Archiv der Kategorie 'Deutsches Mitleid'

„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.

Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater der als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ II

„Alle beteuern ihre gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen. Walter Benjamins Warnung, daß die Sieger vor den Toten nicht halt machten, wäre für Lea Rosh das Geschwätz ‚ewiger Besserwisser‘. Zu diesen gehört auch Julius Posener, der aus der Emigration zurückgekehrte Architekturhistoriker. Schon 1985 schrieb er: ‚Nach vierzig Jahren habt ihr das Recht auf ein Mahnmal an diesem Ort verwirkt.‘“ Eike Geisel

Im Kuratorium des „Zentrums für Politische Schönheit“ sitzt der Geschäftsführer des „Aktiven Museums. Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“, Kaspar Nürnberg. Das 1983 aus einer Bürgerinitiative hevorgegangene „Aktive Museum“ hat es sich irgendwann unter anderem zur Aufgabe gemacht, die kleinen Stolpersteine des ‚Bildhauers’ Gunter Demnig zu bewerben. Jene bronzefarbenen Stolpersteine, die, in die deutschen Gehwege hineingehämmert, an die von Deutschen ermordeten Juden erinnern sollen. Jegliche Weigerung an der angeblichen Sühne-Geste teilzunehmen, wird vom Künstler und seinen Mitstreitern als Skandal gewertet. Ungeachtet der Motivation der Verweigerung, die ganz gewiss zum Großteil dem Unwillen der Deutschen, ihre schönen Fußgängerzonen verschandeln zu lassen, entspringt. Das Gedenken an die ermordeten Juden nämlich haben sie längst zu ihrem Gründungsmythos gerinnen lassen. Es stört sie so wenig wie das Holocaust-Denkmal, zu dem „man gerne“ gehen soll (Schröder) und „um das die Welt uns beneidet“ (Jäckel).
Mittlerweile nun werden auch andere „Opfergruppen“ erfasst (pun intended) und zu dem Zweck ganz einfach die Nazi-Bezeichnungen übernommen – gründlich soll es sein, und da hat man halt keine Zeit fürs Individuum –, weswegen eine in Auschwitz Ermordete auf ‚ihrem’ Stein als „Gewohnheitsverbrecherin“ eingraviert wurde.

„Reinhold Schneider schlug vor rund fünfzig Jahren vor, die Deutschen sollten sich als nationales Patientenkollektiv konstituieren; jeder solle jedem versichern, wie schuldig er sich fühle, denn nur so entstünde wieder echte Gemeinschaft. Daß diese Wahrheit gar nicht zuende gegangen war, notierte Anfang der sechziger Jahre Max Horkheimer in einem Rückblick unter dem Stichwort “Wir Nazis”. Dort heißt es: “Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache … Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte.“ Eike Geisel – E.T. bei den Deutschen oder Nationalismus mit menschlichem Antlitz in: ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, 1994, 11.

Die kleinen Stolpersteine, die dem deutsch-nationalen „Patientenkollektiv“ (Schneider) seinen Gründungsmythos tagtäglich so angenehm sinnsprüchlich nahebringen, ergänzt das „Zentrum für Politische Schönheit“ jetzt mit größeren, nicht umsonst mit solchen dem Stelenfeld des Holocaust-Denkmals gleichenden – mit mehr oder weniger Grabmälern für die an den Grenzen Europas ermordeten Geflüchteten.

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ Theodor W. Adorno zu Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

Wo sich alle Gleichsetzungen verbieten, bleibt hier trotzdem das unvermeidliche Scheitern jeglichen Versuches von Veranschaulichung. Und so unterschiedlich die Intentionen von Künstlern mit Botschaften sein mögen: Gunther von Hagens‘ Leichen wurden fatal ähnlich angekündigt – als Skandal. Skandal aber setzt immer auf Einverständnis, anders kann er nicht funktionieren. Und so wird mit ostentativ als Schock annoncierten Events nie etwas anderes zu erzeugen möglich sein als einerseits ein Übereinkommen in der kalt berechnenden Abwehr und andererseits die beruhigende Erleichterung, zu den Schockierten zu gehören.
„Die Toten kommen“ schlagzeilt das „Zentrum“ medienkompatibel, als könnten sie noch gehen, als könnten sie noch bedrohen. Wer sie kommen sehen will, braucht bloß noch Bestätigung. Die Bedrohung sehen aber die Deutschen gerade eben in den Geflüchteten, die noch gehen können, deren Heime zünden sie an. Der Trugschluss des „Zentrums“ liegt gerade darin, in ausgerechnet den Deutschen einen Unterschied zu den sie regierenden zu imaginieren. Wenn es ein Trugschluss sein sollte und nicht bloß die Exkulpierung des „Patientenkollektivs“. Die Angehörigen, die vor Ort denselben Repressionsmechanismen ausgesetzt sind wie die, vor denen die Geflüchteten sich zu retten versuchten, zu fragen, welch ein Begräbnis der/ die Verschiedene denn gewünscht haben möge, und dann kurzerhand den Imam zu bestellen, ist mit zynisch nicht adäquat beschrieben.

Und im Kuratorium des „Zentrum für Politische Schönheit“ sitzt eben auch Rupert Neudeck (via Dissi Kotzboy) – zu Recht. Das „Zentrum“ ist öffentlich darum bemüht, die deutsche Schuld an der Shoah zu relativieren, indem es beispielsweise betont, dass, wenn die Alliierten bloß die Bahngeleise bombardiert hätten, Auschwitz so nicht möglich gewesen wäre. Ein Vorwurf, der längst widerlegt wurde und letztlich die wesentlichste Motivation der deutschen Volksgemeinschaft in ihrem „Dritten Reich“ herunterspielt: ihren Antisemitismus.
Neudeck ist ein offener Antizionist, seine Ausfälle gegen Israel sind dokumentiert, in seinen Texten und unter anderem auf seiner Grünhelm-Webseite. Der Deutschen Antizionismus mündet generell in Antisemitismus oder entstammt ihm. Der sekundäre Antisemitismus resultiert aus dem primären Antisemitismus. Neudeck belegt dies eindrucksvoll mit seinem „Engagement“. Die Zusammenarbeit des „Zentrums“ mit ihm ist kein Widerspruch, am Ende tanzt das „Patientenkollektiv“ auf den Leichen.

Zu angeblichen Kunst-Charakter des Events: More later!
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+ Eigentlich hätte hier etwas zu Walser erscheinen müssen:

„Dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und…“

„…fotografiert.“ Martin Doerry und Volker Hage: „Einsam ist man sowieso“, Interview mit Martin Walser, Einleitung, Spiegel 19/2015, 137.

„So ruhig war es im Walde, als wartete alles auf den Todesschrei, der nicht kam.“ Joseph Roth – Das Spinnennetz, Köln 1988, 50.

„(M)an tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus.“ Doerry/ Hage ebd. „Man“ hat mit ihm gesprochen. „Man“ hat es tatsächlich – womöglich ein wenig „vor Kühnheit zitternd“ (Walser) – gewagt, ihn so etwas wie zu kritisieren. Und vor allem hat „man“ ihm seine Opfer „zum Fraß vorgeworfen“ (Adorno). „Man“ ist zum Erfüllungsgehilfen seiner für ihn zumindest neuen Opfererscheinungsform geworden. Das „man“ der Einleitung spiegelt das typisch exkulpierende „man“ der Walserschen Antworten und überhaupt seiner Werke wider. Walser war in seinem expliziten Antisemitismus unter den erfolgreichen deutschen Nachkriegsschriftstellern immer einer der Zuspätgekommenen. Matthias N. Lorenz hat das in „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ minutiös nachgewiesen; der Entschlüsselung bedurfte es bei Walser eben nicht. Umso empörter waren die Reaktionen des deutschen Feuilletons auf Lorenz’ Buch. Der letzte deutsche „Großschriftsteller“, der noch veritabel deutsches Opfertum ohne einschlägige Nachkriegsopfer-Partizipation/-Projektion zu schreiben bereit war, durfte nicht aufgegeben werden, auch wenn man sich selbst längst der „jüdischen Opfer“ als Identifikationsmodell bediente.

Walser ist ein ein sehr zu spät Gekommener und natürlich lügt er: Im jüngsten Interview mit dem Spiegel behauptet er, er habe Grass, Fischer und Jens mit seiner Paulskirchenrede anklagen wollen, Ignatz Bubis keinesfalls. Wenn auch sein Neid und seine Missgunst ob ihrer unangemessenen öffentlichen Strahlkraft den Genannten gegolten haben mögen, der Hass ergoss sich über die, die ihm als schuldig an deren Glanz und überhaupt galten, über Bubis und über Reich-Ranicki. „Man“ hat niemals um eine Debatte mit Grass, Fischer, Jens et. al. gebeten. „Man“ hat sich willig und widerspruchslos einladen lassen, zu einem Gespräch mit Bubis. „Man“ hätte niemals als Opfer von Grass, Jens, Fischer reüssieren können. Bubis hingegen oder auch Reich-Ranicki, an ihnen hat Walser sein Ressentiment hemmungslos ausgelebt, mitleidlos aus der Perspektive des überlegenen Opfers heraus: aus der des deutschen Opfers.
More later…

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

15. April: Liberation of Bergen Belsen

Richard Dimbleby reporting from Bergen-Belsen April 1945 Part 1/ Part 2
„I passed through the barrier and found myself in the world of a nightmare.“

Deutschland im November 2011 III: Das Lichtlein am Ende des deutschen Tunnels ist ein Fackelzug…

Als hätte die Zwickauer Zelle die Anschläge von Combat 18 kopiert. 1999 {!} bombte Combat 18 in Londons Straßen. Die Waffe – Nagelbomben. Das Ziel – Einwanderer und Schwule. Die Waffe in der Kölner Keupstraße – eine Nagelbombe. Das Ziel – Einwanderer. Die Übereinstimmung zwischen den Netz und dem Zwickauer Trio sind erschreckend. Und so wie sie in allen Blood-and-Honour-Terroranleitungen stehen. Man soll Anschläge gegen Einwanderer verüben, keine Bekennerschreiben hinterlassen, in kleinen Zellen arbeiten, Nagelbomben einsetzen und Listen von möglichen Opfern erstellen.
Monitor, 24.11.2011 (u.a. wurden in der Sendung Verbindungen des „NSU“ zu „Blood an Honour“ nachgewiesen)

Die unermüdlich und letztlich von fast allen Seiten (nahezu ausschließlich im Umfeld der Ermordeten wurde verzweifelt auf der Unschuld der Opfer bestanden – die in der deutschen Öffentlichkeit zynisch irgendwann nur noch als Nummern in der ebenso kalt wie grausam so benannten „Döner“-Mordserie gehandelt wurden, im- oder explizit selbst zu Tätern erklärt; die Benennung der Ermittlungsgruppe schloss sie mit ein: „Bosporus“1) vorgetragene Formel, man habe nicht von rechtem Terror ausgehen können, weil keinerlei Bekennerbriefe vorlagen, verweist vielfach zurück auf die Motivation und das alltägliche Handeln beziehungsweise die mindestens bequeme Ignoranz der sich damit nichts als Exkulpierenden. Zwar zutreffend aber die tatsächlichen Konsequenzen bereitwillig ausblendend wird schonmal vom „alltäglichen Rassismus“ gesprochen, der womöglich zur Mordserie oder zum Serienmord beigetragen habe. Von Einstellungs- und Vermietungspraktiken ist dann die Rede, die Personen mit so genanntem „migrantischen Hintergrund“ benachteiligen, woraufhin sich schnell diverse Deutsche einfinden, die das entweder übertrieben finden, weil es ihnen auch schonmal passiert sei oder solche, die es eben deswegen schlimm finden. Das Dilemma der Veranschaulichung wird hier evident. So sorgt das Pathos der Nachvollziehbarkeit regelmäßig dafür, dass der gerade noch erfahrbare Alltag Zurückgewiesener zum Maßstab von „Deutschem Mitleid“ wird. Das großzügigste Eingeständnis lautet dann, dass den Deutschen ‚fremdartig’ Erscheinende gravierend häufiger denn als ‚Volksgenossen’ identifizierte in jeglicher Hinsicht abgewiesen werden.
Diese Praxis wurde unter anderem geschult an Pfarrer Martin Niemöllers, zum Bonmot geratenen:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Niemöller meldete sich noch 1939 als „Ehrenhäftling“ aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen heraus als Freiwilliger zur Teilnahme am soeben in Polen begonnenen Vernichtungsfeldzug, um das ihm nach wie vor als Vaterland geltende Deutschland verteidigen zu dürfen und meinte später im von den Alliierten „besetzten Deutschland“ Verhältnisse feststellen zu müssen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“ oder behauptete, „manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien ‚selbst unter dem Naziregime niemals gewesen’“ (Wikipedia). Bezeichnend im Text sind diejenigen, die nicht genannt werden. Niemöller war weder Kommunist noch Sozialdemokrat noch Gewerkschafter sondern deutscher Christ – dennoch: Allen Erwähnten gestand er die Möglichkeit zu, als Deutsche Opfer zu leiden, an der Katastrophe, die die Nationalsozialisten seinem Deutschland bereitet hatten. Diejenigen, die von Anfang an im Zentrum der Vernichtungspropaganda standen: die Juden ignoriert der Antisemit Niemöller, und außerdem die so genannten „Zigeuner“, die Homosexuellen oder die „Asozialen“. (Natürlich wurde eingewendet: Auch die Katholiken, darauf muss man allerdings aus naheliegenden Gründen nicht eingehen…) Antisemitismus und Rassismus unterscheiden sich zwar grundlegend, trotzdem sind Antisemiten zumeist auch Rassisten (in welcher Erscheinungsform auch immer), und Niemöllers Veranschaulichungsvierzeiler diente seit jeher auch dazu, alles von sich zu weisen, was mit Deutschem Mitleid nicht kompatibel war und immer noch nicht ist.

Das ist eine Schande, das ist beschämend für Deutschland.“ Angela Merkel, 2011

Wir sind zutiefst beschämt“. Bundesrat, 2011

Jenseits davon, dass man sich hierzulande ganz gewiss erschrocken an die weltweiten Schlagzeilen nach den rassistischen Morden zu Beginn der 1990er erinnert und erleichtert daran, dass der erste allgemein warnende Aufschrei dem Standort Deutschland galt, trägt Niemöllers – wie die Praxis im „Dritten Reich“ bewies – abwegige Drohkulisse dazu bei, auch ein wenig selbst Opfer sein zu dürfen. So oder so: Die Kommentarspalten in allen Medien liefern die Belege für noch die absurdesten Teilhabeversuche, darunter besonders häufig der ebenso abwegige – es reicht ein Blick auf unzählige Schlagzeilen der letzten Jahre – Vorwurf, dass man von Deutschen Opfern niemals spräche.
Terror aber, so meint man jetzt erst gelernt zu haben, kommt auch ohne triumphierende ad hoc Bekennerschreiben aus, rechter Terror wenigstens. Als sei er nicht deutscher Alltag seit Jahrzehnten, zum Beispiel in den „No Go Areas“ deutscher Städte oder an jeder roten Ampel, die sich „illegal“ in Deutschland aufhaltende Menschen nicht zu ignorieren trauen. Terror läuft – verkürzt – darauf hinaus, durch Gewalttaten respektive –androhung Angst und Schrecken einzujagen und die Gemeinten einzuschüchtern, abzuhalten oder zu eliminieren, während die Nichtgemeinten durch ihn entweder befriedet oder befriedigt (oder erstmal aufgeweckt) werden sollen. Wenn in Deutschland nun von einer neuen Dimension rechtsextremen Terrors die Rede ist, so gilt das bloß für das, was das deutsche Veranschaulichungspotential gerade noch hergeben mag. An den Außengrenzen der EU, auf deutschen Flughäfen, auf Polizeistationen nämlich wird das mindestens verbale Einjagen von Angst und Panik (und immer wieder auch das tätliche und das Morden) zu Zwecken der Abschreckung regelmäßig praktiziert. Ohne, dass man triumphierende Bekennerschreiben ablieferte – die „Erfolge“ werden wenn überhaupt eher beiläufig oder in Statistiken versteckt mitgeteilt. Das Einverständnis der Deutschen voraussetzend, und zwar zu Recht. Das gnadenlose Placet für beispielsweise zehntausende Tote an den Grenzen zur Europäischen Union. Mehr zu diesem Aspekt und darüber hinausgehendes ist bei Nichtidentisches – „Shocking: Nazis auf einmal Terroristen – was ging schief im Wintermärchen?“ zu lesen.
Durch die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ – der eben vornehmlich das Produkt der so beförderten Vorstellung ist, man vollstrecke bloß den als insgeheim ausgestellten Volkswillen – müsste eigentlich für jeden der Terror sichtbar werden, den bisher alle deutschen Regierungen für die Aufrechterhaltung der Integrität der immer noch vorwiegend völkisch definierten deutschen Nation in Auftrag gegeben haben. Er wird es nicht!
Stattdessen schämt man sich mal wieder und leidet erneut an der Schande, die flugs aus dem dann doch ganz gerne nachvollzogenen Alltagsrassismus („Man wird doch wohl noch…!“) Suspendierte über Deutschland gebracht haben – ganz offiziell und mit höchsten deutschen Weihen versehen (sogar von Entschädigungszahlungen ist die Rede, ganz schnell diesmal und darauf setzend, dass die damals um Jahrzehnte verspätete geizige Geste schonmal zum Weiterziehen des Schlussstrichs beitrug) und demnächst sicherlich wieder irgendwie noch kollektiver. Das bloß einheitsstiftende Potential der Lichterketten wird bereits wieder herbeigesehnt, denn nichts erscheint schlimmer, als sich jetzt nicht kollektiv als die Guten beweisen zu dürfen. Der Bundestag, der zuletzt in zuvor unvorstellbarer Einmütigkeit (mit allen Stimmen aller Fraktionen: CDU/ CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke) Israel für letztendlich die (wie dann sogar die UN befanden rechtmäßige) Verteidigung gegen erklärtermaßen gewaltbereite Personen, die in aller Öffentlichkeit zum Beispiel „Tod den Juden“ gesungen hatten, verurteilte („An dieser Stelle verzeichnet das Protokoll der Sitzung „Beifall im ganzen Hause„.), einigt sich nun ebenso einmütig auf die Verurteilung des mörderischen Neonazismus. Das anständige Volk in Form des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein („Es ist eine Erleichterung, dass die Abgeordneten aller Fraktionen sich in dieser Woche in eine demokratische Lichterkette eingereiht haben – weil die Bürger es nicht tun.Spiegel.online) oder eines FAZ-Korrespondenten jedoch wünscht sich eine an- oder beschaulichere Bestückung der „nationalen Kuschelecke“ (Eike Geisel): „Der Fall hat die Politik in eine Art Starre des Entsetzen versetzt. Mehr als drei Wochen sind seit dem Tod des Terror-Duos Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil vergangen. Doch die Staatsspitzen haben noch immer keinen passenden Ton, keine tröstlichen Gesten gefunden. Nichts ist geschehen, um Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft zu fügen.“ (FAZ.online)
Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft“ zusammenzufügen, ist auch eine urdeutsche ‚Utopie’: Immer wieder werden hierzulande die Toten aus den Gräbern gezerrt, um für irgendetwas herzuhalten, um völlig undifferenziert an ihnen und mit ihnen zu leiden zu dürfen, um eine perverse Inszenierung der Lebenden, die die „Toten beneiden“ werden aufzuführen. Den Toten jedoch, deren Ermordung Schande übers Volk gebracht hat, wird in Deutschland mit der „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) begegnet: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“ Dass die Deutschen in ihrer Erscheinungsform als Volk zu letzterem nicht bereit sind, haben sie in ihrer Geschichte unzählige Male bewiesen. Beispielsweise vor zwanzig Jahren, nach der damals auch schon neuen und bis dahin unvorstellbaren Dimension rechten Terrors, als sie – „die Reihen fest geschlossen“ – im „Aufstand der Anständigen“ so lange Händchen gehalten und sich im Licht der Kerzen vorteilhaft beleuchtet gefühlt hatten, dass es ihnen dann doch schon wieder zu bunt in der Republik wurde. Und zu voll, all die vielen Menschen auf den Straßen, denen man die eigene scheinheilige Empörung und den schrecklich sentimentalen Willen zur Pflichterfüllung am Gesicht ablesen konnte.

Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Martin Walser, 1998

Scham und Schande sind Begriffe, die sowohl eigenes Opfertum als auch ihre irgendwann unbedingt nötig erscheinende Abwehr implizieren. Mit ihnen wird das eigentliche Opfer selbst zum Täter erklärt. Durch seine bloße Existenz war es in der Lage, aus den ‚Ausauschwitzallesgelernthabenden‘ die „Unbelehrbaren“ zu exzerpieren. Auf die „peinliche Ergriffenheit“, auf die Sentimentalität folgt regelmäßig die „Ungeduld“, die „instinktive Abwehr“, der laute Applaus für den nächsten Brandstifter, der das Volk vom Mitleiden mit ‚den Anderen’ zu befreien verspricht und das Leiden der Deutschen an ihnen und an Wasauchimmer erneut zur Priorität erklärt. Spätestens in diesem Moment greift das Ressentiment. Die Entlarvung der perfiden und höchstoffiziellen Wortwahl im Kontext der Ermordung völlig wehrloser Menschen wird in der Zeit geradezu genervt klingend konstatiert: „Dass dies nach so vielen Tagen {?} endlich aufgefallen ist, ist wieder einmal dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Schließlich haben Deutschlands Juden ihre eigenen Erfahrungen mit symbolischen Ausgrenzungen gemacht, die dann nicht im Serien-, sondern im Massenmord endeten. Und es ist ihren Repräsentanten, hier dem Vorsitzenden Dieter Graumann, zu danken, dass sie auch für die heutigen Opfer von Ausgrenzung immer wieder Stellung beziehen – wobei die der Juden ja nicht aufgehört hat. Und sie tun es meist früher als die übrige sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Besser wäre es freilich, „wir“ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte. Noch besser wäre, es würde auch ohne diese Hinweise etwas kritischer hingesehen.“ (Zeit.online)


Deutschland 1990, 1991, 1992: „In Eberswalde lässt man monatelang die Ermittlungen gegen Skinheads schleifen, die den Angolaner Antonio Amadeu Kiowa totgetreten hatten. Polizisten hatten zugesehen und waren nicht eingeschritten. Fünf der Täter werden Mitte September verurteilt, von denen kein einziger glaubhaft Reue zeigt. Sie kommen mit Strafen zwischen zwei und vier Jahren davon.

Was auch immer in nächster Zeit von den Deutschen zur Überwindung ihrer Schamgefühle veranstaltet werden sollte, es wurde bereits adäquat kommentiert; denn solange niemand bereit ist, die einzig relevante Konsequenz aus dem mörderischen Treiben deutscher Volksgenossen (und zwar nicht nur in deren Namen sondern mit ihrer im- oder expliziten Billigung), zu ziehen, gilt nach wie vor Folgendes:

Für all diese widerwärtigen Auftritte sind natürlich nicht die Erfinder der Lichterketten, sondern die xenophilen Gesinnungstäter selbst verantwortlich, oder wie es die Leuchtspurgenossen der taz mit pädagogischer Absicht formulierten: ‚Jeder und jede ist für seine Kerze verantwortlich.’ Erlaubt sein muß allerdings die Frage, ob derlei Unfug nicht notwendig aus dem illuminierten goodwill resultiert, ob Erfindung und Anwendung nicht mehr miteinander gemein haben, als den Initiatoren begreiflicherweise lieb ist. Und erst recht muß die Frage gestellt werden, ob das leuchtende Bekenntnis zu den Ausländern nicht nur gleichzeitig, sondern vor allem als glänzende, pseudosakrale Bestätigung des Kollektivs dient {…}. Von Leuten, die allenfalls ihre Frau oder ihre Kinder verprügeln würden, war in diesen Tagen kein Satz so oft zu hören wie: ‚Wir schämen uns als Deutsche.’ Ohne Kollektiv keine Scham. Schamgefühl macht hierzulande offenbar noch keine menschliche Regung aus, weshalb die durchaus nichtmenschliche Eigenschaft, deutsch zu sein, als Auslöser von Gesittung dienen muß.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens. Die Selbstinszenierung der guten Seelen (1992), in ders. Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung

Recommended reading:
Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging
Eike Geisel – Triumph des guten Willens und Die Banalität der Guten
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach und Der Weg zur inneren Einheit
Hannah Arendt – Besuch in Deutschland

  1. ‚Hier‘ wurde angesichts der damaligen Streuung der Tatorte vor einigen Jahren spekuliert, dass mindestens ein rechtsradikaler Wahnsinniger Koordinaten für ein Hakenkreuz über Deutschland markieren wollte. Die später bekannt gewordene symbolträchtige Anzahl Anzugreifender auf der Liste des „NSU“ – 88 – und die Symbolismus-Fixierung von Nazis überhaupt legen den Verdacht einer solchen wenigstens ursprünglichen Intention nahe. [zurück]

Deutschland im November 2011 II/ Forwarded: haGalil – „Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…“

Auszüge:
„Jutta Ditfurth sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Hier wurde sie Zeuge, als nur einen Tag nach den üblichen Reden zur Reichspogromnacht eine plumpe antisemitische Äußerung in der Sitzung des Stadtparlaments ohne Folgen blieb, und stattdessen jene, die darauf aufmerksam machen wollte, zum Ziel von Spott und Rüge wurde…
{…}
In einer Pressemeldung berichtet Jutta Ditfurth:
Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann »die Gunst der Stunde genutzt« und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.
Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, {…} usw., blieben unbeantwortet.
Ich rief in einen toten Raum. {…} Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.
Ich wurde vom Präsidium gerügt.
Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.
{…}
Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.
{…} Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.
»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.“
Quelle: HaGalil – Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…

Mehr: Martin Krauss – »Gunst der Stunde 1933«. Frankfurter FDP-Politiker sorgt für Eklat im Römer (Jüdische Allgemeine.de)

Sonstiges: Deutschland im November 2011

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
herschel3

Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

Recommended reading:
Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive, welt.de
aa:b – Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc
Daniel Steinmaier – Wir sind die Guten, Jungle World
Lizas Welt – Sympathy for the Devil
ProAsyl – Wichtiger Hinweis für Fluggäste – SCHAUEN SIE NICHT WEG!

Liberation of Bergen Belsen, April 1945

To KdP

Even while the camp was liberated the Germans went on killing…

II/III

Ernste Warnung an deutsche Naturfreunde: Wer ist Frank S. wirklich?

Liebe deutsche Naturfreunde,

die Ihr zahlreich und in diversen Internetforen auf die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Tsunami vom 11. März 2011 und Frank S.’ einzigem weltweiten Bestseller (I/ II) hinweisen zu müssen glaubtet, mühsam verhalten aber unverkennbar triumphierend darüber, dass die Natur endlich zurückgeschlagen hat. Das ist alles überhaupt nicht erstaunlich! Während Ihr noch denkt, S. habe sich damit als Prophet des aufgrund der vom Menschen angerichteten Verheerungen in den Meeren gerechtfertigten Weltuntergangs erwiesen, ist die eventuelle Wahrheit so viel banaler wie erschreckender.
Niemand hat sich oder andere bisher gefragt, warum ein derart erfolgreiches, bewegendes, aufklärerisches und blablabla Buch (2004) trotz der Unterstützung von Hollywood-Stars wie Uma Thurman (Tochter von Nena! Thurman) noch immer nicht verfilmt wurde. Seit 2006 nämlich wurde regelmäßig angekündigt, nun sei es endlich soweit. Doch natürlich haben es die Mächte, die S. in seinem Roman als alles verderbend enthüllte, bis heute geschafft, ihre Bloßstellung vor einem noch größeren Publikum zu verhindern. Niemand weiß wie, aber so soll es auch sein. Im Jahre 2011 aber wird es trotzdem geschehen. Warum? Sicherlich nicht, weil 2012 eh alles vorbei sein wird, soviel wissen wir nunmehr aufgrund der Projektionsgabe anderer Hellsichtiger.
Und während man sich in einschlägigen Kreisen noch Erklärungen dafür aus den Fingern saugt, warum die Amerikaner ausgerechnet Japan mit ihrer Erdbebenmaschine HAARP angegriffen haben (z.B. „Im japanischen Parlament wurde 2008 die offizielle Version des 11. September öffentlich kritisiert und in Frage gestellt.“ freidenkertv, aber sicher doch…), und wo die israelischen Organsammler, die natürlich immer mit unter der Decke zu stecken haben, diesmal abgeblieben sind. Während man sich also allerorten noch hilflos den Umweltverschmutzern und Naturvernichtern ausgesetzt wähnt, übersieht man, dass schon längst zurückgeschlagen wird. Das Volk von Baden-Württemberg hat bereits einen zu seinem Ministerpräsidenten erwählt, der vormacht, wie die Zukunft des Planeten deutsch gerettet werden wird: „»Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht […,] dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«“ (Uschi Eid über Winfried Kretschmann, Zeit.online, via only AA but XXX)


Animation: Malene Thyssen

Von ähnlichem Ernst angetrieben trafen sich deutsche Kultur Schaffende (u.v.a. Gudrun P., Roland E., Karen D., Hannes J.) und dergleichen Personal – or so the story goes – an einem natürlich geheimen Ort, um mal wieder ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der zu erzielenden Diskussionen in den Massenmedien. Roland E. jedoch bezweifelte, dass Japan das richtige Ziel einer konzertierten Aktion sei, schließlich habe er schlüssig bewiesen, dass Godzilla nicht vom Erbfreund Japan sondern vom Erbfeind Frankreich künstlich (!) erschaffen worden sei. Frank S. aber beendete die Diskussion ein für allemal mit den Argumenten, das sei ja alles schön und gut, aber da gäbe es noch das mit dem Walfang und dem Delphinschlachten und der noch viel grauenvolleren Vermensch- und -niedlichung von Tieren in japanischen Zeichentrickserien, und überhaupt: Willi, der von einem Amerikaner erfundene und Japanern unverzeihlicherweise inszenierte Sidekick, der der bezaubernden Biene Maja (des bekennenden Antisemiten Waldemar Bonsels) jegliche natürliche Anmut raube! Und ob man überhaupt wisse, dass Haie die neuen Delphine seien, und dass man seine gestressten Kinder schonmal schonend auf entsprechende Therapieangebote vorbereiten solle (…and pop goes the leg…). Und schließlich habe er und sonst niemand die relevanten Kontakte zu den Y. Obwohl Roland E. noch einen Tiefschlag zu landen versuchte und behauptete, das würde ja dann alles bloß als billiger Werbe-Coup für die immer noch ausstehende Verfilmung von S.’ Roman gehalten werden, schwoll das Raunen am geheimen Ort derart an, dass man ihn nicht mehr hören konnte: „Die Y!“ Und so sollte es geschehen.
Die Verfilmung allerdings muss nunmehr so schnell wie möglich abgedreht werden, bevor die Realität all die im Roman enthaltenen Widersprüchlichkeiten offenbart. Auch dort bedeuteten die diversen zum Y-Selbstschutz (die sind schließlich eine deutsch gedachte Volksgemeinschaft!) initiierten Tsunamis eine chemische und atomare Verseuchung der Meere, wie sie nicht mal die übelsten der von S. ersonnenen US-Amerikaner et al. in Kauf nehmen würden. Und das Ylearningbyadaptingtodrownedpeople’sbrains wird der Meeresfauna des Autors kulturellen Vorurteilen gemäß eines Tages eine konzentrierte Verniedlichung bescheren, die kein japanischer Zeichentrickhersteller jemals zu denken wagte. Bis dahin allerdings werden die deutschen Medien wie gewünscht und Mitleid nicht einmal mehr wirklich vortäuschend reagieren. Die Genugtuung ist unüberhörbar. Der einstige Verbündete, in dem man noch im Nachkrieg deutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin bewundern mochte, galt hierzulande zunehmend als veritabler Vertreter der entweder dekadenten oder traditionsverliebten USA im Fernen Osten – nur irgendwie infantiler.

Aber mindestens so umweltzerstörend und tierquälend: Walfänger und Delphinmetzler, die aus den geschlachteten Tieren auch noch hübsch anzusehende Spezialitäten zubereiteten statt Klopse in dicker weißer Sauce oder fettriefende Schnitzel. Die ihrem schönen Heimatland mit Handkultivierer und Schere zu Leibe rückten und alles mit künstlich künstlerischer Bedeutung aufzuladen bereit waren, statt den Boden naturhaft walten zu lassen. Die Robotervernarrten und am hellichten Tage Phantasiekostümträger, die Schöpfer von kindischen Superhelden in Serie, die unbelehrbaren Atomkraftbejaher. Obwohl sie, und da setzte der deutsche Neid ursprünglich ein, hundertausende Opfer zweier Atombombeneinschläge vorzuweisen hatten. Auch Japan hat mittels Opferinszenierungen seine Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg zu relativieren gewusst. Aber in Deutschland ahnt man, dass man hier sehr viel mehr daraus hätte machen können, nicht bloß weil das deutsche Verbrechen jegliche Dimensionen des Vorstellbaren gesprengt hatte, sondern auch weil man eine wesentlich längere und liebevoller gepflegte Tradition der Selbstdarstellung als Opfer von was auch immer vorzuweisen hat. Atombomben auf Deutschland – alles wäre vergeben und vergessen gewesen! Dafür hätte man schon gesorgt, und zwar gründlich. All die Hiroshima-Plätze in Deutschland und die Nagasaki-Städtepartnerschaften etc. waren nur ein unbefriedigender Versuch teilzuhaben. Und unter anderem deswegen wird jetzt auch nicht gespendet. Der Spendenweltmeister Deutschland bringt es diesmal einfach nicht übers Herz, sich wie üblich als großzügig auszugeben. Nicht nur, weil man annimmt, Japan könne mit all seinem Reichtum die Zerstörung eines Großteils seiner Ostküste selbst beheben, sondern weil man meint, sie hätten das mühsam erarbeitete deutsche Geld einfach nicht verdient.

Die Angst vor Strahlenschäden wächst, auch in Deutschland: Nach den Reaktorunfällen in Japan ist die Nachfrage nach Geigerzählern in der Bundesrepublik rasant gestiegen.
Newsticker, spiegel.online
Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.
Theodor W. Adorno an Thomas Mann, in: Briefwechsel 1943 – 1955

Missgunst ist die deutscheste aller Untugenden, weswegen auf einmal alles Leiden, das ausschließlich in Japan stattfindet, unbedingt hier erlebt werden muss, was sich beispielsweise im run auf Geigerzähler und Jodtabletten äußert. ‚German Angst’ ist nicht wirklich Furcht, sondern die Befürchtung, am Opfersein, wo auch immer es stattfindet, nicht als einer der ersten und ernstzunehmendsten teilhaben zu dürfen. Darum prügelt man sich notfalls wie beim Schlussverkauf vorm Wäschetisch. Manchmal erweist sich der Eifer als Zwickmühle, wie z.B. im Fall Libyen. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten von Opferidentifikation. Da kapituliert man dann schonmal völlig verwirrt: „Was kommt jetzt leidender rüber?“ Ergo: Enthaltung. Vor der zum Hintergrundbild erklärten zerstörten japanischen Ostküste jedoch kann sich das Deutsche in seiner Erscheinungsform als „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch irgendwie Abschaltungswilige“ als noch aus allen irdischen Katastrophen als am besten Gelernthabender zeigen. Nur in den deutsch geprägten Medien gelten diejenigen, denen vom Tsunami alles genommen wurde als gesichtslos und duldsam, auch weil man sich hier Protest, Widerstand, Kritik usw. bloß als von vereinheitlichten Parolen vorangetriebene Massenveranstaltungen vorstellen kann. Die zum Einsatz im Reaktor so oder so oder noch offensichtlicher gezwungenen Personen werden entsprechend mit Attributen aufgeladen, die sie fast zu Witzfiguren degradieren, weil sie nicht als Stellvertreter all derjenigen, denen unter den gegebenen Umständen kaum etwas bleibt als auszuharren, auftreten dürfen. Das „Sein zum Tode“ jedoch hat hier nicht dem Anlass sondern dem Wesen geschuldet zu sein.
Liebe deutsche Naturfreunde, nahezu alles ist vorhanden, was Ihr herbeigesehnt habt, und wenn Ihr noch mehr Glück habt, kommt es außerdem schlimmer, als ihr es auszumalen wagtet. Abgesehen davon, dass Ihr mit den offenbar überforderten Geigerzähler-Herstellern den veritabel deutschen Mittelstand zu fördern in der Lage wart, mag man die Profite der internationalen Pharmaindustrie, denen Ihr den Ertrag aus den Schweinegrippen-Impfstoffen damals um keinen Preis gönnen wolltet, als Kollateralschaden abtun. Wäre da nicht der nagende Zweifel: Womöglich war das alles gar nicht von den guten deutsche Kultur Schaffenden initiiert, sondern von den global agierenden Pharmakonzernen, die unbedingt ihre kurz vorm Verfallsdatum stehenden Jodtabletten loswerden wollten?

Yours sincerely,
Nachwievorspaltungsprodukt (in collaboration with CdG)

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Weltkritik – Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft
Cornelius Coot – Eine verpasste Chance, Jungle World
Jörg Häntzschel – Japanische Kunst, Schluss mit Hello Kitty, Sueddeutsche.de

Later: Magnus Klaue – Deutschland sucht den Super-Gau

Update, 12.4.: „„Schuld sei sowieso „usrael“, eine beliebte Chiffre von Antisemit_innen jedweder Couleur. Da will auch „Sülzbert“ nicht zurückstehen und ergänzt, dass sich ihm der Verdacht aufdrängen würde, „das diese gigantische menge radioaktivität die in japan freigesetzt wird, nur dazu dienen soll um den eventuellen einsatz von atomwaffen im falle das die arabischen staten israel angreifen würden, nicht weiter auffallen soll“. Man muss sich diesem Gedanken auf der Zünge zergehen lassen! Israel ist schuld am Atomunfall in Japan, um einen eventuellen Angriff durch die benachbarten Staaten mit einem Atomangriff zu beantworten zu können.
Reflexion – Die Kommentatoren des „Infokriegers“