Archiv der Kategorie 'Kulturindustrie'

Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Forwarded: „Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran. Ta­gung zum Ver­hält­nis von Kul­tur, Po­li­tik, Ge­walt und Islam“

via zweifelunddiskurs.blogsport.de

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„23. No­vem­ber, 13 Uhr
Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät Ber­lin

Die Ta­gung soll einen kri­ti­schen Ein­blick ver­schaf­fen so­wohl in in­ne­ris­la­mi­sche theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die sich um die Frage der Le­gi­ti­mi­tät po­li­ti­scher Ge­walt dre­hen, als auch be­leuch­ten, wie diese Aus­ein­an­der­set­zun­gen in sä­ku­la­ri­sier­ten, post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten, bei­spiels­wei­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ge­führt wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Ana­ly­sen vor­ge­stellt, die sich – am Bei­spiel des Kul­tur­di­alogs mit dem ira­ni­schen Re­gime und des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses im Iran – kon­kret der ak­tu­el­len kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Lage so­wohl in Deutsch­land als auch dem Iran wid­men. Au­ßer­dem sol­len die engen Ver­bin­dun­gen dar­ge­stellt und un­ter­sucht wer­den, die auf allen ge­sell­schaft­li­chen Ebe­nen mit dem ira­ni­schen Re­gime be­ste­hen.
revolution islamique

Pro­gramm

13.​00 – 13.​15 Uhr
Be­grü­ßung, Vor­re­de und Vor­stel­lung der Re­fe­ren­ten
durch Bet­ti­na Fell­mann, Or­ga­ni­sa­to­rin der Ta­gung.
Sie stu­diert Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät.

13.​15 – 14.​30 Uhr
Jörg Fin­ken­ber­ger: Po­li­ti­sche Ge­walt und re­li­giö­se Le­gi­ti­mi­tät im Islam
Ob­wohl der Islam heute als eine emi­nent po­li­ti­sche Re­li­gi­on auf­tritt, ist für den größ­ten Teil sei­ner Ge­schich­te das Ver­hält­nis zwi­schen staat­li­cher Ge­walt und re­li­giö­ser Le­gi­ti­mi­tät pro­ble­ma­tisch, fast feind­se­lig. Der his­to­ri­sche Be­fund ver­trägt sich wenig mit dem Selbst­bild des heu­ti­gen po­li­ti­schen Islam: sein Fix­punkt, eine re­li­gi­ös le­gi­ti­mier­te po­li­ti­sche Au­to­ri­tät, ist in der his­to­ri­schen Re­li­gi­on kaum zu fin­den und ver­trägt sich nicht mit der Ge­stalt, die diese seit 800 Jah­ren an­ge­nom­men hat. Der po­li­ti­sche Islam als Be­we­gung und als Ideo­lo­gie be­wegt sich selbst nur in schwe­ren Kon­flik­ten wei­ter, ohne diese auf ab­seh­ba­re Zu­kunft be­frie­den zu kön­nen. Ein Rück­blick so­wohl auf die po­li­ti­sche Ge­schich­te des Islam als auch auf die ver­schie­de­nen Ver­su­che ihrer Ak­tua­li­sie­rung und heu­ti­ge Kämp­fe.
Jörg Fin­ken­ber­ger ist Ju­rist und Rechts­his­to­ri­ker.

14.​30 – 15.​30 Uhr
Dr. Kazem Mous­sa­vi: „There is a chan­ge in the air“?
Über die ge­fähr­li­che Hoff­nung auf eine In­ten­si­vie­rung des deut­schen Kul­tur­di­alogs mit dem Iran unter Ro­ha­ni
Die kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen Ko­ope­ra­tio­nen Deutsch­lands und des Wes­tens mit dem ira­ni­schen Re­gime fin­den zu einer Zeit statt, in der das Mul­lah-​Sys­tem im In­ne­ren gra­vie­rend ge­schwächt ist. Der neue Prä­si­dent Ro­ha­ni wird als „die Hoff­nung, dass sich etwas än­dert“ sug­ge­riert und re­zi­piert, ob­wohl jeg­li­cher Kul­tur­aus­tausch und die Nor­ma­li­sie­rung der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen mit einem kle­ri­kal-​fa­schis­ti­schen Re­gime zum Schei­tern ver­ur­teilt sind.
Der re­li­giö­se Füh­rer Ali Kha­men­ei hofft, mit dem an­geb­lich mo­de­ra­ten Ro­ha­ni in Ko­ope­ra­ti­on mit Deutsch­land, bei­spiels­wei­se durch die Zu­sam­men­ar­beit mit Uni­ver­si­tä­ten, die Po­si­ti­on des Wes­tens gegen das ira­ni­sche Atom­pro­gramm zu spal­ten, Is­ra­el zu iso­lie­ren und zu dis­kre­di­tie­ren und die Sank­tio­nen zu be­en­den. Der Kul­tur­di­alog trägt maß­geb­lich dazu bei, diese Hoff­nung zu rea­li­sie­ren, und damit dem Re­gime den Weg zur Atom­bom­be und der Ver­wirk­li­chung sei­ner is­la­mis­ti­schen Ziele zu ebnen. Dies be­deu­tet auch ein Si­cher­heits­ri­si­ko für die in Deutsch­land le­ben­den Exil­i­ra­ner und jü­di­schen Men­schen.
Dr. Kazem Mous­sa­vi ist Spre­cher der Green Party of Iran in Deutsch­land.

15.​30 – 16.​00 Uhr
Pause

16.​00 – 17.​00 Uhr
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh: „Hei­li­ge & Staats­fein­din zu­gleich“
Frau­en­bild und Männ­lich­keit in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran
Dass im Got­tes­staat Iran bru­ta­le Frau­en­un­ter­drü­ckung herrscht, wird im All­ge­mei­nen nicht ge­leug­net, aber in vie­ler­lei Hin­sicht re­la­ti­viert. So wird diese Un­ter­drü­ckung auch durch ihre Klas­si­fi­zie­rung als „pa­tri­ar­cha­lisch” ver­kannt und ver­harm­lost. Im his­to­ri­schen Rück­blick und Ver­gleich wird die Dif­fe­renz zwi­schen vor­mo­der­nem Pa­tri­ar­chat, Män­ner­herr­schaft unter der Mo­der­ni­sie­rungs­dik­ta­tur des Schahs und phal­lo­zen­tris­ti­schem Mul­lah­re­gime dar­ge­legt. Dabei soll dis­ku­tiert wer­den, was das Re­gime im Iran unter der „be­deu­ten­den und wert­vol­len Auf­ga­be“ der Frau im Islam ver­steht, wel­che Art von Männ­lich­keit in den Re­pres­si­ons­or­ga­nen der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ver­kör­pert ist und in wel­chem Ver­hält­nis diese Kon­stel­la­ti­on zur ira­ni­schen Ge­sell­schaft steht.
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh ist Co-​Re­gis­seu­rin des Films „Kopf­tuch als Sys­tem – Ma­chen Haare ver­rückt?”, pu­bli­ziert unter an­de­rem zum Ge­schlech­ter­ver­hält­nis im Islam, zu An­ti­se­mi­tis­mus und An­ti­zio­nis­mus und zur Er­fah­rung des Exils und ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv.

17.​00 – 18.​00 Uhr
An­dre­as Benl: Sehn­sucht nach Dif­fe­renz
Über den neuen Ver­rat der In­tel­lek­tu­el­len
Die „Char­me-​Of­fen­si­ve“ des neuen Prä­si­den­ten des ira­ni­schen Re­gimes Has­san Ro­ha­ni ruft ein­mal mehr die Kräf­te des Ap­pease­ments in der west­li­chen Po­li­tik auf den Plan. Wäh­rend diese of­fi­zi­el­le Zu­sam­men­ar­beit sich zu­min­dest teil­wei­se mit öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen er­klä­ren lässt, wirft der „Ap­peal“ der Is­la­mi­schen Re­pu­blik im Be­son­de­ren und des Is­la­mis­mus im All­ge­mei­nen bei west­li­chen In­tel­lek­tu­el­len und lin­ken und li­be­ra­len Ak­ti­vis­ten Fra­gen nach sei­ner ideo­lo­gi­schen At­trak­ti­vi­tät auf. Als Fou­caults Apo­lo­gi­en Kho­mei­nis 1979 auf die mör­de­ri­sche Rea­li­tät tra­fen, sah er sich noch ve­he­men­ter Kri­tik aus der Lin­ken aus­ge­setzt. Seit­dem haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se von der Kri­tik des Is­la­mis­mus hin zur De­nun­zia­ti­on der so­ge­nann­ten Is­la­mo­pho­bie ver­scho­ben. Der Vor­trag soll die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de die­ser Ent­wick­lung be­leuch­ten.
An­dre­as Benl ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv und schreibt unter an­de­rem zum Kul­tur­re­la­ti­vis­mus und zur Op­po­si­ti­ons­be­we­gung im Iran.

18.​00 – 18.​30 Uhr
Ab­schluss­po­di­um und Dis­kus­si­on

Die Ta­gung fin­det an einem Sams­tag statt.
Ta­gungs­ort ist Raum 2002 des Haupt­ge­bäu­des der Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät,
Unter den Lin­den 6, 10099 Ber­lin“

Der Ein­tritt ist frei, um Spen­den wird ge­be­ten.

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

Letztes Pausenbild


My Wondrously Nightmarish Mind: Breeding Space I (Detail)

Aufgrund von Ausstellungsvorbereitungen geht es erst ab September (later: dann doch eher im Oktober…, noch später: im November aber definitiv… Dezember… Januar … errr März…) weiter, u.a. mit:

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VII: 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Und:

„Boys and girls come out to play/ What are we gonna destroy today?“ Der „Provokateur“ als Märchenonkel

Auszug:
Im Anhang zu Wolfgang Pohrts „Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins – BRD 1990“ geriert sich der Autor als Märchenonkel: „Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde und dann ein großer Wüterich“ (ebd. 285f). Bereits 1990 schien eine Michael Ende-Parodie anachronistisch, den vorhergehenden 284 Seiten und dem kurz darauf folgenden „Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“ geschuldet jedoch war ‚man’ mehr als bereit, das zu ignorieren. Offensichtlich zu unrecht, denn der Puppenkisten-Jargon scheint als mögliches Versöhnungsangebot dann doch schon lange unter all dem Ichzeigseuch gelauert zu haben. Das ist alles andere als ungewöhnlich, sondern der übliche Lauf der Dinge. Fontanes deutsches Diktum „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sucht später oder meist früher jeden Bereitwilligen heim, umso deutscher je später es anklopft. Denn deutsche Revolutionen kommen immer später aber eben desto affirmativer.
Was auch immer man an Pohrts eigentlich kaum noch überraschenden Volten bemäkeln mag, am sympathischsten sind diejenigen, die er immer noch enttäuschen kann. Steilvorlagen sind üblicherweise etwas, das man zu Ungunsten des Liefernden auszulegen bereit ist; von Pohrt erwartete man aufgrund (oder gerade trotz!) dessen zeitweiser Salinger-Mutismus-Attitüde irgendetwas Relevantes. Spätestens nach dem Interview, das er dem darob triumphierenden Jürgen Elsässer gab, war jedoch klar, dass die Provokation auch für Pohrt andernorts vielversprechender erschien.
{…}
Wer nach dem 11. September 2001 sich keine Sorgen um die machte, die hierzulande aus rassistischen Gründen als Islamisten zu gelten hatten – beispielsweise alle als solche zu definiert haben werdenden Araber und Perser und Türken, die man oder auch nicht kannte, und die man aus der oktroyierten Verantwortung retten wollte, weil man wusste, dass die Attentäter sie unbedingt in Geiselhaft nehmen wollten – wer sich also keine Sorgen machte, hatte keine Freunde. Weil’s aber Deutschland ist, gab es mal wieder keine Individuen, und so hatten diejenigen, die nicht das Geringste damit zu tun haben wollten, Nichtfreiheiten von zu Nichts erklärten zu verteidigen. Deutschland erwies sich erneut als genauso deutsch, wie man es befürchtet hatte. Seinen Rassismus stellte man bloß deshalb hintenan, weil man sich ihm seit eh und je selbst ausgesetzt zu wähnen hatte. Am Ende kennt das „Deutsche Opfer“ vonwasauchimmer regelmäßig den einen Feind: „Die Juden“ und jeden von ihnen „Beeinflussten“. Dass die Deutschen konstant bereit sind, selbst ihren Rassismus zu(un)gunsten ihres Antisemitismus zu suspendieren, sollte jedem zu denken geben, der im „Antiislamismus“ (der u.a. deswegen keine neue Kategorie definiert, weil er eben nichts anderes ist als der übliche Rassismus respektive z.B. die alte Furcht vor der „Gelben Gefahr“) den „neuen Antisemitismus“ zu erkennen Willens ist.

Und:

„Fault-il brûler Wertmüller?“ Toward the end of fashion

Auszug:
In dem unangenehm überbewerteten Film „The Social Network“ wird behauptet, Mode könne kein Ende erreichen. Im „The Social Network“-Universum aber existiert so etwas wie Mode jenseits von H&M-Artigem nicht einmal; dort erschöpft sie sich in männlicher (!) Schlampigkeit, die das Gegenteil von einem Versprechen sein darf und trotzdem beleidigt, und allerbilligstem Groupie-Style. Selbst Dascoolemädchen (das große Versprechen seit der Dietrich in Sternbergs „Morocco“ oder Miriam Hopkins in Lubitschs „Design For Living“, der bezopften Monroe in Hustons „The Misfits“, aber spätestens seit Jean Seberg in Godards „À bout de souffle“), dessen Auftreten erst einmal allen zuvor im Film aufgetauchten Klischees von Weiblichkeit zu widersprechen scheint, ist diverse Male zu blöde, eine Flasche aufzufangen. Jean Seberg hätte das mit links und seilhüpfend gekonnt, Edie Sedgwick auf einem wie auch immer induzierten Trip kopfstehend, diverse Frauen in diversen Filmen jederzeit. In „The Social Network“ tragen alle und alles mehr oder weniger das enttäuschende Top. Selbst Harvard hat es an, zwar kein schwarzes, aber ein immerhin mahagoni-, champagner- oder hautfarbenes. Die sepiafarbenen Harvard-Szenen kommen trügerisch auf betulich altmodische Art verführend daher. Darunter köchelt der gelangweilteste und langweiligste Exzess mindestens der Filmgeschichte, bis alle erdenklichen Flüssigkeiten verdampft sind. Sollte es tatsächlich David Finchers, der seit „Fight Club“ auch nur noch und schon davor manchmal gelangweilt hat, Intention gewesen sein, Erotik filmisch endgültig zu demontieren – chapeau! Und ganz gewiss ist Facebook als Website derart langweilig designed und uniformierend, dass… egal. Aber so kann das im ‚wahren Leben’ geschehen, im Film hat es aufregender gestaltet zu werden, weil Film alles kann.
Fraglos gibt es ein Ende von Mode, im Sinne von möglich erscheinenden Schnittvariationen – und mittlerweile ist es erreicht worden. Mode kann zwar noch beeindruckend, aufregend oder schön sein, aber keinerlei Fortschritt mehr erfahren – die Grenzen sind ausgereizt, von überwältigender Opulenz bis zum Nichts hat es nunmehr alles gegeben. Insofern können die Selbstzerstörungstendenzen (die von Mode sind ebenfalls bereits erledigt, letztens erneut und sehr hübsch durch Victor und Rolf in ihrer Abendkleid meets Locher-Kollektion) von Designern wie Galliano (Vernichtungsphantasien) bis Lagerfeld (Werbung für so gut wie alles) nicht erstaunen. Der Körper als Projektionsfläche für Künstler oder Couturieurs hat ausgedient. Als seine Grenzen zu übertretende Fläche (Schönheitschirurgen schnüren Grenzen bloß noch enger und so genannte Geschlechtsoperationen werden einfach nur unerschwinglich, wenn die gesellschaftlich akzeptierten und von frustrierten Psychiatern bestätigt zu haben werdenden Grenzen in Frage gestellt werden könnten) gilt er nur noch sadistischen oder im Auftrag handelnden Folterern, Rassezüchtern oder Menschenmaterialverbessernden und dergleichen Irrsinnigen, die sich in ihrem Wahn auf immer eins mit allen und allein wähnen müssen. Der einzige Ausweg für Haute Couture wäre (nach erzwungener Anorexia nervosa respektive Bulimie in all ihren möglichen Erscheinungsformen, im Kontext immerhin: body follows fashion), die ihr vom Körper gesetzten Grenzen aufzugeben – das wäre möglich in Richtung invasiver Strategien (wie es z.B. von Selbstverletzungskünstlern – die selbst schon lange nichts fundamental Neues mehr zu bieten haben, dazu später mehr – allerdings bereits vorgemacht wurde, und worauf Heidi Klums gegeißelte und flagellierende Hofdamen längst vorbereitet werden) oder indem man einfach gleich Rauminstallationen, Performances und/ oder Videokunst inszeniert – wo es ebenfalls bereits alles Grundlegende gegeben hat. Prêt-a-porter müsste sich bloß an Stelle von Haute Couture setzen, und die Modeketten könnten schließlich mal all die sensationellen Ideen und Träume der letzten fünfzig Jahre unkaschiert und nicht verharmlost in die Fußgängerzonen transportieren.
Aber natürlich liegt Wertmüller in wenigstens einer Hinsicht richtig. Nicht insofern, als er ‚Antifa-Mode’ als geschlechtliche Gleichmacherei beklagt; das ist nun wirklich kein Problem. Albern ist nur, dass sie die beispielsweise auf Demonstrationen etc. meist sinnvolle Uniformierung des Individuums (welchen Geschlechts auch immer!) unbedingt anspruchsvoll oder -los in jeden Bereich tragen möchte; und bedingt kann das ebenso ansprechend sein, sofern es nicht Luxus oder Schönheit verachtend, gruppenzwanghaft und mit einem moralischen Impetus geschieht oder den pausenlosen Ernstfall nachdrücklich und ununterbrochen verbissen signalisieren soll etc. Dennoch: Die Möglichkeiten von Polemik werden dann suspendiert, wenn man sich mit ihren Mitteln als Opfer und sei es bloß als das ästhetischer Konventionen ausgibt.

‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde

Wo [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen [!] denn doch noch gegen sie steht.“
Theodor W. Adorno – „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364

Si j‘aurais su j‘aurais pas venu.“
Petit Gibus, La guerre des boutons

Lars von Trier hat sich bei allen entschuldigt, seine Entschuldigungen wieder zurückgenommen („I can‘t be sorry for what I said. It’s against my nature.“ + „All apologies to me are nonsense.“), weil er es ja doch nicht so sondern dänisch gemeint habe und durfte sich vor einigen Tagen in Interviews beispielsweise mit der FAZ und dem Tip ausführlich als hilfloses Opfer von Zensur, Depressionen, Identitätskrisen und Angststörungen ausstellen. Erneut wurde ihm unisono konstatiert, er sei gar kein Nazi. Und erneut wurden diejenigen Passagen seiner Cannes-Jeremiade ignoriert, in denen sein Neid und seine Missgunst die vorgebliche Ironie seiner Aussagen immer wieder zusammenbrechen ließen. Lars von Trier hat sich bei allen öffentlich entschuldigt außer bei Susanne Bier. Um Bier herum allerdings hatte er sein Wahngebäude aufgebaut, redete von der seiner Meinung nach ungerechten Bevorzugung der Regisseurin, ließ implizit keinen anderen Schluss zu, als dass diese darin gründe, dass sie Jüdin sei, betonte, er habe natürlich und seiner Natur gemäß nichts gegen Juden und zog dann sofort wie alle, die nichts gegen Juden haben, über Israel her.
Lars von Trier hat sich auch bei den Deutschen entschuldigt: „I‘ve also offended Germans, when instead of saying ‚German‘ I used the word ‚Nazi,‘ as though every German is a Nazi.“ (Haaretz.com) Was ebenso relativierend gemeint wie überflüssig war. In Deutschland übte man sich wohlweislich im Ignorieren der entsprechenden Sätze. Sei es, weil man sie ob der Begeisterung, dass zum wiederholten Male ein Künstler von Weltrang sein Genie ganz zwanglos mit antisemitischen Äußerungen zu beweisen hatte, einfach überhörte oder weil man sich durch Nachsicht abermals als das bessere Opfer darstellen konnte.

Remember that guy who said he understood Adolf Hitler and sympathized with him? Lars Von Trier? […] Now, fast forward through a hundred apologies later, and we have him announcing his withdrawal from interviews and any sort of public speaking from this point onward. Apparently he was questioned by Danish police, and that was all he needed to convince himself of what we‘ve all known since the debacle — the man needs to shut the hell up!
Perez Hilton – Lars von Trier swears off public speaking

Während ein Großteil der angloamerikanischen Presse sich Anspielungen auf den „Vow of Chastity“ des dänischen Dogma 95 nicht entgehen ließ und betonte, dass Lars von Trier „now vows silence“ (oder auch: „Lars von Trier vows never to vow again“, LA Times) galten deutschen Journalisten die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Lars von Trier als Maulkorb, Zensur oder repressive Political Correctness. Ob der nicht näher bezeichnete Gesetzesartikel (wahrscheinlich: Article 48-2; créé par Loi n°90-615 du 13 juillet 1990 – art. 13 JORF 14 juillet 1990), der zu seiner Befragung durch die dänische Polizei führte, in diesem Fall anzuwenden ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden, auch nicht, ob derartige Gesetze sinnvoll sind oder doch nicht nur noch mehr Opferdarsteller generieren. Letztere Chance ließ sich von Trier erwartungsgemäß nicht entgehen und teilte mit, dass „{t}oday at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations, I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally, and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews.“ Die Ähnlichkeiten mit Martin Walsers Rechtfertigungsversuchen nach seiner Paulskirchenrede sind unübersehbar. Nicht mehr an seinen Reden, eine Form, die er als Schriftsteller nunmal nicht wirklich beherrsche, sondern an seinen literarischen Erzeugnissen wollte er fortan gemessen werden. Woraufhin sich Matthias N. Lorenz aufmachte und systematisch und minutiös die antisemitischen Passagen in Walsers Romanen nachwies („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“). Eine umfassende Analyse der von Trierschen Filme in diesem Sinne steht noch aus. Bis dato gibt es nur wenige einschlägige Artikel (vgl. zum Beispiel: Felix Hedderich – Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret).


John Everett Millais – Ophelia, Detail (cp. Melancholia)

Wer von Trier nicht bloß als angenehm verwirrtes Genie oder mutigen Rebell gegen Sprachkonventionen bezeichnen mochte, wagte anzudeuten, es könnte sich bei der Pressekonferenz um einen inszenierten Eklat ausschließlich aus Gründen der Promotion für dessen letztes Werk „Melancholia“ handeln. Und natürlich ist von Trier bekannt dafür, seine Werbemaßnahmen als provokativ auszustellen. Üblicherweise folgt die Presse seiner Einschätzung, obwohl es sich meist um recht harmlose Effekthaschereien handelt. Aus verschwörungstheoretischer Sicht böten sich Anlässe genug, das alles (Pressekonferenz, Befragung durch die Polizei und Schweigegelübde) für einen reinen Marketing-Coup (oder womöglich eine intendierte ‚Hinrichtung’ des Künstlers) zu halten, die Bezüge zum Film sind mannigfaltig und lassen sich bis zu obskuren Details zurückverfolgen: zum wiederholten Male evoziert von Trier das Ophelia-Motiv aus Shakespeares „Hamlet“ (Des Dänenprinzen letzte Worte lauten: „The rest is silence.“) oder eben Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, während der Feierlichkeiten steigt eine Himmelslaterne auf, die grob mit Herzen, Glückwünschen und gut sichtbar einem Davidstern verziert wurde, und verbrennt in einer Einstellung, in der nächsten bleibt sie unversehrt. Sympathische Charaktere werden im Film dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder Rituale ridikülisieren, ignorieren oder nicht über Kenntnisse gesellschaftlicher Konventionen verfügen und so z.B. während der Hochzeitsfeierlichkeiten peinliche Momente in Serie produzieren etc. pp. Den Kausalkettenverdrehern jedoch sei hiermit ein für alle Mal gesagt, dass auch von Triers, ob er es hören will oder nicht, Autoren-Filme und seine Äußerungen nunmal einer Quelle entspringen, und die ist sein Kopf!
Zum mittlerweile und nicht überraschend hochgelobten „Melancholia“ bliebe ebenfalls nur Schweigen, wäre es nicht ein so misslungener Film. Die wenigen, die tatsächlich ernstzunehmende Kritik an von Triers Ausfällen übten, tendierten dazu, sein Œuvre in Gänze zu verdammen und ihn zu einem unbegabten Filmemacher zu erklären. Das ist er nicht. „Breaking the Waves“ beispielsweise ist wenigstens Kino, zu diskutierendes, zu problematisierendes, unbedingt vor allem hinsichtlich seiner Ideologie zu kritisierendes Kino – aber im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen europäischen Produktionen eben doch Kino. Entgegen der vor allem in Deutschland aufgrund der ganz offensichtlich mangelnden Fähigkeiten vertretenen Meinung bedeutet Kino nicht, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Gutes Kino – und der Begriff ist eigentlich zu bieder, um dem, was Kino kann, gerecht zu werden – schafft Paralleluniversen. Statt dieses Versprechen umzusetzen, lässt von Trier einen Planeten auf der Erde einschlagen und bebildert sie zuvor derart, dass man ihre vollkommene Zerstörung nicht einmal bereuen kann. Andererseits ist es unmöglich, mit Justine (!, Kirsten Dunst) zum ersten Mal im Film ehrlich zu lächeln, außer wegen der Tatsache, dass der Film nun endlich vorbei ist. „Melancholia“ ist der platt illustrierte und filmisch mangelhaft umgesetzte Endpunkt einer Entwicklung im Werk des Regisseurs, die den Tod nicht mehr als tragischen und zu bedauernden Ausweg aus unerträglichen Zuständen darstellt sondern als von allen Eingeweihten erwünscht und wünschenswert. Der Tod ist nicht mehr individuelle Katastrophe, sondern nimmt jenseits aller individuellen Einwände gegen ihn in einem Erlösung versprechenden Moment alle mit sich – buchstäblich alle. Erst im Untergang der Menschheit greift von Trier wieder auf die makellosen Bilder zurück (von denen einige erkennbar an die Gemälde der Präraffaeliten angelehnt sind oder in dann doch interessanter Rückführung an Gregory Crewdsons ‚mock film stills‘), die er bereits vor dem Vorspann (bezeichnend: Der Titel wurde offenbar mithilfe ‚nichtverträglicher Materialien’ – z.B. Wasserfarbe auf Wachskreide oder Acrylharz auf Ölfarbe – hergestellt) ausführlich wie viktorianische Kapitelüberschriften oder fernsehserientypisch als Ausblick auf kommende Folgen gezeigt hat. Dazwischen gibt es Dogma pur (inklusive der erforderlichen Regelbrüche): Jump Cuts, Reißschwenks, ruckelnde, zappelnde und wackelnde Handkameraführung, das Elend der Welt aus nächster Nähe, unbeholfener Sex u.a. als Authentifizierungsstrategie usw. In den zwei Kapiteln dieser unübersehbaren „Festen“-Reprise – Justine: sepia/ Claire (Charlotte Gainsbourg): blaugrau – werden wieder Frauen zu Opfern oder opfern sich auf. Die unvermeidliche Unschuldsfigur wird diesmal allerdings von einem Mann (bei Trier eher unüblich, aber an Vinterbergs Film erinnernd) gegeben, dem Gatten, der Justine einen Apfelgarten („Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der zum Katholizismus konvertierte von Trier bemüht ausgerechnet Martin Luther.) schenken möchte, den sie als Depressive und in der Werbeindustrie Verdorbene jedoch nicht zu schätzen weiß; als sie das kleine Bildchen, das er ihr hoffnungsfroh überreicht hat, einfach liegen lässt, ist die Ehe bereits am Hochzeitstag gescheitert. Und wieder verleiht von Trier seinem Ekel angesichts von bürgerlicher Dekadenz mit allzu Beifall heischenden Bildern (u.a. Stretch-Limousine kriegt die Kurve in der Wildnis nicht) Ausdruck. Der Film ist überladen mit Anspielungen, Zitaten und Allegorien, die geradezu nach Aufmerksamkeit schreien, da sie aber dermaßen ostentativ und unoriginell daherkommen, vergeht einem der Spaß am Entschlüsseln. Und wer Wagners süßliche Tristan und Isolde-Ouvertüre bis dahin noch schätzte, wird sie nach dem Film verabscheuen; sie liegt, schwer (wie einige Bilder in Zeitlupentempo gespielt), unheilschwanger und völlig willkürlich eingesetzt, gleich faden Mehlschwitzenpfützen auf dem Film und nervt spätestens nach der dritten Wiederholung. Mehr gibt es nicht wirklich oder wirklich nicht zu sagen.

+ LA Times poll: How long will Lars von Trier’s vow of silence last?

„Stukas Over Disneyland“. Lars von Trier feiert seine „deutschen Wurzeln“ angemessen


Dickies – Stukas Over Disneyland

Jedem, der sich auch nur am Rande mit dem Thema Antiamerikanismus beschäftigt, fällt die Nähe und Prominenz des Topos Antisemitismus auf. Ich betrachte beide als eng miteinander verwandt, als – um es bildlich auszudrücken – Cousins ersten Grades. […] André Glucksmans Charakterisierung der beiden als „Zwillingsbrüder“ erscheint noch treffender.
Andrei S. Markovits – Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa

Aber es gibt keine Antisemiten mehr“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente) und meinten damit nicht nur, dass sich nach Auschwitz kaum noch jemand offen als Antisemit bezeichnen oder bezeichnen lassen wollte und antisemitische Äußerungen als solche erst entschlüsselt werden mussten. Zugleich vermuteten sie: „Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind.“ (Ebd.) Trotz des Superlativs ist der Text, der weitgehend noch während des „Drittens Reiches“ entstand und entsprechend zu lesen ist, von Zweifeln durchzogen, die, wie sich wenig später herausstellen sollte, zu Recht Antisemitismus als fortwährende Grundlage deutscher Ideologie annehmen. Jahre später schilderte Jean Améry deutsche Nachkriegszustände, die die Befürchtungen drastisch illustrierten, kulminierend in seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ (in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, 1977) und seiner Rede zur Woche der Brüderlichkeit „Der ehrbare Antisemitismus“ (in „Weiterleben aber wie?“, 1982). 1969 veröffentlichte Léon Poliakov seine Studie zu den antisemitischen Grundlagen des Antizionismus und vice versa (in Deutschland erstmals 1992: „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“, ça ira). Noch später wiesen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“ und „Aspekte der Alltagsreligion“) und Moishe Postone („Deutschland, die Linke und der Holocaust“) die anhaltende Virulenz von Antisemitismus nicht nur in der Rechten sondern ebenso der deutschen Linken und Mitte nach. Und neben anderen beschrieb Andrei S. Markovits („Amerika, dich haßt’s sich besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) welche Schnittmengen Antiamerikanismus und Antisemitismus notwendig darbieten.

Es liegt in der Natur der Sache, daß Filme, die durch das Pathos ihres Stils jeden Quadratzentimeter Realität mit Bedeutung aufladen und ihr atemlos hinterherhecheln, bald an die Grenzen der Immanenz stoßen und ein Bedürfnis nach Transzendenz entwickeln: letzte Ausfahrt Religion. Trier ist – nur halbironisch gebrochen – besessen von Schuld, Selbstgeißelung, Opferkult und Dogmen und tischt den Zuschauern am Ende von »Breaking the Waves« mit den vom Himmel hoch ins Bild bimmelnden Riesenglocken ein wahrhaftes Wunder auf.
Jan Pehrke – „Im Arsch der Dinge“, Konkret 02/02

Lars von Trier ist als Regisseur fraglos weitaus begabter als Jonathan Meese als Künstler, dennoch teilen beide ein ähnliches Bild von der Funktion des Schöpfers eines Werkes. Wo Meese den Künstler nur noch in den Dienst von etwas Höherem stellen mag (bloß keine „Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht“), sollte das durch von Trier maßgeblich geprägte Dogma 95-Manifest einerseits dem Autorenfilm wie andererseits dem opulenten Kino Hollywoods mit rigider Beschränkung von Ästhetik und letztlich Thematik beikommen. Meese spielt kindisch verharmlosend mit Nazi-Versatzstücken und von Triers Filmen ist vor und nach Dogma 95 seine Faszination für den NS-Gestaltungswahn zu entnehmen (dazwischen gab er das Gegenteil vor und repetierte dennoch im Kollektiv entsprechende Inhalte). Beide geben sich als enfants terribles, als Tabubrecher, die mit sich selbst zugleich jedes Tabu ironisiert betrachtet haben wollen. Während bei Meese jedoch alles zu Eintopf zerkocht wird, lassen sich von Triers Motive trotz aller vorgeblichen Widersprüchlichkeit deutlich exzerpieren. Im Dogma-Manifest, dessen Quintessenz lautet: „Ich bin kein Künstler mehr“, heißt es:
To DOGME 95 cinema is not individual. […] For the first time, anyone can make movies. But the more accessible the media becomes, the more important the avant-garde, it is no accident the phrase „avant-garde“ has military connotations. Discipline is the answer…we must put our films in uniform, because the individual film will be decadent by definition! DOGME 95 counters the individual film by the principle of presenting an indisputable set of rules known as THE VOW OF CHASTITY.
Die Dogma-Filme von beispielsweise Thomas Vinterberg („Festen“) und Lars von Trier („Idioterne“) üben sich dann auch nicht nur in ästhetischer Reduktion, sondern stellen die „Reinheit“ des unschuldigen Opfers ins Zentrum der Handlung, wo es der Dekadenz der Bourgeoisie erst einmal hilflos ausgeliefert ist. Dekadenz wird in „Festen“ u.a. mit eindeutig homophoben Mitteln illustriert. Und in „Idioterne“ zelebriert von Trier wie so oft weibliche Aufopferungsbereitschaft oder Frauen als vornehmliches Opfer sinistrer Kontexte („des Führers Wasserleiche“ lässt grüßen) angesichts des bei ihm aufgrund der so oder so als hoffnungslos ‚verdorben’ ausgestellten Menschheit regelmäßig zu erahnenden nahen Untergangs der Welt. Hinter von Triers vordergründigen Provokationen lauert immer das Opfer, als das er selbst sich in seinen öffentlichen Auftritten wie in seinen Protagonistinnen darzustellen weiß. Nichts ist von ihm zu hören oder sehen, das nicht impliziert, er werde alsbald dafür gequält und gemartert werden. Das Modell ist bekanntermaßen erfolgreich, und so zeitigte es auch in von Triers Fall keine gravierenden Konsequenzen, als er in Cannes seine Begeisterung für Albert Speer und sein Mitfühlen mit Hitler im Bunker ausdrückte, Israel als „pain in the ass“ bezeichnete (was nicht, wie in den deutschen Medien ausnahmslos geschehen, mit „geht mir auf die Nerven“ zu übersetzen ist, sondern wenn schon nicht literally dann mit „geht mir auf den Sack“ oder „ist die Pest“) und sich der Grußformel aller Antisemiten bediente: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“. Am Ende seines Monologs verlieh er, sich gleichzeitig immunisierend, erneut seiner Befürchtung öffentlicher Verdammung Ausdruck: „How do I get out of this sentence. Ok, I’m a Nazi.“ Mit einem aufgesetzt entschuldigenden und „nur halbironisch gebrochenen“ (Pehrke) Lächeln. Die Bestrafung erfolgte in Form einer nicht einmal halbherzigen Geste: Die Leitung erklärte ihn für die Dauer des diesjährigen (!) Festivals zur persona non grata. Was ihm erklärtermaßen gefallen hat: „Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.“ (Lars von Trier im Interview. „Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen“, Spiegel.online)
Doch selbst das nachsichtige auf die Fingerklopfen galt deutschen Medien als Veranlassung, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen. Im Interview mit dem Deutschlandradio teilte dessen Filmkritiker Josef Schnelle mit, man habe in Cannes „zuerst moderat reagiert […]. Und jetzt gab es dann ja plötzlich die Entwicklung, dass das Festival ihn zur Persona non grata erklärt hat. Da werden andere Instanzen des Festivals beteiligt gewesen sein, wie [sic!] bei dieser ersten Erklärung. Das weiß man immer nicht, was hinter den Kulissen da genau vorgeht. Jedenfalls ist der Film jetzt raus und kann auch keine Goldene Palme mehr bekommen. Dabei sah es kurz danach aus, dass er es hätte werden können.“ (Dradio – Lars von Trier aus dem Festival von Cannes geworfen. Josef Schnelle im Gespräch mit Karin Fischer)
Hinter den Kulissen“ agieren gesichtslose Strippenzieher, und der harmlosen Gemüts in Fettnäpfchen stolpernde von Trier ist ihr Opfer. Lars von Trier gibt Bess, Karen, Selma und wie sie alle heißen mögen in Personanongrataunion. Natürlich stürzten sich alle auf seine apodiktische Deutung, da er Speer schätze und Hitler irgendwie verstehen könne, würde er der Welt von nun an als Nazi gelten. Um ihn mit einem Federstrich davon freizusprechen. Und tatsächlich ist Lars von Trier (wie üblich in der Deutsche und deutsch exkulpierenden Diskussion) kein Nazi im Wortsinne, wenn er auch deren grundlegende Opferideologie teilt. Als das jedoch, was zumindest die deutschen Medien nur als Ansätze oder Tendenzen zu erwähnen wagen und im selben Moment weit von ihm zu weisen sich anstrengen müssen, geriert er sich zunehmend. Auf Spiegel.online kommentiert Hannah Pilarczyk: „Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen – rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film „Die Passion Christi“ stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.“ („Stinkbombe und Fehlurteil“)

I really wanted to be a Jew, and then I found out that I was really a Nazi, because my family was German, Hartmann, which also gave me some pleasure. So, what can I say? I understand Hitler, but I think, he did some wrong things, absolutely, but I can see him sitting in his bunker in the end. But there will come a point at the end of this. Now I‘m just saying that I think, I can understand the man. He is not what you would call a good guy. Yeah, I understand much about him. I might sympathize with him a little bit, yes. But, come on, not … I‘m not for the second World War. And I‘m not against Jews. I am of course very much for Jews. No, not too much, because Israel is a pain in the ass. … But still … How can I get out of this sentence? Ok, I‘m a Nazi
Lars von Trier in Cannes

The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish. If you’re Jewish, you’re allowed to make Jewish jokes. So it’s hard to break that habit when you find out that you’re not really Jewish. All of my children have Jewish names. I’m sorry that people took it the wrong way. But I know why; I was stupid enough to talk to the world like I talk to my best friends.
Lars von Trier, Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments

Und irrt sich. Lars von Trier hat sich in seinen Filmen immer wieder diverser Motive bedient, die nur denen, die sie eben nicht sehen wollen, verborgen zu bleiben haben. Und ausschließlich so hat Deutschland seit eh und je funktionieren können. Abgesehen von der unermüdlichen Inszenierung sich aufopfernder Charaktere und seiner Dekadenzphobie, werden antisemitische Motive vor allem in seinem Antiamerikanismus erkennbar. Felix Hedderich beispielsweise schreibt über „Dear Wendy“ (Regie: Thomas Vinterberg, Drehbuch: Lars von Trier): „Dass der Ladenbesitzer […] als einziger Erwachsener, der nicht in der Kohlemine arbeitet, einen jüdischen Namen trägt, kann kein Zufall sein. Ein Händler und Ausbeuter, der die harte Arbeit in der Mine scheut – das muss, vom Standpunkt eines Antisemiten betrachtet, ein Jude sein. Hinzu kommt, dass Salomon auch noch eine Paranoia vor gewalttätigen Gangs, die es in dem verschlafenen Städtchen offensichtlich nicht gibt, angedichtet wird. Beschreibt von Trier hier etwa die nach dem 11. September durchaus berechtigte Angst der Amerikaner vor Terroristen als bloße Paranoia vor einem Gespenst, das gar nicht existiert? Und will er mit der Figur des Salomon darauf verweisen, dass diese Paranoia von den amerikanischen Juden ausgeht?“ (Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret) Außerdem verweist Hedderich zurecht darauf, dass neben den sich opfernden Frauen Antiamerikanismus die vielleicht „größte Gemeinsamkeit der von Trier-Filme der letzten zehn Jahre ist“. (Ebd.) Mindestens.


Eat this, Lars von Trier! („Battle of Britain“, UK 1969, Regie: Guy Hamilton + undeniable „Star Wars“ model 3:05)

A Stuka will outlive a British Spitfire in our consciousness by millennia. That’s my point of view. While a Spitfire has all those rounded forms and was a very beautiful airplane, the Stuka was a revelation. A lot of Nazi design was amazing. They had such big thoughts. The Stuka was a dive-bomber that swooped down and dropped its bombs with great precision. A special feature about the Stuka was that its bombs were equipped with a little whistle, which is staggeringly cynical but also a sign of artistic surplus.
Lars von Trier im Interview mit Per Juul Carlsen, Danish Film Institute: The Only Redeeming Factor is the World Ending (mit Dank für den Hinweis an U+NdG)

Got an SS ticket I‘m feeling fine
Spent five long hours just standing in line
Passed inspection got my ears on straight
Gonna fire up my engines ‚fore it gets too late
I just can‘t wait

Dickies – Stukas Over Disneyland

Lars von Trier, der 1995 die urdeutsche narzisstische Kränkung, er entstamme eben nicht dem auserwählten Volke, am eigenen Leib erfahren musste, als ihm seine Mutter auf ihrem Totenbett mitteilte, sein Vater sei nicht der dänische Jude Ulf Trier gewesen sondern ihr Arbeitgeber, der Deutsche Fritz Hartmann, zog in der Pressekonferenz auch über die dänisch-jüdische Regisseurin Susanne Bier her und beantwortet Fragen nach den Gründen für seine Beleidigungen nur ausweichend und seine Missgunst kaum verhehlend: „I went to film school with her, and she used to work for Zentropa, my production company, but quit. I’ve always thought, compared to me, that she was treated extremely well, which is fair enough, but has nothing whatsoever to do with the fact that she’s Jewish. The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish.Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments
Worauf er tatsächlich neidisch ist, geht dennoch eindeutig aus seiner Replik hervor. Während er zunächst in der einen Identität aufging, um sich Dank ihrer über alles hermachen zu können, richtet er sich nun ebenso in der nächsten ein. Missgunst und Neid gehören wie Waschbecken und Herd zum deutschen Standardinventar und müssen nicht extra angeschafft werden. Von Trier hat schnell gelernt, dass Deutschsein („[W]hich also gave some pleasure.“) heutzutage ein surplus ist – nichts und niemand war am Ende erfolgreicher in der Darstellung als Opfer. An ihr wird man unersättlich.
Nebenbei kristallisiert sich eine neue (deutsche) mediale Repräsentation heraus: Der Antisemit als Genie. Sobald eine prominente Person sich antisemitisch äußert, und sei es noch so drastisch („But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ John Galliano), wird auf ihren Status als begnadeter Künstler verwiesen1, von Galliano bis zu von Trier. Die undifferenzierte deutsche Faszination für Kreative hat sie so weit gebracht, dass sie einen, der sich als einer ausgab, zu ihrem Führer auserwählten. Das feinsinnige Volk exkulpiert sich zum wiederholten Male an dem, was seine Massenmedien uneingeschränkt als „Faux-pas“, „Ausrutscher“, „Dummheit“ und dergleichen mehr und vor allem angesichts des Stress‘ oder des Image als nur allzu verständlich bezeichnen. Ob die ausgiebig bemitleideten sensiblen Geschöpfe am Ende behaupten, sie hätten gar nichts gegen Juden oder eben nicht, macht nicht den geringsten Unterschied mehr aus. Weil „man“ unisono und irrsinnigerweise davon ausgeht, es gäbe keine Antisemiten mehr. Insofern soll selbst Eve Gerrads völlig zutreffende Analyse zunehmend dem Nichts, das am Ende von all dem lauert, anheimfallen:
Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)
Und zwar ausgerechnet weil jede medial bewältigte Aussage zum Thema als nicht rückholbares Vorbild für all diejenigen deutsch motivierten Tabubrecher kursieren wird, die sich in ihrem Opferwahn dem Nichts andienen. Die Einmütigkeit der deutschen Kommentatoren zu von Triers Ausfällen ist auch insofern umso erschreckender, weil es vor Jahren noch wenigstens eine beachtbare Minderheit gegeben hätte, die sich bemüht haben würde, dem deutschen Ansehen in der Welt mit Fingerzeigen weiterzuhelfen. Und sei es nur, weil man in Deutschland eben anständig ist. Aber selbst das scheint ihnen mittlerweile kaum noch nötig zu sein.

  1. Es sei denn, es handelt sich um US-Amerikaner oder Hollywoodstars. Mel Gibson zum Beispiel wollte man seinen Antisemitismus hierzulande enstprechend anhaltend vorwerfen, weil man ihn als Hollywood-Produkt betrachtete. In diversen deutschen Beiträgen zur von Trier-Debatte wird er dann auch als Derechteantisemit ausgestellt, während von Trier „nur spielen will“. In Deutschland stellt man sich als Ausalldemgelernthabende aus, während man in den USA endlich die wahren Rassisten vorzufinden wähnt. Wäre Gibson Europäer gälte er hier ebenso ausdrücklich als bloß überfordertes respektive alberne Tabus brechendes Schauspiel-Genie. [zurück]

„Follow the yellow brick road…“

Doch allein wenn man sich die Fotos der beiden ungleichen Brüder anschaut, fragt man sich rasch, ob die gefärbten Haare, die getönte Brille und der rosa Anzug von Elton John ästhetisch nicht weitaus verkommener sind als der selbstbewusst aus seiner chaotischen Prekariatshütte lächelnde Geoff Dwight.
Florian Illies – Über ungleiche Brüder, Zeit online

Nein, fragt man sich überhaupt nicht und schon mal gar nicht rasch. Und man muss Elton Johns Œuvre nicht mal toll finden, um es nicht zu tun. Dessen Halbbruder Geoff Dwight (der „wärmstens an den verrückten englischen Zauberer Catweazle“ erinnert, ebd.) nämlich, den Illies am Ende bloß mag, weil er diesmal weiß, dass er jemanden um tatsächlich überhaupt nichts beneiden muss, schwafelt ausschließlich vom Glück des Verzichts. Und denunziert dabei den älteren und fast unvorstellbar reicheren Bruder mit entsagungsvollem Pathos als geizig und unsolidarisch, obwohl er ja explizit nicht mal was von ihm haben will. Das gilt dann dem sich als dekadenzphobisch outenden deutschen Zeitgeist-Analytiker als „wahre Gesellschaftskritik“ (ebd.). Der er das passende Vorurteil hinterherschiebt: Mann in „rosa Anzug“ = „verkommener“ als irgendwas. Dann doch lieber ‚authentisch‘ und ‚natürlich‘ in einer Hütte vor sich hinprekarisieren. But… beware! Es gilt, sich sofort mit Elton John zu versöhnen, denn den hat bloß die bösartig sich selbst karikierende Musikindustrie (es führt kein Weg an Adorno vorbei!) zum ‚unechten‘ Outfit und desgleichen gezwungen, wie er in „Goodbye Yellow Brick Road“ (prominently featured on „Life on Mars“, season 2, episode 2) zu beklagen hatte:

So goodbye yellow brick road
Where the dogs of society howl
You can‘t plant me in your penthouse
I‘m going back to my plough

Überdimensionierte Brillen zu Pflugscharen? Ironie kann Elton John besser!

Große linke Debatten III: Laminat

In Anschluss an die aufwühlenden Wortgefechte in der Jungle World: Rosenkohl (natürlich pro! Es ist nämlich keine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir Bitteresweilimmermalwiedergiftiges zu vermeiden gelernt haben, sondern dass wir herausgefunden haben, was man essen kann, obwohl es angenehm bitter schmeckt!) und Halloween (wäre mir ziemlich egal, gebe es nicht die unterhaltsame deutsche Empörung übers Amerikanisiertwerden. Also auch pro!) werde ich im Folgenden eine Scheinnichteinmaldiskussion zwischen mir und meiner Person über Laminat nicht einmal dokumentieren.

Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist
Wikipedia – Laminat

Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…


Whatever…

Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!

Es gab mehr als nachvollziehbare Gründe dafür, dass Dielen früher mit Rupfen- und selbst das schönste Parkett mit eindrucksvollen Teppichen (Flokati soll und darf hier kein Thema sein!) bedeckt wurden. Solche, die eher der Bequemlichkeit und andere, die der Ästhetik genüge taten. Beides ist erstrebenswert! Früher ließ man auch einfach die Zigarren- oder Zigarettenasche auf den Teppich fallen. Das ist insofern nicht mehr erstrebenswert, als es keine im Haus mehr oder weniger lebenden Domestiken mehr gibt, die den Dreck lautlos und unsichtbar beseitigen. Aber demnächst haben wir ja hoffentlich alle diese niedlichen kleinen Staubsaugroboter…
Später ließ sich Auslegeware industriell herstellen, und immer noch ist selbst das Massenprodukt Teppich dem Massenprodukt Laminat (das bloß stupide nachzuempfinden sucht, statt des Designers manchmal sogar Innovationsdrang zu befördern!) in Farb- und Qualitätsvielfalt haushoch überlegen. Auf Teppichen kann man übrigens auch nicht ausrutschen, selbst wenn mal ein Glas Wasser umgekippt wurde, auf Laminat schon (another sad experience).
Wie dem auch sei, es gibt eigentlich nur einen wirklich wichtigen Einwand gegen Laminat: Es sieht überhaupt nicht schön aus sondern kitschig, blöde und billig, und nur wer im „Ikea-Paradies“ (© by CdP) leben mag, kann es ansprechend finden!
(DER VERMIETER hat übrigens darüber hinaus die Küche mit Terracotta ähnelnden Fliesen, dieses auch hinsichtlich seiner Unelastizität und Schmutzaufnahmefähigkeit imitierend, auslegen lassen – sehr intelligent: Alles nur ansatzweise Zerbrechliche, das runterfällt, geht unvermeidbar darauf kaputt!)

+ Nur aufgrund meiner unentschuldbaren derzeitigen Zerstreutheit later: SonntagsGesellschaft – Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl. Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World

Exit through the rest room: Wenn Kunst, die auch Produkt ist, alles darf, was dürfen dann Produkte, die sich der Strategien von Kunst bedienen?

Our makeup collaboration with MAC developed from inspirations on a road trip that we took in Texas last year, from El Paso to Marfa. The ethereal nature of this landscape influenced the creative development and desert palette of the collection. We are truly saddened about injustice in Juarez and it is a very important issue to us. The MAC collaboration was intended as a celebration of the beauty of the landscape and people in the areas that we traveled.
Rodarte Company Statement via Colorlines


Landschaft bei Juárez

Zweifellos gehört der Rodarte-Lidschatten der Kosmetik-Firma MAC zu den ästhetisch aufregendsten Erzeugnissen der Menschenverschönerungsindustrie der letzten 100 Jahre. MAC ist bei seinen Benutzern auch bekannt für die limited editions (LE)1: Produkte, die nur für wenige Monate, Wochen oder aufgrund des Ansturms auf die ausgewählten Geschäfte, die sie überhaupt führen, Tage erhältlich sind. Die Illusion von Exklusivität scheint unerschöpflich, denn tatsächlich gibt es regelrechte LE-Fans respektive -Süchtige. Die beschweren sich zwar regelmäßig in einschlägigen Foren darüber, dass sie reingelegt würden; in jeder Anklage schwingt dennoch mit, dass sie sich erneut und ganz und gar gegen ihren Willen davon werden überzeugen lassen, dass das jetzt the real stuff sei.
Die Empörung über die Juárez-Linie gleicht dann auch der des sterbenden Junkies, der dem Dealer mit dem letzten Atemzug noch vorwirft, er habe den Stoff diesmal ja überhaupt nicht gestreckt. Das Begehren nach dem einzigartig überwältigenden Kicktriporwhatever war immer da, aber der Konsum erwies sich als tödlich. Davor hat MAC seine Kunden bewahrt. Und auch davor, diverse youtube-Videos zu produzieren, die die Anwendung z.B. des Lidschattens demonstrieren. Der nämlich erscheint auf den ersten Blick inkommensurabel. Vor allem, da in den letzten Jahren der nude look (sich schminken, um ungeschminkt auszusehen) die Roten Teppiche dominierte.
Das (Inkompatibilität mit dem mainstream look) allerdings war nicht der Grund für den in der Kosmetik-Geschichte wohl einzigartigen Rückzug einer bereits hergestellten und aufwändig beworbenen Make Up-Linie und die Ankündigung, alle erwarteten Einnahmen zu spenden – dabei dürfte es sich um einen Kompromiss aus den üblichen Erträgen der LEs und dem diesmal mit Sicherheit reduzierten Kundenkreis handeln. Das model zum Produkt nämlich suggerierte bereits, dass, wer die Juárez-Farben verwendet, kaum anders kann, als sich leichenartig zu stylen. Derzeit ist aber weder mit einem Comeback des heroin chic der (1920er) 1990er noch – trotz einschlägiger erfolgreicher Filme – dem (anyone? Please! Jenseits von albernen Motto-Partys…) Debut des zombie looks zu rechnen. Als ästhetische Rechtfertigung bliebe außerdem eine Reprise der gothic novel heroine des 19. Jahrhunderts, die, von Bösewichten wahlweise in düstere Klöster oder Burgruinen verschleppt, an Lichtmangel und von ekelerregenden Domestiken lieblos zubereitetem Haferbrei einzugehen drohte. Stattdessen faselten die verantwortlichen Designerinnen, Kate und Laura Mulleavy (Rodarte), hilflos, und als habe Oliveiro Toscani La pub est une charogne qui nous sourit (dt. Titel: Die Werbung ist ein lächelndes Aas) nie geschrieben, ihre Linie sei eigentlich als Hommage an die Schönheit der Landschaft um Juárez herum gemeint gewesen. Wie auch immer…
Im englischen Sprachraum gibt es ein eher unterhaltsames Spiel namens Tenuous, eine Variante der Spielregeln (es gibt diverse) lautet: Jemand gibt zunächst unvereinbar scheinende Begriffe vor, und man muss deren Zusammenhang zum Ursprung nachverfolgen oder zu einem Ziel zusammenfügen. Beim Rodarte Make Up ist das eine einfache Übung: Juárez, bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, Lidschatten, der wie Blut auf Asphalt aussieht etc. = die unzähligen unaufgeklärten Morde an Arbeiterinnen auf dem Weg zu den sweat shops im mexikanischen borderland.
Ob die Assoziationskette der Mulleavys (Kate 31, Laura 30) nun romantisch oder politisch oder romantisch-politisch inspiriert war, kümmert niemanden mehr, der Aufschrei galt (schadenfroh) ihrem (mehr oder weniger blöden) „Zynismus“. Und ist entsprechend bloß der Abwehr geschuldet. Ob die Designerinnen nun naiv einem historisch nicht einmal beispiellosen Schönheitsideal von dem Tod geweihten oder toten Frauen huldigen wollten oder meinten, eine besonders originelle Idee zur Aufmerksamkeitsgenerierung entwickelt zu haben, sie haben die Informiertheit und das Empörungspotential sowohl der einschlägigen Presse als auch ihrer meistens relativ wohlhabenden und entsprechend häufig sozial irgendwie engagiert sein müssenden Kunden unterschätzt. Man stelle sich vor, eine der Damen, die sich ausschließlich für die Rettung spanischer Straßenhunde einsetzt, träfe auf einem Empfang eine Bekannte, die weibliche Gewaltopfer in Mexiko unterstützt und würde gefragt, was sie denn da für ein ausgesprochen apartes Make Up aufgelegt habe und antwortete darauf: „Das ist die Juárez-Linie von Rodarte. Ganz exklusiv. Ein wenig gewagt womöglich, aber…“ „DIE WAS?-LINIE?“ Sowas kann einem schon den Abend ruinieren, und da das Gesicht zum Kleid passen sollte, ist einem die Möglichkeit verwehrt, in den rest room zu eilen und sich fluchend abzuschminken, ganz zu schweigen von den Peinlichkeits-Flashbacks in den nächsten mindestens zehn Jahren. Und das obwohl man jede Petition zur Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetikindustrie unterschrieben hat, ganz viel im Bioladen einkauft und den Müll sowas von trennt…

We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

William Shakespeare – The Tempest

Those elements were ejected into space by the force of the massive explosion, where they mixed with other matter and formed new stars, some with planets such as earth. That’s why the earth is rich in these heavy elements. The iron in our blood and the calcium in our bones were all forged in such stars. We are made of stardust“.
Edward Zganjar, cited on Science Daily – Physicist Finds Out Why „We Are Stardust…“

Auf der anderen Straßenseite hingegen lässt man sich bereitwillig mit Dämpfen einnebeln, die aus dem Wasser gewonnen wurden, mit denen Tote in mexikanischen Leichenhäusern vor der Obduktion gewaschen wurden. Im Buch zur Künstlerin heißt es entstellend: „Die darin gelösten ‚Lebensspuren’ verbreiten sich unsichtbar in der Luft und lassen erneut die Toten in minimalen Spuren anwesend sein. […] Indem die Luft eingeatmet wird, ist der körperliche Kontakt unmittelbar und direkt. […] Dies führt zu einer Identifikation mit den Toten, zu einer unmittelbaren Ineinssetzung: Die Toten werden im Besucher verlebendigt, der Besucher in den Toten sterblich.“ (Udo Kittelmann, Klaus Görner, Hg. – Teresa Margolles. Muerte sin fin)
Selbst auf atomarer Ebene gibt es keinerlei Masseunterschied zwischen dem lebendigen Individuum und dem toten Menschen. Das unmittelbar Schockierende an der Installation von Teresa Margolles ist nicht der entweder alberne oder tragische Film-Effekt (Ghostbusters oder Ghost) von Verstorbenen, die einen plötzlich durchdringen (whoooshwhoaaa…), sondern die Erkenntnis, dass wirklich nichts Relevantes mehr da ist. Und dass dafür gesorgt wurde. Die angeblichen ‚Lebensspuren’ haben nicht das Geringste mit menschlichem Leben und mit dem Individuum schon gar nichts mehr zu tun. Identifikation oder Ineinssetzung sind also nur noch mit einer Art von Ursuppe zu haben, mit einem Ektoplasma oder einem Fluidum, einem esoterischen Wahn, einer Aufkündigung des Individuums. Margolles ist mit ihren Installationen und ‚Skulpturen’ dem, was Menschen anderen Menschen antun können, so nah gekommen, wie es Kunst nur kann, und das ist bloß eine Ahnung, und eben deswegen bedeutet jede explizit empathische Deutung ihres Werks mindestens einen Schritt zurück. Alles, was Margolles umsetzen kann, und darin besteht die Eindrücklichkeit ihrer sehr weit gehenden Abstraktion, ist, auf die grausam produzierte Leerstelle hinzuweisen. Und einen körperlichen Effekt zu erzeugen, der im besten Falle nicht die unmögliche und entsprechend kitschige Illusion von Wiederbelebung erzeugt sondern angemessenen Ekel vor dem, was man aufgefordert wird zu inhalieren. Wer das nämlich mit tiefen Zügen und gutem Gewissen einatmet, hat sich schon versöhnt, wer abwehrend aber wehrlos so flach und kurz wie möglich Luft holt hingegen, erfährt wenigstens die Ahnung vom Skandal.

Selbst Margolles’ ‚gegenständlichere’ Arbeiten, wie beispielsweise ihre oben dokumentierte Arbeit für die Biennale in Venedig 2009 oder der kleine Betonklotz, dem man nicht ansieht, dass er als billiger Sarg für einen toten Fötus dient, zeugen nur von Missachtung und Leere, von Unwiederbringlichkeit. Margolles arbeitet konsequent mit dem, was sie bloß noch als Material auffinden kann. Ein Material, das Peter Schiering im Zusammenhang mit Xu Bings – Margolles’ Arbeiten oberflächlich ähnelnder Installation – „Where does the dust itself collect?“ unangenehmerweise als „konkretes, sinnliches Material“ (artnet) bezeichnete. Xu Bing verwendete Staub vom Ground Zero. Am Ende der Spurensuche steht dann auch zu Verwertendes, Einebnendes und Nichtiges: „Von der Decke des Raums im MMK tropft aus vielen kleinen Ventilen normales Leitungswasser auf auf den Boden und die Besucher herab. Der Gedanke eines Kreislaufs, die Abfolge von Verdunstung und Niederschlag, ist wie ein Kommentar […] zum Kern der Arbeit von Teresa Margolles zu verstehen. Die Leichen werden – und nicht nur in Mexico City – durch ein ausgeklügeltes System bürokratischer “Entsorgung“ möglichst reibungslos zum Verschwinden gebracht, der Skandal, den jeder Tod bedeutet, so gut es eben geht, bereinigt. Aber der Tod bleibt in der Luft und findet überall seinen Niederschlag. Die Spuren mögen noch so sorgfältig verwischt werden, durch alle Ritzen dringt er in unser Leben wieder ein. So gesehen ist jedes Wasser, mit dem wir uns waschen, das wir trinken, von der gleichen Qualität, wie das aus der Gerichtsmedizin in Mexico City.“ (Kittelmann, Görner, ebd.)
Damit aber löst sich dann alles in Beliebigkeit auf, und dem zum Teilnehmen gezwungenen Ausstellungsbesucher bleibt die fast beruhigende Erkenntnis, dass man eben überall vom Tod umgeben sei. Darüber kann man Celans (und die Anspielungen im Kommentar auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie sind kaum zu überlesen) entsetztes „Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng […] dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“ oder André Schwarz-Barts tragisches „Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken“ auch hierzulande als im Weltgeschehen nunmal alltägliche Erfahrung mit Verlust und Tod abheften.



Ian McEwan sind die Morde von Juárez einen kurzen, die Seltsamkeit der – diesmal wirklich – Landschaft noch ein wenig mit düster monochromem Lokalkolorit versehenden Absatz in seinem letzten (eher misslungenen) Roman „Solar“ wert. Und At the Drive-In haben ein unwichtiges Lied mit dem Thema eher unbeholfen bebildert. Juárez hat Eingang in die Pop- und Hochkultur gefunden. Den (unberührt) schönen Lidschatten der Mulleaveys hätte man mit ein wenig esoterischem Versöhnungswillen auch noch gut verkaufen können. Was kunstvoll wie Blut auf Asphalt anmutet, würde dann erst in seiner Zerstörung sinnstiftend, mit dem Zeige- oder Mittelfinger oder einem Applikator verrieben und übers Auge des Nutzers geschmiert, trüge der irgendwann unvermeidlich, aber so wenigstens ostentativ ein paar Atome der Opfer mit sich herum.

  1. Bei allem, was hier zum Thema Kosmetik geäußert wird, handelt es sich ausschließlich um meine persönliche Meinung und sowieso um Satire und keinesfalls um eine Qualitätsbewertung der Produkte. Zu einer solchen bin ich überhaupt nicht in der Lage.[zurück]

+ Later – Passt schon: „»Black Swan« ist von der ersten Minute an ein großes Spektakel, ambitioniert und sichtlich um eindrucksvolle Schauwerte bemüht: gothic-gleiche Tanzszenen, exzentrisch-darke Tutus (die Entwürfe haben die Schwestern Kate und Laura Mulleavy des Modelabels Rodarte gefertigt), virtuose Spiegelszenen, eine entfesselte, dabei aber unfassbar fließende Kameraführung, leicht angeschmuddelte Erotik, Psychogrusel, Body Horror, Dornen, Blut und Scherben.Esther Buss – Beautiful Monster, Jungle World

„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

*

Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.

Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.

(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.


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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)

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„100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften“ oder: Warum ich mir „Wir sind die Nacht“ nicht ansehen werde

An deutschen Filmhochschulen wird ebenso wie an deutschen Kunsthochschulen kaum und dann meist (!1) auch noch hinterwäldlerisch Theorie gelehrt. Hinzu kommt, dass Studenten der Fächer selten überhaupt Lust auf die wenigen obligatorischen Geschichts-, Philosophie- oder was auch immer Seminare oder Vorlesungen haben. Weswegen viele anspruchsvolle (etc.) Dozenten nach kurzer Zeit genervt und zu Recht aufgeben – was alles noch schlimmer macht.

Exkurs I:
Der Jungle World-Liste der „miesesten Studienfächer“ sollte mindestens noch „Freie Kunst“ hinzugefügt werden. U.a. weil es eine Aufnahmeprüfung gibt, die man nach der Mappenbewertung hierzulande problemlos durch Auslosen oder Hausnummernwürfeln ersetzen könnte. Oder weil man durch die Atelier-Situation Tag und Nacht Menschen ausgesetzt ist, die mindestens so wahnsinnig sind, wie man selbst es ist – das ist nicht gut fürs Selbstbewusstsein! Und niemand, außer vermutlich den Medizinern, trinkt mehr Alkohol in all seinen möglichen Erscheinungsformen als die Künstler – das ist nicht gut für die Leber, den Teint und das Aufwachen irgendwann vielleicht sogar schon am nächsten Tag! Das Material (und der ganze Alkohol etc., der Kaffee und die Kopfschmerz- und Koffeintabletten) für die einzigartigen und künftigen Ruhm versprechenden Werke ist noch teurer als unausleihbare Fachbücher. Man muss also zudem viel arbeiten, und wenn man so richtig dumm ist als Aktmodell. Nur die körperlich gut Trainierten – es gab z.B. ein langjähriges Modell, das bezeichnenderweise ein recht erfolgreicher Zehnkämpfer war – kommen damit durch; denn wer jemals bis zu 30 Minuten zur Unbeweglichkeit verdammt eine alberne Pose einnehmen musste, weiß wie unzulänglich der Muskelapparat der Unsportlichen ist. Wenn man zudem mit höhersemestrigen Studenten desselben Faches zusammenzieht, wird einem drastisch vorgeführt, wie man gegen Ende des Studiums aussieht und lernt Farbpigmente so richtig zu hassen. Und irgendwann gibt es ein Rauchverbot im Atelier – wie soll man denn da noch Kunst produzieren? Usw. usf. Beim Filmstudium kommt noch hinzu, dass sich der ganze egomane Irrsinn mittlerweile unglaublich bieder und unbedingt auswertbar gestalten lässt.

Exkurs II:
Vor einigen Jahren habe ich mir mit einem Freund im Kino „Interview with the Vampire“ angesehen – seltsamerweise ohne, dass wir beide jemals Details über den Film gehört oder gelesen hatten. Wir haben das Ganze bis zum Ende für eine halbwegs gelungene Komödie gehalten (no kidding!) und diverse Male laut gelacht, was die Personen in unserer Reihe ansteckte, den Rest der Zuschauer allerdings – für uns unverständlicherweise – störte.

Dennis Gansel – u.a. Regisseur von „Mädchen, Mädchen“ (no comment!), der absurdesten filmischen Interpretation der Milgram-Versuche, basierend auf Morton Rhues an Tatsachen angelehnte Erzählung „The Wave“, dessen deutschpädagogischer Untertitel „Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ lautet… wie auch immer „Die Welle“ oder ‚die antiautoritäre Erziehung ist Schuld am ganzen Nazizeugs’ und „NaPolA“ („Hakenkreuz statt Hogwarts“, David Hugendick – Napola, konkret 01/05) – hat einen Vampir-Film gedreht, den ich mir nicht ansehen werde. Zu Werbezwecken gibt es im Internet derzeit einen Filmausschnitt, zwei Trailer („German“) und Interviews u.a. des Regisseurs mit der Zeit zu sehen und lesen. Dementsprechend weiß man definitiv zu viel, um den Film noch für eine Komödie oder Parodie halten zu können, wenngleich alles bis auf das Zeit-Interview darauf hinzuweisen scheint. Das nämlich zeugt bloß von Ödnis und mangelnder Theorie-Ausbildung an deutschen Film-Hochschulen (im Fall des Hannoveraners Gansel war das München, wo auch Florian Henckel von Donnersmarck studierte).

Auszug Interview mit Dennis Gansel „Ich würde gerne ewig leben“:
ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?
Gansel: Ich würde gern ewig leben. Wir haben uns diese Frage natürlich auch im Team immer wieder gestellt, und eigentlich waren alle außer mir der Meinung: „Nee, das ist nichts – da stirbt dir nur jeder weg.“ Ich verstehe das schon: alle Menschen, die man liebt, gehen irgendwann, die Welt verändert sich, nur man selbst nicht. Aber ganz ehrlich – ich fände das super! Vielleicht würde ich nach 300 Jahren meine Meinung ändern, aber jetzt scheint mir diese Vorstellung unheimlich verlockend. All die Zeit, die man dann hätte! Einfach 100 Jahre lang nur reisen! 100 Jahre lang nur lesen! 100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften.
ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen wirklich um ewiges Leben oder nicht eher um ewige Jugend?
Gansel: Immer jung fände ich doof. Als Greis ewig zu leben auch. Etwas zwischendrin wäre gut: Als Fünfzigjähriger ewig leben. Ich bin überzeugt, dass ich die beste Zeit in meinem Leben noch vor mir habe.

Zum Wegsterben gibt es neben „Highlander“ (dessen einziger sinnvoller Beitrag zur Filmgeschichte ein angenehm bissiger Kommentar zur Rolle von Frauen in Action-Filmen ist: „Ich habe deine Freundin. Sie ist die klassische Sirene.“) Simone de Beauvoirs eher konventionellen aber trotzdem schönen Roman „Alle Menschen sind sterblich“ (Later: lustigerweise auch als Lektürevorschlag für den Regisseur in den Zeit-Kommentaren erwähnt). Und das Thema Unsterblichkeit taucht (jenseits von Vampir-Romanen) in der Weltliteratur immer wieder auf, beispielsweise in Maturins „Melmoth the Wanderer“ (Why, oh why, am I bad?) oder bei Edgar Allan Poe – in keinem der Werke allerdings kommt der unsterbliche Protagonist (oder bis vor kurzem häufiger Antagonist) auf die Idee, 100 Jahre einen Bauernhof ausgerechnet zu „bewirtschaften“. Und das zu Recht! Natürlich hätte man auch endlich Zeit, 100 Jahre Pullover aufzuribbeln oder 100 Jahre Kaugummi mit den Fingernägeln vom Fußgängerzonenpflaster abzukratzen oder 100 Jahre Film oder Kunst zu studieren. Und das als ewig Fünfzigjähriger…
Den beiden Trailern und den überwiegend durchwachsenen Rezensionen ist zu entnehmen, dass Gansels Vampire – zumindest in der im Film erzählten Zeit – offenbar weder der einen noch den anderen Tätigkeiten nachgehen. Stattdessen sind sie Berlinerinnen, wie sich alle – vom Regisseur bis zu den Rezensenten – zu betonen bemühen. Und das finden sie auch alle gut, weil das Genre damit zurückkehre zum Ursprungsort zum Beispiel, und Berlin sich hervorragend eigne fürs Thema.

Exkurs III:
Die Hauptstadt des ‚wiedervereinigten’ Deutschland soll filmisch anknüpfen an das prä-nationalsozialistische Berlin der 1920er – ob allerdings ausgerechnet Murnaus „Nosferatu“ als Stellvertreter für ein noch unschuldig sich bahnbrechenden filmischen Schöpfungen hingebendes Deutschland gelten kann, ist mindestens fragwürdig. Denn so einfach wie Thomas Koebner es zu begründen versucht, sind die antisemitischen Motive des Films nicht beiseite zu wischen. Koebner hält Anton Kaes’ Vergleich von Nosferatu mit „Der ewige Jude“ „für abwegig; es sei zu plump, die Instrumentalisierung dieser Motive aus der Zeit des Nationalsozialismus auf Murnaus Film zu übertragen.“ (Wikipedia)
Übertragen werden muss allerdings nichts, denn die Repräsentationen beider Filme entstammen nicht bloß den Köpfen ihrer Regisseure, sondern lassen sich auch auf teilweise jahrhundertealte, teilweise im 19. Jahrhundert entstandene Stereotype zurückführen. Judith Halberstam hat den Antisemitismus in Bram Stokers „Dracula“, der Vorlage für „Nosferatu“ in „Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters“ schlüssig nachgewiesen. In der Verfilmung werden die von ihr als antisemitische Stereotype identifizierten Eigenschaften nicht aufgegeben. Ähnliches gilt für die von Gansel als Inspirationsquelle angeführte (bei ihm der in diversen Punkten abweichenden Verfilmung der) Erzählung „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu. Wenn der Antisemitismus dort auch nicht so augenfällig ist wie bei Stoker, gibt Le Fanu Hinweise. (Vgl. auch Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic: „The Crypto-Wandering Jew in „Carmilla“ is not the first Jewish figure in British literature to possess fangs.“ Und allgemein Peter Dan Psychology – How Vampires Became Jewish)
Und bei Le Fanu sind es tatsächlich Hinweise. Le Fanus explizit antisemitische Stereotypisierungen seiner mal als Juden bezeichneten, mal als solche – nachdrücklich – angedeuteten Antagonisten (siehe z.B. „Checkmate“ und „The Wyvern Mystery“) sind selbst im Genre der in der Hinsicht nicht gerade harmlosen Gothic Novel hervorstechend (siehe aber auch Louisa May Alcott – A Long Fatal Love Chase). Was auch immer aus den Literatur- und Film-Vampiren heutzutage geworden ist, eine fundierte Theorie-Ausbildung in künstlerischen Studiengängen (und man gibt dort gerne Vampir-Seminare) hätte sich mit ihrer problematischen Herkunft auseinanderzusetzen, auch damit die Inspirationsquellen nicht so unreflektiert gehandhabt werden.

Seltsam mutet im Zeit-Interview ebenfalls an, dass Gansel an keiner Stelle erwähnt, dass sein Film offenbar auf einer Romanvorlage von Wolfgang Hohlbein basiert (das muss man ergoogeln: „Eine Nacht verändert alles im Leben der einsamen Lena. Sie wird von Louise gebissen, der Anführerin eines weiblichen Vampir-Trios, und gibt sich von nun an hemmungslos den Verlockungen der Unsterblichkeit hin. Bei ihren nächtlichen Streifzügen hinterlassen sie eine Spur aus Blut und Verwüstung. Als Lena sich aber in den jungen Polizisten Tom verliebt und den Vampiren den Rücken kehren will, kennt Louises Zorn auf die Verräterin keine Grenzen. Lena muss sich zwischen der Liebe und dem ewigen Leben entscheiden.“ Amazon). Unangenehm genug und trotzdem: stattdessen…

Auszug, Zeit, ebd.:
Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen […] In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.
ZEIT ONLINE: Warum?
Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt, aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. […] Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.
ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?
Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

Jenseits davon, dass Monica Bellucci in Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ viel mehr als nur „nettes Beiwerk“ ist, Frauen (‚vampirisierte’ oder ‚teilvampirisierte’) spielen im Film – der trotz aller problematischen Inhalte zumindest eines zeigt, nämlich, dass die Monsterjäger oft grausamer sind als die Monster (vgl. allg. Judith Halberstam – The transgender gaze in „Boys don’t Cry“, Screen Journal, thanks to AdG) – durchaus gewichtige Rollen. Und die bei männlichen Vampiren von Gansel vermisste Emotionalität (und das Geliebtwerdenwollen) wird bei Coppola (1992) geradezu penetrant ausgestellt, nachzulesen ist das bei Lars Quadfasel und Carmen Dehnert – Rollback in Transsylvanien.
Nicht zu vergessen Catherine Deneuve und Susan Sarandon in Tony Scotts „The Hunger“, kein sensationeller Film, aber zumindest mit einer am Ende skrupellos über alle triumphierenden Sarandon und David Bowie als – eine zeitlang – „nettes Beiwerk“, den Gansel trotz der auch inspirierengekonnthabenden Eingangs-Party-Sequenz nicht erwähnt. Aber dort sind die weiblichen Vampire ja auch recht ‚unweiblich’ gefühllos…
Außerdem vermisst Gansel die Action-Frauen im deutschen Kino und behauptet dann, die gäbe es bloß bei Besson, der zu dessen Glück kein Deutscher ist. Im internationalen Film jedoch, und zwar auch und gerade im amerikanischen, der angeblich nur Superhelden kennt, sind sie durchaus zu erleben – ich verweise nur auf Ridley Scotts „Thelma and Louise“ (1991). Von der Drehbuchautorin des Films Callie Khourie hat Gansel den Trailern nach zu schließen zumindest etwas gelernt, Khourie nämlich beklagte zu Recht, dass Frauen in Filmen niemals das Auto fahren dürften, weswegen sie Thelma und Louise das Steuerrad übergab, und as soon as they were allowed to drive the car they drove the story (© by AdG). Gansels Vampirfrauen machen daraus das tausendfach repetierte Filmritual: Auf der Überholspur fahren, bis endlich wer entgegenkommt. Den Rezensionen ist zu entnehmen, dass es kaum Blut- und/ oder Sexszenen in „Wir sind die Nacht“ gibt – Thelma hat on screen sichtbaren Sex, mit Brad Pitt.
Es ist außerdem zu befürchten, dass Nina Hoss eine ähnliche Rolle wie in Oskar Röhlers „Elementarteilchen“-Verfilmung spielt, die böse weil fürallesoffeneunddaherschrecklichrepressive 68er-Mutter, die damit allen am Ende den Spaß an der Sache verdirbt. Das gliche der Rolle der antiautoritären Eltern in Gansels „Die Welle“, und „Wir sind die Nacht“ trüge implizit den Untertitel der deutschen Übersetzung des Buches vom Experiment, „das zu weit ging“. Die Botschaft lautete dann, insbesondere wenn man die immer wieder in den Rezensionen erwähnten Vampir-Shopping-Touren berücksichtigt: „Iss’ nicht zu viel Kuchenteig, davon bekommst du Bauchschmerzen.“
Es gibt wie bereits erwähnt zu viele Gründe, sich dem nicht auszusetzen. Wobei ich mir „Let the right one in“ auch nicht ansehen werde, in dem Fall allerdings, weil ich Lindqvists ‚hübsches‘ „So finster die Nacht“ gelesen habe und mir meine eigenen Bilder nicht kaputt machen lassen möchte.

Recommended reading:
Neil Gaiman – Neverwhere
William Wilkie Collins – Armadale
Jane Austen – Northanger Abbey
Leo Perutz – Der Meister des jüngsten Tages
Henry James – The Turn of the Screw
Ian McEwan – The Comfort of Strangers

  1. Gilt natürlich nicht für DdM etc. pp. [zurück]

Later: Ich habe mir die „So finster die Nacht“-Verfilmung doch noch angesehen, und sie ist insofern tatsächlich besser als das Buch, als Lindqvist über weite Strecken nicht nur einen äußerst guten Horror-Roman sondern, kürzte man ihn denn um ca. 200 Seiten, auch einen sehr guten Roman geschrieben hat. Die Mängel des Romans aber, die allein dem Klischee geschuldet sind, werden im Film ganz einfach ignoriert, und es kommt ein sehr kalt distanziert bebilderter und umso beeindruckenderer Film dabei heraus.

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization III: Irreverence

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization II: Grace

Vaslav Nijinsky ‚dancing‘ Mallarmé/ Debussy „L’Après-midi d’un faune“ (Christian Comte)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization I: Irony

Paul Jones – „I‘ve been a bad, bad boy“ (from Privilege, UK, 1967, director: Peter Watkins)

Reread 6: „Auf geb‘ ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!“* Auf geb‘ ich noch lange nicht, sag‘ mir erst…

*Richard Wagner – Ring des Nibelungen
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In einem Punkt war Wagner wirklich genial. Es gelang ihm, für seine Dichtung – Hier! Hier! Dort! Dort! Weh! Weh! Ein Schwan! – eine passende Musik zu finden. Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini und alle anderen wären dabei draufgegangen.
Rainer Trampert/ Thomas Ebermann – Sachzwang und Gemüt

Während Daniel Barenboim in den USA noch vorwiegend für sein musikalisches Schaffen ausgezeichnet wird, geschieht dies hierzulande meistens im Rahmen seiner friedensfördernden Projekte. Barenboim ist also u.a. Träger des „Paul-Hindemith-Preises der Stadt Hanau“, des „Ernst von Siemens Musikpreises“ der Stadt Zwickau, des „Hessischen Friedenspreises“, des Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt, des Westfälischen Friedenspreises und des Herbert-von-Karajan-Musikpreises, „weil er die klassische Musikwelt nicht nur entscheidend geprägt sondern auch versöhnend weiter entwickelt hat“ (Wikipedia).
Wie auch immer man sich eine „versöhnend weiter entwickelte“ „klassische Musikwelt“ vorzustellen hat, gebe es einen „Richard Wagner-Preis“ zur Versöhnung der Deutschen mit dem Komponisten, der wie kein anderer zu ihrer Selbststilisierung als Gesamtkunstwerk beigetragen hat, so stünde Barenboim mit Sicherheit auf der short list der zu Prämierenden. Mag Barenboim selbst bloß darum bemüht sein, seine Liebe zum musikalischen Œuvre Wagners irgendwie zu rechtfertigen, – wer will das beurteilen? – den gesamtkunstwerkapologetischen Deutschen geht es keineswegs in erster Linie um Wagners Musik. Bis auf den „Ritt der Walküren“ sind sie nur wenig mit ihr vertraut (und auch das überwiegend wegen der kongenialen filmischen Adaption einer einzigartigen Erzählung).

This year I have been three times--to FAUST, TOSCA, and--“ Was it „Tannhouser“ or „Tannhoyser“? Better not risk the word.
E. M. Forster – Howards End

Von Wagner kennt man mittlerweile vornehmlich die zu den Bayreuther Festspielen Pilgernden, bekannt aus dem, was man im deutschen Fernsehen so unter Politik, Kultur und Unterhaltung versteht. Je nach politischer Couleur gerieren die sich beim Akt als Revolutionäre, Rebellen, Unkonventionelle, Konservative und/ oder Genussmenschen, denen das den Deutschen gerade mal fünf Jahre obligatorische Gruseln umso ostentativer mutig überhaupt nichts mehr ausmacht. Gottschalk ist so widerständig wie seine mal in der 1980er Byron-Reprise der Byron-Reprise der 1960er misslungene Kleidung und dann wieder als fünfter Musketier aus einer deutsch-italienisch-bulgarischen Verfilmung vorort; Guttenberg mit schmückendem Beiwerk und Gel im (absurd!) Stufenhaarschnitt; Merkel, weil Wagner im freudlosen Osten so gar nicht zu gehen schien; Claudia Roth, um 2001 die Renaissance des Pink der 1980er erfolgreich zu promoten usw. usf. Wenn Cem Özdemir Mappus vom baden-württembergischen Thron kippt, darf er bei den Festspielen 2011 die 1990er Wiedergeburt der 1960/70er Wiedergeburt der Koteletten des 19. Jahrhunderts einleiten.
Bayreuth versucht seit dem „Wiederaufsperren“ (Adorno) im Jahre 1950 verzweifelt, so harmlos wie ein ausdrücklich hutloses Ascot und eine deutsche Last Night of the Proms ohne Mitmachen und Rasseln (dafür jetzt aber auch mit Public Viewing!) daherzukommen. So albern wie am Ende der Saison in London kann es in Bayreuth nur beim (trotzdem öden und peinlichen) Defilee zugehen, sobald man den Konzertsaal betreten hat, erschöpft sich das deutsche Vergnügen im Witz, der bei Wagner überwiegend als die Juden als grotesk, unauthentisch und dergleichen denunzierend reüssiert. Absurderweise ‚verdankt’ sich Wagners Ruf als die Musik modernisierender, als revolutionärer Komponist hauptsächlich seinem Antisemitismus. „Wie antisemitisch kann Musik sein?“, fragt Gerhard Scheit und deckt die Ausdrucksmöglichkeiten (ganz abgesehen von den Libretti) einer Kunstform auf, deren Konsumenten meinen, dass Musikgenuss flüchtig sei (wer kauft heutzutage schon noch Partituren?), mathematisch, abstrakt oder bloß zu Tränen rührend (was Beethoven den Deutschen sehr übel nahm) etc. pp.

Das „Judenthum in der Musik“ ist keineswegs, wie später in Bayreuth behauptet wurde, der Abschluß, sondern der Beginn von Wagners Antisemitismus im Sinne eines kulturpolitischen Konzepts. […] Sein Antisemitismus aber blieb und äußerte sich vor allem in den Schriften „Über Staat und Religion“ (1864, „Was ist deutsch?“ (1865/78), „Deutsche Kunst und Politik“ (1867) bis zu den Regenerationsschriften (1879-1881).
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Barenboim jedoch mag nicht aufhören Wagner ‚mutig’ zu entschulden – gerne in Deutschland, wo ihm die Zustimmung umso sicherer ist, als die Deutschen sich mitgemeint wähnen (dürfen!) und ahnen, dass sie auf keinen ihrer – nicht so zahlreichen, wie sie gerne vorgeben – Kulturschaffenden von Weltgeltung verzichten können. Barenboim teilt ihnen diesmal mit, er glaube nicht, „dass man Wagner mit der Endlösung verbinden kann.“ (zitiert nach: Volker Blech – Barenboim nimmt Wagner in Schutz, Morgenpost) Natürlich sei Wagner „ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte“ gewesen, „zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.“ (Ebd.) Unbestritten. So mag man denn auch behaupten, Wagners angeblich singuläre Verfehlung, seine antisemitische Schrift über das „Judenthum in der Musik“, sei bloßer Spiegel seines „Egomanentums“ (Barenboim) oder bloß mainstream-kompatibel gewesen. Die Vehemenz und Irrsinnigkeit allerdings, mit der Wagner sich als verfolgtes Opfer darstellte, nimmt das grundlegende Thema vorweg. Und „Das Judenthum in der Musik“ war nicht Wagner einzige antisemitische Tirade, wie Wagners Urenkel Gottfried zeigt:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner, ebd.


Briefmarken-Serie: Nothilfe mit Darstellungen aus den Werken Richard Wagners, Erstausgabetag: 1. November 1933

„Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war“, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen.“ (Morgenpost, ebd.) Und: „Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte.“ (Barenboim, zitiert nach: ebd.) Warum es nicht möglich ist, Richard Wagners musikalisches Werk von seinem antisemitischen Weltbild zu trennen und Wagner „offensichtlich unvereinbare Elemente“ zu vereinigen versuchte, hat Gerhard Scheit in „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ analysiert.
Doch stets schafft Wagner in einer Figur – sei es Alberich, Mime oder Hagen – einen Fokus der Abweichung, Trübung oder Zersetzung.
Es scheint, als biete die Musik nicht unbedingt die Möglichkeiten, die Figuren gegeneinander scharf abzusetzen – wie der Strich des Karikaturisten oder die Worte des Artikelschreibers oder auch die Mimik und Sprechweise des Schauspielers –, da sie doch davon lebt, die Motive in Zusammenhang zu bringen und eins ins andere zu verwandeln oder aufzulösen. So wird bei Wagner eine Vielfalt kompositorischer Methoden aufgeboten, um die Eindunkelung der lichten Momente zu bewerkstelligen und damit die Abgrenzung zwischen den Sphären aufzuheben. Der Komponist selber spricht von einer „fremdartig ableitenden Harmonisation“, wenn er an einem Beispiel aus der Walküre zu erklären sucht, was mit Natur- und Walhall-Themen durch Alberichs, Mimes oder Hagens Eingreifen fortwährend geschieht. Georg Knepler sieht völlig neue „Techniken zur Konfliktlösung“ [A.a.O.], wenn komplexe musikalische Vorgänge der Eintrübung, Verzerrung und Entstellung mit den negativen Figuren der Handlung semantisierbar werden. Die schließt jedoch nicht aus, sondern legt im Gegenteil eher nahe, daß sich Wagner bei der Komposition durch die antisemitisch geprägte Vorstellung leiten ließ, wonach die bösen Wesen sich in die guten einschleichen und sie von innen her zersetzen. Und so gesehen, hat Wagner in der Musik völlig neue Techniken antisemitischer Projektion entwickelt.
“ (S. 296 f; ein kurzer aber erhellender Auszug ist außerdem zu finden unter: Gerhard Scheit – Blonde Bestie, ewige Jüdin. Wagners Vernichtungsklang)

But, of course, the real villain is Wagner.
E.M. Forster – Howards End

In den Deutschen Medien beklagt man sich trotzdem unisono über die Unversöhnlichkeit der Israelis. Man kann ja gerade noch verstehen, dass diejenigen, die in den Vernichtungslagern miterleben mussten, wie sich die Deutschen mit Wagners Musik in mörderische Stimmung brachten, ihn nie wieder hören möchten. Aber nachdem sie – wie permanent mitgeteilt wird – demnächst aussterben werden… (Mit Claude Lanzmann – für den der Tod eine Schande bedeutet – möchte man für alle einfordern, was er sich für Michael Podchlebnik, einen inzwischen verstorbenen Überlebenden Chelmnos gewünscht hätte: „Männer seines Schlages sollten nie sterben dürfen.“ Der patagonische Hase)
Und obwohl viele nachweislich und zum großen Unbehagen der Deutschen, die endlich die letzten Zeugen beseitigt wissen möchten, nach wie vor überleben, ‚muss doch wohl endlich mal Schluss sein’… Und man gibt sich ein wenig indigniert, denn: „Kürzlich erst waren dort die (medialen) Leidenschaften wieder entflammt, als bekannt wurde, dass die junge Festspielleiterin Katharina Wagner in bester Absicht ein Kammerorchester aus Israel in Bayreuth empfangen wollte. Die Regisseurin hatte bei Amtsantritt bereits angekündigt, die Nazi-Verwicklungen ihrer Familie aufarbeiten zu lassen. Aber ihre einladende Geste sorgte für Unmut in Israel.“ (Morgenpost, ebd.)
Die ‚Aufarbeitung’ der „Nazi-Verwicklungen“ – man handhabt sie unterdessen wie die eines Stuhls oder Sofas, irgendwo kann man das Schmuckstück wohl hinstellen, schließlich ist es ein Erbstück und durchaus noch zweckmäßig zu verwenden.

Recommended reading:
Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult
Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
Claude Lanzmann – Der patagonische Hase

+ Playlist: „Heute mal nicht Wagner“

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 1/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 2/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 3/3

Dmtri Schostakowitsch – Klavierkonzert No. 2: II Andante

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 1/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 2/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 10: II Allegro

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 8: II Allegro non troppo

Bernard Herrmann – Psycho Suite

Anselm Kiefer – der Künstler als Deutschlandinsichtragender

Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry

Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.

The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.

R.L. Stevenson – The Cow

Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.

And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?

Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)

Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.

Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«

Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09

* Da passt immer noch eine Kuh rein!

„Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht.“ Die Leiden des jungen B.

Mit dem ‚Vollgasgebenden‘ oder ‚voll Gas Gebenden‘ ist Joseph Goebbels gemeint. Der 39-jährige, von den US-Amerikanern im Bunde mit den Nazis um sein Deutschtum, um seine Identität und Kultur betrogene Moritz Bleibtreu hat im Interview mit The European außerdem so ziemlich alles von sich gegeben, was dieses Land so unangenehm macht, weswegen die Zitate hier auch weitgehend unkommentiert wiedergegeben werden. Mehr zu den Reaktionen auf Oskar Röhlers (laut Süddeutscher „einer der erklärten Wilden unseres [!] Kinos“ – teehee) „Film ohne Gewissen“ kommt demnächst.

Moritz Bleibtreu im Interview mit Nina Klotz für The European: „Jud Süß. Film ohne Gewissen. ‚Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft‘“, Auszüge:

Trotzdem finde ich, dass gerade Leute aus meiner Generation das Recht haben müssen, sich mit der eigenen Zeitgeschichte künstlerisch frei zu beschäftigen. Ich muss das Recht haben, mit diesen Figuren künstlerisch machen zu können, was ich will.[…]
Das [Harlans „Jud Süß“] ist handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus [???? usw. usf.] . Er spielt mit einer irren Manipulation, die den Film wahnsinnig gefährlich macht, keine Frage. Es ist perfide. Und gerade in Bezug auf die Novelle von Feuchtwanger [die, by the way, ein 535-Seiten-Roman ist, Aufbau TB] ist es abstoßend, was daraus gemacht wurde – und mit welcher Intelligenz. Aber diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen. Der Film bekommt dadurch eine Wichtigkeit und ein Gewicht, die er überhaupt nicht verdient hat. Ich bin der Meinung: Zeigt ihn in der achten Klasse im Deutschunterricht, lest die Novelle dazu und diskutiert es! […]
Der Faschismus damals war auf seine Art so intelligent, dass die Menschen nicht gemerkt haben, worauf er hinausläuft.[…]
Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.[…]
Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte.[…]
[E]r war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter. […] Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen. “Der Bock von Babelsberg”, “Goebbels gerammelte Werke” – der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals […].
Diese Zeit [der Nationalsozialismus] hat für mich als Schauspieler immer noch einen direkten Einfluss auf mein Leben, da sie meine kulturelle Identität beeinflusst hat. Alle Kunstschaffenden leben von kultureller Identität. Kino wäre ohne kulturelle Identität tot.[…]
Als ich jung war, habe ich Deutschland gehasst. Ich fand alles an diesem Land schrecklich, weil ich keine Identifikationsfläche hatte für irgendetwas Deutsches, das ich als positiv empfinden konnte. Es gab keine deutsche Musik [???, nur mal kurz dem Alter des Interviewten gemäß recherchiert…], es gab keine deutschen Filme [???], es gab keinen Xavier Naidoo [lucky you!], kein Silbermond [dito], keinen Til Schweiger [dito] und keinen Jürgen Vogel [Es gab schon lange Werner Enke, und der sagte immer wieder und offenbar zu Recht: „Es wird böse enden!„] Es gab im Bezug auf das Deutsche gar nichts. Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten. […] Wann werden wir es endlich lernen, auf eine schöne [den Link zu Riefenstahl setze ich jetzt mal nicht] und coole Art patriotisch zu sein? Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes. […] Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?

Heute vor siebzig Jahren haben es die, die u.a. deutsche Kultur mit allen Mitteln vor geistigen ‚Besatzern‘ bewahren wollten, geschafft, Walter Benjamin in den Tod zu treiben. Er hat auf deutsch geschrieben; jemand sollte Moritz Bleibtreu eine Gesamtausgabe seiner Werke zu Weihnachten schenken. ThdHH?

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Recommended reading:
Walter Benjamin – Gesammelte Schriften
Lion Feuchtwanger – Die Brüder Lautensack, Erfolg, Exil, Die Geschwister Oppermann, Der Tag wird kommen und überhaupt
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
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Update 30.11.2010: Der „junge B.“ wurde im aktuellen Konkret-Heft (12/10) von Herrn Gremliza express-gerevisited – auch hübsch, aber es gibt nichts wirklich Neues zum Thema zu lesen.

Reread 5: 1.008 Jahre Riefenstahl

Jenny Elvers-Elbertzhagen wird Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsregisseurin. Der Film mit dem vielversprechenden Arbeitstitel Angeklagt soll frühestens 2012 in die Kinos kommen. Wer den Film produziert und wer Regie führt, wollte die Agentur der Hauptdarstellerin nicht verraten – nur so viel: Ein Niederländer soll es sein.“ (Katharina Riehl – Die Rolle eines Lebens, Süddeutsche)

Das mit dem Niederländer ist natürlich eine falsche Fährte. Nachdem Riefenstahl Madonna die Rechte an der Verfilmung ihres Lebens nicht gönnen wollte und auch nicht Kevin Costner oder Jodie Foster, kommt nur noch eine Regisseurin in Frage: Riefenstahl selbst. Dass sie tot ist, bedeutet für die schon zu Lebzeiten Untote (s.u.) das geringste Hindernis. In der Süddeutschen wird die Frage gestellt: „Nun also Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ob ihr das gefallen hätte?“ Und geantwortet: „Man weiß es nicht.“ (ebd.) Soll das ein Witz sein? Riefenstahl würde es grauenvoll finden, weswegen ihr Geist zu gegebener Zeit Elvers-Elbertzhagens Körper übernehmen wird, um sich unter eigener Regie auch noch angemessen darstellen zu können.


Riefenstahl beim Truppenbesuch in Polen, Bundesarchiv

Als Riefenstahl 100 wurde, schrieb Gert Ockert ihr und ihren Gratulanten eine Laudatio, die an Schicklichkeit kaum zu überbieten ist.

Gert Ockert – 1.000 Jahre Riefenstahl, Konkret 10/02 (kurze Zitate aus einem angebracht langen und leider online nicht verfügbaren Artikel):

Sie haben sich nie für etwas geschämt, niemals um die Opfer ihrer Mordlust getrauert, keine Sekunde lang die Schuld, in der sie vor der ganzen Welt stehen, akzeptiert, keinen Augenblick lang innegehalten, um vor sich selbst zu erschrecken und vor ihrer Geschichte, ein halbes Jahrhundert lang nicht. Und inzwischen tun sie nicht mal mehr so, als ob. Die Deutschen kommen mit ihrer Vergangenheit bestens klar, weil sie nur das in ihrem Gedächtnis bewahren, was bei Gedenktagen nicht stört. Sie sind mit sich im reinen, weil sie jeden, der sie an das erinnert, was sie, und nicht nur eine kleine, exotische Bande von Nazi-Unholden, angerichtet haben, als einen abtun, der sie in den Schmutz ziehen will. Das abscheulichste und entsetzlichste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit hat nichts mit ihnen, sondern nur mit ihrem Namen zu tun. […] Kein nennenswerter Akt der Sühne ist den Deutschen je gelungen, den man ihnen nicht hätte aufzwingen müssen, und dann war er erst recht nicht nennenswert. Sie reden sich heraus seit 57 Jahren, sie leugnen, lügen, fälschen, drohen, verklagen, jammern, quatschen schön oder schweigen stur, und sie sind darüber steinreich geworden und arrogant; unbesiegbar, weil sie keine Reue kennen, unentrinnbar, weil sie sich aufdrängen, wo sie nur können, unsterblich, weil ihr Schlaf von keinen Alpträumen gestört wird. Deutsche haben keine Alpträume, denn sie sind selbst einer.
Wie sehr die Kinder der Mörder ihren Eltern in der Absenz von Trauer und Scham ähneln, wie viel Geschwätz sie entfesseln, um nur nichts Selbstkritisches sagen zu müssen, wie sie das Maul aufsperren, damit sie es anderen verbieten können, all das läßt sich am besten besichtigen, wenn ein runder Geburtstag ansteht. Wie z. B. soeben der hundertste einer Frau, die alle Lügen und Frechheiten, alle Gewissenlosigkeit und alles Selbstmitleid dieser Deutschen derart plakativ verkörpert, daß man meinen möchte, sie sei eine Art ektoplasmatische Erscheinung, geboren bei einer nationalen Séance gleich nach Kriegsende, der fleischgewordene kollektive Unwille der Deutschen zur Scham, und darum so alt, so unverwüstlich, so grauenerregend: ein Gespenst der Gemeinheit, eine Wiedergängerin, die für jeden ermordeten Juden ein Jahr Lebenszeit geschenkt bekommen hat, ein Zombie des Obszönen.

[…] Riefenstahl, blödelt Martenstein, ist vermutlich keine Nationalsozialistin gewesen, das sagten jedenfalls alle, die sie damals kannten, nur ein Genie auf Arbeitssuche. Das nehmen mußte, was es kriegen konnte, weil der schwer faschistische Schmarren, den Riefenstahl bereits 1932 in »Das blaue Licht« inszeniert hatte, allein von den Nazis goutiert wurde. […] Eine der wenigen Zigeunerkomparsinnen, die »Tiefland« überlebten, erzählt in der »Süddeutschen Zeitung«, was ihr passierte, nachdem sie vom Set geflüchtet war. Bald fing die Polizei sie ein, und das Genie verlangte von der jungen Frau Bußfertigkeit, was das Mädchen verweigerte: Da hat die Frau Riefenstahl gesagt: »Dann kommst du eben ins Konzentrationslager.« Und so geschah es auch.
[…] Die »Bunte« überliefert, was die Frau mit der atemberaubend erotischen Bildsprache ihren Festgästen zurief: Alles hätte ich mir vorstellen können, aber daß ich 100 Jahre alt werde, niemals! Sie ist unter all diesen exemplarischen Deutschen wahrscheinlich die einzige Person gewesen, die weiß, daß ihr Geburtstag und all das Gewese um ihn in einem zivilisierten Gemeinwesen unvorstellbar wären. In Deutschland aber ist nur der Tod nicht ihr Freund.

John Lydon in Tel Aviv, August 31, 2010

Provocative, feigning naïveté, offensive, brilliant, dumb, Punk, anti-Punk, anti-government, Post Punk, anti-Post Punk, anti-Elvis Costello („What a wanker!“), anti-Britney, pro-Michael, anti-Heineken, wry, stupid, funny, biased, unbiased, identity-establishing, anti-identity, ironic, undoubtedly and decidedly anti-anti-Semitic, despite the massive pressure put on him:

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Later: Julie Burchill – Johnny is not the rotten one, via Anti-German Translation