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‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

„Aber diese Sendung ist ja weit davon entfernt, billige Banker-Klischees zu bedienen.“

Dass das mit den Vampiren und dergleichen doch überhaupt nicht auf die Juden gemünzt sei, wird von den Apologeten einschlägiger Bebilderungen permanent repetiert. Wie aber bereits am Beispiel der Occupy-Bewegung (die eigentlich überhaupt keinen Vorwurf mehr von sich weisen dürfte, weil sie eben 99% zu repräsentieren bzw. zu sein behauptet) wiederholt nachgewiesen wurde, wird selbst der Hinweis darauf, dass die Stereotype, mit denen man seine Empörung über das „raffende Kapital“ illustriert, von erklärten oder unverkennbaren Antisemiten (z.B. Joseph Sheridan LeFanu – Carmilla oder z.B. Adolf Hitler – Mein Kampf, S. 337ff) geschaffen und verbreitet wurden und seither kontinuierlich das „Gerücht über den Juden“ (Adorno) befördern, oft als Lappalie abgetan.
Immunisierungsstrategien können allerdings auch als ha! witzige Distanzierung daherkommen, die sich jedoch regelmäßig in der Pointe auflöst, wie vor kurzem im ZDF.
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„The Jews are seen as sapping the host nation of its vital energy. They are, in Drumont’s words ‚like an evil bird that occupies the nest that others have built.’ Because of their ability to adapt to most societies and yet remain unchanged, the Jews are seen as possessing symbolic immortality obtained at the detriment of other nations. Comparisons of Jews with parasites, including blood sucking parasites such as leeches, lice, bed bugs etc. were common. Karl Lueger, the mayor of Vienna from 1897 to 1910, a man Hitler called ”an inspiration”, referred to the Jews as ‚Blutsauger’ – a word meaning ‚bloodsucker’ or ‚vampire’.“ Peter Dan – How Vampires became Jewish

„Dieser Herr, der so eindeutig in faschistischer Tradition steht, daß es schwer zu begreifen ist, wie seine Bücher bis in „alternative“ Kreise hinein beliebte Lektüre sein können, nennt sich van Helsing, weil er sich als Vampirjäger sehen will, gleich jenem van Helsing in dem Roman „Dracula“ von Bram Stoker. Tatsächlich heißt er – wie sich inzwischen herausgestellt hat – Jan Udo Holey.
{…} Wer sind nun die „Vampire“, die van Helsing bekämpft? ‚Menschen, die das Leben nicht bereichern, sondern Leben nehmen und auf Kosten anderer Menschen existieren, auch energetisch’. („Geheimgesellschaften, 2. Band – Interview mit Jan van Helsing“, S. 40) Das Buch, so heißt es in der Vorrede zum 1. Band, erkläre das Elend der Welt – und warum der Reichtum sich in den Händen weniger befinde. So etwa stellt sich das Weltbild des Jan van Helsing dar: Allgegenwärtige Feinde sind Freimaurer, Juden und wiederum Juden.“ Jens-Uwe Riess – Karma, Ufos und Antisemitismus. Antisemitische Verschwörungslegenden in der esoterischen Szene (analyse & kritik Nr. 394, 19.9.1996)
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Transcript: ZDF Heute-Show vom 9.12.2011, „Nachts vor der Ratingagentur“, Oliver Welke und Christine Prayon

Welke: „Warum macht diese Rating-Agentur sowas? Oder sind die einfach doch nur die Überbringer der schlechten Nachrichten. Ich meine, die sind ja nicht einfach böse. Vor der Deutschland-Zentrale von Standard & Poor’s steht jetzt die Kollegin Birte Schneider. Birte, äh, ist das wirklich Frankfurt?“
Prayon: „Ja klar, das ist eine kleine Nebenstraße im Frankfurter Bankenviertel*. Um die Ecke ist die Deutsche Bank.“


Heute-Show, Screenshoot
* Kaum eine der antisemitischen Verschwörungstheorien um beispielsweise „die Rothschilds“ kommt ohne Verweis auf die Judengasse in Frankfurt aus.

Welke: „Aha.“
Off: Wolfsgeheul
Welke: „Wer war das denn?“
Prayon: „Och, das ist so’n Investement-Banker. Der läuft mir schon den ganzen Tag hinterher. Will mir italienische Staatsanleihen verkaufen.“
Welke: „Gut, aber diese Sendung ist ja weit davon entfernt, billige Banker-Klischees zu bedienen. Reden wir lieber über Standard & Poor’s. Warum drohen die der Euro-Zone drei Tage vor diesem Brüsseler Gipfel mit Runterstufung? Hätten die nicht mal die Ergebnisse abwarten können?“
Prayon: „Ergebnisse abwarten? Welke! Süß! Kennen sie nicht das alte Rating-Sprichwort: Du musst die Leiche runterstufen, so lange sie noch warm ist.“
Welke: „Tja, aber warum? Warum machen die das?“
Prayon: „Warum? Warum reißt der Eisbär das wehrlose Robbenbaby? Ha, warum? Weil er’s kann. Und weil’s verdammt nochmal geil ist. Spüren, wie das Leben aus deinem Opfer herausfließt und dir warm über’s Kinn läuft.“


Antisemitische Darstellung, Demonstration in Bremen gegen den Stopp der Mavi Mamara, Reflexion

Welke: „Birte, diese Umgebung tut Ihnen irgendwie nicht gut, finde ich. Was war das denn jetzt hinter ihnen?“


Heute-Show, Screenshoot

Prayon: „Ach, das ist der Standard & Poor’s-Vorstand, der fliegt zum Meeting nach New York.“
Welke: „Ja, wie gesagt, keine Klischees, aber nur nochmal zum Verständnis: Diese Agenturen erstellen doch einfach nur Gutachten für Investoren?“
Prayon: „Ja genau, und der Weihnachtsmann ist ganz doll in den Osterhasen verliebt. Mann, wachen Sie auf, Welke! Die großen Rating-Agenturen gehören indirekt den Hedge Fonds, die wiederum einen Arsch voll Geld verdienen, wenn dank Rating-Agentur kurz vor dem Euro-Gipfel Panik ausbricht. Ein absolut teuflischer Plan.{Entsprechendes Gelächter} Tschuldigung.“
Welke: „Wenn das so ist, kann man diese Rating-Idioten nicht einfach ignorieren?“
Prayon: „Dat is’ ja ne tolle Idee. {Off: Wolfsgeheul} Sehnse, da lacht sogar mein Investment-Banker.“


Heute-Show, Screenshoot

Prayon: „Oh, der Pressesprecher von Standard & Poor’s. Tschuldigung, aber den muss ich jetzt echt interviewen.“


Heute-Show, Screenshoot

Welke: „Viel Erfolg! Birte Schneider, meine Damen und Herren.“
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Recommended reading
Judith Halberstam – Skins Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters, S. 86ff
Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic
Allan Nadler – Imaginary vampires, imagined Jews. The practice of depicting Jews as drinkers of blood has been common for centuries.
Richard S. Levy – Antisemitism: a historical encyclopedia of prejudice and persecution, Band 1, S. 188ff
Joel Kotek – Cartoons and Extremism. Israel and the Jews in Arab and Western Media

„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde

Wo [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen [!] denn doch noch gegen sie steht.“
Theodor W. Adorno – „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364

Si j‘aurais su j‘aurais pas venu.“
Petit Gibus, La guerre des boutons

Lars von Trier hat sich bei allen entschuldigt, seine Entschuldigungen wieder zurückgenommen („I can‘t be sorry for what I said. It’s against my nature.“ + „All apologies to me are nonsense.“), weil er es ja doch nicht so sondern dänisch gemeint habe und durfte sich vor einigen Tagen in Interviews beispielsweise mit der FAZ und dem Tip ausführlich als hilfloses Opfer von Zensur, Depressionen, Identitätskrisen und Angststörungen ausstellen. Erneut wurde ihm unisono konstatiert, er sei gar kein Nazi. Und erneut wurden diejenigen Passagen seiner Cannes-Jeremiade ignoriert, in denen sein Neid und seine Missgunst die vorgebliche Ironie seiner Aussagen immer wieder zusammenbrechen ließen. Lars von Trier hat sich bei allen öffentlich entschuldigt außer bei Susanne Bier. Um Bier herum allerdings hatte er sein Wahngebäude aufgebaut, redete von der seiner Meinung nach ungerechten Bevorzugung der Regisseurin, ließ implizit keinen anderen Schluss zu, als dass diese darin gründe, dass sie Jüdin sei, betonte, er habe natürlich und seiner Natur gemäß nichts gegen Juden und zog dann sofort wie alle, die nichts gegen Juden haben, über Israel her.
Lars von Trier hat sich auch bei den Deutschen entschuldigt: „I‘ve also offended Germans, when instead of saying ‚German‘ I used the word ‚Nazi,‘ as though every German is a Nazi.“ (Haaretz.com) Was ebenso relativierend gemeint wie überflüssig war. In Deutschland übte man sich wohlweislich im Ignorieren der entsprechenden Sätze. Sei es, weil man sie ob der Begeisterung, dass zum wiederholten Male ein Künstler von Weltrang sein Genie ganz zwanglos mit antisemitischen Äußerungen zu beweisen hatte, einfach überhörte oder weil man sich durch Nachsicht abermals als das bessere Opfer darstellen konnte.

Remember that guy who said he understood Adolf Hitler and sympathized with him? Lars Von Trier? […] Now, fast forward through a hundred apologies later, and we have him announcing his withdrawal from interviews and any sort of public speaking from this point onward. Apparently he was questioned by Danish police, and that was all he needed to convince himself of what we‘ve all known since the debacle — the man needs to shut the hell up!
Perez Hilton – Lars von Trier swears off public speaking

Während ein Großteil der angloamerikanischen Presse sich Anspielungen auf den „Vow of Chastity“ des dänischen Dogma 95 nicht entgehen ließ und betonte, dass Lars von Trier „now vows silence“ (oder auch: „Lars von Trier vows never to vow again“, LA Times) galten deutschen Journalisten die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Lars von Trier als Maulkorb, Zensur oder repressive Political Correctness. Ob der nicht näher bezeichnete Gesetzesartikel (wahrscheinlich: Article 48-2; créé par Loi n°90-615 du 13 juillet 1990 – art. 13 JORF 14 juillet 1990), der zu seiner Befragung durch die dänische Polizei führte, in diesem Fall anzuwenden ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden, auch nicht, ob derartige Gesetze sinnvoll sind oder doch nicht nur noch mehr Opferdarsteller generieren. Letztere Chance ließ sich von Trier erwartungsgemäß nicht entgehen und teilte mit, dass „{t}oday at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations, I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally, and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews.“ Die Ähnlichkeiten mit Martin Walsers Rechtfertigungsversuchen nach seiner Paulskirchenrede sind unübersehbar. Nicht mehr an seinen Reden, eine Form, die er als Schriftsteller nunmal nicht wirklich beherrsche, sondern an seinen literarischen Erzeugnissen wollte er fortan gemessen werden. Woraufhin sich Matthias N. Lorenz aufmachte und systematisch und minutiös die antisemitischen Passagen in Walsers Romanen nachwies („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“). Eine umfassende Analyse der von Trierschen Filme in diesem Sinne steht noch aus. Bis dato gibt es nur wenige einschlägige Artikel (vgl. zum Beispiel: Felix Hedderich – Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret).


John Everett Millais – Ophelia, Detail


Kirsten Dunst in Lars von Triers „Melancholia“, screenshot

Wer von Trier nicht bloß als angenehm verwirrtes Genie oder mutigen Rebell gegen Sprachkonventionen bezeichnen mochte, wagte anzudeuten, es könnte sich bei der Pressekonferenz um einen inszenierten Eklat ausschließlich aus Gründen der Promotion für dessen letztes Werk „Melancholia“ handeln. Und natürlich ist von Trier bekannt dafür, seine Werbemaßnahmen als provokativ auszustellen. Üblicherweise folgt die Presse seiner Einschätzung, obwohl es sich meist um recht harmlose Effekthaschereien handelt. Aus verschwörungstheoretischer Sicht böten sich Anlässe genug, das alles (Pressekonferenz, Befragung durch die Polizei und Schweigegelübde) für einen reinen Marketing-Coup (oder womöglich eine intendierte ‚Hinrichtung’ des Künstlers) zu halten, die Bezüge zum Film sind mannigfaltig und lassen sich bis zu obskuren Details zurückverfolgen: zum wiederholten Male evoziert von Trier das Ophelia-Motiv aus Shakespeares „Hamlet“ (Des Dänenprinzen letzte Worte lauten: „The rest is silence.“) oder eben Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, während der Feierlichkeiten steigt eine Himmelslaterne auf, die grob mit Herzen, Glückwünschen und gut sichtbar einem Davidstern verziert wurde, und verbrennt in einer Einstellung, in der nächsten bleibt sie unversehrt. Sympathische Charaktere werden im Film dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder Rituale ridikülisieren, ignorieren oder nicht über Kenntnisse gesellschaftlicher Konventionen verfügen und so z.B. während der Hochzeitsfeierlichkeiten peinliche Momente in Serie produzieren etc. pp. Den Kausalkettenverdrehern jedoch sei hiermit ein für alle Mal gesagt, dass auch von Triers, ob er es hören will oder nicht, Autoren-Filme und seine Äußerungen nunmal einer Quelle entspringen, und die ist sein Kopf!
Zum mittlerweile und nicht überraschend hochgelobten „Melancholia“ bliebe ebenfalls nur Schweigen, wäre es nicht ein so misslungener Film. Die wenigen, die tatsächlich ernstzunehmende Kritik an von Triers Ausfällen übten, tendierten dazu, sein Œuvre in Gänze zu verdammen und ihn zu einem unbegabten Filmemacher zu erklären. Das ist er nicht. „Breaking the Waves“ beispielsweise ist wenigstens Kino, zu diskutierendes, zu problematisierendes, unbedingt vor allem hinsichtlich seiner Ideologie zu kritisierendes Kino – aber im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen europäischen Produktionen eben doch Kino. Entgegen der vor allem in Deutschland aufgrund der ganz offensichtlich mangelnden Fähigkeiten vertretenen Meinung bedeutet Kino nicht, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Gutes Kino – und der Begriff ist eigentlich zu bieder, um dem, was Kino kann, gerecht zu werden – schafft Paralleluniversen. Statt dieses Versprechen umzusetzen, lässt von Trier einen Planeten auf der Erde einschlagen und bebildert sie zuvor derart, dass man ihre vollkommene Zerstörung nicht einmal bereuen kann. Andererseits ist es unmöglich, mit Justine (!, Kirsten Dunst) zum ersten Mal im Film ehrlich zu lächeln, außer wegen der Tatsache, dass der Film nun endlich vorbei ist. „Melancholia“ ist der platt illustrierte und filmisch mangelhaft umgesetzte Endpunkt einer Entwicklung im Werk des Regisseurs, die den Tod nicht mehr als tragischen und zu bedauernden Ausweg aus unerträglichen Zuständen darstellt sondern als von allen Eingeweihten erwünscht und wünschenswert. Der Tod ist nicht mehr individuelle Katastrophe, sondern nimmt jenseits aller individuellen Einwände gegen ihn in einem Erlösung versprechenden Moment alle mit sich – buchstäblich alle. Erst im Untergang der Menschheit greift von Trier wieder auf die makellosen Bilder zurück (von denen einige erkennbar an die Gemälde der Präraffaeliten angelehnt sind oder in dann doch interessanter Rückführung an Gregory Crewdsons ‚mock film stills‘), die er bereits vor dem Vorspann (bezeichnend: Der Titel wurde offenbar mithilfe ‚nichtverträglicher Materialien’ – z.B. Wasserfarbe auf Wachskreide oder Acrylharz auf Ölfarbe – hergestellt) ausführlich wie viktorianische Kapitelüberschriften oder fernsehserientypisch als Ausblick auf kommende Folgen gezeigt hat. Dazwischen gibt es Dogma pur (inklusive der erforderlichen Regelbrüche): Jump Cuts, Reißschwenks, ruckelnde, zappelnde und wackelnde Handkameraführung, das Elend der Welt aus nächster Nähe, unbeholfener Sex u.a. als Authentifizierungsstrategie usw. In den zwei Kapiteln dieser unübersehbaren „Festen“-Reprise – Justine: sepia/ Claire (Charlotte Gainsbourg): blaugrau – werden wieder Frauen zu Opfern oder opfern sich auf. Die unvermeidliche Unschuldsfigur wird diesmal allerdings von einem Mann (bei Trier eher unüblich, aber an Vinterbergs Film erinnernd) gegeben, dem Gatten, der Justine einen Apfelgarten („Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der zum Katholizismus konvertierte von Trier bemüht ausgerechnet Martin Luther.) schenken möchte, den sie als Depressive und in der Werbeindustrie Verdorbene jedoch nicht zu schätzen weiß; als sie das kleine Bildchen, das er ihr hoffnungsfroh überreicht hat, einfach liegen lässt, ist die Ehe bereits am Hochzeitstag gescheitert. Und wieder verleiht von Trier seinem Ekel angesichts von bürgerlicher Dekadenz mit allzu Beifall heischenden Bildern (u.a. Stretch-Limousine kriegt die Kurve in der Wildnis nicht) Ausdruck. Der Film ist überladen mit Anspielungen, Zitaten und Allegorien, die geradezu nach Aufmerksamkeit schreien, da sie aber dermaßen ostentativ und unoriginell daherkommen, vergeht einem der Spaß am Entschlüsseln. Und wer Wagners süßliche Tristan und Isolde-Ouvertüre bis dahin noch schätzte, wird sie nach dem Film verabscheuen; sie liegt, schwer (wie einige Bilder in Zeitlupentempo gespielt), unheilschwanger und völlig willkürlich eingesetzt, gleich faden Mehlschwitzenpfützen auf dem Film und nervt spätestens nach der dritten Wiederholung. Mehr gibt es nicht wirklich oder wirklich nicht zu sagen.

+ LA Times poll: How long will Lars von Trier’s vow of silence last?

„Stukas Over Disneyland“. Lars von Trier feiert seine „deutschen Wurzeln“ angemessen



Dickies – Stukas Over Disneyland

Jedem, der sich auch nur am Rande mit dem Thema Antiamerikanismus beschäftigt, fällt die Nähe und Prominenz des Topos Antisemitismus auf. Ich betrachte beide als eng miteinander verwandt, als – um es bildlich auszudrücken – Cousins ersten Grades. […] André Glucksmans Charakterisierung der beiden als „Zwillingsbrüder“ erscheint noch treffender.
Andrei S. Markovits – Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa

Aber es gibt keine Antisemiten mehr“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente) und meinten damit nicht nur, dass sich nach Auschwitz kaum noch jemand offen als Antisemit bezeichnen oder bezeichnen lassen wollte und antisemitische Äußerungen als solche erst entschlüsselt werden mussten. Zugleich vermuteten sie: „Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind.“ (Ebd.) Trotz des Superlativs ist der Text, der weitgehend noch während des „Drittens Reiches“ entstand und entsprechend zu lesen ist, von Zweifeln durchzogen, die, wie sich wenig später herausstellen sollte, zu Recht Antisemitismus als fortwährende Grundlage deutscher Ideologie annehmen. Jahre später schilderte Jean Améry deutsche Nachkriegszustände, die die Befürchtungen drastisch illustrierten, kulminierend in seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ (in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, 1977) und seiner Rede zur Woche der Brüderlichkeit „Der ehrbare Antisemitismus“ (in „Weiterleben aber wie?“, 1982). 1969 veröffentlichte Léon Poliakov seine Studie zu den antisemitischen Grundlagen des Antizionismus und vice versa (in Deutschland erstmals 1992: „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“, ça ira). Noch später wiesen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“ und „Aspekte der Alltagsreligion“) und Moishe Postone („Deutschland, die Linke und der Holocaust“) die anhaltende Virulenz von Antisemitismus nicht nur in der Rechten sondern ebenso der deutschen Linken und Mitte nach. Und neben anderen beschrieb Andrei S. Markovits („Amerika, dich haßt’s sich besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) welche Schnittmengen Antiamerikanismus und Antisemitismus notwendig darbieten.

Es liegt in der Natur der Sache, daß Filme, die durch das Pathos ihres Stils jeden Quadratzentimeter Realität mit Bedeutung aufladen und ihr atemlos hinterherhecheln, bald an die Grenzen der Immanenz stoßen und ein Bedürfnis nach Transzendenz entwickeln: letzte Ausfahrt Religion. Trier ist – nur halbironisch gebrochen – besessen von Schuld, Selbstgeißelung, Opferkult und Dogmen und tischt den Zuschauern am Ende von »Breaking the Waves« mit den vom Himmel hoch ins Bild bimmelnden Riesenglocken ein wahrhaftes Wunder auf.
Jan Pehrke – „Im Arsch der Dinge“, Konkret 02/02

Lars von Trier ist als Regisseur fraglos weitaus begabter als Jonathan Meese als Künstler, dennoch teilen beide ein ähnliches Bild von der Funktion des Schöpfers eines Werkes. Wo Meese den Künstler nur noch in den Dienst von etwas Höherem stellen mag (bloß keine „Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht“), sollte das durch von Trier maßgeblich geprägte Dogma 95-Manifest einerseits dem Autorenfilm wie andererseits dem opulenten Kino Hollywoods mit rigider Beschränkung von Ästhetik und letztlich Thematik beikommen. Meese spielt kindisch verharmlosend mit Nazi-Versatzstücken und von Triers Filmen ist vor und nach Dogma 95 seine Faszination für den NS-Gestaltungswahn zu entnehmen (dazwischen gab er das Gegenteil vor und repetierte dennoch im Kollektiv entsprechende Inhalte). Beide geben sich als enfants terribles, als Tabubrecher, die mit sich selbst zugleich jedes Tabu ironisiert betrachtet haben wollen. Während bei Meese jedoch alles zu Eintopf zerkocht wird, lassen sich von Triers Motive trotz aller vorgeblichen Widersprüchlichkeit deutlich exzerpieren. Im Dogma-Manifest, dessen Quintessenz lautet: „Ich bin kein Künstler mehr“, heißt es:
To DOGME 95 cinema is not individual. […] For the first time, anyone can make movies. But the more accessible the media becomes, the more important the avant-garde, it is no accident the phrase „avant-garde“ has military connotations. Discipline is the answer…we must put our films in uniform, because the individual film will be decadent by definition! DOGME 95 counters the individual film by the principle of presenting an indisputable set of rules known as THE VOW OF CHASTITY.
Die Dogma-Filme von beispielsweise Thomas Vinterberg („Festen“) und Lars von Trier („Idioterne“) üben sich dann auch nicht nur in ästhetischer Reduktion, sondern stellen die „Reinheit“ des unschuldigen Opfers ins Zentrum der Handlung, wo es der Dekadenz der Bourgeoisie erst einmal hilflos ausgeliefert ist. Dekadenz wird in „Festen“ u.a. mit eindeutig homophoben Mitteln illustriert. Und in „Idioterne“ zelebriert von Trier wie so oft weibliche Aufopferungsbereitschaft oder Frauen als vornehmliches Opfer sinistrer Kontexte („des Führers Wasserleiche“ lässt grüßen) angesichts des bei ihm aufgrund der so oder so als hoffnungslos ‚verdorben’ ausgestellten Menschheit regelmäßig zu erahnenden nahen Untergangs der Welt. Hinter von Triers vordergründigen Provokationen lauert immer das Opfer, als das er selbst sich in seinen öffentlichen Auftritten wie in seinen Protagonistinnen darzustellen weiß. Nichts ist von ihm zu hören oder sehen, das nicht impliziert, er werde alsbald dafür gequält und gemartert werden. Das Modell ist bekanntermaßen erfolgreich, und so zeitigte es auch in von Triers Fall keine gravierenden Konsequenzen, als er in Cannes seine Begeisterung für Albert Speer und sein Mitfühlen mit Hitler im Bunker ausdrückte, Israel als „pain in the ass“ bezeichnete (was nicht, wie in den deutschen Medien ausnahmslos geschehen, mit „geht mir auf die Nerven“ zu übersetzen ist, sondern wenn schon nicht literally dann mit „geht mir auf den Sack“ oder „ist die Pest“) und sich der Grußformel aller Antisemiten bediente: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“. Am Ende seines Monologs verlieh er, sich gleichzeitig immunisierend, erneut seiner Befürchtung öffentlicher Verdammung Ausdruck: „How do I get out of this sentence. Ok, I’m a Nazi.“ Mit einem aufgesetzt entschuldigenden und „nur halbironisch gebrochenen“ (Pehrke) Lächeln. Die Bestrafung erfolgte in Form einer nicht einmal halbherzigen Geste: Die Leitung erklärte ihn für die Dauer des diesjährigen (!) Festivals zur persona non grata. Was ihm erklärtermaßen gefallen hat: „Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.“ (Lars von Trier im Interview. „Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen“, Spiegel.online)
Doch selbst das nachsichtige auf die Fingerklopfen galt deutschen Medien als Veranlassung, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen. Im Interview mit dem Deutschlandradio teilte dessen Filmkritiker Josef Schnelle mit, man habe in Cannes „zuerst moderat reagiert […]. Und jetzt gab es dann ja plötzlich die Entwicklung, dass das Festival ihn zur Persona non grata erklärt hat. Da werden andere Instanzen des Festivals beteiligt gewesen sein, wie [sic!] bei dieser ersten Erklärung. Das weiß man immer nicht, was hinter den Kulissen da genau vorgeht. Jedenfalls ist der Film jetzt raus und kann auch keine Goldene Palme mehr bekommen. Dabei sah es kurz danach aus, dass er es hätte werden können.“ (Dradio – Lars von Trier aus dem Festival von Cannes geworfen. Josef Schnelle im Gespräch mit Karin Fischer)
Hinter den Kulissen“ agieren gesichtslose Strippenzieher, und der harmlosen Gemüts in Fettnäpfchen stolpernde von Trier ist ihr Opfer. Lars von Trier gibt Bess, Karen, Selma und wie sie alle heißen mögen in Personanongrataunion. Natürlich stürzten sich alle auf seine apodiktische Deutung, da er Speer schätze und Hitler irgendwie verstehen könne, würde er der Welt von nun an als Nazi gelten. Um ihn mit einem Federstrich davon freizusprechen. Und tatsächlich ist Lars von Trier (wie üblich in der Deutsche und deutsch exkulpierenden Diskussion) kein Nazi im Wortsinne, wenn er auch deren grundlegende Opferideologie teilt. Als das jedoch, was zumindest die deutschen Medien nur als Ansätze oder Tendenzen zu erwähnen wagen und im selben Moment weit von ihm zu weisen sich anstrengen müssen, geriert er sich zunehmend. Auf Spiegel.online kommentiert Hannah Pilarczyk: „Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen – rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film „Die Passion Christi“ stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.“ („Stinkbombe und Fehlurteil“)

I really wanted to be a Jew, and then I found out that I was really a Nazi, because my family was German, Hartmann, which also gave me some pleasure. So, what can I say? I understand Hitler, but I think, he did some wrong things, absolutely, but I can see him sitting in his bunker in the end. But there will come a point at the end of this. Now I‘m just saying that I think, I can understand the man. He is not what you would call a good guy. Yeah, I understand much about him. I might sympathize with him a little bit, yes. But, come on, not … I‘m not for the second World War. And I‘m not against Jews. I am of course very much for Jews. No, not too much, because Israel is a pain in the ass. … But still … How can I get out of this sentence? Ok, I‘m a Nazi
Lars von Trier in Cannes

The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish. If you’re Jewish, you’re allowed to make Jewish jokes. So it’s hard to break that habit when you find out that you’re not really Jewish. All of my children have Jewish names. I’m sorry that people took it the wrong way. But I know why; I was stupid enough to talk to the world like I talk to my best friends.
Lars von Trier, Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments

Und irrt sich. Lars von Trier hat sich in seinen Filmen immer wieder diverser Motive bedient, die nur denen, die sie eben nicht sehen wollen, verborgen zu bleiben haben. Und ausschließlich so hat Deutschland seit eh und je funktionieren können. Abgesehen von der unermüdlichen Inszenierung sich aufopfernder Charaktere und seiner Dekadenzphobie, werden antisemitische Motive vor allem in seinem Antiamerikanismus erkennbar. Felix Hedderich beispielsweise schreibt über „Dear Wendy“ (Regie: Thomas Vinterberg, Drehbuch: Lars von Trier): „Dass der Ladenbesitzer […] als einziger Erwachsener, der nicht in der Kohlemine arbeitet, einen jüdischen Namen trägt, kann kein Zufall sein. Ein Händler und Ausbeuter, der die harte Arbeit in der Mine scheut – das muss, vom Standpunkt eines Antisemiten betrachtet, ein Jude sein. Hinzu kommt, dass Salomon auch noch eine Paranoia vor gewalttätigen Gangs, die es in dem verschlafenen Städtchen offensichtlich nicht gibt, angedichtet wird. Beschreibt von Trier hier etwa die nach dem 11. September durchaus berechtigte Angst der Amerikaner vor Terroristen als bloße Paranoia vor einem Gespenst, das gar nicht existiert? Und will er mit der Figur des Salomon darauf verweisen, dass diese Paranoia von den amerikanischen Juden ausgeht?“ (Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret) Außerdem verweist Hedderich zurecht darauf, dass neben den sich opfernden Frauen Antiamerikanismus die vielleicht „größte Gemeinsamkeit der von Trier-Filme der letzten zehn Jahre ist“. (Ebd.) Mindestens.



Eat this, Lars von Trier! („Battle of Britain“, UK 1969, Regie: Guy Hamilton + undeniable „Star Wars“ model 3:05)

A Stuka will outlive a British Spitfire in our consciousness by millennia. That’s my point of view. While a Spitfire has all those rounded forms and was a very beautiful airplane, the Stuka was a revelation. A lot of Nazi design was amazing. They had such big thoughts. The Stuka was a dive-bomber that swooped down and dropped its bombs with great precision. A special feature about the Stuka was that its bombs were equipped with a little whistle, which is staggeringly cynical but also a sign of artistic surplus.
Lars von Trier im Interview mit Per Juul Carlsen, Danish Film Institute: The Only Redeeming Factor is the World Ending (mit Dank für den Hinweis an U+NdG)

Got an SS ticket I‘m feeling fine
Spent five long hours just standing in line
Passed inspection got my ears on straight
Gonna fire up my engines ‚fore it gets too late
I just can‘t wait

Dickies – Stukas Over Disneyland

Lars von Trier, der 1995 die urdeutsche narzisstische Kränkung, er entstamme eben nicht dem auserwählten Volke, am eigenen Leib erfahren musste, als ihm seine Mutter auf ihrem Totenbett mitteilte, sein Vater sei nicht der dänische Jude Ulf Trier gewesen sondern ihr Arbeitgeber, der Deutsche Fritz Hartmann, zog in der Pressekonferenz auch über die dänisch-jüdische Regisseurin Susanne Bier her und beantwortet Fragen nach den Gründen für seine Beleidigungen nur ausweichend und seine Missgunst kaum verhehlend: „I went to film school with her, and she used to work for Zentropa, my production company, but quit. I’ve always thought, compared to me, that she was treated extremely well, which is fair enough, but has nothing whatsoever to do with the fact that she’s Jewish. The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish.Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments
Worauf er tatsächlich neidisch ist, geht dennoch eindeutig aus seiner Replik hervor. Während er zunächst in der einen Identität aufging, um sich Dank ihrer über alles hermachen zu können, richtet er sich nun ebenso in der nächsten ein. Missgunst und Neid gehören wie Waschbecken und Herd zum deutschen Standardinventar und müssen nicht extra angeschafft werden. Von Trier hat schnell gelernt, dass Deutschsein („[W]hich also gave some pleasure.“) heutzutage ein surplus ist – nichts und niemand war am Ende erfolgreicher in der Darstellung als Opfer. An ihr wird man unersättlich.
Nebenbei kristallisiert sich eine neue (deutsche) mediale Repräsentation heraus: Der Antisemit als Genie. Sobald eine prominente Person sich antisemitisch äußert, und sei es noch so drastisch („But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ John Galliano), wird auf ihren Status als begnadeter Künstler verwiesen1, von Galliano bis zu von Trier. Die undifferenzierte deutsche Faszination für Kreative hat sie so weit gebracht, dass sie einen, der sich als einer ausgab, zu ihrem Führer auserwählten. Das feinsinnige Volk exkulpiert sich zum wiederholten Male an dem, was seine Massenmedien uneingeschränkt als „Faux-pas“, „Ausrutscher“, „Dummheit“ und dergleichen mehr und vor allem angesichts des Stress‘ oder des Image als nur allzu verständlich bezeichnen. Ob die ausgiebig bemitleideten sensiblen Geschöpfe am Ende behaupten, sie hätten gar nichts gegen Juden oder eben nicht, macht nicht den geringsten Unterschied mehr aus. Weil „man“ unisono und irrsinnigerweise davon ausgeht, es gäbe keine Antisemiten mehr. Insofern soll selbst Eve Gerrads völlig zutreffende Analyse zunehmend dem Nichts, das am Ende von all dem lauert, anheimfallen:
Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)
Und zwar ausgerechnet weil jede medial bewältigte Aussage zum Thema als nicht rückholbares Vorbild für all diejenigen deutsch motivierten Tabubrecher kursieren wird, die sich in ihrem Opferwahn dem Nichts andienen. Die Einmütigkeit der deutschen Kommentatoren zu von Triers Ausfällen ist auch insofern umso erschreckender, weil es vor Jahren noch wenigstens eine beachtbare Minderheit gegeben hätte, die sich bemüht haben würde, dem deutschen Ansehen in der Welt mit Fingerzeigen weiterzuhelfen. Und sei es nur, weil man in Deutschland eben anständig ist. Aber selbst das scheint ihnen mittlerweile kaum noch nötig zu sein.

  1. Es sei denn, es handelt sich um US-Amerikaner oder Hollywoodstars. Mel Gibson zum Beispiel wollte man seinen Antisemitismus hierzulande enstprechend anhaltend vorwerfen, weil man ihn als Hollywood-Produkt betrachtete. In diversen deutschen Beiträgen zur von Trier-Debatte wird er dann auch als Derechteantisemit ausgestellt, während von Trier „nur spielen will“. In Deutschland stellt man sich als Ausalldemgelernthabende aus, während man in den USA endlich die wahren Rassisten vorzufinden wähnt. Wäre Gibson Europäer gälte er hier ebenso ausdrücklich als bloß überfordertes respektive alberne Tabus brechendes Schauspiel-Genie. [zurück]

„Follow the yellow brick road…“

Doch allein wenn man sich die Fotos der beiden ungleichen Brüder anschaut, fragt man sich rasch, ob die gefärbten Haare, die getönte Brille und der rosa Anzug von Elton John ästhetisch nicht weitaus verkommener sind als der selbstbewusst aus seiner chaotischen Prekariatshütte lächelnde Geoff Dwight.
Florian Illies – Über ungleiche Brüder, Zeit online

Nein, fragt man sich überhaupt nicht und schon mal gar nicht rasch. Und man muss Elton Johns Œuvre nicht mal toll finden, um es nicht zu tun. Dessen Halbbruder Geoff Dwight (der „wärmstens an den verrückten englischen Zauberer Catweazle“ erinnert, ebd.) nämlich, den Illies am Ende bloß mag, weil er diesmal weiß, dass er jemanden um tatsächlich überhaupt nichts beneiden muss, schwafelt ausschließlich vom Glück des Verzichts. Und denunziert dabei den älteren und fast unvorstellbar reicheren Bruder mit entsagungsvollem Pathos als geizig und unsolidarisch, obwohl er ja explizit nicht mal was von ihm haben will. Das gilt dann dem sich als dekadenzphobisch outenden deutschen Zeitgeist-Analytiker als „wahre Gesellschaftskritik“ (ebd.). Der er das passende Vorurteil hinterherschiebt: Mann in „rosa Anzug“ = „verkommener“ als irgendwas. Dann doch lieber ‚authentisch‘ und ‚natürlich‘ in einer Hütte vor sich hinprekarisieren. But… beware! Es gilt, sich sofort mit Elton John zu versöhnen, denn den hat bloß die bösartig sich selbst karikierende Musikindustrie (es führt kein Weg an Adorno vorbei!) zum ‚unechten‘ Outfit und desgleichen gezwungen, wie er in „Goodbye Yellow Brick Road“ (prominently featured on „Life on Mars“, season 2, episode 2) zu beklagen hatte:

So goodbye yellow brick road
Where the dogs of society howl
You can‘t plant me in your penthouse
I‘m going back to my plough

Überdimensionierte Brillen zu Pflugscharen? Ironie kann Elton John besser!

Große linke Debatten III: Laminat

In Anschluss an die aufwühlenden Wortgefechte in der Jungle World: Rosenkohl (natürlich pro! Es ist nämlich keine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir Bitteresweilimmermalwiedergiftiges zu vermeiden gelernt haben, sondern dass wir herausgefunden haben, was man essen kann, obwohl es angenehm bitter schmeckt!) und Halloween (wäre mir ziemlich egal, gebe es nicht die unterhaltsame deutsche Empörung übers Amerikanisiertwerden. Also auch pro!) werde ich im Folgenden eine Scheinnichteinmaldiskussion zwischen mir und meiner Person über Laminat nicht einmal dokumentieren.

Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist
Wikipedia – Laminat

Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…


Whatever…

Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!

Es gab mehr als nachvollziehbare Gründe dafür, dass Dielen früher mit Rupfen- und selbst das schönste Parkett mit eindrucksvollen Teppichen (Flokati soll und darf hier kein Thema sein!) bedeckt wurden. Solche, die eher der Bequemlichkeit und andere, die der Ästhetik genüge taten. Beides ist erstrebenswert! Früher ließ man auch einfach die Zigarren- oder Zigarettenasche auf den Teppich fallen. Das ist insofern nicht mehr erstrebenswert, als es keine im Haus mehr oder weniger lebenden Domestiken mehr gibt, die den Dreck lautlos und unsichtbar beseitigen. Aber demnächst haben wir ja hoffentlich alle diese niedlichen kleinen Staubsaugroboter…
Später ließ sich Auslegeware industriell herstellen, und immer noch ist selbst das Massenprodukt Teppich dem Massenprodukt Laminat (das bloß stupide nachzuempfinden sucht, statt des Designers manchmal sogar Innovationsdrang zu befördern!) in Farb- und Qualitätsvielfalt haushoch überlegen. Auf Teppichen kann man übrigens auch nicht ausrutschen, selbst wenn mal ein Glas Wasser umgekippt wurde, auf Laminat schon (another sad experience).
Wie dem auch sei, es gibt eigentlich nur einen wirklich wichtigen Einwand gegen Laminat: Es sieht überhaupt nicht schön aus sondern kitschig, blöde und billig, und nur wer im „Ikea-Paradies“ (© by CdP) leben mag, kann es ansprechend finden!
(DER VERMIETER hat übrigens darüber hinaus die Küche mit Terracotta ähnelnden Fliesen, dieses auch hinsichtlich seiner Unelastizität und Schmutzaufnahmefähigkeit imitierend, auslegen lassen – sehr intelligent: Alles nur ansatzweise Zerbrechliche, das runterfällt, geht unvermeidbar darauf kaputt!)

+ Nur aufgrund meiner unentschuldbaren derzeitigen Zerstreutheit later: SonntagsGesellschaft – Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl. Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World

Exit through the rest room: Wenn Kunst, die auch Produkt ist, alles darf, was dürfen dann Produkte, die sich der Strategien von Kunst bedienen?

Our makeup collaboration with MAC developed from inspirations on a road trip that we took in Texas last year, from El Paso to Marfa. The ethereal nature of this landscape influenced the creative development and desert palette of the collection. We are truly saddened about injustice in Juarez and it is a very important issue to us. The MAC collaboration was intended as a celebration of the beauty of the landscape and people in the areas that we traveled.
Rodarte Company Statement via Colorlines


Landschaft bei Juárez

Zweifellos gehört der Rodarte-Lidschatten der Kosmetik-Firma MAC zu den ästhetisch aufregendsten Erzeugnissen der Menschenverschönerungsindustrie der letzten 100 Jahre. MAC ist bei seinen Benutzern auch bekannt für die limited editions (LE)1: Produkte, die nur für wenige Monate, Wochen oder aufgrund des Ansturms auf die ausgewählten Geschäfte, die sie überhaupt führen, Tage erhältlich sind. Die Illusion von Exklusivität scheint unerschöpflich, denn tatsächlich gibt es regelrechte LE-Fans respektive -Süchtige. Die beschweren sich zwar regelmäßig in einschlägigen Foren darüber, dass sie reingelegt werden; in jeder Anklage schwingt dennoch mit, dass sie sich erneut und ganz und gar gegen ihren Willen davon werden überzeugen lassen, dass das jetzt the real stuff sei.
Die Empörung über die Juárez-Linie gleicht dann auch der des sterbenden Junkies, der dem Dealer mit dem letzten Atemzug noch vorwirft, er habe den Stoff diesmal ja überhaupt nicht gestreckt. Das Begehren nach dem einzigartig überwältigenden Kicktriporwhatever war immer da, aber der Konsum erwies sich als tödlich. Davor hat MAC seine Kunden bewahrt. Und auch davor, diverse youtube-Videos zu produzieren, die die Anwendung z.B. des Lidschattens demonstrieren. Der nämlich erscheint auf den ersten Blick inkommensurabel. Vor allem, da in den letzten Jahren der nude look (sich schminken, um ungeschminkt auszusehen) die Roten Teppiche dominierte.
Das (Inkompatibilität mit dem mainstream look) allerdings war nicht der Grund für den in der Kosmetik-Geschichte wohl einzigartigen Rückzug einer bereits hergestellten und aufwändig beworbenen Make Up-Linie und die Ankündigung, alle erwarteten Einnahmen zu spenden – dabei dürfte es sich um einen Kompromiss aus den üblichen Erträgen der LEs und dem diesmal mit Sicherheit reduzierten Kundenkreis handeln. Das model zum Produkt nämlich suggerierte bereits, dass, wer die Juárez-Farben verwendet, kaum anders kann, als sich leichenartig zu stylen. Derzeit ist aber weder mit einem Comeback des heroin chic der (1920er) 1990er noch – trotz einschlägiger erfolgreicher Filme – dem (anyone? Please! Jenseits von albernen Motto-Partys…) Debut des zombie looks zu rechnen. Als ästhetische Rechtfertigung bliebe außerdem eine Reprise der gothic novel heroine des 19. Jahrhunderts, die, von Bösewichten wahlweise in düstere Klöster oder Burgruinen verschleppt, an Lichtmangel und von ekelerregenden Domestiken lieblos zubereitetem Haferbrei einzugehen drohte. Stattdessen faselten die verantwortlichen Designerinnen, Kate und Laura Mulleavy (Rodarte), hilflos, und als habe Oliveiro Toscani La pub est une charogne qui nous sourit (dt. Titel: Die Werbung ist ein lächelndes Aas) nie geschrieben, ihre Linie sei eigentlich als Hommage an die Schönheit der Landschaft um Juárez herum gemeint gewesen. Wie auch immer…
Im englischen Sprachraum gibt es ein eher unterhaltsames Spiel namens Tenuous, eine Variante der Spielregeln (es gibt diverse) lautet: Jemand gibt zunächst unvereinbar scheinende Begriffe vor, und man muss deren Zusammenhang zum Ursprung nachverfolgen oder zu einem Ziel zusammenfügen. Beim Rodarte Make Up ist das eine einfache Übung: Juárez, bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, Lidschatten, der wie Blut auf Asphalt aussieht etc. = die unzähligen unaufgeklärten Morde an Arbeiterinnen auf dem Weg zu den sweat shops im mexikanischen borderland.
Ob die Assoziationskette der Mulleavys (Kate 31, Laura 30) nun romantisch oder politisch oder romantisch-politisch inspiriert war, kümmert niemanden mehr, der Aufschrei galt (schadenfroh) ihrem (mehr oder weniger blöden) „Zynismus“. Und ist entsprechend bloß der Abwehr geschuldet. Ob die Designerinnen nun naiv einem historisch nicht einmal beispiellosen Schönheitsideal von dem Tod geweihten oder toten Frauen huldigen wollten oder meinten, eine besonders originelle Idee zur Aufmerksamkeitsgenerierung entwickelt zu haben, sie haben die Informiertheit und das Empörungspotential sowohl der einschlägigen Presse als auch ihrer meistens relativ wohlhabenden und entsprechend häufig sozial irgendwie engagiert sein müssenden Kunden unterschätzt. Man stelle sich vor, eine der Damen, die sich ausschließlich für die Rettung spanischer Straßenhunde einsetzt, träfe auf einem Empfang eine Bekannte, die weibliche Gewaltopfer in Mexiko unterstützt und würde gefragt, was sie denn da für ein ausgesprochen apartes Make Up aufgelegt habe und antwortete darauf: „Das ist die Juárez-Linie von Rodarte. Ganz exklusiv. Ein wenig gewagt womöglich, aber…“ „DIE WAS?-LINIE?“ Sowas kann einem schon den Abend ruinieren, und da das Gesicht zum Kleid passen sollte, ist einem die Möglichkeit verwehrt, in den rest room zu eilen und sich fluchend abzuschminken, ganz zu schweigen von den Peinlichkeits-Flashbacks in den nächsten mindestens zehn Jahren. Und das obwohl man jede Petition zur Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetikindustrie unterschrieben hat, ganz viel im Bioladen einkauft und den Müll sowas von trennt…

We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

William Shakespeare – The Tempest

Those elements were ejected into space by the force of the massive explosion, where they mixed with other matter and formed new stars, some with planets such as earth. That’s why the earth is rich in these heavy elements. The iron in our blood and the calcium in our bones were all forged in such stars. We are made of stardust“.
Edward Zganjar, cited on Science Daily – Physicist Finds Out Why „We Are Stardust…“

Auf der anderen Straßenseite hingegen lässt man sich bereitwillig mit Dämpfen einnebeln, die aus dem Wasser gewonnen wurden, mit denen Tote in mexikanischen Leichenhäusern vor der Obduktion gewaschen wurden. Im Buch zur Künstlerin heißt es entstellend: „Die darin gelösten ‚Lebensspuren’ verbreiten sich unsichtbar in der Luft und lassen erneut die Toten in minimalen Spuren anwesend sein. […] Indem die Luft eingeatmet wird, ist der körperliche Kontakt unmittelbar und direkt. […] Dies führt zu einer Identifikation mit den Toten, zu einer unmittelbaren Ineinssetzung: Die Toten werden im Besucher verlebendigt, der Besucher in den Toten sterblich.“ (Udo Kittelmann, Klaus Görner, Hg. – Teresa Margolles. Muerte sin fin)
Selbst auf atomarer Ebene gibt es keinerlei Masseunterschied zwischen dem lebendigen Individuum und dem toten Menschen. Das unmittelbar Schockierende an der Installation von Teresa Margolles ist nicht der entweder alberne oder tragische Film-Effekt (Ghostbusters oder Ghost) von Verstorbenen, die einen plötzlich durchdringen (whoooshwhoaaa…), sondern die Erkenntnis, dass wirklich nichts Relevantes mehr da ist. Und dass dafür gesorgt wurde. Die angeblichen ‚Lebensspuren’ haben nicht das Geringste mit menschlichem Leben und mit dem Individuum schon gar nichts mehr zu tun. Identifikation oder Ineinssetzung sind also nur noch mit einer Art von Ursuppe zu haben, mit einem Ektoplasma oder einem Fluidum, einem esoterischen Wahn, einer Aufkündigung des Individuums. Margolles ist mit ihren Installationen und ‚Skulpturen’ dem, was Menschen anderen Menschen antun können, so nah gekommen, wie es Kunst nur kann, und das ist bloß eine Ahnung, und eben deswegen bedeutet jede explizit empathische Deutung ihres Werks mindestens einen Schritt zurück. Alles, was Margolles umsetzen kann, und darin besteht die Eindrücklichkeit ihrer sehr weit gehenden Abstraktion, ist, auf die grausam produzierte Leerstelle hinzuweisen. Und einen körperlichen Effekt zu erzeugen, der im besten Falle nicht die unmögliche und entsprechend kitschige Illusion von Wiederbelebung erzeugt sondern angemessenen Ekel vor dem, was man aufgefordert wird zu inhalieren. Wer das nämlich mit tiefen Zügen und gutem Gewissen einatmet, hat sich schon versöhnt, wer abwehrend aber wehrlos so flach und kurz wie möglich Luft holt hingegen, erfährt wenigstens die Ahnung vom Skandal.

Selbst Margolles’ ‚gegenständlichere’ Arbeiten, wie beispielsweise ihre oben dokumentierte Arbeit für die Biennale in Venedig 2009 oder der kleine Betonklotz, dem man nicht ansieht, dass er als billiger Sarg für einen toten Fötus dient, zeugen nur von Missachtung und Leere, von Unwiederbringlichkeit. Margolles arbeitet konsequent mit dem, was sie bloß noch als Material auffinden kann. Ein Material, das Peter Schiering im Zusammenhang mit Xu Bings – Margolles’ Arbeiten oberflächlich ähnelnder Installation – „Where does the dust itself collect?“ unangenehmerweise als „konkretes, sinnliches Material“ (artnet) bezeichnete. Xu Bing verwendete Staub vom Ground Zero. Am Ende der Spurensuche steht dann auch zu Verwertendes, Einebnendes und Nichtiges: „Von der Decke des Raums im MMK tropft aus vielen kleinen Ventilen normales Leitungswasser auf auf den Boden und die Besucher herab. Der Gedanke eines Kreislaufs, die Abfolge von Verdunstung und Niederschlag, ist wie ein Kommentar […] zum Kern der Arbeit von Teresa Margolles zu verstehen. Die Leichen werden – und nicht nur in Mexico City – durch ein ausgeklügeltes System bürokratischer “Entsorgung“ möglichst reibungslos zum Verschwinden gebracht, der Skandal, den jeder Tod bedeutet, so gut es eben geht, bereinigt. Aber der Tod bleibt in der Luft und findet überall seinen Niederschlag. Die Spuren mögen noch so sorgfältig verwischt werden, durch alle Ritzen dringt er in unser Leben wieder ein. So gesehen ist jedes Wasser, mit dem wir uns waschen, das wir trinken, von der gleichen Qualität, wie das aus der Gerichtsmedizin in Mexico City.“ (Kittelmann, Görner, ebd.)
Damit aber löst sich dann alles in Beliebigkeit auf, und dem zum Teilnehmen gezwungenen Ausstellungsbesucher bleibt die fast beruhigende Erkenntnis, dass man eben überall vom Tod umgeben sei. Darüber kann man Celans (und die Anspielungen im Kommentar auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie sind kaum zu überlesen) entsetztes „Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng […] dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“ oder André Schwarz-Barts tragisches „Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken“ auch hierzulande als im Weltgeschehen nunmal alltägliche Erfahrung mit Verlust und Tod abheften.




Ian McEwan sind die Morde von Juárez einen kurzen, die Seltsamkeit der – diesmal wirklich – Landschaft noch ein wenig mit düster monochromem Lokalkolorit versehenden Absatz in seinem letzten (eher misslungenen) Roman „Solar“ wert. Und At the Drive-In haben ein unwichtiges Lied mit dem Thema eher unbeholfen bebildert. Juárez hat Eingang in die Pop- und Hochkultur gefunden. Den (unberührt) schönen Lidschatten der Mulleaveys hätte man mit ein wenig esoterischem Versöhnungswillen auch noch gut verkaufen können. Was kunstvoll wie Blut auf Asphalt anmutet, würde dann erst in seiner Zerstörung sinnstiftend, mit dem Zeige- oder Mittelfinger oder einem Applikator verrieben und übers Auge des Nutzers geschmiert, trüge der irgendwann unvermeidlich, aber so wenigstens ostentativ ein paar Atome der Opfer mit sich herum.

  1. Bei allem, was hier zum Thema Kosmetik geäußert wird, handelt es sich ausschließlich um meine persönliche Meinung und sowieso um Satire und keinesfalls um eine Qualitätsbewertung der Produkte. Zu einer solchen bin ich überhaupt nicht in der Lage.[zurück]

+ Later – Passt schon: „»Black Swan« ist von der ersten Minute an ein großes Spektakel, ambitioniert und sichtlich um eindrucksvolle Schauwerte bemüht: gothic-gleiche Tanzszenen, exzentrisch-darke Tutus (die Entwürfe haben die Schwestern Kate und Laura Mulleavy des Modelabels Rodarte gefertigt), virtuose Spiegelszenen, eine entfesselte, dabei aber unfassbar fließende Kameraführung, leicht angeschmuddelte Erotik, Psychogrusel, Body Horror, Dornen, Blut und Scherben.Esther Buss – Beautiful Monster, Jungle World

„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

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Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.


Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.


(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.



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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)

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„100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften“ oder: Warum ich mir „Wir sind die Nacht“ nicht ansehen werde

An deutschen Filmhochschulen wird ebenso wie an deutschen Kunsthochschulen kaum und dann meist (!1) auch noch hinterwäldlerisch Theorie gelehrt. Hinzu kommt, dass Studenten der Fächer selten überhaupt Lust auf die wenigen obligatorischen Geschichts-, Philosophie- oder was auch immer Seminare oder Vorlesungen haben. Weswegen viele anspruchsvolle (etc.) Dozenten nach kurzer Zeit genervt und zu Recht aufgeben – was alles noch schlimmer macht.

Exkurs I:
Der Jungle World-Liste der „miesesten Studienfächer“ sollte mindestens noch „Freie Kunst“ hinzugefügt werden. U.a. weil es eine Aufnahmeprüfung gibt, die man nach der Mappenbewertung hierzulande problemlos durch Auslosen oder Hausnummernwürfeln ersetzen könnte. Oder weil man durch die Atelier-Situation Tag und Nacht Menschen ausgesetzt ist, die mindestens so wahnsinnig sind, wie man selbst es ist – das ist nicht gut fürs Selbstbewusstsein! Und niemand, außer vermutlich den Medizinern, trinkt mehr Alkohol in all seinen möglichen Erscheinungsformen als die Künstler – das ist nicht gut für die Leber, den Teint und das Aufwachen irgendwann vielleicht sogar schon am nächsten Tag! Das Material (und der ganze Alkohol etc., der Kaffee und die Kopfschmerz- und Koffeintabletten) für die einzigartigen und künftigen Ruhm versprechenden Werke ist noch teurer als unausleihbare Fachbücher. Man muss also zudem viel arbeiten, und wenn man so richtig dumm ist als Aktmodell. Nur die körperlich gut Trainierten – es gab z.B. ein langjähriges Modell, das bezeichnenderweise ein recht erfolgreicher Zehnkämpfer war – kommen damit durch; denn wer jemals bis zu 30 Minuten zur Unbeweglichkeit verdammt eine alberne Pose einnehmen musste, weiß wie unzulänglich der Muskelapparat der Unsportlichen ist. Wenn man zudem mit höhersemestrigen Studenten desselben Faches zusammenzieht, wird einem drastisch vorgeführt, wie man gegen Ende des Studiums aussieht und lernt Farbpigmente so richtig zu hassen. Und irgendwann gibt es ein Rauchverbot im Atelier – wie soll man denn da noch Kunst produzieren? Usw. usf. Beim Filmstudium kommt noch hinzu, dass sich der ganze egomane Irrsinn mittlerweile unglaublich bieder und unbedingt auswertbar gestalten lässt.

Exkurs II:
Vor einigen Jahren habe ich mir mit einem Freund im Kino „Interview with the Vampire“ angesehen – seltsamerweise ohne, dass wir beide jemals Details über den Film gehört oder gelesen hatten. Wir haben das Ganze bis zum Ende für eine halbwegs gelungene Komödie gehalten (no kidding!) und diverse Male laut gelacht, was die Personen in unserer Reihe ansteckte, den Rest der Zuschauer allerdings – für uns unverständlicherweise – störte.

Dennis Gansel – u.a. Regisseur von „Mädchen, Mädchen“ (no comment!), der absurdesten filmischen Interpretation der Milgram-Versuche, basierend auf Morton Rhues an Tatsachen angelehnte Erzählung „The Wave“, dessen deutschpädagogischer Untertitel „Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ lautet… wie auch immer „Die Welle“ oder ‚die antiautoritäre Erziehung ist Schuld am ganzen Nazizeugs’ und „NaPolA“ („Hakenkreuz statt Hogwarts“, David Hugendick – Napola, konkret 01/05) – hat einen Vampir-Film gedreht, den ich mir nicht ansehen werde. Zu Werbezwecken gibt es im Internet derzeit einen Filmausschnitt, zwei Trailer („German“) und Interviews u.a. des Regisseurs mit der Zeit zu sehen und lesen. Dementsprechend weiß man definitiv zu viel, um den Film noch für eine Komödie oder Parodie halten zu können, wenngleich alles bis auf das Zeit-Interview darauf hinzuweisen scheint. Das nämlich zeugt bloß von Ödnis und mangelnder Theorie-Ausbildung an deutschen Film-Hochschulen (im Fall des Hannoveraners Gansel war das München, wo auch Florian Henckel von Donnersmarck studierte).

Auszug Interview mit Dennis Gansel „Ich würde gerne ewig leben“:
ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?
Gansel: Ich würde gern ewig leben. Wir haben uns diese Frage natürlich auch im Team immer wieder gestellt, und eigentlich waren alle außer mir der Meinung: „Nee, das ist nichts – da stirbt dir nur jeder weg.“ Ich verstehe das schon: alle Menschen, die man liebt, gehen irgendwann, die Welt verändert sich, nur man selbst nicht. Aber ganz ehrlich – ich fände das super! Vielleicht würde ich nach 300 Jahren meine Meinung ändern, aber jetzt scheint mir diese Vorstellung unheimlich verlockend. All die Zeit, die man dann hätte! Einfach 100 Jahre lang nur reisen! 100 Jahre lang nur lesen! 100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften.
ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen wirklich um ewiges Leben oder nicht eher um ewige Jugend?
Gansel: Immer jung fände ich doof. Als Greis ewig zu leben auch. Etwas zwischendrin wäre gut: Als Fünfzigjähriger ewig leben. Ich bin überzeugt, dass ich die beste Zeit in meinem Leben noch vor mir habe.

Zum Wegsterben gibt es neben „Highlander“ (dessen einziger sinnvoller Beitrag zur Filmgeschichte ein angenehm bissiger Kommentar zur Rolle von Frauen in Action-Filmen ist: „Ich habe deine Freundin. Sie ist die klassische Sirene.“) Simone de Beauvoirs eher konventionellen aber trotzdem schönen Roman „Alle Menschen sind sterblich“ (Later: lustigerweise auch als Lektürevorschlag für den Regisseur in den Zeit-Kommentaren erwähnt). Und das Thema Unsterblichkeit taucht (jenseits von Vampir-Romanen) in der Weltliteratur immer wieder auf, beispielsweise in Maturins „Melmoth the Wanderer“ (Why, oh why, am I bad?) oder bei Edgar Allan Poe – in keinem der Werke allerdings kommt der unsterbliche Protagonist (oder bis vor kurzem häufiger Antagonist) auf die Idee, 100 Jahre einen Bauernhof ausgerechnet zu „bewirtschaften“. Und das zu Recht! Natürlich hätte man auch endlich Zeit, 100 Jahre Pullover aufzuribbeln oder 100 Jahre Kaugummi mit den Fingernägeln vom Fußgängerzonenpflaster abzukratzen oder 100 Jahre Film oder Kunst zu studieren. Und das als ewig Fünfzigjähriger…
Den beiden Trailern und den überwiegend durchwachsenen Rezensionen ist zu entnehmen, dass Gansels Vampire – zumindest in der im Film erzählten Zeit – offenbar weder der einen noch den anderen Tätigkeiten nachgehen. Stattdessen sind sie Berlinerinnen, wie sich alle – vom Regisseur bis zu den Rezensenten – zu betonen bemühen. Und das finden sie auch alle gut, weil das Genre damit zurückkehre zum Ursprungsort zum Beispiel, und Berlin sich hervorragend eigne fürs Thema.

Exkurs III:
Die Hauptstadt des ‚wiedervereinigten’ Deutschland soll filmisch anknüpfen an das prä-nationalsozialistische Berlin der 1920er – ob allerdings ausgerechnet Murnaus „Nosferatu“ als Stellvertreter für ein noch unschuldig sich bahnbrechenden filmischen Schöpfungen hingebendes Deutschland gelten kann, ist mindestens fragwürdig. Denn so einfach wie Thomas Koebner es zu begründen versucht, sind die antisemitischen Motive des Films nicht beiseite zu wischen. Koebner hält Anton Kaes’ Vergleich von Nosferatu mit „Der ewige Jude“ „für abwegig; es sei zu plump, die Instrumentalisierung dieser Motive aus der Zeit des Nationalsozialismus auf Murnaus Film zu übertragen.“ (Wikipedia)
Übertragen werden muss allerdings nichts, denn die Repräsentationen beider Filme entstammen nicht bloß den Köpfen ihrer Regisseure, sondern lassen sich auch auf teilweise jahrhundertealte, teilweise im 19. Jahrhundert entstandene Stereotype zurückführen. Judith Halberstam hat den Antisemitismus in Bram Stokers „Dracula“, der Vorlage für „Nosferatu“ in „Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters“ schlüssig nachgewiesen. In der Verfilmung werden die von ihr als antisemitische Stereotype identifizierten Eigenschaften nicht aufgegeben. Ähnliches gilt für die von Gansel als Inspirationsquelle angeführte (bei ihm der in diversen Punkten abweichenden Verfilmung der) Erzählung „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu. Wenn der Antisemitismus dort auch nicht so augenfällig ist wie bei Stoker, gibt Le Fanu Hinweise. (Vgl. auch Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic: „The Crypto-Wandering Jew in „Carmilla“ is not the first Jewish figure in British literature to possess fangs.“ Und allgemein Peter Dan Psychology – How Vampires Became Jewish)
Und bei Le Fanu sind es tatsächlich Hinweise. Le Fanus explizit antisemitische Stereotypisierungen seiner mal als Juden bezeichneten, mal als solche – nachdrücklich – angedeuteten Antagonisten (siehe z.B. „Checkmate“ und „The Wyvern Mystery“) sind selbst im Genre der in der Hinsicht nicht gerade harmlosen Gothic Novel hervorstechend (siehe aber auch Louisa May Alcott – A Long Fatal Love Chase). Was auch immer aus den Literatur- und Film-Vampiren heutzutage geworden ist, eine fundierte Theorie-Ausbildung in künstlerischen Studiengängen (und man gibt dort gerne Vampir-Seminare) hätte sich mit ihrer problematischen Herkunft auseinanderzusetzen, auch damit die Inspirationsquellen nicht so unreflektiert gehandhabt werden.

Seltsam mutet im Zeit-Interview ebenfalls an, dass Gansel an keiner Stelle erwähnt, dass sein Film offenbar auf einer Romanvorlage von Wolfgang Hohlbein basiert (das muss man ergoogeln: „Eine Nacht verändert alles im Leben der einsamen Lena. Sie wird von Louise gebissen, der Anführerin eines weiblichen Vampir-Trios, und gibt sich von nun an hemmungslos den Verlockungen der Unsterblichkeit hin. Bei ihren nächtlichen Streifzügen hinterlassen sie eine Spur aus Blut und Verwüstung. Als Lena sich aber in den jungen Polizisten Tom verliebt und den Vampiren den Rücken kehren will, kennt Louises Zorn auf die Verräterin keine Grenzen. Lena muss sich zwischen der Liebe und dem ewigen Leben entscheiden.“ Amazon). Unangenehm genug und trotzdem: stattdessen…

Auszug, Zeit, ebd.:
Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen […] In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.
ZEIT ONLINE: Warum?
Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt, aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. […] Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.
ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?
Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

Jenseits davon, dass Monica Bellucci in Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ viel mehr als nur „nettes Beiwerk“ ist, Frauen (‚vampirisierte’ oder ‚teilvampirisierte’) spielen im Film – der trotz aller problematischen Inhalte zumindest eines zeigt, nämlich, dass die Monsterjäger oft grausamer sind als die Monster (vgl. allg. Judith Halberstam – The transgender gaze in „Boys don’t Cry“, Screen Journal, thanks to AdG) – durchaus gewichtige Rollen. Und die bei männlichen Vampiren von Gansel vermisste Emotionalität (und das Geliebtwerdenwollen) wird bei Coppola (1992) geradezu penetrant ausgestellt, nachzulesen ist das bei Lars Quadfasel und Carmen Dehnert – Rollback in Transsylvanien.
Nicht zu vergessen Catherine Deneuve und Susan Sarandon in Tony Scotts „The Hunger“, kein sensationeller Film, aber zumindest mit einer am Ende skrupellos über alle triumphierenden Sarandon und David Bowie als – eine zeitlang – „nettes Beiwerk“, den Gansel trotz der auch inspirierengekonnthabenden Eingangs-Party-Sequenz nicht erwähnt. Aber dort sind die weiblichen Vampire ja auch recht ‚unweiblich’ gefühllos…
Außerdem vermisst Gansel die Action-Frauen im deutschen Kino und behauptet dann, die gäbe es bloß bei Besson, der zu dessen Glück kein Deutscher ist. Im internationalen Film jedoch, und zwar auch und gerade im amerikanischen, der angeblich nur Superhelden kennt, sind sie durchaus zu erleben – ich verweise nur auf Ridley Scotts „Thelma and Louise“ (1991). Von der Drehbuchautorin des Films Callie Khourie hat Gansel den Trailern nach zu schließen zumindest etwas gelernt, Khourie nämlich beklagte zu Recht, dass Frauen in Filmen niemals das Auto fahren dürften, weswegen sie Thelma und Louise das Steuerrad übergab, und as soon as they were allowed to drive the car they drove the story (© by AdG). Gansels Vampirfrauen machen daraus das tausendfach repetierte Filmritual: Auf der Überholspur fahren, bis endlich wer entgegenkommt. Den Rezensionen ist zu entnehmen, dass es kaum Blut- und/ oder Sexszenen in „Wir sind die Nacht“ gibt – Thelma hat on screen sichtbaren Sex, mit Brad Pitt.
Es ist außerdem zu befürchten, dass Nina Hoss eine ähnliche Rolle wie in Oskar Röhlers „Elementarteilchen“-Verfilmung spielt, die böse weil fürallesoffeneunddaherschrecklichrepressive 68er-Mutter, die damit allen am Ende den Spaß an der Sache verdirbt. Das gliche der Rolle der antiautoritären Eltern in Gansels „Die Welle“, und „Wir sind die Nacht“ trüge implizit den Untertitel der deutschen Übersetzung des Buches vom Experiment, „das zu weit ging“. Die Botschaft lautete dann, insbesondere wenn man die immer wieder in den Rezensionen erwähnten Vampir-Shopping-Touren berücksichtigt: „Iss’ nicht zu viel Kuchenteig, davon bekommst du Bauchschmerzen.“
Es gibt wie bereits erwähnt zu viele Gründe, sich dem nicht auszusetzen. Wobei ich mir „Let the right one in“ auch nicht ansehen werde, in dem Fall allerdings, weil ich Lindqvists ‚hübsches‘ „So finster die Nacht“ gelesen habe und mir meine eigenen Bilder nicht kaputt machen lassen möchte.

Recommended reading:
Neil Gaiman – Neverwhere
William Wilkie Collins – Armadale
Jane Austen – Northanger Abbey
Leo Perutz – Der Meister des jüngsten Tages
Henry James – The Turn of the Screw
Ian McEwan – The Comfort of Strangers

  1. Gilt natürlich nicht für DdM etc. pp. [zurück]

Later: Ich habe mir die „So finster die Nacht“-Verfilmung doch noch angesehen, und sie ist insofern tatsächlich besser als das Buch, als Lindqvist über weite Strecken nicht nur einen äußerst guten Horror-Roman sondern, kürzte man ihn denn um ca. 200 Seiten, auch einen sehr guten Roman geschrieben hat. Die Mängel des Romans aber, die allein dem Klischee geschuldet sind, werden im Film ganz einfach ignoriert, und es kommt ein sehr kalt distanziert bebilderter und umso beeindruckenderer Film dabei heraus.

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization III: Irreverence



Valued qualities and their exemplary aesthetic realization II: Grace


Vaslav Nijinsky ‚dancing‘ Mallarmé/ Debussy „L’Après-midi d’un faune“ (Christian Comte)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization I: Irony


Paul Jones – „I‘ve been a bad, bad boy“ (from Privilege, UK, 1967, director: Peter Watkins)

Reread 6: „Auf geb‘ ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!“* Auf geb‘ ich noch lange nicht, sag‘ mir erst…

*Richard Wagner – Ring des Nibelungen
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In einem Punkt war Wagner wirklich genial. Es gelang ihm, für seine Dichtung – Hier! Hier! Dort! Dort! Weh! Weh! Ein Schwan! – eine passende Musik zu finden. Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini und alle anderen wären dabei draufgegangen.
Rainer Trampert/ Thomas Ebermann – Sachzwang und Gemüt

Während Daniel Barenboim in den USA noch vorwiegend für sein musikalisches Schaffen ausgezeichnet wird, geschieht dies hierzulande meistens im Rahmen seiner friedensfördernden Projekte. Barenboim ist also u.a. Träger des „Paul-Hindemith-Preises der Stadt Hanau“, des „Ernst von Siemens Musikpreises“ der Stadt Zwickau, des „Hessischen Friedenspreises“, des Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt, des Westfälischen Friedenspreises und des Herbert-von-Karajan-Musikpreises, „weil er die klassische Musikwelt nicht nur entscheidend geprägt sondern auch versöhnend weiter entwickelt hat“ (Wikipedia).
Wie auch immer man sich eine „versöhnend weiter entwickelte“ „klassische Musikwelt“ vorzustellen hat, gebe es einen „Richard Wagner-Preis“ zur Versöhnung der Deutschen mit dem Komponisten, der wie kein anderer zu ihrer Selbststilisierung als Gesamtkunstwerk beigetragen hat, so stünde Barenboim mit Sicherheit auf der short list der zu Prämierenden. Mag Barenboim selbst bloß darum bemüht sein, seine Liebe zum musikalischen Œuvre Wagners irgendwie zu rechtfertigen, – wer will das beurteilen? – den gesamtkunstwerkapologetischen Deutschen geht es keineswegs in erster Linie um Wagners Musik. Bis auf den „Ritt der Walküren“ sind sie nur wenig mit ihr vertraut (und auch das überwiegend wegen der kongenialen filmischen Adaption einer einzigartigen Erzählung).

This year I have been three times--to FAUST, TOSCA, and--“ Was it „Tannhouser“ or „Tannhoyser“? Better not risk the word.
E. M. Forster – Howards End

Von Wagner kennt man mittlerweile vornehmlich die zu den Bayreuther Festspielen Pilgernden, bekannt aus dem, was man im deutschen Fernsehen so unter Politik, Kultur und Unterhaltung versteht. Je nach politischer Couleur gerieren die sich beim Akt als Revolutionäre, Rebellen, Unkonventionelle, Konservative und/ oder Genussmenschen, denen das den Deutschen gerade mal fünf Jahre obligatorische Gruseln umso ostentativer mutig überhaupt nichts mehr ausmacht. Gottschalk ist so widerständig wie seine mal in der 1980er Byron-Reprise der Byron-Reprise der 1960er misslungene Kleidung und dann wieder als fünfter Musketier aus einer deutsch-italienisch-bulgarischen Verfilmung vorort; Guttenberg mit schmückendem Beiwerk und Gel im (absurd!) Stufenhaarschnitt; Merkel, weil Wagner im freudlosen Osten so gar nicht zu gehen schien; Claudia Roth, um 2001 die Renaissance des Pink der 1980er erfolgreich zu promoten usw. usf. Wenn Cem Özdemir Mappus vom baden-württembergischen Thron kippt, darf er bei den Festspielen 2011 die 1990er Wiedergeburt der 1960/70er Wiedergeburt der Koteletten des 19. Jahrhunderts einleiten.
Bayreuth versucht seit dem „Wiederaufsperren“ (Adorno) im Jahre 1950 verzweifelt, so harmlos wie ein ausdrücklich hutloses Ascot und eine deutsche Last Night of the Proms ohne Mitmachen und Rasseln (dafür jetzt aber auch mit Public Viewing!) daherzukommen. So albern wie am Ende der Saison in London kann es in Bayreuth nur beim (trotzdem öden und peinlichen) Defilee zugehen, sobald man den Konzertsaal betreten hat, erschöpft sich das deutsche Vergnügen im Witz, der bei Wagner überwiegend als die Juden als grotesk, unauthentisch und dergleichen denunzierend reüssiert. Absurderweise ‚verdankt’ sich Wagners Ruf als die Musik modernisierender, als revolutionärer Komponist hauptsächlich seinem Antisemitismus. „Wie antisemitisch kann Musik sein?“, fragt Gerhard Scheit und deckt die Ausdrucksmöglichkeiten (ganz abgesehen von den Libretti) einer Kunstform auf, deren Konsumenten meinen, dass Musikgenuss flüchtig sei (wer kauft heutzutage schon noch Partituren?), mathematisch, abstrakt oder bloß zu Tränen rührend (was Beethoven den Deutschen sehr übel nahm) etc. pp.

Das „Judenthum in der Musik“ ist keineswegs, wie später in Bayreuth behauptet wurde, der Abschluß, sondern der Beginn von Wagners Antisemitismus im Sinne eines kulturpolitischen Konzepts. […] Sein Antisemitismus aber blieb und äußerte sich vor allem in den Schriften „Über Staat und Religion“ (1864, „Was ist deutsch?“ (1865/78), „Deutsche Kunst und Politik“ (1867) bis zu den Regenerationsschriften (1879-1881).
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Barenboim jedoch mag nicht aufhören Wagner ‚mutig’ zu entschulden – gerne in Deutschland, wo ihm die Zustimmung umso sicherer ist, als die Deutschen sich mitgemeint wähnen (dürfen!) und ahnen, dass sie auf keinen ihrer – nicht so zahlreichen, wie sie gerne vorgeben – Kulturschaffenden von Weltgeltung verzichten können. Barenboim teilt ihnen diesmal mit, er glaube nicht, „dass man Wagner mit der Endlösung verbinden kann.“ (zitiert nach: Volker Blech – Barenboim nimmt Wagner in Schutz, Morgenpost) Natürlich sei Wagner „ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte“ gewesen, „zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.“ (Ebd.) Unbestritten. So mag man denn auch behaupten, Wagners angeblich singuläre Verfehlung, seine antisemitische Schrift über das „Judenthum in der Musik“, sei bloßer Spiegel seines „Egomanentums“ (Barenboim) oder bloß mainstream-kompatibel gewesen. Die Vehemenz und Irrsinnigkeit allerdings, mit der Wagner sich als verfolgtes Opfer darstellte, nimmt das grundlegende Thema vorweg. Und „Das Judenthum in der Musik“ war nicht Wagner einzige antisemitische Tirade, wie Wagners Urenkel Gottfried zeigt:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner, ebd.


Briefmarken-Serie: Nothilfe mit Darstellungen aus den Werken Richard Wagners, Erstausgabetag: 1. November 1933

„Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war“, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen.“ (Morgenpost, ebd.) Und: „Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte.“ (Barenboim, zitiert nach: ebd.) Warum es nicht möglich ist, Richard Wagners musikalisches Werk von seinem antisemitischen Weltbild zu trennen und Wagner „offensichtlich unvereinbare Elemente“ zu vereinigen versuchte, hat Gerhard Scheit in „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ analysiert.
Doch stets schafft Wagner in einer Figur – sei es Alberich, Mime oder Hagen – einen Fokus der Abweichung, Trübung oder Zersetzung.
Es scheint, als biete die Musik nicht unbedingt die Möglichkeiten, die Figuren gegeneinander scharf abzusetzen – wie der Strich des Karikaturisten oder die Worte des Artikelschreibers oder auch die Mimik und Sprechweise des Schauspielers –, da sie doch davon lebt, die Motive in Zusammenhang zu bringen und eins ins andere zu verwandeln oder aufzulösen. So wird bei Wagner eine Vielfalt kompositorischer Methoden aufgeboten, um die Eindunkelung der lichten Momente zu bewerkstelligen und damit die Abgrenzung zwischen den Sphären aufzuheben. Der Komponist selber spricht von einer „fremdartig ableitenden Harmonisation“, wenn er an einem Beispiel aus der Walküre zu erklären sucht, was mit Natur- und Walhall-Themen durch Alberichs, Mimes oder Hagens Eingreifen fortwährend geschieht. Georg Knepler sieht völlig neue „Techniken zur Konfliktlösung“ [A.a.O.], wenn komplexe musikalische Vorgänge der Eintrübung, Verzerrung und Entstellung mit den negativen Figuren der Handlung semantisierbar werden. Die schließt jedoch nicht aus, sondern legt im Gegenteil eher nahe, daß sich Wagner bei der Komposition durch die antisemitisch geprägte Vorstellung leiten ließ, wonach die bösen Wesen sich in die guten einschleichen und sie von innen her zersetzen. Und so gesehen, hat Wagner in der Musik völlig neue Techniken antisemitischer Projektion entwickelt.
“ (S. 296 f; ein kurzer aber erhellender Auszug ist außerdem zu finden unter: Gerhard Scheit – Blonde Bestie, ewige Jüdin. Wagners Vernichtungsklang)

But, of course, the real villain is Wagner.
E.M. Forster – Howards End

In den Deutschen Medien beklagt man sich trotzdem unisono über die Unversöhnlichkeit der Israelis. Man kann ja gerade noch verstehen, dass diejenigen, die in den Vernichtungslagern miterleben mussten, wie sich die Deutschen mit Wagners Musik in mörderische Stimmung brachten, ihn nie wieder hören möchten. Aber nachdem sie – wie permanent mitgeteilt wird – demnächst aussterben werden… (Mit Claude Lanzmann – für den der Tod eine Schande bedeutet – möchte man für alle einfordern, was er sich für Michael Podchlebnik, einen inzwischen verstorbenen Überlebenden Chelmnos gewünscht hätte: „Männer seines Schlages sollten nie sterben dürfen.“ Der patagonische Hase)
Und obwohl viele nachweislich und zum großen Unbehagen der Deutschen, die endlich die letzten Zeugen beseitigt wissen möchten, nach wie vor überleben, ‚muss doch wohl endlich mal Schluss sein’… Und man gibt sich ein wenig indigniert, denn: „Kürzlich erst waren dort die (medialen) Leidenschaften wieder entflammt, als bekannt wurde, dass die junge Festspielleiterin Katharina Wagner in bester Absicht ein Kammerorchester aus Israel in Bayreuth empfangen wollte. Die Regisseurin hatte bei Amtsantritt bereits angekündigt, die Nazi-Verwicklungen ihrer Familie aufarbeiten zu lassen. Aber ihre einladende Geste sorgte für Unmut in Israel.“ (Morgenpost, ebd.)
Die ‚Aufarbeitung’ der „Nazi-Verwicklungen“ – man handhabt sie unterdessen wie die eines Stuhls oder Sofas, irgendwo kann man das Schmuckstück wohl hinstellen, schließlich ist es ein Erbstück und durchaus noch zweckmäßig zu verwenden.

Recommended reading:
Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult
Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
Claude Lanzmann – Der patagonische Hase

+ Playlist: „Heute mal nicht Wagner“

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 1/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 2/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 3/3

Dmtri Schostakowitsch – Klavierkonzert No. 2: II Andante

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 1/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 2/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 10: II Allegro

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 8: II Allegro non troppo

Bernard Herrmann – Psycho Suite

Anselm Kiefer – der Künstler als Deutschlandinsichtragender

Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry

Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.

The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.

R.L. Stevenson – The Cow

Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.

And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?

Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)

Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.

Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«

Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09

* Da passt immer noch eine Kuh rein!

„Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht.“ Die Leiden des jungen B.

Mit dem ‚Vollgasgebenden‘ oder ‚voll Gas Gebenden‘ ist Joseph Goebbels gemeint. Der 39-jährige, von den US-Amerikanern im Bunde mit den Nazis um sein Deutschtum, um seine Identität und Kultur betrogene Moritz Bleibtreu hat im Interview mit The European außerdem so ziemlich alles von sich gegeben, was dieses Land so unangenehm macht, weswegen die Zitate hier auch weitgehend unkommentiert wiedergegeben werden. Mehr zu den Reaktionen auf Oskar Röhlers (laut Süddeutscher „einer der erklärten Wilden unseres [!] Kinos“ – teehee) „Film ohne Gewissen“ kommt demnächst.

Moritz Bleibtreu im Interview mit Nina Klotz für The European: „Jud Süß. Film ohne Gewissen. ‚Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft‘“, Auszüge:

Trotzdem finde ich, dass gerade Leute aus meiner Generation das Recht haben müssen, sich mit der eigenen Zeitgeschichte künstlerisch frei zu beschäftigen. Ich muss das Recht haben, mit diesen Figuren künstlerisch machen zu können, was ich will.[…]
Das [Harlans „Jud Süß“] ist handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus [???? usw. usf.] . Er spielt mit einer irren Manipulation, die den Film wahnsinnig gefährlich macht, keine Frage. Es ist perfide. Und gerade in Bezug auf die Novelle von Feuchtwanger [die, by the way, ein 535-Seiten-Roman ist, Aufbau TB] ist es abstoßend, was daraus gemacht wurde – und mit welcher Intelligenz. Aber diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen. Der Film bekommt dadurch eine Wichtigkeit und ein Gewicht, die er überhaupt nicht verdient hat. Ich bin der Meinung: Zeigt ihn in der achten Klasse im Deutschunterricht, lest die Novelle dazu und diskutiert es! […]
Der Faschismus damals war auf seine Art so intelligent, dass die Menschen nicht gemerkt haben, worauf er hinausläuft.[…]
Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.[…]
Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte.[…]
[E]r war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter. […] Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen. “Der Bock von Babelsberg”, “Goebbels gerammelte Werke” – der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals […].
Diese Zeit [der Nationalsozialismus] hat für mich als Schauspieler immer noch einen direkten Einfluss auf mein Leben, da sie meine kulturelle Identität beeinflusst hat. Alle Kunstschaffenden leben von kultureller Identität. Kino wäre ohne kulturelle Identität tot.[…]
Als ich jung war, habe ich Deutschland gehasst. Ich fand alles an diesem Land schrecklich, weil ich keine Identifikationsfläche hatte für irgendetwas Deutsches, das ich als positiv empfinden konnte. Es gab keine deutsche Musik [???, nur mal kurz dem Alter des Interviewten gemäß recherchiert…], es gab keine deutschen Filme [???], es gab keinen Xavier Naidoo [lucky you!], kein Silbermond [dito], keinen Til Schweiger [dito] und keinen Jürgen Vogel [Es gab schon lange Werner Enke, und der sagte immer wieder und offenbar zu Recht: „Es wird böse enden!„] Es gab im Bezug auf das Deutsche gar nichts. Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten. […] Wann werden wir es endlich lernen, auf eine schöne [den Link zu Riefenstahl setze ich jetzt mal nicht] und coole Art patriotisch zu sein? Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes. […] Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?

Heute vor siebzig Jahren haben es die, die u.a. deutsche Kultur mit allen Mitteln vor geistigen ‚Besatzern‘ bewahren wollten, geschafft, Walter Benjamin in den Tod zu treiben. Er hat auf deutsch geschrieben; jemand sollte Moritz Bleibtreu eine Gesamtausgabe seiner Werke zu Weihnachten schenken. ThdHH?

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Recommended reading:
Walter Benjamin – Gesammelte Schriften
Lion Feuchtwanger – Die Brüder Lautensack, Erfolg, Exil, Die Geschwister Oppermann, Der Tag wird kommen und überhaupt
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
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Update 30.11.2010: Der „junge B.“ wurde im aktuellen Konkret-Heft (12/10) von Herrn Gremliza express-gerevisited – auch hübsch, aber es gibt nichts wirklich Neues zum Thema zu lesen.

Reread 5: 1.008 Jahre Riefenstahl

Jenny Elvers-Elbertzhagen wird Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsregisseurin. Der Film mit dem vielversprechenden Arbeitstitel Angeklagt soll frühestens 2012 in die Kinos kommen. Wer den Film produziert und wer Regie führt, wollte die Agentur der Hauptdarstellerin nicht verraten – nur so viel: Ein Niederländer soll es sein.“ (Katharina Riehl – Die Rolle eines Lebens, Süddeutsche)

Das mit dem Niederländer ist natürlich eine falsche Fährte. Nachdem Riefenstahl Madonna die Rechte an der Verfilmung ihres Lebens nicht gönnen wollte und auch nicht Kevin Costner oder Jodie Foster, kommt nur noch eine Regisseurin in Frage: Riefenstahl selbst. Dass sie tot ist, bedeutet für die schon zu Lebzeiten Untote (s.u.) das geringste Hindernis. In der Süddeutschen wird die Frage gestellt: „Nun also Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ob ihr das gefallen hätte?“ Und geantwortet: „Man weiß es nicht.“ (ebd.) Soll das ein Witz sein? Riefenstahl würde es grauenvoll finden, weswegen ihr Geist zu gegebener Zeit Elvers-Elbertzhagens Körper übernehmen wird, um sich unter eigener Regie auch noch angemessen darstellen zu können.


Riefenstahl beim Truppenbesuch in Polen, Bundesarchiv

Als Riefenstahl 100 wurde, schrieb Gert Ockert ihr und ihren Gratulanten eine Laudatio, die an Schicklichkeit kaum zu überbieten ist.

Gert Ockert – 1.000 Jahre Riefenstahl, Konkret 10/02 (kurze Zitate aus einem angebracht langen und leider online nicht verfügbaren Artikel):

Sie haben sich nie für etwas geschämt, niemals um die Opfer ihrer Mordlust getrauert, keine Sekunde lang die Schuld, in der sie vor der ganzen Welt stehen, akzeptiert, keinen Augenblick lang innegehalten, um vor sich selbst zu erschrecken und vor ihrer Geschichte, ein halbes Jahrhundert lang nicht. Und inzwischen tun sie nicht mal mehr so, als ob. Die Deutschen kommen mit ihrer Vergangenheit bestens klar, weil sie nur das in ihrem Gedächtnis bewahren, was bei Gedenktagen nicht stört. Sie sind mit sich im reinen, weil sie jeden, der sie an das erinnert, was sie, und nicht nur eine kleine, exotische Bande von Nazi-Unholden, angerichtet haben, als einen abtun, der sie in den Schmutz ziehen will. Das abscheulichste und entsetzlichste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit hat nichts mit ihnen, sondern nur mit ihrem Namen zu tun. […] Kein nennenswerter Akt der Sühne ist den Deutschen je gelungen, den man ihnen nicht hätte aufzwingen müssen, und dann war er erst recht nicht nennenswert. Sie reden sich heraus seit 57 Jahren, sie leugnen, lügen, fälschen, drohen, verklagen, jammern, quatschen schön oder schweigen stur, und sie sind darüber steinreich geworden und arrogant; unbesiegbar, weil sie keine Reue kennen, unentrinnbar, weil sie sich aufdrängen, wo sie nur können, unsterblich, weil ihr Schlaf von keinen Alpträumen gestört wird. Deutsche haben keine Alpträume, denn sie sind selbst einer.
Wie sehr die Kinder der Mörder ihren Eltern in der Absenz von Trauer und Scham ähneln, wie viel Geschwätz sie entfesseln, um nur nichts Selbstkritisches sagen zu müssen, wie sie das Maul aufsperren, damit sie es anderen verbieten können, all das läßt sich am besten besichtigen, wenn ein runder Geburtstag ansteht. Wie z. B. soeben der hundertste einer Frau, die alle Lügen und Frechheiten, alle Gewissenlosigkeit und alles Selbstmitleid dieser Deutschen derart plakativ verkörpert, daß man meinen möchte, sie sei eine Art ektoplasmatische Erscheinung, geboren bei einer nationalen Séance gleich nach Kriegsende, der fleischgewordene kollektive Unwille der Deutschen zur Scham, und darum so alt, so unverwüstlich, so grauenerregend: ein Gespenst der Gemeinheit, eine Wiedergängerin, die für jeden ermordeten Juden ein Jahr Lebenszeit geschenkt bekommen hat, ein Zombie des Obszönen.

[…] Riefenstahl, blödelt Martenstein, ist vermutlich keine Nationalsozialistin gewesen, das sagten jedenfalls alle, die sie damals kannten, nur ein Genie auf Arbeitssuche. Das nehmen mußte, was es kriegen konnte, weil der schwer faschistische Schmarren, den Riefenstahl bereits 1932 in »Das blaue Licht« inszeniert hatte, allein von den Nazis goutiert wurde. […] Eine der wenigen Zigeunerkomparsinnen, die »Tiefland« überlebten, erzählt in der »Süddeutschen Zeitung«, was ihr passierte, nachdem sie vom Set geflüchtet war. Bald fing die Polizei sie ein, und das Genie verlangte von der jungen Frau Bußfertigkeit, was das Mädchen verweigerte: Da hat die Frau Riefenstahl gesagt: »Dann kommst du eben ins Konzentrationslager.« Und so geschah es auch.
[…] Die »Bunte« überliefert, was die Frau mit der atemberaubend erotischen Bildsprache ihren Festgästen zurief: Alles hätte ich mir vorstellen können, aber daß ich 100 Jahre alt werde, niemals! Sie ist unter all diesen exemplarischen Deutschen wahrscheinlich die einzige Person gewesen, die weiß, daß ihr Geburtstag und all das Gewese um ihn in einem zivilisierten Gemeinwesen unvorstellbar wären. In Deutschland aber ist nur der Tod nicht ihr Freund.

John Lydon in Tel Aviv, August 31, 2010

Provocative, feigning naïveté, offensive, brilliant, dumb, Punk, anti-Punk, anti-government, Post Punk, anti-Post Punk, anti-Elvis Costello („What a wanker!“), anti-Britney, pro-Michael, anti-Heineken, wry, stupid, funny, biased, unbiased, identity-establishing, anti-identity, ironic, undoubtedly and decidedly anti-anti-Semitic, despite the massive pressure put on him:


+ Public Image


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Later: Julie Burchill – Johnny is not the rotten one, via Anti-German Translation

Deutsche Denkmäler I: Ein Denkmal für Adorno – den Spaßverderber!

Mit der Ausführung des Denkmals hatte das städtische Hochbauamt das Frankfurter Büro INDEX Architekten beauftragt. Es galt, eine möglichst atmosphärische Umsetzung des künstlerischen Themas bei Beachtung der sicherheitstechnischen Bestimmungen im öffentlichen Raum und den bautechnischen und physikalischen Ansprüchen zu erreichen. Konstruktiv wird das Denkmal wie ein Gebäude bewertet. Es verfügt über einen Wartungstunnel mit einem Einstieg außerhalb des Objektes als einzigem Zugang zum Glaskubus. Dieser ist komplett abgedichtet, weist in seinem Inneren eine konstante Luftfeuchtigkeit auf und wird weder beheizt noch belüftet. Sämtliche Einbauten wurden auf Dauer angelegt und verformungsresistent konstruiert.
Wikipedia


Foto: dontworry

Das Falsche der Sinngebung, das Nichts als Etwas, erzeugt die sprachliche Verlogenheit.
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

Als ich 15 wurde, habe ich ein Geburtstagsgeschenk bekommen von einem zum Zeitpunkt 16jährigen, in den ich seit Monaten hoffnungslos und an Wahnsinn grenzend (ask my mom!) verliebt war: eine 0,5l Cola-Flasche gefüllt mit Wasser, einem orangefarbenem Buntstift und einem Pfennig. Bei der Übergabe wurde mir mitgeteilt, der Buntstift stünde für „deine Kunst und der Pfennig dafür, dass du damit erfolgreich sein wirst“… Ich war also 15, definitiv wahnsinnig (ask me now!) und entsprechend begeistert: Er hatte sich Gedanken über mich gemacht, überhaupt zwischendurch mal an mich gedacht und mir ein ungeheuer bedeutungsvolles Etwas gewidmet, und ‚was basteln’ ist eh viel toller als ‚was kaufen’ or so the saying goes.
Das Adorno-Denkmal in Frankfurt funktioniert ähnlich, nur ohne Wasser.1 Alles in ihm steht stellvertretend für. (Das ist wirklich das Satzende.) In einem Kubus aus Sicherheitsglas stehen auf einem Parkettboden ein Schreibtisch und ein Stuhl, die dem Schreibtisch und dem Stuhl, die sich in Adornos Arbeitszimmer befanden, absichtsvoll nicht einmal ähneln. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchtet eine Lampe auf dem Schreibtisch und soll Adornos nächtliches Schreiben symbolisieren. Das ebenfalls auf dem Tisch sich befindende Metronom tickt ohne Unterlass und repräsentiert sein musikalisches, die aufgeschlagene Ausgabe der Negativen Dialektik sein …ha!… philosophisches Werk. (Es handelt sich offenbar tatsächlich um die Negative Dialektik und nicht um absichtsvoll und beispielsweise Heideggers Sein und Zeit, Ganghofers Schweigen im Walde oder den Schwarm von Schätzing, um den Realitäts- respektive Authen-tizitätsbegriff noch ein klein wenig und ungeheuer originell herumzuschieben, s.u.) Dann gibt es noch ein getipptes Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen und ein Notenblatt, die stehen für Adornos Schwerpunkte. Um den Kubus herum ließ Vadim Zakharov, der zum Zeitpunkt der Einweihung (2003) 44-jährige (!) Schöpfer des Denkmals, ein Labyrinth aus weißem Marmor und schwarzem Granit basteln, und darin Zitate aus der Ästhetischen Theorie und den Minima Moralia einmeißeln.

Jahre später als jene Stelle geschrieben ward, hat Auschwitz das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. Daß es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, daß diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber, im emphatischen Anspruch ihrer Autarkie, haust die Unwahrheit. Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.
Theodor W. Adorno – Negative Dialektik

Der in Köln lebende Zakharov konnte sich mit seinem Entwurf für das Denkmal gegen fünf weitere Entwürfe durchsetzen. Er entschied sich für eine haptische [?] Inszenierung beziehungsweise eine narrative Installation“.
Wikipedia

Adorno ist tot, aber wenn er noch lebte, hielte sich seine Begeisterung darüber, dass Zakharov zwischendurch mal an ihn gedacht hat, vermutlich in engen Grenzen. „Freilich entbindet das nicht objektiv von der Interpretation, so als ob es nichts zu interpretieren gäbe“ (Theodor W. Adorno – Ästhetische Theorie) – auch wenn das Kunstwerk nichts ist als eine anschauliche Interpretationshilfe seiner selbst. Wenn es bloß die sowieso allgemein anerkannten Leistungen des honorierten Frankfurter Bürgers, dem es offenbar gewidmet wurde, abhakt und mit einer Pointe schließt, wie in einer schlechten Kurzgeschichte: Adornos Schreibumgebung jedoch sah in der Wirklichkeit ganz anders aus. Das Labyrinth ist dann ein bedeutungsschwangerer Kitschumschlag für eine esoterische Derwegistdasziel-Erzählung, in der nichtallesoistwieesauf-denerstenblickscheint. Zakharov möchte das Ganze als „’Monument für das schöpferische Denken’, als Bild des Augenblicks, in dem der Denker verschwindet und nur der Gedanke bleibt“, verstanden wissen. Und „Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) und Jury-Mitglied, hält das Denkmal für ‚intelligent und sensibel genug [!], um neugierig auf Adorno zu machen’. Ein Abbild der Person sei nicht zeitgemäß und werde Adorno nicht gerecht.Spiegel online


Foto: Frank Behnsen

Man mag einwenden, dass in diesem Fall eine Büste mit zumindest individuellen Zügen nicht soviel schrecklicher sein könne – gebe es nicht die Bronzetafel an Adornos Wohnhaus. Gestiftet wurde sie vom Suhrkamp-Verlag und gestaltet von Günter Maniewski, dessen Modell nicht Adorno gewesen sein kann, sondern irgendein vom Bildhauer verabscheuter Nachbar ohne Ohren. Die Inschrift ist ähnlich gelungen: „Theodor W. Adorno, * 11. September 1903 in Frankfurt am Main, † 6. August 1969, lebte von 1949 bis zu seinem Tode gemeinsam mit seiner Frau Gretel in diesem Haus. Der Soziologe, Philosoph, Mitbegründer der Frankfurter Schule, Direktor des Instituts für Sozialforschung, Komponist und Musikwissenschaftler erhielt 1933 Lehrverbot und musste von 1934 bis 1949 in englischer und amerikanischer Emigration leben. »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« – Minima Moralia –“ (Later – see also: Kommentar von Cyrano. Ich teile den Eindruck!)
Auch diesmal: Alles fürs angemessen erscheinende Gedenken Notwendige abgehakt und noch den einzigen Satz aus Adornos Œuvre angehängt, den selbst jeder Nazi so unterschreiben könnte, weswegen allein er sich ins deutsche Gedächtnis einprägen ließ.2

Sterben bestätigt bloß noch die absolute Irrelevanz des natürlichen Lebewesens gegenüber dem gesellschaftlich Absoluten. Wenn irgend die Kulturindustrie Zeugnis ablegt von den Veränderungen in der organischen Zusammensetzung der Gesellschaft, dann durchs kaum verhüllte Eingeständnis dieser Sachverhalte. Unter ihrer Linse beginnt der Tod komisch zu werden.
Theodor W. Adorno – Minima Moralia

An den Satz hängt sich auch Georg Bussmann, Eröffnungsredner einer Kunstaktion an, der sich bereits seines Alters wegen als (wie originell im Land, in dem sich wahrscheinlich 70% der Lesefähigen als von Adorno am Spaß gehindert wähnen) „adornogeschädigt“ bezeichnet und meint, mit dem Zakharov-Denkmal könne man ruhig etwas machen, das irgendwie so lustig sei wie Robert Gernhardts tatsächlich witziges „Es gibt kein richtiges Leben im valschen.“ Aber Adorno ist tot, und „[i]rgendwann ist mir klar geworden, dass ich es bei diesem Satz mit einem Idealismus zu tun habe, einem Idealismus der Negativität[4]. Und Idealismen versuche ich immer zu entkommen, indem ich so reagiere wie Diogenes auf Plato, d. h. kynisch. Da stelle ich mir dann vor, dass beim Hinschreiben des berühmt-berüchtigten Satzes vielleicht eine gute Flasche Rotwein, ein kalifornischer, mit im Spiel war. Darf man das? Natürlich nicht, es ist politisch nicht korrekt.“ (Georg Bussmann, pdf)
Aber sicher doch… Deutsche Opfer Adornos über seinen Tod3 hinaus. Die Kunstaktion, um die es eigentlich ging, ist eher unlustig und bedient sich desselben, diesmal auch noch schlecht übersetzten Satzes. Den würden womöglich auch die unterschreiben, die zum Entsetzen der Denkmalhinsteller dieses regelmäßig mit Bierflaschen und dergleichen bewerfen. Woraufhin diverse honorige Frankfurter Bürger sich zur Nachtwache bereit erklärten. Man kann zumindest mit dem, was seinem Schreibtisch nicht einmal ähnelt, den guten Ruf des ‚adornogeschädigten‘ Volkes bewahren helfen. Dabei ist eines sicher, die Bierflaschen flögen sowieso, ganz gleich, wem das Denkmal gewidmet ist. Ein Glaskubus mit was drin! Adorno kann sich selbst nicht mehr schützen, vor den Deutschen, die sich schreckenerregend gerne als seine Opfer imaginieren und ihm möglichst anspruchslose Denkmäler setzen.
Als ich 16 wurde, hat mir der mittlerweile 17jährige und immer noch unsinnig angebetete ein selbstgeklautes Buch geschenkt, „weil du doch gerne liest.“ Er hatte sich für mich in Gefahr begeben, und ‚was selbstgeklautes’ ist viel toller als ‚was gekauftes’ oder so. Ich erinnere mich nicht mal mehr an den Titel und habe das Buch nie gelesen. Etwas später fand er mich endlich genauso umwerfend wie ich ihn, und nach wenigen Wochen habe ich herausgefunden, dass er vor allem eins war: unglaublich geizig. Es gibt keine befriedigenden Pointen für enttäuschende Geschichten.

  1. Sehr sinnvoll: Der Buntstift in der Cola-Flasche fing recht schnell an eklig rumzusuppen! [zurück]
  2. Im Text, der mit dem Satz schließt, geht es übrigens im weitesten Sinne ums Wohnen und darin stehen auch so pointierte Formulierungen wie: „Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.“ Theodor W. Adorno – Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Asyl für Obdachlose. [zurück]
  3. Wie manche niedere Organismen nicht im selben Sinne sterben wie die höheren, individuierten, so ist angesichts des Potentials der Verfügung über organische Prozesse, das Umriss gewinnt, der Gedanke einer Abschaffung des Todes nicht a fortiori abzutun. Sie mag sehr unwahrscheinlich sein; denken jedoch läßt sich, was existentialontologisch nicht einmal sich denken lassen dürfte. Die Beteuerung der ontologischen Dignität des Todes aber wird nichtig bereits angesichts der Möglichkeit, daß an ihm, nach Heideggers Sprache ontisch, etwas sich änderte. Indem Heidegger derlei Hoffnungen, wie Inquisitoren wohl es nennen, im Keim erstickt, spricht das Eigentliche für all die, welche, sobald sie auch nur von jenem Potential hören, den Sprechchor anstimmen, nichts sei schlimmer, als wenn kein Tod mehr wäre.“ Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen ideologie [zurück]
  4. Wenn mir etwas […] in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher. Aber ich habe immer wieder das Gefühl, daß man, wenn man nicht im Negativen aushält oder zu früh ins Positive übergeht, dem Unwahren in die Hände arbeitet.“ Theodor W. Adorno in Theodor W. Adorno, Thomas Mann. Briefwechsel 1943 – 1955 [zurück]

Deutsches Dokudrama mit „äh“ und „aber“: „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“

Wo es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen mir und der Welt, deren immer noch nicht widerrufenes Todesurteil ich als soziale Realität anerkenne, geht sie auf in der Polemik. Ihr wollt nicht hören? Höret. Ihr wollt nicht wissen, wohin eure Gleichgültigkeit euch selber und mich zu jeder Stunde wieder hinführen kann? Ich sage es euch. Es geht euch nichts an, was geschah, denn ihr wußtet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

Ja. Ich habe ganz kurz mit ihm über Silvia gesprochen. Klaus „Nick“ Eichmann ist ein sympathischer älterer Herr. Er sprach mit sehr viel Wärme über Silvia. Die Eichmann-Söhne geben ansonsten keine Interviews. Es war für uns wichtig, dass die Geschichte – die Begegnung zwischen Nick und Silvia – von dieser Seite nochmals bestätigt wird.
Regisseur Raymond Ley im Interview mit dem Standard

Dann hat der Vater dem Mädchen sofort gesagt, dass sie kommen sollte. Denn als sie ihn fassten, drohte der Junge, dass er Silvia umbringen wollte, weil sie ihn verraten habe.
Alicia Dandörfer, Nachbarin der Familie Hermann in Argentinien, als Zeitzeugin im Film

Der NDR jubelt auf seinen Kultur-Seiten, die verantwortlichen Redakteure und der Regisseur triumphieren in Interviews mit den einschlägigen Medien, und alle sind sich einig: Sie haben das Genre Dokudrama nicht nur bereichert, sondern auch „das authentischste, dokumentarischste Dokudrama bisher“ (NDR-Geschichtsredakteur Alexander von Sallwitz in der taz) vorgelegt. „Raymond Ley ließ die Dialoge geradezu puristisch umsetzen: Jedes „aber“, jedes „äh“ aus den Originaldokumenten sei in den Filmdialogen berücksichtigt worden, betont NDR-Redakteurin Schlesinger.“ (René Martens, taz online) Um diese Leistung zu würdigen, wird über den Abspann des Films „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ eine Tonspur mit Eichmanns Originalstimme gelegt: „Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen.“ Das deutsche Feuilleton findet das alles ganz großartig: „formal puristisch, inhaltlich facettenreich“ (ebd.), mit einer „historischen und psychologischen Präzision“, „enormen erzählerischen Dichte“ und „fiktional mitreißend“. „Der „Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte – hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben“ (Christian Buß, Spiegel online). „Herbert Knaup brilliert in „Eichmanns Ende““; „Raymond Ley gelingt es, Eichmanns selbstgerechte Lebensbeichte gegenüber Sassen flüssig und selbstverständlich zu verschränken mit der Geschichte seiner Entdeckung. Das liegt vor allem an der großartigen Leistung von Herbert Knaup, der Eichmann intensiver verkörpert als wohl alle anderen Schauspieler, die sich bisher an dieser Rolle versucht haben.“ (Welt.de)1
Das Dokudrama ist die Grimme-Preis-heischendste Disziplin im deutschen Fernsehen, je mehr sich in ihm deutsche Schauspieler zu den ihnen möglichen Höchstleistungen herausgefordert sehen umso Erfolg versprechender. Nazis darstellen ist der Gipfel deutscher Schauspielkunst – solange es in heimischen Produktionen oder für Tarantino ist, sonst verweigert man sich den US-Amerikanern gerne – schließlich will man nicht herhalten müssen als Unambivalentesnazimaterial und findet es ganz furchtbar, dass man als Deutscher in Hollywood immer nur SS- oder Gestapo-Männer darstellen darf. In einer vorwiegend deutschen Produktion jedoch (was den israelischen Channel 1 geritten haben mag, sich am Machwerk zu beteiligen, weiß man nicht) gibt man gerne den ‚facettenreichen Darsteller’. Das resultiert darin, dass alle (Tukur, Milberg etc.) so spielen wie immer, und Knaup ganz offensichtlich an Eichmann-Material geschult wurde – und trotzdem Knaup bleibt. Dementsprechend preist der NDR die „äußerst spannende Geschichte“ auch als „[a]bsolut echt, authentisch und Wort für Wort belegt“ an. „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ ist laut NDR ein „Dokudrama mit Top-Besetzung“.
„Eichmann“ ist so banal bösartig, wie Knaup es nur kann, und sein „Ende“ wird künstlerisch ansprechend bloß repräsentiert, wenn er auf einen Stuhl steigen muss, um seiner Frau zu zeigen, dass er bequem (hilflos in großkarierten Pantoffeln) bekleidet ist, dann nämlich sieht man ihn nur bis zum Hals – das erspart dem Zuschauer das Bild seiner Hinrichtung durch den Strick.
Im Film wird alles penibel abgesichert. Nicht missverstanden werden möchte man, und deswegen gibt es diverse Erzählebenen – „formal puristisch“ ist eine groteske Fehlbeschreibung. Die Interviews, die der niederländische SS-Untersturmbannführer Willem Sassen mit Eichmann in Buenos Aires führte und denen angeblich das eigentliche filmische Interesse galt, werden in Ausschnitten nachgestellt. Ulrich Tukur als Sassen und Herbert Knaup als Eichmann sitzen sich in einem Salon gegenüber – Eichmann will mit der Judenvernichtung angeben, und Sassen will, (dass behauptet wird,) dass sie nicht wirklich stattgefunden hat. Daraus u.a. soll dann die Spannung des Filmes entstehen. Was passiert, ist allerdings, dass der weltgewandte, wenn auch ein wenig genervte Holocaust-Leugner als viel besserer Mensch wegkommt als der verkrampft und unbeholfen sich brüstende SS-Obersturmbannführer. („Eichmanns Ansichten schockierten sogar die Beteiligten.“ NDR) Gestützt wird das Bild noch dadurch, dass die Darsteller von Sassens Tochter und Frau sich sichtlich vor Eichmann gruseln und Sassens Tochter als Zeitzeugin befragt, ihren Vater als Verblendeten beschreiben darf. Und Sassen ist Tukur – durch Film und Fernsehen vorwiegend bekannt als „der gute Nazi“. Eichmanns in kalter Bürokratensprache vorgetragene Schilderungen seiner Aufgaben während des Holocaust werden auf der nächsten Ebene mit schwarzweißen Filmaufnahmen und Fotografien von den Transporten und aus den Vernichtungslagern illustriert. So sei es wirklich gewesen und eben nicht „banal“ sondern böse. Die über beinahe den gesamten Film gegossene Musiksuppe liegt auch auf den Bildern, nur über zwei oder drei besonders grauenvollen Darstellungen nicht – sehr pietätvoll. Eichmanns musikalisches Thema ähnelt zudem einem Klavierthema, das Ennio Morricone für „White Dog“ (USA 1982, Samuel Fuller, basierend auf Romain Garys dokumentierendem Roman Chien blanc) komponierte.
Auf einer weiteren Ebene sitzt Axel Milberg als Fritz Bauer im Büro herum oder trifft sich im Wald mit einem Mossad-Agenten, um die Entführung Eichmanns voranzutreiben. Und irgendwann wird unsinnigerweise die Szene „Eichmann mit seiner verärgerten Geliebten“ gezeigt. Zwischendurch werden immer wieder Interviews mit Zeitzeugen eingeblendet: mit der zweiten Ehefrau Lothar Hermanns (dessen Identifizierung zu Eichmanns Entführung durch den Mossad führte), einer Freundin der Familie Hermann, einem der Nachbarn, Sassens Tochter, zwei ausschlaggebend an der Entführung beteiligten Mossad-Mitarbeitern und drei Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte (entlarvend!)3. Nachgestellt werden außerdem Ausschnitte eines Interviews, das zwei Journalisten von Paris Match 1982 mit der Witwe Eichmanns führten. Am Ende gibt es noch Original-Bildmaterial aus Israel zur Zeit des Eichmann-Prozesses und Bilder vom Prozess selbst.
Jede Ebene hat ihre eigene Farbgebung – das reicht von klassischen Isthaltvergangenheit-Sepiatönen über rote Akzente im staubig-sonnigen Argentinien (das in Niedersachsen nachgebaut wurde, weil’s billiger war), kaltes Blaugrau, bis zum Schwarzweiß des Originalmaterials (Holocaust/ Israel).
Das alles ist typisches deutsches Dokudrama und fügt dem Genre weder etwas hinzu, noch kann es viel schlechter als sonst kommen. Dem „Sensationsfund“ wird das alles nicht gerecht, wie nichts Ästhetisierendes Eichmann jemals gerecht werden könnte, nicht einmal seine eigenen Worte.


Caravaggio – Judith köpft Holofernes

So unfassbar diese Sätze klingen, so unglaublich ist die Geschichte von der Ergreifung des Schergen! Nicht seine Interviews haben zur Ergreifung geführt – nein, es war die Liebe!“ (Bild.de)

Sie konnte nicht glauben, dass ihr das passiert. Sie sagte: Nach allem, was sie meiner Familie angetan haben. Dass das Schicksal sie dazu bestimmt hat. Es war Zufall, dass sie mit dem Sohn von Eichmann zusammengewesen ist. […] Es war nicht von einem Tag auf den anderen. Sie hat darauf hingearbeitet, um zu erreichen, dass er sie zu sich nachhause einlädt. Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken. […] Und sie wusste auch, welches Risiko sie einging, wenn sie Informationen weitergab. […] Sie sagte mir, ich weiß, welches Risiko ich eingehe.
Alicia Dandörfer, ebd.

Der Halbjude [!] Lothar Hermann war auf der richtigen Fährte. Der Mann im Rentenalter meldete dem jungen israelischen Ausland-Geheimdienst Mossad in Tel Aviv, was ihm seine Tochter Sylvia über die Bewohner des Hauses Charabuco-Straße 4261 in Olivos erzählt hatte: In jenem nördlichen Vorort von Buenos Aires wohnte ein Ehepaar, mit dessen ältestem Sohn sie befreundet war. Der junge Mann hieß Klaus Eichmann und sagte desöfteren, es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.
Hans Werner Loose – Der Eichmann-Jäger bricht sein Schweigen, Rezension von Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl: Der Jäger – Operation Eichmann: Was wirklich geschah, DieWelt 28.03.96

Auf der untertitelgebenden Erzählebene („Liebe, Verrat, Tod“), auf der das Dokumentarische nahezu vollständig zugunsten des Fiktiven in den Hintergrund treten muss, und auf die man beim NDR besonders stolz ist, wird bei Ley die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die ihrem das KZ nur knapp überlebt habenden Vater von den antisemitischen Sprüchen eines Schulfreundes berichtet, zu einer alten Geschichte: Ein Drama um eine deutsch ausgelegte Judith oder Esther etc. (vgl. dazu Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld, S. 224ff) und einen die Attraktivität seiner ihm einzig und, wie Eichmanns Aussage über dem Abspann belegt, nur ‚ungern’ von den Nazis ‚gelassenen’ ‚Blutsverwandten’ rücksichtslos ausnutzenden Vater.2
Ein Mann zerstört zwei Familien, seine eigene und die Adolf Eichmanns – aus Rachsucht, weil Eichmann die Vernichtung seiner Familie organisierte und für am Ende 10.130 Dollar, die ihm die Israelis für die Ergreifung Eichmanns bezahlten. Dem aus Kassel stammenden Regisseur Raymond Ley verschlägt es ob der Sinnlosigkeit der Zerstörung immer mal wieder die Filmsprache (die allerdings und vor allem die Eichmanns ist dem Spiegel eine Einleitung wert). Dabei ist er TV-Experte für deutsche Karrieren (Beate Uhse – Eine deutsche Karriere, 1999), deutsche Katastrophen (Eschede Zug 884, 2008; Die Nacht der großen Flut, 2005) und Deutsches überhaupt (Helm ab zum Jubiläum! – 50 Jahre Bundeswehr; 2005; Aus Liebe zu Deutschland – Eine Spendenaffäre, 2003; An deutschen Tischen, 2000).
Im Gegensatz zu Eichmanns „Tod“ (s.o.) wird der Zuschauer „Liebe“ und „Verrat“ wesentlich rücksichtsloser ausgesetzt. Die „Liebe“ seiner Tochter Silvia – zu Nick, Eichmanns Sohn – und sie gleich mit opfert der Holocaust-Überlebende Lothar Hermann (Michael Hanemann, verbittert, ungeduldig und lieblos) seiner Rachsucht. Als Gewährsmann für die Liebesgeschichte gilt Ley der „sympathische ältere Herr“, Klaus/ Nick Eichmann, der „mit sehr viel Wärme über Silvia“ (Ley, s.o.) sprach. Der Junge also, der gedroht haben soll, Silvia umzubringen, der „desöfteren“ gesagt haben soll, „es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.“ Der Junge, der so redete wie sein Vater. Alle noch so zurückhaltenden Aussagen der Zeitzeugin Alicia Dandörfer („Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken.“ S.o.) illustriert Ley mit Bildern, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass Silvia Hermann Nick Eichmann tatsächlich liebte, und diese Liebe nur um des (rücksichtslos drängenden) Vaters Willen verriet. Auf dem letzten Weg zu dem, mit dem sie „was hatte“ (im Film-Gespräch mit ihrer Freundin suggeriert das Beischlaf), weint sie einsam im Bus. Dandörfers Einschätzung: „Er war so hasserfüllt. Ich weiß nicht, das war schon richtig krankhaft. Seine Frau beruhigte ihn. Sie sagte: Es ist vorbei. Wir leben. Es ist vorbei. Wir leben. Wir haben unsere Tochter. Darauf sagte er: Ich werde nicht aufhören. Sie werden es büßen. Sie werden es büßen“, entnimmt Ley unwidersprochen die Einschätzung Hermanns als „krankhaft“ und illustriert das außer als „krankhaft rachsüchtig“ als „krankhaft gierig“ mit einem Zusammentreffen von Hermann und einem Mossad-Agenten, bei dem Silvia und Hermanns zweite Frau anwesend sind:
Hermann: „Außerdem, diese ganzen Nachforschungen haben mich Unsummen gekostet.
Die Tochter sieht peinlich berührt zu Boden.
Mossad-Agent: „Kein Problem. Hier sind 130 Dollar für ihre bisherigen Auslagen.
Kamera auf Geldbörse, der der Agent Scheine entnimmt.
Hermann: „Das ist viel mehr, als sie sich leisten können.
Zeitzeuge Rafi Eilan, Mossad: „Ich glaube nicht, dass sich je jemand verpflichtet hat, Geld zu bezahlen. Es sieht vielleicht nicht angenehm aus, aber die Beziehung zu Hermann war, dass er eine Leistung erbringt. Und dass man für die Leistung Geld gibt.
Woher Hermanns angebliche Geldgier stammt, wird bereits früher angedeutet, im Interview mit den Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte:
I: „Was haben die Hermanns gemacht?
M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
F1: „Kuhhandel.
M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
I: „Und ist denen das gelungen?“ [??? Das mag man als Bemühen darum deuten, die Bewohner aus der Reserve zu locken. Der Versuch jedoch, irgendwie Geld herauszuschlagen, wird in der genannten Spielszene, dem Interview und im Abspann zusätzlich betont.]
M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.

Bei Ley erscheint Silvia zum so genannten Verrat unwillig; der Vater muss sie antreiben, am Telefon sagt er zu ihr: „Red’ nicht so mit deinem Vater! […] Dann bring’ mir einen endgültigen Beweis.“ Immer wieder lässt Ley Silvia Nick anstrahlen oder bedauernd, abwägend, melancholisch ansehen und ihn fragend verliebt oder ahnungsvoll zurückblicken. Erst als sie ihn vor seinem Haus ein anderes (ein blondes) Mädchen küssen sieht, ist sie offenbar bereit, des treulosen Nicks Vater – Adolf Eichmann! – auszuliefern. Ebenso rachsüchtig wie ihr Vater scheint sie nun zu sein, während sie noch skeptisch ist, als der sagt: „Vergiss den Jungen. Er ist ein Lump wie sein Vater. Du hast es für unsere Familie getan.“ Da sieht sie ihn an, als ob er etwas Widerwärtiges sage.
Am Ende schickt Hermann, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde, seine Tochter in die USA, aber bei Ley kommt das einer Verbannung gleich – die Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, durch den „sympathischen“ Klaus Eichmann und all die anderen Nazis nämlich illustriert er nicht! Es gibt nur schwammige Aussagen zum Thema, die aber durch die bereits als „authentisch“ ausgewiesenen Spielszenen, Nicks Verliebtheit, Silvias Enttäuschung, Eichmanns Unbeliebtheit selbst in Nazi-Kreisen etc. etc. konterkariert wurden.
Er erhielt viele Drohungen. Ich hatte auch Angst. Aber ich musste bei ihm bleiben, weil er blind war.
Zeitzeugin Amelia Hahn Hermanns zweite Frau
Er sagte: Ich habe meine Tochter in die USA geschickt, wegen der Drohungen.
Zeitzeuge Kleiner, Nachbar Hermanns
Und der Vater sagte: Wir werden dich nie wieder sehen. Wir lieben dich. Aber wir werden dich nie wieder sehen. Alle drei weinten. Es war so traurig.
Alicia Dandörfer
Daran anschließend folgt sofort das nachgestellte Vera Eichmann-Interview, in dem sie vom Besuch bei ihrem Mann in Israel berichtet und ein re-enactment, in dem Eichmann, der im Besucherraum des Gefängnisses seine Hand gegen die Veras auf der anderen Seite der Scheibe presst, sagt: „Gell, Vera, eine Fensterscheibe kann uns nicht trennen, auch eine Glasscheibe kann uns nicht trennen.“ Und Vera Eichmann besteht ihrem Mann gegenüber darauf, dass er ja unschuldig sei und nie einen Juden umgebracht oder den Befehl dazu gegeben habe.

Im Abspann wird der Shoa-Überlebende dann endgültig verraten:
Lothar Hermann starb 1972. Er erhielt für die Ergreifung Adolf Eichmanns 10.000 US[!]-Dollar aus Israel.
Silvia Hermann kehrte nicht mehr nach Argentinien zurück. Bis heute lehnte sie jedes Gespräch über ihre Geschichte ab.
Nick Eichmann traf Silvia nie wieder. Er lebt seit Mitte der 60er Jahre wieder in Deutschland.

Der Filmemacher hätte natürlich gern auch Klaus Eichmann interviewt, dessen Freundschaft zu Silvia Hermann einst seinem Vater zum Verhängnis [!] wurde. Den Tätersohn hat der Regisseur an dessen Wohnort am Bodensee aufgesucht. „Ich hatte eine Begegnung mit Herrn Eichmann am Küchenfenster, aber er hat das Gespräch nach 20 Minuten abgebrochen“ – nachdem er kurz zuvor über ein altes Foto, das Ley mitgebracht hatte, ins Plaudern geraten war. Hermann, die heute in den USA lebt – dorthin war sie gegangen, nachdem sie ihrem Vater bei seinen Recherchen geholfen hatte –, schwieg ganz. „Sie war entsetzt darüber, dass wir sie gefunden haben“, sagt der Regisseur.“
René Martens – Bekenntnisse eines Schreibtischtäters. (taz online)

Dem Entsetzen, dass man sie überhaupt finden konnte, mag Ley nicht mal im Abspann – geschweige denn im Film selbst – gerecht werden. Und dann wollte sie ja auch nicht mit ihm reden! Die 20 Minuten hingegen, die ihm der Sohn, der einst offenbar genauso redete wie sein Vater, der gedroht haben soll, Silvia Hermann umzubringen, durchs Küchenfenster widmete, machen ihn zu einem vertrauenswürdigen und „sympathischen älteren Herrn“. Deutsches Dokudrama – echt und authentisch, mit allen ähs und abers!

  1. Bis auf zwei obskure Artikel im Freitag und in der Jungen Welt, in denen Gaby Weber Verschwörungstheoretisches über Israel verbreitet, dort nämlich sei man gar nicht daran interessiert gewesen, Eichmann vor Gericht zu stellen, sondern wollte lieber die Deutschen erpressen, um von ihnen (ausgerechnet!) Atombomben-Knowhow zu bekommen. Warum nicht gleich freundlich die US-Amerikaner fragen, die den Israelis doch angeblich so zugetan waren, sind und sein werden? Und wer immer noch den deutschen Atom-Physikern glauben mag, die nach dem Krieg so taten, als hätten sie gekonnt, aber nicht gewollt, weil sie ja die Nazis nicht so recht mochten, sollte bitte die glaubwürdigere Literatur lesen! Und die Deutschen damit erpressen, dass sie von Eichmanns Aufenthaltsort wussten? Aber sicher doch… [zurück]
  2. Jeder Filmemacher wählt aus dem Material, das ihm vorliegt oder dem, das er geschaffen hat aus. Leys Film wurde wiederholt Sorgfalt und Authentizität konstatiert; sein Bemühen, jedes Missverständnis auszuschließen und allen gerecht zu werden, ist ostentativ. Als Autor und Regisseur ist er maßgeblich verantwortlich für das Material, das er verwendet und das bei einem so kurzen Film notwendig auch zu aus dem Kontext gerissenen Aussagen führen muss, und natürlich für die Inszenierung der Spielszenen. Die NDR-Redakteure und die Nordmedia, die den Film so oder so förderten, sind verantwortlich dafür, dass sie Zuschauerbegeisterung vermuteten und sowieso. [zurück]
  3. Quirnbach, Westerwald. Geburtsort von Lothar Hermann
    Interviewer: „Kannten Sie damals den Lothar Hermann?
    Mann 1: „Ja, sicher. Ich weiß auch noch, wie die fort sind.
    I: „Welches Haus ist das von den Hermanns gewesen?
    Frau 1: „Wo Sie hingucken.
    Mann 2: „Wo Sie hingucken.“ […]
    I: „Was haben die Hermanns gemacht?
    M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
    F1: „Kuhhandel.
    M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
    I: „Und ist denen das gelungen?
    M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.
    I: „Wie viele jüdische Familien gab’s hier im Dorf?
    M2: „Zwei.
    F1: „Zwei, die beiden.
    M2: „Familie Hermann war da.
    I: „Wie war das? Wusste man, dass die Juden waren?
    F1: „Ja, sicher.
    M2: „Ja, sicher.
    F1: „So groß ist der Ort ja nicht. Kennt ja jeder jeden.
    M2: „Aber…
    I: „Was ist später mit denen passiert?
    Frau zuckt mit Schultern.
    M2: „Ja, die seien vergast worden.
    F1: „Ja, ist vermutet worden.
    M2: „Ja, aber.
    F1: „Waren arme Leut. Waren arme Juden.
    M2: „Haben niemand was zuleide getan.
    F1: „Nein, also, das kann man ruhig mit ruhigem Gewissen sagen.
    M2: „Ja.
    F1: „Man hätt se nit so behandeln müssen.
    M2: „Na… ja.
    F1: „Das war auch der Verderf.
    I: „Was war das?
    F1: „Der Verderb. Dass man die Juden so behandelt hat. Ja, sicher. Is doch, oder nicht? War’n ja auch Menschen. Waren halt Juden.“ [zurück]

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Marcel Duchamp * 28. Juli 1887, † 2. Oktober 1968

Bayreuth wird zum 99. Mal „aufgesperrt“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann – Briefwechsel, 1943 – 1955, Theodor W. Adorno an Thomas Mann, 01.08.1950
Wissen Sie übrigens, daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth wieder aufzusperren, und haben Sie erwogen, etwas dagegen zu unternehmen? […] Es will mir scheinen, daß Bayreuth, neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten Symptomen hier gehört, wofern man nicht auf die darin sich abzeichnenden primären Momente unmittelbar eingehen will.

Zur Premiere der „Lohengrin“-Neuinszenierung am 25.7. werden folgende Gäste erwartet: Angela Merkel, Guido Westerwelle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, Rainer Brüderle, Peter Ramsauer, Kristina Schröder, Bernd Neumann, Ministerpräsident Horst Seehofer und das vollständige bayerische Landeskabinett, Markus Söder, Edmund Stoiber, Günther Beckstein, die Vorsitzenden der bayerischen Landtagsfraktionen, Michaela May, Sebastian Koch, Edgar Selge, Hans-Dietrich Genscher, Erzbischof Ludwig Schick, der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Dr. Johannes Friedrich, die Präsidentin der Hochschul-Rektorenkonferenz Professor Dr. Margret Wintermantel, Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner (DFG), Heinz-Hermann Herbers (Deutsche Post AG), Rolf Schmidt-Holtz (BMG), Werner Schnappauf (BDI) usw. usf. (Aussehen wird das in der 99. Festspielsaison genauso öde und peinlich wie in der 98.)

Wessen Gesamtkunstwerk die deutsche ‚Elite‘ am Sonntag huldigen wird, beschrieb dessen Urenkel:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Mindestens am Sonntag sollte man also lieber einen wunderbaren Komponisten anhören, den Wagner zu seinem Feind, zum „Kunstjuden“ erklärte:


________________________________
Later: „Mit dem im vergangenen Jahr erfolgreich gestarteten Projekt „Wagner für Kinder“ will Katharina Wagner ein junges Publikum ungezwungen [Was auch sonst?!] mit den Werken und dem Stoff ihres Urgroßvaters Richard Wagner vertraut machen. Für das auf gut eine Stunde verdichtete Stück von Regisseurin Reyna Bruns gab es viel Beifall der 200 Jungen und Mädchen, aber auch vom fachkundigen Wagner-Publikum.Die Zeit online/ dpa

+ Bilderstrecke: Öde und peinlich 2010

Artists United For Volksgemeinschaft

I

Während in Hamburg die Welt noch in Ordnung zu sein hat, weil dort nur in trauter deutscher Einheit gegen „die internationalen Megastars“ gearbeitet wird – jeder packt mit an: die Hamburgische Bürgerschaft, die Hamburgischen Künstler, die Hamburgischen Gentrification-Gegner in all ihren Erscheinungsformen usw., habemus castellum, und für Eisen gab ich Gold – dreht man in Berlin die Opferschraube noch ein wenig weiter. Bei 3sat freute man sich für die Hamburger und will gar nicht verstehen, dass Berlin die logische Konsequenz ist. Laut 3sattobt“ in Kreuzberg „wieder einmal der Klassenkampf – alte Muster mit neuen Feindbildern. Die linke Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen einen Ort linker Kultur, das Kreuzberger Bethanien-Haus. Autonome verbarrikadierten sich in den ehemaligen Räumen des Künstlerhauses.“
Nicht ganz zu Unrecht befürchtet man, dass nach den Autos die Bilder brennen werden – vom Feuerschein der vonwemauchimmer angezündeten Mehroderwenigerluxuskarossen allerdings mochten sich die Künstler noch ein wenig inspirieren lassen. Reizvoll ist Berlin für die Kreativen natürlich auch immer, weil der Nachhall des Stampfens vom Tanz auf dem Vulkan dort fraglos noch am deutlichsten vernehmbar ist. Berlin verspricht nach wie vor die schöne Aussicht auf den Abgrund und an dessen Rand hüpft es sich umso ausgelassener. Während man in Hamburg glaubt, froh sein zu müssen, dass überhaupt noch jemand an der als betulicher vermuteten Künstler-Party teilnehmen mag, ist Berlin mittlerweile so von schöpferisch tätigen Menschen ‚übervölkert‘, dass die Bewunderung, die man hierzulande fürs Kunsthandwerk hegt, notwendig in Überdruss umschlägt. Und wo jeder zig (erfolglose) Künstler kennen muss, geht auch die Möglichkeit flöten, allzu Aufregendes in sie hineinzuprojizieren. Danach kann dann nur der viel seltenere halbwegs (finanziell) erfolgreiche Bastler für den dringend erforderlichen Neid und die Missgunst herhalten. Was umso leichter fällt, weil der Nimbus aufgebraucht ist, und alle einen kennen, der es „viel eher verdient hätte“ und „sowas ähnliches oder wesentlich tolleres, das vor allem aber viel authentischer“ macht, ohne dafür bezahlt zu werden.
Die darob Empörten sind unverkennbar durch die deutschen Medien und insbesondere die im Oberschicht-Milieu spielenden Krimiserien, vor denen man sie parkte, geschult. In denen nämlich sind die Wohlhabenden stets suspekt, und das wird durch vornehmlich drei Attribute illustriert: eine opulente Wohnzimmerlandschaft mit einer schmalen Treppe ins Nichts (bzw. ins kleine Jugendzimmer), ein allen Maßstäben gemäß unangenehm protziger Wagenpark und… ‚Moderne’ respektive ‚Abstrakte Kunst’ im Eigenheim und im kalten Büro. In diesem Kontext muss man auf einen weit verbreiteten Irrtum zu sprechen kommen: Im deutschen Fernseh-Krimi nämlich werden mitnichten die Hippie- oder sonstwie (politisch) verwirrten ‚Kinder’ (der Oberschicht) hart angegangen – au contraire. „Der barsche Ton, dessen sich »Der Kommissar« gegenüber Drogensüchtigen, Studenten und Hippie-Mädchen bedient“ und der sich „offenbar aus Erfahrungen, die Reinecker bei der Waffen-SS gesammelt hat“ (Magnus Klaue – Opa, erzähl vom Krieg, Literatur-Konkret 2003, S. 4) schöpft, existiert so nicht. Es sei denn, es gibt keine andere Möglichkeit, Die Kinder dazu zu bringen, ihre ‚authentischen Emotionen’ zu äußern oder um ihrer heimlichen Sehnsucht nach Autorität gerecht zu werden. Im einschlägigen Krimi ist das vom Wohlstand und der moralischen Verkommenheit seiner Eltern angeekelte und ergo rebellierende ‚Kind’ (im Alter von ca. 14 bis ca. 30 Jahren) meistens die zweithöchste moralische Instanz – über ihm steht nur Der Kommissar, der den Ekel – sichtbar wenn auch nicht notwendigerweise explizit ausgesprochen – teilt und auch mal als väterlicher Therapeut durchgeht (Der Assistent kann nichts verstehen, weil er entweder vom Reichtum fasziniert ist, Das Kind, oder Das Kind ihn, so es denn weiblich ist – natürlich!, am liebsten flachlegen möchte oder von Michael Ande et al. dargestellt wird). Am Rezept wurde nichts grundlegend verändert und selbst wenn, wäre es gleichgültig, denn die Wiederholungen der frühen, oftmals von bereits im ‚Dritten Reich’ tätigen Autoren konzipierten, Serienfolgen sind Legion. Und wenn man in einem auf pädagogische Werte achtenden Haushalt ohne Fernsehapparat aufgewachsen ist, wurde das Prinzip sowieso vermittelt.
Das wohlwollende Verständnis der ehemaligen Nazi-Autoren fürs deutsche Nachkriegsjugendvolk ist alles andere als überraschend. Als man sie das Genre (seit 1968 vor allem im ZDF) mitgestalten ließ, hatte sich die deutsche Protestbewegung bereits entschieden, den ‚Volksfeind‘ mindestens in seiner konkreten Form beibehalten zu können, und der ‚wahre’ Nationalsozialismus hatte sich immer als die Bewegung eines (unverstandenen) jungen Volkes, das sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte, aufgefasst (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution). Die Schnittmenge war unübersehbar. Wie die Krimi-Kinder fühlten sich die Autoren irgendwie verraten – vom dekadenten Bürgertum, von den allzu bürgerlichen Nazis (zumindest im Nachhinein) und den die Nationalsozialisten beerbenden Wirtschaftswunderbonzen, die brutal auf der Blauen Blume (später dem „Hippie-Mädchen“) der völkisch-romantischen Revolution rumtrampelten. Deren Freunde rächen sie dann schonmal, selten als Der Mörder, aber mindestens rufmordend, gerne auch als verschworenes Kollektiv. Oft sind die poor little rich kids ausgesprochen kreativ, musisch begabt oder in der Lage, überaus anrührende Bleistift- respektive Kohle-Portraits vom Opfer zu erschaffen. Die Hersteller der Bürokunst hingegen sind (im Gegensatz zu den diese verkaufenden fiesen Galeristen) unsichtbar, und wenn sie doch mal auftauchen, dann meist als a) wahnsinniges/ hemdsärmeliges/ arrogantes Genie – gegenständlich –, das die Hausherrin liebt/ begehrt/ bloß ausnutzt usw. usf. oder b) als Kontrollfreak mit Kaschmir- oder Seidenschal – abstrakt –, der in einer reinen Nebenrolle die Hängung seines Werkes kritisiert und dann im Cabrio davonrauscht etc. pp. Solange er nicht zukünftiger Künstler und Freund vom Opfer ist, sich vor Sehnsucht verzehrt und die Seele der Gattin im Bildnis einfangen kann oder anderweitig als Opfer von irgendwas beschäftigt ist, ist Der Künstler (künstlernde Frauen sind rar und meist alberne, sich hoffnungslos überschätzende Esoschnepfen, außer sie machen Musik, dann sind sie empfindsam und/ oder überambitioniert und werden eh umgebracht) der Verbündete des Hausherren – ein Verräter an dem, was ihn eigentlich antreiben sollte. Der Hausherr wiederum ist ein eiskalter, verachtenswerter Kapitalist und macht undurchsichtige Geschäfte, gerne im Ausland.
Mögen sich die in Berlin arbeitenden Künstler auch noch so deutsch gerieren, der im Vorabend-, Abend- oder Nachtprogramm erlernte Verdacht bleibt. Am Ende stecken sie mit dem (internationalen) ‚Finanzkapital’ unter einer Decke und sind deshalb notwendig illoyal der Gemeinschaft gegenüber – inauthentisch sind sie und ‚Kiez’-Verräter, Wegbereiter für Luxuslimousinen-Flotten, die man nicht mal mehr anzünden kann, weil sie ein eigenes Spielzimmer (mit Extra-Aufzug) bekommen – größer als jenes, welches dem verwirrten Kind zugestanden wurde und überhaupt.
Die deutsche Staatsangehörigkeit hat noch nie jemanden gerettet; man muss sich ostentativ zur Volksküche und dergleichen bekennen, erklären, dass man bereit ist, allen anderen zu entsagen – sonst wird plakatiert. Natürlich sind die eingemeindeten Kunstvertreter nicht gänzlich abgeneigt, diesem Ruf zu folgen. Und nachdem sie sich ein wenig als Opfer der Missverstehenden geriert haben – bloß keine Gelegenheit verpassen – präsentieren sie sich wieder als deren volkstümliche Verbündete, denn es sei nicht so, dass „Künstler wie die Maden im Speck leben würden. Als ob sie die Dekoration der kapitalistischen Gewalt seien, gegen die es vorzugehen gilt. Das ist großer Schwachsinn, weil die Künstler, nicht mehr als 10.000 Euro Jahreseinkommen haben“, und „die Forderungen, die zum Teil gestellt werden, sind durchaus nachvollziehbar – wenn sie denn friedlich eingefordert würden.“ (Christoph Tannert, zitiert nach 3sat kulturzeit, ebd.) Das ist in etwa so brillant formuliert und argumentiert wie … auch immer. Die künstlerischen Produkte fielen dem Kinderkreuzzug angeblich nur deshalb nicht zum Opfer, weil sie gar nicht mehr da waren. Weswegen sich alle Berichterstatter auf Serge Kliavings naturgemäß immobiles Wandgemälde „Was hast Du seelisch eingesetzt?“ stürzen. Den Titel hat der Künstler weiß auf Schwarz in (nicht neben, wie Berlin online behauptet) die deutsche Trikolore mit Bundesadler gedruckt. Bei ihm ist das Gold wie üblich Gelb. Die Bethanien-Besetzer jedoch gingen tatsächlich mit Goldsprühfarbe ans Werk, xten den Bundesadler aus und ‚verunzierten’ Bild und Wand mit, laut Berlin online: „Deutschland verrecke!.
Stimmt nicht! Eigentlich haben „Die Einbrecher“ ganz und gar nicht „’Deutschland verrecke!’ darüber gesprüht“ sondern Deutschland verreukti“, was wohl „Deutschland verreckt¡ werden sollte… Mit einem spanischen Ausrufezeichen, das so eigentlich an den Anfang des Satzes gehörte, versehen also?
„Deutschland verreckt“ jedoch lässt das Leiden am Niedergang ahnen und ist nicht wie „Deutschland verrecke“ eine, zwar unangenehm formulierte aber letztlich sinnvolle, Forderung. Die Jeunesse abrogez le dorage! vergoldet zumindest ihr Lamento. Wenn sie jetzt noch beim Flinzer sticken lernen, können sie ihre Sinnsprüche handlicher ausarbeiten: „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.
Tannert will sich trotzdem nicht beruhigen, auch nicht angesichts des für neue deutsche Malerei womöglich gut geeigneten Stilleben-Materials, das die Vandalen (Tannert, Tagesspiegel) hinterlassen haben (Pfannkuchen, Pseudo-Molotov Cocktails etc.). Dabei gab er 2006 den Band „New German Painting“ heraus und „[p]rinzipiell sieht Tannert die neue Malerei in direkter Auseinandersetzung mit der Bilderindustrie der Mediengesellschaft positioniert; als eine kritische Reaktion, da sie den unaufhörlich zirkulierenden Bilderstrom stilllegt und widerständig auf ‚die Stopptaste’ drückt.“ (Taz)
Passt doch. Womöglich ist er aber bloß wütend über seine Rolle als „Der böse Galerist“ aka Kurator, kulturbeflissener Geschäftsführer, Kritiker. Als medial bewanderter Mensch muss er wissen, was das bedeutet (und auch, dass das mit der „Stopptaste“ nicht funktionieren kann), und dann lohnt es sich schon mal noch einen draufzusetzen: Ist der Ruf erstmal ruiniert, feiert man seine Parties umso lieber mit und auf Kosten von Daimler und gibt zu, dass man vom Wagenpark-Ambiente fasziniert ist: „Die ‚Garagenatmosphäre’ [des neuen Atelier-Gebäudes, J6ON] gefällt Tannert. Er weiß dennoch, was er verliert: ‚Ein denkmalgeschütztes Haus. Wir haben nicht mehr den Schutz Friedrich Wilhelm IV‘.“ (Tagesspiegel) Noch so ein netter, von Flucht und Vertreibung geprägter, deutscher Romantiker, whatever, Tannert „will die ‚flutende, krachende, benzingetränkte Stadt’.“ (Ebd.) Monolog eines erfolglosen Kupplers: Dann passt’s halt nicht – hätte klappen müssen. Wartet nur: In zwei Jahren trefft ihr euch zufällig wieder und fallt euch schnurstracks in die Arme. So!
Meanwhile round the corner wird schon plakatiert. Dass Kunst nicht wie vom Tagesspiegel (ebd.) „bislang stets als progressiv galt“, wurde bereits belegt. Muss sie auch gar nicht – man kann das noch zuspitzen: Die Deutschen hatten schon mal einen so genannten Künstler als Führer (natürlich einen erfolglosen!), und der bestimmte ganz im Sinne seines Volkes, in welche Richtung der Fortschritt sich zu bewegen hatte. Als progressiv galten dann eben z.B. Padua, Breker, Ziegler, Thorak und Riefenstahl sowieso und nach wie vor. Später gab es dann Syberberg, Kiefer, Nitsch, Muehl, Fassbinder und noch später die Leipziger Schule mit Rauch et al. und Bisky und meinetwegen von Hagens et al. – Progressivität ist (wie Kunst) ein dehnbarer Begriff. Wenn schon ein deutscher Musiker das Attentat auf das World Trade Center als das „größte Kunstwerk aller Zeiten“ bezeichnete… „Kunst“ ist auch kein neues Feindbild der ‚Linken’ (wie 3sat, Der Tagesspiegel und Die Zeit1 vermuten) – weder im positiven noch im negativen Sinne. Als Beispiel mögen diejenigen Polit-Aktivisten der späten 60er Jahre dienen, die den Autoren der Gruppe 47 ihr „Dichter! Dichter!“ entgegenschmetterten – auf beiden Seiten standen vorwiegend Deutsche, die sich doch nur wehren wollten, Opfer also. Dabei bleibt es, denn „Tannert ist nicht das einzige Opfer. Betroffen sind auch die Verantwortlichen der Berlin Biennale, die gerade wenige Straße weiter stattfindet: Die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg und die Direktorin des veranstaltenden Institutes Kunst-Werke, Gabriele Horn. Kreuzbergweit werden sie mit steckbriefartigen Plakaten als ‚Gentrifiziererinnen’ stigmatisiert. Zugleich wird anonym mit Anschlägen auf die Biennale gedroht. Nicht die Kunst als solche ist also das Feindbild der Hausbesetzerszene, sondern der Kunstbetrieb und seine Protagonisten. Ihnen gelten die wüsten Attacken vom Wochenende, die nun ins ganze Stadtgebiet hineinwirken. Diese verschlagene [!] Aktion richtet sich offensichtlich gegen das Magnetische [?] der jungen Kunst, gegen das vermeintlich [?] Etablierte, nun also auch in Kreuzberg, weitab vom unangefochtenen Kunstzentrum Mitte. Nun aber hat diese 6. Berlin Biennale der Gegenwartskunst Kreuzberg erwählt. Am Biennale-Ort, dem lange leerstehenden Gründerzeit-Kaufhaus am Oranienplatz, ist seit Donnerstag Andrang: Kunstfreunde, Sammler, Galeristen, Museumsleute aus aller Welt kommen, um die Werke von 46 Künstlern zu sehen.“ (Tagesspiegel, ebd.)
Die Gentrification-Gegner werden sich so oder anders aufstellen und anklagen: „Künstler! Künstler!“ Die Initiatorinnen hingegen werden sagen, dass man doch auch Teil der Gemeinschaft sei und man eigentlich gegen dasselbe kämpfe und sowieso, weil sich auf der Biennale „die politischen Inhalte der Werke mit den jeweiligen gesellschaftlichen Eigenheiten des Umfeldes [verschränkten]- mit gesellschaftlichen Veränderungen wie Gentrifizierung, kommunalen Sparplänen und Prekarisierung. ‚Unser Ansinnen ist aber auch’, heißt es, ‚das Gebäude am Oranienplatz, das fast ein Jahrzehnt lang leer stand, der Kreuzberger Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Der sensible Umgang mit dem Haus, die Ausstellungseinbauten aus rohen, oft recycelten Materialien sind Beispiel für einen anderen Umgang mit Kunst in einem leerstehenden Gebäude.’ Die Kunst im alten Kreuzberger Kaufhaus übrigens ist alles andere als etabliert, die Installationen und Videos sind sozialkritisch, kapitalismuskritisch, ökologisch und dokumentarisch im Bezug auf unsere Welt [quoi?]. Es ist keine Messe, keine Verkaufsausstellung, es ist eine Schau von Kunst, die mit ihren Mitteln Verantwortung übernehmen will für die Welt. Die Biennale indes wird von ihren Gegnern zur Gefahr erklärt, weil sie die Gegend aufwerte – als kämen mit ihr und gleich nach ihr die Immobilienhaie, die Chi-Chi-Läden, die Mietteuerungswellen.“ (Tagesspiegel, ebd.) Das dem überhaupt nicht so sein muss, wird übrigens erleichtert in der Jungle World behauptet und das liest sich dann fast so wie beim Tagesspiegel:
Nahezu gleichzeitig tauchten in Kreuzberg »Steckbriefe« auf. In den Flugblättern wird zum Beispiel gegen die Leiterin der Kunst-Biennale im leerstehenden Supermarkt am Oranienplatz gehetzt, Kathrin Rhomberg sei für die »Gentrifizierung« mitverantwortlich. Dahinter steckt die irre Annahme, dass ausgerechnet Künstler oder Kuratoren für die kapitalistischen Prozesse der Aufwertung und Mietsteigerung verantwortlich zu machen sind. Auch wenn die wilden Kunstgalerien, die nach der Wende in Mitte entstanden sind, Vorboten der späteren Entwicklung rund um den Hackeschen Markt waren, war dies nicht die Intention der Betreiber. So befürchtet nicht nur der Kreuzberger Kulturstadtrat Jan Stöß, dass »hier hinter dem Schlagwort der Gentrifizierung eine kunst- und kulturfeindliche Haltung deutlich wird«. Dass die Ansiedlung von Kunstprojekten nicht unbedingt zur Aufwertung der Kieze führt, beweist gerade das Bethanien, das in seinen Mauern seit 30 Jahren zwei international renommierte Kulturinstitutionen beherbergt hat. Im Laufe dieses Jahres sollen in die von Tannert verlassenen Räume weitere Projekte aus der freien Tanz- und Theaterszene einziehen, berichtet Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg und freut sich auf die zukünftigen Kooperationen. Bauer steht für ein Konzept von Kunst, das sich »den unterschiedlichen Betriebssystemen der Kunst wie Kunstmarkt und Biennalen nicht unterwerfen möchte«. Die Kunst in den von ihm kuratierten Ausstellungen soll keine marktorientierte sein, sondern »diskursorientiert«, »widerborstig«, man wolle »sich an den sozialen und künstlerischen Prozessen im Umfeld und mit den realen Akteuren im Quartier reiben«. […] »Mit Kunst kann man wunderbar die Zustände und Veränderungen der Gesellschaft analysieren und reflektieren«, meint Bauer und berichtet von einer gemeinsam mit den ehemaligen Besetzern des Südflügels geplante Ausstellung zu US-amerikanischer Plakatkunst.Christoph Villinger – Durchwahl zur Kunst, Jungle World
When a place gets boring!
Ein Grund für Erleichterung ist das kaum. Ob es so bleibt, wie es ist, liebevoll pädagogisch (voll widerständige) Kunst und Kultur vermittelt werden sollen oder die bloß die Vorboten von abschreckend postmodern sanierten Gebäuden, protziger Gastronomie mit unerträglich anmaßender Klientel und einem albernen Unterhaltungsprogramm usw. sind, all das resultiert unbedingt in der Erkenntnis, dass so das „richtige Leben“ nicht aussehen kann.

II

There is nothing more dreary than contemporary art that sets out merely to be provocative when it is in fact conventional and reactionary. A case in point is the Danish artistic group Surrend’s anti-Israel poster showing maps of the Middle East in which the state of Israel does not exist, with the term “Final Solution” at the top. Not only does this mirror the jingoistic foreign policy of the Holocaust-denying regime in Iran, but it also resonates with many Germans.
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations

Meanwhile round the corner wird auch aber noch ambitionierter plakatiert. Da wollen nicht die verwirrten und angeekelten Kinder den bösartigen Verderber des Hippie-Mädchens ein wenig rufmorden, sondern es geht darum, kurzerhand einen Staat samt seinen Bewohnern (s.u.) von der Landkarte zu streichen. Die Vertreter von Klaus Staeckschem Einfallsreichtum auf Erden, Jan Egesborg und Pia Bertelsen aka Surrend, denen man es zu Unrecht hoch anrechnet, dass für sie alles gleich dumm ist, sind trunken von all dem Lob größenwahnsinnig geworden. Auf dem Gipfel des Feldherrenhügels angekommen, haben sie ihre Karten ausgepackt und mit ein paar Strichen die Welt neu verteilt. Das so von ihnen geschaffene Land nannten sie passenderweise Ramallah, also Allahs Hügel, und überschrieben ihre Neuordnung mit „Endlösung“. Man kann der Wahrheit tatsächlich so nahe kommen und trotzdem – „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ – behaupten, das Ganze habe rein gar nicht mit dem „Existenzrecht Israels“ zu tun, schon gar nicht wolle man es in Frage stellen (Jan Egesborg). Israel also darf ein bißchen rumexistieren, nur wird es umbenannt, und die Juden sollen gefälligst abhauen, denn: „’Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen’ sagte Jan Egesborg. ‚Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet“, aber es „war ein historischer Fehler, Israel zu gründen.’ Egesborg bezeichnet sein Plakat als ‚harte Satire’. ‚Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde’, argumentiert Egesborg in einem Interview: ‚Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.’“ (Der Tagesspiegel)
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno – Dialektik der Aufklärung)) Eben und deswegen – und nur deswegen – sind Egesborg und Bertelsen auch keine, sondern verunglimpfte Opfer der… there we go again: ‚Auschwitz-, Holocaust- oder Antisemitismuskeule’ (© by Walser and friends). Mutig hatten sie sich vorgewagt – fast wie Barenboim, der permanent ausstellt, in Deutschland öffentlich Wagner aufzuführen sei tabubrecherisch – und der Drohung ins splitterbewehrte Auge geblickt: „’Wir haben genau diese automatisch ablaufende Reaktion in Deutschland erwartet’, so Jan Egesborg. ‚Wenn man hier Israel kritisiert, geht es sofort um den Holocaust, dann bist du sofort Antisemit. Es gibt einen Mechanismus, den wir mit diesem Plakat auslösen und zeigen wollten.’ Und Pia Bertelsen sagt: ‚Wenn man Israel kritisiert, heißt das nicht, dass man nicht an den Holocaust glaubt. Selbstverständlich tun wir das. Und selbstverständlich sind wir keine Antisemiten. Aber hier werden einfach Begriffe verknüpft, die gar nicht zusammen gehören. Kritisiert man eine Sache, werden einem automatisch auch die anderen Begriffe unterstellt.’“ (Kulturzeit, „Kunst gegen Tabus“)
Die „eine Sache“ und „die anderen Begriffe“? Egal, solange man nur „an den Holocaust glaubt.“ Über die Glaubenssache „Holocaust“ schrieben bereits z.B. Iris Hefets in der taz, kreuznet.de und die Junge Freiheit. Von einem „Hass auf Auschwitz“, der diese absurde Konstruktion generiert, spricht Clemens Heni: „Sehr deutlich wird dieser Hass in einem Artikel der Jungen Freiheit im Januar 2007. Dieser Text wendet sich gegen den Historiker Prof. Dan Diner und dessen Furcht vor einem Verschwinden der Erinnerung an den ‚Zivilisationsbruch Auschwitz’. Titel und Untertitel dieser neu-deutschen Agitation sprechen für sich: ‚Hohepriester der Holocaust-Religion. Der Jerusalemer Historiker Dan Diner und seine Versuche, den Judenmord ‚zu vermenschheitlichen‘. Das katholische Internetportal kreuz.net unterstützt das und schreibt 2006: ‚Einem Christen ist es freilich nicht möglich, der Holocaust-Zivilreligion Glauben zu schenken oder ihr gar zu opfern.’ Die taz bzw. die AIK sprechen mit Hefets von einer ‚Pilgerfahrt nach Auschwitz. Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden’. Der taz-Text ist gleichwohl ein Tabubruch. Er geriert sich, entgegen den Nazis oder Antijudaisten/ christlichen Antisemiten als hyper-kritisch, da der Text von einer Jüdin geschrieben wurde, und sie insinuieren sie seien aufklärerisch, da religionskritisch, indem die Shoah nicht als Verbrechen, sondern als Mythos oder Heiligtum zerredet wird. Martin Walser wird neidisch auf diese taz-Variante des Schlussstrichs schauen.Clemens Heni – Die taz gegen Israel und die „heilige Aura“ von „Auschwitz“
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno again) Und deswegen plakatierten Egesborg und Bertelsen ein wenig später gegen ihre Kritiker: „’Man darf sich gern über Allah, Mohammed, die Hisbollah, Ahmadinedschad, [auch über die Kaaba?] den Pabst (übrigens absichtlich falsch geschrieben [Warum eigentlich?]) lustig machen – aber nicht Israel kritisieren!’ Darunter sind die Menschen aufgelistet, die von Surrend ‚die israelische Lobby in Deutschland’ genannt werden – Menschen, die sich über ihre Plakate empört haben.“ (kulturzeit, ebd.) Die unverschämterweise „Empörten“ werden wie folgt benannt:
Die jüdische Lobby in Deutschland – Jahve (Gott Nummer 1), Benjamin Weinthal (Prophet, PR-Berater, Kampagnenkorrespondent Jerusalem Post, Tagesspiegel, Welt, Der Stürmer), Lala Süskind (Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Moabit/ Berlin), Klaus Wowereit (Bürgermeister für Hugo Boss und die Armen), Prophet Dr. Shimon Samuels (Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers für Kriegsverbrechen in Gaza), Prophet Dr. Moshe Kantor (Präsident des jüdischen Kongresses auf Sylt), Zion Rudaitsky (Rentner), Lizas Welt (Blogg [auch mit Absicht falsch geschrieben?] zu Stimmungsschwankungen und Angst), Jaques Schuster (Direktor Israels Tourismusministerium sowie Dänemark-Redakteur für die Welt), Associated Press (auch Honestly Concerned genannt), Honestly Concerned (Komitee besorgter Zensurkomissare), Abraham (Vater Nummer 1).
Ha, witzig, Schenkelklopfer, Stürmer-Juden, ein schwuler Bürgermeister im Dienste eines deutschen Anzugmachers, ein angstgestörter/ bipolarer Blogger, die Jüdischkontrollierteweltpresse und diverse Nummereinsen und Propheten (die was eigentlich prophezeien?). Konformistischen Rebellen nämlich gilt Kritik als Redeverbot, Maulkorb, Zensur, Vertreibung vom Feldherrenhügel, als alles nur nicht als Errungenschaft der Zivilisation. Und der von kulturzeit herbeigerufene Wolfgang Benz unterstützt sie in ihrer Überzeugung: „Aber es gibt keine Antisemiten mehr“! Eben: „Für Surrend ist das ein ‚Zensur-Mechanismus’, mit dem Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Kulturzeit, ebd.
Sonst bleibt nur die Frage: WER ZENSIERT SURREND „gerade im deutschen Kontext“ (Egesborg) EIGENTLICH?
Deutschland im Sommer 2010: Der Bundestag hat Israel-Kritik nunmehr endgültig verboten (die Zustimmung des Bundesrates gilt als total sicher), kurz nach dem gemeinschaftlichen Absingen der Nationalhymne für den neuen Präsidenten, der sofort wieder gestürzt wurde, weil er es wagte, in seiner Antrittsrede nicht die „unverbrüchliche Solidarität mit Israel“ zu erklären und überhaupt Niedersachse ist („Heil König Widukind“). Neuer Präsident sind ab sofort „Die Weisen von Zion“ – niemand hierzulande war erstaunt, dass Broder und Friedman unter ihnen sind, und Walser hatte längst vorhergesagt, dass Reich-Ranicki dabei sein würde und Bubis sowieso, der nämlich wandelt wie die anderen ewig, sonst sind’s nur US-Amerikaner und Israelis, Rothschilds und Goldmans. Die deutschen Teilnehmer an der „Gaza-Flotille“ wurden geschlechtlich unsortiert (evil!) eingekerkert. Die Künstlergruppe Surrend sitzt in Auslieferungshaft; in Israel wird ihnen der Prozess wegen Verbrechen gegen Isjaegalimhistorischenfehler gemacht werden. Richard Branson berichtet, dass ihn bis vor kurzem hunderte von Briefen erreicht hätten, mit dem Inhalt: Er solle gefälligst sein Raumschiff rausrücken, man wolle die sich auf der dunklen Seite des Mondes befindenden Nazi-Ufos reaktivieren. Mittlerweile kämen aber kaum noch Anfragen, weil offensichtlich in einem internen Machtkampf die Fraktion derer, die nicht an Mondlandungen glauben, obsiegt habe. Arendt, Elsässers, and the like haben die Botschaften von Ihnengenehmenvölkern um Asyl ersucht. Zurzeit lässt sich Jürgen Elsässer von Ex-Bischoff Mixa beraten – zu Fragen wie „Jetzt erst recht: Schwulen-Paraden weltweit verhindern, obwohl man überhaupt nicht homophob ist“. Auf Zeit online beklagt man zahlenanspielungsreich vergangene Wehrhaftigkeit: „88′ Die gute alte deutsche Brechstange ist ausgepackt, aber die Deutschen haben es verlernt, sie einzusetzen.“ (Live-Blog Zeit online Sportredaktion, 7.7.2010)
Und überhaupt! Es herrscht Angst im Land der Opfer. Aber sicher doch…


Highly recommended reading:
aa:b – Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.
Lizas Welt – Jägerlatein
Clemens Heni – Antisemitismus und deutsche Medien, Teil 2: Kulturzeit, Leviathan, Die Welt und Freitag
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
Und das übliche Infiltrationszeugs, was anderes darf man eh nicht mehr empfehlen…

  1. Tanja Dückers irrt sich in der Zeit, wenn sie von einem radikalen Bruch des Künstler(selbst)verständnisses ausgeht. [zurück]

Reread 4: „The Doors made me do it!“

Da die nächste Doors-Auferstehung1 unvermeidbar ist, wird an dieser Stelle als Warnung für alle, die noch keine erlebt haben, ein etwas älterer Eintrag aus dem so nicht mehr existierenden Mojo Message Board veröffentlicht. Ein Ausdruck des Textes klebt am Badezimmerspiegel und das zu Recht!

Mojo Board – „What defines crap?“, message by zoomboogity (If you happen to read this – thanks again!):
There’s an old flick called They Drive By Night with Humphrey Bogart and George Raft as truck-driver brothers. Ida Lupino’s character kills her husband by turning the car on with the garage door closed (he was passed out drunk or something), and everyone thinks it’s suicide, and she gets rid of him AND a huge settlement.
Now, the thing about the garage is that it had an ultra-modern (at the time) „electric eye“, a beam of light that automatically opened and closed the door as something went past it. So she waved her hand on her way into the house, the door went down, and that was that.
She lives high on the money for a while, but she eventually starts feeling guilty, and her armor starts to crack. There’s a trial later on, and she’s up on the stand, no longer the confident shrew but a half-coherent psychotic. She mutters a string of barely related thoughts, then finally says, „The doors… yes, they did it… the doors made me do it… the doors made me do it…“ She then starts laughing maniacally and screaming, „THE DOORS MADE ME DO IT! AHHHHH-HA-HA-HA-HA-HA-HA! THE DOORS!!! THE DOORS MADE ME DO IT!!!!“ as they lead her off to the sanitarium and declare a mistrial.
And that, in a nutshell, is how I feel whenever I hear the intro to
Light My Fire and get the urge to commit an axe murder. […]“


  1. Ich verweise außerdem auf MdH, der, als ein Freund in einem Jim-Morrison-T-Shirt auftauchte, etwas irritiert sagte: „Das ist Jim. Der ist tot.“ [zurück]

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Later: „boy, the things you find on the internet sometimes…“
You‘re right „the blogger confirms“. And, yes, „source of constant inspiration“ is correct.

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

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+ Later: nexusrerum – Marx in Gaza

  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

Lost in the sequel!

Die Nacht der lebenden Idioten“ (2006), via Reflexion

„Die Rückkehr der lebenden Idioten“ (2010), they‘re faster now and … naked!, via Reflexion

Exclusive test screening shot from the forthcoming second sequel: „Fritz – The Scary Living Idiot Rag Doll“ (wt, 2014)

via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

  1. Later: Postmodernes Spin-off im Dogma-Musical-Stil, mit popkulturellen Referenzen – „Tanz der lebenden Idioten“ (2010):