Archiv der Kategorie 'Warenfetischismus'

Letztes Pausenbild


My Wondrously Nightmarish Mind: Breeding Space I (Detail)

Aufgrund von Ausstellungsvorbereitungen geht es erst ab September (later: dann doch eher im Oktober…, noch später: im November aber definitiv… Dezember… Januar … errr März…) weiter, u.a. mit:

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VII: 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Und:

„Boys and girls come out to play/ What are we gonna destroy today?“ Der „Provokateur“ als Märchenonkel

Auszug:
Im Anhang zu Wolfgang Pohrts „Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins – BRD 1990“ geriert sich der Autor als Märchenonkel: „Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde und dann ein großer Wüterich“ (ebd. 285f). Bereits 1990 schien eine Michael Ende-Parodie anachronistisch, den vorhergehenden 284 Seiten und dem kurz darauf folgenden „Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“ geschuldet jedoch war ‚man’ mehr als bereit, das zu ignorieren. Offensichtlich zu unrecht, denn der Puppenkisten-Jargon scheint als mögliches Versöhnungsangebot dann doch schon lange unter all dem Ichzeigseuch gelauert zu haben. Das ist alles andere als ungewöhnlich, sondern der übliche Lauf der Dinge. Fontanes deutsches Diktum „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sucht später oder meist früher jeden Bereitwilligen heim, umso deutscher je später es anklopft. Denn deutsche Revolutionen kommen immer später aber eben desto affirmativer.
Was auch immer man an Pohrts eigentlich kaum noch überraschenden Volten bemäkeln mag, am sympathischsten sind diejenigen, die er immer noch enttäuschen kann. Steilvorlagen sind üblicherweise etwas, das man zu Ungunsten des Liefernden auszulegen bereit ist; von Pohrt erwartete man aufgrund (oder gerade trotz!) dessen zeitweiser Salinger-Mutismus-Attitüde irgendetwas Relevantes. Spätestens nach dem Interview, das er dem darob triumphierenden Jürgen Elsässer gab, war jedoch klar, dass die Provokation auch für Pohrt andernorts vielversprechender erschien.
{…}
Wer nach dem 11. September 2001 sich keine Sorgen um die machte, die hierzulande aus rassistischen Gründen als Islamisten zu gelten hatten – beispielsweise alle als solche zu definiert haben werdenden Araber und Perser und Türken, die man oder auch nicht kannte, und die man aus der oktroyierten Verantwortung retten wollte, weil man wusste, dass die Attentäter sie unbedingt in Geiselhaft nehmen wollten – wer sich also keine Sorgen machte, hatte keine Freunde. Weil’s aber Deutschland ist, gab es mal wieder keine Individuen, und so hatten diejenigen, die nicht das Geringste damit zu tun haben wollten, Nichtfreiheiten von zu Nichts erklärten zu verteidigen. Deutschland erwies sich erneut als genauso deutsch, wie man es befürchtet hatte. Seinen Rassismus stellte man bloß deshalb hintenan, weil man sich ihm seit eh und je selbst ausgesetzt zu wähnen hatte. Am Ende kennt das „Deutsche Opfer“ vonwasauchimmer regelmäßig den einen Feind: „Die Juden“ und jeden von ihnen „Beeinflussten“. Dass die Deutschen konstant bereit sind, selbst ihren Rassismus zu(un)gunsten ihres Antisemitismus zu suspendieren, sollte jedem zu denken geben, der im „Antiislamismus“ (der u.a. deswegen keine neue Kategorie definiert, weil er eben nichts anderes ist als der übliche Rassismus respektive z.B. die alte Furcht vor der „Gelben Gefahr“) den „neuen Antisemitismus“ zu erkennen Willens ist.

Und:

„Fault-il brûler Wertmüller?“ Toward the end of fashion

Auszug:
In dem unangenehm überbewerteten Film „The Social Network“ wird behauptet, Mode könne kein Ende erreichen. Im „The Social Network“-Universum aber existiert so etwas wie Mode jenseits von H&M-Artigem nicht einmal; dort erschöpft sie sich in männlicher (!) Schlampigkeit, die das Gegenteil von einem Versprechen sein darf und trotzdem beleidigt, und allerbilligstem Groupie-Style. Selbst Dascoolemädchen (das große Versprechen seit der Dietrich in Sternbergs „Morocco“ oder Miriam Hopkins in Lubitschs „Design For Living“, der bezopften Monroe in Hustons „The Misfits“, aber spätestens seit Jean Seberg in Godards „À bout de souffle“), dessen Auftreten erst einmal allen zuvor im Film aufgetauchten Klischees von Weiblichkeit zu widersprechen scheint, ist diverse Male zu blöde, eine Flasche aufzufangen. Jean Seberg hätte das mit links und seilhüpfend gekonnt, Edie Sedgwick auf einem wie auch immer induzierten Trip kopfstehend, diverse Frauen in diversen Filmen jederzeit. In „The Social Network“ tragen alle und alles mehr oder weniger das enttäuschende Top. Selbst Harvard hat es an, zwar kein schwarzes, aber ein immerhin mahagoni-, champagner- oder hautfarbenes. Die sepiafarbenen Harvard-Szenen kommen trügerisch auf betulich altmodische Art verführend daher. Darunter köchelt der gelangweilteste und langweiligste Exzess mindestens der Filmgeschichte, bis alle erdenklichen Flüssigkeiten verdampft sind. Sollte es tatsächlich David Finchers, der seit „Fight Club“ auch nur noch und schon davor manchmal gelangweilt hat, Intention gewesen sein, Erotik filmisch endgültig zu demontieren – chapeau! Und ganz gewiss ist Facebook als Website derart langweilig designed und uniformierend, dass… egal. Aber so kann das im ‚wahren Leben’ geschehen, im Film hat es aufregender gestaltet zu werden, weil Film alles kann.
Fraglos gibt es ein Ende von Mode, im Sinne von möglich erscheinenden Schnittvariationen – und mittlerweile ist es erreicht worden. Mode kann zwar noch beeindruckend, aufregend oder schön sein, aber keinerlei Fortschritt mehr erfahren – die Grenzen sind ausgereizt, von überwältigender Opulenz bis zum Nichts hat es nunmehr alles gegeben. Insofern können die Selbstzerstörungstendenzen (die von Mode sind ebenfalls bereits erledigt, letztens erneut und sehr hübsch durch Victor und Rolf in ihrer Abendkleid meets Locher-Kollektion) von Designern wie Galliano (Vernichtungsphantasien) bis Lagerfeld (Werbung für so gut wie alles) nicht erstaunen. Der Körper als Projektionsfläche für Künstler oder Couturieurs hat ausgedient. Als seine Grenzen zu übertretende Fläche (Schönheitschirurgen schnüren Grenzen bloß noch enger und so genannte Geschlechtsoperationen werden einfach nur unerschwinglich, wenn die gesellschaftlich akzeptierten und von frustrierten Psychiatern bestätigt zu haben werdenden Grenzen in Frage gestellt werden könnten) gilt er nur noch sadistischen oder im Auftrag handelnden Folterern, Rassezüchtern oder Menschenmaterialverbessernden und dergleichen Irrsinnigen, die sich in ihrem Wahn auf immer eins mit allen und allein wähnen müssen. Der einzige Ausweg für Haute Couture wäre (nach erzwungener Anorexia nervosa respektive Bulimie in all ihren möglichen Erscheinungsformen, im Kontext immerhin: body follows fashion), die ihr vom Körper gesetzten Grenzen aufzugeben – das wäre möglich in Richtung invasiver Strategien (wie es z.B. von Selbstverletzungskünstlern – die selbst schon lange nichts fundamental Neues mehr zu bieten haben, dazu später mehr – allerdings bereits vorgemacht wurde, und worauf Heidi Klums gegeißelte und flagellierende Hofdamen längst vorbereitet werden) oder indem man einfach gleich Rauminstallationen, Performances und/ oder Videokunst inszeniert – wo es ebenfalls bereits alles Grundlegende gegeben hat. Prêt-a-porter müsste sich bloß an Stelle von Haute Couture setzen, und die Modeketten könnten schließlich mal all die sensationellen Ideen und Träume der letzten fünfzig Jahre unkaschiert und nicht verharmlost in die Fußgängerzonen transportieren.
Aber natürlich liegt Wertmüller in wenigstens einer Hinsicht richtig. Nicht insofern, als er ‚Antifa-Mode’ als geschlechtliche Gleichmacherei beklagt; das ist nun wirklich kein Problem. Albern ist nur, dass sie die beispielsweise auf Demonstrationen etc. meist sinnvolle Uniformierung des Individuums (welchen Geschlechts auch immer!) unbedingt anspruchsvoll oder -los in jeden Bereich tragen möchte; und bedingt kann das ebenso ansprechend sein, sofern es nicht Luxus oder Schönheit verachtend, gruppenzwanghaft und mit einem moralischen Impetus geschieht oder den pausenlosen Ernstfall nachdrücklich und ununterbrochen verbissen signalisieren soll etc. Dennoch: Die Möglichkeiten von Polemik werden dann suspendiert, wenn man sich mit ihren Mitteln als Opfer und sei es bloß als das ästhetischer Konventionen ausgibt.

Exit through the rest room: Wenn Kunst, die auch Produkt ist, alles darf, was dürfen dann Produkte, die sich der Strategien von Kunst bedienen?

Our makeup collaboration with MAC developed from inspirations on a road trip that we took in Texas last year, from El Paso to Marfa. The ethereal nature of this landscape influenced the creative development and desert palette of the collection. We are truly saddened about injustice in Juarez and it is a very important issue to us. The MAC collaboration was intended as a celebration of the beauty of the landscape and people in the areas that we traveled.
Rodarte Company Statement via Colorlines


Landschaft bei Juárez

Zweifellos gehört der Rodarte-Lidschatten der Kosmetik-Firma MAC zu den ästhetisch aufregendsten Erzeugnissen der Menschenverschönerungsindustrie der letzten 100 Jahre. MAC ist bei seinen Benutzern auch bekannt für die limited editions (LE)1: Produkte, die nur für wenige Monate, Wochen oder aufgrund des Ansturms auf die ausgewählten Geschäfte, die sie überhaupt führen, Tage erhältlich sind. Die Illusion von Exklusivität scheint unerschöpflich, denn tatsächlich gibt es regelrechte LE-Fans respektive -Süchtige. Die beschweren sich zwar regelmäßig in einschlägigen Foren darüber, dass sie reingelegt würden; in jeder Anklage schwingt dennoch mit, dass sie sich erneut und ganz und gar gegen ihren Willen davon werden überzeugen lassen, dass das jetzt the real stuff sei.
Die Empörung über die Juárez-Linie gleicht dann auch der des sterbenden Junkies, der dem Dealer mit dem letzten Atemzug noch vorwirft, er habe den Stoff diesmal ja überhaupt nicht gestreckt. Das Begehren nach dem einzigartig überwältigenden Kicktriporwhatever war immer da, aber der Konsum erwies sich als tödlich. Davor hat MAC seine Kunden bewahrt. Und auch davor, diverse youtube-Videos zu produzieren, die die Anwendung z.B. des Lidschattens demonstrieren. Der nämlich erscheint auf den ersten Blick inkommensurabel. Vor allem, da in den letzten Jahren der nude look (sich schminken, um ungeschminkt auszusehen) die Roten Teppiche dominierte.
Das (Inkompatibilität mit dem mainstream look) allerdings war nicht der Grund für den in der Kosmetik-Geschichte wohl einzigartigen Rückzug einer bereits hergestellten und aufwändig beworbenen Make Up-Linie und die Ankündigung, alle erwarteten Einnahmen zu spenden – dabei dürfte es sich um einen Kompromiss aus den üblichen Erträgen der LEs und dem diesmal mit Sicherheit reduzierten Kundenkreis handeln. Das model zum Produkt nämlich suggerierte bereits, dass, wer die Juárez-Farben verwendet, kaum anders kann, als sich leichenartig zu stylen. Derzeit ist aber weder mit einem Comeback des heroin chic der (1920er) 1990er noch – trotz einschlägiger erfolgreicher Filme – dem (anyone? Please! Jenseits von albernen Motto-Partys…) Debut des zombie looks zu rechnen. Als ästhetische Rechtfertigung bliebe außerdem eine Reprise der gothic novel heroine des 19. Jahrhunderts, die, von Bösewichten wahlweise in düstere Klöster oder Burgruinen verschleppt, an Lichtmangel und von ekelerregenden Domestiken lieblos zubereitetem Haferbrei einzugehen drohte. Stattdessen faselten die verantwortlichen Designerinnen, Kate und Laura Mulleavy (Rodarte), hilflos, und als habe Oliveiro Toscani La pub est une charogne qui nous sourit (dt. Titel: Die Werbung ist ein lächelndes Aas) nie geschrieben, ihre Linie sei eigentlich als Hommage an die Schönheit der Landschaft um Juárez herum gemeint gewesen. Wie auch immer…
Im englischen Sprachraum gibt es ein eher unterhaltsames Spiel namens Tenuous, eine Variante der Spielregeln (es gibt diverse) lautet: Jemand gibt zunächst unvereinbar scheinende Begriffe vor, und man muss deren Zusammenhang zum Ursprung nachverfolgen oder zu einem Ziel zusammenfügen. Beim Rodarte Make Up ist das eine einfache Übung: Juárez, bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, Lidschatten, der wie Blut auf Asphalt aussieht etc. = die unzähligen unaufgeklärten Morde an Arbeiterinnen auf dem Weg zu den sweat shops im mexikanischen borderland.
Ob die Assoziationskette der Mulleavys (Kate 31, Laura 30) nun romantisch oder politisch oder romantisch-politisch inspiriert war, kümmert niemanden mehr, der Aufschrei galt (schadenfroh) ihrem (mehr oder weniger blöden) „Zynismus“. Und ist entsprechend bloß der Abwehr geschuldet. Ob die Designerinnen nun naiv einem historisch nicht einmal beispiellosen Schönheitsideal von dem Tod geweihten oder toten Frauen huldigen wollten oder meinten, eine besonders originelle Idee zur Aufmerksamkeitsgenerierung entwickelt zu haben, sie haben die Informiertheit und das Empörungspotential sowohl der einschlägigen Presse als auch ihrer meistens relativ wohlhabenden und entsprechend häufig sozial irgendwie engagiert sein müssenden Kunden unterschätzt. Man stelle sich vor, eine der Damen, die sich ausschließlich für die Rettung spanischer Straßenhunde einsetzt, träfe auf einem Empfang eine Bekannte, die weibliche Gewaltopfer in Mexiko unterstützt und würde gefragt, was sie denn da für ein ausgesprochen apartes Make Up aufgelegt habe und antwortete darauf: „Das ist die Juárez-Linie von Rodarte. Ganz exklusiv. Ein wenig gewagt womöglich, aber…“ „DIE WAS?-LINIE?“ Sowas kann einem schon den Abend ruinieren, und da das Gesicht zum Kleid passen sollte, ist einem die Möglichkeit verwehrt, in den rest room zu eilen und sich fluchend abzuschminken, ganz zu schweigen von den Peinlichkeits-Flashbacks in den nächsten mindestens zehn Jahren. Und das obwohl man jede Petition zur Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetikindustrie unterschrieben hat, ganz viel im Bioladen einkauft und den Müll sowas von trennt…

We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

William Shakespeare – The Tempest

Those elements were ejected into space by the force of the massive explosion, where they mixed with other matter and formed new stars, some with planets such as earth. That’s why the earth is rich in these heavy elements. The iron in our blood and the calcium in our bones were all forged in such stars. We are made of stardust“.
Edward Zganjar, cited on Science Daily – Physicist Finds Out Why „We Are Stardust…“

Auf der anderen Straßenseite hingegen lässt man sich bereitwillig mit Dämpfen einnebeln, die aus dem Wasser gewonnen wurden, mit denen Tote in mexikanischen Leichenhäusern vor der Obduktion gewaschen wurden. Im Buch zur Künstlerin heißt es entstellend: „Die darin gelösten ‚Lebensspuren’ verbreiten sich unsichtbar in der Luft und lassen erneut die Toten in minimalen Spuren anwesend sein. […] Indem die Luft eingeatmet wird, ist der körperliche Kontakt unmittelbar und direkt. […] Dies führt zu einer Identifikation mit den Toten, zu einer unmittelbaren Ineinssetzung: Die Toten werden im Besucher verlebendigt, der Besucher in den Toten sterblich.“ (Udo Kittelmann, Klaus Görner, Hg. – Teresa Margolles. Muerte sin fin)
Selbst auf atomarer Ebene gibt es keinerlei Masseunterschied zwischen dem lebendigen Individuum und dem toten Menschen. Das unmittelbar Schockierende an der Installation von Teresa Margolles ist nicht der entweder alberne oder tragische Film-Effekt (Ghostbusters oder Ghost) von Verstorbenen, die einen plötzlich durchdringen (whoooshwhoaaa…), sondern die Erkenntnis, dass wirklich nichts Relevantes mehr da ist. Und dass dafür gesorgt wurde. Die angeblichen ‚Lebensspuren’ haben nicht das Geringste mit menschlichem Leben und mit dem Individuum schon gar nichts mehr zu tun. Identifikation oder Ineinssetzung sind also nur noch mit einer Art von Ursuppe zu haben, mit einem Ektoplasma oder einem Fluidum, einem esoterischen Wahn, einer Aufkündigung des Individuums. Margolles ist mit ihren Installationen und ‚Skulpturen’ dem, was Menschen anderen Menschen antun können, so nah gekommen, wie es Kunst nur kann, und das ist bloß eine Ahnung, und eben deswegen bedeutet jede explizit empathische Deutung ihres Werks mindestens einen Schritt zurück. Alles, was Margolles umsetzen kann, und darin besteht die Eindrücklichkeit ihrer sehr weit gehenden Abstraktion, ist, auf die grausam produzierte Leerstelle hinzuweisen. Und einen körperlichen Effekt zu erzeugen, der im besten Falle nicht die unmögliche und entsprechend kitschige Illusion von Wiederbelebung erzeugt sondern angemessenen Ekel vor dem, was man aufgefordert wird zu inhalieren. Wer das nämlich mit tiefen Zügen und gutem Gewissen einatmet, hat sich schon versöhnt, wer abwehrend aber wehrlos so flach und kurz wie möglich Luft holt hingegen, erfährt wenigstens die Ahnung vom Skandal.

Selbst Margolles’ ‚gegenständlichere’ Arbeiten, wie beispielsweise ihre oben dokumentierte Arbeit für die Biennale in Venedig 2009 oder der kleine Betonklotz, dem man nicht ansieht, dass er als billiger Sarg für einen toten Fötus dient, zeugen nur von Missachtung und Leere, von Unwiederbringlichkeit. Margolles arbeitet konsequent mit dem, was sie bloß noch als Material auffinden kann. Ein Material, das Peter Schiering im Zusammenhang mit Xu Bings – Margolles’ Arbeiten oberflächlich ähnelnder Installation – „Where does the dust itself collect?“ unangenehmerweise als „konkretes, sinnliches Material“ (artnet) bezeichnete. Xu Bing verwendete Staub vom Ground Zero. Am Ende der Spurensuche steht dann auch zu Verwertendes, Einebnendes und Nichtiges: „Von der Decke des Raums im MMK tropft aus vielen kleinen Ventilen normales Leitungswasser auf auf den Boden und die Besucher herab. Der Gedanke eines Kreislaufs, die Abfolge von Verdunstung und Niederschlag, ist wie ein Kommentar […] zum Kern der Arbeit von Teresa Margolles zu verstehen. Die Leichen werden – und nicht nur in Mexico City – durch ein ausgeklügeltes System bürokratischer “Entsorgung“ möglichst reibungslos zum Verschwinden gebracht, der Skandal, den jeder Tod bedeutet, so gut es eben geht, bereinigt. Aber der Tod bleibt in der Luft und findet überall seinen Niederschlag. Die Spuren mögen noch so sorgfältig verwischt werden, durch alle Ritzen dringt er in unser Leben wieder ein. So gesehen ist jedes Wasser, mit dem wir uns waschen, das wir trinken, von der gleichen Qualität, wie das aus der Gerichtsmedizin in Mexico City.“ (Kittelmann, Görner, ebd.)
Damit aber löst sich dann alles in Beliebigkeit auf, und dem zum Teilnehmen gezwungenen Ausstellungsbesucher bleibt die fast beruhigende Erkenntnis, dass man eben überall vom Tod umgeben sei. Darüber kann man Celans (und die Anspielungen im Kommentar auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie sind kaum zu überlesen) entsetztes „Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng […] dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“ oder André Schwarz-Barts tragisches „Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken“ auch hierzulande als im Weltgeschehen nunmal alltägliche Erfahrung mit Verlust und Tod abheften.



Ian McEwan sind die Morde von Juárez einen kurzen, die Seltsamkeit der – diesmal wirklich – Landschaft noch ein wenig mit düster monochromem Lokalkolorit versehenden Absatz in seinem letzten (eher misslungenen) Roman „Solar“ wert. Und At the Drive-In haben ein unwichtiges Lied mit dem Thema eher unbeholfen bebildert. Juárez hat Eingang in die Pop- und Hochkultur gefunden. Den (unberührt) schönen Lidschatten der Mulleaveys hätte man mit ein wenig esoterischem Versöhnungswillen auch noch gut verkaufen können. Was kunstvoll wie Blut auf Asphalt anmutet, würde dann erst in seiner Zerstörung sinnstiftend, mit dem Zeige- oder Mittelfinger oder einem Applikator verrieben und übers Auge des Nutzers geschmiert, trüge der irgendwann unvermeidlich, aber so wenigstens ostentativ ein paar Atome der Opfer mit sich herum.

  1. Bei allem, was hier zum Thema Kosmetik geäußert wird, handelt es sich ausschließlich um meine persönliche Meinung und sowieso um Satire und keinesfalls um eine Qualitätsbewertung der Produkte. Zu einer solchen bin ich überhaupt nicht in der Lage.[zurück]

+ Later – Passt schon: „»Black Swan« ist von der ersten Minute an ein großes Spektakel, ambitioniert und sichtlich um eindrucksvolle Schauwerte bemüht: gothic-gleiche Tanzszenen, exzentrisch-darke Tutus (die Entwürfe haben die Schwestern Kate und Laura Mulleavy des Modelabels Rodarte gefertigt), virtuose Spiegelszenen, eine entfesselte, dabei aber unfassbar fließende Kameraführung, leicht angeschmuddelte Erotik, Psychogrusel, Body Horror, Dornen, Blut und Scherben.Esther Buss – Beautiful Monster, Jungle World

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Marcel Duchamp * 28. Juli 1887, † 2. Oktober 1968

Neo Rauch – der Künstler als „kogrkn hpon“ deutscher Kunstvereinsmitglieder

Für ThdP

hey, is your girl feel down with your shorterPenis, our herbal pill can longer kogrkn hpon
Betreffzeile Spam-Mail, April 2010

In der Zeit (online, 21.4.10) wird geschrieben, Neo Rauch feiere in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag – was natürlich nicht stimmt. 50 wird er und feiert somit seinen 51. Geburtstag. 3Sats Kuturzeit (19.4.10) begeht denselben Rechenfehler. Dem Jubilar (so heißt das dann wohl) widmen sie zum Wiegenfeste („Es ist kaum zu glauben/ aber wahr/ Neo wird heut’ 50 Jahr’“ usw. usf.) jedoch völlig unterschiedliche Beiträge.
Aus 3Sat-Sicht tragen wie üblich die aus ihrer Sicht rückständigen (wenn’s passt, sonst oberflächlichen, nurdemkommerzhuldigenden, rücksichts-losen, ignoranten, kulturlosen, rassistischen, vonisraelgesteuerten, fetten, identitätslosen, fitnesswahnsinnigen, israelliebenden, volksiden-titätenvernachlässigenden, einenalttestamentarischengottanbetenden, endlichisraeleinenreinwürgenden, sexistischen, keinenkriegimeigenen-landerlebthabenden, rachelüsternen, homophoben, prüden, oberflächlichefernsehserienproduzierenden, europäischekulturerzeugnis-seignorierenden und dergleichen) Amerikaner (US) die Schuld am Elend der Welt: „Schon vor einigen Jahren explodierten die Preise. Die Amerikaner begannen wie verrückt zu kaufen. […] Die Kunstwelt, besonders die amerikanische, wollte wieder gemalte Bilder, auf denen man etwas erkennt. Und dann noch von einem Ostdeutschen – das passte. Erfolg am Markt ist keine Garantie für gute Kunst, und Kunst, die sich schlecht verkauft, ist nicht automatisch gut. Aber Neo Rauch ist kein zynischer Marktkünstler, sondern ein Maler aus Leidenschaft.
Sagen wollte man vermutlich, gute Kunst sei keine Garantie für Erfolg am Markt… Whatever oder eben nicht! Denn der Schöpfer schlechter Kunst ist zumindest kein Amerikaner oder Brite oder was auch immer, die das Sichgutverkaufen brutal ausnutzen und nur noch sinnlos rumpinseln würden, was das Zeug hält. Neo Rauch aber ist deutsch, sehr sogar: „Der Motor der neuen Leipziger Schule vereint deutsche Schwermut und deutsche Beharrlichkeit. Anders als viele seiner Westkollegen, gönnt [???] er es sich früh, figürlich zu malen, und er verabscheut Fotografie und Video. Der schüchterne und ernsthafte Künstler meidet Fernsehkameras und äußert sich nur selten zu seiner Arbeit.“ (Ebd.) (Witzig wird’s erst, wenn er es dann doch tut, s.u.)
3Sat konstatiert trotz des unverhohlenen Mitleids eine gewisse Retardation: „Wenn man näher [?] hinschaut, erinnert sein Malstil an längst abgehakte Epochen. Das Bild ‚Schilfland’ ähnelt dem guten alten Caspar David Friedrich [wohl eher nicht, womöglich dessen Bildern?]. Natürlich hätte der andere Motive gemalt [hat er sogar!]. Doch die Stimmung ist altvertraut. Der Unterschied: Der Romantiker Caspar David Friedrich brachte vor 200 Jahren ein Gefühl auf die Leinwand, das damals noch nicht kitschig war [das diskutieren wir irgendwann anders mal… Deutsche Romantik]. Die Malerei musste noch beweisen, dass sie die Natur nachahmen kann. [Von ca. 1800 – 1840? El Greco, Bosch, Turner und die üblichen Verdächtigen kreiseln vor Gekicher im Grab. Und, nein, der Beitrag entspringt nicht den kreativen Hirnen vom NDR Kulturjournal sondern denen des im ZDF angesiedelten Magazins aspekte] Heute, wo es Film und Fotografie gibt, muss die Malerei nichts mehr beweisen [außer womöglich, dass sie noch eine Existenzberechtigung hat, was sie meistens nicht schafft]. Rauch kann malen, wie er will – abstrakt oder gegenständlich. […] Er malt gegenständlich. Und das Tragische ist, dass er es verdammt ernst meint. Seine Malerei ist frei von Ironie.
Muss sie wohl sein, denn laut seinem Entdecker hat „Neo […] da eine ganz klare Haltung zum Arbeiten. Er ist eigentlich nur seinem Werk verpflichtet und dem, was er macht.“ (Zitiert nach ebd.) Was Rauch, dessen Bilder laut aspekte mit denen Max Ernsts verglichen wurden und der es gerne hätte, man täte das mit denen Francis Bacons, im ihm gemäßen Umfeld ansiedelt. Francis Bacon aber war tatsächlich einer der wenigen Maler nach Malewitsch (am einen Ende des Spektrums) und Picasso (am dessen anderem Ende), der den Sinn von Malerei überhaupt noch nachvollziehbar machen konnte. Ausnahmsweise muss den deutschen Kultur-magazinmachern zugestimmt werden: Neo Rauch kann das nicht. Warum nicht? Da streben wir erfreulicherweise wieder mit Lichtgeschwindigkeit auseinander. Egal…
In der Zeit hingegen erlaubt man Uwe Tellkamp (u.a. Dresdner Lyrikpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis (2004, verteidigt gegen Richard David Precht und Julie Zeh, wenigstens etwas!), Deutscher Buchpreis, Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, Deutscher Nationalpreis), sich einen von ihm vor ziemlich genau einem Jahr geäußerten Wunsch zu erfüllen: „Manche Ihrer Bilder hätte ich sehr gerne geschrieben.
Und in der Tat: Er tut es. Zwar sich am vorgegebenem Werk abarbeiten müssend, aber mit dem Anspruch des Schöpfers vom Kleinod in Serie – Wort oder Pinselstrich, wen kümmert’s in diesem Zusammenhang. Nach einer kurzen aspekte-gleichen Mitleidsnote: „Dass einer, der Neo heißt, 1960 in der DDR so genannt wurde, noch dazu im gerne ruppigen Leipziger Revier (ich nehme an, er wird gelitten haben in der Schule), muss außergewöhnlich wie der Tunguska-Meteorit gewesen sein; Neo, neu: Ich hörte den Namen eher, als ich seines Trägers Bilder kannte, danach wunderten sie mich nicht“, (ja, schrecklich, in einem Land, in dem die Leute ihre Kinder sonst Sandro, Silvio, Reiner, Thorsten oder Uwe nannten) raunt es los. Tellkamp transponiert im feinsten eigentlichen Jargon und wird zum Erfinder, zum, den „Meister“ (die Zeit) huldigenden und schriftstellernd genialisch Assoziierenden zugleich. Mit unnachahmlichen Sätzen wie zu Rauchs leider nicht abgebildetem Bild „Hagzissen“:
Typus rauchscher Frauen: begutachtend ( Demos «), einladend (die Riesin im roten Pullover, Alter ), modebewusst (sie tragen, wie es heute üblich ist, Stiefel zu Röcken – Militanz und Züchtigkeit, das ist Gretchen als Domina [? seriously!]). »Helferinnen«: So verborgen wie das Parlament der Fliegen, ist die Potenz, die jene Pflanzen (Königskerzen?) vom Mädchen weg zur Staffelei am rechten Bildrand beugt. Oder ist es der Sog der Staffelei, der die Pflanzen betört? Die äußerste erreicht das weiße Bild darauf, hinterlässt, obwohl kein farbgetränkter Marderhaarpinsel, den Abdruck ihrer Blüte, eine gelbe Lanze, die an die »Unschuld« rührt, sie benetzt, was beleidigender, weil komischer ist. Wer ist das Mädchen? Betrachterin des Bilds, bevor es fertig ist? Oder ist es fertig – und die Berührung durch die Pflanze eine Fehlerin?“ (Ebd.)
In den Kommentaren wird vermutet, es bedürfe bewusst-seinserweiternder Drogen, um derartiges zu formulieren. Aber nein! Des Gegenteils bedarf es: nämlich einer soliden (gedoppelt) deutschen Kunsterziehung, die jeden originellen und eben nicht romantisch-verschwafelten Gedanken ins Reich des Gefasels verweist. Es raunt also weiter aus dem in den „100(0) Meisterwerke“-Modus versetzten Tellkamp heraus:
Oder ist das Bild »fertig« nur in und mit der Berührung? Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt, gefunden. Auch geholfen? Es sind ja bereits gemalte Pflanzen. Sind Helferinnen auch die watteau-lorrainesk hochgetürmten Wolken, jene Himmel (bei Rauch gibt es oft mehrere in einem Bild, manche scheinen Barcodes zu haben) in Unterholzfarben, die auch Spiegelungen auf Gewässern sein könnten, Sümpfe? Die fünf Ränder eines Bilds (das fünfte ist das Auge des Betrachters)? Die Sitzgelegenheit, die dem Mädchen zu genügender Deutungshöhe verhilft? Die Rätseleien und Erklärungsversuche, mit denen ich als Dolmetsch die Fremd-Sprachen der Farbbeziehungen abhöre? Womöglich hilft die Staffelei dem Mädchen? Und wobei? Eine Staffelei sieht von seitlich wie eine Guillotine aus [„von seitlich“ sieht alles irgendwie aus…]. Hagzissa: die Zaunreiterin, das alte Wort wurde zu Hexe verschliffen. Vielleicht haben die jungen Hexen Kunsterziehung, wahrscheinlich ein anderes Schulfach: Verbrechen der Zukunft.“
Und zu „-artige“, auch ohne Anschauungsbeispiel:
Ein Begriffspräparat, das bei Bildern wie Diktat, Suche, Entfaltung herbeihinkt, für mich vor allem bei Das Blaue . Den Maler, der solche Visionen aus der abgründigsten aller Pinakotheken, dem Zentralnervensystem, vor fremde Augen stellt, scheint eine Frage umzutreiben: ob der schopenhauerischen Überlegung, inwieweit die Schwalbe dieses Sommers auch schon die vor hundert Jahren war, als einzelnes Tier also nichts zähle, bloßer Teil seiner Art, seines Schwarms [Schätzing? Ja, in der Tat. More later!] sei wie eine Zelle Baustein und Element einer sie einbegreifenden höheren Ordnung – die Frage, ob dieser toxischen Verneinung des Individuellen ein noch toxischeres Anhängsel nachzuliefern sei: dass die einzelne Schwalbe den Schmerz und die Todesangst, wenn sie unentrinnbar in den Krallen des Falken hängt, nicht doch ganz privat empfinde? Romantik und Technik sind die Flügeladjutantinnen der Beglückungs-Embryologie, ineinandergemischt werden sie zur bösen Biochemie“. Und so weiter und so fort…
Den Wunsch, dieses Geraune von sich zu geben, äußerte Tellkamp am 30.4.09 im Doppelinterview der Zeit (Wolfgang Büscher und Florian Illies) mit ihm und Rauch, der sich als ebenso sprachbegabt und die deutsche Phantasie beflügelnd erwies. Der sich eigentlich (zu Recht, wie man sehen wird) nicht zu seinem (Gesamtkunst-)Werk äußern wollende, ebenso „schüchterne“ wie „scheue“ Künstler Rauch gab dann doch Bezeichnendes preis: „Was das wird, was ich da unterm Pinsel habe, entscheidet sich oft erst auf den letzten Metern, denn ich arbeite ja ganz bewusst nicht konzeptionell – ich reagiere auf Zuströmungen.
+ „Es ist immer eine Familie von Bildern, die aneinander emporranken. Über die Monate entsteht so ein familiärer Stallgeruch im Atelier, das bringt Selbstbefruchtung mit sich, das Zirkulieren von Material von Bild zu Bild. Was es nun ist, kristallisiert sich erst später heraus.
+ „Es hat sich wieder ein Moll-Ton eingeschlichen. Sehr erstaunen kann das ja nicht angesichts der Geister, die ums Haus tanzen. Vielleicht werde ich noch ein bisschen das Fenster aufreißen und an hellen Sonnentagen, wenn die Dämonen schlafen, ein paar Elfen und Feen hereinlassen, damit die Bilder etwas mehr Heilkraftkapazität entwickeln. Darum geht es ja eigentlich: dass etwas von der Leinwand abstrahlt, das etwas Halt vermitteln kann in dieser Welt. […] Ich arbeite gerade daran, das Gute und die Zuversicht in diese Bildmaterialien hineinzumassieren.
Die Zeit in ihrer Erscheinungsform als Büscher oder Illies fragt dummerweise nach: „Was ist das für eine Massage?“ Und veranlasst Rauch weiterzumachen: „Es wird wohl wieder darauf hinauslaufen, dass es aus der Malerei selbst kommt. Aus diesem ganz elementaren Befasstsein mit den Dingen, die wir auch bei Karl Hofer finden, der uns hier so freundlich umgibt – ein Beispiel dafür, wie das Desaströse, das Dämonische, das Miserable umgeschmiedet wird. Er kann es ruhigstellen, er kann die Dämonen bannen. Er kann Schönheit destillieren. Und daran arbeite ich, dass mir das auch endlich einmal gelingen möge.“ Auftritt Tellkamp als Anti-Mephistepholes: „Ich kann Sie beruhigen: Das ist Ihnen längst gelungen. Manche Ihrer Bilder hätte ich sehr gerne geschrieben.
Die Zeit trübt die Freude und stellt drohend, aber zur sofortigen Demontage auffordernd das Bild des Feindes aller kreativen Deutschen in den Raum: „Reiner Kunze hat einmal, als ihm Reich-Ranicki schrieb, er brauche jetzt neue Gedichte, die Zeit sei nun wirklich reif, geantwortet: Der Apfel ist reif, wenn die Kerne schön schwarz sind, und das weiß der Baum zuerst.
Rauch weiß sehr wohl, dass eine ähnlich wahrnehmbare Instanz für die bildenden Künste hierzulande überhaupt nicht existiert, und es entströmt ihm entspannt: „Wenn die Kerne schön schwarz sind, dann antwortet die Leinwand. Interessant ist der Moment, wenn sie die Regie übernimmt. […] Man sagt gemeinhin [tut man das?]: Es malt sich dann. Es entsteht ein Sog vom Bild her, bis dahin gibt es vielleicht einen gehörigen Anteil Kalkül, aber dann fordert das Bild zunehmend.“ (Kalkül geht schon mal so gar nicht.) Bei Tellkamp hingegen antwortet keine Leinwand, bei ihm „strahlt“ nur das „Papier zurück“. Dafür lässt er sich Anweisungen geben von „Proust, Mann, Dostojewski. Wenn von denen mir einer sagt: Mein lieber Freund, hier musst du nachsitzen, dann muss man nachsitzen.“ Weswegen man spätestens beim Lesen seiner Texte erkennen muss, dass die väterlich angeblich strafenden Freunde seiner Imagination entspringen: Harvey Proust, Harvey Mann und Harvey Dostojewskij, die ihn auf immer und ewig lieben und loben müssen.
Der Mythos des ernsthaft schaffenden Deutschen jedoch darf durch solch lustige Anekdoten nicht in Frage gestellt werden, und so wird das Leiden am Schöpfungsgprozess hervorgehoben. Rauch nämlich bezeichnet denselben als „natürlich Arbeit. Ich will abends das Gefühl haben, dass ich mich geschunden habe und es nicht völlig für die Katz war“. Was Tellkamp zu übertrumpfen weiß: „Ich kenne gar keine Alternative zur Arbeit. Ich habe in der Braunkohle gearbeitet.


„Neue Leipziger Schule“ – Im neo-figürlichen Stil und Schweiße des Angesichts gestaltetes Wappentier der Stadt, garantiert kalkülfrei und mit ungeheuer viel Sog geschaffen. Foto von CdG, Leipzig, 16.3.2010

Neo Rauch, der Shooting-Star der sogenannten Leipziger Schule, hat so seine Bedenken gegenüber der Moderne und beruft sich lieber auf Ernst Jünger und Botho Strauß, die vermeintlichen Freidenker der Reaktion. »Die Moderne als Endzustand und Klassenziel: Das ist ein deutsches Mißverständnis«, polemisierte Rauch in der »Zeit«, obwohl es ihm ansonsten eigentlich ganz gut in den Kram paßt, im Ausland als typisch deutscher Künstler gehandelt zu werden. »Ich lasse mich gerne als Deutscher wahrnehmen«, erklärte er dem »Art«-Magazin. »Man kann es ja auch ganz gut aushalten unter den Deutschen. Es ist ja nicht so, daß wir hier unter die Barbaren geraten wären.
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Büsser irrte in diesem einem Punkt, Rauch polemisiert nicht, er ist ein Apologet. Sich permanent in der Defensive wähnend, weil er nur mal „wieder“ aussprechen mag, was dem Deutschen angeblich verwehrt ist, kann er gar nicht aufhören, immer wieder auf den Opferstatus zu verweisen, der genauso imaginiert ist wie Tellkamps kleine Literatenfreunde. Auch 2009 musste er zeigen, wie furchtbar es doch ist, nicht mitteilen zu dürfen, dass „Ernst Jünger […] ein Beispiel [ist], wie Literatur auf mich als Maler unmittelbar inspirierend wirkt. Da erübrigt sich die Frage nach irgendwelchen politikrelevanten Fatalitäten. Dazu habe ich mich als Maler gar nicht zu verhalten. Ich nehme mir dort die Nahrung, wo ich sie finde.“ (Die Zeit, ebd.) Und das ist natürlich überhaupt nicht barbarisch. Was aber sind „politikrelevante Fatalitäten“? Still thinking.
Jenseits davon darf er ja nicht wählerisch sein, denn laut einem Leipziger Maler ist seine „Heimat“ (Leipziger Baumwollspinnerei – Goldenes Ghetto, Die Zeit, 26.4.19) „ein Ghetto […], ein Ghetto der Kunst.“ Ein Ghetto zeichnet sich für den offenbar auch von einschlägiger Literatur inspirierten Künstler dadurch aus, dass die Touristen kommen. Was furchtbar ist, denn die Leipziger Tourismusförderung bietet Kunstreisen zum Ort an, an dem „die »Neue Leipziger Schule« ihre Wurzeln [hat], [an dem] Neo Rauch, der Malerstar“ (Ebd.) arbeitet (und zwar hart, nicht vergessen!).
„„Wo finde ich sein Atelier?«, fragen die Besucher die Gästeführerin Henriette Weber am Eingang des Spinnereigeländes. Wie stellen Sie sich das vor, würde sie gern zurückfragen, wollen Sie ihm zuschauen wie im Zoo?““ (ebd.) Blöde Frage: natürlich wollen das die Besucher. Den schwitzenden Künstler wollen sie sehen, beobachten wie seine Gesichtszüge einem Matrix-Effekt gleich dem Sog der Leinwand nachgeben. Teilhaben an dem einzigartigen Moment, in dem Epiphanie in harte Arbeit umschlägt. Dann soll er sich umdrehen und ihnen allein das Geheimnis seiner Schaffenskraft mitteilen. Nicht mehr scheu wird er dann sein sondern ganz offen und glücklich und erfreut, endlich eine verwandte Seele getroffen zu haben – aber immer noch verschwitzt. Das ist die Phantasie fast aller in lokalen Kunstvereinen sich engagierenden Atelierbesucher. Ihnen sei mitgeteilt: Nahezu alle ‚Künstler’ hassen nahezu alle Atelierbesucher. Selbst wenn sie phantasieren, dass ein möglichst nicht verschwitzter Besucher das Geniale am Ausgestellten erkennt und ihnen anbietet, ihre Bilder allesamt in seiner ungeheuer renommierten Galerie auszustellen, und internationale Museen wären bestimmt interessiert, und außerdem seien hier schon mal 1,5 Millionen Euro Anzahlung für den Anfang, ach was, hier ist ein Scheck über 2 Millionen.
Neo Rauch hat das nicht mehr nötig. Aber in ihm kulminieren all die Ahnungen und Hoffnungen, die man so vom einfühlsamen, zurückgezogenen, geheimnisvollen, tragischen etc. etc. etc. Künstler hat. Er ist der „kogrkn hpon“ für Kunstvereinsmitglieder. Und dann kann man sich, wenn’s Geld reicht, die Bilder auch noch ins Wohnzimmer hängen, sich visuell beraunen lassen und so am Mythos partizipieren. Mit Werken von anderen zeitgenössischen Künstlern wie Hirst, Nauman, Kapoor, Fischli & Weiss, Margolles, Stelarc (zum Künstler gibt es einen aufschlussreichen Artikel von Markus Brunner – Evolutionäre Arbeitskraft. Zu den Cyborg-Inszenierungen des Technokünstlers Stelarc in Respektive 01/2010) usw. usf. und überhaupt und was immer man im Einzelnen von ihnen halten mag, geht das schonmal so einfach nicht mehr. Während sie alle nicht einmal mehr die Illusion des besitzbaren Kunstwerkes gewähren, vermittelt mindestens der hierzulande besonders verabscheute Hirst die harte Erkenntnis, dass man nicht einmal schwer arbeiten oder sich „geschunden“ (Rauch) haben oder den ganzen Tag rumkommandieren lassen muss oder was auch immer, um Ruhm und Reichtum zu erringen. Rauch hingegen liefert zudem den Beweis, dass auch „der Künstler“ nicht gar so anders ist als der Durchschnittsbürger – ernsthaft arbeitend und versagungsvoll – das schafft Vertrauen (und dann kann er sogar so richtig gut malen – or so they say, s.u.) Und dass man als Deutscher immer noch die Welt erobern kann, selbst wenn die es gar nicht verdient hat.

Zum Thema Gemäldevonneorauch muss man sich nicht mehr auslassen, da wurde eigentlich alles Relevante schon von Martin Büsser geschrieben:
Insofern handelt es sich um Post-1989-Kunst im unangenehmsten Sinne – um Kunst einer Generation, die im Glauben, jede Ideologie überwunden zu haben, die Singularität der Naziverbrechen zumindest ästhetisch relativiert. Rauch-Bilder wie »Höhe« (2004) dekonstruieren nicht neoromantischen Bombast, so wie Laibach einst versucht hatten, Gemeinsamkeiten zwischen totalitärer Ästhetik und der Massensuggestion im Pop aufzudecken, sondern potenzieren ihn. Betrachtet man sich Gemälde wie dieses, wird das größte Mißverständnis von Magdalena Kröners »Taz«-Kritik deutlich: daß es sich hierbei um gute Malerei handele. Rauchs Figuren lassen gerade mal das Talent eines Plakatmalers erkennen, an Sinn für Arrangements mangelt es völlig. Schemenhafte, nicht sauber ausgeführte Übergänge zwischen einzelnen Bildelementen sollen wohl etwas Traumhaftes andeuten (sie wurden bereits mit den Verwischungen von Francis Bacon verglichen), wirken allerdings lediglich unbeholfen. Eines immerhin läßt sich Rauch nicht absprechen: sein Sinn für Lichtverhältnisse und Farbgebung. Allerdings erinnern die kleineren in Brühl ausgestellten Arbeiten, die in fahlen, oft bräunlichen Farben gehalten sind, darunter »Meisterschüler« und »Der Gärtner« (beide 2007), frappant an die Kunst Carl Spitzwegs. Vielleicht sollte man Neo Rauch überhaupt als dessen Nachfolger betrachten: Ein Künstler im Geiste des Biedermeier, dem die geregelte, überschaubare Welt abhanden gekommen ist, von der er weiter träumt. All jene, die sich noch immer an den von Duchamp und Co. gesetzten Parametern der Moderne abarbeiten, müssen sich vor solchen Traditionalisten nicht fürchten: Es sind nur Spatzen, die da mit Kanonen schießen.
(Martin Büsser, ebd.)

50 Jahre Blechtrommel

Es geht mir wie Hannah Arendt, die an Mary McCarthy schrieb, „daß sie ‚Die Blechtrommel’ nie zu Ende lesen konnte, weil sie das meiste darin ‚aus zweiter Hand nicht originär fand. Ich las sie […] vor Jahren auf Deutsch, und ich finde, es ist eine künstliche tour de force – als ob [Grass] alles an moderner Literatur gelesen und dann beschlossen hätte, sich einiges auszuleihen und etwas Eigenes daraus zu machen‚“ (zitiert nach Klaus Bittermann – Lutschen am Brühwürfel in ders., Hg., Literatur als Qual und Gequalle).
Es geht mir wie Hannah Arendt, nur dass ich bei Grass keinen Funken „moderner Literatur“ finden kann; er fällt weit zurück hinter z.B. Joyce, Beckett, Bellows, Nabokov, Sinclair, Pynchon, Vonnegut oder Walter Abish, hinter Henry James und Joseph Conrad (und ist nicht einmal ein guter Erzähler wie die zeitgenössischen Philip Roth, Ian McEwan, Leon de Winter, John Updike etc. etc. etc. – ganz zu schweigen von den im Vergleich zu Grass weitaus moderneren Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Joseph Roth etc. pp. – soll sagen: Er fällt so ziemlich hinter alle relevanten Schriftsteller zurück). Selbst wenn man auf die (meiner Meinung nach) zweite Riege verweisen wollte: Henry Miller vielleicht, Ernest Hemingway oder John Irving – Grass ist immer noch unlesbarer und unbeholfener – schlechter kann man auch sagen. Seine Kraftmeierei ist umständlich ziseliert und das Ziselierte wie mit der Axt bearbeitet. ‚Erotisches’ wird wie nach dem Stammtisch auf dem Nachhauseweg mit verschwörerischem Grinsen mitgeteilt: „Dir kann ich’s ja sagen: Letztens…“ I don’t want to know! Auch nicht von Walser und Lenz…
Grass volkstümelt (ganz bewusst oder kann nicht anders…) – sprachlich, gedanklich, zeichnerisch und bildhauerisch kunsthandwerkelnd: „Günter Grass ist der Inbegriff des Mythos und der Authentizität der deutschen Kultur [wer jemals Wolfgang Beutins mit Zitaten gespicktes Der Fall Grass gelesen hat, mag dem nicht widersprechen], er ist ihre Behausung und ihr Bewohner [äußerst treffend beschrieben, auch weil’s der Zeichner und Autor Grass irgendwie mit Schnecken hat]. Er ist der Aufschrei und das Lächeln eines Deutschland, das einmal – wie traurig und lächerlich – Alfred Döblins [hinter den fällt er auch zurück!] Heimat war. Grass ist ein hervorragender, faszinierender Schriftsteller, der sein Land auf vollendete Weise repräsentiert. Das Gefühl der Entfremdung von der Heimat, das der österreichische Autor Thomas Bernhard empfand, existiert für Grass nicht. Er fühlt sich zu Hause in dem Land, das seine Heimat ist, und wenn er sich nicht zu Hause fühlt, wird er selbst das Haus [Schnecke!]. […] Vielleicht ist Grass das Heidelberg der deutschen Literatur – in dem Sinne, dass Heidelberg sich nicht der Vertreibung der Juden in der Stadt erinnern will“ (Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner).
Bekanntlich wollte sich Grass (öffentlich) an rein gar nichts erinnern, bis er eines Tages (nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte, den er wohl unbedingt verdient haben wollte) beim Zwiebelnschälen bzw. beim Häuten einer Zwiebel, oops, bemerkte, dass er darüber nicht mal, wie so viele seiner deutschen Schriftstellerkollegen, Tränen ob seiner als Flakhelfer verschwendetenaberimmernochirgendwieunschuldigenblabla Jugend vergießen durfte: Waffen-SS, oops – again (“I’m not that innocent“ – German version)!
Ein Skandal, möchte man annehmen, zumindest wenn man sich das Lamento zu Gemüte führt, das die ganzen deutschen Opfer anstimmen, wenn sie mal wieder von nichts gewusst haben wollen – gnädig Spätgeborene allesamt oder in der Wehrmacht ‚verheizt’ [!] oder oder oder… Ergo, natürlich kein Skandal, sondern nur eine weitere Figur im fröhlichen Entschuldungsreigen.
Kaniuk hatte das wieder richtig beobachtet (ohne damals um Grass’ ausgesprochen deutsches Geheimnis zu wissen): Grass ist Deutschland und Deutschland ist wie Grass; seine Beichte erfolgt im Wissen darum, dass Deutschland sie ihm gerne abnehmen wird („Drei Vaterunser, heute im Sonderangebot auch für Protestanten und Atheisten, und das nächste mal vielleicht ein wenig früher kommen, tut doch nicht weh. Next one please…“), weil am Ende der ‚Sünder’ der Volksgemeinschaft mehr gilt als ‚Die Anderen’; er ist integrierbarer in das deutsche Prinzip, das da lautet: Einmal mit der Sense drübergemäht, und die künstlerisch Integrierbaren werden am Ende danach bewertet, dass ihnen der Kopf nicht abgeschnitten wurde.
Dem nobelpreisgewürdigten Roman (der Rest des Œuvres wurde sogar von Horace Engdahl und den Seinen verworfen) des Autors widmet das Lübecker Grass-Haus seit dem 13. September eine Sonderausstellung und „[i]m Begleitprogramm lesen junge Künstler wie Smudo von den „Fantastischen Vier“, Fritzi Haberland und Oliver Rohrbeck alias Justus Jonas aus der Jugendkrimireihe „Die Drei Fragezeichen“ aus der „Blechtrommel“, Feuilletonisten diskutieren in der Reihe „Zeit Forum Kultur“ über „Die Blechtrommel in ihrer Zeit“ und Grass und Schlöndorff erinnern sich in einem Podiumsgespräch an „30 Jahre ‚Die Blechtrommel‘ als Film“. (ntv)
Laut Die Presse ist „der erste Satz […] aus der Blechtrommel (beinah) unübertroffen: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“ Mit diesem doppelbödigen Satz beginnt die Erzählung aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath. Der Roman katapultierte den bis dahin unbekannten Autor Günter Grass aus Danzig in die erste Reihe der Weltliteratur.
Beinahe unübertroffen wohl nur, weil eine illustre Jury den ersten Satz aus Grass’ Der Butt als ‚den schönsten Satz, mit dem je ein deutscher Roman begann’, kürte: „Ilsebill salzte nach.“ … Ja, sehr schön (Ilsebilse, keiner willse, kam der Koch und zerhäckselte sie zu einem Anfangssatz…)… Der Zweitplatzierte wartet dann mit einem gar nicht schönen Satz auf; aber das ist eben das grundlegende Missverständnis der Deutschen, wenn es um Kafka geht: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Platz drei ist wieder volkstümelnd nachvollziehbar: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging“ (Siegfried Lenz – Der Leseteufel aus So zärtlich war Suleyken – auch unlesbar – aus grassähnlichen Gründen!). Damit werden ungleich beeindruckendere Romaneinstiegssätze kurzerhand nochmals relativiert, beispielsweise der aus Lion Feuchtwangers Goya: „Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war fast [!] überall in Westeuropa [!] das Mittelalter ausgetilgt“.
Der Lyriker und Bildhauer Grass hatte das Anfangskapitel aus der „Blechtrommel“ bereits ein Jahr zuvor auf einer Tagung der Autoren-“Gruppe 47″ im Gasthof „Adler“ in Großholzleute im Allgäu vorgelesen. „Er sah verwegen aus, etwas heruntergekommen, wie mir schien, desperat wie ein bettelnder Zigeuner [in Walsers Ein springender Brunnen mag man oder eben nicht nachlesen, was dem deutschen Kind als schlimmer als ‚ein Zigeuner’ erscheinen konnte]“, erinnerte sich später der „Vater“ der Gruppe 47, Hans Werner Richter, an diesen legendären Auftritt des späteren Literaturnobelpreisträgers. Es war ein Auftritt mit Folgen. Der damals neuartige [?], vitale, saftig-bildhafte Erzählstil riss die Zuhörer sofort mit – es war wohl eine der eindrucksvollsten Lesungen [vgl. John Felstiner – Paul Celan und – again – Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu zu den Gepflogenheiten im Umgang der Gruppe 47 mit den ihr nicht ganz so genehmen Vorlesenden] in der Geschichte der „Gruppe 47“ (Die Presse ebd.).
Vital und saftig – ernsthaft: Es konsalikt jetzt ganz gewaltig. „Für diesen Maßstab in der deutschen Gegenwartsliteratur sei Grass schließlich 1999 auch der Literaturnobelpreis verliehen worden. Akademie-Sekretär Horace Engdahl meinte in seiner Laudatio, Grass habe mit seiner literarischen Arbeit den „bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Dass der Autor selbst der Waffen-SS zugehörig war, wurde allerdings erst 2006 bekannt. [Tatsächlich ist das eben kein Widerspruch.] >em>Der Roman „Die Blechtrommel“ habe „die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert“ bedeutet, meinte Engdahl“ (ebd.). Ja, leider…
Einer deutschen Wiedergeburt gebührt natürlich eine Sonderausstellung, im Museum, das dem Autor bereits zu Lebzeiten errichtet wurde. Dem ‚Querdenker’ (lies: „Huh, der traut sich, das laut zu sagen, was ich schon immer gedacht habe!“). Dem selbsterklärten moralischen Gewissen der Nation, hinter dessen „laut und vernehmlich vorgetragenem „mea culpa“ nicht nur eine Art Zerknirschung [steckte], sondern mehr noch eine Art Erpressungsversuch, dass man endlich doch die Schuld vergeben möchte. Ganz besonders die Opfer selbst, die Juden sollten das tun“ (Karl Heinz Bohrer, zitiert nach Bittermann ebd.). Der Israel nie mehr besuchen mochte, weil man ihn dort (meiner Meinung nach zu Recht) mit Tomaten bewarf („Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgekommen!“ – aus Krieg der Knöpfe) und es Saddam Hussein (Schnauzbärte unter sich) nicht wirklich übel nehmen wollte, dass der die Bewohner Israels mit Giftgasraketen bedrohte, weil er wohl meinte, die Lehre, die die Deutschen aus dem 2. Weltkrieg gezogen hätten, müsse den Israelis erst noch erteilt werden – die Wahl der Waffen hatten die Deutschen dem irakischen Diktator ja leicht gemacht. Der Lehrmeister aus Deutschland: „Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muss man aufhören…[…] Aber dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.“
Es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass ein Humanist wie Grass die Unvernunft der deutschen Linken verteidigt, die mit dem Mörder und Diktator Saddam Hussein sympathisierte. Ich hatte gehofft, er würde es als schweren Fehler bezeichnen, dass Deutsche nicht gegen die Lieferung von Giftgas und dessen Verwendung für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen demonstrierten und stattdessen lauthals den Krieg gegen einen grausamen Diktator anprangerten, doch er sagte nichts dergleichen. Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen. Was er sagte, erinnert mich an den anämischen Charakter der deutschen Linken in den dreißiger Jahren, die zuließ, dass Hitler an die Macht kam, weil Kriege unfein sind [vgl. hierzu alles, was Olaf Kistenmacher, Martin Kloke, Hanno Loewy, Moishe Postone etc. zu linkem Antisemitismus geschrieben haben]. Am Ende der Diskussion erntete Grass tosenden Beifall. Mich behandelte man nachsichtig, doch ablehnend, oh, wie ablehnend. Ich kam mir vor wie mein jüdischer Großvater, der in Begleitung des siegreichen Barons Günter Grass zu einem Trauermahl geht. Dass er in dem Disput gesiegt hatte, stand außer Zweifel.“ (Yoram Kaniuk ebd.)
Ein „Humanist wie Grass“ bleibt doch immer nur ein deutscher Pazifist… Zur (nicht ausreichenden, aber wenigstens etwas) Strafe steht er jetzt für immer als Nobelpreisträger der Engdahl-Ära neben Harold Pinter und Doris Lessing.
Die wie ein lieblos eingerichtetes Kleinstadt-Kino anmutende Literarischersonderwegausstellung mit tomatenroten (honi soit qui mal y pense!) Wänden ist noch bis Januar 2010 zu besichtigen.
Highlights:
12. November, 19 Uhr, Lesung an der Universität zu Lübeck, Audimax – Smudo von den „Fantastischen Vier“ liest aus der „Blechtrommel“. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €
19. Dezember, 19.30 Uhr Filmhaus Lübeck – 30 Jahre „Die Blechtrommel“ als Film, Podiumsgespräch mit Volker Schlöndorff und Günter Grass, Moderation: Jörg-Philipp Thomsa. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €

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Mary McCarthy – The Group
John Felstiner – Paul Celan
Paul Celan – Gedichte I
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
+ Lesenswerte Romananfänge:
Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagerndem Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“
Gisela Elsner – Fliegeralarm: „Meine Mutter brauchte uns nicht zu wecken.“
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre: „Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.“
Heinrich Mann – Die Vollendung des Königs Henri Quatre: „Der König hat gesiegt.“
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