenbar bis 1989 entweder (dann doch quicklebendig?!) gut versteckt, um ihn bei Bedarf erneut auf ‘den Deutschen’, ‘das Deutsche’ bzw. Deutschland (? s.u.) loszulassen oder zum selben Zweck im selben Jahr in einem geheimen US- oder noch schlimmeren Labor rekonstruiert respektive reanimiert1, denn: “Für die, die das nicht wissen, Morgenthau war ein Philanthrop, wie unsere Qualitätsmedien wissen, der eine radikale Neugestaltung des Deutschen umsetzen wollte, dann aber bis 1989 gestoppt wurde.” (sammelleidenschaft, ebd.) Für die, die auch das nicht wissen: Morgenthau wollte ‘den Deutschen’ oder ‘das Deutsche’ nicht ‘neugestalten’, das waren die, die den nach ihm benannten Plan ausgesprochen sinnvoll erscheinen ließen. Morgenthau wollte ganz im Gegenteil Deutschland abschaffen. Wer nach den “zwölf Jahren” (German translation for Holocaust, genocide, crimes against humanity, indescribable cruelties…) wenigstens dieses eine Ansinnen nicht willkommen heißen mag… wie auch immer.

  1. Warum das als erfreuliche Nachricht aufgefasst werden sollte, ist u.a. hier! nachzulesen.[zurück]

Kübra Yücel würgt oder Warum man sein Pausenbrot auch mal wegschmeißen sollte

How do you do?“ said Miss Bartlett, with a meaning glance, as though conveying that more than dahlias had been broken off by the autumn gales. […]
Not the scissors, thank you, Charlotte, when both my hands are full already – I‘m perfectly certain that the orange cactus will go before I can get to it.“
Mr. Beebe, who was an adept at relieving situations, invited Miss Bartlett to accompany them to this mild festivity.
„Yes, Charlotte, I don‘t want you – do go; there’s nothing to stop about for, either in the house or out of it.“
Miss Bartlett said that her duty lay in the dahlia bed, but when she had exasperated every one, except Minnie, by a refusal, she turned round and exasperated Minnie by an acceptance. As they walked up the garden, the orange cactus fell, and Mr. Beebe’s last vision was of the garden-child clasping it like a lover, his dark head buried in a wealth of blossom.
„It is terrible, this havoc among the flowers,“ he remarked.
„It is always terrible when the promise of months is destroyed in a moment,“ enunciated Miss Bartlett.

E.M. Forster – A Room With a View (1908)

E.M. Forsters „Charlotte Bartlett“ vereint in sich sowohl die grausamsten als auch die mitfühlendsten Aspekte parodistischer Beschreibungen von Frauen, die man nur unter der gesellschaftlich irrelevanten Kategorie ‚mitten im oder jenseits des Klimakteriums’ fassen kann, durch britische Autoren des 19. Jahrhunderts. Mit „cousin Charlotte“ hat der politisch durchaus progressive und stilistisch seltsam konservative Forster („Maurice“, „Howard’s End“, „A Passage to India“) eine Figur, wie sie Charles Dickens, William Wilkie Collins, Charlotte Brontë oder vor allem Jane Austen hätten erzählen können, ins 20. Jahrhundert entweder gerettet oder rücksichtslos gebeamed. Mitfühlend ist sein Beharren darauf, dass sie trotzdem träumen und hoffen kann, dass sie begeisterungsfähig ist und schrecklich gerne tolerant wäre. Grausam ist, dass alles Träumen und Hoffen und Sehnen auf andere projiziert werden muss, denn Charlotte ist ihm und seinen Lesern einfach zu alt, um noch durch Leidenschaften oder (von Forster immer wieder impliziert: sie und ihre/n Partner/in befriedigenden!) Sex aus den anerzogenen Konventionen gerettet werden zu können. Brutal konstatiert Mrs Honeychurch, die Mutter der jugendlichen Protagonistin Lucy, dieser fatale Ähnlichkeit mit ihrer ‚ältlichen‘ Cousine, woraufhin Lucy über sich selbst erschrickt und am Ende dann doch den richtigen Ehegatten (!) wählt. Nämlich den, mit dem es Leidenschaft und Konventionsbrüche geben wird und nicht den ironisch beobachtenden, der sie letztlich als Sammlerstück betrachtet. Während man im eigentlichen Roman den altertümelnden Stil noch der Intention des Autors, seine Agenda von Liberalismus und Ausbruch so weit wie möglich zu transportieren, zuschreiben mochte, hat er fünfzig Jahre später einen Appendix hinzugefügt, welcher der Zeit auch inhaltlich nicht mehr gerecht werden kann. Aber zumindest darf Charlotte darin dem anhaltend romantischen main couple Lucy und George ihr eventuell kümmerliches (Ob Charlottes Unfähigkeit, beispielsweise den Kutscher zu bezahlen aus Dyskalkulie, der damals hochgradig komplizierten britischen Währung oder egoistischer Berechnung resultiert, wird nicht explizit dargelegt.) Vermögen hinterlassen haben.
Charlotte Bartlett aber weist, trotz aller nett gemeinten Widersprüchlichkeiten, einen Charakterzug auf (und da wird sie zu einer veritablen Austen-Figur!), der sowohl die anderen Romanfiguren wie auch den Leser nervt, denn so gut wie jeder kennt mindestens eine Person mit ähnlichen Eigenschaften: Sie leidet nie wirklich selbst! Nichts ist ihr wichtiger, als permanent auszustellen, dass ihr eigenes Martyrium angesichts dessen der anderen höchstwahrscheinlich irrelevant sei, dass sie gerne verzichte, dass es sich alle sehr gerne auf Kosten ihrer Bequemlichkeit gut gehen lassen könnten, dass sie zwar am Unglück der anderen leide, es ihr aber deswegen selbst nicht wirklich schlechter gehe, weil sie ja überaus gerne bereit sei, die Last der Welt oder eher die ihrer Familienmitglieder auf ihren Schultern zu tragen. Miss Bartlett verbirgt ihr individuelles Leiden an so ziemlich allem hinter ostentativ vorgetragener Aufopferungsbereitschaft und entsagender Duldsamkeit. Natürlich trägt sie zu dick auf, doch auch das kann man als geschickte Strategie auffassen. So wandert sie versagungsvoll durch den Roman, in dem sonst jeder bereit ist, seinem Begehren nachzugeben und kommt daher wie ein Schulmädchen, das aus den Geschichten für brave Töchter immer nur die Moral mitgenommen hat. Natürlich hat sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist im Kampf für die Rechte der Ihren durchaus bereit unhöflich zu werden, aber alles im Rahmen der Schicklichkeit und mit einer Leidensmiene, die bloß nicht als ihr selbst geltend zu verstanden werden hat. Brave „poor Charlotte“!
Auf den Ausdruck des eigenen, des individuellen Leidens zu verzichten, ist in der deutsch geprägten Opfer-Ideologie ein Schritt in die richtige Richtung. Der Verzicht adelt, und man darf jeden Vorwurf von Wehleidigkeit von sich weisen. Wehleidigkeit gilt in diesem fortgeschrittenen Stadium als verachtenswert, Objekt von Lächerlichkeit – so Mitleid erregend der Einzelfall auch erscheinen mag. Was man sich selbst als Individuum versagt, weil man es sich fürs Kollektiv aufzubewahren hat, soll am Ende auch keiner anderen Person gewährt werden. Es gibt Menschen, denen geht es besser, wenn sie sich vorstellen, dass es anderen noch schlechter geht, und die dann brav ihr verhasstes Pausenbrot essen, weil „die armen Kinder in Afrika“ usw. usf. Irgendwann verachtet man natürlich auch die, schließlich hat man nur ihretwegen dreizehn Jahre lang tagtäglich widerlich labberiges Graubrot mit Margarine und womöglich Streichkäse (und, nein, ein paar Smarties drauflegen ist nicht hilfreich – die Smarties schmecken dann erstmal nach Brot und auf dem Brot sind eklig bunte Farbflecke!) in sich hineingestopft, statt sich am Kiosk, den es in der Nähe jeder Schule gibt, verbotenerweise Chips und Bunte Tüten und Coca Cola zu holen oder wenigstens irgendwas vom Bäcker.

Allein steigt der kleine Emrah in den Bus. Im Hintergrund läuft melancholisch-dramatische Arabeskmusik. Betreten guckt Emrah auf seine löchrigen Schuhe, langsam hebt er den Kopf. Wehleidig schaut er den Busfahrer an. Seine Kugelaugen senden einen Welpenblick. Die Unterlippe tritt traurig hervor. „Onkel“, sagt er schließlich zu dem Busfahrer, „kann ich … ein … Schülerticket haben?“ Buhu. Heul. Man möchte diesen Jungen am liebsten in die Arme schließen. Nein, adoptieren. Bis in alle Ewigkeit für ihn sorgen. Der Arme, er leidet doch so. Würg. Das ist das türkische Kino der 80er Jahre mit „Kücük Emrah“ in der Hauptrolle – dem Milchbubi, dem das böse Leben immer übel mitspielt. Deshalb singt Emrah mit wackliger Stimme von seinem Leid und geht auf Mitleidstour.
Grausam finde ich das. Bis heute kann ich mich über Menschen, die sich in Mitleid einlullen und hilflos dreinblicken furchtbar ärgern.

Kübra Yücel – Buhu. Heul. Würg (taz-Kolumne: Das Tuch)


François Truffaut – Les quatre cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn, 1959)


Abbas Kiarostami – Khane-ye doust kodjast? I (Wo ist das Haus meines Freundes?, 1987)

Wer nicht einmal mehr mit verzweifelten Film-Kindern wenigstens Mitleid haben mag, weil er selbst das Stadium des leidenden Individuums zu überwunden haben glaubt, ist fast im Opfer-Nirwana angelangt. Antoine (Les quatre cents coups ) und Ahmed (Khane-ye doust kodjast?) beispielsweise sind zu Recht als tragisch empfundene Interpreten der unerträglichen Katastrophen, denen das hilflos gemachte Individuum ausgeliefert ist. Gerade weil sie alles andere als Stellvertreter sind; sie stehen für kein Prinzip und keine Identität. Und das eigene Mitempfinden ihrer Ausgesetztheit in einer feindlichen Welt mag im schlechtesten Falle kitschiger Rührseligkeit entspringen, im besten Falle allerdings einer Erkenntnis. Weder Antoine noch Ahmed fordern jedoch überhaupt zu Rührseligkeit heraus, erschreckend ist in beiden Fällen, dass sie zwar große Kinderaugen vorzuweisen haben, aber ihre Mimik sonst kaum etwas auszudrücken in der Lage ist als Angst, Irritation oder (trotzige) Abschottung. Die Möglichkeit, eine Bitte um Hilfe zu signalisieren, Mitleid einzufordern ist dagegen schon ein Hoffnungsschimmer.
Das Mitleid der in der Opfer-Ideologie sich dem Gipfel der Moralität nahe Wähnenden hingegen gilt bloß noch den fürs Kollektiv sich Wehrenden. Für die darf man dann auch eigene Tränen vergießen. Und irgendwann werden irgendwo die Kinder zum Steine auf Panzer schmeißen auf die Straße geschickt, von Kameras begleitet, oder bis zur Unkenntlichkeit als kleine Selbstmordattentäter verkleidet. Damit man endlich um sie weinen darf, es geht ja schließlich nicht mehr um das Leiden des Individuums. Man ist nicht mehr wehleidig sondern engagiert, unkorrumpierbar und empathiefähig.

Aber: Muslime haben keine Exklusivrechte auf die Opferrolle. Trotz all dem Tamtam bleibt Islamfeindlichkeit nämlich nur eine von vielen Formen der Diskriminierung. Schwarze, Juden, Schwule, Frauen – sie machen alle solche Erfahrungen. Muslime waren und sind nicht allein damit. Ausgrenzung und Herabwürdigung sind schließlich gesamtgesellschaftliche Themen. Muslime müssen sich nicht ganz allein für ihre Belange einsetzen. Weder mein Bekannter noch ich sind also allein und schon gar nicht hilflos. Gemeinsam mit anderen können wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie bekämpfen. Klar, erleben wir Dinge, da müssen wir weinen dürfen. Aber nicht stets und ständig. Mit der Mitleidstour und dem Opferblick retten Kücük Emrahs nämlich nur sich selbst. Andere Menschen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, bemerken sie nicht. Deshalb an alle, denen es noch nicht aufgefallen ist: Die 80er sind vorbei.
Kübra Yücel , ebd.

Die 80er sind seit dem 1. Januar 1990 vorbei (eigentlich schon seit 1988, aber das ist eine popkulturelle Zäsur), wer es immer noch nicht gemerkt haben sollte, befindet sich vermutlich derzeit entweder in einer psychiatrischen Anstalt oder hat wider Erwarten bald einundzwanzig Jahre in Isolationshaft überlebt. Der Zynismus des vorhergehenden Satzes ist der Selbstgerechtigkeit gegenüber diesem einen wichtigen Aspekt der Geschichte eines Kindes geschuldet, das nämlich gar nicht anders kann, als nur sich selbst aus einer unerträglichen Situation retten zu wollen (und jemandem, der offenbar noch niemals z.B. Bleak House oder Nicholas Nickleby oder Jane Eyre oder Wuthering Heights oder Mansfield Park oder The Secret Garden oder The Turn of the Screw oder Der Zauberberg oder Die Buddenbrooks oder Les misérables oder East of Eden, oder welches Buch der Weltliteratur auch immer, dessen Autor, es wagte, sich tatsächlich in die Kinderhölle zurückzubegeben – und damit ist nicht Kästner, der es nur behauptete, gemeint! –, sondern bloß von Michael Ende und seinesgleichen verfasste Geschichten mit einer Moral gelesen hat). Das mit dem Kollektiv, das einen sich dann sogar mit dem Verzicht auf die Einzigartigkeit der Opferrolle der als eigen angenommenen Gemeinschaft brüsten lässt, kommt später und zunehmend unvermeidlich. Wenn lange genug zugerichtet wurde. Im Kontext lässt sich das duldsame und tapfere (und ganz und gar nicht neue) Bestehen auf immer wieder gerne nachgiebiger Einordnung in diverse andere Kollektive als nichts anderes denn als Anspruch deuten. An die, die darauf insistieren, dass Leiden individuell erfahren wird und die nach wie vor von allen Opferneidischen pervers als ultimativer Konkurrent empfundenen Opfer der deutschgemeinschaftlich um jeden Preis das einzige Opferseinwollenden.
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass es ‚auch in’ Deutschland Rassismus und Homophobie gibt – au contraire!, dass Frauen nach wie vor benachteiligt oder unterdrückt werden, und auch nicht daran, dass es Vorurteile gegenüber als solchen pauschal definierten Muslimen (bequemerweise alle Türken, Araber, Perser etc.) gibt, die sich vor allem aus Xenophobie oder Rassismus speisen und aufgrund derer der Islam vor allem als eine ‚Gesellschaftsform‘ abgelehnt wird, die den Deutschen darüber hinaus bloß allgemein fremdartig genug erscheint, wie einstmals die „Gelbe Gefahr“, um sich wehrhaft geben zu dürfen. (Auf der anderen Seite allerdings führen solche Pauschalurteile zu einer vehementen Verteidigung kultureller Unterschiede, die je nach politischer Selbstdarstellung u.a. der (Opfer-)Identifikation oder der Aufrechterhaltung einer deutsch gemeinten Kasten-Ordnung dienen.) Jeder, der aufgrund solcher ‚Identitätsfallen‘ (Amartya Sen) auch nur die geringste Benachteiligung erleidet, hat ein unwiderrufliches Recht darauf, sich ausführlich zu beschweren, anzuprangern etc. und als Individuum sein mit Sicherheit empfundenes Leiden daran zu artikulieren. Als Individuum aber kann nur agieren, wer über das legitime Aufbegehren gegen statistisch erfassbare Diskriminierung hinaus sich nicht nur stellvertretend sondern selbst leiden zu sehen in der Lage ist.
+ Counting beans in Cinderel…err… Ms Yücel’s lentil soup: „Muslime“ sind also nicht alleine, es gibt außerdem noch „Schwarze, Juden, Schwule, Frauen“, und gemeinsam können sie „Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie“ bekämpfen. Eben!

Highly recommended reading:
WADIblog – Mal weinen dürfen. Kübra Yücel macht sich Jahresendgedanken

„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

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Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]