Archiv der Kategorie 'Deutsches Mitleid'

Aus Anlass des Versinkens der Insel, auf der die unangenehmen Kinder aus „Lord of the Flies“ gelandet sind…

…, zum Ende von Blogsport also, fällt mir derzeit nichts anderes ein, als aufgrund eines ähnlich tragischen Anlasses einen letzten Reblog zu posten.

„TV- und Blockbuster-Regisseur Alan Taylor („Game Of Thrones“, „Thor 2“, „Sopranos“) wird den deutschen Science-Fiction-Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing fürs ZDF als achtteilige Eventserie inszenieren.“
Christian Fußy – „Der Schwarm“: „Game Of Thrones“-Regisseur verfilmt deutschen Sci-Fi-Bestseller“,“ 08.04.2019 um 13:20″

Vor neun Jahren ließ irgendjemand verkünden, dass Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Thelma And Louise, der Rest ist Schweigen!) anhand eines Drehbuches von Ted Tally (The Silence of the Lambs) Frank Schätzings „Der Schwarm“ verfilmen würde, woraufhin ich ihn gelesen habe. Was ich aus welchem Anlass auch immer nicht mehr tun werde und kann. Noch während ich gelesen und im Prozess das Buch mit wüsten und Seiten durchdrückenden Kommentaren vollgekritzelt habe, veröffentlichte die Konkret einen Artikel von Magnus Klaue zu Schätzing, dem ich einen Satz widmete, den ich so auch nie wieder schreiben werde: „Als ich einmal Angst davor hatte, einen Artikel von Magnus Klaue zu lesen“. Das ist nun Alltag! Wie auch immer: „Meine Befürchtung war nur, dass Klaue bereits all das zumindest angedeutet haben könnte, weswegen ich Schätzings tatsächlich grauenvoll geschriebenen „Der Schwarm“ einmal quer- (und dann noch einmal, so halbwegs: Es gibt Grenzen des Erträglichen!) Satz für Satz (Zitatsammlung) gelesen habe. Wenn das umsonst gewesen wäre[…]! Er hat nicht (bis auf „Michael Crichton“, „Deutscher“ und „Reinigung“).“

Nun also derselbe Größenwahn, bloß dass mir die zukünftigen Aktivitäten des „Games of Thrones“-Regisseurs recht egal sind. Eine „internationale“ Verfilmung des deutschen Romans unter deutscher Ägide jedoch gibt zu Befürchtungen Anlass, was ein weiterer Vorfall „während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms““ illustriert.

Im Folgenden fasse ich zum Abschied alle meine Artikel zum „Schwarm“ zusammen (sehr lang, wie üblich, aber nun zum letzten Mal hier. Mehr dann an anderem Ort!):

Prolog:
„Zwei sehr deutsche Schriftsteller machen sich Gedanken über den Tod…“
… und haben denselben geradezu unvorstellbar (ha!) lustigen Gedanken. Sowas fällt einem aber auch nur auf, wenn man seit ‚frühester Jugend‘ mal mehr, meist weniger begeisterte Bachmann-Wettbewerb-Zuschauerin und mit einem Gedächtnis verflucht ist, das immer nur das Vernachlässigenswerteste speichert (oder denen, die unbedingt Bücher von Thor Kunkel UND Frank Schätzing lesen wollen…?…??… Nope! One of them is more than you can bear!).

1999 jedenfalls las Thor Kunkel einen Ausschnitt aus seinem Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und gewann damit, nicht den Ingeborg Bachmann-, zumindest aber den Ernst Willner-Preis. An Folgendes erinnerte ich mich unsinnigerweise noch 11 Jahre später:
Während er vor sich hin löffelt, betrachtet er den Becher, nicht weil ihm die Aufmachung gefällt, sondern um zu verstehen, was er ißt: Pfirsich-Maracuja , na, gibt’s denn so was… Das Verfallsdatum ignoriert er, so gut es geht. Er ist nicht abergläubisch, aber ihn plagt seit langem die Vorstellung, irgendeine dieser profan ausgedruckten Stempelziffern würde den Zeitpunkt seines Exitus festsetzen… Er würde quasi sein eigenes Verfallsdatum lesen… Und ist es nicht höchst wahrscheinlich, daß alle Menschen ihrem Todesdatum zum ersten Mal im Supermarkt begegnen? Bei einem unschuldigen Einkauf? Einem Griff ins Kühlregal?“ (Thor Kunkel – Das Schwarzlicht-Terrarium)

Und zwar während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms“ von Frank Schätzing, wo es Nachstehendes zu lesen gibt:
Auch ich werde irgendwann tot sein, dachte er. Seit Lund in der Welle umgekommen war, dachte er oft an den Tod. Nie hatte er sich alt gefühlt. Jetzt war es mitunter, als habe ihm die Vorsehung einen Prägestempel aufgedruckt wie einem Joghurtbecher, und jemand schien ihn zu betrachten und zurück ins Regal zu stellen, weil er kurz davor stand abzulaufen.“ (Frank Schätzing – Der Schwarm, 2005, S. 513)

Thor Kunkel schrieb später einen Roman, den Rowohlt nicht so richtig veröffentlichen wollte, dafür Eichborn (wo bereits zuvor das Büchernörgeli verbrochen wurde). In „Endstufe“ geht es u.a. um Porno-Produktionen im „Dritten Reich“, und was es weiter dazu zu sagen gibt, hat Jörg Sundermeier schon 2004 aufgeschrieben: „Nationalsozialismus: Kein Licht im Kunkel. »Endstufe« von Thor Kunkel gilt als Skandalroman. Es ist erbarmungslos schlechter Nazi-Pulp…“ (haGalil.com)

Zu Schätzing gibt’s, wie erwähnt, später mehr…

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Was sind sie überhaupt für ein Mensch, Li?
Frank Schätzing – Der Schwarm, 20041

‚Das Deutsche’ ist derzeit (und solange man sich außerhalb seiner Grenzen befindet) vor allem als Exporteur deutscher Ideologie, als ‚Vorbild‘‚ ‚Traum‘ oder ‚Hoffnung‘, als Ahnung wirksam.5 Im historischen Moment beflügelt es vornehmlich die Imaginationen der Völkerbefreienwollenden, Friedensbewegten, Lebensraumschützer, Globalisierungsgegner und was sich da noch so alles nach Beistand im Kampf gegen „die Imperialisten“ etc. sehnt. Das Bild vom romantischen, die Natur liebenden und durch eigene Schuld ‚bekehrten’ Volk, das den ebenso „ignoranten“ wie „im Fortschrittsdenken rückständigen“ USA bereits zweimal die Stirn zu bieten wagte, ist tief im Widerstandsbewusstsein verankert. Ein Volk außerdem, das Niederlagen hinnehmen musste, sich bußfertig gibt und von allen anscheinend geliebt werden will. Damit kann man sich hervorragend identifizieren. ‚Identitäre‘ möchten sich prinzipiell vom Kollektiv auffangen lassen, in der Masse, so besonders sie sich auch imaginieren mag, auf- und vergehen.
Kaum jemand hat den neuen deutschen Willen, die neue deutsche Vorbildfunktion so eindringlich in Szene gesetzt wie Frank Schätzing in „Der Schwarm“. ‚Das Deutsche’ agiert dort explizit meist nur in Nebensätzen und gibt sich ostentativ zurückhaltend, weil es zu glauben vorgibt, es müsse – immer noch! Aber im Leiden an diesem angeblichen Zwang ist es längst zum role model identitätsfixierter Kreise geworden und die sind bei weitem nicht so einflusslos, wie sie es gerne suggerieren möchten. Im „Schwarm“ geht es tatsächlich um nichts als kollektive Identität(en), um Anspruch auf angestammten Lebensraum, um Verwurzelung und darum, dass ‚die Anderen’ selbst Schuld haben, wenn sie vernichtet werden müssen. Im Ekel vor dem, was sie zu tun haben, bleiben Schätzings Helden trotzdem immer anständig. Und Anstand ist die deutscheste aller Tugenden.
Stilistisch gibt sich der „Schwarm“ international, die ‚Anspielungen’ sind nichtzititierend, dennoch offensichtlich und verweisen auf filmische wie literarische Vorbilder aus der Horror- und Katastrophen-Produktion vorwiegend des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind neben all den ausgesprochenen Hinweisen auf Filme wie (immer wieder) „Krieg der Sterne“ etc. die Szenario-Anleihen Schätzings bei ‚klassischen’ Science-Fiction-Romanen unübersehbar: Neben Michael Crichton im Allgemeinen und dessen „Prey“ insbesondere, Stanisław Lems „Solaris“, „Der Unbesiegbare“ und überhaupt, s.u., Karel Čapek – Der Krieg mit den Molchen im weitesten Sinne auch Herbert G. Wells – War of the Worlds, Jack Finney – Invasion of the Body Snatchers, Robert A. Heinlein – Starship Troopers, John Wyndham – The Day of the Triffids und vor allem The Kraken Wakes. Während ihm die ironischen Anspielungen auf Filme als Immunisierungsstrategie gegenüber dem erkennbar antizipierten Klischee-Vorwurf dienen, sind die literarischen Vorlagen vermutlich als Inspirationsquelle zu bezeichnen. Vollkommen desinteressiert jedoch scheint Schätzing an den fürs Genre oft grundlegenden Fragen nach massen- oder individualpsychologischen Entwicklungen usw. in Krisensituationen etc. zu sein. Psychologie wird abgelöst von einem diffus durch (Herkunfts-)Identität bestimmten Verhalten.
Abgesehen davon sieht es erst einmal so aus, als ginge es um die grundlegenden Fragen Michael Crichtons, Philip Kerrs („Esau“), Carl Sagans und Stanislav Lems. Sagan wird regelrecht ausgeschlachtet, weshalb „Der Schwarm“ Schätzing streckenweise zu einer Art Spin-Off von Contact geraten ist (in dem allerdings ein völlig anderer Blick auf Wissenschaft und Menschheit vermittelt wird), wäre Ellie Arroway (in der Verfilmung dargestellt von Jodie Foster) dort nicht am Ende tatsächlich Außerirdischen begegnet (worin sich nicht zuletzt Sagans Anerkennung der intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten des einzigartigen Individuums manifestierte). Schätzing bedient sich der Heldin aus Sagans Buch (der sie selbst an SETIs Jill Tarter anlehnte) und Zemeckis’ Film und lässt sie nunmehr als gealterte und grundlegend anders motivierte Samantha Rowe sogar noch einen dystopisch anmutenden (!) Epilog verfassen. Mit Crichton teilt Schätzing den sensationslüsternen Blick auf die (bei beiden gerne en detail dargestellte) Zerstörbarkeit des menschlichen Körpers in einer ihm (plötzlich) feindlich gesinnten Umwelt/ Natur, der er nicht mehr gewachsen ist, weil auf einmal abweichende Parameter vorgegeben sind (Evolution oder ‚Verbrechen’ gegen diese). Von Lem übernimmt er scheinbar die vordergründigen Fragen: Ist Kommunikation zwischen Lebewesen völlig unterschiedlicher Provenienz überhaupt möglich? Sind wir in der Lage, intelligente Lebensformen, die einen gravierend anderen (evolutionären) Hintergrund (als das Leben auf der Erde) haben, als solche zu erkennen? Schätzing beantwortet diese Fragen trotz aller vorgeblichen Suche und konstantem Bestehen der Protagonisten darauf, dass man überhaupt nichts verstünde, mit einem schlichten „Ja!“, basierend auf den Erkenntnissen, die ihm Sagan präsentiert bzw. Lem verweigert hat. Seine Protagonisten scheinen von beiden gelernt zu haben – wenn sie auch keine bekennenden Science-Fiction-Leser sind. Der Verfilmung von Sagans Roman wiederum entnimmt Schätzing den Schlüssel – Dreidimensionalität – zur Botschaft der „Yrr“ (der Schwarm) im Prinzip eins zu eins; das Erstaunen der Entdeckerin ob der eigenen Leistung wirkt grotesk, da sie den Film (! im Buch gibt es eine andere Lösung), in dem sie quasi vorgezeigt wird, (eingestandenermaßen) selbst gesehen hat und letztlich bereits einmal die Entschlüsselnde war. Im Fall Samantha Rowe jagt ein twist den nächsten, bis Rowe ‚aus Versehen’ enthüllt, dass „Jodie“ sie gespielt habe. Mit Gerhard Bohrmann setzt Schätzing außerdem ebenfalls einen tatsächlich existierenden Wissenschaftler als Charakter um. Sagan war ein ernst zu nehmender Wissenschaftler, Crichton nicht; im Gegensatz zu Lem waren beide nicht einmal mäßig begabte Schriftsteller. Schätzing ist studierter Kommunikationswissenschaftler und ehemaliger Creative Director einer Werbeagentur – er ist weder ernst zu nehmender Wissenschaftler noch begabter Schriftsteller – au contraire: Sein Roman stolpert sprachlich über jede mögliche Hürde und verliert sich in albernen bis hanebüchenen sprachlichen wie erzählerischen Stereotypen.
Das ist nicht selten im Genre – hier aber besonders gravierend (man kann sich kaum vorstellen, dass ein z.B. amerikanischer Lektor die zahllosen Ungereimtheiten und Stilblüten hätte durchgehen lassen). Im Unterschied jedoch zu den meisten Publikationen ähnlichen Anspruchs und ähnlicher Thematik verbirgt sich bei Schätzing hinter all den im Genre tausendmal durchgekauten Fangfragen ein Korpus deutscher Ideologie und identitären Wahns. Und der wird offenbar verfilmt, angeblich unter der Regie Ridley Scotts nach einem Drehbuch von Ted Tally (The Silence of the Lambs, Red Dragon – version 2002).
Schätzings offiziell deutscher Held Bohrmann taucht nur in der zweiten Riege auf, aus den oben genannten Gründen, dient aber im Hintergrundrauschen als unanfechtbare Referenz für Intelligenz, Güte, Mut, Team-Fähigkeit etc. pp. Was immer er in Wirklichkeit ist, hier ist er Deutscher und trägt im Zusammenspiel mit allen anderen mehr oder weniger versteckten (angeblich sich verstecken müssenden) Hinweisen dazu bei, ‚das Deutsche’ als Gegenentwurf zum US-amerikanischen raunend zu etablieren.
Der Held im Vordergrund, Leon Anawak, tut so, als wolle er unbedingt Kanadier sein. Schätzing allerdings besteht darauf, er sei Inuit. Was ihn unzugänglich, liebesunfähig und unvollständig macht, da er erstmal alles andere als ein Inuit sein mag. („Anawak hatte sein Land verlassen, als es kein Land mehr war, sondern eine Region ohne Wertgefühl und eigene Identität.“ 621) Seiner Bestimmung entkommt er trotzdem nicht. Als der Vater, der ihn zur Adoption freigab, stirbt, wird er im Umfeld von dessen Begräbnis in der „alten Heimat“ (Karl May) mit seiner Herkunft, seinem Volk, seinen Wurzeln, seiner Identität in der Eiswüste konfrontiert. Hier nunmehr wandelt er sich – ausgelöst spätestens durch einen Traum – zum empfindungs-, erkenntnis- und liebesfähigen Charakter, erst jetzt zum vollwertigen Menschen. Der andere Held, Sigur Johanson, ist ein Feingeist, der permanent Walt Whitman liest (was unter anderem seine Vorurteilslosigkeit selbst gegenüber US-Amerikanern betont, zugleich aber den religiösen und/ oder naturentfremdeten usw. Fanatikern, als die sie letztlich überwiegend auftauchen, ein unerreichtes Ideal entgegensetzt), mit einem Stadthaus und einem Haus am See, wertvoller (doppelter!) Wein- und Büchersammlung und wechselnden jüngeren Geliebten. Er wird erst durch den Verlust seiner Habe in der Stadt (woraufhin das opulent ausgestattete Haus am See zur Hütte mutiert) zum echten aka aufopferungswilligen Menschen. Alle Frauen bis auf die potentielle Partnerin Anawaks (wie man sehen wird, gibt es ein Problem, sollten sie jemals Kinder bekommen – außer man betrachtet sie beide als genuine Wasserwesen in unterschiedlichen Aggregatzuständen oder so ähnlich) und Jill/Ellie/Jodie/Samantha müssen sterben. Während der ‚vollblütige’ Inuit lediglich heimkommen musste, um sich selbst zu erkennen und weiter- und vollständiger zu leben, muss der permanent als solcher bezeichnete „Halbindianer“ Jack O’Bannon (der sogar bloß ‚Viertelindianer’ ist: Sohn eines Iren und einer „Halbindindianerin“), der sich den Namen Greywolf nur anmaßt, eine Identität erfinden, was ihn in Kriminalität und Gewalt ausbrechen lässt. Zu sich und einer echten Identität kommt er erst im (Sein zum) Tod, nachdem er sich als Orca wiedergeboren träumt – Schätzing lässt ihm diesen Traum in einer mit Bedeutung überladenen Tauch-/Sterbeszene tatsächlich.
Der wichtigste afroamerikanische Protagonist – der genügsame Salomon Peak („Ein schwarzer Mann, geboren im Dreck der Bronx“, 482) – hat sich aus dem Ghetto zum hochrangigen Offizier emporgearbeitet und übt sich in teilnahmslosem Kadavergehorsam, bis er den Wahnsinn des wirklichen Gegners erkennt. Trotz der Gefährlichkeit, die von ihm („der unter anderen Umständen wahrscheinlich Anführer einer Gang, Dieb, Vergewaltiger und Mörder geworden wäre“, 482) angeblich ausgeht, verliert er nie die Kontrolle und seine Wurzeln bestimmen nach wie vor seine bescheidenen Ansprüche („Ein stinknormales Einzelzimmer hätte ihm vollauf gereicht.“ 441; „Seine Laufbahn diente vielen als Vorbild, aber sie änderte nichts an den Verhältnissen seiner Herkunft. In einem Zelt oder billigen Motel fühlte er sich nach wie vor am wohlsten.“ 442). Die Flucht nach oben hat ihn letztendlich seinem eigentlichen Schicksal entfremdet, wodurch seine Wertvorstellungen kurzfristig ins Wanken gerieten.
Einer der drei Haupt-Antagonisten, der stellvertretende CIA-Direktor Jack Vanderbilt (der Name deutet unverkennbar auf die stereotyp imaginierten Machtfiguren der USA – Rockefeller usw., üblicherweise würde Rothschild folgen, doch hier findet ein Splitting statt) ist fett, obszön, vulgär, brutal und glaubt an die notwendige Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt und dass generell die Moslems an allem die Schuld trügen. („Leute wie Vanderbilt würden [den Krieg] schon darum verlieren, weil sie außerstande waren, Mentalitäten zu begreifen.“ 623) Der Hauptfeind jedoch ist (erst einmal) Judith Li. Deutlich an Condoleeza Rice angelehnt, ist sie überaus musikalisch (Cello und Klavier) und sprachbegabt, hochintelligent, attraktiv, fitness- und machtversessen und ihrer Nation fanatisch ergeben („Bei aller Weltläufigkeit war sie tatsächlich der Meinung, dass es kein besseres und gerechteres Land auf der Welt gab als die Vereinigten Staaten von Amerika“, 447). Den Präsidenten liebt sie offensichtlich, obwohl sie sich ihrer Überlegenheit über den als Karikatur George W. Bushs angelegten, kindisch bis debil religiösen Trotzkopf bewusst ist (es gibt mit Stanley Frost einen Gegenpol – eine sinnesfrohere Variante von Religiosität). Sie zieht skrupellos an den Strippen der Macht, und er ist ihre mächtigste Marionette. Lis Wahnsinn resultiert jedoch erkennbar aus ihrer Nicht-Identität, ihr Vater ist ein weißer Amerikaner, der eine chinesische Musikerin heiratete und deren Nachnamen annahm. Judith (vom Präsidenten „Jude“ genannt) Li erhielt von ihren Eltern die bestmögliche (US-amerikanische! hier also sinnlos sich Versatzstücken meist der ‚europäischen Bildung’ bedienenden) Erziehung. Nichts an ihr ist ‚authentisch’: Sie sieht wesentlich jünger aus als sie ist, ihre Figur verdankt sie exzessivem Training an Maschinen, ihr Klavierspiel („Mozarts Klaviersonate in G“, 496; G-Dur, eigentlich vierhändig!) rührt nicht an die Herzen der Lauschenden, sondern verklingt im Nichts zwischen amerikanischen Spionage-Satelliten etc. Für ihr persönliches Vorankommen und die Herrschaft der USA über die Erde ist sie bereit, einen Großteil der Menschheit und aufgrund ihres Nichtverstehens der ‚natürlichen Ordnung’ des Heimatplaneten in der Lage, alle Menschen umzubringen. Als Kosmopolitin und Herkunfts-/Wurzelloser („Der Präsident lachte. ‚Ach, Jude. Sie könnten vom Mars stammen, und ich würde Ihnen jede Vollmacht erteilen.‘“ 496) ist ihr der Zugang zu tiefem, echtem Wissen (à la Schätzing) verwehrt. Zuletzt erweist sie sich außerdem als einzige offene Rassistin des Romans (Vanderbilts Rassismus äußert sich in Anspielungen, ist aber unübersehbar in der Figur angelegt).
Angesichts Schätzings Charakterisierung der Antagonisten schrieb der Rezensent des Buches auf Strange Horizons: „This results in sickeningly worthy creations such as an Eskimo whale expert who battles against right-wing American Christians so evil that I would not have been surprised if Schätzing had made them spend much of their free time killing puppies with hammers.


Microbes@NASA

In einer ganzen Reihe von bekannten Romanen fehlten den Juden jegliche menschliche Eigenschaften, und alle erlitten darin als Opfer ihres egoistischen Machttriebes ein erbarmungsloses Schicksal.
George L. Mosse – Die völkische Revolution, 154

Das Akzeptieren von ‚Kultur’ und die Zurückweisung von ‚Zivilisation’ bedeutete für viele das Ende der Entfremdung von ihrer Gesellschaft. Die ‚Verwurzelung’, ein Begriff, der dabei häufig in ihrem Vokabular auftauchte, sollte durch eine enge innere Verbindung zwischen dem Einzelnen, dem Heimatboden, dem Volk und dem Universum erreicht werden. Auf diese Weise würde die so tief empfundene Isolation durchbrochen werden.
Mosse, ebd. 13

Schätzing liefert für jede der Hauptpersonen und viele der weniger relevanten Protagonisten des „Schwarms“ eine mehr oder weniger detaillierte körperliche Beschreibung – nicht bei deren Einführung sondern im Verlauf der Geschichte, soviel meint er gelernt zu haben. Selbst Li und Vanderbilt (und der Brite Clifford Stone, der erste menschliche Feind, dem auch noch eine traurige Kindheitsgeschichte erlaubt ist) werden mit individuellen Gesichts- oder Körpermerkmalen ‚gewürdigt’, so abstoßend sie im Falle Vanderbilts auch sein mögen. Nur einer wird bis zu seinem Zerfall nicht ein Mal beschrieben. Die einzige Person, die zwischen den Gruppen laviert, eigentlich nur an sich selbst denkt, von Ehrgeiz zerfressen ist4 und nichts will außer Ruhm. Der einzige Verräter, ein Wissenschaftler (und wissenschaftliches Ethos wird sehr hoch gehängt) und dennoch in ungenannter Funktion für die CIA arbeitend. Beides sein zu können, ohne zum Völkermörder (hier des Menschenvolks, der menschlichen Rasse) zu werden, wird nachdrücklich ausgeschlossen. Er ist hochintelligent, feige und illoyal, ein Schmarotzer, der nicht in Lage ist, eigene Modelle zu entwickeln, d.h. Zusammenhänge herzustellen. Er beobachtet nur und ist nicht zu kreativem oder schöpferischem Denken fähig. Die produktive Arbeit der ‚echten’ Wissenschaftler verwandelt er in ausschließlich und buchstäblich zersetzende.
Diese Person, die mit niemandem Freundschaft schließt, die alle widerwärtig finden und die von allen nur verachtet wird (obwohl es manche anständigerweise erstmal nicht so recht zugeben möchten), musste Schätzing Mick Rubin (Biologe, Spezialist für Weichtiere, aus Manchester! und ohne background-story) nennen. Wenn man der typischen kulturindustriellen Dramaturgie (hier von Horror-/ Science Fiction-/ Action-Szenarien) folgt, muss das eigentliche Monster3 als Letztes sterben. Rubin stirbt nach Vanderbilt und sogar noch nach Li, als letzter der Bösewichte. Zudem erleidet Rubin einen (mehrfachen) Tod, der einem Austreibungsritual gleicht und wie er sonst dem mit in irgendeiner Form magischen Kräften ausgestatteten Monster im Horror-Genre vorbehalten ist. Rückkehr (außer im Sequel) oder Einkehr (ins Paradies) ausgeschlossen. Von wem aber ist Rubin der Endgegner?
Nachdem er durch seinen Ehrgeiz den Tod der als äußerst liebenswert gezeichneten Alicia Delaware und diverser anderer Personen verschuldet hat. Und nachdem er den ‚angemessen‘ schrecklichen Tod durch die „Yrr“ erleidet – sie dringen in seinen Körper ein und versuchen ihn zu erkunden bzw. zu beherrschen, was allerdings nicht gelingt. (Selbst mit der zunehmend weniger ‚fremdartig’ anmutenden Lebensform ist er nicht kompatibel.) Nachdem er also schon gestorben ist, lässt ihn Schätzing noch einen zweiten Tod erleiden, der in direkter Opposition zu Greywolfs Wiedergeburt/ Auferstehung als Orca geschildert wird. Die guten Wissenschaftler um Anawak haben eine Lösung gefunden, mit den „Yrr“ zu kommunizieren. Dazu benötigen sie eine Leiche, ‚rein zufällig’ ist das Rubin. In einer zynischen Szene machen sie sich über seinen toten Körper her, ekeln sich dabei gehörig vor ihm (dem Schätzing immer noch keine individuellen Züge zugesteht) und ein wenig vor ihrem eigenen Tun. Aber es muss nun einmal getan werden und das natürlich mit Anstand! Sie pumpen Rubin voll mit „Yrr-Vereinigungsbotenstoffen“, und nutzen dafür explizit jede mögliche Körperöffnung. Wenn auch der Leichnam Rubins hier der Versöhnung der Menschheit mit den „Yrr“ und so letztlich mit sich selbst dienen soll, wird nachdrücklich keine Kreuzigungs-Ikonographie geschaffen. Bei jeder möglichen Gelegenheit entwirft Schätzing groteske Szenarien um den toten Körper herum: „Einer von Rubins Füßen schaute noch heraus. Weaver trat dagegen. Sie fand es schrecklich, auch wenn Rubin ein Verräter gewesen war. Aber Pietät konnten sie sich im Augenblick nicht leisten.“ Karen Weaver (Anawaks potentielle Partnerin) will ‚die Nachricht’ zu den „Yrr“ in die Tiefsee transportieren. In einer absurd an 2001, Alien, Contact und Star Wars – Return of the Jedi angelehnten Szene findet nun sie dort ihre wahre Identität im ‚feuchten Grab’ ihrer Eltern und im Bewusstsein, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein (ein „Partikel“ unter „Partikeln“). Während Rubins Aussehen zum allerersten Mal beschrieben wird: „Seine Augäpfel haben sich unter dem hydrostatischen Druck aufgelöst. Schwarze Flüssigkeit sickert an ihrer statt hervor. Wieder [!] ist er nur ein Schatten vor dem erleuchteten Hintergrund, mit seltsam trudelnden Bewegungen, als vollführe er zu Ehren heidnischer Gottheiten einen unbeholfenen, unendlich langsamen Tanz.“ Weaver überlebt. Der tote Rubin aber wurde erst verwertet und dann vollständig vernichtet. Das Nichtidentische ist endlich aufgelöst im ewig Identischen. Erst wenn nicht einmal mehr der kleinste Rest von ihm erkennbar ist, kann sich die menschliche Rasse mit der (ihrer) Natur versöhnen.


Microbes@NASA

Verwurzelung bedeutet Vorzeit, ein altes Volk, das in einer ebenso alten Landschaft lebt, die mittlerweile den jahrhundertealten Stempel der Volksseele trug.
Mosse, ebd. 78

Natürlich sind nicht die „Yrr“, wie man zu Beginn des Romans noch vermuten könnte, der Feind. Alle Probleme, die die Menschheit mit ihnen hatte, resultieren daraus, dass sie eine andere Sprache sprechen, eine andere ‚Kultur’ entwickelt haben. Da ist es im Schätzingschen Denken absolut sinnvoll, Millionen von Menschen zu töten, um sich zu „wehren“. Menschen, die aufgrund ihrer dekadenten Lebensweise und ihrer Identitätslosigkeit keine Wurzeln2 mehr im ihnen angemessenen Lebensraum schlagen können. Erst wenn die Menschheit versteht, dass sie wie die „Yrr“ ist, dass die „Yrr“ eigentlich die besseren Menschen sind, kann sie gesunden. Die „Yrr“ sind ein ‚denkendes’ Kollektiv von Einzellern. Jeder von ihnen stellt zwar ein kleines Gehirn (eher eine Speichereinheit) dar, wertvoll jedoch sind sie nur in der Gemeinschaft, die Wertloses sofort aussondert, was Schätzing als überlebensnotwendig für den Verbund beschreiben lässt. Sie sind viele Körper, die ein Wollen eint. Sie sind der ideale Volkskörper. Mit diesem Erfolgsmodell beherrschen sie die Meere seit Jahrmillionen, länger als die Menschheit das Festland. (Sie übermitteln den Beweis, dass sie bereits Pangäa erlebt haben.) Womit sie das Recht zugesprochen bekommen, alles (!) zu tun. Für sie existiert kein Tabu. Sie verteidigen das ihnen qua dort Werden zustehende Territorium. Diese Freiheit des sich angeblich nur Wehrenden muss den deutschen Schriftsteller begeistern. (Wobei die verständnislose Faszination am Formlosen zunächst in Rubin projiziert wird, sobald aber das Wehrhafte, das kollektive Agieren, die wahrhaftige Natur der „Yrr“ etc. in den Vordergrund rücken, sind es die anständigen Forscher, die dem Schwarm verständnisvollen Respekt erweisen.) Angesichts der Bewunderung, mit der die rücksichtslos darauf beharrende Gemeinschaft anerkannt wird, nehmen sich Schätzings seltene Ausflüge ins Lob des Individuums am Ende banal exkulpierend aus. Auch hierin nämlich unterscheidet sich Schätzings Buch grundlegend von klassischen Science-Fiction-Produktionen, in denen die Aliens so lange Feinde waren, wie sie ausschließlich kollektiv und das Individuum zutiefst verachtend agierten. Erst als den ‚Außerirdischen’ individuelles Empfinden usw. zugestanden wurde, durften sie dort auch die Guten sein. Vorbei!
Die bewunderten „Yrr“ (die trotz der ihnen konstatierten Intelligenz niemals in all den Jahrtausenden der aufstrebenden Menschheit selbst einen Kontaktversuch unternommen haben) sind (Selbstmord-)Terroristen, ihnen gelten alle als schuldig. Hauptsache, sie treffen so viele wie möglich. Sie bedienen sich auf den ersten Blick lächerlich unterlegen anmutender Mittel, mit denen sie größtmöglichen Schaden anrichten und Schrecken erzeugen können.
Der wirkliche Schrecken allerdings resultiert aus der Erkenntnis, dass ihr Ansinnen ‚der Menschheit‘ am Ende offenbar (nicht nur) in der Beschreibung Schätzings verständlicher erscheint, als das Bedürfnis des Individuums, ein Leben als solches zu führen. Individualität wird zum diffusen ‚Diskurs’, einer unter vielen und hier zerstörerischer und selbstzerstörerischer als die Mentalität im Kollektiv, in dem das Wesentliche ‚ausgehandelt’ zu werden hat, allemal. Traditionelle deutsche Werte bleiben bestehen: Bescheiden und anständig muss man sein, dem Gruppenziel sich unterordnen etc. etc. etc. Bei Schätzing und in der rundumerneuerten alten deutschen Ideologie wird die Volksgemeinschaft zur Weltgemeinschaft. Das mag nett und freundlich klingen, aber die alten Feinde bleiben problemlos erhalten – nicht alle sind für sie von dieser Welt. Einzellerschwarm-Terroristen und anständige Menschen haben ein Recht auf Bevölkern des Heimatplaneten; Wurzellose, sich Identität nur Anmaßende und dergleichen nicht. Immer mal wieder verweist der Autor auf den besseren Konkurrenten der Amerikaner: Die Deutschen hätten, die Deutschen würden – all das wird von Schätzings Amerikanern hochmütig beiseite gewischt, was die Menschheit endgültig an den Rand des Abgrunds treibt.

To be continued: Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V/II: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie – Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

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  2. Während der Angriffe von Walen auf Boote und Schiffe stellt sich heraus, dass nur die wandernden Exemplare aggressiv geworden sind. Die ausschließlich vor Ort lebenden Tiere („residents“) bemühen sich sogar einmal, die Menschen vor den auf ihren Reisen anscheinend verrückt gewordenen Walen zu schützen. [zurück]
  3. Rubin war die meiste Zeit wach.“ 680. Während die andern Sex haben oder individuell verrenkt schlafen. „Rubin drehte sich im Gehen um und bleckte die Zähne.“ 745. „[Rubin] lächelte steif und kam Johanson vor wie Schwester Ratched in Einer flog über das Kuckucksnest, nachdem Jack Nicholson seine Hände um ihren Hals gelegt [!] hatte.“ 824, usw. [zurück]
  4. Ich habe nicht wirklich was gegen Mick“, sagte Oliveira. „Er ist nur so gottverdammt bemüht, den Nobelpreis zu kriegen.“ 718. „Rubin ballte die Fäuste. […] Am Ende würde er bekommen, was ihm zustand. […] Wenn sie die Sache erstmal hinter sich gebracht hatten, gab es keinen Grund mehr, seine Leistungen der Welt vorzuenthalten. Jegliche Geheimhaltung würde sich erübrigen. Er würde nach Herzenslust publizieren können, getragen von der Anerkennung aller.“ 749, usw. [zurück]
  5. Vgl. Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise; Stephan Grigat (Hg.) – Transformation des Postnazismus, Feindaufklärung und Reeducation, Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat [zurück]

Sinnvollere Lektüre:
John Updike – Toward the End of Time
Kōbō Abe – Die vierte Zwischeneiszeit
Kurt Vonnegut – Galapagos
und überhaupt…


Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

Recommended reading: the usual suspects…
+ Later: nexusrerum – Marx in Gaza

  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.

Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater der als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ II

„Alle beteuern ihre gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen. Walter Benjamins Warnung, daß die Sieger vor den Toten nicht halt machten, wäre für Lea Rosh das Geschwätz ‚ewiger Besserwisser‘. Zu diesen gehört auch Julius Posener, der aus der Emigration zurückgekehrte Architekturhistoriker. Schon 1985 schrieb er: ‚Nach vierzig Jahren habt ihr das Recht auf ein Mahnmal an diesem Ort verwirkt.‘“ Eike Geisel

Im Kuratorium des „Zentrums für Politische Schönheit“ sitzt der Geschäftsführer des „Aktiven Museums. Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“, Kaspar Nürnberg. Das 1983 aus einer Bürgerinitiative hevorgegangene „Aktive Museum“ hat es sich irgendwann unter anderem zur Aufgabe gemacht, die kleinen Stolpersteine des ‚Bildhauers’ Gunter Demnig zu bewerben. Jene bronzefarbenen Stolpersteine, die, in die deutschen Gehwege hineingehämmert, an die von Deutschen ermordeten Juden erinnern sollen. Jegliche Weigerung an der angeblichen Sühne-Geste teilzunehmen, wird vom Künstler und seinen Mitstreitern als Skandal gewertet. Ungeachtet der Motivation der Verweigerung, die ganz gewiss zum Großteil dem Unwillen der Deutschen, ihre schönen Fußgängerzonen verschandeln zu lassen, entspringt. Das Gedenken an die ermordeten Juden nämlich haben sie längst zu ihrem Gründungsmythos gerinnen lassen. Es stört sie so wenig wie das Holocaust-Denkmal, zu dem „man gerne“ gehen soll (Schröder) und „um das die Welt uns beneidet“ (Jäckel).
Mittlerweile nun werden auch andere „Opfergruppen“ erfasst (pun intended) und zu dem Zweck ganz einfach die Nazi-Bezeichnungen übernommen – gründlich soll es sein, und da hat man halt keine Zeit fürs Individuum –, weswegen eine in Auschwitz Ermordete auf ‚ihrem’ Stein als „Gewohnheitsverbrecherin“ eingraviert wurde.

„Reinhold Schneider schlug vor rund fünfzig Jahren vor, die Deutschen sollten sich als nationales Patientenkollektiv konstituieren; jeder solle jedem versichern, wie schuldig er sich fühle, denn nur so entstünde wieder echte Gemeinschaft. Daß diese Wahrheit gar nicht zuende gegangen war, notierte Anfang der sechziger Jahre Max Horkheimer in einem Rückblick unter dem Stichwort “Wir Nazis”. Dort heißt es: “Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache … Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte.“ Eike Geisel – E.T. bei den Deutschen oder Nationalismus mit menschlichem Antlitz in: ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, 1994, 11.

Die kleinen Stolpersteine, die dem deutsch-nationalen „Patientenkollektiv“ (Schneider) seinen Gründungsmythos tagtäglich so angenehm sinnsprüchlich nahebringen, ergänzt das „Zentrum für Politische Schönheit“ jetzt mit größeren, nicht umsonst mit solchen dem Stelenfeld des Holocaust-Denkmals gleichenden – mit mehr oder weniger Grabmälern für die an den Grenzen Europas ermordeten Geflüchteten.

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ Theodor W. Adorno zu Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

Wo sich alle Gleichsetzungen verbieten, bleibt hier trotzdem das unvermeidliche Scheitern jeglichen Versuches von Veranschaulichung. Und so unterschiedlich die Intentionen von Künstlern mit Botschaften sein mögen: Gunther von Hagens‘ Leichen wurden fatal ähnlich angekündigt – als Skandal. Skandal aber setzt immer auf Einverständnis, anders kann er nicht funktionieren. Und so wird mit ostentativ als Schock annoncierten Events nie etwas anderes zu erzeugen möglich sein als einerseits ein Übereinkommen in der kalt berechnenden Abwehr und andererseits die beruhigende Erleichterung, zu den Schockierten zu gehören.
„Die Toten kommen“ schlagzeilt das „Zentrum“ medienkompatibel, als könnten sie noch gehen, als könnten sie noch bedrohen. Wer sie kommen sehen will, braucht bloß noch Bestätigung. Die Bedrohung sehen aber die Deutschen gerade eben in den Geflüchteten, die noch gehen können, deren Heime zünden sie an. Der Trugschluss des „Zentrums“ liegt gerade darin, in ausgerechnet den Deutschen einen Unterschied zu den sie regierenden zu imaginieren. Wenn es ein Trugschluss sein sollte und nicht bloß die Exkulpierung des „Patientenkollektivs“. Die Angehörigen, die vor Ort denselben Repressionsmechanismen ausgesetzt sind wie die, vor denen die Geflüchteten sich zu retten versuchten, zu fragen, welch ein Begräbnis der/ die Verschiedene denn gewünscht haben möge, und dann kurzerhand den Imam zu bestellen, ist mit zynisch nicht adäquat beschrieben.

Und im Kuratorium des „Zentrum für Politische Schönheit“ sitzt eben auch Rupert Neudeck (via Dissi Kotzboy) – zu Recht. Das „Zentrum“ ist öffentlich darum bemüht, die deutsche Schuld an der Shoah zu relativieren, indem es beispielsweise betont, dass, wenn die Alliierten bloß die Bahngeleise bombardiert hätten, Auschwitz so nicht möglich gewesen wäre. Ein Vorwurf, der längst widerlegt wurde und letztlich die wesentlichste Motivation der deutschen Volksgemeinschaft in ihrem „Dritten Reich“ herunterspielt: ihren Antisemitismus.
Neudeck ist ein offener Antizionist, seine Ausfälle gegen Israel sind dokumentiert, in seinen Texten und unter anderem auf seiner Grünhelm-Webseite. Der Deutschen Antizionismus mündet generell in Antisemitismus oder entstammt ihm. Der sekundäre Antisemitismus resultiert aus dem primären Antisemitismus. Neudeck belegt dies eindrucksvoll mit seinem „Engagement“. Die Zusammenarbeit des „Zentrums“ mit ihm ist kein Widerspruch, am Ende tanzt das „Patientenkollektiv“ auf den Leichen.

Zu angeblichen Kunst-Charakter des Events: More later!
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+ Eigentlich hätte hier etwas zu Walser erscheinen müssen:

„Dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und…“

„…fotografiert.“ Martin Doerry und Volker Hage: „Einsam ist man sowieso“, Interview mit Martin Walser, Einleitung, Spiegel 19/2015, 137.

„So ruhig war es im Walde, als wartete alles auf den Todesschrei, der nicht kam.“ Joseph Roth – Das Spinnennetz, Köln 1988, 50.

„(M)an tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus.“ Doerry/ Hage ebd. „Man“ hat mit ihm gesprochen. „Man“ hat es tatsächlich – womöglich ein wenig „vor Kühnheit zitternd“ (Walser) – gewagt, ihn so etwas wie zu kritisieren. Und vor allem hat „man“ ihm seine Opfer „zum Fraß vorgeworfen“ (Adorno). „Man“ ist zum Erfüllungsgehilfen seiner für ihn zumindest neuen Opfererscheinungsform geworden. Das „man“ der Einleitung spiegelt das typisch exkulpierende „man“ der Walserschen Antworten und überhaupt seiner Werke wider. Walser war in seinem expliziten Antisemitismus unter den erfolgreichen deutschen Nachkriegsschriftstellern immer einer der Zuspätgekommenen. Matthias N. Lorenz hat das in „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ minutiös nachgewiesen; der Entschlüsselung bedurfte es bei Walser eben nicht. Umso empörter waren die Reaktionen des deutschen Feuilletons auf Lorenz’ Buch. Der letzte deutsche „Großschriftsteller“, der noch veritabel deutsches Opfertum ohne einschlägige Nachkriegsopfer-Partizipation/-Projektion zu schreiben bereit war, durfte nicht aufgegeben werden, auch wenn man sich selbst längst der „jüdischen Opfer“ als Identifikationsmodell bediente.

Walser ist ein ein sehr zu spät Gekommener und natürlich lügt er: Im jüngsten Interview mit dem Spiegel behauptet er, er habe Grass, Fischer und Jens mit seiner Paulskirchenrede anklagen wollen, Ignatz Bubis keinesfalls. Wenn auch sein Neid und seine Missgunst ob ihrer unangemessenen öffentlichen Strahlkraft den Genannten gegolten haben mögen, der Hass ergoss sich über die, die ihm als schuldig an deren Glanz und überhaupt galten, über Bubis und über Reich-Ranicki. „Man“ hat niemals um eine Debatte mit Grass, Fischer, Jens et. al. gebeten. „Man“ hat sich willig und widerspruchslos einladen lassen, zu einem Gespräch mit Bubis. „Man“ hätte niemals als Opfer von Grass, Jens, Fischer reüssieren können. Bubis hingegen oder auch Reich-Ranicki, an ihnen hat Walser sein Ressentiment hemmungslos ausgelebt, mitleidlos aus der Perspektive des überlegenen Opfers heraus: aus der des deutschen Opfers.
More later…

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

15. April: Liberation of Bergen Belsen

Richard Dimbleby reporting from Bergen-Belsen April 1945 Part 1/ Part 2
„I passed through the barrier and found myself in the world of a nightmare.“

Deutschland im November 2011 III: Das Lichtlein am Ende des deutschen Tunnels ist ein Fackelzug…

Als hätte die Zwickauer Zelle die Anschläge von Combat 18 kopiert. 1999 {!} bombte Combat 18 in Londons Straßen. Die Waffe – Nagelbomben. Das Ziel – Einwanderer und Schwule. Die Waffe in der Kölner Keupstraße – eine Nagelbombe. Das Ziel – Einwanderer. Die Übereinstimmung zwischen den Netz und dem Zwickauer Trio sind erschreckend. Und so wie sie in allen Blood-and-Honour-Terroranleitungen stehen. Man soll Anschläge gegen Einwanderer verüben, keine Bekennerschreiben hinterlassen, in kleinen Zellen arbeiten, Nagelbomben einsetzen und Listen von möglichen Opfern erstellen.
Monitor, 24.11.2011 (u.a. wurden in der Sendung Verbindungen des „NSU“ zu „Blood an Honour“ nachgewiesen)

Die unermüdlich und letztlich von fast allen Seiten (nahezu ausschließlich im Umfeld der Ermordeten wurde verzweifelt auf der Unschuld der Opfer bestanden – die in der deutschen Öffentlichkeit zynisch irgendwann nur noch als Nummern in der ebenso kalt wie grausam so benannten „Döner“-Mordserie gehandelt wurden, im- oder explizit selbst zu Tätern erklärt; die Benennung der Ermittlungsgruppe schloss sie mit ein: „Bosporus“1) vorgetragene Formel, man habe nicht von rechtem Terror ausgehen können, weil keinerlei Bekennerbriefe vorlagen, verweist vielfach zurück auf die Motivation und das alltägliche Handeln beziehungsweise die mindestens bequeme Ignoranz der sich damit nichts als Exkulpierenden. Zwar zutreffend aber die tatsächlichen Konsequenzen bereitwillig ausblendend wird schonmal vom „alltäglichen Rassismus“ gesprochen, der womöglich zur Mordserie oder zum Serienmord beigetragen habe. Von Einstellungs- und Vermietungspraktiken ist dann die Rede, die Personen mit so genanntem „migrantischen Hintergrund“ benachteiligen, woraufhin sich schnell diverse Deutsche einfinden, die das entweder übertrieben finden, weil es ihnen auch schonmal passiert sei oder solche, die es eben deswegen schlimm finden. Das Dilemma der Veranschaulichung wird hier evident. So sorgt das Pathos der Nachvollziehbarkeit regelmäßig dafür, dass der gerade noch erfahrbare Alltag Zurückgewiesener zum Maßstab von „Deutschem Mitleid“ wird. Das großzügigste Eingeständnis lautet dann, dass den Deutschen ‚fremdartig’ Erscheinende gravierend häufiger denn als ‚Volksgenossen’ identifizierte in jeglicher Hinsicht abgewiesen werden.
Diese Praxis wurde unter anderem geschult an Pfarrer Martin Niemöllers, zum Bonmot geratenen:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Niemöller meldete sich noch 1939 als „Ehrenhäftling“ aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen heraus als Freiwilliger zur Teilnahme am soeben in Polen begonnenen Vernichtungsfeldzug, um das ihm nach wie vor als Vaterland geltende Deutschland verteidigen zu dürfen und meinte später im von den Alliierten „besetzten Deutschland“ Verhältnisse feststellen zu müssen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“ oder behauptete, „manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien ‚selbst unter dem Naziregime niemals gewesen’“ (Wikipedia). Bezeichnend im Text sind diejenigen, die nicht genannt werden. Niemöller war weder Kommunist noch Sozialdemokrat noch Gewerkschafter sondern deutscher Christ – dennoch: Allen Erwähnten gestand er die Möglichkeit zu, als Deutsche Opfer zu leiden, an der Katastrophe, die die Nationalsozialisten seinem Deutschland bereitet hatten. Diejenigen, die von Anfang an im Zentrum der Vernichtungspropaganda standen: die Juden ignoriert der Antisemit Niemöller, und außerdem die so genannten „Zigeuner“, die Homosexuellen oder die „Asozialen“. (Natürlich wurde eingewendet: Auch die Katholiken, darauf muss man allerdings aus naheliegenden Gründen nicht eingehen…) Antisemitismus und Rassismus unterscheiden sich zwar grundlegend, trotzdem sind Antisemiten zumeist auch Rassisten (in welcher Erscheinungsform auch immer), und Niemöllers Veranschaulichungsvierzeiler diente seit jeher auch dazu, alles von sich zu weisen, was mit Deutschem Mitleid nicht kompatibel war und immer noch nicht ist.

Das ist eine Schande, das ist beschämend für Deutschland.“ Angela Merkel, 2011

Wir sind zutiefst beschämt“. Bundesrat, 2011

Jenseits davon, dass man sich hierzulande ganz gewiss erschrocken an die weltweiten Schlagzeilen nach den rassistischen Morden zu Beginn der 1990er erinnert und erleichtert daran, dass der erste allgemein warnende Aufschrei dem Standort Deutschland galt, trägt Niemöllers – wie die Praxis im „Dritten Reich“ bewies – abwegige Drohkulisse dazu bei, auch ein wenig selbst Opfer sein zu dürfen. So oder so: Die Kommentarspalten in allen Medien liefern die Belege für noch die absurdesten Teilhabeversuche, darunter besonders häufig der ebenso abwegige – es reicht ein Blick auf unzählige Schlagzeilen der letzten Jahre – Vorwurf, dass man von Deutschen Opfern niemals spräche.
Terror aber, so meint man jetzt erst gelernt zu haben, kommt auch ohne triumphierende ad hoc Bekennerschreiben aus, rechter Terror wenigstens. Als sei er nicht deutscher Alltag seit Jahrzehnten, zum Beispiel in den „No Go Areas“ deutscher Städte oder an jeder roten Ampel, die sich „illegal“ in Deutschland aufhaltende Menschen nicht zu ignorieren trauen. Terror läuft – verkürzt – darauf hinaus, durch Gewalttaten respektive –androhung Angst und Schrecken einzujagen und die Gemeinten einzuschüchtern, abzuhalten oder zu eliminieren, während die Nichtgemeinten durch ihn entweder befriedet oder befriedigt (oder erstmal aufgeweckt) werden sollen. Wenn in Deutschland nun von einer neuen Dimension rechtsextremen Terrors die Rede ist, so gilt das bloß für das, was das deutsche Veranschaulichungspotential gerade noch hergeben mag. An den Außengrenzen der EU, auf deutschen Flughäfen, auf Polizeistationen nämlich wird das mindestens verbale Einjagen von Angst und Panik (und immer wieder auch das tätliche und das Morden) zu Zwecken der Abschreckung regelmäßig praktiziert. Ohne, dass man triumphierende Bekennerschreiben ablieferte – die „Erfolge“ werden wenn überhaupt eher beiläufig oder in Statistiken versteckt mitgeteilt. Das Einverständnis der Deutschen voraussetzend, und zwar zu Recht. Das gnadenlose Placet für beispielsweise zehntausende Tote an den Grenzen zur Europäischen Union. Mehr zu diesem Aspekt und darüber hinausgehendes ist bei Nichtidentisches – „Shocking: Nazis auf einmal Terroristen – was ging schief im Wintermärchen?“ zu lesen.
Durch die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ – der eben vornehmlich das Produkt der so beförderten Vorstellung ist, man vollstrecke bloß den als insgeheim ausgestellten Volkswillen – müsste eigentlich für jeden der Terror sichtbar werden, den bisher alle deutschen Regierungen für die Aufrechterhaltung der Integrität der immer noch vorwiegend völkisch definierten deutschen Nation in Auftrag gegeben haben. Er wird es nicht!
Stattdessen schämt man sich mal wieder und leidet erneut an der Schande, die flugs aus dem dann doch ganz gerne nachvollzogenen Alltagsrassismus („Man wird doch wohl noch…!“) Suspendierte über Deutschland gebracht haben – ganz offiziell und mit höchsten deutschen Weihen versehen (sogar von Entschädigungszahlungen ist die Rede, ganz schnell diesmal und darauf setzend, dass die damals um Jahrzehnte verspätete geizige Geste schonmal zum Weiterziehen des Schlussstrichs beitrug) und demnächst sicherlich wieder irgendwie noch kollektiver. Das bloß einheitsstiftende Potential der Lichterketten wird bereits wieder herbeigesehnt, denn nichts erscheint schlimmer, als sich jetzt nicht kollektiv als die Guten beweisen zu dürfen. Der Bundestag, der zuletzt in zuvor unvorstellbarer Einmütigkeit (mit allen Stimmen aller Fraktionen: CDU/ CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke) Israel für letztendlich die (wie dann sogar die UN befanden rechtmäßige) Verteidigung gegen erklärtermaßen gewaltbereite Personen, die in aller Öffentlichkeit zum Beispiel „Tod den Juden“ gesungen hatten, verurteilte („An dieser Stelle verzeichnet das Protokoll der Sitzung „Beifall im ganzen Hause„.), einigt sich nun ebenso einmütig auf die Verurteilung des mörderischen Neonazismus. Das anständige Volk in Form des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein („Es ist eine Erleichterung, dass die Abgeordneten aller Fraktionen sich in dieser Woche in eine demokratische Lichterkette eingereiht haben – weil die Bürger es nicht tun.Spiegel.online) oder eines FAZ-Korrespondenten jedoch wünscht sich eine an- oder beschaulichere Bestückung der „nationalen Kuschelecke“ (Eike Geisel): „Der Fall hat die Politik in eine Art Starre des Entsetzen versetzt. Mehr als drei Wochen sind seit dem Tod des Terror-Duos Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil vergangen. Doch die Staatsspitzen haben noch immer keinen passenden Ton, keine tröstlichen Gesten gefunden. Nichts ist geschehen, um Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft zu fügen.“ (FAZ.online)
Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft“ zusammenzufügen, ist auch eine urdeutsche ‚Utopie’: Immer wieder werden hierzulande die Toten aus den Gräbern gezerrt, um für irgendetwas herzuhalten, um völlig undifferenziert an ihnen und mit ihnen zu leiden zu dürfen, um eine perverse Inszenierung der Lebenden, die die „Toten beneiden“ werden aufzuführen. Den Toten jedoch, deren Ermordung Schande übers Volk gebracht hat, wird in Deutschland mit der „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) begegnet: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“ Dass die Deutschen in ihrer Erscheinungsform als Volk zu letzterem nicht bereit sind, haben sie in ihrer Geschichte unzählige Male bewiesen. Beispielsweise vor zwanzig Jahren, nach der damals auch schon neuen und bis dahin unvorstellbaren Dimension rechten Terrors, als sie – „die Reihen fest geschlossen“ – im „Aufstand der Anständigen“ so lange Händchen gehalten und sich im Licht der Kerzen vorteilhaft beleuchtet gefühlt hatten, dass es ihnen dann doch schon wieder zu bunt in der Republik wurde. Und zu voll, all die vielen Menschen auf den Straßen, denen man die eigene scheinheilige Empörung und den schrecklich sentimentalen Willen zur Pflichterfüllung am Gesicht ablesen konnte.

Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Martin Walser, 1998

Scham und Schande sind Begriffe, die sowohl eigenes Opfertum als auch ihre irgendwann unbedingt nötig erscheinende Abwehr implizieren. Mit ihnen wird das eigentliche Opfer selbst zum Täter erklärt. Durch seine bloße Existenz war es in der Lage, aus den ‚Ausauschwitzallesgelernthabenden‘ die „Unbelehrbaren“ zu exzerpieren. Auf die „peinliche Ergriffenheit“, auf die Sentimentalität folgt regelmäßig die „Ungeduld“, die „instinktive Abwehr“, der laute Applaus für den nächsten Brandstifter, der das Volk vom Mitleiden mit ‚den Anderen’ zu befreien verspricht und das Leiden der Deutschen an ihnen und an Wasauchimmer erneut zur Priorität erklärt. Spätestens in diesem Moment greift das Ressentiment. Die Entlarvung der perfiden und höchstoffiziellen Wortwahl im Kontext der Ermordung völlig wehrloser Menschen wird in der Zeit geradezu genervt klingend konstatiert: „Dass dies nach so vielen Tagen {?} endlich aufgefallen ist, ist wieder einmal dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Schließlich haben Deutschlands Juden ihre eigenen Erfahrungen mit symbolischen Ausgrenzungen gemacht, die dann nicht im Serien-, sondern im Massenmord endeten. Und es ist ihren Repräsentanten, hier dem Vorsitzenden Dieter Graumann, zu danken, dass sie auch für die heutigen Opfer von Ausgrenzung immer wieder Stellung beziehen – wobei die der Juden ja nicht aufgehört hat. Und sie tun es meist früher als die übrige sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Besser wäre es freilich, „wir“ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte. Noch besser wäre, es würde auch ohne diese Hinweise etwas kritischer hingesehen.“ (Zeit.online)


Deutschland 1990, 1991, 1992: „In Eberswalde lässt man monatelang die Ermittlungen gegen Skinheads schleifen, die den Angolaner Antonio Amadeu Kiowa totgetreten hatten. Polizisten hatten zugesehen und waren nicht eingeschritten. Fünf der Täter werden Mitte September verurteilt, von denen kein einziger glaubhaft Reue zeigt. Sie kommen mit Strafen zwischen zwei und vier Jahren davon.

Was auch immer in nächster Zeit von den Deutschen zur Überwindung ihrer Schamgefühle veranstaltet werden sollte, es wurde bereits adäquat kommentiert; denn solange niemand bereit ist, die einzig relevante Konsequenz aus dem mörderischen Treiben deutscher Volksgenossen (und zwar nicht nur in deren Namen sondern mit ihrer im- oder expliziten Billigung), zu ziehen, gilt nach wie vor Folgendes:

Für all diese widerwärtigen Auftritte sind natürlich nicht die Erfinder der Lichterketten, sondern die xenophilen Gesinnungstäter selbst verantwortlich, oder wie es die Leuchtspurgenossen der taz mit pädagogischer Absicht formulierten: ‚Jeder und jede ist für seine Kerze verantwortlich.’ Erlaubt sein muß allerdings die Frage, ob derlei Unfug nicht notwendig aus dem illuminierten goodwill resultiert, ob Erfindung und Anwendung nicht mehr miteinander gemein haben, als den Initiatoren begreiflicherweise lieb ist. Und erst recht muß die Frage gestellt werden, ob das leuchtende Bekenntnis zu den Ausländern nicht nur gleichzeitig, sondern vor allem als glänzende, pseudosakrale Bestätigung des Kollektivs dient {…}. Von Leuten, die allenfalls ihre Frau oder ihre Kinder verprügeln würden, war in diesen Tagen kein Satz so oft zu hören wie: ‚Wir schämen uns als Deutsche.’ Ohne Kollektiv keine Scham. Schamgefühl macht hierzulande offenbar noch keine menschliche Regung aus, weshalb die durchaus nichtmenschliche Eigenschaft, deutsch zu sein, als Auslöser von Gesittung dienen muß.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens. Die Selbstinszenierung der guten Seelen (1992), in ders. Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung

Recommended reading:
Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging
Eike Geisel – Triumph des guten Willens und Die Banalität der Guten
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach und Der Weg zur inneren Einheit
Hannah Arendt – Besuch in Deutschland

  1. ‚Hier‘ wurde angesichts der damaligen Streuung der Tatorte vor einigen Jahren spekuliert, dass mindestens ein rechtsradikaler Wahnsinniger Koordinaten für ein Hakenkreuz über Deutschland markieren wollte. Die später bekannt gewordene symbolträchtige Anzahl Anzugreifender auf der Liste des „NSU“ – 88 – und die Symbolismus-Fixierung von Nazis überhaupt legen den Verdacht einer solchen wenigstens ursprünglichen Intention nahe. [zurück]

Deutschland im November 2011 II/ Forwarded: haGalil – „Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…“

Auszüge:
„Jutta Ditfurth sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Hier wurde sie Zeuge, als nur einen Tag nach den üblichen Reden zur Reichspogromnacht eine plumpe antisemitische Äußerung in der Sitzung des Stadtparlaments ohne Folgen blieb, und stattdessen jene, die darauf aufmerksam machen wollte, zum Ziel von Spott und Rüge wurde…
{…}
In einer Pressemeldung berichtet Jutta Ditfurth:
Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann »die Gunst der Stunde genutzt« und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.
Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, {…} usw., blieben unbeantwortet.
Ich rief in einen toten Raum. {…} Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.
Ich wurde vom Präsidium gerügt.
Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.
{…}
Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.
{…} Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.
»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.“
Quelle: HaGalil – Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…

Mehr: Martin Krauss – »Gunst der Stunde 1933«. Frankfurter FDP-Politiker sorgt für Eklat im Römer (Jüdische Allgemeine.de)

Sonstiges: Deutschland im November 2011

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
herschel3

Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

Recommended reading:
Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive, welt.de
aa:b – Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc
Daniel Steinmaier – Wir sind die Guten, Jungle World
Lizas Welt – Sympathy for the Devil
ProAsyl – Wichtiger Hinweis für Fluggäste – SCHAUEN SIE NICHT WEG!

Liberation of Bergen Belsen, April 1945

To KdP

Even while the camp was liberated the Germans went on killing…

II/III

Ernste Warnung an deutsche Naturfreunde: Wer ist Frank S. wirklich?

Liebe deutsche Naturfreunde,

die Ihr zahlreich und in diversen Internetforen auf die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Tsunami vom 11. März 2011 und Frank S.’ einzigem weltweiten Bestseller (I/ II) hinweisen zu müssen glaubtet, mühsam verhalten aber unverkennbar triumphierend darüber, dass die Natur endlich zurückgeschlagen hat. Das ist alles überhaupt nicht erstaunlich! Während Ihr noch denkt, S. habe sich damit als Prophet des aufgrund der vom Menschen angerichteten Verheerungen in den Meeren gerechtfertigten Weltuntergangs erwiesen, ist die eventuelle Wahrheit so viel banaler wie erschreckender.
Niemand hat sich oder andere bisher gefragt, warum ein derart erfolgreiches, bewegendes, aufklärerisches und blablabla Buch (2004) trotz der Unterstützung von Hollywood-Stars wie Uma Thurman (Tochter von Nena! Thurman) noch immer nicht verfilmt wurde. Seit 2006 nämlich wurde regelmäßig angekündigt, nun sei es endlich soweit. Doch natürlich haben es die Mächte, die S. in seinem Roman als alles verderbend enthüllte, bis heute geschafft, ihre Bloßstellung vor einem noch größeren Publikum zu verhindern. Niemand weiß wie, aber so soll es auch sein. Im Jahre 2011 aber wird es trotzdem geschehen. Warum? Sicherlich nicht, weil 2012 eh alles vorbei sein wird, soviel wissen wir nunmehr aufgrund der Projektionsgabe anderer Hellsichtiger.
Und während man sich in einschlägigen Kreisen noch Erklärungen dafür aus den Fingern saugt, warum die Amerikaner ausgerechnet Japan mit ihrer Erdbebenmaschine HAARP angegriffen haben (z.B. „Im japanischen Parlament wurde 2008 die offizielle Version des 11. September öffentlich kritisiert und in Frage gestellt.“ freidenkertv, aber sicher doch…), und wo die israelischen Organsammler, die natürlich immer mit unter der Decke zu stecken haben, diesmal abgeblieben sind. Während man sich also allerorten noch hilflos den Umweltverschmutzern und Naturvernichtern ausgesetzt wähnt, übersieht man, dass schon längst zurückgeschlagen wird. Das Volk von Baden-Württemberg hat bereits einen zu seinem Ministerpräsidenten erwählt, der vormacht, wie die Zukunft des Planeten deutsch gerettet werden wird: „»Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht […,] dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«“ (Uschi Eid über Winfried Kretschmann, Zeit.online, via only AA but XXX)


Animation: Malene Thyssen

Von ähnlichem Ernst angetrieben trafen sich deutsche Kultur Schaffende (u.v.a. Gudrun P., Roland E., Karen D., Hannes J.) und dergleichen Personal – or so the story goes – an einem natürlich geheimen Ort, um mal wieder ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der zu erzielenden Diskussionen in den Massenmedien. Roland E. jedoch bezweifelte, dass Japan das richtige Ziel einer konzertierten Aktion sei, schließlich habe er schlüssig bewiesen, dass Godzilla nicht vom Erbfreund Japan sondern vom Erbfeind Frankreich künstlich (!) erschaffen worden sei. Frank S. aber beendete die Diskussion ein für allemal mit den Argumenten, das sei ja alles schön und gut, aber da gäbe es noch das mit dem Walfang und dem Delphinschlachten und der noch viel grauenvolleren Vermensch- und -niedlichung von Tieren in japanischen Zeichentrickserien, und überhaupt: Willi, der von einem Amerikaner erfundene und Japanern unverzeihlicherweise inszenierte Sidekick, der der bezaubernden Biene Maja (des bekennenden Antisemiten Waldemar Bonsels) jegliche natürliche Anmut raube! Und ob man überhaupt wisse, dass Haie die neuen Delphine seien, und dass man seine gestressten Kinder schonmal schonend auf entsprechende Therapieangebote vorbereiten solle (…and pop goes the leg…). Und schließlich habe er und sonst niemand die relevanten Kontakte zu den Y. Obwohl Roland E. noch einen Tiefschlag zu landen versuchte und behauptete, das würde ja dann alles bloß als billiger Werbe-Coup für die immer noch ausstehende Verfilmung von S.’ Roman gehalten werden, schwoll das Raunen am geheimen Ort derart an, dass man ihn nicht mehr hören konnte: „Die Y!“ Und so sollte es geschehen.
Die Verfilmung allerdings muss nunmehr so schnell wie möglich abgedreht werden, bevor die Realität all die im Roman enthaltenen Widersprüchlichkeiten offenbart. Auch dort bedeuteten die diversen zum Y-Selbstschutz (die sind schließlich eine deutsch gedachte Volksgemeinschaft!) initiierten Tsunamis eine chemische und atomare Verseuchung der Meere, wie sie nicht mal die übelsten der von S. ersonnenen US-Amerikaner et al. in Kauf nehmen würden. Und das Ylearningbyadaptingtodrownedpeople’sbrains wird der Meeresfauna des Autors kulturellen Vorurteilen gemäß eines Tages eine konzentrierte Verniedlichung bescheren, die kein japanischer Zeichentrickhersteller jemals zu denken wagte. Bis dahin allerdings werden die deutschen Medien wie gewünscht und Mitleid nicht einmal mehr wirklich vortäuschend reagieren. Die Genugtuung ist unüberhörbar. Der einstige Verbündete, in dem man noch im Nachkrieg deutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin bewundern mochte, galt hierzulande zunehmend als veritabler Vertreter der entweder dekadenten oder traditionsverliebten USA im Fernen Osten – nur irgendwie infantiler.

Aber mindestens so umweltzerstörend und tierquälend: Walfänger und Delphinmetzler, die aus den geschlachteten Tieren auch noch hübsch anzusehende Spezialitäten zubereiteten statt Klopse in dicker weißer Sauce oder fettriefende Schnitzel. Die ihrem schönen Heimatland mit Handkultivierer und Schere zu Leibe rückten und alles mit künstlich künstlerischer Bedeutung aufzuladen bereit waren, statt den Boden naturhaft walten zu lassen. Die Robotervernarrten und am hellichten Tage Phantasiekostümträger, die Schöpfer von kindischen Superhelden in Serie, die unbelehrbaren Atomkraftbejaher. Obwohl sie, und da setzte der deutsche Neid ursprünglich ein, hundertausende Opfer zweier Atombombeneinschläge vorzuweisen hatten. Auch Japan hat mittels Opferinszenierungen seine Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg zu relativieren gewusst. Aber in Deutschland ahnt man, dass man hier sehr viel mehr daraus hätte machen können, nicht bloß weil das deutsche Verbrechen jegliche Dimensionen des Vorstellbaren gesprengt hatte, sondern auch weil man eine wesentlich längere und liebevoller gepflegte Tradition der Selbstdarstellung als Opfer von was auch immer vorzuweisen hat. Atombomben auf Deutschland – alles wäre vergeben und vergessen gewesen! Dafür hätte man schon gesorgt, und zwar gründlich. All die Hiroshima-Plätze in Deutschland und die Nagasaki-Städtepartnerschaften etc. waren nur ein unbefriedigender Versuch teilzuhaben. Und unter anderem deswegen wird jetzt auch nicht gespendet. Der Spendenweltmeister Deutschland bringt es diesmal einfach nicht übers Herz, sich wie üblich als großzügig auszugeben. Nicht nur, weil man annimmt, Japan könne mit all seinem Reichtum die Zerstörung eines Großteils seiner Ostküste selbst beheben, sondern weil man meint, sie hätten das mühsam erarbeitete deutsche Geld einfach nicht verdient.

Die Angst vor Strahlenschäden wächst, auch in Deutschland: Nach den Reaktorunfällen in Japan ist die Nachfrage nach Geigerzählern in der Bundesrepublik rasant gestiegen.
Newsticker, spiegel.online
Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.
Theodor W. Adorno an Thomas Mann, in: Briefwechsel 1943 – 1955

Missgunst ist die deutscheste aller Untugenden, weswegen auf einmal alles Leiden, das ausschließlich in Japan stattfindet, unbedingt hier erlebt werden muss, was sich beispielsweise im run auf Geigerzähler und Jodtabletten äußert. ‚German Angst’ ist nicht wirklich Furcht, sondern die Befürchtung, am Opfersein, wo auch immer es stattfindet, nicht als einer der ersten und ernstzunehmendsten teilhaben zu dürfen. Darum prügelt man sich notfalls wie beim Schlussverkauf vorm Wäschetisch. Manchmal erweist sich der Eifer als Zwickmühle, wie z.B. im Fall Libyen. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten von Opferidentifikation. Da kapituliert man dann schonmal völlig verwirrt: „Was kommt jetzt leidender rüber?“ Ergo: Enthaltung. Vor der zum Hintergrundbild erklärten zerstörten japanischen Ostküste jedoch kann sich das Deutsche in seiner Erscheinungsform als „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch irgendwie Abschaltungswilige“ als noch aus allen irdischen Katastrophen als am besten Gelernthabender zeigen. Nur in den deutsch geprägten Medien gelten diejenigen, denen vom Tsunami alles genommen wurde als gesichtslos und duldsam, auch weil man sich hier Protest, Widerstand, Kritik usw. bloß als von vereinheitlichten Parolen vorangetriebene Massenveranstaltungen vorstellen kann. Die zum Einsatz im Reaktor so oder so oder noch offensichtlicher gezwungenen Personen werden entsprechend mit Attributen aufgeladen, die sie fast zu Witzfiguren degradieren, weil sie nicht als Stellvertreter all derjenigen, denen unter den gegebenen Umständen kaum etwas bleibt als auszuharren, auftreten dürfen. Das „Sein zum Tode“ jedoch hat hier nicht dem Anlass sondern dem Wesen geschuldet zu sein.
Liebe deutsche Naturfreunde, nahezu alles ist vorhanden, was Ihr herbeigesehnt habt, und wenn Ihr noch mehr Glück habt, kommt es außerdem schlimmer, als ihr es auszumalen wagtet. Abgesehen davon, dass Ihr mit den offenbar überforderten Geigerzähler-Herstellern den veritabel deutschen Mittelstand zu fördern in der Lage wart, mag man die Profite der internationalen Pharmaindustrie, denen Ihr den Ertrag aus den Schweinegrippen-Impfstoffen damals um keinen Preis gönnen wolltet, als Kollateralschaden abtun. Wäre da nicht der nagende Zweifel: Womöglich war das alles gar nicht von den guten deutsche Kultur Schaffenden initiiert, sondern von den global agierenden Pharmakonzernen, die unbedingt ihre kurz vorm Verfallsdatum stehenden Jodtabletten loswerden wollten?

Yours sincerely,
Nachwievorspaltungsprodukt (in collaboration with CdG)

Recommended reading:
Cosmoproletarian Solidarity – Eine einzige Katastrophe
Weltkritik – Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft
Cornelius Coot – Eine verpasste Chance, Jungle World
Jörg Häntzschel – Japanische Kunst, Schluss mit Hello Kitty, Sueddeutsche.de

Later: Magnus Klaue – Deutschland sucht den Super-Gau

Update, 12.4.: „„Schuld sei sowieso „usrael“, eine beliebte Chiffre von Antisemit_innen jedweder Couleur. Da will auch „Sülzbert“ nicht zurückstehen und ergänzt, dass sich ihm der Verdacht aufdrängen würde, „das diese gigantische menge radioaktivität die in japan freigesetzt wird, nur dazu dienen soll um den eventuellen einsatz von atomwaffen im falle das die arabischen staten israel angreifen würden, nicht weiter auffallen soll“. Man muss sich diesem Gedanken auf der Zünge zergehen lassen! Israel ist schuld am Atomunfall in Japan, um einen eventuellen Angriff durch die benachbarten Staaten mit einem Atomangriff zu beantworten zu können.
Reflexion – Die Kommentatoren des „Infokriegers“