Archiv der Kategorie 'Noch mehr "Deutsche Opfer"'

„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.

Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater in der in Teilen als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

Much more later!

Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

Pausenbild IV

Buchjournal: „Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?
Thea Dorn: „Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.“
{…}
Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch „Die deutsche Seele“!
Die Kommentarfunktion finden Sie weiter unten.

„Was heißt es, deutsch zu sein?“ Thea Dorn und Richard Wagner im Interview mit dem Buchjournal

Korrekturvorschlag:
Wie im Interview erneut belegt wird, ist es xxxx, sich permanent als Opfer von allem möglichen auszustellen. Die adäquatesten Kommentare zu den xxxx hat Eike Geisel verfasst, u.a. den folgenden:
„Die xxxx hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“

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Recommended reading:
Joachim Bruhn – Was deutsch ist

Sonstiges: Deutschland im November 2011

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
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„Sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten“. Die Aufrüstung des Vokabulars der ‚Erwachten‘ mit armseligen Mitteln

Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.

William Shakespeare – Macbeth

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, und das Erwachen aus einem ungeheuerlichen Traum, mit den eigenen blutigen Händen noch vor Augen mag einen, der in relativer Sicherheit in einem vergleichsweise zivilisiert erscheinenden Land lebt, zu drastischen Schlussfolgerungen animieren. Die billigste ist, den Traum als Bestätigung des lange gehegten Weltbilds zu verstehen. Gemäß dieser Logik ist dem Träumenden die bloß affektive Verarbeitung Bestätigung und Antrieb zugleich. Zweifel können nicht zugelassen werden; die Geschlossenheit des guten, gerechten, wissenden Selbst muss bewahrt werden. Die Welt ist dann ein Ort, an dem Paranoia nicht als Wahn, sondern überlebensnotwendig scheint. Weniger billig ist das Erschrecken vor sich selbst. Es kann so gravierend sein, dass alles, woran man zuvor glaubte, kontaminiert erscheint, als etwas empfunden wird, dessen man sich so gründlich und schnell wie möglich entledigen muss. Am einfachsten ist es dann gründlich aufzuräumen, zu reinigen, zu säubern, desinfizieren, eliminieren und die Katharsis versprechende radikale Gegenposition einzunehmen, von der aus das überwunden geglaubte Böse umso eifriger verfolgt werden kann.
Das Erschrecken gilt in jedem Fall als Bestätigung von Hilflosigkeit und gravierendem Kontrollverlust angesichts von Mächten, die offenbar in der Lage sind, den Träumenden zum Äußersten zu treiben. Was ‚sie’ aus der Welt gemacht haben, muss ihm als Rechtfertigung seiner als verzweifelt zu imaginierenden Tat herhalten. Im Extremfall (!) zeitigen beide Reaktionen trotz ihrer vorgeblichen Unterschiedlichkeit ähnliche Konsequenzen: Entweder wird die Gefährlichkeit des zu bekämpfenden Feindes als nunmehr eindrücklich bewiesen angenommen, oder die ‚Kontrolle’ muss wiederhergestellt werden. Der Traum gilt als Aufforderung, in Zukunft nie wieder an sich zu zweifeln. Der Schonimmerrechthabende oder an sich selbst Geheilte wird zum Monsterjäger. Zunächst rüstet er sich mit einem Arsenal von Abwehrwaffen aus, das die (in beiden Fällen) Rückkehr der Ungeheuer an ihren Ursprungsort zu verhindern helfen soll. In diesem Stadium allerdings ist die Waffensammlung noch bloße Illustration der notwendig eingebildeten Machtlosigkeit. Kindisch gilt das Wort als Tat und pubertär der Vulgarismus als vollzogener Akt.
Die eigene wie die Aufrüstungsgeschichte der Menschheit werden rekapituliert und mit den Mitteln ungeheuerlich phantasievoll dargestellt, die einem unter anderen die deutsche Erziehung zu Kreativität und/ oder die Accessoires des Setzkasten-Äquivalents Facebook gegeben haben. Als vorbildlich gelten Steine, die von Kindern oder Jugendlichen geworfen werden, Messer, mit denen hochgerüstete Erzfeinde erstochen oder im Schweiße des Angesichts herausgeflexte Rohre, mit denen sie erschlagen werden sollen, durch mit bloßen Händen gegrabene Tunnel geschmuggelte Handfeuerwaffen, mit denen Familien in ihren Wagen oder Schlafzimmern erschossen werden, herumtorkelnde Billig-Raketen, irgendwann eine mühselig in volksrevolutionärer Heimarbeit hergestellte Atombombe, und vor allem Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig opfern, sich inmitten der ihnen gesichtslos erscheinen zu habenden Menge in die Luft sprengen sollen oder wollen. Menschen, die sich Bombengürtel umschnallen, umschnallen lassen oder umschnallen lassen müssen, die Fotos ihrer zum Selbstmordattentat bereit zu sein habenden Kinder und Säuglinge stolz verbreiten. Alles ist erlaubt, solange es nur irgendwie verzweifelte Hilflosigkeit suggeriert.


via Lizas Welt – Pallywood revisited

Der sich endlich erwacht Wähnende versieht sich verbal mit den archaischen Waffen des Opfers – seine Sprache muss entsprechend volksnah und nachvollziehbar sein; er könnte ganz anders, aber natürlich will er nicht. Er hat eine Botschaft, die verstanden werden soll. Gegen alle Widerstände, und die sind so unermesslich wie ihm unbegreifbar, denn in seinen Augen vereint der Feind in und um sich übermenschliche Intelligenz, Macht und Rücksichtslosigkeit; er zersetzt, verdirbt und verblödet das Volk; er verführt und führt die Gutgläubigen in die Irre. Und nichts neidet er ihm mehr als den „Opferstatus“, der doch nur von seinen Gnaden verliehen werden dürfte. In ihn wird alles projiziert, was man sich im Wahn ausgemalt hat und nicht von sich wissen darf. Die deutsche Illusion muss unbedingt aufrechterhalten werden. Deutsche Antizionisten und ostentativ deutsche Philosemiten unterscheiden sich hier nur in der Projektionsfläche ihres Opferstatus – was letztendlich einem deutschen Nachkriegskonflikt geschuldet ist, der jeder der beiden Parteien, die sich um ihrer Existenz Willen diametral entgegengesetzt vorstellen müssen, moralische Überlegenheit sichern helfen soll. (In diesem Rahmen dienen erklärte Antisemiten bloß noch und so oder eben anders als Negativfolie.) Ohne die beiden und ihre (angeblich) gemäßigten Platzhalter ist Deutschland nicht mehr möglich! Soviel hat man aus Auschwitz irrsinnigerweise gelernt. Das deutsche Vermögen, aus Auschwitz noch eine (linke wie rechte) selbsterhaltende Lehre zu ziehen, treibt das Denken tatsächlich an die Grenzen des Wahnsinns. Nicht allerdings gelernt haben die Deutschen, dass sie (als solche) keine Opfer mehr sein wollen dürfen. Dass sie trotz der ausgebliebenen Strafe für ihre Verbrechen ihr mitleidlos ungebrochenes Bedürfnis, sich als Opfer zu gerieren, (das weder genetisch noch kulturell noch irgendwie weitergegeben wurde, das allein ideologisch und entsprechend – notwendig gilt nur für irgendetwas, nicht fürs spezifische – angenommen ist!) weder selbst noch in der Projektion aufzuführen haben.
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Schon sind wir ja Zeugen, wie die sich als ‘links’ verstehenden politischen Gruppen kein Wort verlieren, wenn ein Despot und Paranoiker in Uganda sich abscheulicher Morde schuldig macht; wie sie nicht protestieren, wenn der absolute Herrscher Libyens Gesetze erläßt, nach denen ehebrecherische Frauen gesteinigt werden; wie sie diskret schweigen, wenn in Algerien auch nicht einer der großen ‘chefs historique’ der Revolution noch auf der Bildfläche erscheint. Ben Bella? Er wechselte nur die Gefängnisse der französischen faschistischen Offiziere mit denen des ‘Sozialisten’ Boumedienne. Die Linke hält den Mund. Und sofern sie redet, ist ihr Vokabular im eigentlichen Wortsinne ver-rückt. Die Gewaltregime Syriens und Iraks, wo gelegentlich auch Kommunisten in den Kerker geworfen werden, nennt sie hartnäckig ‘progressistisch’. Israel aber, kein Musterstaat, gewiß nicht, aber doch ein Gemeinwesen, wo Opposition, auch anti-nationale. sich regen darf, ist in der linken Mythologie ein ‘reaktionäres’ Land.
Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit (1976), in: Weiterleben – aber wie?

Dem Konvertiten gilt das frühere Selbst regelmäßig als angepasst und von der fremdgesteuerten Mehrheit oktroyiert. Das Aufbegehren gegen den einstigen Standpunkt hat entsprechend als drastischer Nonkonformismus und geradezu verfemt zu gelten. Verboten ist der Gedanke, dass man endlich der sich prinzipiell als rebellisch ausgebenden Mehrheitsmeinung aufgesessen ist, die alles andere als einförmig und mit unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Sei es derjenige, der sich als selbst erklärter „Antideutscher“ dabei ertappte, seine Aggressionen in als erwünscht angenommenen (!) Phrasen auszudrücken und über das „Wegbomben der Palästinenser“ o.ä. zu schwadronieren. Da eben das dort nicht einmal ansatzweise eingefordert wird, ist das Erschrecken umso gravierender. Weswegen es gilt, die Schuld weit von sich zu weisen und den unheimlichen Verführern zuzuschreiben. Aber man hat zugleich selbst ein ‚größeres Opfer’ (in direkter Opposition zu dem angeblich als ‚größtes Opfer der Menschheitsgeschichte verkauften’ (!)) geschaffen, dem man sich selbstreinigend zuwenden kann. Die neue Identität hat dann um jeden Preis verteidigt zu werden. Und die Hemmschwelle ist niedriger, da man an sich selbst erfahren hat, mit welch grausamen Feinden man es zu tun hat. Und der Sieg ist umso befriedigender, je übermächtiger die Projektion gerät. Im neuen Opferstatus, so friedvoll und ausdrücklich harmlos er sich auch ausgeben mag, ist das Jetztreichtsaber bereits angelegt.

An der Kollaboration mit dem Islam lässt sich ablesen, auf welche Weise man die von den Siegermächten geschaffene Nachkriegsordnung innerviert hat: Jihad und Sharia, Verschleierung der Frau und Terror der Tugendwächter werden nicht als Kränkung narzisstischer Art, sondern als Bestätigung von Straf- und Leidensbedürfnis erfahren, als verdiente Strafe dafür, dass man den durch Ausbeutung und Vernichtung geschaffenen Reichtum mitgenießt – die aber, solange man nicht unter der Herrschaft der Sharia lebt, den Vorteil besitzt, dass man selber davon nicht unmittelbar betroffen ist. Der Islam ermöglicht den linken Abkömmlingen christlicher Sühnebereitschaft eine unerhörte Entfesselung ihrer Strafphantasien am anderen Objekt.
Gerhard Scheit – Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, Bahamas

Oder diejenigen, deren beispielsweise „Sozialismus in einem Land“ die Länder abhanden gekommen sind, und die nun nach einer Ersatzheimat suchen. Gefunden haben wollen die (wenig erstaunlich) viele Deutsche im radikalen Islam, der ihnen als der neue große Gleichmacher gilt. Als weise und gütig, wohltätig und – vor allem – respektvoll lobpreisen sie ihre neue deutsche Religion, die tatsächlich nichts wollen soll als einebnen und Volksgemeinschaft herstellen, diesmal unbereubar weltweit. Der Respekt der meisten deutschen Konvertiten gilt hauptsächlich dem aufopferungsbereiten Sein zum Tode, ihre Sehnsucht dem Schutz vor allem, was den Glauben nicht teilen mag, der verordneten Unmündigkeit all derer, die anfällig erscheinen mögen, insbesondere aber dem Schutz vor sich selbst: Es werden so viele menschliche Projektionsflächen fürs an sich selbst Unerwünschte geschaffen, wie sie nun mal nötig sind – es drohen bereits im Diesseits Strafen, die in ihrer Ausgeklügeltheit und als Gerechtigkeit daherkommenden Gier nach Triebabfuhr Dependancen der Hölle auf Erden gleichen. Die sich als gemäßigt ausgebenden Exkulpierer wiederum wollen das alles einfach nicht sehen, denn irgendwo muss es doch das Paradies geben. Ein verbotenes Paradies – denn zugleich will man an der neuen großen Opfererzählung teilhaben. (Vgl. zu Islamophobie allg. Gerhard Scheit ebd. und aa:b – Zwischen Vorurteil und Ressentiment)
Der Weg ehemaliger „Antideutscher“ nach Deutschland erscheint erst einmal unverständlicher. Ist es aber am Ende nicht. In dem Moment, in dem sie ein Sendungsbewusstsein entwickelt hatten, ein Bewusstsein als, hier: innerhalb der radikalen Linken, unverstandene Minderheit, überhaupt als Gruppe, als Identitätsträger, wurden die Tore weit geöffnet, sowohl in Richtung der konservativen Gegner der Bewegungslinken als auch (zurück) zu deutsch-linken Positionen. Sei es als trotzige Binnengruppen-Rebellen, als bloß immer Recht haben Wollende, des Rechthabens Müde, als sich permanent neu Erfindende, als wieder nach jeglicher Möglichkeit sich als Opfer produzieren zu können Süchtige oder was auch immer, sobald der eigene vermutete Status grundsätzliche (!) Kritik und Reflexion obsolet erscheinen lässt, taucht das Versprechen irgendwie rebellisch anmutender Identifikationen am Horizont der Realpolitik auf. All diese Hoffnungen auf dann doch Sinnstiftung oder Anbindung oder Teilhabe oder Einzigartigkeit im neuen Kollektiv erschöpfen sich aber immer bloß im endlich Ankommenwollen, das auch reine Ideologie ist, und „man verwendet im Französischen das deutsche Wort ‚la Realpolitik’, wenn man Opportunismus meint“, Jean Améry – Weiterleben – aber wie?, 143. Dem Deutschen aber gilt Opportunismus nur dann als verwerflich, wenn er den Deutschen nicht opportun ist. Wenn der Opportunist übers Allgemeinwohl sich erheben will.
Diejenigen ‚Linken’, die in letzter Zeit zu veritablen Deutschen geworden sind, die sich aber nach wie vor nicht als Rechte bezeichnen lassen mögen, nicht als antisemitisch oder misogyn oder sexistisch oder homophob, weil sie den Schein unbedingt aufrechterhalten wollen, sind tatsächlich wesentlich verwurzelter im kontemporären völkischen Mainstream als der spektakulärste Konvertit des Jahres: MaKss Damage (in einschlägigen Kreisen ist das bloß mit Horst Mahlers – den er auch als Vorbild benennt – offenem Bekenntnis zum Rechtsradikalismus zu vergleichen). Während man im (zugegeben kleinen) Kreis der deutschen Stalin-Verehrer noch seine Lieder vor sich hinträllerte und ihm alles zutraute, nur keinen Antisemitismus („Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ – „Der singt ‚lyrisch’! Ätsch! Er meint es also überhaupt nicht so!“ etc.), während man sich explizit darüber freute, dass er die „Antideutschen“ diversen Folterpraktiken unterziehen wollte, an deren Ende meist ihr Tod zu stehen hatte, bereitete sich Julian Fritsch bloß noch auf sein öffentliches Erscheinen als „nationaler Sozialist“ vor. With a bang! Alle hatten es bemerkt, sogar der Barde himself, der das Grinsen mühsam unterdrückend (man sieht geradezu die Regieanweisung: „Ja, großartig, Julian! Aber lächle nicht zuviel. Das ist eine ernste Angelegenheit!“) zugab, in den von ihm in letzter Zeit hergestellten Liedern sei das ja alles schon irgendwie zu hören gewesen (dazu zählt also auch das ausschließlich obszöne „Fünf Finger“!) von seinem Kampf mit sich selbst berichtet. Nur die mit ihm auf einer Linie liegenden wollten nichts mitbekommen haben. Die Schadensbegrenzung reicht von: „Wir hören nur noch die Lieder, die er bis 2009 geschrieben hat, irgendwie oder so“ zu … Schweigen. Jegliche Identifikation mit MaKss Damage erschöpfte sich von Beginn bis zum unrühmlichen Ende in Omnipotenz-Fantasien des selbsterklärten Opfers bzw. deren Bewunderung. Hier wurde zum Anlass vorgeschlagen, doch bitte gleich das Horst Wessel-Lied mitzusingen. Erstaunlich war bloß Fritschs frühe Einsicht in die Herkunft seines Ressentiments. Üblicherweise dauert es länger, bis die Fassade zusammenbricht. Und es handelt sich um nichts anderes, denn bei MaKss Damage war nie eine Entwicklung zu beobachten, die äußert sich seit dem Bruch außerdem lediglich in Reizworten, die Texte kommen trotz ihrer fortwährend obszönen Brutalität noch häufig unfreiwillig komisch daher: „Und reißen uns unsere Augen aus/ Nur, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken“, Vita Germania (ja, sicher: Augen sind einem beim Trinken immer gemein im Weg (cp. Odin)).
Während der konvertierte Moderator der „Stoppt den BAK Shalom!“-Facebook-Gruppe sich von Jürgen Elsässer (der dem radikalen Islam selbst in einer seiner brutalsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen, dem Iran, auch nicht abgeneigt ist, solange er für Ruhe und Ordnung sorgt, und wenn da nur nicht die ganzen ‚Ausländer’ wären, und der wie Mahler von „besetztem Deutschland“, „Schuldknechtschaft“ und dergleichen redet…) noch freiwillig aus den lobhudelnden Kommentaren verabschiedete, weil er sich um seine Facebook-Gruppe zu kümmern habe, bevor Elsässer sich zum Sarrazin-Fan auch offiziell erklärte, muss er vom Damage-Outing kalt erwischt worden sein. Thema bei „Stoppt den BAK Shalom!“ kann das nicht sein, denn da geht es nur um den BAK Shalom und die „Antideutschen“, außer irgendwas anderes passt gerade doch irgendwie trotzdem: die „Verbrechen“ Israels und der USA zum Beispiel. Bisher wurde dementsprechend kein Wort über die verloren, die einem doch angeblich so am Herzen liegen und die derzeit gegen die desolaten Zustände, unter denen sie zu leiden haben, aufbegehren: in Tunesien, im Jemen, in Ägypten, Libyen etc. pp. Bei Elsässer wird das gelobt (eindeutig work in progress – wait and see! Stand Mitte März, 2011), wenn es nicht gerade im Iran oder Gaddafi passiert, und so lange nur keiner „von denen“ nach Deutschland kommt. Die deutschen Massenmedien, von denen sich Elsässer angeblich so abhebt, haben es geschafft, das alles und noch viel mehr Zynisches unter einen Hut zu quetschen.
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Bis das Schwert meines Feindes
Mein Herz aus dem Leibe reißt
Dann pack’ ich mein Hackebeil
Und zieh’ in Walhalla ein

MaKss Damage – Vita Germania

Noch kein von den Deutschen allgemein anerkannter Prophet hat es geschafft, eine über seinen Verfolgungswahn und die wie auch immer projizierte Ausschaltung der angenommenen Gegner hinaus gehende Idee zu entwickeln, und selbst aus dem dem Widersprechenden konnten die Deutschen eine nicht im Werk auffindbare Leidensgeschichte exzerpieren und eine zeitlang für eine ihrer Erscheinungsformen als Existenzgrundlage postulieren. Deutsche Ideologie gerinnt irgendwann zu der irrsinnigen Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man sich genug hat wehren dürfen, gegen das Undeutsche, Inauthentische, bloß Kritisierende, die Spaßverderber oder dergleichen (vgl. Horkheimer/ Adorno – Dialektik der Aufklärung). Überall finden sich nach wie vor und zunehmend mindestens Spuren dieses (mehr oder weniger offene Gewaltbereitschaft erzeugenden) Wahns – in Literatur und Spielfilmen, im Fernsehen und Theater, selbst in der Musik und in der Politik sowieso, bei den Rechten wie den Linken. Meist variieren bloß die herbeigesehnten Verbündeten oder Vollstrecker. Denn das müssen nicht notwendigerweise die Deutschen selbst sein. In Frank Schätzings „Schwarm“ beispielsweise sind sie bloß die bescheidenen, von nicht bezeichnet werden dürfenden Verderbern alles Lebendigen auf der Erde, mundtot gemachten Warner, auf die die manipulierte Weltbevölkerung nicht mehr hören mag, woraufhin sie unterzugehen hat, um umso gemeinschaftlicher, wenn auch mit wesentlich weniger Lebewesen (vgl. Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit) aufzuerstehen. Alles wurzellose, als egoistisch diskreditierte individuelle, luxuriöse, ums goldene Kalb sich ausgelassen sammelnde etc. wurde vernichtet von ihren Lebensraum perfekt ausfüllenden, jederzeit zum Selbstopfer bereiten Opfer-Schwarmwesen. Nun muss alles sich zum Besseren wenden. Ende. Soweit die Phantasie des Bestseller-Autors.
Andernorts ist man ebenso blutrünstig, wie es bei Schätzing zugeht. Ums Reinigen wahlweise des Planeten oder des Internet geht es auch da; das Vorbild heißt dann allerdings Stalin oder „Charta der Hamas“ oder dergleichen. Die Feinde sind identisch. Und wie Schätzing seinen Oberschurken kein einziges Mal als Juden bezeichnet, ihn aber mit einer Anzahl antisemitischer Stereotype ausstattet und Michael Rubin nennt, erklärt man sich dort selbst zu Antizionisten. Das Bedürfnis sich in der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ als Opfer einer weltbeherrschenden Macht darzustellen, die nun auch noch den eigenen Zirkel zu unterwandern droht, grenzt ans Groteske.
Abgesehen von den Feindbildern USA und Israel gilt eine denkbar kleine Minderheit als Vertreter des großen und des kleinen Teufels als winziger, feiger, minderjähriger etc. und dennoch die gesamte deutsche Linke knechtender Dämon in Deutschland: „Die Antideutschen“. Was immer man darunter letztendlich verstehen will, im Weltbild der Gruppe sind sie „Wildsäue“, „Schweine“, „Oberschweine“, „schlimmer als Schweine“ und zur „Keulung“ freigegeben. Dafür muss man sich natürlich erstmal als Verfolgter ausstellen:

Beispiel:

CK: zahle seit Juni keinen Beitrag mehr, ich bin aus der Partei zähneknirschend ausgetreten, obwohl ich 1994 den […] KV […] gegründet habe. Nur habe ich mich irgendwann über die ständigen Anfeindungen und Beleidigungen von völlig fanatischen USA- und Israelfahnen schwingenden Ferngesteuerten [!] („Faschist, dekadentes [?] Arschloch“ usw.) und gezielte, permanenten Provokationen bis hin zu Gewaltandrohung derart geärgert, dass es mir auf die Gesundheit ging. Nach dem Motto: Denen, die den Frieden pflegen kommen manche ungelegen.
[…]
CStS: Ich hoffe, wir bekommen Dich wieder, wenn das Ziel, den BAK los zu werden erreicht ist! Wäre schade um einen engagierten Genossen. Es ist einfach nur beschämend, was sich diese Zionazi-Zäpfchen raus nehmen! Für mich ist mittlerweile „Faschist“ o.a., wenn es von diesen minderbemittelten Gestalten kommt, schon fast ein Lob […] Wenn mir wer mit körperlicher Gewalt kommen will… viel Spass! Von den mickrigen Clowns, die sowieso meist noch nicht ganz trocken hinterm Öhrchen sind, nehm‘ ich es mit 5en auf einmal auf und komm dabei nicht mal ins Schwitzen.
[…]
CK: was die mickrigen Kreaturen betrifft sehe ich das ähnlich wie du, problematisch wird es halt dann, wenn Freundin oder Familie mit rein gezogen werden. Meine Freundin fand es nicht schön, dass unser Haus mit Farbbeuteln beschmissen und die großflächigen Fenster mit Davidsternen besprüht wurden. Leider waren wir nicht zu Hause, sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten.
[…]
CK: wir brauchen die [Polizei] hier eigentlich nicht. hätten die nachbarn die aktion mitbekommen wären die arschlöcher an schweine verfüttert worden… wie gesagt, konflikte werden hier intern geregelt..
[…]
CStS: Die armen Schweine! Das wäre doch Tierquälerei!
[…]
CK: […] Ich habe geschrieben, und ich wiederhole das ungerne [?], dass meine Nachbarn (Landwirte) die jenigen, falls sie diese bei der Aktion erwischt hätten, wohl an ihre Schweine verfüttert hätten. Ich habe Menschen nicht als Schweine bezeichnet, denn Schweine sind kontrastiv zu BAKfischen von hoher sozialer und emotionaler Intelligenz und Kompetenz. Ich bin für mein Engagement gegen die Bahamas-Fraktion bekannt. Ich habe nicht behauptet, dass die Attacke von BAkfischen durchgeführt wurde – auch hier: erst lesen, begreifen und dann kommentieren – vielleicht war es ja auch Justus Wertmüller oder Netanjahu höchstpersönlich. Ich war nicht dabei – wohl aber bei der Ankündigung durch BAKfische, kleine Rotzlöffel, kaum 20 Jahre alt, dass ich zukünftig kein friedliches Leben mehr führen werde. Im Übrigen empfinde ich „Schweine“ nicht als hartes Wort für Menschen. Eine angemessene Bezeichnung für die Bahamas-Fraktion wäre wohl eher „Scheiß Gesindel“, „Zio-Faschisten“ und noch viel mehr, was ich allerdings hier nicht näher ausführen möchte.
Ich habe meine Gründe, warum ich dieses fanatische Pack nicht ausstehen kann
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Stoppt den BAK Shalom!“- Gruppe bei Facebook (viel Spaß beim Sonnenbaden!)

Die LTI [Lingua Tertii Imperii] ist bettelarm. Ihre Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.
Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Die Vorstellung, dass sich zwei oder drei oder vier „antideutsche Feiglinge“ während seiner und der aller vorstellbaren anderen Mitbewohner hierfür notwendigen Abwesenheit zum Haus von CK begeben, das sich laut seiner Aussage 40km von irgendetwas entfernt befindet, um es mit Farbbeuteln zu beschmeißen und außerdem Davidsterne auf seine „großflächigen Fenster“ zu sprühen, ist tatsächlich genauso wahrscheinlich wie die, dass es Wertmüller oder Netanyahu getan haben. Der deutsche Bürger in seiner Erscheinungsform als „zähneknirschendes“ Ex-„Die Linke“-Mitglied stellt sich als Opfer des weltweit mit allen Mitteln und sogar bis an seine Haustür agierenden Erzfeinds aus, und deutsch nonkonformistisch kann er von nichts anderem als seinen vulgären Gewaltfantasien schwafeln. Die Brutalität der Bilder, die bei „Stoppt den BAK Shalom!“ immer wieder sich selbst und den Lesern ausgemalt werden, zeugt von eben dem Fanatismus, den man dem Gegner unterstellt. Es sind genauso grobe wie detailverliebte Kritzeleien, die an die fäkalfixierten Wand- und Tischmalereien Pubertierender erinnern. Nicht ohne Grund ist unaufhörlich von Schweinen und Säuen die Rede, gleich ob der Gegner nun als genauso widerlich oder viel schlimmer dargestellt wird oder als Schweinefutter dienen soll – dem Deutschen gilt das Tier am Ende noch immer als der bessere Mensch. Die Eigendarstellung hingegen changiert einerseits zwischen männlicher Gelassenheit, wütendem Omnipotenz-Wahn und tragisch aufopferungsvollem Weltschmerz: Man ist einerseits Verteidiger oder Rächer unterdrückter Volksgruppen oder Einmannheimatschutzfront. Und andererseits das einzige Wesen auf der Welt, das noch in der Lage ist, die Leiden Anderer nachzuempfinden, und zwar bis zur Neige: Alles tut weh. Und man ist alles, die Anderen sind immer nur das Gegenteil.
Zusammen finden sich alle deutsch Empfindenden in ihrer allgemeinverständlich sein müssenden Sprache („Um es mal auf gut Deutsch zu sagen…“), und ihrer Bewunderung für Zoten und Vulgarismen – das gilt als hoher Akt deutschen Rebellentums. Als höher erscheint ihnen nur das Raunen – der Jargon der Eigentlichkeit und anders Gedrechseltes. Verständlich sind die nur für den, der aus ihnen die Obertöne oder das Echo des Irrsinns herauszuhören in der Lage ist. Die anderen begnügen sich damit, den ausschließlich exklusive Teilnahme versprechenden Wahn verständnislos als ihnen allein gegebenes Versprechen zu empfinden, zu erleben, zu erfahren.

Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.
Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)

Wenn hier von Deutschen die Rede ist, geht es bereits nicht mehr um den einst oder immer noch verklärten genetischen Pool germanischer Volksgenossen. Wie früher beschrieben, hat sich beispielweise mit der Verbreitung u.a. Heideggerschen Gedankenguts durch seine diversen Adepten deutsche Ideologie weltweit erfolgreich in der wissenschaftlichen wie der alltäglichen Auffassung vom Wesen allen Seins eingenistet. „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ (Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt) Überall findet sich mittlerweile die als defensiv sich gerierende Aggression, überall die vorgebliche Ungeduld, die nichts als dem Wollen Ausdruck verleihen soll: “Jedermann vom politisch Verantwortlichen über den vorsichtigen Journalisten bis zum politisierenden Räsonnierer an der Straßenecke blickt wartend um sich, als wolle er fragen: Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt? Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.” (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie?). Das nicht ahnen, das Améry 1976 vermuten wollte, war damals wie heute wenigstens Selbstbetrug. Es reicht, von sich zu behaupten, dass man kein Antisemit sei und schon gibt es keinen Antisemitismus mehr (vgl. Adorno – Negative Dialektik). Und schon wird die Satire („War Hitler Antisemit?“ Titanic) von der Realität eingeholt, werden ausschließlich als Antisemitismus zu deutende Aussagen exkulpiert oder sinnlos subsumiert. Im Fall John Gallianos beispielsweise war das überwiegend (abgesehen von z.B. Natalie Portman oder Karl Lagerfeld, der aber auch davon sprach, dass es unangemessen sei, derartige Sprüche als Angehöriger einer Branche, in der es viele Juden gäbe, zu tätigen) geäußerte Empfinden angesichts des Skandals Mitleid, nicht mit den von ihm angegriffenen sondern mit Galliano. Es sei schade, dass er sich selbst so ausgebeutet habe und: „„Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste“, sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift „Fashion Daily News“. „Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht“, sagt der Branchen-Insider. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden.““ („Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano“, Stern.online)
Dementsprechend stünde alle negative Deutungsmacht über Antisemitismus allein Adolf Hitler zu, wen der hasste oder nur nicht mochte, konnte einfach kein Antisemit sein – u.a. dieser Logik gemäß hat deutsche Vergangenheitsbewältigung schon immer funktioniert.
Zudem bestehen alle darauf, dass Galliano kein Rassist sei. Die (falsche) Auffassung von Antisemitismus als bloßer Spielart von Rassismus hat dazu geführt, dass Antisemitismus als solcher kaum noch wahrgenommen wird. Und automatisch jeder Vorwurf von Antisemitismus den Bezichtigten als Opfer von wahlweise einer mächtigen Lobby oder mit dieser irgendwie kooperierenden, verbandelten, von ihr verblendeten, aufgehetzten etc. dastehen lässt. Da Antisemitismus nicht als das wahrgenommen wird, was er eigentlich ist, wird selbst die Rede vom Vergasen konkreter, vom Angeklagten als jüdisch identifizierten Individuen nicht mehr ernst genommen. Trotz der expliziten Brutalität seiner Sprache: „But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ (John Galliano)
Galliano hat nicht gesagt, er sei Antisemit, er muss nicht mal sagen, er sei keiner – es wird einfach begründungslos vorausgesetzt. Für Rassismus hingegen werden, wenigstens – wenn auch sonst ganz und gar nicht notwendigerweise! – in den sich kultiviert wähnenden Kreisen, aus denen heraus hier exkulpierende Aussagen getätigt wurden, gesellschaftliche Identifikationstandards vorausgesetzt. Was geschehen wäre, hätte er sich stattdessen dem z.B. den erschreckend weit verbreiteten (weswegen es absurd ist zu behaupten, es gäbe keinen Rassismus mehr!) rassistischen Glauben an die „Inferiorität Dunkelhäutiger“ öffentlich angeschlossen, steht auf einem anderen Blatt. (Und obwohl Gallianos konkrete Äußerung auch ausschließlich rassisitisch verstanden wird, verliert sie erst mit Bezug auf die „(weißen!) Juden“ und allein deswegen für viele ihre Brisanz.)
Das deutsche „Erwache!“ setzte ein als träumend vorgestelltes Individuum voraus, das allerdings kein die Realität im Traum verarbeitendes sondern ein künstlich in Ignoranz versetzt schlummerndes Volksmitglied sein musste. Der Weckruf erfolgt dann auch immer noch entsprechend der Empfehlung, man solle in persönlicher Not keinesfalls „Hilfe!“ sondern unbedingt „Feuer!“ schreien. Der differenziert individuellen Freudschen Traumdeutung wird ein kollektives Unterbewusstes entgegengeschleudert und das hat so brutal und rücksichtslos, so allgemeinverständlich und arm an Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren, wie man sich selbst gerade noch verstehen kann.

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Later: Magnus Klaue – Die Bauchredner des Affekts

„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

Recommended reading:
Kenan Malik – From Fatwa to Jihad. The Rushdie Affair And Its Legacy
Kenan Malik – Die Linke hat die Fatwa verinnerlicht
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Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise und Verborgener Staat, lebendiges Geld
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Jean-Pierre Taguieff – Rising from the Muck: The New Anti-Semitism in Europe
Paul Berman – The Flight of the Intellectuals
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie
Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Richard Powers – The Time of Our Singing
Manfred Dahlmann – Kultur ist Zwang
Pascal Bruckner – Die Erfindung der Islamophobie
Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]

„Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“ – Kann schon sein… 2010 Remix

Die Fassade des Reichstags ist erst in Schwarz-Rot-Gold, dann ins Blau der Europafahne getaucht, die ersten Takte der „Ode an die Freude“ heben an, das Feuerwerk spritzt in den Himmel. Gänsehaut-Atmosphäre in Berlin wie damals in jener Nacht vor 20 Jahren, als Deutschland zur Mitternacht wiedervereinigt war.
Sebastian Fischer – Deutschland feiert sich, Spiegel online

Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.
Christian Wulff

Als 2009 den virtuell demokratiebegeisterten Deutschen vom Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung offenbar erschreckend häufig die NPD als Partei, die ihren Neigungen gerecht werden könnte, angeboten wurde, meinte man, das damit wegreden zu können, dass die NPD „wie ähnliche Gruppen [?] auch – ziemlich geschickt darin [sei], Forderungen zu formulieren, denen viele Menschen zustimmen können.
Oder: „Viele Programmaussagen der NPD aber lassen sich nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema nicht mehr deutlich einordnen – wenn man also einfach einen rechnerischen [?] Durchschnitt ermittelt, dann kann die Partei durchaus in „der Mitte“ [!] liegen.“
Oder: „Wer ausschließlich auf die konkreten [?] Forderungen von Parteien wie der NPD schaut, verliert das Wichtigste aus dem Blick. Dass nämlich vor der Lösung politischer Detailfragen erstmal Einigkeit über Grundsätzliches hergestellt sein muss – über Demokratie und Menschenrechte, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und die Ablehnung von Dingen [?] wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel. Aber das Problem ist wohl, dass all dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Tatsächlich?
Oder: „Die NPD fordert ein höheres Kindergeld. Sie will kleinere Schulklassen. Sie lehnt die Atomkraft ab. Und verlangt mehr Volksentscheide. Das sind doch alles gute Sachen, oder? [ODER?] Doch wer einige dieser Positionen teilt, kann beim Wahl-O-Mat eine „Übereinstimmung“ mit der rechtsextremistischen NPD bescheinigt bekommen. Ist er oder sie deshalb ein verkappter Nazi? – Nein, natürlich nicht.
Natürlich nicht! Verkappt?
Oder: „Was Parteien wie der [sic] NPD von Demokraten unterscheidet, sind nicht so sehr [!] Forderungen zur Familien-, Bildungs- oder Umweltpolitik. Sondern die Antworten auf Fragen wie diese: Sind Sie dafür, dass alle Menschen gleiche Rechte und dieselbe Menschenwürde haben? Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu den höchsten Werten des Grundgesetzes und dürfen nicht angetastet werden, oder: Ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess für Sie ein Held? Von solch harten Fragen lenkt die NPD durch ihre „weichen“ Forderungen ab, und das ist Strategie.“
Alle Zitate: BpB, Thoralf Staudt – Hilfe bin ich jetzt ein Nazi?
Zu Sicherheit wurde jedoch noch einmal darauf verwiesen, dass es in Deutschland eine unbestechliche Institution gäbe, bei der man erfahren könne, wo man als guter und den Schein zu wahren bereiter Nachkriegsdeutscher sein Kreuz auf keinen Fall zu machen habe:
Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. […] Welche Parteien als extremistisch eingestuft werden, können Sie auf den Seiten des Verfassungsschutzes nachlesen: www.verfassungsschutz.de.“ (BpB)
Was hierzulande als selbstverständlich vorausgesetzt wird, beweisen die Deutschen wieder mal; und die scheinbar (!) erschrockene Reaktion in den Medien angesichts der Zahlen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) vorgelegt hat, dient bloß der Exkulpation. Dass im einen Volk weitgehende Übereinstimmung herrscht, und ‚Links’, Mitte und Rechts in Deutschland immer noch deutsch sein wollen, kann nicht überraschen. Zum Thema wurden in den letzten Jahren diverse (mehr oder weniger gelungene) Bücher publiziert.
Beim Spiegel z.B. rechnet man sich dennoch alles schön, Beispiel:
Der vorgegebene Satz lautet: „Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ Die Zustimmung/ Ablehnung verteilte sich wie folgt: lehne völlig ab – 21%, lehne überwiegend ab – 16%, stimme teils zu, teils nicht – 27,4%, stimme überwiegend zu – 21,9%, stimme voll und ganz zu – 13,7%. Der Spiegel errechnet daraus 35,6% Zustimmung.
Schlimm genug wäre das, aber alles außer einer nicht vollständigen Ablehnung dieses Satzes hat, jenseits anderer Erwägungen, ebenfalls zu berücksichtigt werden. Die Prozentzahlen, mit denen in den Medien derzeit im ‚Negativbereich’ gearbeitet wird, täuschen immer noch über das tatsächliche Ausmaß von u.a. Rassimus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der „Wertegemeinschaft“ Deutschland hinweg.
Sarrazin, Seehofer, und wie sie alle heißen mögen, sind tatsächlich in einer Hinsicht das, als was sie sich gerieren: Die Vertreter des unbeirrbar harten, mitleidlosen, missgünstigen und sentimental selbstgerechten Volkswillens. Das Deutscheste an ihnen ist, dass sie das auch noch als mutig und aufopferungsvoll ausstellen. Was sie den Deutschen unverzeihlicherweise erneut in die Hand geben wollen, in Zusammenarbeit mit den deutschen Massenmedien, ist der unbedingte Wille, nachdrücklich und um jeden Preis mal wieder eine als solche auch noch bezeichnete deutsche Identität zu konstruieren. Und wie immer, wenn es in der Geschichte des Volkes ums Deutschtum geht, wird zum sich Wehren aufgerufen.
Reprise: „Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ Und Wulff „hält nur eine knappe Ansprache, fordert zu „stillem Stolz und lautem Dank“ auf. Dann ertönen die Hymnen.“ (Sebastian Fischer, ebd.)

Highly recommended reading:
Améry, Horkheimer, Adorno, Claussen, Scheit, Bruhn, Pohrt, Berg etc. pp.
Gisela Elsner – Heiligblut
Gershom Sholem – Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch (Auszug bei ex-antifareferat Freiburg)
Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle
Nichtidentisches – Die letzte Tapferkeit/ Deutsche Klotüren
+ Later:
Telegehirn – Das ist Wahnsinn! Nein, das ist Deutschland!
WADIblog – Gelungen assimiliert

„Mein rechter, rechter Platz ist frei…“

Gesetzt den Fall, es käme einer, der die Deutschen zu lieben verspricht: Würde er bei ihnen auf Gegenliebe stoßen?
Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit

…und die Deutschen wünschen sich schon wieder einen Tabubrecher herbei – lieben muss er sie nicht, das käme ihnen dann doch unglaubwürdig vor.
Sie wollen bloß einen, der erneut ausspricht, was man im Land der Opfer von so ziemlich allem nicht sagen darf, der das außerdem auf „gut deutsch“ tut. Und der überhaupt beweist, dass man nach wie vor Opfer ist. Dass auf höchster volksvertretender und vertretenwollender Ebene vergleichsweise schnell abwehrend reagiert wurde (auch von Angela Merkel, die üblicherweise, bevor sie eine Meinung äußert, abwartet, was die RTL-Telefonumfragen zum Thema mitteilen und dann die von Sat1, Pro7, Kabel1, und dann noch die von der ARD, dem ZDF und allen Dritten Programmen), verwundert kaum. Denn Schuld daran haben, dass sich „Deutschland“ „abschafft“, will man tatsächlich nicht. Es ist eben dieser auch noch titelgebende Vorwurf Thilo Sarrazins, der die heftigsten und Volkes Stimme erst einmal zu widersprechen scheinenden Reaktionen überhaupt ermöglichte. „Rechts von den Volksparteien“ sei noch Platz, verkünden die staatstragenden Medien. Womöglich, aber in Deutschland versteht sich jede Partei als Volkspartei, wie sich auch nahezu alle von Parteien vertretenen deutschen Interessengruppen inklusive jene der Partei der Nichtwähler als das wahre Volk gerieren. Nachdem man sich allerdings „scharf“ von Sarrazin distanziert und Konsequenzen angedroht hatte, nachdem also bewiesen war, dass man selbst ganz und gar nicht rassistisch, fremdenfeindlich, volksverhetzend, böse, gemein und antisemitisch (nach offizieller Diktion also deutschlandabschaffend) ist, geschah das, was jeder mit Deutschen und ihren Politikern auch nur halbwegs vertraute bereits zu Beginn der Debatte erwartet hatte: Die Mehrheit des Volkes als mutige Avantgarde gibt ihm sowieso recht – in Umfragen, in Foren, in Briefen an Sarrazin (von denen er stolz wie Walser berichtet), in der Bild-Zeitung, der NPD, bei PI, einfach überall, wo die Deutschen sich nonkonformistisch fühlen dürfen. Nonkonformismus jedoch bedeutet hierzulande, die von allen, die man im Dorf so kennt, zigmal bestätigte Meinung endlich mal richtig öffentlich zu machen. Die sich selbst immunisierthabenden Repräsentanten zogen kaum später nach. Graduell abweichend und pädagogisch vermittelnder im Tonfall sicherlich und unterschiedlich motiviert ganz gewiss. Die vorgeblich beschwichtigenden Reaktionen der „anständig gebliebenen“ Politiker kamen viel zu schnell, um sie als bloßes demvolknachdemmundreden klassifizieren zu können. Regierung und Volk haben, wenn Letzteres sich bedroht wähnt, denselben Lösungsansatz zu bieten. Die wichtigste Botschaft allerdings, die so schnell wie möglich unters Volk gebracht werden musste, war: „Auch wir wollen trotzalledem keine Tabus.“ Die Chance durfte man sich nicht entgehen lassen. Die große deutsche Bürger-Initiative hat einen einzigen Slogan: „Kein Tabu nirgendwo.“ Einer der intelligenteren Sätze von Roger Willemsen lautete, es gebe doch in den deutschen Medien gar keine Tabu-Themen, außer dem Spätwerk Adalbert Stifters. (Oder war’s Heimito Doderer? Ausnahmsweise egal…). Eben.

Thilo ist die Kurzform von Namen, welche mit Diet, insbesondere Dietrich, gebildet sind. Altfränkisch thiuda (althochdeutsch: diot das Volk) und rihhi reich und mächtig, rihhan beherrschen). Das bedeutet „Der Reiche (Mächtige) im Volke“ oder auch „Der Herrscher des Volkes“.
Wikipedia

Ist Sarrazin also nur ein hilfloses Opfer, rituell gemeuchelt auf dem Altar vorgeblicher Political Correctness? Ganz gewiss nicht. Er ist jetzt genau das, was er sein wollte: Er ist deutscher Prophet. In Deutschland wird niemand des Volkes unermüdliches Raunen zum begeisterten Kanon anschwellen lassen („Wehrt euch, leistet Widerstand…“), der sich nicht als Opfer (Märtyrer trifft es nicht – denen sind alle Gesten der Empörung fremd, und Sarrazin gibt sich dauerempört) ausstellen kann. Walser musste scheitern, weil ihm zu früh offiziell zugestimmt wurde (Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen!), Hohmann hielt seinen Vortrag in Neuhof bei Fulda, Schill war dicht dran, aber Kokain die falsche Droge für Berufene und er zu moralisierend für die Droge, Stoiber und Rüttgers wars nur rausgerutscht usw. usf. Ganz zu schweigen von den vielen, die nicht einmal wahrgenommen oder unter den Teppich gekehrt wurden, bei denen es egal war beziehungsweise niemand verstand oder merken wollte, was sie da gerade gesagt hatten, weil es eh im Konsens oder alle besoffen waren etc.pp. Ob Sarrazin darauf hinarbeitete, ob es Intuition war, ob deutsche Erziehung, Bildung, kulturelle Identität, seine mühsam gezüchtete Intelligenz, seine Gene, was auch immer, man wird es wohl nicht herausfinden (wobei eine Autobiographie unvermeidlich scheint: „Mein Opfer für Deutschland. Wie ich verhinderte, dass wir abgeschafft wurden“ oder so). Sicher ist eins: Es hat seit langem keinen erfolgreichen deutschen Demagogen mit Schnurrbart mehr gegeben. Nicht einmal einen westeuropäischen – von den Pim Fortuyns, Geert Wildersens, Jörg Haiders, und wie sie alle heißen mögen, unterscheidet er sich allein dadurch schon, dass er eben einen Schnurrbart trägt und keine polierte Glatze hat oder erstaunlich fülliges, erstaunlich blondes Haar oder luxuriös gebräunte Haut. Natürlich tun die ihn demokratisch legitimiert nachahmenden Politiker trotzdem so, als ginge es ihnen darum, ihr Volk vor einem grotesken Demagogen zu retten, es davor zu bewahren, sich selbst so (neidvoll) verächtlich mustern zu müssen wie all die Jahre die Niederländer, Österreicher, Italiener etc. Nur erscheint Sarrazin den Deutschen überhaupt nicht verdächtig verführerisch oder fragwürdig faszinierend. Der Volkswirt und Dr. rer. pol. Sarrazin braucht das nicht, will es nicht, darf es nicht haben; er gleicht auffällig vielen der SPD sich verbunden fühlenden Akademiker seiner Generation.
Seine betonte Schlichtheit richtet er mit ein paar Attitüden ein, mit etwas z.B., das schnoddrig-preußisch daherkommt. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er jemanden ungeduldig herbeiwinkt und runterputzt: „Komm er mal her, Kerl. Seine Schuhe haben wohl lange keine Bürste mehr gesehen.“ Die Durchschnittlichkeit, die sich solcher Distinktionsmerkmale zu bedienen hat, prädestiniert ihn zum Propheten eines Volkes zu werden, das zu seinen Wortführern immer nur die seinem phänotypischen und intellektuellen Durchschnitt entsprechenden erkoren hat.
Wer immer noch glaubt, die Herren Hitler und Goebbels, Himmler und Göring hätten die Deutschen mittels ihrer sensationellen rhetorischen Fähigkeiten, ihrer umwerfenden Ausstrahlung, ihrer einzigartigen Überredungsgabe, ihres Charismas, womöglich sogar ihrer den ganzen Polit-Kram vergessen machenden Schönheit wegen etc. pp. in Bann gezogen, also glaubt, das Volk habe eine ganz besondere Persönlichkeit gebraucht, um sich dem Wahn zu ergeben, liegt schlicht und einfach falsch. Hitler reüssierte als Darsteller des Kleinen Mannes (vgl. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger et al.), der aus nichts schöpfte als dessen Opferimagination, und dessen Größenwahn sich nur aus dieser speisen konnte. Hitler versprach den Deutschen nichts, als dass sie sich endlich würden wehren dürfen. Und nichts anderes wollten sie.
Einer der Gründe dafür, dass selbst ein durchschnittlich Begabter wie Sarrazin derzeit nicht zum Führer – welcher Ausprägung auch immer – aller Deutschen werden kann, ist die Tatsache, dass man sich im Moment halbwegs zuhause fühlt, gemütlich ins bequeme Pseudo-Tabu-Nest gekuschelt. Noch ruht sich das Volk außerdem aus, die „friedliche Revolution“ verdauend und verkatert, wie nach jeder lausigen Party, die man sich um jeden Preis schöntrinken wollte. Bedenklich ist dennoch, dass Deutschland ihm etwas nicht übel nehmen mag, das üblicherweise seinen Abscheu hervorruft. Er habe sich bereichert, auf Kosten der Steuerzahler! ruft Gabriel ins Land, und unverschämte Pensionsansprüche mit der Bundesbank ausgehandelt. Und der Ruf verhallt.
Als Berufener hingegen darf sich Sarrazin fühlen, denn: Er habe eigentlich zurücktreten wollen und täte es nur deswegen erstmal nicht, weil ihn die überwältigende Zustimmung des Volkes davon abgehalten habe (im Volksbildungs- und Volkserziehungsverein SPD will er passenderweise nach wie vor bleiben; aus dem Vorstand der Bundesbank hat er sich zurückgezogen, auch um den tatsächlich beliebten Bundespräsidenten zu retten). Wenn Deutschland befiehlt, folgt sein in Umfragen erwählter Repräsentant. („Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt, ebd.)
Fröhlich droht der sich notwendig als verfolgt Darstellende und Autor eines Buches über die Deutschen als Opfer nun gleich selbst mit einem „politischen Schauprozess“, dem er ausgesetzt sein und, er ist sich sicher – seltsam bei einem Schauprozess, außer eben man ist der Ankläger –, gewinnen wird. Auch der Landesausländerbeirat Hessen hat Anzeige gegen Sarrazin erstattet, wegen des Tatbestands der Volksverhetzung – das ist nicht die erste einschlägige Klage gegen Sarrazin, und so sehr man jede Klage gegen ihn unterstützen sollte, im verzweifelten Versuch, den deutschen Tabubrechern und deutschen Mauereinreißern doch noch irgendwie Einhalt zu gebieten. Es bleibt die Frage:

Wer kann dieses Volk überhaupt noch verhetzen? Dieses friedliche Lichterkettenvolk? Dieses Tee- und Grablichter-, dieses Fackeln-Volk? Dem Taschenlampen zu banal zivilisiert oder zu umweltfeindlich (dabei gibt es schon welche mit Kurbeln…) und eh zu unromantisch für seine Anlässe erscheinen. Irgendetwas muss hier immer glimmen, glühen, leuchten, brennen, züngeln, lodern, um Deutschland vor sich selbst schöner aussehen zu lassen. Die liebevoll gehegte narzisstische Kränkung kann nur im sanften Licht der „Flamme empor“ ertragen werden. Jeder, auch noch der pointierteste Kritiker Deutschlands irrt sich, wenn er glaubt, irgendetwas sei vorbei. Das „eine Volk“ ist über alle Parteien hinweg mehrheitlich rassistisch oder ethnopluralistisch oder völkerverstehend oder kulturbewusst oder als was es sich gerade exkulpierend bezeichnen will. Und es stellt sich auch deswegen nicht mit batteriebetriebenen Lichtlein an den Straßenrand, weil man mit denen nicht nachher doch noch vielleicht ein kleines bisschen rumzündeln könnte. Wenn es seine einstigen bzw. zukünftigen Opfer zwischendurch mal ein wenig in Ruhe lässt, sie gar ein wenig lieb haben mag, dann bloß, weil es zum Beispiel glauben darf, dass man gemeinsame Feinde hat, sie eine taugliche Illustration des eigenen Leidens (an diesen) hergeben oder weil man Angst hat, ihr Opferstatus könne den eigenen übertreffen und dergleichen mehr. Nach 1993 wollte man ihnen daher nicht mal mehr gönnen, dass Rechtsradikale ihre Häuser anzündeten. Denn unter ihren Rechtsradikalen haben die Deutschen gefälligst selbst am meisten zu leiden, wie man auch nicht aufhören möchte, mitzuteilen, die ersten Opfer der Nazis seien schließlich ‚die Deutschen’ gewesen.
Die Deutschen wollen nichts teilen und befürchten doch, dass man etwas geben muss, um Ruhe zu haben. Man verteilte also großzügig das Wertvollste, was man sich vorstellen kann: kulturelle Identität, völkische Identität, deutsch verstandene Identität, die von vorneherein ausschließt, dass derjenige, dem sie gewährt wird, jemals mit den Deutschen verwechselt wird, und die festschreibt, dass er auf ewig fremd sein muss, weil er irgendwo anders noch wurzelt – wohin er bei Nicht-Bedarf zu verschwinden hat.


Neozoon Wildkaninchen: Deutsche Kulturlandschaften bedrohender Immigrant aus Südeuropa

Es herrscht genau so lange Ruhe, wie von oben nachdrücklich bedeutet wird, sich allzu öffentlich zu wehren, sei gerade so gar nicht opportun – Standort, Export etc. – und vor allem schade es dem deutschen Opferstatus. Weshalb auch jeder im Dorf brav die Fenster schließt, wenn die Abwehrschlacht der ach! so bemitleidenswert perspektivlosen deutschen Jugend gegen die fremden Invasoren allzu viel Krach erzeugt. Im Wollen sind die entnazifiziert sich wähnenden Deutschen unübertroffen, für jede Handlung allerdings hätten sie trotz aller demonstrativen Unkonventionalität gerne einen Legitimationsschein. Als solcher gilt ihnen mitunter bereits ein Wort, ein Satz, eine Rede, ein Buch. Weil aber fünfzig zum Preis von einem-Wochen sind, werden dem Volk die Ermächtigungslizenzen hinterher geschmissen. Express Köln: „Wir brauchen keine Populisten, aber gestandene Demokraten, die auch mal gegen [?] den Strom schwimmen.“ Neue Westfälische, Bielefeld: Sarrazin „hat den Empörungsdemokraten [mit seinen Verallgemeinerungen] das Holz für seinen eigenen Scheiterhaufen [!] übergeben.“ Merkel will keine rechtsfreien Räume zulassen und nicht vor gewaltbereiten Jugendbanden kapitulieren. Sie teilte der Bild am Sonntag außerdem mit, die Gewaltbereitschaft junger Muslime solle nicht tabuisiert werden. „Das ist ein großes Problem, und wir können offen darüber reden, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.“ Gewalt junger Menschen sei aber nicht mit einer bestimmten Religion zu verbinden und oft ein Zeichen dafür, dass sie keine Perspektive für sich sähen: „Und da hilft nur Bildung.“ Die SPD will „Integrationsmuffel abschieben“ (Sigmar Gabriel), ein Integrationsministerium und … Bildung. Klaus von Dohnanyi, der bereits Walser beistand und 1998 behauptete, wenn die Nazis die Juden nur hätten mitmachen lassen, würde sich herausgestellt haben, dass die auch Nazis seien (Broders Vergewaltigungs-Metapher war recht treffend), meint 2010, dass „[n]iemand mit Sachkenntnis“ heute noch bestreiten könne, dass es „besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen“ gebe. Und so weiter und so fort.
Sarrazin hat die große deutsche Pressure Group zwar nicht von der Leine gelassen, aber die Leine ein Stück weit abgerollt. Merkel spüre, dass etwas „schwer zu beherrschendes aufgebrochen sei“, sagt er und deshalb komme es zum „Kesseltreiben“. „Man traut meinen Gedanken einige Sprengkraft zu.“

Wenn demnach dieses sozialspezifische Problem zu einer allgemeinen Degenerationsthese und der mit ihr erzeugten Furcht verallgemeinert wurde, ist dafür die biologische Interpretation sozialer Bedingungen verantwortlich zu machen. Sie wurde getragen von einer bürgerlich-akademischen Schicht, die ihren Lebensraum, die Großstädte, durch ebendiese Entwicklung bedroht sah und dieser Bedrohung auch nicht entkommen konnte. Erst unter Berücksichtigung dieser Bedingungen wird die spezifische, kontrafaktische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Strukturveränderungen der allgemeinen Degeneration verständlich, die im übrigen kurze Zeit später im Pendant in der genauso motivierten Generalisierung der ‚differentiellen Geburtenraten’ erhalten sollte, wo aus der – kurzfristig – höheren Kinderzahl der ‚minderwertigen’ Familien eine Bedrohung der höherwertigen Schichten wurde.
(Weingart, Kroll, Bayertz – Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland)

Die Intention allerdings ist das Gegenteil von die deutsche Gesellschaft aufsprengenden Analysen. Das Volk soll geeint werden im alle verbindenden Anspruch: „Keine Tabus mehr!“ Der Plural selbst ist schon gelogen, gemeint ist: „Kein Tabu mehr!“ Als Tabu gilt der Volksgemeinschaft am Ende einzig ihr Wille, sich mal wieder zu wehren. Natürlich handelt es sich um ein imaginiertes Tabu, das nichts anderem dient, als permanent rumjammern zu können, man dürfe ja als Deutscher so gar nichts. Was wiederum zum ungeheuer mutig sich wehren aufruft. So kreist die deutsche Volksseele ewig weiter um sich selbst und lässt Zentrifugalkräfte die Drecksarbeit für sich erledigen.
Sarrazin vertritt uneingeschränkt eugenische Forderungen. Die Furcht vor der Degeneration des deutschen Volkes treibt ihn um. Und er findet nichts als die alten Antworten, die er als Neuigkeiten ausgeben muss, um ihre Rolle als Wegbereiter zum deutschen Verbrechen zu vertuschen. (Denjenigen, die mitteilen, unter den Eugenikern hätten sich im 19./20. Jahrhundert auch Linke befunden, ist Recht zu geben – das sagt allerdings mehr über die Linke als über die Eugenik aus.) Das kostet ihn nicht einmal Mühe, denn die deutsche Bildung, auf die er nicht zuletzt deswegen pocht, hat ihm nichts gegeben, außer dem absurden Stolz darauf, dass ‚diese zwölf Jahre’ eben nicht alles waren. Genau das aber waren sie für Millionen Menschen: Das Ende von allem! Und das perverse Versprechen, das darin nicht allzu verborgen liegt, wirkt nach. Da er aber gerade das nicht wissen will, fürchtet er nichts mehr als die ‚Entartung’ und den Niedergang der Deutschen. Und verwendet umso unbefangener und Trotz bloß vortäuschend die kontaminierte und kontaminierende Terminologie.
Wer sich in Deutschland ‚unbefangen’ des Begriffs Kultur bedient, ignoriert, dass die Nationalsozialisten durchaus keine erklärten Anhänger Darwins waren. Die Exkulpierung Heideggers vom nationalsozialistischen Rassismus trieben die Nachkriegsdeutschen auch mit Hilfe seiner vordergründigen Kritik an der Biologie voran – Heideggers Kritik jedoch galt wie die vieler deutscher Wissenschaftler nicht der rassischen Diskriminierung, sondern einer Wissenschaft, „die nicht deutschen Ursprungs ist, da sie auf der darwinistischen Lehre vom Leben beruht und damit auf dem, was Heidegger ‚die liberale Auffassung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft’ nennt, die im englischen Positivismus des 19. Jahrhunderts zu Anwendung gelangte.“ (Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie) In diesem Rahmen spielte deutsche Kultur eine zentrale Rolle. Sarrazin lagert nachkriegspolitisch alles aus, was mit den Begriffen Gene, Ethnien und ‚Rassen’ zu tun hat: Britische oder US-amerikanische oder kanadische oder gar israelische Forschende haben womöglich irgendetwas zum Thema gesagt, und ganz „Deutsches Opfer“ beugt er sich ihrem Sieger-Diktum. Weil die Deutschen ja im Gegensatz zu den darum beneideten moralischen Siegern nichts zum Thema und sowieso sagen dürfen! Deutsche Kultur jedoch ist das immer bloß gewollte ‚andere Deutschland’.
Wer annimmt, Sarrazins rassistische Thesen seien eigentlich classism oder religionskritisch täuscht sich ebenfalls. Sarrazin leidet weder an klassenbedingtem Bildungsdünkel (wobei natürlich wie immer alles hier aus der Mitte entspringt…), noch ist er islamophob. Der Islamismus kümmert ihn so wenig wie der Islam, solange sie sich nur nicht ins Deutsche einzumischen wagen. Und natürlich gilt ihm das „Kopftuchmädchen“ nicht als Bedrohung. In seiner Imagination nämlich hat es hinten in der Klasse zu sitzen und die Klappe zu halten. Erst wenn es teilhaben will, am Leben seiner Mitschüler wird das Problem offensichtlich – man hat ihm keinen anderen Platz zuweisen wollen, als in der Bankreihe noch hinter denen, die man sich in Deutschland so unter Hartz IV-Empfänger-Nachkömmlingen vorstellt. Wie deren Eltern auszusehen haben, wird einem regelmäßig in Talk-Shows, in der Bild-Zeitung, überall sichtbar vorgeführt. Und nur diesen wenigen vorgeführten Personen ist Sarrazins Verachtung gewidmet. Das schmälert sein herausforderndes Deutschtum ebensowenig wie der Hass der Nazis auf ‚die Asozialen’. Die Nazis übrigens, die ebenso wie er ihre ‚Vorzeige-Ausländer’ vorweisen konnten.
Sarrazin schreibt nicht einmal für Leute, die Bücher lesen – der Abdruck von Auszügen genügt ihm, seinen Lesern (und mir sowieso! Der permanente Hinweis, sein Buch zu kaufen, ist unverkennbar ironisch gemeint und zielt nicht auf sich selbst, sondern ist als Entblößung der nur Gierigen gedacht. Wobei Sarrazin – ganz deutsches Opfer – auch verschämt andeutet, er würde aufgrund seines Mutes demnächst womöglich verhungern müssen, vgl. Walser und Henscheid). Den Abdruck gibt es unter anderem in der Bild-Zeitung (online ausschließlich für Nicht-Hartz IV-Empfänger, denen will man nicht mal einen Computer gönnen! Later: Jetzt doch Computer, dafür aber nicht merh rauchen oder trinken…). Und wer glaubt, alle Hartz IV-Empfänger fühlten sich angesprochen, wenn man ihnen vorwirft, sie trügen zur Abschaffung der Deutschen bei, täuscht sich noch einmal. Wer das ist, hat man sich im Volksfernsehen (das man empfangen darf, weil es laut Gerichtsurteil zur Teilhabe an ausschließlich Deutschem genügt) anschauen können – Deutsche sind das den Deutschen nicht. Derart stereotyp imaginierte Hartz IV-Empfänger sind innerhalb erschreckend kurzer Zeit zu etwas die deutsche Kultur verderbenden geronnen – das war nicht möglich ohne das ungebrochene Ressentiment. Sie sind faule parasitäre Existenzen, gerne in Florida oder sonstwo in der Sonne! Schön wär’s und ihnen eindeutig zu gönnen; die Missgunst aber hat noch jeden Traum (außer den, der alle anderen beendet!) als schädlich diskreditiert. Es gibt keinen tatsächlich gravierenden ideologischen Unterschied in Deutschland zwischen Mob, Kleinbürgertum und Elite. Alle – oben wie unten, links wie rechts – finden sich im angeblichen Nichtssagendürfen, Nichtkönnen, Nichterlaubtsein. Daran ostentativ zu leiden und dem Rest der Welt alles Mögliche zu neiden, ist deutsche Identitätsstiftung in Reinkultur. Entlang dieser Identifikation werden Bündnisse geschmiedet, avisiert oder imaginiert, die nur über den deutsch verstandenen Opferstatus hergestellt werden können.
Wer auch immer behauptet, den Deutschen genüge es, sich vor der Welt als tolerantestes aller Völker auszustellen und dass sie zu irgendetwas nicht in der Lage seien, hat seine eigenen Texte nicht gelesen. Wozu die Deutschen nicht in der Lage sind, kann man 65 Jahre nach Kriegsende überhaupt nicht wissen. Und nicht umsonst geht es Sarrazin auch darum, das Kulturvolk mittels Gebärprämie zu verjüngen. Es gilt immer noch Churchills Warnung „The hun is always either at your feet or at your throat.“ Und wenn – zugespitzt formuliert – der ausgerechnet im Gebirgsjägerbataillon 233 militärisch ausgebildete Verteidigungsminister die Abschaffung der Wehrpflicht anzustreben vorgibt (wohl wissend, dass höchstens eine Aussetzung drin ist) und betont, man müsse dann auch Bewerber ablehnen dürfen, weil sie „nicht zu uns passen“, ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, ihm läge vor allem daran, eine deutschlandtreue und der internationalen Kontrolle weitgehend entzogene Armee zu formen (wie die „Atlantiker“ in der Union deren völkischem Flügel zu Recht noch nie als Opposition galten). Im Ernstfall wird wieder eingezogen und Schießenwollen hat das Fußvolk nach spätestens einer Woche gelernt. Es steht nichts an und geplant wird auch nichts, aber es raunt und ahnt mal wieder. Und jedesmal, wenn es nicht zum ‚großen Knall’ gekommen ist, lehnt sich jemand zurück und will demnächst Recht gehabt haben. Dass aber jede dieser ‚Verpuffungen’ Menschenleben gekostet hat und einen weiteren Schritt der Deutschen zur erneuten offensiven Volkswerdung, ihr crawling from the feet to the throat bedeuten könnte, geht in alberner Erleichterung oder dem kindischen Bedürfnis zu den cool gebliebenen zu gehören unter. Erleichterung ist unangemessen, und das Fatale an der Story vom „Boy Who Cried Wolf“ ist, dass der Wolf immer kommt, wenn keiner mehr daran glauben mag. Die alle anderen exkulpierende Moral der Geschichte weist allein dem Warner die Schuld zu, weil niemand mehr wachsam sein will, wegen des penetranten Alarmismus. Trugschluss!

Das 19. Jahrhundert war keineswegs nur die Epoche eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Neben dem ‚offiziellen’ Geschichtsoptimismus dieses Jahrhunderts existiert ein sich aus kulturkritischen, pessimistischen, irrationalistischen und bisweilen einfach skurillen Ideen. Lehren und Theorien speisendes Niedergangsbewußtsein, dessen Einfluß auf die weltanschauliche und ideologische Orientierung von Teilen des ‚gebildeten’ und kulturell interessierten Bürgertums kaum zu unterschätzen ist.
(Weingart et al. ebd.)

Die Erwähnung von Genen erfolgte nicht aus Versehen im Zusammenhang mit Juden und Israel, und ganz bewusst als vergiftetes Lob. Sarrazin hat bis dato keine seiner Aussagen zurückgenommen, keine einzige. Auf jeder besteht er wiederholt und nachdrücklich, nur „das mit den Juden“ hätte er „vielleicht nicht sagen sollen“, betont er wie mit einem Augenzwinkern und weiß sich verstanden. Denn was immer der Leser diesem singulären Rückzug entnehmen mag, ist intendiert.
Das den Deutschen verbotene Wort ist in die Diskussion eingeführt und zielt im philosemitischen Deutschland in seiner Anwendbarkeit auf jeden, nur nicht auf die Juden. Von denen wird erwartet, dass sie im Idealfall gleich selbst leugnen, überhaupt Gene zu haben und ergo unangreifbar weil unmenschlich mächtig sind. Ganz anders nämlich sind sie als die „Basken“ oder „Isländer“, von denen man das mit den Genen unwidersprochen hätte behaupten dürfen. Wobei die es gar nicht nötig hätten, irgendetwas von ihren Genen zu erzählen – weil sie ungeheuer verwurzelte Kulturvölker sind, die müssen ihr ‚Existenzrecht’ nicht mal beweisen. Sarrazin lobt dann auch die Fähigkeit der Juden, in den europäischen Nationen aufzugehen, zu deren Wohlstand und Reichtum sie beitragen durften. So gut sind sie dort seiner Meinung nach integriert, dass man ihr Dasein nicht mal mehr wirklich mitbekommt. Dass das auch daran liegen könnte, dass der Deutschen Verständnis vom Aufgehen der Juden nur das in Rauch bedeutete, und zwar nicht bloß in ihrem Reich sondern in ganz Europa, kommt ihm nicht in den Sinn. Und so teilt er mit: „Erklärt wird die durchschnittlich höhere Intelligenz der Juden mit dem außerordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz. “ (Sarrazin – Deutschland schafft sich ab, zitiert nach Ramona Ambs – Neo-Sarrazismus: Rassismus ohne Rassisten)
Ganz unbefangen einen zu Rate ziehend, der ja unverdächtig erscheinen muss, weil er Amerikaner ist. Ramona Ambs verweist darauf, dass Sarrazin sich hier auf Kevin MacDonald bezieht. Den Kevin MacDonald, der im Prozess, den der Holocaust-Leugner David Irving gegen Deborah Lipstadt anstrengte, weil sie ihn als das bezeichnet hatte, was er ist, als Zeuge für den Kläger aussagte. Hinsichtlich der Aussagen MacDonalds zu jüdischer Intelligenz ist zu beachten, dass er „shares at least three core beliefs with hardcore Holocaust deniers. […] The Jew in MacDonald’s universe is the pollutant of the Body Politic. Jews are therefore partially, and sometimes even fully, responsible for the violence and discrimination they have suffered down the centuries. […] He is not simply riding on the coat-tails of the Bell Curve racists but is also tapping into a repertoire of libels that depict Jews as a pollutant, a spoiler race, and a conspiratorial menace. Whereas racists such as Jensen frame their discussions around the supposed ‘passivity and low IQ’ of blacks, MacDonald accuses Jews of the opposite offences: over-activity and hyper-intelligence.
Holocaust Controversies – Kevin MacDonald: Old whine in new bottles
Nebenbei enthüllt Sarrazin den deutschen Philosemitismus à la PI-News als das, was er wirklich ist: der alte und der neue deutsche Neid, die ungebrochene Projektion deutscher mal mehr mal weniger geheimer Wünsche und Ängste. Ewig da seien sie und intelligenter, weil sie ungehemmt ‚Gen-Selektion‘ hätten treiben können. Als Opfer und unter Druck nämlich darf man das alles. PI-News-Vertreter beispielsweise treten als begeisterte Sarrazin-Fans auf, auch weil er Rassismus genauso als Islam-Kritik tarnt wie sie, vor allem aber weil er die zurzeit erfolgsversprechendste Gallionsfigur für deutsche Opferverbände ist. Und: Wer Antisemit ist, bestimmen wir! Über die Juden hätte er ja in ihrem Sinne eigentlich nur Gutes zu sagen…
Überhaupt sammelt sich um Sarrazin eine illustre Schar von opfertümelnden Apologeten. Laut Matthias Matussek beispielsweise steht Sarrazin „am Pranger, aber eines begreifen seine Kritiker offenbar nicht. Der Provokateur verkörpert etwas, das sich nicht ausgrenzen lässt: die Wut von Leuten, die es satt haben, für ihre Integrationsangebote beschimpft zu werden. Nichts ist mehr wie es war. Es ist die Saison des Volkszorns, längst wächst der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Er ist viel größer als der Mann oder das Buch. […] Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren. Und ihm auf dem Weg nach draußen zuzischelt: ‚Wir werden dir Toleranz schon noch einbimsen.’“ (Matthias Matussek – Die Gegenwut, Spiegel online) Am Ende konzediert Matussek den Deutschen Lernfähigkeit – das zornige Volk lernt sich zu wehren, natürlich.
Und Jürgen Elsässer, soeben im Begriff mal wieder eine neue Stufe der Erleuchtung zu erklimmen: Gewiss sei vieles von dem, was Sarrazin sage ganz falsch, aber… Und überhaupt, sei das einzige Ziel der EU, Frankreich mittels der Roma-Schwemme abzuschaffen oder so ähnlich. Alles egal, so lange nur die nationale Komponente nicht vernachlässigt wird. Der Erfolgreiche hat viele Freunde und das erfolgreiche ‚deutsche Opfer’ viele deutsche Freunde.
Wer noch stolz auf sein deutsches Abitur ist, steht nun hinter Sarrazin, denn der verspricht, dass die Halbbildung als Krone der deutschen Erziehung zu gelten haben wird. Als Meister von was auch immer darf man hierzulande mit der Farce, die Sarrazin als Erkenntnis verkaufen will, glänzen: „Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken. Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker.
Süddeutsche – Debatte um Sarrazin.
Eugeniker unter sich.
Als Intellektueller wird Sarrazin hierzulande lobend bezeichnet, was weniger über Intellektuelle aussagt als übers Land, in dem Intellektueller sonst als Schimpfwort gilt.

Recommended reading:
Renate Göllner – Gemeinschaftsgefühl als Ende der Psychoanalyse, in Göllner, Ljiljana Radonich – Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse
Stephan Grigat – Kampfbegriff ‚Islamophobie‘
Lizas Welt – Das Dilemma der Islamkritik
exsuperabilis – Zur Kritik des linken Antirassismus
Kritik der instrumentellen Vernunft – Die Fehler des Etienne Balibar

Richard Gebhardt – Die Chiffre Sarrazin
Richard J. Evans – Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess
Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg
Theodor W. Adorno – Theorie der Halbbildung
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie
+ Sinnvolle Zusammenfassung!
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Later: Sinnvolle Link-Sammlung
+ Die Süddeutsche hat irgendwen losgeschickt, um Blogs zu googeln, in denen man sich „ernsthaft“ mit dem Thema Sarrazin beschäftigt. Herausgekommen sind dabei u.a. Jürgen Elsässer und Arne Hoffmann. File under funny reading…
+ Angemessenes ranting: Nichtidentisches – Deutsche Klotüren
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Update 27.10.10: Hate to say I told you so – Jürgen Elsässer – Sarrazin hat im Kern Recht!

Sperrt den Kommentar-Bereich zu, die „ethnisch Mobilen“ kommen!

Entfernt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Ton und verzichten Sie auf beleidigende Pauschalisierungen. Die Redaktion/cs
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen und kehren Sie zu einer sachlichen Diskussion zurück. Die Redaktion/cs
Durch meine Freundin die jedes Jahr nach Rumänien reist, weiß ich das die Roma auf der Busfahrt dorthin zwei Mitreisende bei Hütchenspielen schon um 700 Euro abgezogen haben.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Die Redaktion/cs
Ich bin Deutscher, ich will sie nicht, raus. Fertig. Es ist unser Recht als Volk, über unser Land zu bestimmen. Wenn sie etwas anzubieten haben, dann können wir ja einen Vertrag mit Ihnen machen, wie mit anderen Völkern (Sudetendeutsche usw.) Es hat schon seine Gründe, warum keiner die Zigeuner haben will. Bitte führen Sie Ihre Ansichten mit Argumenten aus, sodass eine sachliche Diskussion möglich wird. Die Redaktion/cs“
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Warum können eigentlich rumänische Zigeuner nicht in Rumänien bleiben?
In der Tat hat Deutschland seinen Wohlstand nach dem Krieg weder ererbt noch gestohlen noch ertrickst, sondern ihn sich durch harte Arbeit geschaffen. Und zwar bereits zu einer Zeit, als von Masseneinwanderung weit und breit nichts zu sehen war.
Es ist sicher ungerecht, alle Menschen einer Gruppe über einen Kamm zu scheren, aber…
Aus den Kommentaren zu „Roma – in Europa abgestempelt und abgeschoben“, Zeit online, August 20101

In einem von sieben Aufgängen eines elfstöckigen Wohnblocks der Rostocker Trabantenstadt Lichtenhagen war Ende 1990 die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingerichtet worden. Die Nummer 18 der Mecklenburger Allee, in der die Flüchtlinge ein mehrtägiges Registrierungsverfahren über sich ergehen lassen müssen, ist bald überbelegt. Die Flüchtlinge müssen auf der Wiese vor dem Haus campieren; statt Abhilfe zu schaffen, schieben sich die Stadt Rostock und die Landesregierung in Schwerin die Verantwortung gegenseitig zu. Der Rostocker SPD-Innensenator Peter Magdanz weigert sich standhaft, auch nur Toiletten aufzustellen. Im Sommer 1991 stellt ein Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen fest, die Zustände in der Lichtenhagener Aufnahmestelle seien »nicht haltbar« – für die Flüchtlinge. Er ist der einzige, der sich für sie interessiert. Landesregierung, Stadt und Medien beklagen ebenso lauthals wie ausschließlich die »Zumutung« für die Anwohner.
Florian Sendtner – Hemd aus zum Pogrom. Rostock-Lichtenhagen zehn Jahre danach: Rekonstruktion einer Menschenjagd, Konkret 09/02

Auf die Woche genau 18 Jahre nach den pogromartigen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen, die sich ursprünglich am Hass anständiger deutscher Bürger auf die dort anwesenden Sinti und Roma entzündeten, liest man in den Kommentaren z.B. auf Spiegel, Zeit oder FAZ online (besonders einfallsreich: zwei Leser, die die Roma als „ethnisch Mobile“ respektive „rotations Europäer“ bezeichnen, auf Welt online wurden die Kommentarbereiche zum Thema komplett zugesperrt) nahezu die gleichen Sätze (dem Medium nur notdürftig angepasst), die damals Deutsche als Rechtfertigung ihres rassistischen Wahnsinns präsentierten (siehe u.a. Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung, S. 61ff; ich mag die Zitate nicht abtippen, mir wird schon beim Lesen schlecht!). Diesmal jedoch vordergründig, um die Abschiebungen der Roma aus Frankreich zu verteidigen (die nur schlecht und mit einem unübersehbaren Augenzwinkern als großzügig entlohnte, freiwillige Rückkehr in ‚die Heimat‘ kaschiert werden2). Passiv-aggressiv wird immer wieder darauf verwiesen, dass man sowas ja eigentlich nicht sagen dürfe, aber… Was in den vielen Kommentaren stand, die gelöscht wurden, mag man sich dann kaum ausmalen. Und was 1991/92 in den Artikeln der professionellen Journalisten stattfand, wird heute (meist!) in den Appendix „Kommentare“ ausgelagert, im Text wird der Verdacht noch nur angedeutet – man weiß, wie mans zu deuten hat: Schrecklich, das alles, aber… Dabei hatte man doch bereits 1992 mit vereinten Kräften ‚aufgeräumt‘, Presse, Politiker, deutscher Mob und anständige deutsche Bürger. Den Deutschen jedoch offenbar immer noch nicht gründlich genug. Es scheint, als sei man ein wenig erschrocken darüber, dass man sich damals einschüchtern, geradezu drangsalieren ließ, von der Auslandsjournaille und denen, die sich Sorgen um den Standort machten. Ein wenig peinlich ist das nun schon wieder vielen, das mit den Kerzen die Straßen säumen und sich ernst blickend an den Händen halten. Womöglich hatte man es ‚die Kinder‘ zuvor in Rostock ein wenig zu wild treiben lassen, aber…

Wogegen also sollten sich die Wunderkerzenhalter von München und die nachfolgend bis nach Hamburg reichenden Leuchtgemeinschaften eigentlich wehren? Doch nicht etwa gegen den heimlichen Wunsch, auch mal zuzulangen gegen Fremde? Denn anders läßt sich die allerorts illuminierte Wiederholung der regierungsamtlichen Demonstration von Berlin kaum verstehen.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens

Die Begehrlichkeiten, die das Vorgehen der französischen Regierung hierzulande auslöst, sind unübersehbar. Das deutsche Opfer sehnt sich danach, endlich Teil der großen (europäischen) Abschiebegemeinschaft zu sein, wohlweislich und lustvoll leidend ignorierend, dass man längst dazu gehört – in führender Position. Ausgewiesen wird aus Deutschland schon lange ohne Rücksicht auf Verluste – z.B. in den Kosovo, wo die Roma „in den späten 1990`ern von nationalistischen UÇK-Milizen in die Flucht gezwungen wurden. Diejenigen, die im Kosovo ausharrten, wurden in Notlagern der UNHCR auf mit Blei, Cadmium und Quecksilber verseuchten Industriehalden einquartiert. Bis heute leben sie in ständiger Angst vor Pogromen in solchen von der albanischen Bevölkerung abgegrenzten Elendslagern.“ (Cosmoproletarian Solidarity)
Aus Baden-Würtemberg beispielsweise sollen in den nächsten Monaten 5000 Kinder aus Roma-Familien an den Kosovo ausgeliefert werden, obwohl sie weder Albanisch noch Serbisch sprechen. Aus (ganz und gar überflüssiger!) Angst davor, dass die anständigen Deutschen sich mal wieder dazu aufgerufen wähnen, ihr Volk vor der Welt als ‚tolerant‘ und ‚fremdenfreundlich‘ auszustellen, geschieht das derzeit alles eher unauffällig. Mit Frankreich als ‚leuchtendem‘ Beispiel für eine sich bloß wehrende Nation, worauf die Deutschen eigentlich einen Alleinanspruch angemeldet haben, vor Augen allerdings, mögen die Abschieber erneut versucht sein, sich (natürlich ungeheuer mutig!) als veritable Vaterlandsretter zu präsentieren. Und wozu das führt, hat man in aller Drastik 1992 beobachten dürfen!


Trotz des konstruierten happy ends weitgehend (!) sinnvoller kurzer Beitrag des MDR zum Thema
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The Truth Lies in Rostock

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Presseerklärung Förderverein Roma
Frankreich schiebt Roma ab und die Bundesrepublik zieht nach (20.08.2010)
Bereits vor drei Wochen hat der Förderverein Roma darauf hingewiesen, dass in Frankreich aufgrund der Erschießung eines jungen Mannes durch die Polizei und Demonstrationen der Roma-Gemeinde breitflächig und in ausdrücklich rassistischer Manier Roma abgeschoben werden.
Ein gesamte Gruppe, deren Geschichte bekannter Weise seit Jahrhunderten von Verfolgung und Diskriminierung geprägt ist und die im Nationalsozialismus der vollständigen Vernichtung ausgesetzt war, wird erneut als Sündenbock für Verfehlungen des Staatspräsidenten Sarkozy und als Möglichkeit, den rechten Rand für die kommenden Wahlen abzuschöpfen, instrumentalisiert. Jedes Mittel ist gerade recht, im Sprachduktus von „platt machen“ und „Krieg erklären“ offenbart sich nicht nur die Geisteshaltung des Präsidenten und Innenministers.
Jenseits etlicher Proteste darf nicht vergessen werden, dass die Regierung gegen EU-Bürger vorgeht, die von ihrem Recht auf Freizügigkeit – einem essentiell verbrieften Grundrecht – Gebrauch machen. Jeder reaktionäre Ordnungsfanatiker sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Abgeschobenen wegen der sozialen und ökonomischen Perspektivlosigkeit, wegen der Bedrohung an Leib und Leben erneut ihr Reiserecht nutzen und in die Länder zurückkehren werden, die sie, ob mit oder ohne Geld, zuvor ausgewiesen haben. Auch die menschenverachtenden Vorgehensweisen wie Fingerabdrücke, Kriminalisierung und Hetze werden daran nichts ändern.
Vor dem beschriebenen Hintergrund bleibt zu erwähnen, dass auch in Deutschland Roma-Flüchtlinge systematisch vertrieben und ausgewiesen werden. Insbesondere die vor 15 Jahren aus dem Kosovo geflohenen Roma werden seit letztem Jahr massiv, ungeachtet ihrer gesundheitlichen, schulischen und beruflichen Situation ins nackte Elend abgeschoben.
Die scheinheilige Diskussion über die Wahrung von Menschenrechten wird am Umgang mit Roma, der größten europäischen Minderheit, exemplarisch vorgeführt.

  1. Later – 26 Kommentar-Seiten am 23.8. um 22:41; 32 am 24.8. um 14:23 [zurück]
  2. Later – natürlich – Jürgen Elsässer: „Sarkozy setzt die Roma – auf Kosten des französischen Steuerzahlers – in ein Flugzeug, sozusagen ein kostenloser Heimflug für die Leute. […] Aber warum soll ein Staat nicht gegen Ausländer vorgehen, die illegale Siedlungen errichten, von denen aus kriminelle Raubzüge aus unternommen und Polizisten mit Waffen werden? Das ist sein gutes Recht, so wird die inländische Bevölkerung – in Frankreich aus gutem Grund nicht völkisch definiert – vor Übergriffen geschützt. […] Wirkliche Remedur verspricht nur die Aufhebung der EU-Freizügigkeit, am besten durch einseitige Kündigung der Nationalstaaten, und die Rückabwicklung der EU-Osterweiterung.Sarkozy und die Roma[zurück]

Applied (extended) „Jew-baiter’s Lexicon“ 2: „Sayan“/ „Sayanim“

Wenn man „Sayanim“ via Google recherchiert (135.000 Ergebnisse (0,25 Sekunden)), werden einem u.a. folgende Überschriften angeboten:
Deutsche Medien von Mossad- Helfern unterwandert
Den Spieß umdrehen, das ist eine talmudische LÜGENART
Occupied America – Part I – Sayanim
A Sayanim (The secret Jewish network) – David Icke’s Official Forums
The Information Underground • View topic – One Million Sayanim
Sayanim…American Jewish Traitors operating under our noses…
Conspiracy Planet – Israel/ Zionism – Sayanim: Global Spy Network
This is zionism: Churchill And The Sayanim Network
Bestimmt Israel die Geschicke der Deutschen?
Mossad mordet weltweit | Neue Ordnung
Forum: Deutsche Medien vom Mossad unterwandert?
Jew-Demons of Mossad: Katsa, kidon, Misgerot, Sayanim, Vaudat
Der Heilige Krieg, die Illuminati, die Zionisten und die Sayanim
Mossad’s One Million Helpers World-Wide | The Total Collapse
Gaza ,israel Palestine France : attention aux sayanim ou barbouzes
Sooner or later the SAYANIM expose themselves
Culture Wars: Treason
Usw. usf…
Ungeachtet der Tatsache, dass jeder international tätige Geheimdienst von Zeit zu Zeit „Helfer“ (hebräisch: Sayan (Singular)/ Sayanim (Plural)) vor Ort, ergo im Ausland, rekrutieren und sie sicherlich in der internen Kommunikation muttersprachlich bezeichnen wird, konnte ausschließlich das in Israel gebräuchliche Wort derart prominent werden.
Einzigartig sind die „Sayanim“ nicht nur in der Hinsicht, dass man ihre Pendants weder auf Russisch, Chinesisch, Portugiesisch, Holländisch, Polnisch, Persisch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Japanisch, Koreanisch, Swahili, Urdu, Hindi, Türkisch noch auf Kirgisisch, Spanisch, Arabisch, Griechisch benennen könnte – geschweige denn wollen würde. Fragte man in einschlägigen (oder auch nicht) Kreisen nach, wie hoch die Anzahl der Helfer, Unterstützer oderwasauchimmer der die genannten Sprachen verwendenden Dienste wohl sein mag, lautete die Antwort vermutlich: pro Geheimdienst über die Nationen verteilt vielleicht einige Hundert, womöglich ein paar Tausend, vielleicht sogar Zehntausende (dann aber wohl den Amerikanern helfende – ‚ZOG‘ und überhaupt!). Die „Sayanim“ sind auch einzigartig, weil davon ausgegangen wird, es gebe von ihnen mindestens eine Million, eher noch Millionen! Und die hätten ein weltweites ‚Netz‘ gesponnen. Sounds familiar? Mais oui! Einigen gelten sie als Juden, die, wenn sie sich als solche zu erkennen geben, bloße „Opferdarsteller“ sein sollen, anderen als Juden, die so tun, als seien sie konvertiert oder gar säkular etc. pp.; eigentlich aber sind im außerisraelischen Sprachgebrauch „Sayanim“(-verdächtig) bereits alle, die Kritik an Antisemitismus über die üblichen Lippenbekenntnisse hinaus, an so genanntem Antizionismus, Israel-Verleumdung und dergleichen von der unglaublichmächtigenjüdischisraelischzionistischen Lobby sowieso nicht erlaubten Äußerungen zu üben wagen. Ursprünglich galt die Annahme, dass die „Sayanim“ nicht über ihre Ausgaben hinaus bezahlt werden, aber in den initiierten Zirkeln ist man informiert: „Alle geldgierig!“ (S.u.) Und eigentlich sollten sie auch nicht über das, was gerade so ansteht, informiert sein, damit sie nichts verraten können; da es jedoch um nichts anderes als „Die Weltherrschaft“ gehen kann, wissen sie eh alles…
Der Begriff, der fraglos der Aufnahme in das „Jew-baiter’s Lexicon“ würdig ist, wird unter ähnlichen Vorzeichen wie „Hasbara“ verwendet und gehört mittlerweile zum gängigen Vokabular rechter wie ‚linker‘ Verschwörungstheoretiker – es war also nur eine Frage der Zeit, bis er bei Elsässers auftauchen musste.
Im Anschluss an Jürgen Elsässers Freude darüber, dass Ahmadinejad einen Vielleichtanschlag überlebt hat, die natürlich in die paranoide Ahnung („Schatten von Erkenntnis“, Adorno) mündete, auf irgendeine Weise müsse das alles mit den Israelis zu tun haben, die gerade (mal wieder!) eine konzertierte Aktion eingeleitet hätten, um endlich (mal wieder!) den Iran angreifen zu können, weshalb sie auch rücksichtslos die Grenze zum Libanon überschritten hätten, um ein Feuergefecht zu provozieren („UNIFIL has established, however, that the trees being cut by the Israeli army are located south of the Blue Line on the Israeli side.“ Noon briefing, U.N. Headquarters, N.Y., Wednesday, August 4, 2010) und sowieso… daraufhin jedenfalls ergab sich eine Art Diskussion in den Kommentaren, an der diesmal auch Personen teilnahmen, die das zurecht alles für kompletten Humbug hielten. Humbug für Humbug zu halten allerdings, ist äußerst verdächtig – Auschnitte aus den Kommentaren zu „Attentat? Ahmadinedschad lebt! Aber Krieg liegt in der Luft!“:

juergenelsaesser
August 4, 2010 at 13:46
Conny: Wollen Sie uns verscheißern? Israel war jenseits des Grenzzauns, das sah man auf dem Video gestern in der Tagesschau. Jetzt behaupten die Israelis, der Grenzzaun entspräche NICHT dem Grenzverlauf – und Sie kolportieren das fröhlich. Wahrscheinlich sind die 3/4 libanesischen Toten auch nicht echt? Gibt’s für solche Desinformation 10 Euro pro Posting?
[…]
juergenelsaesser
August 4, 2010 at 19:57
Patrizia, Schätzchen, für diesen Kommentar bekommst Du vielleicht mehr als 10 Euro von Deinen Auftraggebern.
[…]
balu
August 4, 2010 at 20:11
Die einzige Frage die sich stellt ist, wieviel bekommt Elsässer aus Teheran überwiesen?
[…]
juergenelsaesser
August 4, 2010 at 20:17
balu: Das ist so lustig, das lasse ich stehen!
[…]
juergenelsaesser
August 5, 2010 at 12:12
Patrizia: Na, schon wieder am Geld verdienen? Working for the Yankee-Dollar? Dafür gibt’s aber nicht mehr als 10 Bucks, das war schmale Kost.
[…]
Freiwirtschaft
August 4, 2010 at 17:06
Werter Herr Elsässer, lassen sie sich nicht von den prosemitischen Postern und Sayanim beeindrucken. Sie haben die Vorgänge ein Stück weit schon durchschaut. Machen sie weiter. Die Geldmedien und Presseseuche kann nicht anders, denn wem gehört diese? Messianistische Sekten streben auf den „Endkampf“ (Armageddon) zu. Israel ist im orthodoxen Judentum als Staat nicht vorgesehen! Der Zionismus und Staat Israel ist aber der auslösende Schmelzpunkt für diese „letzte Schlacht“. Die Israelis sind nur Werkzeug und können einem schon fast leid tun. Bleiben sie streitbar!“ (Hervorhebungen J6ON; von Elsässer bisher unkommentiert)
[…]
Cananefate
August 4, 2010 at 21:40
IS – RA – EL Wird hier eine alte, urwüchsig sephardisch stämmige Religion, von Herätikern an die Wand gefahren? Seit wann sind die vor 1200 Jahren zum Judentum konvertierten Aschkenasim, alias Hunnen, Semiten? Die ganze Welt verzweifelt an diesem inszenierten Zinober.“ (Von Elsässer bisher unkommentiert)

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Basis for discussion:
Ivo Bozic – Die Entstehung der Mavi-Marmara-Linken, Jungle World

Later – Recommended reading:
Lizas Welt – Mein Freund der Baum

Later – die Bildersuche ist noch aufschlussreicher!

Applied „Jew-baiter’s Lexicon“ 1: „Hasbara“

Jenseits davon, dass die Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK-Shalom!“ sich selbst pausenlos erklärt (Administrator Chris Sedlmair gab bereits bei Elsässers bekannt, dass er nunmehr dort nicht mehr so oft kommentieren könne, weil seine neue Aufgabe so zeitaufwendig sei – je nun…), ist der Jargon, dessen man sich a.O. bedient, eine nähere Betrachtung wert. Hier nur ein typisches Beispiel:
„Es geht in dieser Gruppe nicht um Diskussion, sondern um Information über den BAK und seine Machenschaften und einen anderen Blickwinkel auf den Nahost-Konflikt. Wir bitten das zu berücksichtigen, Hasbara führt zum unmittelbaren Ausschluss.“ („Stoppt den BAK Shalom! ist bei Facebook.“ Hervorhebung J6ON)

Cp. Lee Smith – The Jew-baiter’s Lexicon (Playing With Fire, Tablet Magazine)
Ad 6: „Hasbara”
„Here’s another new entry in the lexicon, perhaps related to the fact that given the capricious nature of its one-time allies around the world, its virtual isolation from the international community and, of course, the anti-Israel press, Israel has of late devoted more of its human and financial resources to public relations. While it is true that all states engage in a range of activities to make its case to the rest of the world—from public diplomacy to propaganda—and some Middle Eastern countries are famous for spending hundreds of millions of dollars on such efforts, the use of the Hebrew word hasbara (meaning “explanation”) indicates that the Jewish state is engaging in a dark conspiracy to pull the wool over the eyes of the public in order to justify its crimes.” (Hervorhebung J6ON)

+ More info on the topic
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+ Later: Noch mehr zum Thema und darüber hinaus: Nichtidentisches – Daniel Bax’ „Wir Israelversteher“ – ein Paradebeispiel des linken Antisemitismus
+ nexusrerum – Unser Holocaust – Der Juden Knacks und der Judenknacks

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

Recommended reading: the usual suspects…
+ Later: nexusrerum – Marx in Gaza

  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

Gaza-Flotilla-Triptychon: ‚Auschwitz – Hiroshima – Mavi Marmara‘ (w/ updates)

One of the most powerful integrative myths of the 1950s emphasized not German well-being but German suffering; it stressed that Germany was a nation of victims“.
Robert G. Moeller – War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany

Documenting the Testimonies of the Survivors of Israeli Massacre of Gaza Flotilla.
gazaflotillasurvivors.com

Saul K. Padover, Robert G. Moeller, Frank Stern und später Harald Welzer haben das Bedürfnis der Deutschen beschrieben, sich in ihren Opfer-Imaginationen der Bilder des von ihnen begangenen Verbrechens zu bedienen. Obwohl die entsprechenden Erzählungen bereits in den ersten Tagen nach dem Krieg einsetzten, wurde mit den aus unterschiedlichen Gründen vergleichsweise spät anlaufenden kulturindustriellen Produkten zum ‚Thema’ Holocaust/ Shoah (vgl. allg. Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und ISF – Schindlerdeutsche) eine Bildsprache bereitgestellt, welcher sich die ‚deutschen Opfer’ noch leichter bedienen konnten als derer, die ihren Beobachtungen oder den Erzählungen ihrer am Verbrechen beteiligten Verwandten, Freunde und Bekannten entstammten. Diese medial präformierten Bilder stehen nun weltweit zum Abruf bereit und werden zunehmend unreflektiert (oder eben nicht) genutzt.
Der in Interviews und Berichten in den letzten Tagen mehrfach geäußerte Anspruch, wenn es tatsächlich einen ‚gerechten Kampf’ an Bord der Mavi Marmara gegeben hätte, müssten doch wenigstens ein paar tote Israelis zu sehen sein, führt auch zurück auf die narzisstische Kränkung u.a. einer Linken, die es seit 1967 nicht verwinden konnte, dass sie froh war glauben zu wollen (und es ist so konfus, wie es sich hier liest!), die Israelis hätten ihnen die Solidarität in der Opfer-Imagination ‚aufgekündigt’.
Wer vorher um der Teilhabe am ‚größten Opfernarrativ’ willen sich mit ‚den Juden’ identifizieren mochte, glaubte sich betrogen um die Möglichkeit, deutsches Opferdasein auf diesem Wege fortsetzen zu dürfen. Die deutschjubelnden Rechten, die zuvor Auschwitz meist so schnell wie möglich zu verdrängen versucht hatten, standen den Enttäuschten, die sich oft selbst wie Überlebende gerierten, näher, als beide Seiten es wahr haben wollten. Während sich die eine Seite der deutschen Opfer-Identifikation mit ‚den Juden’ endlich entledigen konnte (und das steht nicht im Widerspruch zur ostentativen Enttäuschung!), um einfach ein weiteres deutsches Opferkapitel zu schreiben, begann die andere, nun unermüdlich Deutsches („Blitzkrieg!“) in die Israelis zu projizieren und musste ‚die Juden’ endlich nicht mehr als (konkurrierende) Opfer betrachten.1
Unbestritten ist, dass es Antisemitismus nicht nur in Deutschland gab und gibt; das deutsche Verbrechen jedoch steht nicht nur in seiner ungeheuerlichen Konsequenz, sondern auch in der Selbststilisierung der Deutschen als sich nur wehrendes Opfer als nie wieder ‚gut zu machendes’ ‚Vorbild’ da. Die ausgebliebene Bestrafung ist ein unheimliches Versprechen an alle, die gewillt sind, auf ihren Pfaden zu wandeln. In den jährlichen weltweiten BBC-Umfragen zum Thema, welches Land den positivsten Einfluss auf die Welt habe, wurde Deutschland dreimal in Folge zum Sieger gekürt. Das liegt nicht daran, dass die Deutschen irgendetwas zum wieauchimmer Positiven wenden würden. Es ist evident, dass sich die deutsche(n) Opfergeschichte(n) weltweit durchsetzen konnte(n). Und der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es vor allem ist, weil er es nicht sein ‚durfte‘. Wo alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät. (Dazu später mehr in „Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie. Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide““)
Das (mal mehr mal weniger explizite) sich Bedienen an den (unzureichenden) Bildern der Vernichtung und den Erzählungen der Holocaust-Überlebenden, die Andeutungen, mit denen suggeriert wird, man dürfe ja eigentlich nicht, aber das Gegenüber wisse schon, was gemeint sei, die ein- und zweideutigen Formulierungen etc. sind entsprechend auch nicht mehr den ‚deutschen Opfern’ vorbehalten. Im Umfeld der Berichte über die Ereignisse auf der Mavi Marmara nimmt das alles erschreckend viel Raum ein. Wenn in der englischen Übersetzung von Henning Mankells schwedisch geschriebenem Flottillen-Tagebuch die Rede ist von „I am to be deported“, ist das noch weitgehend unproblematisch, da deported im Englischen (zum schwedischen Begriff kann ich nichts sagen) ein durchaus üblicher Terminus für jede Form von Ausweisung/ Abschiebung ist. An anderer Stelle jedoch greift er, bewusst oder unbewusst, in einer kruden Mischung aus Holocaust-Opfer-Berichten und der Exodus-Verfilmung, Bilder auf, derer sich diejenigen immer wieder bedienen, die mit einer Art perversem Opferneid (vgl. zum Beispiel in einem anderen Kontext Richard Dyer zum me-tooism in White) agitieren und zugleich relativieren wollen:
As instructed, I’ve limited my luggage to a rucksack weighing no more than 10 kilos.“ Wer das angeordnet hat, ist gleichgültig. Er geht auf eine Reise, deren Ziel ihm unbekannt ist und auf der man ihm nur das Nötigste gelassen hat. „But it seems most likely to us that we’ll be challenged at the border with Israeli territorial waters by threatening voices from loudspeakers on naval vessels.“ Das ist etwas, das seiner Meinung nach vermutlich (!) geschehen wird. „Barbed wire is to be strung all around the ship’s rail.“ Es ist egal, wer den Stacheldraht angebracht hat, die Israelis zwingen die Passagiere dazu, hinter Stacheldraht zu vegetieren „Out on deck I see that the big passenger ferry is floodlit. Suddenly there is the sound of gunfire.“ + „The soldiers are impatient and want us down on deck. Someone who is going too slowly immediately gets a stun device fired into his arm. He falls. Another man who is not moving fast enough is shot with a rubber bullet. I think: I am seeing this happen right beside me. It is an absolute reality. People who have done nothing being driven like animals, being punished for their slowness.“ + „Agitation and chaos reign in this “asylum-seekers’ reception center.” Every so often, someone is knocked to the ground, tied up, and handcuffed.“ + „I think several times that no one will believe me when I tell them about this.“ + „There are a lot of us who can bear witness.“ + „They drag him off. I don’t know where. What word can I use? Loathsome? Inhuman? There are plenty to choose from.“ + „The day after, the second of June, I listen to the blackbird. A song for those who died.“ (U.a. zu lesen auf The Daily Beast: Henning Mankell – My Gaza Flotilla Diary). Die Stellen im Bericht, aus denen das reine Ressentiment hervorbricht, werden von Florian Markl beschrieben: „Unnützer Idiot. Henning Mankells Abrechnung mit Israel
In den Presse-Konferenzen zum Thema ist von Mankell noch mehr dergleichen zu hören. Und Mankell ist nur einer der vielen, die derart verfahren. (So z.B. auch Inge Höger im WDR-Interview: „Ja, ich habe gehört, dass es gezielte Kopfschüsse gegeben haben soll. Aber da ich nicht dabei war, kann ich Ihnen das nicht bestätigen.“ Außerdem wie nicht anders zu erwarten bei Elsässers usw. usf. Es lohnt sich nicht, das hier alles zu dokumentieren, da permanent Nachschub kommt.)
An Deutlichkeit tatsächlich noch übertroffen wird diese Strategie auf einem Blog, der in eindeutiger Anspielung „Gaza Flotilla Survivors“ benannt wurde. In der Unterzeile heißt es: „Documenting the Testimonies of the Survivors of Israeli Massacre of Gaza Flotilla.“ Eine Beitragsüberschrift lautet z.B. „Gaza activist [sic] ’shot every minute‘“. Auf der Mavi Marmara, so wird nahe gelegt, ging es zu wie in den Vernichtungsfabriken der Nazis.
Die apokalyptischen Visionen derer, die in den Juden/ in Israel den Endgegner sahen und sehen, werden auf Telepolis repetiert: „Macht versus Recht. Wie werden wir uns in diesem weltweiten Konflikt entscheiden? Das geht nicht nur die so genannten Großen dieser Welt etwas an. Auch Sie auf diesem Platz sind jetzt gefragt.“ Auch deren Opferbereitschaft: „Ich wusste also, was ich tat, als ich mich nach diesem Gaza-Krieg auf die Freiwilligenlisten der Free-Gaza-Movement setzen ließ. Und ich nehme an, dass auch alle andern auf der Liste wussten, worum es dabei geht: Im worstcase [sic] um Leben oder Tod.“ Am Ende werden die Toten der Bewegung beschworen: „Das muss man sich vor Augen halten, wenn wir jetzt an unsere GAZA-Movement-Toten denken. Sie sind, auch wenn sie das Leben noch so sehr lieben mochten [!], nicht blind, sondern letztlich freiwillig in den Tod gegangen, in einen Tod durch Israel. Das mindert unsre Trauer nicht; es erhöht nur den Respekt, den wir nunmehr diesen Toten schulden. Sie sind für eine Sache gestorben, die ihnen in letzter Konsequenz wichtiger war als ihr eigenes Leben“. (Georg Meggle – Militärische Macht oder Internationales Recht?)

Am Ende deutscher Ideologie … ist der „Tod durch Israel“ ein Anlass für Respekt! Und ein intendiertes Fanal für die sich immer nur deutsch Wehrenden:
Mankell said he would take part in the campaign again. He said: „Of course – in a year’s time there is a plan to return. And then there could be hundreds of boats. And what will the Israelis do then? Release a nuclear bomb to stop us?“ (Henning Mankell on Gaza flotilla attack: ‚I think they went out to murder‘, The Guardian online).

Recommended reading:
Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt
Joachim Bruhn/ Jan Gerber – Rote Armee Fiktion
Leon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie
und so ziemlich alles, was hier jemals unter recommended reading gelistet wurde…

  1. Zu den gefährlichen Implikationen rechter so genannter Israel-Solidarität von beispielsweise PI-News ist ein längerer Artikel in Arbeit. [zurück]

Later – mehr zum Thema:
normblog – Voice of restraint , via Yaacov Lozowick’s Ruminations
Z Word Blog – Israel = Nazi Germany Says Top Irish Writer, via normblog, s.o.
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Solidarität mit Israel! Demonstration in Frankfurt, Sonntag, 20. 06. 2010, 13 Uhr, Bornheim Mitte/Am Uhrtürmchen, (Haltestelle der Linie U4 – vom HBF zu erreichen: Bornheim Mitte)
Aufruf der Gruppe Morgenthau – Antisemitismus ist keine Abenteuer-Kreuzfahrt
Für die Antizionisten und Antizionistinnen stand der Erfolg der Aktion von Anfang an fest: würden sie Gaza erreichen, hätten sie einen Präzedenzfall geschaffen; würden sie gestoppt, würde Israel von allen Seiten dafür verurteilt werden, gegen friedliche Demonstranten militärisch vorzugehen. „Hitler hat Konzentrationslager in Europa errichtet. Jetzt errichtet der Zionismus Konzentrationslager in Palästina. Daher wende ich mich an Israel: bedenkt, wie ihr diese Krise richtig löst. Wenn ihr unsere Kampagne zu stoppen versucht, werdet ihr von der ganzen Welt isoliert. Ihr werdet euch nur selbst Schaden zufügen. Das sind humanitäre Hilfsschiffe. Wir haben nicht ein einziges Klappmesser an Bord”, erläuterte der Chef der IHH, Bülent Yildirim, im Hafen von Istanbul die Taktik. Auch der Hamasführer Ismail Hanyieh wusste um die vorteilhafte Situation: „Wenn die Schiffe Gaza erreichen, ist das ein Sieg – und wenn sie von den Zionisten terrorisiert werden, ist das ebenfalls ein Sieg.“

Vgl. zu „Wir haben nicht ein einziges Klappmesser an Bord…die Selbst-Dokumentation (Cultures[!]OfResistance.org) von der Mavi Marmara, more details via Eamonn McDonagh – Mavi Marmara: A Whole Lot of Praying…, Z-Word Blog*

Transkript ab 16:46, not sure who they‘re talking about: „So what are you guys… what’s, what’s happening?“ … „They get … off, they get dropped off.“ „Would it be like landing helicopters?“ … „These guys, these guys, these guys, they’re not like us. … They’re like, they’re ready to … these … things.“ „Yeah.“ … „So, they’re ready to fight. Whatever, whatever happens.“

18.06.2010: „Kein Zufall daher, dass die an Bord der »Mavi Marmara« festgenommenen Bundestagsabgeordneten ihre Abschiebung zurück nach Deutschland als »Deportation« bezeichneten. Und erst recht kein Zufall, dass Norman Paech, auf der oben zitierten Veranstaltung, für den nächsten »Free Gaza«-Konvoi von Begleitschutz durch die deutsche Marine träumte. Mit deutschen Kanonenbooten den zionistischen Völkerrechtsverächter in die Knie zwingen: Das wäre der ultimative Entlastungsangriff für Auschwitz.Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten – Frieden ist Krieg
nexusrerum – ARD: Monitor und die davor

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* Die Deklaration des Filmmaterials als „Raw Footage“ bedeutet hier erkennbar nicht, dass die Kamera ununterbrochen gelaufen ist bzw. dass die Reihenfolge der Aufnahmen dem tatsächlichen zeitlichen Ablauf entspricht oder mit den Bildern alle relevanten Ereignisse belegt werden können. Der Terminus „Raw Footage“ dient entsprechend auch als Gegenbegriff zur wiederholt als gefälschtes Material bezeichneten (vgl. Paech etc.) Dokumentation der Angriffe der Passagiere auf die Israelis.

Elsässer schon wieder potentielles Opfer von sich als „politisch korrekt“ tarnender Sprachzensur + Initiator der Voksinitiative befürchtet Homophobie-Vorwurf + Warum nur?

Auf zwei Ebenen agieren die Vorkämpfer an der volksdeutschen Schmusefront“.
Magnus Klaue – Angriff der Kuschel-Guerilla

Die Hetze wird geglaubt, weil der organische Kontakt der Menschen abgenommen hat, der anorganische Anteil in der gesellschaftlichen Kommunikation aber gestiegen ist. Die Sechsjährigen schicken sich schon SMS, die Teenager sitzen halbe [?] Nächte im Chatroom, die Erwachsenen vertrödeln ihre Lebenszeit im Internet – jeder ist an irgendwelche Apparate angeschlossen, als läge er auf der Intensivstation. Wer aber kennt seine Mitmenschen noch?
Jürgen Elsässer Blog am 16.04.2010 – Was tun gegen die Mainstream[?]-Hetze?

Unser Schuldbuch sey vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!Friedrich Schiller – Ode an die Freude

Nach dem überaus passenden und angemessen erfolgreichen Zusammenspielen der Volksinitiative respektive Elsässers mit „Alles Schall und Rauch“, Muslim-Markt, Nuoviso etc. blabla und den erstaunlicherweise desillusionierenden Erfahrungen mit „Karate Kid will return in ‚Karate Kid 24/7 reveals: Everyone’s paid by the Mossad except for those who don‘t get paid‘“ tun sich angesichts von Elsässers Erkenntnis, dass man sich nur mal so richtig kennenlernen muss weitere beziehungsweise Genugtuung versprechende Verbrüderungsmöglichkeiten auf, beispielsweise mit der Free Hugs Campaign (aka „Wird ja alles so schön bunt hier…“).

Denkt man sich erstmal so!

Was aber passiert, wenn Deutsche sich allzu „organisch“ mit sich und dem Rest der Welt auseinandersetzen, dürfte bekannt sein. Das Vorurteil nimmt, wie man weiß, hierzulande auch nicht durch Bekanntschaft und ‚Auseinandersetzung‘ mit dem zu Vernichtenden ab… au contraire!
Bei Elsässers wird derweil immer noch fleißig daran gearbeitet, den deutsch „organisch“ noch allzu undifferenziert Agierenden die relevanten Unterschiede zu erklären. Das muss so sein, weil man als alles gelten mag nur nicht als Rassist. Rassist ist dort, wer aufs von ihnen definierte „Unten“ (z.B. Deutsche und die ‚Opfer‘ ihrer ‚Feinde‘) tritt. Nach dem von ihnen definierten „Oben“ hat man heftig und unermüdlich zu treten, und oben sitzen für Elsässer natürlich nicht ‚die Rothschilds‘, das sei „[g]efährlicher Spinnerkram“, die wurden nämlich längst abgelöst durch „Es gibt Verschwörer, Goldman Sachs gehört dazu. Aber: Vorsicht mit dem “Überdrehen” von Verschwörungstheorien“ (Elsässer – Goldman Sachs und die Herrscher der Welt) – hört sich wesentlich, viel und überhaupt unverfänglicher an, und die Claqueure werdens schon richten: „Ein ganz heißer Kandidat bleibt nach wie vor die Israel-Lobby. An dieser Stelle sei dringend dazu geraten, mit dem Antisemitismusvorwurf äußerst sparsam umzugehen, weil sich anderenfalls einer der aggressivsten Machtkomplexe auf diesem Planeten in einen äußerst effektiven Schutzmantel hüllen kann.“ (Pirx, ebd. in den Kommentaren)
Dann wollen wir mal bis an die Grenze des Hungertodes sparsam sein. „Doch es geht weiter: Die Frankensteins der Finanzwelt basteln derzeit aus Internet-Datenmüll Monster zusammen, die Ahmadinedschad als Wiedergänger Hitlers und den Papst als Haupt einer Kinderschänderbande illuminieren und jagen sollen. Wenn die Monster groß genug sind, muss der eine oder der andere sterben. Die virtuellen Monster nähren sich von Menschenblut.“ (Elsässer – Big Brother stoppt den Luftverkehr)
Herrscher der Welt“, „Flugverbot beruht nicht auf der Verschmutzung der Atmosphäre, sondern des Cyberspace“, „‚Der Schwarm‘ gegen die Industrie“, „[d]er [welcher von beiden denn nun?] Kadaver von Lufthansa und Airberlin soll [?] von Heuschrecken ausgewaidet werden“ [Wenn man schon die Heuschrecken bemüht, sollte man eventuell im Bild bleiben, n‘est-ce pas? Ausweiden liegt ihnen fern, da sie sich allesamt vegetarisch ernähren. Hingegen sind sie beliebtes Nahrungsmittel von Carnivoren, die sie jedoch auch eher nicht ausweiden, sondern meist mit Panzer und Fühlern verschlingen. Just a thought!], „Frankensteins der Finanzwelt“, „Monster“, die sich „von Menschenblut“ „nähren“ (alle Elsässer), „Schutzmantel“ (Pirx) to name but a few… Da haben wir ja gerade nochmal die Kurve gekriegt, bevor es ans „‚Überdrehen‘ von ‚Verschwörungstheorien‘“ ging.

Es ist zudem an der Zeit, dass irgendein Kommentator in Elsässers Blog darauf besteht, der Homophobie-Vorwurf solle „äußerst sparsam“ gehandhabt werden, sonst könnte folgende Aussage womöglich falsch verstanden werden:

Kirche ist Unsinn, denn sie deckte zwar spät ihre Vergehen auf, aber immerhin. Sexueller Missbrauch scheint seinen Fokus nicht bei den Kirchen zu haben, sondern bei den Homosexuellen (in der Kirche und in anderen Einrichtungen). Aber darüber darf man politisch korrekt1 nicht sprechen …“ (Elsässer – Mixa weggemobbt, Hervorhebung J6ON)

Und schon wieder die Kurve gekriegt und ein für alle Mal bewiesen, dass man nicht homophob ist. Dass dem volksinitiierten Deutschen die Einschätzung auch seiner selbst meist hoffnungslos daneben gerät, belegt Elsässer – immer noch das „Organische“ hochhaltend – in seinem Lamento über das ‚Mixa-Mobbing‘: „Ein paar Watschn waren vor 20 [1990], 30 Jahren in der Erziehung normal. Ich hab auch vom Lehrer welche bekommen, und es hat mir nicht geschadet.“ (Ebd., Hervorhebung J6ON)
Quod est dubitandum! Aber sowas von…

  1. Nur ‚politisch inkorrekt‘ – also sich gleich als Opfer ausstellend? [zurück]

Update 26.04.10: Elsässer enthüllt todesmutig: Geheimes Ziel des „Kriegseinsatz[es] am Hindukusch“ (ebd.) ist das Ermöglichen von „Schwulenparaden“ in Afghanistan. Mixa muss weg, weil er das irgendwie (don‘t ask me!) hätte verhindern können.

Florian Henckel von Donnersmarck – der Filmemacher als „Einer, der auszog das Fürchten zu lernen“

A picture, really, of the new democratic Germany. This is made abundantly clear as they stand […] in front of their villa, with the bright red flowers demarcating the curve of the gravel path, the bright red also providing (on the magazine cover, anyhow) a necessary (?) counterpoint to the white Mercedes, the white suit, and Gisela’s black leather trousers. The viewer cannot remain unaware of the tasteful arrangement of all these posessions and of the combination of colors: the yellow villa, the red flowers, the black trousers, and the black dog.“
Walter Abish – How German Is It/ Wie deutsch ist es (Der Original-Titel beinhaltet sinnvollerweise die Übersetzung ins Deutsche!)

Im Rahmen von Thomas Demands großer Deutschland-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (Eröffnung 18.09.2009, „der Zeitpunkt […] [ist] nicht zufällig gewählt, sondern fällt mit den Jubiläen zweier grundlegender historischer Ereignisse in der deutschen Geschichte zusammen: der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor 60 Jahren und dem Mauerfall vor 20 Jahren.“ Neue Nationalgalerie) initiierten die Veranstalter eine Vortragsreihe mit dem anspielungsreichen und in der Ausführung ignoranten Titel „How German is it?“ Ausgewiesene Fachleute zum Thema, u.a. Hans Jürgen Syberberg, Gerhart Baum, Daniel Kehlmann, Astrid Proll, Gisela Friedrichsen, Günter Wallraff, Bernhard Vogel, Erhard Eppler, Florian Henckel von Donnersmarck, Herta Müller, Joachim Gauck und Mathias Döpfner, sollten „ein kaleidoskopisches Nachdenken über Deutschland“ anregen (ebd.). Rosa Perutz ist es zu verdanken, dass man sich seit einiger Zeit Florian Henckel von Donnersmarcks Beitrag „Über das Deutsche im Filmemachen“ in relevanten Auszügen anhören kann: „Der Dünkelsmarcksche Press-Schwamm“.

Can anyone doubt or deny the significance of these writers? Can anyone fail to recognize in them the attribute of a true Germany? Absolutely no irony intended. And, for that matter, a thorough reading of the classics should enable one to determine the degree to which anything: a house, a barren hill, a barn, a dog, a stein of beer – appears to be German and, accordingly, is slipping into something called die Zukunft, the future. As before, no irony intended.“
Walter Abish, ebd.

Nachdem ihm der seiner Meinung nach wertvollste Academy Award („Das Wunderschöne an diesem Oscar ist ja, dass man ihn als Vertreter seines Landes gewinnt. Also ich würde zwar den Oscar bekommen, aber ich bekomme ihn für Deutschland.“ See video below), nämlich der für den besten Foreign Language Film bereits verliehen wurde, fragt man sich, warum er überhaupt das Angebot angenommen hat, einen Film in den USA zu drehen. Tatsächlich zierte er sich ein wenig, und das mag in seinen Ansichten von dem von ihm ausdrücklich zumindest irgendwie bewunderten und geliebten Land begründet sein. Eigentlich findet er die Amerikaner nämlich oberflächlich und eh blöde. Und „hier in Deutschland“ (Henckel von Donnersmarck – alle folgenden Zitate, Transkript nach Audio via Rosa Perutz) ist alles viel… „feinsinniger“, „gebildeter“ und „schließlich haben wir etwas, was mir in Amerika täglich fehlt: Wir haben einen Sinn für Hochkultur. Wir haben ein Land, in dem Filmemacher als Autoren gesehen werden, als Urheber von Kunstwerken, die für das Land und für die Welt relevant sein sollen, nicht nur als Dienstleister von Stars.“ Angeblich wollte Angelina Jolie ihn unbedingt als Regisseur haben, die konsequente Handlungsweise wäre also hierzubleiben und einen „Tatort“ für den Bayerischen Rundfunk oder dergleichen Aufregendes zu drehen. Macht er aber nicht, obwohl „wir“ in Deutschland „auf einem viel höheren Niveau irgendwie starten können von ästhetischer Wahrnehmung und undundund intellektuellen Voraussetzungen. … Wir haben, das ist vielleicht sogar das Wichtigste, ja, wir haben die besten Schauspieler“. Aber sicher doch…

Why the von on the envelope? What was she trying to say? Could her use of the von be anything but hostile? A reminder? Of what?
Walter Abish, ebd.

Herr Henckel von Donnersmarck, elaborierter Sprache nahezu so fähig wie sein Neffe irgendeines Grades Dr. Karl-Theodor etc. Freiherr pp. zu Guttenberg, fährt fort:
Aberin Deutschland lesen wir zwar die Bild-Zeitung, aber irgendwie haben wir auch ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie lesen, ja?1 Wir wissen, dass wir bessere Informationen und Meinungen in der FAZ, in der Süddeutschen, im Cicero, im Spiegel bekommen, ja? [Ja?] Wir interessieren uns zwar für Sternchen, ja? Und schauen uns ihre Fotos in der Bunten an. Aber wir nehmen sie letztendlich nicht wirklich wahr [deutsch-selektive Wahrnehmung, kennt man…], niemand, ja? Das ist in Amerika ganz [total, absolut und völlig?] anders.“ (Hervorhebungen J6ON, aus offensichtlichen Gründen) Wie auch immer…

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.“
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Und in Deutschland wird vielleicht auch, ich weiß nicht, der Wixxer in der FAZ besprochen, aber die nachhaltige Prägung durch sozusagen die kulturellen Größen der jeweiligen Zeit, von Goethe bis Thomas Mann [“Kein Künstler tut sein Werk, um den Ruhm seines Landes und Volkes zu mehren. Die Quelle der Produktivität ist das individuelle Gewissen. Ihr Deutsche dürftet mir heute mein Werk nicht danken, auch wenn ihr wolltet, sei es darum. Es wurde nicht um euretwillen sondern aus eigenster Not getan.“], über… ich will keinen Gegenwartsmenschen nennen [Walser? Grass? Lenz? Stuckrad-Barre? Make my day!], aber es gibt sie immer, die kulturellen Größen, ja, hilft uns dabei, das alles, ich finde, richtig einzuordnen. Wir wissen, dass, ich weiß nicht, der Suhrkamp-Verlag [bei dem das „Filmbuch“ zu „Das Leben der Anderen“ erschienen ist] für Deutschland wichtiger ist als das sicherlich über doppelt so große Verlagshaus Lübbe. Das ist ein unglaublicher Wert, an dem wir, finde ich, festhalten sollten, auch wenns manchmal vielleicht ein bisschen snobistisch klingt [nope, nur albern!]. Es hilft uns irgendwie doch, unserm, unserm [und unserm?] Wesen treu zu bleiben.“

Und Nachts als der junge König schlief, mußte seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit den Grundlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: „ach was gruselt mir, was gruselt mir! liebe Frau, ja nun weiß ich was gruseln ist.“ (Märchen von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen)

Update 26.01.11
Ricky Gervais fulfilling my wish :

  1. Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“ (Theodor W. Adorno) [zurück]

Reread 3: „Hope I die before I get old in one of Doris Dörrie’s films…“

Why don’t you all f-fade away?
Pete Townshend

I don‘t know what to do, My head’s in a haze, Just like a heatwave
Brian Holland, Lamont Dozier, Edward Holland, Jr.

Die ZDF-Mini-Serie „Klimawechsel“ soll tatsächlich als „eine Art ‚Sex And the City‘ im Klimakteriumverkauft werden. Jenseits davon, dass „Sex and the City“ nicht gerade sanft mit seinen Protagonistinnen umging… Egal! In „Klimawechsel“ entdecken Doris Dörrie und ihre Darstellerinnen, wie unglaublich witzig es ist, wenn Frauen (as seen by Dörrie et al.) Frauen (dito) mithilfe von Stereotypen und Zoten runtermachen. Darauf hat die „Emanzipation“ (Maren Kroymann) gewartet: Auf diesen neuen, erfrischenden Gedanken, dass Frauen (s.o.), insbesondere solche ‚im fortgeschrittenen Alter’ echt tolle Witzfiguren abgeben. Die Forderung nach Gleichberechtigung (Partizipation am mindestens bürgerlichen Glücksversprechen!) ist an dem Punkt angekommen, an dem Frauen Männer darum beneiden, dass die sich angeblich über ihre Geschlechtsgenossen lustig machen dürfen.
Deswegen find ich so wahnsinnig wichtig, dass wir diesen Humor auch entwickeln. Das ist Teil unserer Emanzipation, dass wir diese Position haben, wie ein Harald Schmidt, wie ein Dieter Hildebrandt, dass wir die Verantwortlichen sind mit unserem Intellekt, mit unserem Humor für das, was Leute machen. Das ist ein Stück Macht.Maren Kroymann
Harald Schmidt1 und Dieter Hildebrand als role models – thank you! Und das Ganze wird darüber hinaus noch als gewagt und mutig dargestellt – mindestens Schmidt, der sich als Tabubrecher (wie alle Deutschen, die mal wieder sagen, was sie so sagen wollen) wähnt, während er doch nur alltägliche Vorurteile (Polenwitze und dergleichen, ja toll – darüber haben die Deutschen sich noch nie getraut zu lachen! Die Koalition gegen die angebliche Vorherrschaft von Political – hierzulande vor allem Historical – Correctness ist in erster Linie entstanden, um einen Opferstatus zu reklamieren.) um jedes billigen Lachers willen repetiert, mag sich darüber freuen, derart ‚aufgewertet’ zu werden. Beide, Schmidt wie Hildebrandt, leiden aber lieber endlich am Vertriebensein, was natürlich auch ungeheuer mutig von ihnen ist.
Wenn Dörrie noch einen Schlesier oder Pommeraner oder wie sie alle heißen unter ihren Vorfahren findet, ist sie endlich angekommen im Gleichsein. Bis dahin muss sie sich in der alten kulturindustriellen Disziplin des Erniedrigens ‚alternder’ Frauen üben, was – die Identitätspolitik will es so – natürlich im öffentlichen Bewusstsein dadurch geadelt und freudig begrüßt wird, dass sie selbst der entsprechenden ‚Gruppe’ angehört. Nochmal egal! Gefilmt wurde ihre Fernseh-Defloration mit … ungeheuer gewagt, avantgardistisch, außergewöhnlich, völlig neu… tadaaa… Achtung! Jetzt kommt’s: Handkamera.

Handarbeit

Was ist der wahrhafte Kern ihrer Figur?
Hannah Pilarczyk für Spon im Interview mit Ulrike Kriener

Bereits die vom dänischen Dogma 95-Manifest geprägten Filme sollten emotionale ‚Echtheit‘ und ‚Authentizität’ vermitteln, zeigten aber bei allen Vorbehalten (!) zumindest häufig die Fähigkeiten begabter Schauspieler, die den, hier nur noch, Gang der Kamera (ähnliches gilt für Filme von John Cassavetes) mitbestimmen konnten. Dass sie am Ende nicht mehr erreichten, liegt auch am grundlegenden Missverständnis der davon beeinflussten Regisseure, dass Dogma eine Gegenbewegung zum Hollywood-Kino gewesen sei. Und schon wieder egal…! Was letztlich bei der Handkamera-Filmerei herausgekommen ist, hat Jan Pehrke schon 2002 beschrieben:
Verwackelte Bilder sowie Unschärfen und Überbelichtungen bei Schwenks sind ihnen untrügliche Zeichen dafür, Authentizität zu vermitteln. So lassen sie zwar einige Zwänge hinter sich, wiederholen aber performativ immer nur den regelverletzenden Akt der Befreiung, statt eine »Erzählung der Freiheit« zu präsentieren – woraus sollte sich heutzutage auch schon ein »wahrhaftiger« Diskurs der Freiheit speisen?“ Und „Deshalb zerfällt ihnen auch die Welt. Sie ist in chaotisch umhertreibende Atome aufgelöst und bevölkert von Kindsköpfen, Psychotikern und/oder multiplen Persönlichkeiten. Psychologen würden bei den ständig zwischen Zurückgenommenheit und Megalomanie schwankenden Regisseuren vermutlich eine narzißtische Charakterstörung diagnostizieren, die sie darin hindert, solide Objektbeziehungen aufzubauen und die Welt filmisch in Augenschein zu nehmen.“ Jan Pehrke – Im Arsch der Dinge, Konkret 02/02
Hollywood ist mal wieder weiter, dort ist die Handkamera seitdem und trotzdem seit langem nur noch ein special effect, ergo Freiheit und nicht wie von den Dänen gefordert Selbstbeschränkung, unter anderen (© by AdG), was sie zuvor schon einmal war, nur weniger mit Assoziationen aufgeladen.

Female Perversions

Die Darstellung der hysterischen, verzweifelten, tragischen, frustrierten, lächerlichen, (u.a. sich selbst) hassenden und hassenswerten, grotesken und gefährlichen Frauen jenseits der Wasauchimmer bot im sie vorwiegend denunzierenden Kino meist Raum für herausragende schauspielerische Leistungen: Elizabeth Taylor in „Who’s Afraid of Virginia Woolf“, Bette Davis z.B. in „All About Eve“ und „Whatever Happened to Baby Jane“, Katherine Hepburn z.B. in „African Queen“ und „Suddenly, Last Summer“, Anna Magnani in z.B. „Bellissima“ und „The Rose Tattoo“. Überhaupt: Tennessee Williams (ein guter Dramatiker/ Drehbuchautor ist etwas wirklich Wunderbares!) – herausfordernde Rollen für Frauen in ‚einem gewissen Alter’ ohne Ende, oft grausam aber immer facettenreich: Vivien Leigh in „The Roman Spring of Mrs Stone“ und „A Streetcar Named Desire“, Deborah Kerr und Ava Gardner in „The Night of the Iguana“. Hollywood!
In „Klimawechsel“ gibt es nichts! Die Figurennamen (Beate Busch, „TV-Star“ (Spon) Ulrike Kriener, die sich im hier tatsächlich perfiden close up aufs Gesicht ein graues Schamhaar auszupft – sehr originell!) sind ähnlich subtil wie die Martin Walsers und die Darstellerinnen agieren ebenso unbeholfen und schauspielerisch unbedarft, wie sie es auch bei vorgegebenen Kameraeinstellungen tun. Die Witzigkeit erschöpft sich darin, ein populärwissenschaftliches Standardwerk zum Thema Klimakterium aufgeregt zu illustrieren: Hitzewallungen, Gewichtszunahme, Libidoverlust respektive – verlagerung, zickig, grantig, hässlich, verblödet, verblendet, Hitzewallungen, Hitzewallungen, Hitzewallungen etc. etc. etc. Mehrdeutigkeiten, Facetten und dergleichen? Nope! Es lohnt sich nicht, zu den Charakter-Untiefen des Personals vorzudringen, die sind allzu vorhersehbar.
„Klimawechsel“ ist im Endeffekt „Feuchtgebiete“ in den Wechseljahren und das dann auch noch, ohne Lust an irgendetwas zumindest proklamieren zu wollen, vielleicht Mitleid (und eine Vorahnung von Andreas Dresens „Wolke 9″)… was es endgültig unerträglich macht.

Und so wurde von Magnus Klaue bereits alles zum Thema und darüber hinaus geschrieben.

Zitatsammlung Magnus Klaue – Alles häßlich, alles porno, Konkret 11/09:

Die deutsche Antwort, die nicht allein von Deutschen vertreten wird, hierzulande aber besonders populär ist, plädiert im Gegenteil dafür, möglichst viele Menschen mit dem Dreck zu bewerfen, in dem man selber steckt, weil erst die kollektive Besudelung jenes aggressive Wärmegefühl erzeugt, in dem der Volkskörper sich als Kollektivsubjekt erfährt.“
„[V]ulgärfeministische[…] Bekenntnisliteratur der siebziger Jahre.“
„[E]ine[…] zum Tabubruch umkodierte[…] Bejahung weiblicher ‚Natürlichkeit’ und ‚Authentizität’“
Orchestriert wird die Aufwertung brachial-ungekünstelter Roheit durch einen Hype um TV-Sendungen, die Asozialität und Abgewracktheit als normbildend im Sinne einer Gesellschaft behaupten, welche sich zunehmend weigert, die vom Individuum zu leistende Versagung durch Gegenbilder sinnlicher Erfüllung zu kompensieren. Deren schöner Schein nämlich könnte die Realität womöglich nicht nur ideologisch überstrahlen, sondern auch ihre Ödnis hervortreten lassen und wird daher inzwischen nicht einmal mehr als Illusion geduldet.
Die Sexszenen in solchen Filmen [Dardenne et al.], die jede Spur von somatischer Glückserfahrung tilgen, inszenieren ‚authentische’ Sexualität, in Abgrenzung gegen deren vermeintliche Beschönigung im Mainstream-Film, emphatisch als brutal, blindwütig und sprachlos.“
Die kritisch gemeinte ‚Politisierung’ des Privaten, die durch rohe Evokation körperlichen Elends die kollektive Nestwärme steigern soll, indem sie an die habitualisierte Brutalität als letztes verbindendes Moment der herabgesunkenen Menschengemeinschaft appelliert, nimmt der Intimsphäre als Ort rudimentärer Autonomie jede Würde und führt die degradierten Figuren nur noch einmal als das vor, was sie vorgeblich ohne sind.“
Indem sie hervorkehren, was im US-amerikanischen Konfektionsfilm angeblich verdrängt wird – die häßliche Authentizität nackten gesellschaftlichen Lebens –, kassieren solche Filme die Differenz zwischen trister Realität und schönem Schein, die gerade in Hollywood-Melodramen mitunter für eine Rührung sorgt, welche den Zuschauer nicht einfach nur dumm macht, sondern an die Dumpfheit seines eigenen Daseins erinnert. Was hier auf noch ungleich höherem Niveau anklingt – die Annullierung der Autonomie schönen Scheins im Namen eines anthropologisch begründeten ‚Realismus’ –, wird im TV-Prolentenformat täglich vollzogen, wo ein Begriff von Authentizität vorherrscht, dem die zivilisatorischen Sicherungen nichts als Ballast sind, dessen sich der häßliche Normalo volkstümlich-aggressiv vor laufender Kamera zu entledigen hat. Adornos Sentenz, die Menschen hätten heutzutage durchweg nicht zu viele, sondern zu wenige Hemmungen, wird im medialen Wettbewerb um freiwillige Regression gewissermaßen zum Gestaltungsprinzip.
Inthronisiert [beispielsweise durch Nachmittags-Talkshows] wird der erfahrungs- und reflexionslose Reflex als letztes Residuum authentischen Gefühls. Wer derlei verabscheut, gilt als Relikt einer anachronistischen Geschmackskultur.“
Eine solche Avantgarde bringt jeden, der zum eigenen Unrat größere Instanz wahrt als Charlotte Roche, down to earth, wo es bekanntlich umkomplizierter zugeht als unter anspruchsvollen Individuen mit Hoffnung auf ein besseres Leben.

I‘d rather die in a Hollywood tragedy than get old in a Doris Dörrie comedy:

  1. Later: Clemens Heni über Harald Schmidts Konsens-Witze, „[e]s ist eine völlig absurde, perfide und dümmliche Anspielung auf die Vernichtung der Juden durch die Vorfahren von Harald Schmidt und den Deutschen…“ [zurück]

„Never Say Never Again“: NDR-Kulturvolkjournal revisited

Für KdM

Was für (ha!) lustige Ideen das Kulturjournal in Zukunft zu bieten hat, kann nicht mehr dokumentiert werden. Der Erhalt der zumindest noch rudimentär vorhandenen Denkfähigkeit der Dokumentierenden ist ihr einfach zu wichtig, und zu oft den eigenen (!) Kopf gegen die Wand hauen, damit’s nicht mehr ganz so weh tut, ist dem nicht gerade förderlich!“ (J6ON – Hohl, hohler, deutsches Kulturmagazin, update vom 12.2.10)

Mal sehen, ob die süßen kleinen Hoppelhasen uns den Oscar einspielen. Das wär’ doch mal was. Denn sonst kommen wir Deutschen ja immer nur weiter, wenn wir die Bösen sind. Warum werden wir in Hollywood immer nur als Schurken eingesetzt? Die zwingende Frage heute in unserer Rubrik „Keine Angst vor Kultur“, die heute eher heißen muss „Keine Angst vor uns“.“ (Anmoderation: Julia Westlake, NDR-Kulturjournal vom 1.3.10)

Ja, bloß „keine Angst“ vor „uns“, „wir“ beißen nicht, „wir“ wollen nur spielen! Aber bitte, bitte keine Angst zeigen oder die Hände hochreißen oder gar weglaufen oder allzu direkt in die Augen sehen, keine Stöckchen werfen, nicht mit Kindern oder kleineren Hunden oder Katzen konfrontieren, nicht bei Tisch füttern, streicheln, im Bett schlafen lassen. Alles verboten, denn das könnte es nervös machen und dann kann „man“ nichts dafür, wenn’s doch beißt. So, selbst schuld!
Die Reinkarnation des KZ-Wächters deutschen Schäferhunds ist dann aber ganz sicher ein „süßer kleiner Hoppelhase“:

Jenseits davon, dass das alles Kaninchen sind, wissen „wir“ nun endlich, warum „das eine Volk“ (Heidegger) schon immer so bösartig war, weil man nämlich als Deutscher sonst nicht „weiterkommt“. Soviel zur Einleitung vom „strahlenden, blonden Lockenkopf“ (Kulturjournal, Wir über uns).
Im eigentlichen Beitrag wird’s noch niedlicher: „Die Deutschen haben schon lange ein schlechtes Image. Schon seit der Antike, spätestens seit der Hermannsschlacht. [Einblendung, hihi!, Eva Herman: „Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.“ Wo sie Recht hat…! Vgl. mal wieder Gerhard Scheit – Die Meister der Krise] Wenn es im 19. Jahrhundert richtig schaurig sein sollte, dann: Schauplatz Deutschland, so wie im Roman Frankenstein.“ Dass der „Schauplatz Deutschland“ bei der späteren Mrs Wollstonecraft Shelley im langen Roman nur vergleichsweise kurz eine Rolle spielt, geschenkt. Wichtig war er vielleicht und auch das ebenfalls nur kurz für Bram Stoker (vgl. Judith Halberstam – Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters), sonst verteilen sich die Handlungsorte der Schauerromane und -erzählungen des 18. und 19. Jahrhunderts wild über ganz Europa (mindestens), ohne besondere Bevorzugung der deutschen Landschaft (vgl. Ann Radcliffe, William Wilkie Collins, Joseph Sheridan LeFanu, Charles R. Maturin, Horace Walpole, Matthew G. Lewis, Robert L. Stevenson, William Polidori, Prosper Mérimée, Théophile Gautier, Nikolai Gogol etc. etc. etc.). Schon blöd, wenn die Weltliteraten nicht mal genug Vorurteile gegens Deutsche gehabt haben.
Außerdem wird mitgeteilt, dass „[i]m ersten Weltkrieg US-Propagandafilme das Bild vom bösen Deutschen unters Volk [brachten]. Unser Kaiser bekam es richtig ab“. Bei „Kaiser“ wird kurz, wie originell, Franz Beckenbauer eingeblendet – da legst di nieder. Und willst auch gar nicht mehr aufstehen. Bis Charlie Chaplin auftaucht, der einen Kaiser-Darsteller mit einem überdimensionierten Hammer niederstreckt. Zweiundneunzig Jahre aber nachdem Wilhelm II feierlich erklärte: „Ich verzichte […] für alle [!] Zukunft auf die Rechte an der Krone Preussens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone“, soll er also wieder „unser Kaiser“ sein. Nun denn. Und ganz gewiss tragen die US-Propaganda-Amerikaner die Schuld am Bild vom bösen Deutschen; er selbst war schließlich von 1914 – 1918 als süßes feldgraues „Hoppelhäschen“ unterwegs, um die Welt mit Freude und Liebe zu beglücken. (Zum Link vgl. auch Steven Sailers Artikel auf Taki’s Magazine s.u.; es ist nicht alles, was es zu sein scheint!)
Wenn die Deutschen jedoch Deutsche Schurken spielen lassen, ist das geradezu genialisch: „Nach dem ersten Weltkrieg ging’s den Deutschen dreckig [wie relativ(!) undreckig es im Lande zuging, in dem der Krieg nicht einmal stattgefunden hatte, siehe z.B. Jan Gerber, Anja Worm, Hg. – Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland]. Aber wenn’s einem dreckig geht, hat man oft die besten Ideen [Einblendung… na? Ja, wieder sehr originell: Wickie, der kleine, sehr niedliche und vor allem hoffnungslos überlegene nordische Typus-Vertreter]. Im deutschen Film hieß die Expressionismus. „Das Kabinett des Dr Caligari“ gilt als erster künstlerischer Horrorfilm.“ Wenn es den Deutschen dreckig geht, erfinden sie epochale Kunst und weil das die ganze Welt schätzt, muss dann notwendigerweise ein Künstler (oder was sie darunter verstehen, ein Postkartenmaler also) ihr Führer werden. Alle sind schuld, nur die Deutschen nicht, und zwar niemals! Hitler war dann logischerweise auch nur „der nächste Horrorexport aus Deutschland“ (Einblendung: Derrick, Hitler, eine „Tarantula“?-Variante in Farbe).
Laut Kulturjournal ging die ‚Propaganda-Zentrale‘ Hollywood mit den Juden und dem, was man hierzulande so als ‚Ausländer‘ bezeichnet viel schlechter um als die Deutschen. Nicht einmal Heldenrollen wollte man „Immigranten“ dort spielen lassen, weswegen der großartige (aus Österreich stammende, wie das Kulturvolkjournal nicht müde wird zu betonen, sind die böseren Deutschen seit jeher die Österreicher1) Erich von Stroheim („The man you love to hate“ – vom Kulturjournal untermalt mit Edward Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ aus „Peer Gynt“ – why?), den es bereits 1909 in die USA gezogen hatte, sich als „teutonischer Teufel und Kinderausdemfensterwerfer“ verdingen musste. Dass er amerikanische Film-Studios mit seinen wegweisenden Regie-Arbeiten nahezu ruinieren durfte, wird mal eben so unterschlagen.

Die Praxis behielt man über die Jahrzehnte bei: „Deutschsprachige Schauspieler, die meisten von ihnen Juden, flohen [vor den Deutschen] nach Hollywood und spielten … [sagt das Kulturjournal] Hitler.“ Unter anderem: Ja, und wie sie ihn dort spielen durften, mag ein kleiner Triumph gewesen sein.
Den ebenfalls großartigen, gerne auch Hollywood-Bösewichtdarsteller Peter Lorre jedoch ignoriert man so nebenbei, womöglich weil er auch Heldenrollen spielen durfte? Aber da man in den USA alles ans Deutsche gemahnende in den üblen Weltkriegspropaganda-Filmen ja hassen gelernt hatte, vergab man die heldenhaften Rollen nicht an das entsprechende Personal… außer vielleicht noch an Marlene „Deutschland? Nie wieder!“ Dietrich, die hierzulande dafür bespuckt wurde.

Oder z.B. an den in Österreich geborenen Paul Henreid (Paul Georg Julius Freiherr von Hernreid Ritter von Wassel-Waldingau), noch heldenhafter als Humphrey Bogart in „Casablanca“ war nur er als Victor Laszlo oder z.B. die in Wien geborene Hedy Lamarr (Hedwig Eva Maria Kiesler), der die damals ultimative Heldinnenrolle im selben Film angetragen wurde, die sie aber ablehnte etc. etc. etc. pp. pp.
Umso schockierender ist es dann wohl, dass auch im Nachkrieg die Deutschen weiterhin (so will es das Kulturjournal) die Bösen spielen sollten, wo sie doch unter Hitler und den Nazis gelitten hatten wie kein zweites Volk auf der Welt: „Auch im kalten Krieg hatten die Teutonen zu tun und spielten haufenweise [? 3, in Worten: drei] Bond-Bösewichte. Der Größte: Gerd Fröbe aus Zwickau. Curd Jürgens kam auch noch zum Schuss. Aber bald wurden wir zu Aushilfsschurken degradiert. Deutschland war außenpolitisch einfach zu nett geworden.“ Das Kulturjournal vergisst, (den in der zum Zeitpunkt deutschen Steiermark geborenenen) Klaus Maria Brandauer (aka Hendrik Höfgen, Gustav Gründgens, Eric Jan Hanussen, Georg Elser, Hans Blixen und Oberst Redl) zu erwähnen, der in „Never Say Never Again“ den Bösen gab: „Crazy? Yeah… maybe I‘m crazy.“
Wenn man als Deutscher nicht mal mehr Bösewicht-Rollen bekommt, weil einen die internationalen Filmemacher für „zu nett“ und man sich selbst für zu „langweilig“ hält, ist es womöglich an der Zeit… Ja!
Dafür wagten sich die die Deutschen erst jetzt selbst an die dicken Dinger [! Einblendung: Corny Littmann under DD-attack] ihrer Geschichte. [Einblendung: Bruno Ganz im Untergang] Hitler ist bei den Oscars 2005 zwar untergegangen, aber der große Lauschangriff hat es dann geschafft. In diesem Jahr kämpfen die deutschen Schurken gleich zweimal um den Oscar: Das weiße Band zeigt uns so autoritär, wie die anderen uns immer schon gerne hatten. Und der geniale Herr Waltz [Einblendung: Walz, der Friseur] … nee, Christoph Waltz spielt den Nazi-Schurken in Inglourious Basterds so weltgewandt, wie wir immer schon sein wollten. Übrigens, Waltz ist natürlich Österreicher.
Ja klar, „die Anderen“ haben „uns“ gerne autoritär, der letzte offizielle Ausbruch deutscher Autorität kostete die Welt ja auch gerade mal alles in allem ca. 52 Millionen Menschenleben (inklusive „Deutscher Opfer“), und im Untergang gibt’s nur deutsche Schurken zu sehen – so brutal gehen „wir“ mit „uns“ selbst ins Gericht. Nur der Riefenstahl-Fan Quentin Tarantino versteht uns wirklich. Den Deutschen gefällt „Inglourious Basterds“ nicht nur, sie lieben den Film (mehr sogar noch als alle Winnetou-Adaptionen, die auf den Werken des deutschen Vorfühlers Karl May basieren), wie Moritz Bleibtreu kürzlich eindrucksvoll bestätigte: „Bestimmt wird es Kritiker geben, die aufschreien: ‚Wie könnt ihr das wagen?‘“, sagt Bleibtreu. „Denen erwidere ich: ‚Wieso nicht? Was ist daran schlimm?‘ Wir haben mittlerweile das Recht, mit diesen Figuren zu spielen. Sie haben uns lange genug belastet. Tarantino erlauben wir fast alles, und der hat nichts mit der deutschen Geschichte zu tun. Wir müssen uns das jetzt auch trauen.„“ (Das Verführerprinzip, Spiegel online)2
Steven Sailer hat für Taki’s Magazine eine provokative Rezension zu „Inglourious Basterds“ geschrieben, die man ernsthaft diskutieren sollte und deren Schlussfolgerung lautet: „Apparently, the director is one of the very few people in the world who rather identifies with the repulsive Goebbels. […] Tarantino is a smart guy; thus, all this is no doubt intentional. Perhaps Tarantino just wants to show that he’s so cool that he can get away with the ultimate transgression.
Wenn sich Deutsche Recht habend, irgendetwas zu tun wähnen und mal wieder ihre eigene(n) Geschichte(n) in die eigenen Hände nehmen wollen, weiß man aus Erfahrung, dass es nur unangenehm werden kann.
Keine Angst vor uns“?
Sie wollen Kultur für möglichst viele in Norddeutschland zugänglich machen, nicht nur für den Kenner, sondern gerade auch für den interessierten Laien. Jede Woche ein Spagat. Aber auch eine Chance, nicht nur über Theater und Oper zu berichten, sondern breiter zu denken. […] Alltagskultur, Mode, Gesellschaft, kulturelle Kuriositäten, Glossen, interessante Ausstellungen, aktuelle Buch- und CD-Erscheinungen, Kinofilme, Ikonen – all das findet in der Sendung statt.“ (Kulturjournal, Wir über uns)
Geht klar!

  1. Later: Einen kleinen Unterschied gibt es natürlich doch: Die Österreicher waren alle Opfer der Deutschen, während die Deutschen alle Opfer eines Österreichers waren – or so the saying goes! Und wo bleibt überhaupt der Glühbirnenwitz? Zum Thema Österreicher, Deutsche, Schurken, Hollywood sollte sich doch was im NDR-Schenkelklopfer-Fundus aufspüren lassen! [zurück]
  2. Later: Vgl. auch Peter Ehlent – Bowling for Hitler. Über Tarantinos Film Inglourious Basterds und seine deutschen Fans (Prodomo 12, November 2009, online) [zurück]

Update 11.3.10: Die Folge „Keine Angst – Scheibe erklärt den Blues“ vom 8.3. ist so hohl, dass es rein gar nichts dazu zu sagen gibt!