„Our makeup collaboration with MAC developed from inspirations on a road trip that we took in Texas last year, from El Paso to Marfa. The ethereal nature of this landscape influenced the creative development and desert palette of the collection. We are truly saddened about injustice in Juarez and it is a very important issue to us. The MAC collaboration was intended as a celebration of the beauty of the landscape and people in the areas that we traveled.“
Rodarte Company Statement via Colorlines

Landschaft bei Juárez
Zweifellos gehört der Rodarte-Lidschatten der Kosmetik-Firma MAC zu den ästhetisch aufregendsten Erzeugnissen der Menschenverschönerungsindustrie der letzten 100 Jahre. MAC ist bei seinen Benutzern auch bekannt für die limited editions (LE)1: Produkte, die nur für wenige Monate, Wochen oder aufgrund des Ansturms auf die ausgewählten Geschäfte, die sie überhaupt führen, Tage erhältlich sind. Die Illusion von Exklusivität scheint unerschöpflich, denn tatsächlich gibt es regelrechte LE-Fans respektive -Süchtige. Die beschweren sich zwar regelmäßig in einschlägigen Foren darüber, dass sie reingelegt werden; in jeder Anklage schwingt dennoch mit, dass sie sich erneut und ganz und gar gegen ihren Willen davon werden überzeugen lassen, dass das jetzt the real stuff sei.
Die Empörung über die Juárez-Linie gleicht dann auch der des sterbenden Junkies, der dem Dealer mit dem letzten Atemzug noch vorwirft, er habe den Stoff diesmal ja überhaupt nicht gestreckt. Das Begehren nach dem einzigartig überwältigenden Kicktriporwhatever war immer da, aber der Konsum erwies sich als tödlich. Davor hat MAC seine Kunden bewahrt. Und auch davor, diverse youtube-Videos zu produzieren, die die Anwendung z.B. des Lidschattens demonstrieren. Der nämlich erscheint auf den ersten Blick inkommensurabel. Vor allem, da in den letzten Jahren der nude look (sich schminken, um ungeschminkt auszusehen) die Roten Teppiche dominierte.
Das (Inkompatibilität mit dem mainstream look) allerdings war nicht der Grund für den in der Kosmetik-Geschichte wohl einzigartigen Rückzug einer bereits hergestellten und aufwändig beworbenen Make Up-Linie und die Ankündigung, alle erwarteten Einnahmen zu spenden – dabei dürfte es sich um einen Kompromiss aus den üblichen Erträgen der LEs und dem diesmal mit Sicherheit reduzierten Kundenkreis handeln. Das model zum Produkt nämlich suggerierte bereits, dass, wer die Juárez-Farben verwendet, kaum anders kann, als sich leichenartig zu stylen. Derzeit ist aber weder mit einem Comeback des heroin chic der (1920er) 1990er noch – trotz einschlägiger erfolgreicher Filme – dem (anyone? Please! Jenseits von albernen Motto-Partys…) Debut des zombie looks zu rechnen. Als ästhetische Rechtfertigung bliebe außerdem eine Reprise der gothic novel heroine des 19. Jahrhunderts, die, von Bösewichten wahlweise in düstere Klöster oder Burgruinen verschleppt, an Lichtmangel und von ekelerregenden Domestiken lieblos zubereitetem Haferbrei einzugehen drohte. Stattdessen faselten die verantwortlichen Designerinnen, Kate und Laura Mulleavy (Rodarte), hilflos, und als habe Oliveiro Toscani La pub est une charogne qui nous sourit (dt. Titel: Die Werbung ist ein lächelndes Aas) nie geschrieben, ihre Linie sei eigentlich als Hommage an die Schönheit der Landschaft um Juárez herum gemeint gewesen. Wie auch immer…
Im englischen Sprachraum gibt es ein eher unterhaltsames Spiel namens Tenuous, eine Variante der Spielregeln (es gibt diverse) lautet: Jemand gibt zunächst unvereinbar scheinende Begriffe vor, und man muss deren Zusammenhang zum Ursprung nachverfolgen oder zu einem Ziel zusammenfügen. Beim Rodarte Make Up ist das eine einfache Übung: Juárez, bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, Lidschatten, der wie Blut auf Asphalt aussieht etc. = die unzähligen unaufgeklärten Morde an Arbeiterinnen auf dem Weg zu den sweat shops im mexikanischen borderland.
Ob die Assoziationskette der Mulleavys (Kate 31, Laura 30) nun romantisch oder politisch oder romantisch-politisch inspiriert war, kümmert niemanden mehr, der Aufschrei galt (schadenfroh) ihrem (mehr oder weniger blöden) „Zynismus“. Und ist entsprechend bloß der Abwehr geschuldet. Ob die Designerinnen nun naiv einem historisch nicht einmal beispiellosen Schönheitsideal von dem Tod geweihten oder toten Frauen huldigen wollten oder meinten, eine besonders originelle Idee zur Aufmerksamkeitsgenerierung entwickelt zu haben, sie haben die Informiertheit und das Empörungspotential sowohl der einschlägigen Presse als auch ihrer meistens relativ wohlhabenden und entsprechend häufig sozial irgendwie engagiert sein müssenden Kunden unterschätzt. Man stelle sich vor, eine der Damen, die sich ausschließlich für die Rettung spanischer Straßenhunde einsetzt, träfe auf einem Empfang eine Bekannte, die weibliche Gewaltopfer in Mexiko unterstützt und würde gefragt, was sie denn da für ein ausgesprochen apartes Make Up aufgelegt habe und antwortete darauf: „Das ist die Juárez-Linie von Rodarte. Ganz exklusiv. Ein wenig gewagt womöglich, aber…“ „DIE WAS?-LINIE?“ Sowas kann einem schon den Abend ruinieren, und da das Gesicht zum Kleid passen sollte, ist einem die Möglichkeit verwehrt, in den rest room zu eilen und sich fluchend abzuschminken, ganz zu schweigen von den Peinlichkeits-Flashbacks in den nächsten mindestens zehn Jahren. Und das obwohl man jede Petition zur Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetikindustrie unterschrieben hat, ganz viel im Bioladen einkauft und den Müll sowas von trennt…
„We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.“
William Shakespeare – The Tempest
„Those elements were ejected into space by the force of the massive explosion, where they mixed with other matter and formed new stars, some with planets such as earth. That’s why the earth is rich in these heavy elements. The iron in our blood and the calcium in our bones were all forged in such stars. We are made of stardust“.
Edward Zganjar, cited on Science Daily – Physicist Finds Out Why „We Are Stardust…“
Auf der anderen Straßenseite hingegen lässt man sich bereitwillig mit Dämpfen einnebeln, die aus dem Wasser gewonnen wurden, mit denen Tote in mexikanischen Leichenhäusern vor der Obduktion gewaschen wurden. Im Buch zur Künstlerin heißt es entstellend: „Die darin gelösten ‚Lebensspuren’ verbreiten sich unsichtbar in der Luft und lassen erneut die Toten in minimalen Spuren anwesend sein. […] Indem die Luft eingeatmet wird, ist der körperliche Kontakt unmittelbar und direkt. […] Dies führt zu einer Identifikation mit den Toten, zu einer unmittelbaren Ineinssetzung: Die Toten werden im Besucher verlebendigt, der Besucher in den Toten sterblich.“ (Udo Kittelmann, Klaus Görner, Hg. – Teresa Margolles. Muerte sin fin)
Selbst auf atomarer Ebene gibt es keinerlei Masseunterschied zwischen dem lebendigen Individuum und dem toten Menschen. Das unmittelbar Schockierende an der Installation von Teresa Margolles ist nicht der entweder alberne oder tragische Film-Effekt (Ghostbusters oder Ghost) von Verstorbenen, die einen plötzlich durchdringen (whoooshwhoaaa…), sondern die Erkenntnis, dass wirklich nichts Relevantes mehr da ist. Und dass dafür gesorgt wurde. Die angeblichen ‚Lebensspuren’ haben nicht das Geringste mit menschlichem Leben und mit dem Individuum schon gar nichts mehr zu tun. Identifikation oder Ineinssetzung sind also nur noch mit einer Art von Ursuppe zu haben, mit einem Ektoplasma oder einem Fluidum, einem esoterischen Wahn, einer Aufkündigung des Individuums. Margolles ist mit ihren Installationen und ‚Skulpturen’ dem, was Menschen anderen Menschen antun können, so nah gekommen, wie es Kunst nur kann, und das ist bloß eine Ahnung, und eben deswegen bedeutet jede explizit empathische Deutung ihres Werks mindestens einen Schritt zurück. Alles, was Margolles umsetzen kann, und darin besteht die Eindrücklichkeit ihrer sehr weit gehenden Abstraktion, ist, auf die grausam produzierte Leerstelle hinzuweisen. Und einen körperlichen Effekt zu erzeugen, der im besten Falle nicht die unmögliche und entsprechend kitschige Illusion von Wiederbelebung erzeugt sondern angemessenen Ekel vor dem, was man aufgefordert wird zu inhalieren. Wer das nämlich mit tiefen Zügen und gutem Gewissen einatmet, hat sich schon versöhnt, wer abwehrend aber wehrlos so flach und kurz wie möglich Luft holt hingegen, erfährt wenigstens die Ahnung vom Skandal.
Selbst Margolles’ ‚gegenständlichere’ Arbeiten, wie beispielsweise ihre oben dokumentierte Arbeit für die Biennale in Venedig 2009 oder der kleine Betonklotz, dem man nicht ansieht, dass er als billiger Sarg für einen toten Fötus dient, zeugen nur von Missachtung und Leere, von Unwiederbringlichkeit. Margolles arbeitet konsequent mit dem, was sie bloß noch als Material auffinden kann. Ein Material, das Peter Schiering im Zusammenhang mit Xu Bings – Margolles’ Arbeiten oberflächlich ähnelnder Installation – „Where does the dust itself collect?“ unangenehmerweise als „konkretes, sinnliches Material“ (artnet) bezeichnete. Xu Bing verwendete Staub vom Ground Zero. Am Ende der Spurensuche steht dann auch zu Verwertendes, Einebnendes und Nichtiges: „Von der Decke des Raums im MMK tropft aus vielen kleinen Ventilen normales Leitungswasser auf auf den Boden und die Besucher herab. Der Gedanke eines Kreislaufs, die Abfolge von Verdunstung und Niederschlag, ist wie ein Kommentar […] zum Kern der Arbeit von Teresa Margolles zu verstehen. Die Leichen werden – und nicht nur in Mexico City – durch ein ausgeklügeltes System bürokratischer “Entsorgung“ möglichst reibungslos zum Verschwinden gebracht, der Skandal, den jeder Tod bedeutet, so gut es eben geht, bereinigt. Aber der Tod bleibt in der Luft und findet überall seinen Niederschlag. Die Spuren mögen noch so sorgfältig verwischt werden, durch alle Ritzen dringt er in unser Leben wieder ein. So gesehen ist jedes Wasser, mit dem wir uns waschen, das wir trinken, von der gleichen Qualität, wie das aus der Gerichtsmedizin in Mexico City.“ (Kittelmann, Görner, ebd.)
Damit aber löst sich dann alles in Beliebigkeit auf, und dem zum Teilnehmen gezwungenen Ausstellungsbesucher bleibt die fast beruhigende Erkenntnis, dass man eben überall vom Tod umgeben sei. Darüber kann man Celans (und die Anspielungen im Kommentar auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie sind kaum zu überlesen) entsetztes „Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng […] dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“ oder André Schwarz-Barts tragisches „Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken“ auch hierzulande als im Weltgeschehen nunmal alltägliche Erfahrung mit Verlust und Tod abheften.
Ian McEwan sind die Morde von Juárez einen kurzen, die Seltsamkeit der – diesmal wirklich – Landschaft noch ein wenig mit düster monochromem Lokalkolorit versehenden Absatz in seinem letzten (eher misslungenen) Roman „Solar“ wert. Und At the Drive-In haben ein unwichtiges Lied mit dem Thema eher unbeholfen bebildert. Juárez hat Eingang in die Pop- und Hochkultur gefunden. Den (unberührt) schönen Lidschatten der Mulleaveys hätte man mit ein wenig esoterischem Versöhnungswillen auch noch gut verkaufen können. Was kunstvoll wie Blut auf Asphalt anmutet, würde dann erst in seiner Zerstörung sinnstiftend, mit dem Zeige- oder Mittelfinger oder einem Applikator verrieben und übers Auge des Nutzers geschmiert, trüge der irgendwann unvermeidlich, aber so wenigstens ostentativ ein paar Atome der Opfer mit sich herum.
- Bei allem, was hier zum Thema Kosmetik geäußert wird, handelt es sich ausschließlich um meine persönliche Meinung und sowieso um Satire und keinesfalls um eine Qualitätsbewertung der Produkte. Zu einer solchen bin ich überhaupt nicht in der Lage.[zurück]
+ Later – Passt schon: „»Black Swan« ist von der ersten Minute an ein großes Spektakel, ambitioniert und sichtlich um eindrucksvolle Schauwerte bemüht: gothic-gleiche Tanzszenen, exzentrisch-darke Tutus (die Entwürfe haben die Schwestern Kate und Laura Mulleavy des Modelabels Rodarte gefertigt), virtuose Spiegelszenen, eine entfesselte, dabei aber unfassbar fließende Kameraführung, leicht angeschmuddelte Erotik, Psychogrusel, Body Horror, Dornen, Blut und Scherben.“ Esther Buss – Beautiful Monster, Jungle World



