Dass das mit den Vampiren und dergleichen doch überhaupt nicht auf die Juden gemünzt sei, wird von den Apologeten einschlägiger Bebilderungen permanent repetiert. Wie aber bereits am Beispiel der Occupy-Bewegung (die eigentlich überhaupt keinen Vorwurf mehr von sich weisen dürfte, weil sie eben 99% zu repräsentieren bzw. zu sein behauptet) wiederholt nachgewiesen wurde, wird selbst der Hinweis darauf, dass die Stereotype, mit denen man seine Empörung über das „raffende Kapital“ illustriert, von erklärten oder unverkennbaren Antisemiten (z.B. Joseph Sheridan LeFanu – Carmilla oder z.B. Adolf Hitler – Mein Kampf, S. 337ff) geschaffen und verbreitet wurden und seither kontinuierlich das „Gerücht über den Juden“ (Adorno) befördern, oft als Lappalie abgetan.
Immunisierungsstrategien können allerdings auch als ha! witzige Distanzierung daherkommen, die sich jedoch regelmäßig in der Pointe auflöst, wie vor kurzem im ZDF.
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„The Jews are seen as sapping the host nation of its vital energy. They are, in Drumont’s words ‚like an evil bird that occupies the nest that others have built.’ Because of their ability to adapt to most societies and yet remain unchanged, the Jews are seen as possessing symbolic immortality obtained at the detriment of other nations. Comparisons of Jews with parasites, including blood sucking parasites such as leeches, lice, bed bugs etc. were common. Karl Lueger, the mayor of Vienna from 1897 to 1910, a man Hitler called ”an inspiration”, referred to the Jews as ‚Blutsauger’ – a word meaning ‚bloodsucker’ or ‚vampire’.“ Peter Dan – How Vampires became Jewish
„Dieser Herr, der so eindeutig in faschistischer Tradition steht, daß es schwer zu begreifen ist, wie seine Bücher bis in „alternative“ Kreise hinein beliebte Lektüre sein können, nennt sich van Helsing, weil er sich als Vampirjäger sehen will, gleich jenem van Helsing in dem Roman „Dracula“ von Bram Stoker. Tatsächlich heißt er – wie sich inzwischen herausgestellt hat – Jan Udo Holey.
{…} Wer sind nun die „Vampire“, die van Helsing bekämpft? ‚Menschen, die das Leben nicht bereichern, sondern Leben nehmen und auf Kosten anderer Menschen existieren, auch energetisch’. („Geheimgesellschaften, 2. Band – Interview mit Jan van Helsing“, S. 40) Das Buch, so heißt es in der Vorrede zum 1. Band, erkläre das Elend der Welt – und warum der Reichtum sich in den Händen weniger befinde. So etwa stellt sich das Weltbild des Jan van Helsing dar: Allgegenwärtige Feinde sind Freimaurer, Juden und wiederum Juden.“ Jens-Uwe Riess – Karma, Ufos und Antisemitismus. Antisemitische Verschwörungslegenden in der esoterischen Szene (analyse & kritik Nr. 394, 19.9.1996)
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Welke: „Warum macht diese Rating-Agentur sowas? Oder sind die einfach doch nur die Überbringer der schlechten Nachrichten. Ich meine, die sind ja nicht einfach böse. Vor der Deutschland-Zentrale von Standard & Poor’s steht jetzt die Kollegin Birte Schneider. Birte, äh, ist das wirklich Frankfurt?“
Prayon: „Ja klar, das ist eine kleine Nebenstraße im Frankfurter Bankenviertel*. Um die Ecke ist die Deutsche Bank.“
Heute-Show, Screenshoot
* Kaum eine der antisemitischen Verschwörungstheorien um beispielsweise „die Rothschilds“ kommt ohne Verweis auf die Judengasse in Frankfurt aus.
Welke: „Aha.“
Off: Wolfsgeheul
Welke: „Wer war das denn?“
Prayon: „Och, das ist so’n Investement-Banker. Der läuft mir schon den ganzen Tag hinterher. Will mir italienische Staatsanleihen verkaufen.“
Welke: „Gut, aber diese Sendung ist ja weit davon entfernt, billige Banker-Klischees zu bedienen. Reden wir lieber über Standard & Poor’s. Warum drohen die der Euro-Zone drei Tage vor diesem Brüsseler Gipfel mit Runterstufung? Hätten die nicht mal die Ergebnisse abwarten können?“
Prayon: „Ergebnisse abwarten? Welke! Süß! Kennen sie nicht das alte Rating-Sprichwort: Du musst die Leiche runterstufen, so lange sie noch warm ist.“
Welke: „Tja, aber warum? Warum machen die das?“
Prayon: „Warum? Warum reißt der Eisbär das wehrlose Robbenbaby? Ha, warum? Weil er’s kann. Und weil’s verdammt nochmal geil ist. Spüren, wie das Leben aus deinem Opfer herausfließt und dir warm über’s Kinn läuft.“
Welke: „Birte, diese Umgebung tut Ihnen irgendwie nicht gut, finde ich. Was war das denn jetzt hinter ihnen?“
Heute-Show, Screenshoot
Prayon: „Ach, das ist der Standard & Poor’s-Vorstand, der fliegt zum Meeting nach New York.“
Welke: „Ja, wie gesagt, keine Klischees, aber nur nochmal zum Verständnis: Diese Agenturen erstellen doch einfach nur Gutachten für Investoren?“
Prayon: „Ja genau, und der Weihnachtsmann ist ganz doll in den Osterhasen verliebt. Mann, wachen Sie auf, Welke! Die großen Rating-Agenturen gehören indirekt den Hedge Fonds, die wiederum einen Arsch voll Geld verdienen, wenn dank Rating-Agentur kurz vor dem Euro-Gipfel Panik ausbricht. Ein absolut teuflischer Plan.{Entsprechendes Gelächter} Tschuldigung.“
Welke: „Wenn das so ist, kann man diese Rating-Idioten nicht einfach ignorieren?“
Prayon: „Dat is’ ja ne tolle Idee. {Off: Wolfsgeheul} Sehnse, da lacht sogar mein Investment-Banker.“
Heute-Show, Screenshoot
Prayon: „Oh, der Pressesprecher von Standard & Poor’s. Tschuldigung, aber den muss ich jetzt echt interviewen.“
Heute-Show, Screenshoot
Welke: „Viel Erfolg! Birte Schneider, meine Damen und Herren.“
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„Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«“ Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08
„Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry
Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.
„The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.“
R.L. Stevenson – The Cow
Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.
„And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?“
Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)
Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.
„Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«“
Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09
„Jenny Elvers-Elbertzhagen wird Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsregisseurin. Der Film mit dem vielversprechenden Arbeitstitel Angeklagt soll frühestens 2012 in die Kinos kommen. Wer den Film produziert und wer Regie führt, wollte die Agentur der Hauptdarstellerin nicht verraten – nur so viel: Ein Niederländer soll es sein.“ (Katharina Riehl – Die Rolle eines Lebens, Süddeutsche)
Das mit dem Niederländer ist natürlich eine falsche Fährte. Nachdem Riefenstahl Madonna die Rechte an der Verfilmung ihres Lebens nicht gönnen wollte und auch nicht Kevin Costner oder Jodie Foster, kommt nur noch eine Regisseurin in Frage: Riefenstahl selbst. Dass sie tot ist, bedeutet für die schon zu Lebzeiten Untote (s.u.) das geringste Hindernis. In der Süddeutschen wird die Frage gestellt: „Nun also Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ob ihr das gefallen hätte?“ Und geantwortet: „Man weiß es nicht.“ (ebd.) Soll das ein Witz sein? Riefenstahl würde es grauenvoll finden, weswegen ihr Geist zu gegebener Zeit Elvers-Elbertzhagens Körper übernehmen wird, um sich unter eigener Regie auch noch angemessen darstellen zu können.
Riefenstahl beim Truppenbesuch in Polen, Bundesarchiv
Als Riefenstahl 100 wurde, schrieb Gert Ockert ihr und ihren Gratulanten eine Laudatio, die an Schicklichkeit kaum zu überbieten ist.
Gert Ockert – 1.000 Jahre Riefenstahl, Konkret 10/02 (kurze Zitate aus einem angebracht langen und leider online nicht verfügbaren Artikel):
„Sie haben sich nie für etwas geschämt, niemals um die Opfer ihrer Mordlust getrauert, keine Sekunde lang die Schuld, in der sie vor der ganzen Welt stehen, akzeptiert, keinen Augenblick lang innegehalten, um vor sich selbst zu erschrecken und vor ihrer Geschichte, ein halbes Jahrhundert lang nicht. Und inzwischen tun sie nicht mal mehr so, als ob. Die Deutschen kommen mit ihrer Vergangenheit bestens klar, weil sie nur das in ihrem Gedächtnis bewahren, was bei Gedenktagen nicht stört. Sie sind mit sich im reinen, weil sie jeden, der sie an das erinnert, was sie, und nicht nur eine kleine, exotische Bande von Nazi-Unholden, angerichtet haben, als einen abtun, der sie in den Schmutz ziehen will. Das abscheulichste und entsetzlichste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit hat nichts mit ihnen, sondern nur mit ihrem Namen zu tun. […] Kein nennenswerter Akt der Sühne ist den Deutschen je gelungen, den man ihnen nicht hätte aufzwingen müssen, und dann war er erst recht nicht nennenswert. Sie reden sich heraus seit 57 Jahren, sie leugnen, lügen, fälschen, drohen, verklagen, jammern, quatschen schön oder schweigen stur, und sie sind darüber steinreich geworden und arrogant; unbesiegbar, weil sie keine Reue kennen, unentrinnbar, weil sie sich aufdrängen, wo sie nur können, unsterblich, weil ihr Schlaf von keinen Alpträumen gestört wird. Deutsche haben keine Alpträume, denn sie sind selbst einer.
Wie sehr die Kinder der Mörder ihren Eltern in der Absenz von Trauer und Scham ähneln, wie viel Geschwätz sie entfesseln, um nur nichts Selbstkritisches sagen zu müssen, wie sie das Maul aufsperren, damit sie es anderen verbieten können, all das läßt sich am besten besichtigen, wenn ein runder Geburtstag ansteht. Wie z. B. soeben der hundertste einer Frau, die alle Lügen und Frechheiten, alle Gewissenlosigkeit und alles Selbstmitleid dieser Deutschen derart plakativ verkörpert, daß man meinen möchte, sie sei eine Art ektoplasmatische Erscheinung, geboren bei einer nationalen Séance gleich nach Kriegsende, der fleischgewordene kollektive Unwille der Deutschen zur Scham, und darum so alt, so unverwüstlich, so grauenerregend: ein Gespenst der Gemeinheit, eine Wiedergängerin, die für jeden ermordeten Juden ein Jahr Lebenszeit geschenkt bekommen hat, ein Zombie des Obszönen.
[…] Riefenstahl, blödelt Martenstein, ist vermutlich keine Nationalsozialistin gewesen, das sagten jedenfalls alle, die sie damals kannten, nur ein Genie auf Arbeitssuche. Das nehmen mußte, was es kriegen konnte, weil der schwer faschistische Schmarren, den Riefenstahl bereits 1932 in »Das blaue Licht« inszeniert hatte, allein von den Nazis goutiert wurde. […] Eine der wenigen Zigeunerkomparsinnen, die »Tiefland« überlebten, erzählt in der »Süddeutschen Zeitung«, was ihr passierte, nachdem sie vom Set geflüchtet war. Bald fing die Polizei sie ein, und das Genie verlangte von der jungen Frau Bußfertigkeit, was das Mädchen verweigerte: Da hat die Frau Riefenstahl gesagt: »Dann kommst du eben ins Konzentrationslager.« Und so geschah es auch.
[…] Die »Bunte« überliefert, was die Frau mit der atemberaubend erotischen Bildsprache ihren Festgästen zurief: Alles hätte ich mir vorstellen können, aber daß ich 100 Jahre alt werde, niemals! Sie ist unter all diesen exemplarischen Deutschen wahrscheinlich die einzige Person gewesen, die weiß, daß ihr Geburtstag und all das Gewese um ihn in einem zivilisierten Gemeinwesen unvorstellbar wären. In Deutschland aber ist nur der Tod nicht ihr Freund.“
Volk ohne Raum again! Natürlich ist nur ideeller, spiritueller und dergleichen Raum gemeint – das „Luftreich des Traums“, über das Heine sich noch lustig zu machen wagte und das Marx/ Engels als Bestandteil deutscher Selbstgerechtigkeit diagnostizierten – ganz gewiss nicht das ehemalige Aufmarschgebiet im Osten oder im Süden, Westen, Norden. Das Ziel ist derzeit Expansion ohne Waffengewalt – die aber in allen Dimensionen: Breite, Höhe, Tiefe, Zeit und Sympathie. Und wenn die Stringtheorie zutreffen sollte, nehmen die Deutschen die ganzen fein säuberlich aufgerollten Dimensionen noch mit und stricken sich einen Lebensraum daraus.
Nichts wollen die Deutschen offenbar mehr, denn als „ganz normale Nation“ anerkannt zu werden. Es geht ihnen nur um sich selbst; aber ihr Projektionswahn ist so übermächtig, dass sie ihre Missgunst, ihren Selbsthass, der nicht sein darf und ihren Hass aufs „Andere“, der auch notwendig ist, um den Selbsthass ertragen zu können, auf die Welt übertragen, bis sie ihnen in ihren Augen mindestens gleicht. Frankreichs (fußballerisches) „Multikulti-Experiment“ gilt den Deutschen als gescheitert, während sie ihre eigene „Integrationsleistung“ gar nicht genug ausstellen können.
Das Geheimnis des deutschen Erfolgs gibt Bushido im Spiegelinterview preis: „Egal, wie asozial du bist, du weißt in Deutschland immer noch, an welche Regeln du dich halten musst. […] Es ist einem nicht egal. Deswegen brennen hier nicht die Vorstädte. Es gibt diesen Frust in Deutschland nicht. Auch krass asoziale Leute, die ich kenne, machen lieber Raubüberfall oder Einbruch, als Autos anzuzünden. […] Die kennen das Wort Revolte gar nicht. Wenn der Vater ‚Ruhe’ sagt, dann ist Ruhe.“ (Ebd.) ∎
Inmitten der irgendwie Gleichen aber wollen die Deutschen trotzdem einzigartig sein, z.B. im Nichtdürfen. Ihr „Abermanwirdochwohlnoch“ fordert geradezu Ablehnung ein, um sich entweder als Opfer von ewigwandernden Anklagen oder als zu Recht Empörter geben zu können. Alles ganz entspannt und locker natürlich, beispielsweise beim home screening vom Irgendwer vs. Deutschland-Spiel, wo der bereits als generellnichtfürdeutschlandseiend bekannte Besucher zum fröhlichen Empfang mit Schwarzrotgelbfettfarben bemalt werden soll und mehrfach auf Unterlassung bestehen muss. „Achkommschonistdochbloßlustig“. Deutschsein ist totale Party, und wer nicht mitmachen will, steht als ostentative Erinnerung an das, wasdamalwar mitten im Raum. ‚Das’ gehört zwar mittlerweile zur deutschen Folklore, aber niemand will explizit darauf hingewiesen werden, dass seine „Schland“-Party dem Hüpfen auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals verblüffend ähnelt. Eigentlich, denn zugleich freut man sich auch ein wenig über die Verweigerer, hat mans doch gewusst: Was man da gerade macht, ist ungeheuer gewagt! Deswegen wird auch so getan, als sei die ein wenig Freudsche Fehlleistung der ZDF-Moderatorin skandalisiert worden. Was natürlich nicht der Fall war – kurz „Dudu“ hat die deutsche Medienwelt gesagt und dann der liebenswert unverstellten Göre verzeihend den Kopf getätschelt. Andere werden schon fürs bloße Deutschlandlieben brutal gedisst, Bushido for instance:
SPIEGEL: Sie haben in einem Song gerappt: „Ich liebe dich, mein Deutschland.“
Bushido: Ich habe das genau so gemeint, aber ich wusste natürlich, was für eine Provokation [?] das ist. Anscheinend muss ich nur sagen, was ich denke, und schon ticken alle aus [Was habe ich nicht mitbekommen?]. Auf dem Single-Cover zum WM-Song prangt [!] jetzt der deutsche Adler. Und trotzdem finde ich Rechtsradikale beschissen. (Ebd.)
Ja, alle finden die Nazis doof, vor allem die rassistischen Fahnenzerstörerneoneonazis, die den Deutschen, die von Spiegel, Zeit et al. als vorbildliche ‚Ausländer’ ausgemacht wurden, das Schwarzrotgold nicht gönnen wollen. Mit dem 19-jährigen Schüler Manuel freut man sich: „Es ist doch super, wenn die [!] sich so integrieren.“ Wenn die Anekdote stimmt, dass man den deutschen (in jedem halbwegs zivilisierten Land erhält jemand, der dort geboren wurde, die entsprechende Staatsbürgerschaft – hier nicht) Ladenbesitzer und Fahnenbewacher aufforderte, statt der deutschen doch bitte die palästinensische Flagge zu hissen, hat man es dort tatsächlich auf allen Seiten mit – gelinde gesagt – Spinnern zu tun.
Mit den Fahnenverteidigern aber, die sie immer noch als ‚fremd’ ausstellen müssen, um die gewünschte Absolution zu erreichen, lassen die Deutschen sich lieben, wie sie im selben Kontext ihre Feinde hassen lassen. Niemand gilt ihnen als Individuum, die deutsche Nation wird bejubelt im Stellvertreter, der sich integrieren muss, aber nie wirklich nur er selbst sein darf, in seinem Wahnsinn oder im Streben nach gerade noch zu erahnendem Glück. Gerne vorgezeigt wird er als Konservendosenjubler wie als Konservendosenhasser (Lars Quadfasel).
Und selbst davon glaubt man genug zu haben, denn womöglich wären ja noch einige unter denen, die man lieber gleich bis zur Abschiebung einsperrt (ihren Tod dabei wiederholt in Kauf nehmend), ertrinken oder an der Grenze hinrichten lässt – vgl. dazu Cosmoproletarian Solidarity – Denunzieren, was deutsch ist.
Insofern wichtig sind die, die es überhaupt nicht ins Land des „Weltmeisters der Herzen“, der – damits nicht langweilig wird – nunmehr „Sympathieweltmeister“ heißt, zieht. Weltweit geliebt wird die „junge“, „frische“, „bunte“ und wasweißich Mannschaft. Und wenn der israelische Ministerpräsident mal nichts sagt, hat auch das als Liebeserklärung an Deutschland zu gelten („Wer zu höflich ist zu sagen, dass er ‚gegen‘ uns ist, ist für uns!“): „Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.“ (Spiegel online)
Warum die Ewiganklagenden immer noch nicht wirklich zugeben wollen, dass auch sie ‚uns’ lieben, erläuterte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Jacob-Grimm- und Cicero-Rednerpreis-Inhaber, der emeritierte Münchner Historiker Christoph Meier jüngst im Gespräch mit Wolfgang Herles, der den Phönix-Zuschauern („Auf den Punkt“, vom 18.07.10) dessen Buch „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ wärmstens empfahl. Natürlich sei der Holocaust irgendwie einzigartig und deswegen dürfe man auch irgendwie das Ganze nicht vergessen. Sonst sei Vergessen aber eine schöne und notwendige Sache. Und dann sei das Gedenken ja auch hierzulande mittlerweile eher Routine geworden (ganz so wie bei Walser sei das nicht gemeint, aber schon, doch, vielleicht…). Und überhaupt habe das sich an den Holocaust erinnern müssen vielleicht nicht nur etwas mit der Einzigartigkeit des Verbrechens zu tun, die man natürlich nicht in Frage stellen wolle, aber womöglich läge es auch an jenen, welchen man es angetan habe. Denn: Anders als andere Kulturen basiere das Judentum ja vor allem auf Erinnerung – da könne man gar nicht anders als pausenlos zurückblicken. Ob das auch das deutsche Gedenkenmüssen bedingen würde, fragt der Moderator. Und der Gast antwortet, dem könne sehr wohl so sein. Dann wird es richtig deutsch, ob er denn keinen Skandal befürchte, will Herles wissen – wie bei Walser damals. Ach nein, sagt Meier, seine Bücher nehme ja eh niemand wahr. (Die Sendung ist leider nicht online verfügbar und kann deswegen nur grob zusammengefasst wiedergegeben werden.)
Die Party war eben auch so laut, so schwarzrotgold, so demonstrativ, weil die Teilnehmer nicht anders können, als sich immer noch als Opfer zu präsentieren. Da hilft nicht einmal der Triumph, sich den Hurra-Patriotismus redlich verdient zu haben, indem man zur Nation mit den überhaupt besten Patrioten geworden ist, weil man nämlich am einzigartigen Verbrechen moralisch über alle anderen hinausgewachsen ist. So schnell macht einem das keiner nach. Aber Opfer sein ist trotzdem viel schöner, Verlierer sein gibt Stoff für noch mehr Mythen und uneinholbare Größe: „Bezeichnend, dass Walser ausgerechnet die Deutschen als die guten, knienden Verlierer den allzu „dreisten“ Gewinnern gegenüberstellt. Jemand, der sich in der Vergangenheit so konsequent in die Reihe der Verlierer zweier Weltkriege eingeordnet hat und den Siegern vorwirft mit der „Moralkeule Auschwitz“ zu schwingen, wählt sich selbstverständlich nun den knieenden Schweinsteiger als Ikone und spricht verächtlich über die Sieger unter denen er vermeintlich zu leiden hatte.“ Dissonanz – Walser, Schweinsteiger und die Deutschen
Würde man Walsers Ikonisierung Schweinsteigers in der Süddeutschen nur ein wenig kürzen, läse sie sich wie ein Brief an die Leser in der Titanic: „Lieber Bastian Schweinsteiger, wenn Sie nach dem 0:1-Spiel nicht auf dem Rasen gekniet wären, vornübergebeugt, die Stirn, vielleicht das Gesicht im Gras, wenn wir Sie in dieser Haltung nicht zweimal auf dem Bildschirm hätten anschauen können, und jedes Mal nicht nur eine Sekunde lang, sondern so lange, dass uns Ihre Haltung durch und durch gegangen ist, wenn das alles so nicht gewesen wäre, würde ich, könnte ich nicht an Sie schreiben. So aber muss ich reagieren auf diesen grandiosen Fußballer, der nach einem 0:1 so kniet, so sich beugt. Wie Sie sich wieder aufgerichtet haben, wurde nicht gezeigt. So bleibt der kniende Bastian Schweinsteiger unser Haupterinnerungsbild […]. Ich habe gedacht: So knien, so sich beugen kann nur einer, der gerade verloren hat. […] Die, die gewonnen haben, sind nicht halb so eindrucksvoll wie die, die verloren haben. […] Es gibt, das kann sich jeder leicht ausrechnen, viel mehr Verlierer als Gewinner. […] Sportplätze sind nur ein Teil dieser Kampfplatz-Welt – wer aber in seinem Feld und Umfeld erlebt, wie sich Gewinner gewöhnlich aufführen, der kann nur hoffen, dass er, wenn er auch mal gewinnt, nicht so dreist aus der Wäsche schaut, wie das der Gewinner tut. […] An Ihre Haltung reicht das alles nicht heran. Sie sollen wissen, Sie hätten uns durch keinen Sieg so faszinieren, so bannen, so für sich einnehmen können, wie durch dieses Hinknien. Die Schicksalsdramaturgie hatte für Fallhöhe gesorgt. Zuerst ein schönes Spiel nach dem anderen, […] dann dieser Sturz ins 0:1 [aka Stalingrad]. Dann knien Sie so lange, wie Sie noch kein Mensch hat knien sehen. Und in der massenhaft belebten Umgebung direkt nach dem ins Unglück verlaufenen Spiels [sic] knien Sie ganz allein, keiner kommt, der Sie, sagen wir, aufrichten will. Das spricht für alle, die da herumrannten [?]. Ich finde, das Bild, das so zustande kam, der gloriose Fußballer kniet allein, die Stirn im Gras, dieses Bild hat es verdient, gespeichert zu werden, überall. […] Mit freundlichen Grüßen, Martin Walser
(vollständiger Text: Süddeutsche, online 09.07.2010)
Da sieht er dann gerne hin, wenn des Deutschen Leiden ausführlich und mehrfach zelebriert wird, an anderer Stelle brüstet er sich damit, „bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut“ zu haben – „[v]on den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern“.
Christian Bangels ist noch nicht so weit wie Walser. In seiner Jeremiade in der Zeit (Patriotismus. Suche nach dem Sinn), verbreitet er nämlich, der „schwarz-rot-goldene Frohsinn“ der darob „beseelten“ „Millionen Deutschen“ sei immer noch nicht genug. Richtig eins müsse man werden, unterschiedslos und vollkommene Gemeinschaft. „Ohnehin ist der Schwarz-Rot-Geil-Hype mit dem Abschluss des Festes beendet. Das zeigt die Studie des Berliner Soziologen Jürgen Gerhards, der vor, während und nach der WM 2006 in Umfragen die Akzeptanz des Bekenntnisses „Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein“ maß. Das Ergebnis: Drei Wochen nach der WM waren die Werte wieder auf dem Stand von vorher“, jammert Bangel. Dass es überhaupt einen messbaren „Stand“ gibt, ist der Skandal. Der Spruch, den noch vor Jahren nur Neonazis deutsch trotzig auf ihren Jacken spazieren trugen, wird als allgemein gelten zu habender Anspruch formuliert. Ein „Bekenntnis“? Daraus spricht zweierlei: Nach wie vor die absurde Annahme, es sei überaus mutig, aufs Deutschsein stolz zu sein und das Alltagsreligiöse (Claussen) des Nationalstolzes.
Das, was immer wieder begeistert als kreativer Umgang mit den Insignien der Nation beschrieben wurde, wobei Kreativität nur die Quantität und den Ort (als gäbe es nicht nur einen adäquaten) bezeichnete, der schwarzrotvergoldet wurde – Hund, Katze, Maus, mein Haus, mein Auto, mein Kind – wird am Ende zu einem riesigen Leichentuch zusammengenäht und übers einzigartige ‚deutsche Trauma’ gezerrt: „Unser Auschwitz“. Im Fahnentaumel ist Auschwitz weder vergessen noch präsent. Auschwitz ist überwunden. Darauf mindestens wird man doch wohl noch stolz sein dürfen! Wer dabei nicht mitjubeln mag, ist Spaßbremse, Rassist, ewiggestrig.
Auf die eine zeitlang irgendwie relevante Frage, für wen man denn nun sein solle, um dem Deutschland-Gegröhle wenigstens etwas entgegenhalten zu können, habe ich vor ichweißnichtwievielen Jahren eine rein persönliche und eher emotionale Antwort gefunden. Jenseits davon, dass ich Fußball nur manchmal (ästhetisch) ansprechend finde und Deutschland prinzipiell verlieren sehen möchte, bin ich immer nur für einen einzigen Spieler – aus irgendeinem Grund, der sich schon zeigen wird. Diesmal war das Luis Alberto Suárez Díaz, und zwar u.a. wegen des Hüpfens über die Bande:
„Die Rückkehr der lebenden Idioten“ (2010), they‘re faster now and … naked!, via Reflexion
Exclusive test screening shot from the forthcoming second sequel: „Fritz – The Scary Living Idiot Rag Doll“ (wt, 2014) via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs
Later: Postmodernes Spin-off im Dogma-Musical-Stil, mit popkulturellen Referenzen – „Tanz der lebenden Idioten“ (2010):
Die Nachwehen der Dominoaktion zum Mauerfall-Jubiläum sind am Berliner Hauptbahnhof zu … ? … dafür gibt es keinen passenden Begriff! Hier nur zwei Beispiele des nun auch noch offiziell vom ehemaligen deutschen Deportationsunternehmen zur Aufstellung genehmigten Gesamtkunst-handwerks glücklicher Deutscher.
Obiger Styroporstein gehörte zu denen, die am 9. November 2009 in Berlin feierlich umgekippt wurden. Der ‚Künstler‘ dokumentiert auf seiner homepage ausführlich dessen Vorder- und Rückseite, auf der die „Berliner Mauer in Palästina“ in der mittlerweile üblichen Manier illustriert wird und überhaupt!. Und natürlich hält auch er – als mutiger Mauerstürmer – sich für ein ‚Opfer diverser Keulen‘.
Mindestens am 9. November nämlich wähnt sich das eigentlich-vorfreudestrahlenwollende Volk von einschlägigen Lobbys für immer und ewig zu reuevoller Demut verdammt.
Aber sicher doch… dito
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