Archiv der Kategorie '"Deutsche Opfer"'

Reread 6: „Stimme kommt von Kuh an Wand“

Trotz allen Stolperns ist Guttenberg im Volk beliebter als bisher. 73 Prozent der Deutschen sind mit der politischen Arbeit des CSU-Politikers zufrieden, zu Monatsbeginn waren dies nur 68 Prozent, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag für die ARD-Sendung Hart aber fair ergab. Nur 21 Prozent sind unzufrieden.Die Zeit, online

„‘Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nach einer Umfrage in der Modebranche der am besten angezogene Politiker Deutschlands. Auf den Plätzen folgen FDP-Chef Guido Westerwelle und Bundespräsident Horst Köhler.‘
Ich gebe auf.

Hermann L. Gremliza, Konkret 10/09, 50

Dass Guttenberg zum bestangezogenen Politiker Deutschlands gekürt wurde, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er tatsächlich gut gekleidet ist. Deutschland gilt der Welt nicht unbedingt als Hort stilvoll gewandeter Menschen – au contraire und das zu Recht. Ebenso kann man von der deutschen „Modebranche“ kaum als einer der Beurteilung entsprechender Fragen fähigen Instanz sprechen. Wer tatsächlich haute couture (oder selbst prêt-à-porter oder überhaupt) entwerfen wollte, flüchtete so schnell wie möglich an adäquatere Orte, geblieben sind fast (!) nur Langweiler, Drittrangige und Zurückgewiesene.
Die, diesmal wirklich „abstruse“ (vgl. allg. Guttenberg, insb. Kommentar zu den Plagiatsvorwürfen, 16.02.2011), Illusion der Deutschen, wenigstens einen internationalparkettfähigen Repräsentanten vorweisen zu können, beruht allein auf ihrer mangelnden Kenntnis in dieser Hinsicht relevanter Beispiele. Abgesehen davon, dass Guttenberg ganz gewiss die seiner Kaste gemäßen Gesten beherrscht: ostentatives Knopf vom Jackett öffnen, wenn man sich setzt, ihn – nur den obersten! – wieder reinfummeln, wenn man aufsteht und sei es auch nur für ungefähr dreißig Sekunden, nicht das Öffnen beim wiederhinsetzen vergessen, all das ausschließlich, wenn man Krawatte trägt; ohne Krawatte, dürfen das Jackett und der erste Knopf des Hemdes offen getragen werden und dergleichen mehr. Abgesehen davon also: Sitzt das nicht alles ein wenig zu eng? Am ausladenden Brustkorb? Sind die Hosen nicht eine Nuance zu kurz? Spannen sie nicht oftmals über den Oberschenkeln? Ja, und was ich bei anderen unbedingt sehen will, mag ich in dem Fall ganz und gar nicht, mal wieder egal – Idiosynkrasien. Desgleichen das Haupthaar: Es spannt überm Schädel Karloffschen (1931, inklusive Pomade) Ausmaßes. Anmuten soll das royal, soll heißen: Egal, solange die Stirn völlig frei von Haar ist. Ein deutscher Friseur (derjenige übrigens, der Angela Merkel ihre ‚neue’ Frisur verpasste) bezeichnet das als: „’sehr englisch und edel’. [Udo Walz] bescheinigt dem neuen Bundeswirtschaftsminister, ‚fabelhaft’ auszusehen.Tagesspiegel – Frisurentrends: Etwas Gel, bitte
Alles an Guttenberg soll den Mann modellieren – huh, goosebumps. Das Süddeutsche Zeitung Magazin zeigte vor kurzem eine Fotostrecke, die Guttenberg als mindestens ästhetisches Vorbild betrachtende junge Menschen im Guttenberg-Look vorführte…
Es ist einer der größten Irrtümer der Deutschen, wenn sie meinen, sie beherrschten die Sprache Englisch. Wie auch ihre Interpretation des angenommenen englischen Stils meist in der sehr deutschen Exzerzierung längst überholter dress codes resultiert, und die britische Ironie, die dort nahezu allem anhaftet, nicht umsetzen kann. Außerdem: Zu den Stammkunden eines Schneiders auf der, sagen wir, Saville Row gezählt zu werden, bedeutet noch lange nicht, dass der einen auch mag („Achtung! Goose-step everybody but: Don’t mention the war!“), entsprechend fallen dann auch manchmal die Designs aus.
Ja, gemein, und bis dato ist das alles nur billige Häme, aber jetzt: Über das hinaus bilden sich Guttenberg und die Deutschen ein, er sei eloquent. Gremlizas Einschätzung der sprachlichen Fähigkeiten von Guttenberg ist uneingeschränkt zuzustimmen: „Stimme kommt von Kuh an Wand“ (ins Deutsche übertragener Neil Simon via Peter Sellers in „Murder by Death“, zitiert nach Gremliza, Konkret 09/09, 66). Was auch immer im Original von Guttenberg stammt, ist wortreicher und inhaltsleerer Jargon. Das Original kann leicht vom Plagiat unterscheiden, wer jemals die home story, die vor einiger Zeit vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde, gesehen hat. Dort kann man Guttenberg live beim spontanen verfassen von Schwurbeleien beobachten, ganz so wie er sein Vorwort zur Dissertation selbst geschrieben hat, und die Rede (2009) zum Jahrestag des Entlastungsattentats (pdf):

Die bei den Deutschen beliebtesten Politiker der letzten hundert Jahre – Wilhelm von Preußen, Paul von Hindenburg, Adolf Hitler, Ludwig Erhard, Helmut Schmidt und Joseph Fischer – haben in den letzten Wochen Nachwuchs bekommen: Karl-Theodor zu Guttenberg. Lesen Sie, was dieser jüngste Liebling der Nation zum 65. Jahrestag des Aufstands der Nazioffiziere gegen ihren Führer am 20. Juli aufgesagt hat:
Ein Gefängnishof verliert in der Regel nie seine Kälte. Eine Kälte, die sich über Insassen wie spätere Besucher zu legen weiß und die jedes Ausmaß an Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht.
Wir halten einen Moment inne und repetieren: Eine Kälte, die Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht, weiß sich über Insassen und Besucher zu legen. Peter Sellers, der Inspektor Sidney Wang in »Eine Leiche zum Dessert«, hätte gefragt: »Was Bedeutung von dieses?«
[…]
Zudem ringt dieser Gedenktag so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben.
Wie? Was? Der Gedenktag ringt so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben? »Stimme kommt von Kuh an Wand«, möchte man mit Peter Sellers sprechen, der so die Worte des hinter einer Elchtrophäe versteckten Gastgebers Lionel Twain (gespielt von Truman Capote) kommentiert.
[…]
Darf man nun das Wort »Ehre« mit der Prinzipientrias »Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde« verbinden? Meines Erachtens bedingen sie einander. Beides, die benannten Maximen und ein damit verwobenes, wohlgesetztes Ehrverständnis, widerspiegeln grundlegende Werte, ja ein Erbe des christlich-jüdischen Abendlandes.
Ob Verwobenes etwas spiegeln kann, bleibe dahingestellt, doch ihr Abendland ein christlich-jüdisches genannt und ihre Ehre mit irgendwelchem Judenkram infiziert zu sehen, hätten die Stauffenbergs sich strengstens verbeten.
(Hermann L. Gremliza, Konkret 09/09, 66)

Um den reaktionären Kern herum nichts als stumpfe statt schillernder Blasen (Guttenberg und Gattin als Glamour-Paar zu bezeichnen, kann auch nur den Deutschen passieren. Außerdem, liebe Brigitte-Redaktion, die Farbe heißt nun eindeutig nicht „Mango“ sondern „Lachs“ …, egal!) Die Sprache des Verteidigungsministers ist eben die, die den einfachen Stammtischbruder zum Stammtisch-Präsidenten aufsteigen lässt: Er gibt allen ein wenig recht und das mit Formulierungen, die jeden auf einmal die ungeheuerliche Relevanz der zuvor bloß besoffen in den Raum trompeteten Platituden, Pöbeleien und Protzereien erkennen lassen. ‚Das hätte ich so nicht sagen können, aber du bist ja auch Doktor irgendwas.’ Dem Stammtisch taugt der akademische Grad bloß zum Ziselieren des grobdeutschen Imperativs. Jovial hat sich der (im weitesten Sinne) Landjunker zur sprachlichen Veredelung des deutschen Nichts herabgelassen. Die Begeisterung ob dieser Herablassung lässt sich auch damit erklären, dass es z.B. in der deutschen Literatur keine umfassende Tradition der Ridikülisierung des Landadels gibt, wie beispielsweise in England, Russland oder Frankreich. Der Typus käme einem sonst irgendwie bekannt vor, und man könnte seine Attitüden und Manierismen leicht identifizieren. So aber glaubt Deutschland an ein einzigartiges Phänomen. Und es soll glauben, will glauben, glaubt. Pausenlos und ohne Sinn und Verstand. Es ist kaum erstaunlich, dass sie ihm Dasmitderdoktorarbeit verzeihen. Denn erstens erinnert sich fast jeder an die Demütigung, die man beim ersten Mal mit den Fingern in der Keksdose, in Mamis Portemonnaie oder dergleichen erwischt werden, erlebt hat – das kann also nur Identifikation stiften. Vor allem aber hat jeder schon einmal gehofft, mit einer blöden Ausrede durchzukommen, dem, der das schafft, ist Anerkennung sicher. Und zweitens wähnt man perfide Mächte am zersetzenden Werk: Intellektuelle! Kritiker! (Endlich kann man’s denen mal zeigen!) Und drittens: Egal, denn es ist die vollkommen leere Fläche, die der Minister darstellt, die zur Projektion eigener Wasauchimmers einlädt. Die Argumente seiner Verteidiger sind dann auch seltsam monoton und unverhohlen und im Wortsinne defensiv. Lustigerweise warf Hans-Peter Friedrich (CSU) der SPD und Den Grünen vor, sie hätten erst in die USA fahren müssen, um Guttenberg (der als ‚Atlantiker’ gilt) mit aus den USA in den bis dato harmlosen Deutschen Bundestag importiertem „negative campaigning“ fertigzumachen – und Jürgen Trittin erklärte er zu einer Art Antideutschem – teehee! Beliebt ist ebenfalls eine neue ‚Dolchstoßlegende’: Der von den Soldaten geliebte Minister soll ihnen entrissen werden, woraufhin sie jeglichen Rückhalt usw. usf. Auf Seiten der Plagiatsfahnderunterstützer wird auch viel Blödsinn gefaselt, beispielsweise dass Guttenbergs Nichtdiss den Wissenschaftsstandort Deutschland gefährde, ja, schrecklich! Außerdem täuschen sich diejenigen, die glauben, er habe diesmal niemanden und nichts, worauf er die Schuld schieben könne: Er hat bereits seine „blöde“ Doktorarbeit für alles verantwortlich gemacht und sie in a way entlassen.
In den Olymp der deutschen Opferdarsteller ist Guttenberg allerdings von … tadaaa… Jürgen Elsässer aufgenommen worden. Wir erinnern uns: Elsässer hat sich bereits selbst ein für alle Male gegen jeglichen Homophobie-Vorwurf immunisiert, ist sich aber nicht zu schade den Beweis erneut anzutreten:

Juergenelsaesser in den Kommentaren zu „Guttenberg – Richtig falsch. Mit schlechten Argumenten gegen einen schlechten Mann“:
neeso: Sie missverstehen den Absatz. Es steht da: „Das Image des Barons“, gerade nicht steht da „die Realität“. Ich habe referiert, was die Spin-Doktoren mit Guttenberg transportieren, wie sie ihn vermarkten wollen, etwa auch was das Geschlchterverhältnis angeht etc. – Dass ich im übrigen kein Freund von Leuten bin, die über Schwul-Sein oder Frau-Sein Karriere machen wollen, verheimliche ich nicht. Deswegen bin ich aber noch lange nicht gegen Schwule oder Frauen, das würde ich ganz gerne auseinander halten.
Der Text zum Kommentar in Auszügen:
Das Image des Barons: Guttenberg ist ein Politiker für deutsche Interessen. Endlich wieder ein Mann an der Spitze und keine Weiberherrschaft mit Schwuchtel-Anhang. Ein Mann, der schon mit seinem Familienstammbaum für Tradition und Tugenden steht, gut angezogen und mit tadellosen Manieren. Ein schneidiger Typ, der mit Splitterweste und Ray Ban so militärisch aussieht wie Tom Cruise in Top Gun. Ein Mann, der zu seinen Soldaten steht, ob am Hindukusch oder anderswo.
Die Realität des Barons: Guttenberg ist der Mann der Amerikaner. Aufgebaut von der Atlantik-Brücke. PR-Arbeit abgestimmt mit der Bild-Zeitung. Seine Mission: Abschaffung der Bundeswehr durch Abschaffung der Wehrpflicht bzw. Umwandlung der Bundeswehr in eine Fremdenlegion unter US-Kommando. Einsatz dieser Truppe, aufgefüttert mit gewaltbereiten Ausländern, auch im Innern. Zerstörung der Moral der Truppe durch Absetzung von Kommandeuren wie zuletzt dem Kapitän der Gorch Fock. […] Wenn Guttenberg fällt, fällt ein charismatischer Gefolgsmann der US-Politik. Aber dass die Rot-Grünen diesen Erfolg für sich verbuchen könnten und mit dem Baron auch die von ihm (fälschlich) genährte Erwartung eines selbstbewußten (!) deutschen (!) Mannes (!) an der Spitze der Politik kaputtgegemacht werden könnte, stimmt mich nicht gerade heiter.
“ Jürgen Elsässer, ebd.

Und schon wieder den Homophobie-Vorwurf erfolgreich abgewehrt, wie auch den der Misogynie, den der Xenophobie und überhaupt alle anderen…
Meanwhile in some parallel universe – da Deutschland Platz für Projektionsflächen braucht, darf sowieso niemand mehr rein: „Frontex startet Mission „Hermes 2011″“. (ARD)

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Earlier: SonntagsGesellschaft – Brei ist nicht immer nahrhaft

Dritte ernste Warnung an Verschwörungstheoretiker: Wer ist Jürgen Elsässer wirklich wirklich wirklich?


youtube

Liebe Verschwörungstheoretiker!
Nachdem hier bereits auf die aufregende Vergangenheit Jürgen Elsässers verwiesen wurde: Ernste Warnung und Zweite ernste Warnung, geht es diesmal um seine nicht minder spannende Zukunft.
Doch zunächst: Rejoice! Die Welt wird im Jahre 2012 nicht untergehen!
Denn am 4. Juli 2200 wird Jürgen Elsässer definitiv etwas vortragen, und zwar …huh! thrilling!… in Fulda. Laut den clair voyants und Diezukunftsogaraufmedienprojizierenkönnenden von NuoVisoProductions allerdings leider bloß (sollte man seiner etwa bereits nach ungefähr 190 Jahren ein wenig überdrüssig geworden sein?) über „nichts Neues für Diejenigen, die bereits mit Elsässers Bücher vertraut sind.“ Die Botschaft wird folgende sein: „Die Dunkelmächte proben [schon wieder!] die Rückkehr in das dunkle Mittelalter! Deutschland ist [wie üblich] in Gefahr. […] Die privaten Großbanken erwürgen [zum wiederholten Male] die Industrie. […] Es handelt sich [kennt man ja] um die Gier des Finanzsystems. Um eine [erneut] künstliche Krise, hervorgerufen von den Banken. Auch er [wie whatsitsname?] sparte nicht mit Namen, wer den das alles verursacht. Und beim Fall von Arcandor wird er [oh no, not again!] ganz detailiert, denn dafür gebe es [wie in den letzten Dekaden unermüdlich repetiert] eine einfachste Lösung. „Arcandor wurde [wieder einmal] durch Wuchermieten kaputt gemacht. Eigentum verpflichtet! Die Lösung wäre also die [again!] Übernehme der Immobilien [durch whatsitsname?] , und anschließende faire Mietpreise. Ja, manchmal wäre die Lösung unserer Probleme ganz einfach!“ (Ebd.) Und natürlich: Rechtschreib- und Grammatik-Korrekturprogramme werden im Jahre 2200 immer noch nicht zuverlässig funktionieren – au contraire!
Meanwhile in the presence sucht Elsässer in seiner Erscheinungsform als Chefredakteur des Querfront-Magazins „Compact“ verzweifelt nach Vorschlägen fürs Design der 2. Ausgabe, deren Arbeitstitel „Das besetzte Land – US-Truppen in Deutschland“ lautet: „Nun will ich die Kreativität meiner lieben Leser etwas [!] in die Vorbereitung der Nummer 2 einbeziehen. Beginnen wir bei der Titelseite. Zum Foto: Ich könnte man vorstellen, man orientiert sich am beiliegenden Cover von Robert Harris „Fatherland“. Aber die zwei Flaggen auf der Quadriga sollen natürlich die der Besatzungsmächte sein: EU-Sternenbanner und US-Sternenbanner. Gibt es bessere Ideen?“ (Ebd.) Jenseits davon, dass das nur Beschäftigungstherapie ist, weil er ja eigentlich (s.o.) weiß, dass sich eh bis ins Jahr 2200 nichts ändert, gibts bis dato nur die üblich verdächtigen Vorschläge wie beispielsweise den von Pablo – „Das mit den Fahnen ist ne gute Idee.Ich würde noch die israelische dazupacken(„deutsche Staatsräson“laut Merckel)“ und fatimaoezoguz – „Das wollte ich schon vorschlagen, verwarf es dann als doch allzu „unkorrekt“.“ (Ebd., in den Kommentaren)
Damit wären die Weichen für die unvermeidbar folgenden 2273 Editionen des monatlich erscheinen werdenden Heftes unverrückbar gestellt. Denn Elsässer scheint nach all seinen aufreibenden Reinkarnationen* endlich im Deutschenopfernirwana angekommen sein…
Still yours sincerely,
Unverbesserliches Spaltungsopfer, das diesmal nur vor grenzenloser Langeweile warnen möchte!

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* Coming soon: „Reread 7: Warum es den Deutschen völlig egal ist, dass man „hochqualifizierte MigrantInnen“ hervorragend ausbeuten könnte und was das mit der anhaltenden Notwendigkeit ‚antideutscher‘ oderwieauchimmermansienennenmag Kritik zu tun hat“

Auszug :

The Cure – Jumping Someone Else’s Train („Everyone’s happy/ They‘re finally all the same“)

In jüngster Zeit haben zwei prominente Vertreter der Antideutschen (Wolfgang Pohrt und, verschmerzbarer, Jürgen Elsässer) die antideutsche Position verlassen und sind in Richtung Traditionskommunismus (Elsässer) oder politisches Nirwana (Pohrt) abgewandert.
Volker Radke – Zur Debatte um antideutsche Positionen

Die Zeiten, in denen Rechtbehalten Spaß gemacht hat, sind mittlerweile vorbei.
Wolfgang Pohrt – Brothers in Crime

2010, seinem Empfinden gemäß passenderweise zum Jahrestag der Deutschen Einheit, meinte Jürgen Elsässer mit einem Interview, das er 2003 mit Wolfgang Pohrt für die junge Welt führte, auftrumpfen zu können: „Abschied von den Anti-Deutschen. Interview mit Wolfgang Pohrt, dem Urvater der Antideutschen“ (Elsässers verwirrende Bindestrich-Setzung ermangelt einer sinnvollen Begründung…)
Der „Impulsgeber“ der „Antideutschen, noch bevor es diesen Ausdruck gab“, sei Pohrt gewesen. Pohrt wie Elsässer geben seit einigen Jahren nur noch Pseudo-Provokationen von sich. Dass Elsässer sich zum schicksalhaften Datum mit Pohrt verbunden wissen will allerdings, kann nur der Tatsache geschuldet sein, dass der anschwellende Sarrazin-Fan irgendwie um seine Unoriginalität weiß und darum, dass er erkennen musste, dass er immer erst auf einen Zug aufsprang, nachdem der bereits reichlich gefüllt war. Pohrt hingegen wollte am liebsten die Schienen verlegen und dann sofort selbst Schaffner sein, was in seinem Fall dazu führte, dass er tatsächlich bahnbrechende […] Analysen vorzunehmen in der Lage war; bis er entdeckte, dass es einen Rückwärtsgang gibt, mithilfe dessen man auch ganz schön Unordnung im Abteil erzeugen kann. Von Pohrt gibt es im Gegensatz zu Elsässer umfangreiche Bücher, anhand derer sich beweisen lässt, dass er früher Recht und Spaß daran hatte.

Breaking news: Morgenthau lebt!


(Siehe Link unten)

Finanzcrash, das Forum zur völkischen Währung, wartet mit einer sensationellen Enthüllung auf: Der 1967 (angeblich?!) verstorbene Henry Morgenthau wurde offenbar bis 1989 entweder (dann doch quicklebendig?!) gut versteckt, um ihn bei Bedarf erneut auf ‘den Deutschen’, ‘das Deutsche’ bzw. Deutschland (? s.u.) loszulassen oder zum selben Zweck im selben Jahr in einem geheimen US- oder noch schlimmeren Labor rekonstruiert respektive reanimiert1, denn: “Für die, die das nicht wissen, Morgenthau war ein Philanthrop, wie unsere Qualitätsmedien wissen, der eine radikale Neugestaltung des Deutschen umsetzen wollte, dann aber bis 1989 gestoppt wurde.” (sammelleidenschaft, ebd.) Für die, die auch das nicht wissen: Morgenthau wollte ‘den Deutschen’ oder ‘das Deutsche’ nicht ‘neugestalten’, das waren die, die den nach ihm benannten Plan ausgesprochen sinnvoll erscheinen ließen. Morgenthau wollte ganz im Gegenteil Deutschland abschaffen. Wer nach den “zwölf Jahren” (German translation for Holocaust, genocide, crimes against humanity, indescribable cruelties…) wenigstens dieses eine Ansinnen nicht willkommen heißen mag… wie auch immer.

  1. Warum das als erfreuliche Nachricht aufgefasst werden sollte, ist u.a. hier! nachzulesen.[zurück]

Kübra Yücel würgt oder Warum man sein Pausenbrot auch mal wegschmeißen sollte

How do you do?“ said Miss Bartlett, with a meaning glance, as though conveying that more than dahlias had been broken off by the autumn gales. […]
Not the scissors, thank you, Charlotte, when both my hands are full already – I‘m perfectly certain that the orange cactus will go before I can get to it.“
Mr. Beebe, who was an adept at relieving situations, invited Miss Bartlett to accompany them to this mild festivity.
„Yes, Charlotte, I don‘t want you – do go; there’s nothing to stop about for, either in the house or out of it.“
Miss Bartlett said that her duty lay in the dahlia bed, but when she had exasperated every one, except Minnie, by a refusal, she turned round and exasperated Minnie by an acceptance. As they walked up the garden, the orange cactus fell, and Mr. Beebe’s last vision was of the garden-child clasping it like a lover, his dark head buried in a wealth of blossom.
„It is terrible, this havoc among the flowers,“ he remarked.
„It is always terrible when the promise of months is destroyed in a moment,“ enunciated Miss Bartlett.

E.M. Forster – A Room With a View (1908)

E.M. Forsters „Charlotte Bartlett“ vereint in sich sowohl die grausamsten als auch die mitfühlendsten Aspekte parodistischer Beschreibungen von Frauen, die man nur unter der gesellschaftlich irrelevanten Kategorie ‚mitten im oder jenseits des Klimakteriums’ fassen kann, durch britische Autoren des 19. Jahrhunderts. Mit „cousin Charlotte“ hat der politisch durchaus progressive und stilistisch seltsam konservative Forster („Maurice“, „Howard’s End“, „A Passage to India“) eine Figur, wie sie Charles Dickens, William Wilkie Collins, Charlotte Brontë oder vor allem Jane Austen hätten erzählen können, ins 20. Jahrhundert entweder gerettet oder rücksichtslos gebeamed. Mitfühlend ist sein Beharren darauf, dass sie trotzdem träumen und hoffen kann, dass sie begeisterungsfähig ist und schrecklich gerne tolerant wäre. Grausam ist, dass alles Träumen und Hoffen und Sehnen auf andere projiziert werden muss, denn Charlotte ist ihm und seinen Lesern einfach zu alt, um noch durch Leidenschaften oder (von Forster immer wieder impliziert: sie und ihre/n Partner/in befriedigenden!) Sex aus den anerzogenen Konventionen gerettet werden zu können. Brutal konstatiert Mrs Honeychurch, die Mutter der jugendlichen Protagonistin Lucy, dieser fatale Ähnlichkeit mit ihrer ‚ältlichen‘ Cousine, woraufhin Lucy über sich selbst erschrickt und am Ende dann doch den richtigen Ehegatten (!) wählt. Nämlich den, mit dem es Leidenschaft und Konventionsbrüche geben wird und nicht den ironisch beobachtenden, der sie letztlich als Sammlerstück betrachtet. Während man im eigentlichen Roman den altertümelnden Stil noch der Intention des Autors, seine Agenda von Liberalismus und Ausbruch so weit wie möglich zu transportieren, zuschreiben mochte, hat er fünfzig Jahre später einen Appendix hinzugefügt, welcher der Zeit auch inhaltlich nicht mehr gerecht werden kann. Aber zumindest darf Charlotte darin dem anhaltend romantischen main couple Lucy und George ihr eventuell kümmerliches (Ob Charlottes Unfähigkeit, beispielsweise den Kutscher zu bezahlen aus Dyskalkulie, der damals hochgradig komplizierten britischen Währung oder egoistischer Berechnung resultiert, wird nicht explizit dargelegt.) Vermögen hinterlassen haben.
Charlotte Bartlett aber weist, trotz aller nett gemeinten Widersprüchlichkeiten, einen Charakterzug auf (und da wird sie zu einer veritablen Austen-Figur!), der sowohl die anderen Romanfiguren wie auch den Leser nervt, denn so gut wie jeder kennt mindestens eine Person mit ähnlichen Eigenschaften: Sie leidet nie wirklich selbst! Nichts ist ihr wichtiger, als permanent auszustellen, dass ihr eigenes Martyrium angesichts dessen der anderen höchstwahrscheinlich irrelevant sei, dass sie gerne verzichte, dass es sich alle sehr gerne auf Kosten ihrer Bequemlichkeit gut gehen lassen könnten, dass sie zwar am Unglück der anderen leide, es ihr aber deswegen selbst nicht wirklich schlechter gehe, weil sie ja überaus gerne bereit sei, die Last der Welt oder eher die ihrer Familienmitglieder auf ihren Schultern zu tragen. Miss Bartlett verbirgt ihr individuelles Leiden an so ziemlich allem hinter ostentativ vorgetragener Aufopferungsbereitschaft und entsagender Duldsamkeit. Natürlich trägt sie zu dick auf, doch auch das kann man als geschickte Strategie auffassen. So wandert sie versagungsvoll durch den Roman, in dem sonst jeder bereit ist, seinem Begehren nachzugeben und kommt daher wie ein Schulmädchen, das aus den Geschichten für brave Töchter immer nur die Moral mitgenommen hat. Natürlich hat sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist im Kampf für die Rechte der Ihren durchaus bereit unhöflich zu werden, aber alles im Rahmen der Schicklichkeit und mit einer Leidensmiene, die bloß nicht als ihr selbst geltend zu verstanden werden hat. Brave „poor Charlotte“!
Auf den Ausdruck des eigenen, des individuellen Leidens zu verzichten, ist in der deutsch geprägten Opfer-Ideologie ein Schritt in die richtige Richtung. Der Verzicht adelt, und man darf jeden Vorwurf von Wehleidigkeit von sich weisen. Wehleidigkeit gilt in diesem fortgeschrittenen Stadium als verachtenswert, Objekt von Lächerlichkeit – so Mitleid erregend der Einzelfall auch erscheinen mag. Was man sich selbst als Individuum versagt, weil man es sich fürs Kollektiv aufzubewahren hat, soll am Ende auch keiner anderen Person gewährt werden. Es gibt Menschen, denen geht es besser, wenn sie sich vorstellen, dass es anderen noch schlechter geht, und die dann brav ihr verhasstes Pausenbrot essen, weil „die armen Kinder in Afrika“ usw. usf. Irgendwann verachtet man natürlich auch die, schließlich hat man nur ihretwegen dreizehn Jahre lang tagtäglich widerlich labberiges Graubrot mit Margarine und womöglich Streichkäse (und, nein, ein paar Smarties drauflegen ist nicht hilfreich – die Smarties schmecken dann erstmal nach Brot und auf dem Brot sind eklig bunte Farbflecke!) in sich hineingestopft, statt sich am Kiosk, den es in der Nähe jeder Schule gibt, verbotenerweise Chips und Bunte Tüten und Coca Cola zu holen oder wenigstens irgendwas vom Bäcker.

Allein steigt der kleine Emrah in den Bus. Im Hintergrund läuft melancholisch-dramatische Arabeskmusik. Betreten guckt Emrah auf seine löchrigen Schuhe, langsam hebt er den Kopf. Wehleidig schaut er den Busfahrer an. Seine Kugelaugen senden einen Welpenblick. Die Unterlippe tritt traurig hervor. „Onkel“, sagt er schließlich zu dem Busfahrer, „kann ich … ein … Schülerticket haben?“ Buhu. Heul. Man möchte diesen Jungen am liebsten in die Arme schließen. Nein, adoptieren. Bis in alle Ewigkeit für ihn sorgen. Der Arme, er leidet doch so. Würg. Das ist das türkische Kino der 80er Jahre mit „Kücük Emrah“ in der Hauptrolle – dem Milchbubi, dem das böse Leben immer übel mitspielt. Deshalb singt Emrah mit wackliger Stimme von seinem Leid und geht auf Mitleidstour.
Grausam finde ich das. Bis heute kann ich mich über Menschen, die sich in Mitleid einlullen und hilflos dreinblicken furchtbar ärgern.

Kübra Yücel – Buhu. Heul. Würg (taz-Kolumne: Das Tuch)


François Truffaut – Les quatre cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn, 1959)


Abbas Kiarostami – Khane-ye doust kodjast? I (Wo ist das Haus meines Freundes?, 1987)

Wer nicht einmal mehr mit verzweifelten Film-Kindern wenigstens Mitleid haben mag, weil er selbst das Stadium des leidenden Individuums zu überwunden haben glaubt, ist fast im Opfer-Nirwana angelangt. Antoine (Les quatre cents coups ) und Ahmed (Khane-ye doust kodjast?) beispielsweise sind zu Recht als tragisch empfundene Interpreten der unerträglichen Katastrophen, denen das hilflos gemachte Individuum ausgeliefert ist. Gerade weil sie alles andere als Stellvertreter sind; sie stehen für kein Prinzip und keine Identität. Und das eigene Mitempfinden ihrer Ausgesetztheit in einer feindlichen Welt mag im schlechtesten Falle kitschiger Rührseligkeit entspringen, im besten Falle allerdings einer Erkenntnis. Weder Antoine noch Ahmed fordern jedoch überhaupt zu Rührseligkeit heraus, erschreckend ist in beiden Fällen, dass sie zwar große Kinderaugen vorzuweisen haben, aber ihre Mimik sonst kaum etwas auszudrücken in der Lage ist als Angst, Irritation oder (trotzige) Abschottung. Die Möglichkeit, eine Bitte um Hilfe zu signalisieren, Mitleid einzufordern ist dagegen schon ein Hoffnungsschimmer.
Das Mitleid der in der Opfer-Ideologie sich dem Gipfel der Moralität nahe Wähnenden hingegen gilt bloß noch den fürs Kollektiv sich Wehrenden. Für die darf man dann auch eigene Tränen vergießen. Und irgendwann werden irgendwo die Kinder zum Steine auf Panzer schmeißen auf die Straße geschickt, von Kameras begleitet, oder bis zur Unkenntlichkeit als kleine Selbstmordattentäter verkleidet. Damit man endlich um sie weinen darf, es geht ja schließlich nicht mehr um das Leiden des Individuums. Man ist nicht mehr wehleidig sondern engagiert, unkorrumpierbar und empathiefähig.

Aber: Muslime haben keine Exklusivrechte auf die Opferrolle. Trotz all dem Tamtam bleibt Islamfeindlichkeit nämlich nur eine von vielen Formen der Diskriminierung. Schwarze, Juden, Schwule, Frauen – sie machen alle solche Erfahrungen. Muslime waren und sind nicht allein damit. Ausgrenzung und Herabwürdigung sind schließlich gesamtgesellschaftliche Themen. Muslime müssen sich nicht ganz allein für ihre Belange einsetzen. Weder mein Bekannter noch ich sind also allein und schon gar nicht hilflos. Gemeinsam mit anderen können wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie bekämpfen. Klar, erleben wir Dinge, da müssen wir weinen dürfen. Aber nicht stets und ständig. Mit der Mitleidstour und dem Opferblick retten Kücük Emrahs nämlich nur sich selbst. Andere Menschen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, bemerken sie nicht. Deshalb an alle, denen es noch nicht aufgefallen ist: Die 80er sind vorbei.
Kübra Yücel , ebd.

Die 80er sind seit dem 1. Januar 1990 vorbei (eigentlich schon seit 1988, aber das ist eine popkulturelle Zäsur), wer es immer noch nicht gemerkt haben sollte, befindet sich vermutlich derzeit entweder in einer psychiatrischen Anstalt oder hat wider Erwarten bald einundzwanzig Jahre in Isolationshaft überlebt. Der Zynismus des vorhergehenden Satzes ist der Selbstgerechtigkeit gegenüber diesem einen wichtigen Aspekt der Geschichte eines Kindes geschuldet, das nämlich gar nicht anders kann, als nur sich selbst aus einer unerträglichen Situation retten zu wollen (und jemandem, der offenbar noch niemals z.B. Bleak House oder Nicholas Nickleby oder Jane Eyre oder Wuthering Heights oder Mansfield Park oder The Secret Garden oder The Turn of the Screw oder Der Zauberberg oder Die Buddenbrooks oder Les misérables oder East of Eden, oder welches Buch der Weltliteratur auch immer, dessen Autor, es wagte, sich tatsächlich in die Kinderhölle zurückzubegeben – und damit ist nicht Kästner, der es nur behauptete, gemeint! –, sondern bloß von Michael Ende und seinesgleichen verfasste Geschichten mit einer Moral gelesen hat). Das mit dem Kollektiv, das einen sich dann sogar mit dem Verzicht auf die Einzigartigkeit der Opferrolle der als eigen angenommenen Gemeinschaft brüsten lässt, kommt später und zunehmend unvermeidlich. Wenn lange genug zugerichtet wurde. Im Kontext lässt sich das duldsame und tapfere (und ganz und gar nicht neue) Bestehen auf immer wieder gerne nachgiebiger Einordnung in diverse andere Kollektive als nichts anderes denn als Anspruch deuten. An die, die darauf insistieren, dass Leiden individuell erfahren wird und die nach wie vor von allen Opferneidischen pervers als ultimativer Konkurrent empfundenen Opfer der deutschgemeinschaftlich um jeden Preis das einzige Opferseinwollenden.
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass es ‚auch in’ Deutschland Rassismus und Homophobie gibt – au contraire!, dass Frauen nach wie vor benachteiligt oder unterdrückt werden, und auch nicht daran, dass es Vorurteile gegenüber als solchen pauschal definierten Muslimen (bequemerweise alle Türken, Araber, Perser etc.) gibt, die sich vor allem aus Xenophobie oder Rassismus speisen und aufgrund derer der Islam vor allem als eine ‚Gesellschaftsform‘ abgelehnt wird, die den Deutschen darüber hinaus bloß allgemein fremdartig genug erscheint, wie einstmals die „Gelbe Gefahr“, um sich wehrhaft geben zu dürfen. (Auf der anderen Seite allerdings führen solche Pauschalurteile zu einer vehementen Verteidigung kultureller Unterschiede, die je nach politischer Selbstdarstellung u.a. der (Opfer-)Identifikation oder der Aufrechterhaltung einer deutsch gemeinten Kasten-Ordnung dienen.) Jeder, der aufgrund solcher ‚Identitätsfallen‘ (Amartya Sen) auch nur die geringste Benachteiligung erleidet, hat ein unwiderrufliches Recht darauf, sich ausführlich zu beschweren, anzuprangern etc. und als Individuum sein mit Sicherheit empfundenes Leiden daran zu artikulieren. Als Individuum aber kann nur agieren, wer über das legitime Aufbegehren gegen statistisch erfassbare Diskriminierung hinaus sich nicht nur stellvertretend sondern selbst leiden zu sehen in der Lage ist.
+ Counting beans in Cinderel…err… Ms Yücel’s lentil soup: „Muslime“ sind also nicht alleine, es gibt außerdem noch „Schwarze, Juden, Schwule, Frauen“, und gemeinsam können sie „Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie“ bekämpfen. Eben!

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‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

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Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]

„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

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Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.

Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.

(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.


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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)

(mehr…)

„Unsere Kristallnacht“

Da, wo Darwin für alles herhält/ ob man Menschen vertreibt oder quält, da/ wo hinter Macht Geld ist, wo stark sein die Welt ist/ von Kuschen und Strammstehen entstellt/ Wo man Hymnen auf dem Kamm sogar bläst/ in barbarischer Gier nach Profit/ „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn!“ ruft/ wenn man irgendeinen Vorteil darin sieht/ ist täglich Kristallnacht
BAP – Kristallnaach (in dem das Wort „Juden“ kein einziges Mal vorkommt)

Weltweit hat den Deutschen „täglich Kristallnacht“ zu sein, weswegen man sich zum 9. November in Frankfurt einen Redner bestellt hat, der das deutsche Verbrechen korrekt einzusortieren weiß, einen veritablen Völkerverständiger (deutsch-französisch) und dementsprechend und zu Recht Träger des „Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband“ (deutsch). Um die Verständigung zweier am Holocaust so oder eben anders beteiligter „Völker“ hat sich Alfred Grosser insbesondere insofern verdient gemacht, als er dem mehr oder weniger mitmachenden „Volk“ einreden wollte, das „eine Volk“ sei gar nicht so eins gewesen in seinem Wollen und Wirken. Es habe ja auch unter den Deutschen gutmütige Helfer der Juden gegeben. Was man in Frankreich eine zeitlang vielleicht nicht wirklich hören mochte, war, sobald man in Deutschland das Verbrechen überhaupt ein wenig zuzugeben bereit war, Konsens.
Wenn man den deutschen Erzählungen vom „Dritten Reich“ unbedingt Glauben schenken mag, müsste man allerdings in der Tat davon ausgehen, dass kein einziger Jude in deutschen Vernichtungslagern umgebracht worden sein konnte. Sechs Millionen ermordete Juden sähen sich dann nämlich wenigstens sechzig Millionen aufopferungsbereiten Deutschen nochmals ausgesetzt, die jeder mindestens einen von „denen“ gerettet haben wollen. Weswegen es nach dem Krieg eine derartige jüdische Übermacht gegeben habe, dass man heute Israel nicht mehr kritisieren dürfe… Or so the delirious story goes!

Die Mehrzahl [der Deutschen] gab zu, daß sie 1939 und 1940, als alles noch »rosig« aussah, voll und ganz hinter dem »Führer« gestanden hätten. Die wenigen, die angaben, daß sie ihn schon damals nicht gemocht hätten, beschwerten sich über seine Kurzsichtigkeit, Rußland und die USA zu unterschätzen und anschließend zu provozieren. Von moralischen Bedenken war keine Rede.
Erika Mann – Why the Germans Fight on, 1945

Der erstaunlich geringe bewaffnete Widerstand der Deutschen, nachdem die Sieger erst einmal die Städte besetzt hatten jedoch, lässt sich auch damit erklären, dass sie ganz entgegen ihren Erzählungen ihr wichtigstes Wirken auf Erden für weitestgehend vollbracht hielten. Bloß irgendwann gab es Israel. Und man wähnt sich in die Watzlawick-Geschichte von der Frau versetzt, die sich beschwert, sie sähe die Jungen nackt ins Wasser hüpfen. Woraufhin die Polizei die an einen anderen Ort verweist, und die Frau sich wieder beschwert. Aber sie könne sie von ihrem Fenster aus doch gar nicht mehr sehen, und sie erwidert: Hinausgebeugt und mit dem Fernglas schon.
Man hat also die Juden alle und gar mehrfach gerettet, und trotzdem gibt es welche, die hier nicht leben wollen. Man hat sie restlos vernichtet geglaubt, und trotzdem gibt es noch so viele von ihnen, dass sie einen eigenen Staat gründen konnten. Die Deutschen (und die von ihrer Ideologie auf Umwegen infizierte Welt) richten ihre Ferngläser auf den Staat, der ihrer Meinung nach nicht sein kann und machen ein „Konstrukt“ aus, etwas Unorganisches, Illegitimes, was auch immer. Einen Ort, auf jeden Fall, der all ihren Projektionen zu widersprechen vermag, weswegen man auch permanent behauptet, dort habe man ganz im Gegensatz zu den Deutschen nicht aus Auschwitz gelernt.
Gerne lässt man behaupten, und in diesem Jahr gleich alles auf einmal: Die Deutschen seien gar nicht so deutsch respektive deutsch sein, sei gar nie so schrecklich gewesen, und irgendwas stimme nicht mit Israel, weil es anders als fast der gesamte Rest der Welt nicht aus Auschwitz gelernt habe. Dafür hat man den „Auschwitzkeulen“-Apologetiker Alfred Grosser eingeladen, nicht ausgerechnet am 9. November sondern wann sonst. Schließlich ist Mauerfall-Jubiläum.

Gremliza: In der Paulskirche haben Sie nicht den Eindruck gemacht, als dächten Sie gerade über die möglichen Folgen eines Widerspruchs nach. Sie waren einfach nur erschlagen.
Bubis: Das ist klar. Ich habe eine kurze Zeit überlegt, ob ich aufstehen und rausgehen soll. Meine Frau hat mich angestoßen: Ob wir uns das anhören müssen? Aber ich wollte keinen Eklat.
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99

Der Eklat ist auch diesmal ausgeblieben – bei der ARD denkt man sich, weil Grosser am Ende doch nichts Anstößiges gesagt habe und irrt sich. Er sprach über Israel („Sonst würde ich mich ja entwürdigen.“ Grosser) und über die guten Deutschen und aufgestanden und rausgegangen wurde wohl nur nicht, weil ein Großteil des Publikums sich schon drohend aufs Standing Ovations-Spalier vorbereitete. Und wer sich freiwillig einem deutschen Spießrutenlauf aussetzt, hat schon verloren. „Am Ende der Feier reichten sich die beiden vormaligen Kontrahenten [Grosser und Graumann] versöhnlich die Hand.“ (ARD – Erinnerung an die Pogromnacht. Gedenkredner Grosser bleibt bei Israel-Kritik)
Micha Brumlik durfte nach dem ‚Festakt’ in 3Sats kulturzeit (Interview mit Andrea Meier) wenigstens erklären, dass von „Versöhnung“ wohl kaum die Rede sein könne, die jüdische Gemeinde würde sich demnächst überlegen, ob sie an der Frankfurter vorgeblichen Pogromnacht-Veranstaltung überhaupt noch teilzunehmen bereit sei.
Ansonsten wurde am 9. November viel Mauerfall gefeiert, natürlich nicht ohne der Toten der Bewegung zu gedenken, und Martin Walser erhielt schon wieder einen Preis, den der Deutschen Gesellschaft für seine Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung.


via bubi zitrone

Am Vortag besuchte der deutsche Außenminister das Klärwerk in Gaza (was Niebel verweigert wurde, weswegen er den Countdown einleitete), im Spiegel freut man sich mit ihm, dass er dort so herzlich Willkommen geheißen wurde, und die Hamas habe sogar den Bau einer Schule erlaubt. Und am 4. November traute sich Tina Mendelsohn mutig, für kulturzeit ein Interview mit Alfred Grosser zu führen:

Transkript
Anmoderation Tina Mendelsohn:
Stimmt Alfred Grossers Vorwurf? Sobald einer die Stimme gegen Israel erhebt, heißt es sofort Antisemitismus? […] Nächste Woche, am 9. November, der so genannten Reichskristallnacht soll Alfred Grosser die Festansprache in der Frankfurter Paulskirche halten. Grosser ist Franzose, in Deutschland geborener und vertriebener Jude. Er ist auch ein vehementer Kritiker Israels und von dessen Umgang mit den Palästinensern. Ein Skandal bahnt sich, denn der Zentralrat der Juden fordert energisch die Ausladung Grossers. Pietätlos sei es, einen solchen Mann an einem solchen Ort sprechen zu lassen. Das meint auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden Salomon Korn.

Einspieler Salomon Korns Statement:
„Wenn es darum geht, Israel zu kritisieren, dann ist von nichtjüdischer Seite immer eine Hemmung vorhanden. Und dann werden gerne jüdische Kronzeugen ins Rennen geschickt, die das sagen, was vermutlich, vermeintlich Nichtjuden sich nicht zu sagen getrauen. Und das ist eine Funktionalisierung des Herrn Grosser. Und der hat in diesem Falle die Rolle des nützlichen Idioten.
[…] Also, es ist sicher sehr bequem, einen Menschen wie Alfred Grosser in die Paulskirche zu schicken, am 9. November.“
Unterbrochen von Propaganda-Bildern aus der Reichspogromnacht, an deren Ende jeweils das Schild zu sehen ist, auf dem steht: „Achtung Juden!“

Kommentar Tina Mendelsohn:
„Nützlicher Idiot“ – starker Tobak ist das. Es darf also in Deutschland keine unterschiedlichen jüdischen Meinungen zu Israel geben. Das ist das Gegenteil von gelebter Meinungsfreiheit. Es gibt in diesem Denken immer noch nur sie, die Deutschen und wir, die Juden. Muss die Frankfurter Oberbürgermeisterin wirklich die jüdische Vertretung um Erlaubnis bitten, wen sie ein- oder auslädt? Und muss mit dem Zentralrat abgesprochen werden, ob ein angesehener und erfahrener Mann, ein gebürtiger Frankfurter und ein israelkritischer Jude in der Paulskirche sprechen darf? Offenbar war das Praxis. Ich begrüße jetzt Alfred Grosser. Herr Grosser, ich freue mich sehr.

G: Ja, ich auch. Ja, guten Abend.
M: Guten Abend. Herr Grosser, offenbar ist man im Zentralrat der Juden in Deutschland der Meinung, dass ein israelkritischer Jude nicht an den Beginn der Shoa, also an den Reichspogromtag am 9. November 1938 erinnern darf. Haben Sie mit diesem Widerspruch gerechnet?
G: Na, es ist ja nur vom Generalsekretär. Denn der Vizepräsidenten, der auch Mitglied des Vorstands der jüdischen Gemeinde Frankfurts ist, spricht ja vor mir. Das wussten alle. Frau Roth spricht, dann spricht Herr Graumann, zwei Ansprachen, und dann ist meine Rede. Also, ich kann nicht sagen, dass der ganze Rat gegen mich appeliert hat und verboten habe, dass ich komme. Also, Verbot sowieso nicht. Aber ich glaube, es ist zu einfach zu sagen, der Zentralrat hat. Sein Generalsekretär hat eigenmächtig gesagt, ich sei nicht würdig zu kommen.
M: Was ist es dann für eine Kritik an Israel, die zumindest bei manchen schon so anstößt?
G: Ja, ich weiß. Also, zuerst einmal, ich erinnere mich, ich dachte, all das sei vorbei, als eine standing ovation kam für David Grossmann. Ich war dabei beim Friedenspreis. Und wo Gauck in seiner Laudatio etwas gesagt hat, das ich auf Englisch sage, wie ers gesagt hat, und Ihre Hörer können Englisch. „Right or wrong, my country. If my country is right let it keep it right. If it is not right make it right.“ Und das ist die eine Seite, man darf das Land kritisieren, sagt Grossmann und sagen viele Israelis. Und auf der anderen Seite, im schönen Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Stern heißt es, die beiden können nicht verstehen, dass man in Deutschland sagt, manchmal, z.B. der Rat: Right or wrong, my Israel. Und dass heute keine Kritik erlaubt sein darf.
M: Herr Grosser, es war die Praxis nach dem Krieg, dass wer, dass man mit einer Stimme, dass die Juden mit einer Stimme sprechen sollten. Und diese Stimme sollte israelfreundlich sein. Sind diese Zeiten Ihrer Meinung nach vorbei, dass man mit einer Stimme nur sprechen darf?
G: Ja, aber das stimmt doch gar nicht. Denn vor mir Ignatz Bubis hat zuerst einmal gesagt, nicht dass er Jude in Deutschland sei, er sei ein Deutscher mit jüdischem Glauben. Und er sei auch sehr aufgebracht, wenn man gleich die Kritik untersagte. Und ich glaube, das muss klar gesagt werden. Die Leute wie ich waren nach dem Krieg sofort hier dabei, weil wir an keine deutsche Kollektivschuld glaubten. Und weil wir glaubten, dass man den jungen Deutschen eine Zukunft geben musste. Gemeinsam z.B. mit dem Bürgermeister von Frankfurt Walter Kolb, den ich 47 gesehen habe, bei meiner ersten Deutschlandreise. Wir hatten die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. Und nun kommt die Frage: Welche ist die heutige Generation der Jugendlichen? Sie haben sich mit Auschwitz zu befassen. Sie haben zu verstehen, was der Kniefall von Brandt in Warschau war. Vielleicht nach Warschau gehen […]. Denn der Kanzler, der 1933 mit 19 Jahren weggegangen ist aus Deutschland, verfolgt als Linkssozialist hat im Namen Deutschlands eine Last auf die Schultern genommen. Damit aber die Jugendlichen heute diese Last tragen können, müssen sie verwirklichen, was Bundespräsident Köhler vor der Knesset gesagt hat. Und ich zitiere den Satz: „Diese Lehre aus den nationalsozialistischen Verbrechen haben die Väter des Grundgesetzes im ersten Artikel unserer Verfassung festgeschrieben: Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutschen. Dazu gehört, zu jeder Zeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten. Daran will sich deutsche Politik messen lassen.“ Ich glaubte zuerst, er würde damit die Palästinenser meinen, die auch Menschen sind. Aber er meinte etwas Anderes. Aber gerade dieser Satz ist, dass jeder, der in der Vergangenheit den Nazismus ablehnt, sich in der ganzen Welt um Menschenrechte kümmern muss, in Deutschland z.B. Und nicht nachmachen wie in gewissen Büchern, wo gesagt wird, oben gibt es genetisch Gute, unten gibt es genetisch Schlechte. Das ist in letzten Büchern gesagt worden. Oder der, der sich um die Asylanten kümmert. Im Namen der Würde aller Menschen, und dazu gehören auch die Palästinenser.
M: Warum möchten Sie am 9. November in der Paulskirche sprechen? Was ist eigentlich Ihr Anliegen?
G: Mein Anliegen ist zuerst einmal zu erinnern, was im November geschehen ist. […] Dann aber auch daran erinnern, wie viele verkannte Deutsche, nichtjüdische Deutsche jüdischen Deutschen geholfen haben. Die Legende eines einigen Volkes, der Nazismus, das stimmt einfach nicht. Das habe ich gewusst. Ich war sicher dessen in der Nacht, wo ich in Marseille gehört habe, im August 44, dass mein Onkel und meine Tante von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden waren, dass mein Vater gestorben war am Herzschlag, nach unserer Ankunft in Paris, dass meine Schwester gestorben war, nachdem wir auf dem Rad nach Süden vor den Deutschen geflüchtet sind. Das alles zusammen hat mich nicht dazu bringen lassen zu sagen: Die Deutschen. Das ist wesentlich und daran werde ich auch erinnern.
M: Herr Grosser, hat man Sie eigentlich, die Kritiker, die, wie Sie sagen, es pietätlos finden, dass ein Israelkritiker wie Sie in der Paulskirche an diesem Tag sprechen wird, hat man Ihnen das eigentlich persönlich gesagt? Oder ist das nur in der Presse gesagt worden?
G: Nein, ich habe auf Umwegen eine Reihe von Statements bekommen. Und eine Reihe von Angriffen, vor allen Dingen natürlich aus Berlin vom Generalsekretär. Und dann ist das wieder aufgegriffen worden, und man hat versucht, die jüdische Gemeinde in Frankfurt zu überzeugen nicht zu kommen. Soviel ich weiß, kommt Herr Korn. Vielleicht sind die bereit zu gehen, wenn ich was ganz Böses sage. Aber die Gemeinde macht mit, und ich bin eingeladen. Ich hoffe, ich werde es auch tun, und irgendwer wird es nicht verhindern, nachher zur Feier in der Synagoge, in die Westend-Synagoge zu gehen.
M: Ich danke Ihnen sehr, Herr Grosser und wünsche Ihnen alles Gute.
G: Danke.

Tina Mendelsohn Abmoderation:
Wir haben das Gespräch mit Alfred Grosser kurz vor der Sendung aufgezeichnet, ihm dann die Anwürfe Salomon Korns vorgespielt. Er wollte zu ihnen nichts sagen. Salomon Korn hat übrigens uns gegenüber auch gesagt, er würde zur Gedenkfeier kommen, behalte sich aber vor, während der Rede zu gehen. Es ist ein schweres historisches Erbe…

Recommended reading:
Lizas Welt – Selbstgespräch mit Kronzeuge
aa:b – Was bedeutet der 9. November? Ist er wirklich ein Tag der Erinnerung oder eher ein inszeniertes Trauerritual?
haGalil – 9. November: Spricht Alfred Grosser in der Frankfurter Paulskirche?
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99 (insbesondere als Beleg dafür, dass Bubis als Zeuge für Grossers Aussagen nicht zur Verfügung gestanden hätte)
Eike Geisel – Triumph des guten Willens: Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung

+ 12.11. Schlamassel Muc – Der Süddeutschen falsches Spiel mit Matthias Jena
+ 13.11. Clemens Heni – Erinnern, um zu vergessen, Die Jüdische
+ Clemens Heni – Zur Versöhnung eine Sauerstoffdusche (insbesondere auch nochmal zu Micha Brumlik)
+ 29.11. Verbrochenes – Guido und Alfred oder Das Leiden in Gaza
_______________________________
Later – Konsens-Kommentar in der Zeit:
Ich finde es schlichtweg scheußlich, wie die Funktionäre des Zentralrat der Juden in Deutschland Alfred Grosser anfeinden. Es soll Israel kritisiert haben, so heißt es. Und er soll Martin Walser zugestimmt haben, Auschwitz sei kein geeignetes Mittel im tagespolitischen Geschäft. Und schon sehen sie rot, die Graumanns, Korns und Kramers. Muss sich ein aus Frankfurt stammender Überlebender der Judenverfolgung des Nazis-Staats vor solchen Leuten für seine Ansichten rechtfertigen? Ich denke, nein. Die Oberbürgermeisterin hat m.E. ganz zu recht an der Einladung Grossers festgehalten.
Der 9. November ist keine Plattform für die Eitelkeiten dumm-dreister Funktionäre, sondern ein nationaler
[!] Gedenktag, der an verletzte Menschenwürde, Raub und Barbarei, eine Selbstverstümmelung [!] Deutschlands erinnert. Aber es stehen Wahlen vor der Tür, im Zentralrat. Und deshalb muss jetzt anscheinend besonders hysterisch aufgetreten werden. Denn mit Charlotte Knobloch tritt ein letzter Vertreter der sog. Erlebnisgeneration [!] ab. […]“ ibn_ruschd zu Publizist Grosser hält an Israel-Kritik fest

Reread 6: „Auf geb‘ ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!“* Auf geb‘ ich noch lange nicht, sag‘ mir erst…

*Richard Wagner – Ring des Nibelungen
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In einem Punkt war Wagner wirklich genial. Es gelang ihm, für seine Dichtung – Hier! Hier! Dort! Dort! Weh! Weh! Ein Schwan! – eine passende Musik zu finden. Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini und alle anderen wären dabei draufgegangen.
Rainer Trampert/ Thomas Ebermann – Sachzwang und Gemüt

Während Daniel Barenboim in den USA noch vorwiegend für sein musikalisches Schaffen ausgezeichnet wird, geschieht dies hierzulande meistens im Rahmen seiner friedensfördernden Projekte. Barenboim ist also u.a. Träger des „Paul-Hindemith-Preises der Stadt Hanau“, des „Ernst von Siemens Musikpreises“ der Stadt Zwickau, des „Hessischen Friedenspreises“, des Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt, des Westfälischen Friedenspreises und des Herbert-von-Karajan-Musikpreises, „weil er die klassische Musikwelt nicht nur entscheidend geprägt sondern auch versöhnend weiter entwickelt hat“ (Wikipedia).
Wie auch immer man sich eine „versöhnend weiter entwickelte“ „klassische Musikwelt“ vorzustellen hat, gebe es einen „Richard Wagner-Preis“ zur Versöhnung der Deutschen mit dem Komponisten, der wie kein anderer zu ihrer Selbststilisierung als Gesamtkunstwerk beigetragen hat, so stünde Barenboim mit Sicherheit auf der short list der zu Prämierenden. Mag Barenboim selbst bloß darum bemüht sein, seine Liebe zum musikalischen Œuvre Wagners irgendwie zu rechtfertigen, – wer will das beurteilen? – den gesamtkunstwerkapologetischen Deutschen geht es keineswegs in erster Linie um Wagners Musik. Bis auf den „Ritt der Walküren“ sind sie nur wenig mit ihr vertraut (und auch das überwiegend wegen der kongenialen filmischen Adaption einer einzigartigen Erzählung).

This year I have been three times--to FAUST, TOSCA, and--“ Was it „Tannhouser“ or „Tannhoyser“? Better not risk the word.
E. M. Forster – Howards End

Von Wagner kennt man mittlerweile vornehmlich die zu den Bayreuther Festspielen Pilgernden, bekannt aus dem, was man im deutschen Fernsehen so unter Politik, Kultur und Unterhaltung versteht. Je nach politischer Couleur gerieren die sich beim Akt als Revolutionäre, Rebellen, Unkonventionelle, Konservative und/ oder Genussmenschen, denen das den Deutschen gerade mal fünf Jahre obligatorische Gruseln umso ostentativer mutig überhaupt nichts mehr ausmacht. Gottschalk ist so widerständig wie seine mal in der 1980er Byron-Reprise der Byron-Reprise der 1960er misslungene Kleidung und dann wieder als fünfter Musketier aus einer deutsch-italienisch-bulgarischen Verfilmung vorort; Guttenberg mit schmückendem Beiwerk und Gel im (absurd!) Stufenhaarschnitt; Merkel, weil Wagner im freudlosen Osten so gar nicht zu gehen schien; Claudia Roth, um 2001 die Renaissance des Pink der 1980er erfolgreich zu promoten usw. usf. Wenn Cem Özdemir Mappus vom baden-württembergischen Thron kippt, darf er bei den Festspielen 2011 die 1990er Wiedergeburt der 1960/70er Wiedergeburt der Koteletten des 19. Jahrhunderts einleiten.
Bayreuth versucht seit dem „Wiederaufsperren“ (Adorno) im Jahre 1950 verzweifelt, so harmlos wie ein ausdrücklich hutloses Ascot und eine deutsche Last Night of the Proms ohne Mitmachen und Rasseln (dafür jetzt aber auch mit Public Viewing!) daherzukommen. So albern wie am Ende der Saison in London kann es in Bayreuth nur beim (trotzdem öden und peinlichen) Defilee zugehen, sobald man den Konzertsaal betreten hat, erschöpft sich das deutsche Vergnügen im Witz, der bei Wagner überwiegend als die Juden als grotesk, unauthentisch und dergleichen denunzierend reüssiert. Absurderweise ‚verdankt’ sich Wagners Ruf als die Musik modernisierender, als revolutionärer Komponist hauptsächlich seinem Antisemitismus. „Wie antisemitisch kann Musik sein?“, fragt Gerhard Scheit und deckt die Ausdrucksmöglichkeiten (ganz abgesehen von den Libretti) einer Kunstform auf, deren Konsumenten meinen, dass Musikgenuss flüchtig sei (wer kauft heutzutage schon noch Partituren?), mathematisch, abstrakt oder bloß zu Tränen rührend (was Beethoven den Deutschen sehr übel nahm) etc. pp.

Das „Judenthum in der Musik“ ist keineswegs, wie später in Bayreuth behauptet wurde, der Abschluß, sondern der Beginn von Wagners Antisemitismus im Sinne eines kulturpolitischen Konzepts. […] Sein Antisemitismus aber blieb und äußerte sich vor allem in den Schriften „Über Staat und Religion“ (1864, „Was ist deutsch?“ (1865/78), „Deutsche Kunst und Politik“ (1867) bis zu den Regenerationsschriften (1879-1881).
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Barenboim jedoch mag nicht aufhören Wagner ‚mutig’ zu entschulden – gerne in Deutschland, wo ihm die Zustimmung umso sicherer ist, als die Deutschen sich mitgemeint wähnen (dürfen!) und ahnen, dass sie auf keinen ihrer – nicht so zahlreichen, wie sie gerne vorgeben – Kulturschaffenden von Weltgeltung verzichten können. Barenboim teilt ihnen diesmal mit, er glaube nicht, „dass man Wagner mit der Endlösung verbinden kann.“ (zitiert nach: Volker Blech – Barenboim nimmt Wagner in Schutz, Morgenpost) Natürlich sei Wagner „ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte“ gewesen, „zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.“ (Ebd.) Unbestritten. So mag man denn auch behaupten, Wagners angeblich singuläre Verfehlung, seine antisemitische Schrift über das „Judenthum in der Musik“, sei bloßer Spiegel seines „Egomanentums“ (Barenboim) oder bloß mainstream-kompatibel gewesen. Die Vehemenz und Irrsinnigkeit allerdings, mit der Wagner sich als verfolgtes Opfer darstellte, nimmt das grundlegende Thema vorweg. Und „Das Judenthum in der Musik“ war nicht Wagner einzige antisemitische Tirade, wie Wagners Urenkel Gottfried zeigt:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner, ebd.


Briefmarken-Serie: Nothilfe mit Darstellungen aus den Werken Richard Wagners, Erstausgabetag: 1. November 1933

„Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war“, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen.“ (Morgenpost, ebd.) Und: „Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte.“ (Barenboim, zitiert nach: ebd.) Warum es nicht möglich ist, Richard Wagners musikalisches Werk von seinem antisemitischen Weltbild zu trennen und Wagner „offensichtlich unvereinbare Elemente“ zu vereinigen versuchte, hat Gerhard Scheit in „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ analysiert.
Doch stets schafft Wagner in einer Figur – sei es Alberich, Mime oder Hagen – einen Fokus der Abweichung, Trübung oder Zersetzung.
Es scheint, als biete die Musik nicht unbedingt die Möglichkeiten, die Figuren gegeneinander scharf abzusetzen – wie der Strich des Karikaturisten oder die Worte des Artikelschreibers oder auch die Mimik und Sprechweise des Schauspielers –, da sie doch davon lebt, die Motive in Zusammenhang zu bringen und eins ins andere zu verwandeln oder aufzulösen. So wird bei Wagner eine Vielfalt kompositorischer Methoden aufgeboten, um die Eindunkelung der lichten Momente zu bewerkstelligen und damit die Abgrenzung zwischen den Sphären aufzuheben. Der Komponist selber spricht von einer „fremdartig ableitenden Harmonisation“, wenn er an einem Beispiel aus der Walküre zu erklären sucht, was mit Natur- und Walhall-Themen durch Alberichs, Mimes oder Hagens Eingreifen fortwährend geschieht. Georg Knepler sieht völlig neue „Techniken zur Konfliktlösung“ [A.a.O.], wenn komplexe musikalische Vorgänge der Eintrübung, Verzerrung und Entstellung mit den negativen Figuren der Handlung semantisierbar werden. Die schließt jedoch nicht aus, sondern legt im Gegenteil eher nahe, daß sich Wagner bei der Komposition durch die antisemitisch geprägte Vorstellung leiten ließ, wonach die bösen Wesen sich in die guten einschleichen und sie von innen her zersetzen. Und so gesehen, hat Wagner in der Musik völlig neue Techniken antisemitischer Projektion entwickelt.
“ (S. 296 f; ein kurzer aber erhellender Auszug ist außerdem zu finden unter: Gerhard Scheit – Blonde Bestie, ewige Jüdin. Wagners Vernichtungsklang)

But, of course, the real villain is Wagner.
E.M. Forster – Howards End

In den Deutschen Medien beklagt man sich trotzdem unisono über die Unversöhnlichkeit der Israelis. Man kann ja gerade noch verstehen, dass diejenigen, die in den Vernichtungslagern miterleben mussten, wie sich die Deutschen mit Wagners Musik in mörderische Stimmung brachten, ihn nie wieder hören möchten. Aber nachdem sie – wie permanent mitgeteilt wird – demnächst aussterben werden… (Mit Claude Lanzmann – für den der Tod eine Schande bedeutet – möchte man für alle einfordern, was er sich für Michael Podchlebnik, einen inzwischen verstorbenen Überlebenden Chelmnos gewünscht hätte: „Männer seines Schlages sollten nie sterben dürfen.“ Der patagonische Hase)
Und obwohl viele nachweislich und zum großen Unbehagen der Deutschen, die endlich die letzten Zeugen beseitigt wissen möchten, nach wie vor überleben, ‚muss doch wohl endlich mal Schluss sein’… Und man gibt sich ein wenig indigniert, denn: „Kürzlich erst waren dort die (medialen) Leidenschaften wieder entflammt, als bekannt wurde, dass die junge Festspielleiterin Katharina Wagner in bester Absicht ein Kammerorchester aus Israel in Bayreuth empfangen wollte. Die Regisseurin hatte bei Amtsantritt bereits angekündigt, die Nazi-Verwicklungen ihrer Familie aufarbeiten zu lassen. Aber ihre einladende Geste sorgte für Unmut in Israel.“ (Morgenpost, ebd.)
Die ‚Aufarbeitung’ der „Nazi-Verwicklungen“ – man handhabt sie unterdessen wie die eines Stuhls oder Sofas, irgendwo kann man das Schmuckstück wohl hinstellen, schließlich ist es ein Erbstück und durchaus noch zweckmäßig zu verwenden.

Recommended reading:
Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult
Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
Claude Lanzmann – Der patagonische Hase

+ Playlist: „Heute mal nicht Wagner“

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 1/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 2/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 3/3

Dmtri Schostakowitsch – Klavierkonzert No. 2: II Andante

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 1/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 2/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 10: II Allegro

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 8: II Allegro non troppo

Bernard Herrmann – Psycho Suite

„Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“ – Kann schon sein… 2010 Remix

Die Fassade des Reichstags ist erst in Schwarz-Rot-Gold, dann ins Blau der Europafahne getaucht, die ersten Takte der „Ode an die Freude“ heben an, das Feuerwerk spritzt in den Himmel. Gänsehaut-Atmosphäre in Berlin wie damals in jener Nacht vor 20 Jahren, als Deutschland zur Mitternacht wiedervereinigt war.
Sebastian Fischer – Deutschland feiert sich, Spiegel online

Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.
Christian Wulff

Als 2009 den virtuell demokratiebegeisterten Deutschen vom Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung offenbar erschreckend häufig die NPD als Partei, die ihren Neigungen gerecht werden könnte, angeboten wurde, meinte man, das damit wegreden zu können, dass die NPD „wie ähnliche Gruppen [?] auch – ziemlich geschickt darin [sei], Forderungen zu formulieren, denen viele Menschen zustimmen können.
Oder: „Viele Programmaussagen der NPD aber lassen sich nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema nicht mehr deutlich einordnen – wenn man also einfach einen rechnerischen [?] Durchschnitt ermittelt, dann kann die Partei durchaus in „der Mitte“ [!] liegen.“
Oder: „Wer ausschließlich auf die konkreten [?] Forderungen von Parteien wie der NPD schaut, verliert das Wichtigste aus dem Blick. Dass nämlich vor der Lösung politischer Detailfragen erstmal Einigkeit über Grundsätzliches hergestellt sein muss – über Demokratie und Menschenrechte, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und die Ablehnung von Dingen [?] wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel. Aber das Problem ist wohl, dass all dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Tatsächlich?
Oder: „Die NPD fordert ein höheres Kindergeld. Sie will kleinere Schulklassen. Sie lehnt die Atomkraft ab. Und verlangt mehr Volksentscheide. Das sind doch alles gute Sachen, oder? [ODER?] Doch wer einige dieser Positionen teilt, kann beim Wahl-O-Mat eine „Übereinstimmung“ mit der rechtsextremistischen NPD bescheinigt bekommen. Ist er oder sie deshalb ein verkappter Nazi? – Nein, natürlich nicht.
Natürlich nicht! Verkappt?
Oder: „Was Parteien wie der [sic] NPD von Demokraten unterscheidet, sind nicht so sehr [!] Forderungen zur Familien-, Bildungs- oder Umweltpolitik. Sondern die Antworten auf Fragen wie diese: Sind Sie dafür, dass alle Menschen gleiche Rechte und dieselbe Menschenwürde haben? Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu den höchsten Werten des Grundgesetzes und dürfen nicht angetastet werden, oder: Ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess für Sie ein Held? Von solch harten Fragen lenkt die NPD durch ihre „weichen“ Forderungen ab, und das ist Strategie.“
Alle Zitate: BpB, Thoralf Staudt – Hilfe bin ich jetzt ein Nazi?
Zu Sicherheit wurde jedoch noch einmal darauf verwiesen, dass es in Deutschland eine unbestechliche Institution gäbe, bei der man erfahren könne, wo man als guter und den Schein zu wahren bereiter Nachkriegsdeutscher sein Kreuz auf keinen Fall zu machen habe:
Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. […] Welche Parteien als extremistisch eingestuft werden, können Sie auf den Seiten des Verfassungsschutzes nachlesen: www.verfassungsschutz.de.“ (BpB)
Was hierzulande als selbstverständlich vorausgesetzt wird, beweisen die Deutschen wieder mal; und die scheinbar (!) erschrockene Reaktion in den Medien angesichts der Zahlen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) vorgelegt hat, dient bloß der Exkulpation. Dass im einen Volk weitgehende Übereinstimmung herrscht, und ‚Links’, Mitte und Rechts in Deutschland immer noch deutsch sein wollen, kann nicht überraschen. Zum Thema wurden in den letzten Jahren diverse (mehr oder weniger gelungene) Bücher publiziert.
Beim Spiegel z.B. rechnet man sich dennoch alles schön, Beispiel:
Der vorgegebene Satz lautet: „Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ Die Zustimmung/ Ablehnung verteilte sich wie folgt: lehne völlig ab – 21%, lehne überwiegend ab – 16%, stimme teils zu, teils nicht – 27,4%, stimme überwiegend zu – 21,9%, stimme voll und ganz zu – 13,7%. Der Spiegel errechnet daraus 35,6% Zustimmung.
Schlimm genug wäre das, aber alles außer einer nicht vollständigen Ablehnung dieses Satzes hat, jenseits anderer Erwägungen, ebenfalls zu berücksichtigt werden. Die Prozentzahlen, mit denen in den Medien derzeit im ‚Negativbereich’ gearbeitet wird, täuschen immer noch über das tatsächliche Ausmaß von u.a. Rassimus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der „Wertegemeinschaft“ Deutschland hinweg.
Sarrazin, Seehofer, und wie sie alle heißen mögen, sind tatsächlich in einer Hinsicht das, als was sie sich gerieren: Die Vertreter des unbeirrbar harten, mitleidlosen, missgünstigen und sentimental selbstgerechten Volkswillens. Das Deutscheste an ihnen ist, dass sie das auch noch als mutig und aufopferungsvoll ausstellen. Was sie den Deutschen unverzeihlicherweise erneut in die Hand geben wollen, in Zusammenarbeit mit den deutschen Massenmedien, ist der unbedingte Wille, nachdrücklich und um jeden Preis mal wieder eine als solche auch noch bezeichnete deutsche Identität zu konstruieren. Und wie immer, wenn es in der Geschichte des Volkes ums Deutschtum geht, wird zum sich Wehren aufgerufen.
Reprise: „Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ Und Wulff „hält nur eine knappe Ansprache, fordert zu „stillem Stolz und lautem Dank“ auf. Dann ertönen die Hymnen.“ (Sebastian Fischer, ebd.)

Highly recommended reading:
Améry, Horkheimer, Adorno, Claussen, Scheit, Bruhn, Pohrt, Berg etc. pp.
Gisela Elsner – Heiligblut
Gershom Sholem – Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch (Auszug bei ex-antifareferat Freiburg)
Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle
Nichtidentisches – Die letzte Tapferkeit/ Deutsche Klotüren
+ Later:
Telegehirn – Das ist Wahnsinn! Nein, das ist Deutschland!
WADIblog – Gelungen assimiliert

Anselm Kiefer – der Künstler als Deutschlandinsichtragender

Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry

Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.

The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.

R.L. Stevenson – The Cow

Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.

And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?

Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)

Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.

Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«

Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09

* Da passt immer noch eine Kuh rein!

„Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht.“ Die Leiden des jungen B.

Mit dem ‚Vollgasgebenden‘ oder ‚voll Gas Gebenden‘ ist Joseph Goebbels gemeint. Der 39-jährige, von den US-Amerikanern im Bunde mit den Nazis um sein Deutschtum, um seine Identität und Kultur betrogene Moritz Bleibtreu hat im Interview mit The European außerdem so ziemlich alles von sich gegeben, was dieses Land so unangenehm macht, weswegen die Zitate hier auch weitgehend unkommentiert wiedergegeben werden. Mehr zu den Reaktionen auf Oskar Röhlers (laut Süddeutscher „einer der erklärten Wilden unseres [!] Kinos“ – teehee) „Film ohne Gewissen“ kommt demnächst.

Moritz Bleibtreu im Interview mit Nina Klotz für The European: „Jud Süß. Film ohne Gewissen. ‚Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft‘“, Auszüge:

Trotzdem finde ich, dass gerade Leute aus meiner Generation das Recht haben müssen, sich mit der eigenen Zeitgeschichte künstlerisch frei zu beschäftigen. Ich muss das Recht haben, mit diesen Figuren künstlerisch machen zu können, was ich will.[…]
Das [Harlans „Jud Süß“] ist handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus [???? usw. usf.] . Er spielt mit einer irren Manipulation, die den Film wahnsinnig gefährlich macht, keine Frage. Es ist perfide. Und gerade in Bezug auf die Novelle von Feuchtwanger [die, by the way, ein 535-Seiten-Roman ist, Aufbau TB] ist es abstoßend, was daraus gemacht wurde – und mit welcher Intelligenz. Aber diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen. Der Film bekommt dadurch eine Wichtigkeit und ein Gewicht, die er überhaupt nicht verdient hat. Ich bin der Meinung: Zeigt ihn in der achten Klasse im Deutschunterricht, lest die Novelle dazu und diskutiert es! […]
Der Faschismus damals war auf seine Art so intelligent, dass die Menschen nicht gemerkt haben, worauf er hinausläuft.[…]
Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.[…]
Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte.[…]
[E]r war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter. […] Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen. “Der Bock von Babelsberg”, “Goebbels gerammelte Werke” – der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals […].
Diese Zeit [der Nationalsozialismus] hat für mich als Schauspieler immer noch einen direkten Einfluss auf mein Leben, da sie meine kulturelle Identität beeinflusst hat. Alle Kunstschaffenden leben von kultureller Identität. Kino wäre ohne kulturelle Identität tot.[…]
Als ich jung war, habe ich Deutschland gehasst. Ich fand alles an diesem Land schrecklich, weil ich keine Identifikationsfläche hatte für irgendetwas Deutsches, das ich als positiv empfinden konnte. Es gab keine deutsche Musik [???, nur mal kurz dem Alter des Interviewten gemäß recherchiert…], es gab keine deutschen Filme [???], es gab keinen Xavier Naidoo [lucky you!], kein Silbermond [dito], keinen Til Schweiger [dito] und keinen Jürgen Vogel [Es gab schon lange Werner Enke, und der sagte immer wieder und offenbar zu Recht: „Es wird böse enden!„] Es gab im Bezug auf das Deutsche gar nichts. Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten. […] Wann werden wir es endlich lernen, auf eine schöne [den Link zu Riefenstahl setze ich jetzt mal nicht] und coole Art patriotisch zu sein? Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes. […] Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?

Heute vor siebzig Jahren haben es die, die u.a. deutsche Kultur mit allen Mitteln vor geistigen ‚Besatzern‘ bewahren wollten, geschafft, Walter Benjamin in den Tod zu treiben. Er hat auf deutsch geschrieben; jemand sollte Moritz Bleibtreu eine Gesamtausgabe seiner Werke zu Weihnachten schenken. ThdHH?

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Recommended reading:
Walter Benjamin – Gesammelte Schriften
Lion Feuchtwanger – Die Brüder Lautensack, Erfolg, Exil, Die Geschwister Oppermann, Der Tag wird kommen und überhaupt
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
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Update 30.11.2010: Der „junge B.“ wurde im aktuellen Konkret-Heft (12/10) von Herrn Gremliza express-gerevisited – auch hübsch, aber es gibt nichts wirklich Neues zum Thema zu lesen.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei…“

Gesetzt den Fall, es käme einer, der die Deutschen zu lieben verspricht: Würde er bei ihnen auf Gegenliebe stoßen?
Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit

…und die Deutschen wünschen sich schon wieder einen Tabubrecher herbei – lieben muss er sie nicht, das käme ihnen dann doch unglaubwürdig vor.
Sie wollen bloß einen, der erneut ausspricht, was man im Land der Opfer von so ziemlich allem nicht sagen darf, der das außerdem auf „gut deutsch“ tut. Und der überhaupt beweist, dass man nach wie vor Opfer ist. Dass auf höchster volksvertretender und vertretenwollender Ebene vergleichsweise schnell abwehrend reagiert wurde (auch von Angela Merkel, die üblicherweise, bevor sie eine Meinung äußert, abwartet, was die RTL-Telefonumfragen zum Thema mitteilen und dann die von Sat1, Pro7, Kabel1, und dann noch die von der ARD, dem ZDF und allen Dritten Programmen), verwundert kaum. Denn Schuld daran haben, dass sich „Deutschland“ „abschafft“, will man tatsächlich nicht. Es ist eben dieser auch noch titelgebende Vorwurf Thilo Sarrazins, der die heftigsten und Volkes Stimme erst einmal zu widersprechen scheinenden Reaktionen überhaupt ermöglichte. „Rechts von den Volksparteien“ sei noch Platz, verkünden die staatstragenden Medien. Womöglich, aber in Deutschland versteht sich jede Partei als Volkspartei, wie sich auch nahezu alle von Parteien vertretenen deutschen Interessengruppen inklusive jene der Partei der Nichtwähler als das wahre Volk gerieren. Nachdem man sich allerdings „scharf“ von Sarrazin distanziert und Konsequenzen angedroht hatte, nachdem also bewiesen war, dass man selbst ganz und gar nicht rassistisch, fremdenfeindlich, volksverhetzend, böse, gemein und antisemitisch (nach offizieller Diktion also deutschlandabschaffend) ist, geschah das, was jeder mit Deutschen und ihren Politikern auch nur halbwegs vertraute bereits zu Beginn der Debatte erwartet hatte: Die Mehrheit des Volkes als mutige Avantgarde gibt ihm sowieso recht – in Umfragen, in Foren, in Briefen an Sarrazin (von denen er stolz wie Walser berichtet), in der Bild-Zeitung, der NPD, bei PI, einfach überall, wo die Deutschen sich nonkonformistisch fühlen dürfen. Nonkonformismus jedoch bedeutet hierzulande, die von allen, die man im Dorf so kennt, zigmal bestätigte Meinung endlich mal richtig öffentlich zu machen. Die sich selbst immunisierthabenden Repräsentanten zogen kaum später nach. Graduell abweichend und pädagogisch vermittelnder im Tonfall sicherlich und unterschiedlich motiviert ganz gewiss. Die vorgeblich beschwichtigenden Reaktionen der „anständig gebliebenen“ Politiker kamen viel zu schnell, um sie als bloßes demvolknachdemmundreden klassifizieren zu können. Regierung und Volk haben, wenn Letzteres sich bedroht wähnt, denselben Lösungsansatz zu bieten. Die wichtigste Botschaft allerdings, die so schnell wie möglich unters Volk gebracht werden musste, war: „Auch wir wollen trotzalledem keine Tabus.“ Die Chance durfte man sich nicht entgehen lassen. Die große deutsche Bürger-Initiative hat einen einzigen Slogan: „Kein Tabu nirgendwo.“ Einer der intelligenteren Sätze von Roger Willemsen lautete, es gebe doch in den deutschen Medien gar keine Tabu-Themen, außer dem Spätwerk Adalbert Stifters. (Oder war’s Heimito Doderer? Ausnahmsweise egal…). Eben.

Thilo ist die Kurzform von Namen, welche mit Diet, insbesondere Dietrich, gebildet sind. Altfränkisch thiuda (althochdeutsch: diot das Volk) und rihhi reich und mächtig, rihhan beherrschen). Das bedeutet „Der Reiche (Mächtige) im Volke“ oder auch „Der Herrscher des Volkes“.
Wikipedia

Ist Sarrazin also nur ein hilfloses Opfer, rituell gemeuchelt auf dem Altar vorgeblicher Political Correctness? Ganz gewiss nicht. Er ist jetzt genau das, was er sein wollte: Er ist deutscher Prophet. In Deutschland wird niemand des Volkes unermüdliches Raunen zum begeisterten Kanon anschwellen lassen („Wehrt euch, leistet Widerstand…“), der sich nicht als Opfer (Märtyrer trifft es nicht – denen sind alle Gesten der Empörung fremd, und Sarrazin gibt sich dauerempört) ausstellen kann. Walser musste scheitern, weil ihm zu früh offiziell zugestimmt wurde (Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen!), Hohmann hielt seinen Vortrag in Neuhof bei Fulda, Schill war dicht dran, aber Kokain die falsche Droge für Berufene und er zu moralisierend für die Droge, Stoiber und Rüttgers wars nur rausgerutscht usw. usf. Ganz zu schweigen von den vielen, die nicht einmal wahrgenommen oder unter den Teppich gekehrt wurden, bei denen es egal war beziehungsweise niemand verstand oder merken wollte, was sie da gerade gesagt hatten, weil es eh im Konsens oder alle besoffen waren etc.pp. Ob Sarrazin darauf hinarbeitete, ob es Intuition war, ob deutsche Erziehung, Bildung, kulturelle Identität, seine mühsam gezüchtete Intelligenz, seine Gene, was auch immer, man wird es wohl nicht herausfinden (wobei eine Autobiographie unvermeidlich scheint: „Mein Opfer für Deutschland. Wie ich verhinderte, dass wir abgeschafft wurden“ oder so). Sicher ist eins: Es hat seit langem keinen erfolgreichen deutschen Demagogen mit Schnurrbart mehr gegeben. Nicht einmal einen westeuropäischen – von den Pim Fortuyns, Geert Wildersens, Jörg Haiders, und wie sie alle heißen mögen, unterscheidet er sich allein dadurch schon, dass er eben einen Schnurrbart trägt und keine polierte Glatze hat oder erstaunlich fülliges, erstaunlich blondes Haar oder luxuriös gebräunte Haut. Natürlich tun die ihn demokratisch legitimiert nachahmenden Politiker trotzdem so, als ginge es ihnen darum, ihr Volk vor einem grotesken Demagogen zu retten, es davor zu bewahren, sich selbst so (neidvoll) verächtlich mustern zu müssen wie all die Jahre die Niederländer, Österreicher, Italiener etc. Nur erscheint Sarrazin den Deutschen überhaupt nicht verdächtig verführerisch oder fragwürdig faszinierend. Der Volkswirt und Dr. rer. pol. Sarrazin braucht das nicht, will es nicht, darf es nicht haben; er gleicht auffällig vielen der SPD sich verbunden fühlenden Akademiker seiner Generation.
Seine betonte Schlichtheit richtet er mit ein paar Attitüden ein, mit etwas z.B., das schnoddrig-preußisch daherkommt. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er jemanden ungeduldig herbeiwinkt und runterputzt: „Komm er mal her, Kerl. Seine Schuhe haben wohl lange keine Bürste mehr gesehen.“ Die Durchschnittlichkeit, die sich solcher Distinktionsmerkmale zu bedienen hat, prädestiniert ihn zum Propheten eines Volkes zu werden, das zu seinen Wortführern immer nur die seinem phänotypischen und intellektuellen Durchschnitt entsprechenden erkoren hat.
Wer immer noch glaubt, die Herren Hitler und Goebbels, Himmler und Göring hätten die Deutschen mittels ihrer sensationellen rhetorischen Fähigkeiten, ihrer umwerfenden Ausstrahlung, ihrer einzigartigen Überredungsgabe, ihres Charismas, womöglich sogar ihrer den ganzen Polit-Kram vergessen machenden Schönheit wegen etc. pp. in Bann gezogen, also glaubt, das Volk habe eine ganz besondere Persönlichkeit gebraucht, um sich dem Wahn zu ergeben, liegt schlicht und einfach falsch. Hitler reüssierte als Darsteller des Kleinen Mannes (vgl. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger et al.), der aus nichts schöpfte als dessen Opferimagination, und dessen Größenwahn sich nur aus dieser speisen konnte. Hitler versprach den Deutschen nichts, als dass sie sich endlich würden wehren dürfen. Und nichts anderes wollten sie.
Einer der Gründe dafür, dass selbst ein durchschnittlich Begabter wie Sarrazin derzeit nicht zum Führer – welcher Ausprägung auch immer – aller Deutschen werden kann, ist die Tatsache, dass man sich im Moment halbwegs zuhause fühlt, gemütlich ins bequeme Pseudo-Tabu-Nest gekuschelt. Noch ruht sich das Volk außerdem aus, die „friedliche Revolution“ verdauend und verkatert, wie nach jeder lausigen Party, die man sich um jeden Preis schöntrinken wollte. Bedenklich ist dennoch, dass Deutschland ihm etwas nicht übel nehmen mag, das üblicherweise seinen Abscheu hervorruft. Er habe sich bereichert, auf Kosten der Steuerzahler! ruft Gabriel ins Land, und unverschämte Pensionsansprüche mit der Bundesbank ausgehandelt. Und der Ruf verhallt.
Als Berufener hingegen darf sich Sarrazin fühlen, denn: Er habe eigentlich zurücktreten wollen und täte es nur deswegen erstmal nicht, weil ihn die überwältigende Zustimmung des Volkes davon abgehalten habe (im Volksbildungs- und Volkserziehungsverein SPD will er passenderweise nach wie vor bleiben; aus dem Vorstand der Bundesbank hat er sich zurückgezogen, auch um den tatsächlich beliebten Bundespräsidenten zu retten). Wenn Deutschland befiehlt, folgt sein in Umfragen erwählter Repräsentant. („Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt, ebd.)
Fröhlich droht der sich notwendig als verfolgt Darstellende und Autor eines Buches über die Deutschen als Opfer nun gleich selbst mit einem „politischen Schauprozess“, dem er ausgesetzt sein und, er ist sich sicher – seltsam bei einem Schauprozess, außer eben man ist der Ankläger –, gewinnen wird. Auch der Landesausländerbeirat Hessen hat Anzeige gegen Sarrazin erstattet, wegen des Tatbestands der Volksverhetzung – das ist nicht die erste einschlägige Klage gegen Sarrazin, und so sehr man jede Klage gegen ihn unterstützen sollte, im verzweifelten Versuch, den deutschen Tabubrechern und deutschen Mauereinreißern doch noch irgendwie Einhalt zu gebieten. Es bleibt die Frage:

Wer kann dieses Volk überhaupt noch verhetzen? Dieses friedliche Lichterkettenvolk? Dieses Tee- und Grablichter-, dieses Fackeln-Volk? Dem Taschenlampen zu banal zivilisiert oder zu umweltfeindlich (dabei gibt es schon welche mit Kurbeln…) und eh zu unromantisch für seine Anlässe erscheinen. Irgendetwas muss hier immer glimmen, glühen, leuchten, brennen, züngeln, lodern, um Deutschland vor sich selbst schöner aussehen zu lassen. Die liebevoll gehegte narzisstische Kränkung kann nur im sanften Licht der „Flamme empor“ ertragen werden. Jeder, auch noch der pointierteste Kritiker Deutschlands irrt sich, wenn er glaubt, irgendetwas sei vorbei. Das „eine Volk“ ist über alle Parteien hinweg mehrheitlich rassistisch oder ethnopluralistisch oder völkerverstehend oder kulturbewusst oder als was es sich gerade exkulpierend bezeichnen will. Und es stellt sich auch deswegen nicht mit batteriebetriebenen Lichtlein an den Straßenrand, weil man mit denen nicht nachher doch noch vielleicht ein kleines bisschen rumzündeln könnte. Wenn es seine einstigen bzw. zukünftigen Opfer zwischendurch mal ein wenig in Ruhe lässt, sie gar ein wenig lieb haben mag, dann bloß, weil es zum Beispiel glauben darf, dass man gemeinsame Feinde hat, sie eine taugliche Illustration des eigenen Leidens (an diesen) hergeben oder weil man Angst hat, ihr Opferstatus könne den eigenen übertreffen und dergleichen mehr. Nach 1993 wollte man ihnen daher nicht mal mehr gönnen, dass Rechtsradikale ihre Häuser anzündeten. Denn unter ihren Rechtsradikalen haben die Deutschen gefälligst selbst am meisten zu leiden, wie man auch nicht aufhören möchte, mitzuteilen, die ersten Opfer der Nazis seien schließlich ‚die Deutschen’ gewesen.
Die Deutschen wollen nichts teilen und befürchten doch, dass man etwas geben muss, um Ruhe zu haben. Man verteilte also großzügig das Wertvollste, was man sich vorstellen kann: kulturelle Identität, völkische Identität, deutsch verstandene Identität, die von vorneherein ausschließt, dass derjenige, dem sie gewährt wird, jemals mit den Deutschen verwechselt wird, und die festschreibt, dass er auf ewig fremd sein muss, weil er irgendwo anders noch wurzelt – wohin er bei Nicht-Bedarf zu verschwinden hat.


Neozoon Wildkaninchen: Deutsche Kulturlandschaften bedrohender Immigrant aus Südeuropa

Es herrscht genau so lange Ruhe, wie von oben nachdrücklich bedeutet wird, sich allzu öffentlich zu wehren, sei gerade so gar nicht opportun – Standort, Export etc. – und vor allem schade es dem deutschen Opferstatus. Weshalb auch jeder im Dorf brav die Fenster schließt, wenn die Abwehrschlacht der ach! so bemitleidenswert perspektivlosen deutschen Jugend gegen die fremden Invasoren allzu viel Krach erzeugt. Im Wollen sind die entnazifiziert sich wähnenden Deutschen unübertroffen, für jede Handlung allerdings hätten sie trotz aller demonstrativen Unkonventionalität gerne einen Legitimationsschein. Als solcher gilt ihnen mitunter bereits ein Wort, ein Satz, eine Rede, ein Buch. Weil aber fünfzig zum Preis von einem-Wochen sind, werden dem Volk die Ermächtigungslizenzen hinterher geschmissen. Express Köln: „Wir brauchen keine Populisten, aber gestandene Demokraten, die auch mal gegen [?] den Strom schwimmen.“ Neue Westfälische, Bielefeld: Sarrazin „hat den Empörungsdemokraten [mit seinen Verallgemeinerungen] das Holz für seinen eigenen Scheiterhaufen [!] übergeben.“ Merkel will keine rechtsfreien Räume zulassen und nicht vor gewaltbereiten Jugendbanden kapitulieren. Sie teilte der Bild am Sonntag außerdem mit, die Gewaltbereitschaft junger Muslime solle nicht tabuisiert werden. „Das ist ein großes Problem, und wir können offen darüber reden, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.“ Gewalt junger Menschen sei aber nicht mit einer bestimmten Religion zu verbinden und oft ein Zeichen dafür, dass sie keine Perspektive für sich sähen: „Und da hilft nur Bildung.“ Die SPD will „Integrationsmuffel abschieben“ (Sigmar Gabriel), ein Integrationsministerium und … Bildung. Klaus von Dohnanyi, der bereits Walser beistand und 1998 behauptete, wenn die Nazis die Juden nur hätten mitmachen lassen, würde sich herausgestellt haben, dass die auch Nazis seien (Broders Vergewaltigungs-Metapher war recht treffend), meint 2010, dass „[n]iemand mit Sachkenntnis“ heute noch bestreiten könne, dass es „besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen“ gebe. Und so weiter und so fort.
Sarrazin hat die große deutsche Pressure Group zwar nicht von der Leine gelassen, aber die Leine ein Stück weit abgerollt. Merkel spüre, dass etwas „schwer zu beherrschendes aufgebrochen sei“, sagt er und deshalb komme es zum „Kesseltreiben“. „Man traut meinen Gedanken einige Sprengkraft zu.“

Wenn demnach dieses sozialspezifische Problem zu einer allgemeinen Degenerationsthese und der mit ihr erzeugten Furcht verallgemeinert wurde, ist dafür die biologische Interpretation sozialer Bedingungen verantwortlich zu machen. Sie wurde getragen von einer bürgerlich-akademischen Schicht, die ihren Lebensraum, die Großstädte, durch ebendiese Entwicklung bedroht sah und dieser Bedrohung auch nicht entkommen konnte. Erst unter Berücksichtigung dieser Bedingungen wird die spezifische, kontrafaktische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Strukturveränderungen der allgemeinen Degeneration verständlich, die im übrigen kurze Zeit später im Pendant in der genauso motivierten Generalisierung der ‚differentiellen Geburtenraten’ erhalten sollte, wo aus der – kurzfristig – höheren Kinderzahl der ‚minderwertigen’ Familien eine Bedrohung der höherwertigen Schichten wurde.
(Weingart, Kroll, Bayertz – Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland)

Die Intention allerdings ist das Gegenteil von die deutsche Gesellschaft aufsprengenden Analysen. Das Volk soll geeint werden im alle verbindenden Anspruch: „Keine Tabus mehr!“ Der Plural selbst ist schon gelogen, gemeint ist: „Kein Tabu mehr!“ Als Tabu gilt der Volksgemeinschaft am Ende einzig ihr Wille, sich mal wieder zu wehren. Natürlich handelt es sich um ein imaginiertes Tabu, das nichts anderem dient, als permanent rumjammern zu können, man dürfe ja als Deutscher so gar nichts. Was wiederum zum ungeheuer mutig sich wehren aufruft. So kreist die deutsche Volksseele ewig weiter um sich selbst und lässt Zentrifugalkräfte die Drecksarbeit für sich erledigen.
Sarrazin vertritt uneingeschränkt eugenische Forderungen. Die Furcht vor der Degeneration des deutschen Volkes treibt ihn um. Und er findet nichts als die alten Antworten, die er als Neuigkeiten ausgeben muss, um ihre Rolle als Wegbereiter zum deutschen Verbrechen zu vertuschen. (Denjenigen, die mitteilen, unter den Eugenikern hätten sich im 19./20. Jahrhundert auch Linke befunden, ist Recht zu geben – das sagt allerdings mehr über die Linke als über die Eugenik aus.) Das kostet ihn nicht einmal Mühe, denn die deutsche Bildung, auf die er nicht zuletzt deswegen pocht, hat ihm nichts gegeben, außer dem absurden Stolz darauf, dass ‚diese zwölf Jahre’ eben nicht alles waren. Genau das aber waren sie für Millionen Menschen: Das Ende von allem! Und das perverse Versprechen, das darin nicht allzu verborgen liegt, wirkt nach. Da er aber gerade das nicht wissen will, fürchtet er nichts mehr als die ‚Entartung’ und den Niedergang der Deutschen. Und verwendet umso unbefangener und Trotz bloß vortäuschend die kontaminierte und kontaminierende Terminologie.
Wer sich in Deutschland ‚unbefangen’ des Begriffs Kultur bedient, ignoriert, dass die Nationalsozialisten durchaus keine erklärten Anhänger Darwins waren. Die Exkulpierung Heideggers vom nationalsozialistischen Rassismus trieben die Nachkriegsdeutschen auch mit Hilfe seiner vordergründigen Kritik an der Biologie voran – Heideggers Kritik jedoch galt wie die vieler deutscher Wissenschaftler nicht der rassischen Diskriminierung, sondern einer Wissenschaft, „die nicht deutschen Ursprungs ist, da sie auf der darwinistischen Lehre vom Leben beruht und damit auf dem, was Heidegger ‚die liberale Auffassung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft’ nennt, die im englischen Positivismus des 19. Jahrhunderts zu Anwendung gelangte.“ (Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie) In diesem Rahmen spielte deutsche Kultur eine zentrale Rolle. Sarrazin lagert nachkriegspolitisch alles aus, was mit den Begriffen Gene, Ethnien und ‚Rassen’ zu tun hat: Britische oder US-amerikanische oder kanadische oder gar israelische Forschende haben womöglich irgendetwas zum Thema gesagt, und ganz „Deutsches Opfer“ beugt er sich ihrem Sieger-Diktum. Weil die Deutschen ja im Gegensatz zu den darum beneideten moralischen Siegern nichts zum Thema und sowieso sagen dürfen! Deutsche Kultur jedoch ist das immer bloß gewollte ‚andere Deutschland’.
Wer annimmt, Sarrazins rassistische Thesen seien eigentlich classism oder religionskritisch täuscht sich ebenfalls. Sarrazin leidet weder an klassenbedingtem Bildungsdünkel (wobei natürlich wie immer alles hier aus der Mitte entspringt…), noch ist er islamophob. Der Islamismus kümmert ihn so wenig wie der Islam, solange sie sich nur nicht ins Deutsche einzumischen wagen. Und natürlich gilt ihm das „Kopftuchmädchen“ nicht als Bedrohung. In seiner Imagination nämlich hat es hinten in der Klasse zu sitzen und die Klappe zu halten. Erst wenn es teilhaben will, am Leben seiner Mitschüler wird das Problem offensichtlich – man hat ihm keinen anderen Platz zuweisen wollen, als in der Bankreihe noch hinter denen, die man sich in Deutschland so unter Hartz IV-Empfänger-Nachkömmlingen vorstellt. Wie deren Eltern auszusehen haben, wird einem regelmäßig in Talk-Shows, in der Bild-Zeitung, überall sichtbar vorgeführt. Und nur diesen wenigen vorgeführten Personen ist Sarrazins Verachtung gewidmet. Das schmälert sein herausforderndes Deutschtum ebensowenig wie der Hass der Nazis auf ‚die Asozialen’. Die Nazis übrigens, die ebenso wie er ihre ‚Vorzeige-Ausländer’ vorweisen konnten.
Sarrazin schreibt nicht einmal für Leute, die Bücher lesen – der Abdruck von Auszügen genügt ihm, seinen Lesern (und mir sowieso! Der permanente Hinweis, sein Buch zu kaufen, ist unverkennbar ironisch gemeint und zielt nicht auf sich selbst, sondern ist als Entblößung der nur Gierigen gedacht. Wobei Sarrazin – ganz deutsches Opfer – auch verschämt andeutet, er würde aufgrund seines Mutes demnächst womöglich verhungern müssen, vgl. Walser und Henscheid). Den Abdruck gibt es unter anderem in der Bild-Zeitung (online ausschließlich für Nicht-Hartz IV-Empfänger, denen will man nicht mal einen Computer gönnen! Later: Jetzt doch Computer, dafür aber nicht merh rauchen oder trinken…). Und wer glaubt, alle Hartz IV-Empfänger fühlten sich angesprochen, wenn man ihnen vorwirft, sie trügen zur Abschaffung der Deutschen bei, täuscht sich noch einmal. Wer das ist, hat man sich im Volksfernsehen (das man empfangen darf, weil es laut Gerichtsurteil zur Teilhabe an ausschließlich Deutschem genügt) anschauen können – Deutsche sind das den Deutschen nicht. Derart stereotyp imaginierte Hartz IV-Empfänger sind innerhalb erschreckend kurzer Zeit zu etwas die deutsche Kultur verderbenden geronnen – das war nicht möglich ohne das ungebrochene Ressentiment. Sie sind faule parasitäre Existenzen, gerne in Florida oder sonstwo in der Sonne! Schön wär’s und ihnen eindeutig zu gönnen; die Missgunst aber hat noch jeden Traum (außer den, der alle anderen beendet!) als schädlich diskreditiert. Es gibt keinen tatsächlich gravierenden ideologischen Unterschied in Deutschland zwischen Mob, Kleinbürgertum und Elite. Alle – oben wie unten, links wie rechts – finden sich im angeblichen Nichtssagendürfen, Nichtkönnen, Nichterlaubtsein. Daran ostentativ zu leiden und dem Rest der Welt alles Mögliche zu neiden, ist deutsche Identitätsstiftung in Reinkultur. Entlang dieser Identifikation werden Bündnisse geschmiedet, avisiert oder imaginiert, die nur über den deutsch verstandenen Opferstatus hergestellt werden können.
Wer auch immer behauptet, den Deutschen genüge es, sich vor der Welt als tolerantestes aller Völker auszustellen und dass sie zu irgendetwas nicht in der Lage seien, hat seine eigenen Texte nicht gelesen. Wozu die Deutschen nicht in der Lage sind, kann man 65 Jahre nach Kriegsende überhaupt nicht wissen. Und nicht umsonst geht es Sarrazin auch darum, das Kulturvolk mittels Gebärprämie zu verjüngen. Es gilt immer noch Churchills Warnung „The hun is always either at your feet or at your throat.“ Und wenn – zugespitzt formuliert – der ausgerechnet im Gebirgsjägerbataillon 233 militärisch ausgebildete Verteidigungsminister die Abschaffung der Wehrpflicht anzustreben vorgibt (wohl wissend, dass höchstens eine Aussetzung drin ist) und betont, man müsse dann auch Bewerber ablehnen dürfen, weil sie „nicht zu uns passen“, ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, ihm läge vor allem daran, eine deutschlandtreue und der internationalen Kontrolle weitgehend entzogene Armee zu formen (wie die „Atlantiker“ in der Union deren völkischem Flügel zu Recht noch nie als Opposition galten). Im Ernstfall wird wieder eingezogen und Schießenwollen hat das Fußvolk nach spätestens einer Woche gelernt. Es steht nichts an und geplant wird auch nichts, aber es raunt und ahnt mal wieder. Und jedesmal, wenn es nicht zum ‚großen Knall’ gekommen ist, lehnt sich jemand zurück und will demnächst Recht gehabt haben. Dass aber jede dieser ‚Verpuffungen’ Menschenleben gekostet hat und einen weiteren Schritt der Deutschen zur erneuten offensiven Volkswerdung, ihr crawling from the feet to the throat bedeuten könnte, geht in alberner Erleichterung oder dem kindischen Bedürfnis zu den cool gebliebenen zu gehören unter. Erleichterung ist unangemessen, und das Fatale an der Story vom „Boy Who Cried Wolf“ ist, dass der Wolf immer kommt, wenn keiner mehr daran glauben mag. Die alle anderen exkulpierende Moral der Geschichte weist allein dem Warner die Schuld zu, weil niemand mehr wachsam sein will, wegen des penetranten Alarmismus. Trugschluss!

Das 19. Jahrhundert war keineswegs nur die Epoche eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Neben dem ‚offiziellen’ Geschichtsoptimismus dieses Jahrhunderts existiert ein sich aus kulturkritischen, pessimistischen, irrationalistischen und bisweilen einfach skurillen Ideen. Lehren und Theorien speisendes Niedergangsbewußtsein, dessen Einfluß auf die weltanschauliche und ideologische Orientierung von Teilen des ‚gebildeten’ und kulturell interessierten Bürgertums kaum zu unterschätzen ist.
(Weingart et al. ebd.)

Die Erwähnung von Genen erfolgte nicht aus Versehen im Zusammenhang mit Juden und Israel, und ganz bewusst als vergiftetes Lob. Sarrazin hat bis dato keine seiner Aussagen zurückgenommen, keine einzige. Auf jeder besteht er wiederholt und nachdrücklich, nur „das mit den Juden“ hätte er „vielleicht nicht sagen sollen“, betont er wie mit einem Augenzwinkern und weiß sich verstanden. Denn was immer der Leser diesem singulären Rückzug entnehmen mag, ist intendiert.
Das den Deutschen verbotene Wort ist in die Diskussion eingeführt und zielt im philosemitischen Deutschland in seiner Anwendbarkeit auf jeden, nur nicht auf die Juden. Von denen wird erwartet, dass sie im Idealfall gleich selbst leugnen, überhaupt Gene zu haben und ergo unangreifbar weil unmenschlich mächtig sind. Ganz anders nämlich sind sie als die „Basken“ oder „Isländer“, von denen man das mit den Genen unwidersprochen hätte behaupten dürfen. Wobei die es gar nicht nötig hätten, irgendetwas von ihren Genen zu erzählen – weil sie ungeheuer verwurzelte Kulturvölker sind, die müssen ihr ‚Existenzrecht’ nicht mal beweisen. Sarrazin lobt dann auch die Fähigkeit der Juden, in den europäischen Nationen aufzugehen, zu deren Wohlstand und Reichtum sie beitragen durften. So gut sind sie dort seiner Meinung nach integriert, dass man ihr Dasein nicht mal mehr wirklich mitbekommt. Dass das auch daran liegen könnte, dass der Deutschen Verständnis vom Aufgehen der Juden nur das in Rauch bedeutete, und zwar nicht bloß in ihrem Reich sondern in ganz Europa, kommt ihm nicht in den Sinn. Und so teilt er mit: „Erklärt wird die durchschnittlich höhere Intelligenz der Juden mit dem außerordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz. “ (Sarrazin – Deutschland schafft sich ab, zitiert nach Ramona Ambs – Neo-Sarrazismus: Rassismus ohne Rassisten)
Ganz unbefangen einen zu Rate ziehend, der ja unverdächtig erscheinen muss, weil er Amerikaner ist. Ramona Ambs verweist darauf, dass Sarrazin sich hier auf Kevin MacDonald bezieht. Den Kevin MacDonald, der im Prozess, den der Holocaust-Leugner David Irving gegen Deborah Lipstadt anstrengte, weil sie ihn als das bezeichnet hatte, was er ist, als Zeuge für den Kläger aussagte. Hinsichtlich der Aussagen MacDonalds zu jüdischer Intelligenz ist zu beachten, dass er „shares at least three core beliefs with hardcore Holocaust deniers. […] The Jew in MacDonald’s universe is the pollutant of the Body Politic. Jews are therefore partially, and sometimes even fully, responsible for the violence and discrimination they have suffered down the centuries. […] He is not simply riding on the coat-tails of the Bell Curve racists but is also tapping into a repertoire of libels that depict Jews as a pollutant, a spoiler race, and a conspiratorial menace. Whereas racists such as Jensen frame their discussions around the supposed ‘passivity and low IQ’ of blacks, MacDonald accuses Jews of the opposite offences: over-activity and hyper-intelligence.
Holocaust Controversies – Kevin MacDonald: Old whine in new bottles
Nebenbei enthüllt Sarrazin den deutschen Philosemitismus à la PI-News als das, was er wirklich ist: der alte und der neue deutsche Neid, die ungebrochene Projektion deutscher mal mehr mal weniger geheimer Wünsche und Ängste. Ewig da seien sie und intelligenter, weil sie ungehemmt ‚Gen-Selektion‘ hätten treiben können. Als Opfer und unter Druck nämlich darf man das alles. PI-News-Vertreter beispielsweise treten als begeisterte Sarrazin-Fans auf, auch weil er Rassismus genauso als Islam-Kritik tarnt wie sie, vor allem aber weil er die zurzeit erfolgsversprechendste Gallionsfigur für deutsche Opferverbände ist. Und: Wer Antisemit ist, bestimmen wir! Über die Juden hätte er ja in ihrem Sinne eigentlich nur Gutes zu sagen…
Überhaupt sammelt sich um Sarrazin eine illustre Schar von opfertümelnden Apologeten. Laut Matthias Matussek beispielsweise steht Sarrazin „am Pranger, aber eines begreifen seine Kritiker offenbar nicht. Der Provokateur verkörpert etwas, das sich nicht ausgrenzen lässt: die Wut von Leuten, die es satt haben, für ihre Integrationsangebote beschimpft zu werden. Nichts ist mehr wie es war. Es ist die Saison des Volkszorns, längst wächst der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Er ist viel größer als der Mann oder das Buch. […] Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren. Und ihm auf dem Weg nach draußen zuzischelt: ‚Wir werden dir Toleranz schon noch einbimsen.’“ (Matthias Matussek – Die Gegenwut, Spiegel online) Am Ende konzediert Matussek den Deutschen Lernfähigkeit – das zornige Volk lernt sich zu wehren, natürlich.
Und Jürgen Elsässer, soeben im Begriff mal wieder eine neue Stufe der Erleuchtung zu erklimmen: Gewiss sei vieles von dem, was Sarrazin sage ganz falsch, aber… Und überhaupt, sei das einzige Ziel der EU, Frankreich mittels der Roma-Schwemme abzuschaffen oder so ähnlich. Alles egal, so lange nur die nationale Komponente nicht vernachlässigt wird. Der Erfolgreiche hat viele Freunde und das erfolgreiche ‚deutsche Opfer’ viele deutsche Freunde.
Wer noch stolz auf sein deutsches Abitur ist, steht nun hinter Sarrazin, denn der verspricht, dass die Halbbildung als Krone der deutschen Erziehung zu gelten haben wird. Als Meister von was auch immer darf man hierzulande mit der Farce, die Sarrazin als Erkenntnis verkaufen will, glänzen: „Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken. Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker.
Süddeutsche – Debatte um Sarrazin.
Eugeniker unter sich.
Als Intellektueller wird Sarrazin hierzulande lobend bezeichnet, was weniger über Intellektuelle aussagt als übers Land, in dem Intellektueller sonst als Schimpfwort gilt.

Recommended reading:
Renate Göllner – Gemeinschaftsgefühl als Ende der Psychoanalyse, in Göllner, Ljiljana Radonich – Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse
Stephan Grigat – Kampfbegriff ‚Islamophobie‘
Lizas Welt – Das Dilemma der Islamkritik
exsuperabilis – Zur Kritik des linken Antirassismus
Kritik der instrumentellen Vernunft – Die Fehler des Etienne Balibar

Richard Gebhardt – Die Chiffre Sarrazin
Richard J. Evans – Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess
Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg
Theodor W. Adorno – Theorie der Halbbildung
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie
+ Sinnvolle Zusammenfassung!
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Later: Sinnvolle Link-Sammlung
+ Die Süddeutsche hat irgendwen losgeschickt, um Blogs zu googeln, in denen man sich „ernsthaft“ mit dem Thema Sarrazin beschäftigt. Herausgekommen sind dabei u.a. Jürgen Elsässer und Arne Hoffmann. File under funny reading…
+ Angemessenes ranting: Nichtidentisches – Deutsche Klotüren
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Update 27.10.10: Hate to say I told you so – Jürgen Elsässer – Sarrazin hat im Kern Recht!

„Wo man singt, da…“ IV … „ChrisMan“ räumt deutsch auf

Die dem Facebook-Wall-Design angepasst im Kanon „Wehrt euch, leistet Widerstand“ und dergleichen dem erbaulichen deutschen Nachkriegsgutlied entlehntes vor sich hin tippenden Antizionisten der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ sind nicht nur Fans von Makss Damage (Update: 14.2.2011, Reflexion – Ein Nazi namens „Makss“), dessen jüngstes Protestlied „Fünf Finger“ sich qualitativ durchaus an seinen früheren Tiraden messen lassen kann. „Stoppt den BAK Shalom!“-Unterstützer dürfen nun auch mit gutem Gewissen beim deutschen Aufräumen folgende Zeilen singen: „Zum Kampfe steh’n/ Wir alle schon bereit!/ […] Die Knechtschaft dauert/ Nur noch kurze Zeit!“ The self-proclaimed „ChrisMan“ nämlich (by the way: sehr …? … ausdrucksstarkes neues Profilbild) hat neben einen Link zu einem der üblichen Allesvommossadbezahlt-Artikel ein Piktogramm gesetzt, das hier aus diversen Gründen (obwohl ein Screenshot vorliegt) nicht gezeigt, jedoch beschrieben wird: Das Männlein, das üblicherweise das Hakenkreuz in den Papierkorb fallen lässt, schmeißt diesmal einen Davidstern weg. (Siehe: Stoppt den BAK Shalom!)
Honestly, I don‘t give a damn about exkulpierende Erklärungsversuche wie „damitseidochnurderzionismus“ gemeint – im „Schatten von Erkenntnis“, und sich nicht einmal sekundär, geschweige denn primär wähnend, wachsen dort Paranoiker heran, denen die „dannirgendwiedochjüdische Lobby“ alltagsreligiös vermutlich noch als schuldig daran gilt, dass Ahmadinejad das Focus-Ranking der vorbildlichsten Weltpolitiker innerhalb weniger Tage nicht mehr mit 2,57, sondern nur noch mit 2,76 Punkten (30.08.2010) anführt1, die Erde unverschämterweise nicht flach ist, weswegen man seine Feinde nicht einfach über ihren Rand kippen kann, und Brot irgendwann schimmelt.

Die Gewaltphantasien, die von Mitgliedern der Gruppe (deren Anzahl wenigstens erfreulich schwankt: ‚Wir mussten schon wieder so einen Hasbara-Verdächtigen rausschmeißen.‘) öffentlich geäußert werden, und die unverkennbar einer unhaltbaren, die deutsche Geschichte dennoch bestimmenden (zunehmend international erfolgreichen) Opferimagination entspringen, lassen sich erst einmal (coming soon: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ – Projektion und Gewaltphantasie in der sehr deutschen Linken, wt) exemplarisch darstellen, in der Begeisterung, die zwei Administratoren (‚ChrisMan‘ singing along „I said I’m walking down the street with my kalashnikov, with my kalashnikov, with my kalashnikov…“ und Gudrun Pfennig „100 Punkte ! (Höchstzahl)“) für das unsägliche „Fünf Finger“ unwidersprochen kundtun können.

Makss Damage – Fünf Finger (Transkript, und, ja, es hat wehgetan! Aber dafür hab‘ ich es zensiert und kommentiert!)

Einen Finger könnt ihr brechen
Fünf Finger sind ne Faust
Wir kommen, um uns zu rächen
[What for exactly?]
Wir [Pluralis Majestatis oder multiple Persönlichkeit?] geben niemals auf
Einen Finger könnt ihr brechen
Wie stehts mit deiner Faust
[Arthrose im rechten Zeigefinger, danke der Nachfrage!]
Wir wollen euch nicht verletzen
Wir wollen euch tot im Staub

Nordkorea hat die Bombe
Jetzt gibt es Party, Party
Ich fahr mit Kim Jong Il ins Testgebiet im Maserati
[Nö, see below: im Opel GT]
Zyankali [Wie Göring? Make my day!], Kamikaze, Düsenflieger auf Pazifik
7.12.44 Amis gehen wie Ratten über Bord, die Lappen
[They did win the war in the end, or did they?]
Das war kein Mord
Das war ein fortschrittliches umweltschonendes Programm so wie Solar-Dachplatten
Ihr fangt ne Diskussion mit Moses an
Deutschland ist ein doofes Land
Wenn
[?] wir trinken, stoßen wir jedesmal neu auf Joseph an
Prost
Lauft uns übern Weg
Wir haun drauf wie nicht bei Trost
[no comment]
Kampftruppe GT [eben, s.o.]
Wannabe-Antifaschisten sehn mich an und zittern [??? – keep on dreaming…]
Als hätt’ ich auf meinem letzten take ein track mit Stahlgewitter [?… unverständlich, oder?]
Und an die Internet-Soldaten
Wie oft muss ich das noch sagen
[Meinetwegen war das das letzte Mal…]
Ich lad’ alle von euch ein
Mir endlich mal aufs Maul zu schlagen
Meine Jungs wärn überfroh
Wenn ihr endlich mal vorbeischaut
Bei uns in Gütersloh
[ Einige meiner besten Freunde kommen aus Ostwestfalen-Lippe.]
Und wir euch dann zu Brei haun

Refrain
Einen Finger…

Nordkorea hat die Bombe
Für Portugal wird’s heiß
Nach dem 7:0 hofft
[?], dass die Bombe Porto nicht erreicht
Manches ist bei mir Satire

[Ursula?] Andress ernst gemeint
Wie wenn Polit-Offiziere dir den Stern
[???] vom Hemd abreißen
Alle meine Freunde sind Araber
So wie Yassir Arafat und Aiman Abdallah – oh yeah
Intifada-Starter Nummer 1
Auch Hizbollah kommt an meinem D-Day
[Ey!] auf mein Motoroller
Mein Mofa fuhr am D-Day
[Ey, again!] am Strand lang mit Motoroller
Ich stell mich an die Flack und ziel auf Bomber Harris
F*** diese F****
[Zensiert, und zwar nur, weil ich’s kann, © by EdM!]
Muss jetzt vom Himmel runter
So wie Lech Kaczynski
Kommunisten-Disco-Krieger legen auf im Discofieber
Legen ab die Munitionsgurte
Nur für dieses Lied
Und wir f***** dich ins Koma rein
Die neue DDR-Elite
[naff!] kommt und macht sich einfach so auf deinem Sofa breit
Deine Mama will uns glücklich machen
Aber, ey,
[Ey!] wen wundert’s schon
Jeder weiß Bescheid du bist
Ein antideutscher Hurensohn
[Das stimmt ganz am Ende weder noch…]
Refrain
Einen Finger…
I said I’m walking down the street with my kalashnikov
– repeat [ad nauseam]
Refrain
Einen Finger…


Francisco de Goya – El sueño de la razón produce monstruos

  1. 1.9.2010: 2,68 Punkte für Ahmadinejad auf Platz 1, gefolgt von Fidel Castro (2,87), Hugo Chávez (2,89), Wladimir Putin (2,92) und Evo Morales (3,03) – honi soit qui mal y pense. [zurück]

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Update 3.9.2010:
Ein Gruppenmitglied teilt mit: „Das Logo ist antisemitisch und nicht hinzunehmen.“ Es ist aber immer noch zu sehen und a.O. wird nicht kommentiert. Allerdings gibt es neben einem anderen Link nunmehr ein überarbeitetes Bild: Das Männlein schmeißt den Schriftzug BAKs in den Papierkorb – auch unvorstellbar gelungen. Und da wird dann doch ein wenig und wie erwartet ‚diskutiert‘ – Auszug:
Gudrun Pfennig: „Stimmt, meine Bildänderung war eher zu kurz gefasst und hat nicht die Tiefe, die ich – nicht immer, aber oft – mir abverlange…. Ich mache einen deutlichen Unterschied zwischen Juden und einer zionistischen Politik. … Deshalb wehre [!] ich mich auch dagegen, als unwerte Deutsche angesehen zu werden, nur weil wir eine wie-auch-immer (reaktionäre?!?) Regierung haben… Jedem Deutschen – Antisemitismus zu unterstellen, ist Schwachsinn….. Um diese Antideutsche Beurteilung nicht zu bedienen, habe ich – durchaus verkürzt – das Bild geändert… :-)“ […] Gudrun Pfennig: „Ja, das Für-Sich-Sprechen-Lassen habe ich zuvor auch propagiert…Längst bin ich aber der Meinung, dass das Antideutschtum systematisch vorangetrieben wird.. Der „Pauschl-Hammer“ mit dem agiert und auch auf mich eingeschlagen wird, ist nicht nur lästig – ich halte ihn für hoch-gefährlich… … Genau deshalb sind wir ja beide bei STOPPT BAK :-)“ (Stoppt den BAK Shalom! bei Facebook)
Ja, alles ganz schlimm, da kann man dann natürlich nicht anders, als Makss Damages oben dokumentierten und vor allem ungeheuer tiefsinnigen, differenzierten, anspruchsvollen, feinsinnigen und fürsorglichen Text zu bejubeln.
Update 9.9.2010:
Die Terminologie wird immer anspruchsvoller und zartfühlender: “ Dieses Lied widme ich den Schweinen Broder und Hangst vom SPIEGEL“, ein wenig später „Ich meine natürlich Broder und hEngst“ („ChrisMan“). Das gewidmete Lied ist „Spieglein, Spieglein“ von der Bandbreite, der als nachdenklich, grüblerisch und fein analysierend bekannten … wie auch immer. Im Focus-Ranking liegt Fidel Castro nunmehr nur noch 0,10 Punkte hinter Ahmadinejad, was in Anbetracht seiner jüngsten Äußerungen sogar ein wenig Spaß macht.
Update 12.9.2010:
Metaphernkonstant, immerhin: nach den „Schweinen“ die „Wildsäue“ – ausgesprochen niveauvoll. Die Eiche des Kaisers Wilhelm, des Ersten zwar, aber auch sehr schön – hätte doch dessen Enkel bloß gewusst, dass sein Anspruch auf einen „Platz an der Sonne“ für die Deutschen so leicht zu erfüllen gewesen wäre.

Zum Verständnis der Personenkonstellation empfehle ich diesmal die Lektüre diverser Dramen von Tennessee Williams.
Update 28.9.2010:
Deutsche Putzwut mit eisernem Besen…

Update 14.02.2011:
Reflexion – Ein Nazi namens „Makss“:
+ classless Kulla – Erfolg im Aussteigerprogramm für Linke
+ 15.02. Bauhaustapete – Damage-Kommentare

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Jetzt habe ich aber tatsächlich erstmal etwas anderes zu tun – à bientôt.

Sperrt den Kommentar-Bereich zu, die „ethnisch Mobilen“ kommen!

Entfernt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Ton und verzichten Sie auf beleidigende Pauschalisierungen. Die Redaktion/cs
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen und kehren Sie zu einer sachlichen Diskussion zurück. Die Redaktion/cs
Durch meine Freundin die jedes Jahr nach Rumänien reist, weiß ich das die Roma auf der Busfahrt dorthin zwei Mitreisende bei Hütchenspielen schon um 700 Euro abgezogen haben.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Die Redaktion/cs
Ich bin Deutscher, ich will sie nicht, raus. Fertig. Es ist unser Recht als Volk, über unser Land zu bestimmen. Wenn sie etwas anzubieten haben, dann können wir ja einen Vertrag mit Ihnen machen, wie mit anderen Völkern (Sudetendeutsche usw.) Es hat schon seine Gründe, warum keiner die Zigeuner haben will. Bitte führen Sie Ihre Ansichten mit Argumenten aus, sodass eine sachliche Diskussion möglich wird. Die Redaktion/cs“
Entfernt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Ton und verzichten Sie auf beleidigende Pauschalisierungen. Die Redaktion/cs
Warum können eigentlich rumänische Zigeuner nicht in Rumänien bleiben?
In der Tat hat Deutschland seinen Wohlstand nach dem Krieg weder ererbt noch gestohlen noch ertrickst, sondern ihn sich durch harte Arbeit geschaffen. Und zwar bereits zu einer Zeit, als von Masseneinwanderung weit und breit nichts zu sehen war.
Es ist sicher ungerecht, alle Menschen einer Gruppe über einen Kamm zu scheren, aber…
Aus den Kommentaren zu „Roma – in Europa abgestempelt und abgeschoben“, Zeit online, August 20101

In einem von sieben Aufgängen eines elfstöckigen Wohnblocks der Rostocker Trabantenstadt Lichtenhagen war Ende 1990 die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingerichtet worden. Die Nummer 18 der Mecklenburger Allee, in der die Flüchtlinge ein mehrtägiges Registrierungsverfahren über sich ergehen lassen müssen, ist bald überbelegt. Die Flüchtlinge müssen auf der Wiese vor dem Haus campieren; statt Abhilfe zu schaffen, schieben sich die Stadt Rostock und die Landesregierung in Schwerin die Verantwortung gegenseitig zu. Der Rostocker SPD-Innensenator Peter Magdanz weigert sich standhaft, auch nur Toiletten aufzustellen. Im Sommer 1991 stellt ein Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen fest, die Zustände in der Lichtenhagener Aufnahmestelle seien »nicht haltbar« – für die Flüchtlinge. Er ist der einzige, der sich für sie interessiert. Landesregierung, Stadt und Medien beklagen ebenso lauthals wie ausschließlich die »Zumutung« für die Anwohner.
Florian Sendtner – Hemd aus zum Pogrom. Rostock-Lichtenhagen zehn Jahre danach: Rekonstruktion einer Menschenjagd, Konkret 09/02

Auf die Woche genau 18 Jahre nach den pogromartigen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen, die sich ursprünglich am Hass anständiger deutscher Bürger auf die dort anwesenden Sinti und Roma entzündeten, liest man in den Kommentaren z.B. auf Spiegel, Zeit oder FAZ online (besonders einfallsreich: zwei Leser, die die Roma als „ethnisch Mobile“ respektive „rotations Europäer“ bezeichnen, auf Welt online wurden die Kommentarbereiche zum Thema komplett zugesperrt) nahezu die gleichen Sätze (dem Medium nur notdürftig angepasst), die damals Deutsche als Rechtfertigung ihres rassistischen Wahnsinns präsentierten (siehe u.a. Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung, S. 61ff; ich mag die Zitate nicht abtippen, mir wird schon beim Lesen schlecht!). Diesmal jedoch vordergründig, um die Abschiebungen der Roma aus Frankreich zu verteidigen (die nur schlecht und mit einem unübersehbaren Augenzwinkern als großzügig entlohnte, freiwillige Rückkehr in ‚die Heimat‘ kaschiert werden2). Passiv-aggressiv wird immer wieder darauf verwiesen, dass man sowas ja eigentlich nicht sagen dürfe, aber… Was in den vielen Kommentaren stand, die gelöscht wurden, mag man sich dann kaum ausmalen. Und was 1991/92 in den Artikeln der professionellen Journalisten stattfand, wird heute (meist!) in den Appendix „Kommentare“ ausgelagert, im Text wird der Verdacht noch nur angedeutet – man weiß, wie mans zu deuten hat: Schrecklich, das alles, aber… Dabei hatte man doch bereits 1992 mit vereinten Kräften ‚aufgeräumt‘, Presse, Politiker, deutscher Mob und anständige deutsche Bürger. Den Deutschen jedoch offenbar immer noch nicht gründlich genug. Es scheint, als sei man ein wenig erschrocken darüber, dass man sich damals einschüchtern, geradezu drangsalieren ließ, von der Auslandsjournaille und denen, die sich Sorgen um den Standort machten. Ein wenig peinlich ist das nun schon wieder vielen, das mit den Kerzen die Straßen säumen und sich ernst blickend an den Händen halten. Womöglich hatte man es ‚die Kinder‘ zuvor in Rostock ein wenig zu wild treiben lassen, aber…

Wogegen also sollten sich die Wunderkerzenhalter von München und die nachfolgend bis nach Hamburg reichenden Leuchtgemeinschaften eigentlich wehren? Doch nicht etwa gegen den heimlichen Wunsch, auch mal zuzulangen gegen Fremde? Denn anders läßt sich die allerorts illuminierte Wiederholung der regierungsamtlichen Demonstration von Berlin kaum verstehen.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens

Die Begehrlichkeiten, die das Vorgehen der französischen Regierung hierzulande auslöst, sind unübersehbar. Das deutsche Opfer sehnt sich danach, endlich Teil der großen (europäischen) Abschiebegemeinschaft zu sein, wohlweislich und lustvoll leidend ignorierend, dass man längst dazu gehört – in führender Position. Ausgewiesen wird aus Deutschland schon lange ohne Rücksicht auf Verluste – z.B. in den Kosovo, wo die Roma „in den späten 1990`ern von nationalistischen UÇK-Milizen in die Flucht gezwungen wurden. Diejenigen, die im Kosovo ausharrten, wurden in Notlagern der UNHCR auf mit Blei, Cadmium und Quecksilber verseuchten Industriehalden einquartiert. Bis heute leben sie in ständiger Angst vor Pogromen in solchen von der albanischen Bevölkerung abgegrenzten Elendslagern.“ (Cosmoproletarian Solidarity)
Aus Baden-Würtemberg beispielsweise sollen in den nächsten Monaten 5000 Kinder aus Roma-Familien an den Kosovo ausgeliefert werden, obwohl sie weder Albanisch noch Serbisch sprechen. Aus (ganz und gar überflüssiger!) Angst davor, dass die anständigen Deutschen sich mal wieder dazu aufgerufen wähnen, ihr Volk vor der Welt als ‚tolerant‘ und ‚fremdenfreundlich‘ auszustellen, geschieht das derzeit alles eher unauffällig. Mit Frankreich als ‚leuchtendem‘ Beispiel für eine sich bloß wehrende Nation, worauf die Deutschen eigentlich einen Alleinanspruch angemeldet haben, vor Augen allerdings, mögen die Abschieber erneut versucht sein, sich (natürlich ungeheuer mutig!) als veritable Vaterlandsretter zu präsentieren. Und wozu das führt, hat man in aller Drastik 1992 beobachten dürfen!


Trotz des konstruierten happy ends weitgehend (!) sinnvoller kurzer Beitrag des MDR zum Thema
+
The Truth Lies in Rostock

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Presseerklärung Förderverein Roma
Frankreich schiebt Roma ab und die Bundesrepublik zieht nach (20.08.2010)
Bereits vor drei Wochen hat der Förderverein Roma darauf hingewiesen, dass in Frankreich aufgrund der Erschießung eines jungen Mannes durch die Polizei und Demonstrationen der Roma-Gemeinde breitflächig und in ausdrücklich rassistischer Manier Roma abgeschoben werden.
Ein gesamte Gruppe, deren Geschichte bekannter Weise seit Jahrhunderten von Verfolgung und Diskriminierung geprägt ist und die im Nationalsozialismus der vollständigen Vernichtung ausgesetzt war, wird erneut als Sündenbock für Verfehlungen des Staatspräsidenten Sarkozy und als Möglichkeit, den rechten Rand für die kommenden Wahlen abzuschöpfen, instrumentalisiert. Jedes Mittel ist gerade recht, im Sprachduktus von „platt machen“ und „Krieg erklären“ offenbart sich nicht nur die Geisteshaltung des Präsidenten und Innenministers.
Jenseits etlicher Proteste darf nicht vergessen werden, dass die Regierung gegen EU-Bürger vorgeht, die von ihrem Recht auf Freizügigkeit – einem essentiell verbrieften Grundrecht – Gebrauch machen. Jeder reaktionäre Ordnungsfanatiker sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Abgeschobenen wegen der sozialen und ökonomischen Perspektivlosigkeit, wegen der Bedrohung an Leib und Leben erneut ihr Reiserecht nutzen und in die Länder zurückkehren werden, die sie, ob mit oder ohne Geld, zuvor ausgewiesen haben. Auch die menschenverachtenden Vorgehensweisen wie Fingerabdrücke, Kriminalisierung und Hetze werden daran nichts ändern.
Vor dem beschriebenen Hintergrund bleibt zu erwähnen, dass auch in Deutschland Roma-Flüchtlinge systematisch vertrieben und ausgewiesen werden. Insbesondere die vor 15 Jahren aus dem Kosovo geflohenen Roma werden seit letztem Jahr massiv, ungeachtet ihrer gesundheitlichen, schulischen und beruflichen Situation ins nackte Elend abgeschoben.
Die scheinheilige Diskussion über die Wahrung von Menschenrechten wird am Umgang mit Roma, der größten europäischen Minderheit, exemplarisch vorgeführt.

  1. Later – 26 Kommentar-Seiten am 23.8. um 22:41; 32 am 24.8. um 14:23 [zurück]
  2. Later – natürlich – Jürgen Elsässer: „Sarkozy setzt die Roma – auf Kosten des französischen Steuerzahlers – in ein Flugzeug, sozusagen ein kostenloser Heimflug für die Leute. […] Aber warum soll ein Staat nicht gegen Ausländer vorgehen, die illegale Siedlungen errichten, von denen aus kriminelle Raubzüge aus unternommen und Polizisten mit Waffen werden? Das ist sein gutes Recht, so wird die inländische Bevölkerung – in Frankreich aus gutem Grund nicht völkisch definiert – vor Übergriffen geschützt. […] Wirkliche Remedur verspricht nur die Aufhebung der EU-Freizügigkeit, am besten durch einseitige Kündigung der Nationalstaaten, und die Rückabwicklung der EU-Osterweiterung.Sarkozy und die Roma[zurück]

Deutsche Denkmäler I: Ein Denkmal für Adorno – den Spaßverderber!

Mit der Ausführung des Denkmals hatte das städtische Hochbauamt das Frankfurter Büro INDEX Architekten beauftragt. Es galt, eine möglichst atmosphärische Umsetzung des künstlerischen Themas bei Beachtung der sicherheitstechnischen Bestimmungen im öffentlichen Raum und den bautechnischen und physikalischen Ansprüchen zu erreichen. Konstruktiv wird das Denkmal wie ein Gebäude bewertet. Es verfügt über einen Wartungstunnel mit einem Einstieg außerhalb des Objektes als einzigem Zugang zum Glaskubus. Dieser ist komplett abgedichtet, weist in seinem Inneren eine konstante Luftfeuchtigkeit auf und wird weder beheizt noch belüftet. Sämtliche Einbauten wurden auf Dauer angelegt und verformungsresistent konstruiert.
Wikipedia


Foto: dontworry

Das Falsche der Sinngebung, das Nichts als Etwas, erzeugt die sprachliche Verlogenheit.
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

Als ich 15 wurde, habe ich ein Geburtstagsgeschenk bekommen von einem zum Zeitpunkt 16jährigen, in den ich seit Monaten hoffnungslos und an Wahnsinn grenzend (ask my mom!) verliebt war: eine 0,5l Cola-Flasche gefüllt mit Wasser, einem orangefarbenem Buntstift und einem Pfennig. Bei der Übergabe wurde mir mitgeteilt, der Buntstift stünde für „deine Kunst und der Pfennig dafür, dass du damit erfolgreich sein wirst“… Ich war also 15, definitiv wahnsinnig (ask me now!) und entsprechend begeistert: Er hatte sich Gedanken über mich gemacht, überhaupt zwischendurch mal an mich gedacht und mir ein ungeheuer bedeutungsvolles Etwas gewidmet, und ‚was basteln’ ist eh viel toller als ‚was kaufen’ or so the saying goes.
Das Adorno-Denkmal in Frankfurt funktioniert ähnlich, nur ohne Wasser.1 Alles in ihm steht stellvertretend für. (Das ist wirklich das Satzende.) In einem Kubus aus Sicherheitsglas stehen auf einem Parkettboden ein Schreibtisch und ein Stuhl, die dem Schreibtisch und dem Stuhl, die sich in Adornos Arbeitszimmer befanden, absichtsvoll nicht einmal ähneln. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchtet eine Lampe auf dem Schreibtisch und soll Adornos nächtliches Schreiben symbolisieren. Das ebenfalls auf dem Tisch sich befindende Metronom tickt ohne Unterlass und repräsentiert sein musikalisches, die aufgeschlagene Ausgabe der Negativen Dialektik sein …ha!… philosophisches Werk. (Es handelt sich offenbar tatsächlich um die Negative Dialektik und nicht um absichtsvoll und beispielsweise Heideggers Sein und Zeit, Ganghofers Schweigen im Walde oder den Schwarm von Schätzing, um den Realitäts- respektive Authen-tizitätsbegriff noch ein klein wenig und ungeheuer originell herumzuschieben, s.u.) Dann gibt es noch ein getipptes Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen und ein Notenblatt, die stehen für Adornos Schwerpunkte. Um den Kubus herum ließ Vadim Zakharov, der zum Zeitpunkt der Einweihung (2003) 44-jährige (!) Schöpfer des Denkmals, ein Labyrinth aus weißem Marmor und schwarzem Granit basteln, und darin Zitate aus der Ästhetischen Theorie und den Minima Moralia einmeißeln.

Jahre später als jene Stelle geschrieben ward, hat Auschwitz das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. Daß es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, daß diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber, im emphatischen Anspruch ihrer Autarkie, haust die Unwahrheit. Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.
Theodor W. Adorno – Negative Dialektik

Der in Köln lebende Zakharov konnte sich mit seinem Entwurf für das Denkmal gegen fünf weitere Entwürfe durchsetzen. Er entschied sich für eine haptische [?] Inszenierung beziehungsweise eine narrative Installation“.
Wikipedia

Adorno ist tot, aber wenn er noch lebte, hielte sich seine Begeisterung darüber, dass Zakharov zwischendurch mal an ihn gedacht hat, vermutlich in engen Grenzen. „Freilich entbindet das nicht objektiv von der Interpretation, so als ob es nichts zu interpretieren gäbe“ (Theodor W. Adorno – Ästhetische Theorie) – auch wenn das Kunstwerk nichts ist als eine anschauliche Interpretationshilfe seiner selbst. Wenn es bloß die sowieso allgemein anerkannten Leistungen des honorierten Frankfurter Bürgers, dem es offenbar gewidmet wurde, abhakt und mit einer Pointe schließt, wie in einer schlechten Kurzgeschichte: Adornos Schreibumgebung jedoch sah in der Wirklichkeit ganz anders aus. Das Labyrinth ist dann ein bedeutungsschwangerer Kitschumschlag für eine esoterische Derwegistdasziel-Erzählung, in der nichtallesoistwieesauf-denerstenblickscheint. Zakharov möchte das Ganze als „’Monument für das schöpferische Denken’, als Bild des Augenblicks, in dem der Denker verschwindet und nur der Gedanke bleibt“, verstanden wissen. Und „Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) und Jury-Mitglied, hält das Denkmal für ‚intelligent und sensibel genug [!], um neugierig auf Adorno zu machen’. Ein Abbild der Person sei nicht zeitgemäß und werde Adorno nicht gerecht.Spiegel online


Foto: Frank Behnsen

Man mag einwenden, dass in diesem Fall eine Büste mit zumindest individuellen Zügen nicht soviel schrecklicher sein könne – gebe es nicht die Bronzetafel an Adornos Wohnhaus. Gestiftet wurde sie vom Suhrkamp-Verlag und gestaltet von Günter Maniewski, dessen Modell nicht Adorno gewesen sein kann, sondern irgendein vom Bildhauer verabscheuter Nachbar ohne Ohren. Die Inschrift ist ähnlich gelungen: „Theodor W. Adorno, * 11. September 1903 in Frankfurt am Main, † 6. August 1969, lebte von 1949 bis zu seinem Tode gemeinsam mit seiner Frau Gretel in diesem Haus. Der Soziologe, Philosoph, Mitbegründer der Frankfurter Schule, Direktor des Instituts für Sozialforschung, Komponist und Musikwissenschaftler erhielt 1933 Lehrverbot und musste von 1934 bis 1949 in englischer und amerikanischer Emigration leben. »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« – Minima Moralia –“ (Later – see also: Kommentar von Cyrano. Ich teile den Eindruck!)
Auch diesmal: Alles fürs angemessen erscheinende Gedenken Notwendige abgehakt und noch den einzigen Satz aus Adornos Œuvre angehängt, den selbst jeder Nazi so unterschreiben könnte, weswegen allein er sich ins deutsche Gedächtnis einprägen ließ.2

Sterben bestätigt bloß noch die absolute Irrelevanz des natürlichen Lebewesens gegenüber dem gesellschaftlich Absoluten. Wenn irgend die Kulturindustrie Zeugnis ablegt von den Veränderungen in der organischen Zusammensetzung der Gesellschaft, dann durchs kaum verhüllte Eingeständnis dieser Sachverhalte. Unter ihrer Linse beginnt der Tod komisch zu werden.
Theodor W. Adorno – Minima Moralia

An den Satz hängt sich auch Georg Bussmann, Eröffnungsredner einer Kunstaktion an, der sich bereits seines Alters wegen als (wie originell im Land, in dem sich wahrscheinlich 70% der Lesefähigen als von Adorno am Spaß gehindert wähnen) „adornogeschädigt“ bezeichnet und meint, mit dem Zakharov-Denkmal könne man ruhig etwas machen, das irgendwie so lustig sei wie Robert Gernhardts tatsächlich witziges „Es gibt kein richtiges Leben im valschen.“ Aber Adorno ist tot, und „[i]rgendwann ist mir klar geworden, dass ich es bei diesem Satz mit einem Idealismus zu tun habe, einem Idealismus der Negativität[4]. Und Idealismen versuche ich immer zu entkommen, indem ich so reagiere wie Diogenes auf Plato, d. h. kynisch. Da stelle ich mir dann vor, dass beim Hinschreiben des berühmt-berüchtigten Satzes vielleicht eine gute Flasche Rotwein, ein kalifornischer, mit im Spiel war. Darf man das? Natürlich nicht, es ist politisch nicht korrekt.“ (Georg Bussmann, pdf)
Aber sicher doch… Deutsche Opfer Adornos über seinen Tod3 hinaus. Die Kunstaktion, um die es eigentlich ging, ist eher unlustig und bedient sich desselben, diesmal auch noch schlecht übersetzten Satzes. Den würden womöglich auch die unterschreiben, die zum Entsetzen der Denkmalhinsteller dieses regelmäßig mit Bierflaschen und dergleichen bewerfen. Woraufhin diverse honorige Frankfurter Bürger sich zur Nachtwache bereit erklärten. Man kann zumindest mit dem, was seinem Schreibtisch nicht einmal ähnelt, den guten Ruf des ‚adornogeschädigten‘ Volkes bewahren helfen. Dabei ist eines sicher, die Bierflaschen flögen sowieso, ganz gleich, wem das Denkmal gewidmet ist. Ein Glaskubus mit was drin! Adorno kann sich selbst nicht mehr schützen, vor den Deutschen, die sich schreckenerregend gerne als seine Opfer imaginieren und ihm möglichst anspruchslose Denkmäler setzen.
Als ich 16 wurde, hat mir der mittlerweile 17jährige und immer noch unsinnig angebetete ein selbstgeklautes Buch geschenkt, „weil du doch gerne liest.“ Er hatte sich für mich in Gefahr begeben, und ‚was selbstgeklautes’ ist viel toller als ‚was gekauftes’ oder so. Ich erinnere mich nicht mal mehr an den Titel und habe das Buch nie gelesen. Etwas später fand er mich endlich genauso umwerfend wie ich ihn, und nach wenigen Wochen habe ich herausgefunden, dass er vor allem eins war: unglaublich geizig. Es gibt keine befriedigenden Pointen für enttäuschende Geschichten.

  1. Sehr sinnvoll: Der Buntstift in der Cola-Flasche fing recht schnell an eklig rumzusuppen! [zurück]
  2. Im Text, der mit dem Satz schließt, geht es übrigens im weitesten Sinne ums Wohnen und darin stehen auch so pointierte Formulierungen wie: „Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.“ Theodor W. Adorno – Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Asyl für Obdachlose. [zurück]
  3. Wie manche niedere Organismen nicht im selben Sinne sterben wie die höheren, individuierten, so ist angesichts des Potentials der Verfügung über organische Prozesse, das Umriss gewinnt, der Gedanke einer Abschaffung des Todes nicht a fortiori abzutun. Sie mag sehr unwahrscheinlich sein; denken jedoch läßt sich, was existentialontologisch nicht einmal sich denken lassen dürfte. Die Beteuerung der ontologischen Dignität des Todes aber wird nichtig bereits angesichts der Möglichkeit, daß an ihm, nach Heideggers Sprache ontisch, etwas sich änderte. Indem Heidegger derlei Hoffnungen, wie Inquisitoren wohl es nennen, im Keim erstickt, spricht das Eigentliche für all die, welche, sobald sie auch nur von jenem Potential hören, den Sprechchor anstimmen, nichts sei schlimmer, als wenn kein Tod mehr wäre.“ Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen ideologie [zurück]
  4. Wenn mir etwas […] in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher. Aber ich habe immer wieder das Gefühl, daß man, wenn man nicht im Negativen aushält oder zu früh ins Positive übergeht, dem Unwahren in die Hände arbeitet.“ Theodor W. Adorno in Theodor W. Adorno, Thomas Mann. Briefwechsel 1943 – 1955 [zurück]

20. Juli 2010: Die Zeugen des Verteidigungsministers – eine Materialsammlung

Sieht man sich aber die Dokumente und vorbereiteten Proklamationen derer an, die in den Kreis der Verschwörer vom 20. Juli gehörten und im Falle des Erfolgs das ‚andere Deutschland’ in der Welt und der deutschen Öffentlichkeit vertreten hätten, so kann man sich schwer des Eindrucks erwehren, daß das, was man gemeinhin unter Gewissen versteht, in Deutschland so gut wie verlorengegangen war, ja daß man sich kaum noch bewußt war, wie sehr man bereits im Bann der von den Nazis gepredigten neuen Wertskala stand und wie groß der Abgrund war, der auch dieses ‚andere Deutschland’ von der übrigen Welt trennte.
Hannah Arendt – Eichmann in Jerusalem

Wir verneigen uns vor ihnen.
Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg – Zeugnis ablegen und Handeln mit der Vollmacht des Gewissens, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Rede am 20. Juli 2010, pdf

Wessen da alljährlich am 20. Juli gedacht wird, muss nicht mehr erklärt werden. Aufgeklärt wird Deutschland dieses Jahr aber darüber, dass es sich bei Goerdeler, Stauffenberg et al. nicht um „Übermenschen“ handelte, denn – so der Verteidigungsminister – „[e]s waren Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, mit ihren Ängsten und Hoffnungen. Menschen, die Menschen aus Fleisch und Blut waren, eben keine Übermenschen, auch nicht im Moralischen. Diejenigen, die heute [?] gerne [?] aus der Sekurität ihrer Redaktions- und Gelehrtenstuben ihre Urteile mit der Feder [?] fällen, sollten sich daran bisweilen erinnern. Und sie sollten sich die Frage vorlegen, die auch zu den ganz wesentlichen, zu den bohrenden Fragen dieses 20. Juli gehört, gewissermaßen zum Erbe der Verschwörer gegen Hitler an die Gegenwart gehört: Wie hätten wir gehandelt? Hätten wir geschwiegen?“ (Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, ebd.)
Wenn man bedenkt, dass die Achsomenschlichen nicht erst seit „heute“ für ihren Antisemitismus, ihren Rassismus, ihre Verbrechen für Deutschland „verurteilt“ wurden, stellt sich nur die Frage, ob der Minister tatsächlich meint, man müsse ein Übermensch (gewesen) sein, um Ansichten wie: „Wir dürfen nicht bemänteln wollen, was geschehen ist, müssen aber auch die große Schuld der Juden betonen, die in unser öffentliches Leben eingebrochen waren in Formen, die jeder gebotenen Zurückhaltung entbehrten“ (Carl Friedrich Goerdeler – Gedanken eines zum Tode Verurteilten über die deutsche Zukunft) und „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt“ (Stauffenberg aus Polen an seine Frau) ganz einfach nicht zu haben!
Ganz und gar nicht aus der „Sekurität“ irgendeiner Stube heraus schrieb bereits 1944 Friedrich Reck-Malleczewen (auf den der CSU-Politiker sich auch gut und gerne hätte berufen können) kurz vor seiner Ermordung in einem deutschen KZ und in unmittelbarer Reaktion auf die Nachricht vom Attentat:
Ein wenig spät, Ihr Herren, die Ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die Ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die Ihr … unbedenklich jeden von von Euch gerade verlangten Treueid schworet, die Ihr Euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet […] [Sie] verraten jetzt, wo der Bankerott nicht mehr verheimlicht werden kann, die pleite gehende Firma, um sich ein politisches Alibi zu verschaffen – sie, die als platteste Machiavellisten noch alles verraten habe, was ihren Machtanspruch belastete.
„Tagebuch eines Verzweifelten“, zitiert nach Hannah Arendt – Eichmann in Jerusalem
Guttenberg jedoch benennt die passenden Zeugen für seine Auffassung, „[d]enn der 20. Juli 1944 war zuallererst eine symbolische Tat. Der Publizist Joachim Fest und, lange davor, der Historiker Hans Rothfels haben dies auf bleibende Weise festgehalten, als sie vom Lohn der Vergeblichkeit gesprochen haben.
Hans Rothfels, der 1938 trotz seiner Konversion zum Protestantismus vor den Deutschen flüchten musste, weil er ihnen als Jude und als nichts anderes galt, notierte in seinen „Aufzeichnungen über meine Englandreise 24. Nov. – 12. Dez. 1936“ über das emigirierte Warburg-Institut in London „Ein scheussliches Völkergemisch in Studenten wie Dozenten und die ganze Atmosphäre mir sehr antipathisch.“ (Zitiert nach Nicolas Berg – Der Holocaust und die westdeutschen Historiker, dort auch ein Kapitel zu Hans Rothfels)
Über Rothfels’ wissenschaftliche Arbeiten im Nachkriegsdeutschland schrieb außerdem Robert G. Moeller:
The work of the Institute for Contemporary History – headed by Rothfels and home to such talented co-workers as Broszat – included some of the earliest systematic analyses of the Nazi state and Nazi occupation policies in eastern Europe. However, even in these works, individual voices of the victims of Germans were arely heard; suffering seldom had a face, name or specific location. Following a spate of survivor memoirs published in the western zones of occupation in the late 1940s, West Germans showed little interest in reading accounts of the victims of Germany. By the 1950s, the war stories that most interested them were those of German victims who were not also Jewish.
Rothfels offered vivid images of the atrocities committed against Germans by partisans and the Red Army, citing a death toll of 1.6 million Germans in ‚areas of the Reich east of the Oder and Neisse,’ while referring only once to those ‚whose families may have been gassed at Auschwitz,’ a fate that Rothfels escaped only because he left Germany in 1938.
And like Hillgruber, Rothfels had used a palette of vivid colors to depict Germans, while those ‚gassed at Auschwitz’ appeared in black and white.
War Stories: The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany
Und Frank Stern:
’Es entsprach ebenso dem poltisch nationalen wie dem pädagogischen Legitimationsbedürfnis, einen ganz anderen Themenbereich in den Mittelpunkt der sich herausbildenden Zeitgeschichtsforschung zu stellen: die Würdigung des bürgerlich-konservativen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.’ [Konrad Kwiet/ Helmut Eschwege – Selbstbehauptung und Widerstand] Das wurde auch dadurch erleichtert, daß Hans Rothfels, jüdischer Remigrant und ehemaliger konservativer Königsberger Ordinarius, die in diesem Zusammenhang maßgebende Studie 1948 veröffentlichte. Rothfels kehrte 1950 nach Deutschland zurück und wurde ‚zur Legitimationsfigur der westdeutschen Zeitgeschichtsforschung’. [Kwiet – Die NS-Zeit in der westdeutschen Forschung] Hinzu kam, daß vorwiegend konservative Historiker […] den Ton in der Geschichtswissenschaft angaben. Wichtige Veröffentlichungen in der Nachkriegszeit bagatellisierten oder übergingen ‚zu dem Problem der deutschen Wurzel des Nationalsozialismus die Bedeutung des Antisemitismus innerhalb der deutschen Vergangenheit.’ [Saul Friedländer – Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung]“
Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg
Joachim Fest, der am Drehbuch zu „Der Untergang“ mitgearbeitet hatte, der in der FAZ vom 29.8.1986 hervorhob, „daß unter denen, die der schon bald in Chaos und Schrecken auslaufenden Münchner Räterepublik vorgestanden haben, nicht wenige Juden gewesen waren“, der den Historikerstreit mitinszenierte, indem er beispielsweise Ernst Nolte dabei half, sich zum Opfer von (nicht stattgefunden habender!) Zensur zu stilisieren und dessen „Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte“ drucken ließ, widmete Marcel Reich-Ranicki ein Kapitel in „Mein Leben“. Er verwies darauf, dass „[d]ie antisemitschen Akzente in [Noltes] Artikel […] zwar mehr oder weniger getarnt [waren], […] jedoch schwerlich übersehen werden“ konnten. „Die der ‚Frankfurter Allgemeinen’ zugeschickten, gegen den skandalösen Artikel gerichteten Beiträge wurden von Fest allesamt ohne Begründung abgelehnt. […] Die längst fällige und immer wieder bei Fest angemahnte Antwort auf Noltes Thesen gab es schließlich auch in der ‚Frankfurter Allgemeinen’, aber erst nach zwölf Wochen; Fest schrieb sie selbst. Er hat, wir trauten unseren Augen nicht, Nolte mit Nachdruck verteidigt, er hat sich mit dessen Argumenten – mit beinahe allen – solidarisiert, er hat die wenigen Einwände, auf die er doch nicht verzichten wollte, nur zögernd und offenbar mit großer Überwindung vorgebracht.[…] Auch die ärgsten und ruchlosesten Behauptungen Noltes konnten [Fest] nicht veranlassen, sich von ihm zu distanzieren.
Der deutsche Minister jedoch ist mit „Sekurität“ auch im nächsten Jahr wieder glücklich darüber, dass „nach der politischen und moralischen Katastrophe [!] des Zweiten Weltkriegs“ die Deutschen „[a]ls Nation […] eine Gemeinschaft [bilden] mit denjenigen, die vor uns waren, und denjenigen, die nach uns kommen“ (Guttenberg, ebd.) – „coûte que coûte“ (zu Guttenberg, von Tresckow zitierend, ebd.).

Deutsches Dokudrama mit „äh“ und „aber“: „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“

Wo es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen mir und der Welt, deren immer noch nicht widerrufenes Todesurteil ich als soziale Realität anerkenne, geht sie auf in der Polemik. Ihr wollt nicht hören? Höret. Ihr wollt nicht wissen, wohin eure Gleichgültigkeit euch selber und mich zu jeder Stunde wieder hinführen kann? Ich sage es euch. Es geht euch nichts an, was geschah, denn ihr wußtet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

Ja. Ich habe ganz kurz mit ihm über Silvia gesprochen. Klaus „Nick“ Eichmann ist ein sympathischer älterer Herr. Er sprach mit sehr viel Wärme über Silvia. Die Eichmann-Söhne geben ansonsten keine Interviews. Es war für uns wichtig, dass die Geschichte – die Begegnung zwischen Nick und Silvia – von dieser Seite nochmals bestätigt wird.
Regisseur Raymond Ley im Interview mit dem Standard

Dann hat der Vater dem Mädchen sofort gesagt, dass sie kommen sollte. Denn als sie ihn fassten, drohte der Junge, dass er Silvia umbringen wollte, weil sie ihn verraten habe.
Alicia Dandörfer, Nachbarin der Familie Hermann in Argentinien, als Zeitzeugin im Film

Der NDR jubelt auf seinen Kultur-Seiten, die verantwortlichen Redakteure und der Regisseur triumphieren in Interviews mit den einschlägigen Medien, und alle sind sich einig: Sie haben das Genre Dokudrama nicht nur bereichert, sondern auch „das authentischste, dokumentarischste Dokudrama bisher“ (NDR-Geschichtsredakteur Alexander von Sallwitz in der taz) vorgelegt. „Raymond Ley ließ die Dialoge geradezu puristisch umsetzen: Jedes „aber“, jedes „äh“ aus den Originaldokumenten sei in den Filmdialogen berücksichtigt worden, betont NDR-Redakteurin Schlesinger.“ (René Martens, taz online) Um diese Leistung zu würdigen, wird über den Abspann des Films „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ eine Tonspur mit Eichmanns Originalstimme gelegt: „Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen.“ Das deutsche Feuilleton findet das alles ganz großartig: „formal puristisch, inhaltlich facettenreich“ (ebd.), mit einer „historischen und psychologischen Präzision“, „enormen erzählerischen Dichte“ und „fiktional mitreißend“. „Der „Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte – hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben“ (Christian Buß, Spiegel online). „Herbert Knaup brilliert in „Eichmanns Ende““; „Raymond Ley gelingt es, Eichmanns selbstgerechte Lebensbeichte gegenüber Sassen flüssig und selbstverständlich zu verschränken mit der Geschichte seiner Entdeckung. Das liegt vor allem an der großartigen Leistung von Herbert Knaup, der Eichmann intensiver verkörpert als wohl alle anderen Schauspieler, die sich bisher an dieser Rolle versucht haben.“ (Welt.de)1
Das Dokudrama ist die Grimme-Preis-heischendste Disziplin im deutschen Fernsehen, je mehr sich in ihm deutsche Schauspieler zu den ihnen möglichen Höchstleistungen herausgefordert sehen umso Erfolg versprechender. Nazis darstellen ist der Gipfel deutscher Schauspielkunst – solange es in heimischen Produktionen oder für Tarantino ist, sonst verweigert man sich den US-Amerikanern gerne – schließlich will man nicht herhalten müssen als Unambivalentesnazimaterial und findet es ganz furchtbar, dass man als Deutscher in Hollywood immer nur SS- oder Gestapo-Männer darstellen darf. In einer vorwiegend deutschen Produktion jedoch (was den israelischen Channel 1 geritten haben mag, sich am Machwerk zu beteiligen, weiß man nicht) gibt man gerne den ‚facettenreichen Darsteller’. Das resultiert darin, dass alle (Tukur, Milberg etc.) so spielen wie immer, und Knaup ganz offensichtlich an Eichmann-Material geschult wurde – und trotzdem Knaup bleibt. Dementsprechend preist der NDR die „äußerst spannende Geschichte“ auch als „[a]bsolut echt, authentisch und Wort für Wort belegt“ an. „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ ist laut NDR ein „Dokudrama mit Top-Besetzung“.
„Eichmann“ ist so banal bösartig, wie Knaup es nur kann, und sein „Ende“ wird künstlerisch ansprechend bloß repräsentiert, wenn er auf einen Stuhl steigen muss, um seiner Frau zu zeigen, dass er bequem (hilflos in großkarierten Pantoffeln) bekleidet ist, dann nämlich sieht man ihn nur bis zum Hals – das erspart dem Zuschauer das Bild seiner Hinrichtung durch den Strick.
Im Film wird alles penibel abgesichert. Nicht missverstanden werden möchte man, und deswegen gibt es diverse Erzählebenen – „formal puristisch“ ist eine groteske Fehlbeschreibung. Die Interviews, die der niederländische SS-Untersturmbannführer Willem Sassen mit Eichmann in Buenos Aires führte und denen angeblich das eigentliche filmische Interesse galt, werden in Ausschnitten nachgestellt. Ulrich Tukur als Sassen und Herbert Knaup als Eichmann sitzen sich in einem Salon gegenüber – Eichmann will mit der Judenvernichtung angeben, und Sassen will, (dass behauptet wird,) dass sie nicht wirklich stattgefunden hat. Daraus u.a. soll dann die Spannung des Filmes entstehen. Was passiert, ist allerdings, dass der weltgewandte, wenn auch ein wenig genervte Holocaust-Leugner als viel besserer Mensch wegkommt als der verkrampft und unbeholfen sich brüstende SS-Obersturmbannführer. („Eichmanns Ansichten schockierten sogar die Beteiligten.“ NDR) Gestützt wird das Bild noch dadurch, dass die Darsteller von Sassens Tochter und Frau sich sichtlich vor Eichmann gruseln und Sassens Tochter als Zeitzeugin befragt, ihren Vater als Verblendeten beschreiben darf. Und Sassen ist Tukur – durch Film und Fernsehen vorwiegend bekannt als „der gute Nazi“. Eichmanns in kalter Bürokratensprache vorgetragene Schilderungen seiner Aufgaben während des Holocaust werden auf der nächsten Ebene mit schwarzweißen Filmaufnahmen und Fotografien von den Transporten und aus den Vernichtungslagern illustriert. So sei es wirklich gewesen und eben nicht „banal“ sondern böse. Die über beinahe den gesamten Film gegossene Musiksuppe liegt auch auf den Bildern, nur über zwei oder drei besonders grauenvollen Darstellungen nicht – sehr pietätvoll. Eichmanns musikalisches Thema ähnelt zudem einem Klavierthema, das Ennio Morricone für „White Dog“ (USA 1982, Samuel Fuller, basierend auf Romain Garys dokumentierendem Roman Chien blanc) komponierte.
Auf einer weiteren Ebene sitzt Axel Milberg als Fritz Bauer im Büro herum oder trifft sich im Wald mit einem Mossad-Agenten, um die Entführung Eichmanns voranzutreiben. Und irgendwann wird unsinnigerweise die Szene „Eichmann mit seiner verärgerten Geliebten“ gezeigt. Zwischendurch werden immer wieder Interviews mit Zeitzeugen eingeblendet: mit der zweiten Ehefrau Lothar Hermanns (dessen Identifizierung zu Eichmanns Entführung durch den Mossad führte), einer Freundin der Familie Hermann, einem der Nachbarn, Sassens Tochter, zwei ausschlaggebend an der Entführung beteiligten Mossad-Mitarbeitern und drei Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte (entlarvend!)3. Nachgestellt werden außerdem Ausschnitte eines Interviews, das zwei Journalisten von Paris Match 1982 mit der Witwe Eichmanns führten. Am Ende gibt es noch Original-Bildmaterial aus Israel zur Zeit des Eichmann-Prozesses und Bilder vom Prozess selbst.
Jede Ebene hat ihre eigene Farbgebung – das reicht von klassischen Isthaltvergangenheit-Sepiatönen über rote Akzente im staubig-sonnigen Argentinien (das in Niedersachsen nachgebaut wurde, weil’s billiger war), kaltes Blaugrau, bis zum Schwarzweiß des Originalmaterials (Holocaust/ Israel).
Das alles ist typisches deutsches Dokudrama und fügt dem Genre weder etwas hinzu, noch kann es viel schlechter als sonst kommen. Dem „Sensationsfund“ wird das alles nicht gerecht, wie nichts Ästhetisierendes Eichmann jemals gerecht werden könnte, nicht einmal seine eigenen Worte.


Caravaggio – Judith köpft Holofernes

So unfassbar diese Sätze klingen, so unglaublich ist die Geschichte von der Ergreifung des Schergen! Nicht seine Interviews haben zur Ergreifung geführt – nein, es war die Liebe!“ (Bild.de)

Sie konnte nicht glauben, dass ihr das passiert. Sie sagte: Nach allem, was sie meiner Familie angetan haben. Dass das Schicksal sie dazu bestimmt hat. Es war Zufall, dass sie mit dem Sohn von Eichmann zusammengewesen ist. […] Es war nicht von einem Tag auf den anderen. Sie hat darauf hingearbeitet, um zu erreichen, dass er sie zu sich nachhause einlädt. Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken. […] Und sie wusste auch, welches Risiko sie einging, wenn sie Informationen weitergab. […] Sie sagte mir, ich weiß, welches Risiko ich eingehe.
Alicia Dandörfer, ebd.

Der Halbjude [!] Lothar Hermann war auf der richtigen Fährte. Der Mann im Rentenalter meldete dem jungen israelischen Ausland-Geheimdienst Mossad in Tel Aviv, was ihm seine Tochter Sylvia über die Bewohner des Hauses Charabuco-Straße 4261 in Olivos erzählt hatte: In jenem nördlichen Vorort von Buenos Aires wohnte ein Ehepaar, mit dessen ältestem Sohn sie befreundet war. Der junge Mann hieß Klaus Eichmann und sagte desöfteren, es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.
Hans Werner Loose – Der Eichmann-Jäger bricht sein Schweigen, Rezension von Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl: Der Jäger – Operation Eichmann: Was wirklich geschah, DieWelt 28.03.96

Auf der untertitelgebenden Erzählebene („Liebe, Verrat, Tod“), auf der das Dokumentarische nahezu vollständig zugunsten des Fiktiven in den Hintergrund treten muss, und auf die man beim NDR besonders stolz ist, wird bei Ley die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die ihrem das KZ nur knapp überlebt habenden Vater von den antisemitischen Sprüchen eines Schulfreundes berichtet, zu einer alten Geschichte: Ein Drama um eine deutsch ausgelegte Judith oder Esther etc. (vgl. dazu Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld, S. 224ff) und einen die Attraktivität seiner ihm einzig und, wie Eichmanns Aussage über dem Abspann belegt, nur ‚ungern’ von den Nazis ‚gelassenen’ ‚Blutsverwandten’ rücksichtslos ausnutzenden Vater.2
Ein Mann zerstört zwei Familien, seine eigene und die Adolf Eichmanns – aus Rachsucht, weil Eichmann die Vernichtung seiner Familie organisierte und für am Ende 10.130 Dollar, die ihm die Israelis für die Ergreifung Eichmanns bezahlten. Dem aus Kassel stammenden Regisseur Raymond Ley verschlägt es ob der Sinnlosigkeit der Zerstörung immer mal wieder die Filmsprache (die allerdings und vor allem die Eichmanns ist dem Spiegel eine Einleitung wert). Dabei ist er TV-Experte für deutsche Karrieren (Beate Uhse – Eine deutsche Karriere, 1999), deutsche Katastrophen (Eschede Zug 884, 2008; Die Nacht der großen Flut, 2005) und Deutsches überhaupt (Helm ab zum Jubiläum! – 50 Jahre Bundeswehr; 2005; Aus Liebe zu Deutschland – Eine Spendenaffäre, 2003; An deutschen Tischen, 2000).
Im Gegensatz zu Eichmanns „Tod“ (s.o.) wird der Zuschauer „Liebe“ und „Verrat“ wesentlich rücksichtsloser ausgesetzt. Die „Liebe“ seiner Tochter Silvia – zu Nick, Eichmanns Sohn – und sie gleich mit opfert der Holocaust-Überlebende Lothar Hermann (Michael Hanemann, verbittert, ungeduldig und lieblos) seiner Rachsucht. Als Gewährsmann für die Liebesgeschichte gilt Ley der „sympathische ältere Herr“, Klaus/ Nick Eichmann, der „mit sehr viel Wärme über Silvia“ (Ley, s.o.) sprach. Der Junge also, der gedroht haben soll, Silvia umzubringen, der „desöfteren“ gesagt haben soll, „es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.“ Der Junge, der so redete wie sein Vater. Alle noch so zurückhaltenden Aussagen der Zeitzeugin Alicia Dandörfer („Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken.“ S.o.) illustriert Ley mit Bildern, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass Silvia Hermann Nick Eichmann tatsächlich liebte, und diese Liebe nur um des (rücksichtslos drängenden) Vaters Willen verriet. Auf dem letzten Weg zu dem, mit dem sie „was hatte“ (im Film-Gespräch mit ihrer Freundin suggeriert das Beischlaf), weint sie einsam im Bus. Dandörfers Einschätzung: „Er war so hasserfüllt. Ich weiß nicht, das war schon richtig krankhaft. Seine Frau beruhigte ihn. Sie sagte: Es ist vorbei. Wir leben. Es ist vorbei. Wir leben. Wir haben unsere Tochter. Darauf sagte er: Ich werde nicht aufhören. Sie werden es büßen. Sie werden es büßen“, entnimmt Ley unwidersprochen die Einschätzung Hermanns als „krankhaft“ und illustriert das außer als „krankhaft rachsüchtig“ als „krankhaft gierig“ mit einem Zusammentreffen von Hermann und einem Mossad-Agenten, bei dem Silvia und Hermanns zweite Frau anwesend sind:
Hermann: „Außerdem, diese ganzen Nachforschungen haben mich Unsummen gekostet.
Die Tochter sieht peinlich berührt zu Boden.
Mossad-Agent: „Kein Problem. Hier sind 130 Dollar für ihre bisherigen Auslagen.
Kamera auf Geldbörse, der der Agent Scheine entnimmt.
Hermann: „Das ist viel mehr, als sie sich leisten können.
Zeitzeuge Rafi Eilan, Mossad: „Ich glaube nicht, dass sich je jemand verpflichtet hat, Geld zu bezahlen. Es sieht vielleicht nicht angenehm aus, aber die Beziehung zu Hermann war, dass er eine Leistung erbringt. Und dass man für die Leistung Geld gibt.
Woher Hermanns angebliche Geldgier stammt, wird bereits früher angedeutet, im Interview mit den Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte:
I: „Was haben die Hermanns gemacht?
M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
F1: „Kuhhandel.
M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
I: „Und ist denen das gelungen?“ [??? Das mag man als Bemühen darum deuten, die Bewohner aus der Reserve zu locken. Der Versuch jedoch, irgendwie Geld herauszuschlagen, wird in der genannten Spielszene, dem Interview und im Abspann zusätzlich betont.]
M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.

Bei Ley erscheint Silvia zum so genannten Verrat unwillig; der Vater muss sie antreiben, am Telefon sagt er zu ihr: „Red’ nicht so mit deinem Vater! […] Dann bring’ mir einen endgültigen Beweis.“ Immer wieder lässt Ley Silvia Nick anstrahlen oder bedauernd, abwägend, melancholisch ansehen und ihn fragend verliebt oder ahnungsvoll zurückblicken. Erst als sie ihn vor seinem Haus ein anderes (ein blondes) Mädchen küssen sieht, ist sie offenbar bereit, des treulosen Nicks Vater – Adolf Eichmann! – auszuliefern. Ebenso rachsüchtig wie ihr Vater scheint sie nun zu sein, während sie noch skeptisch ist, als der sagt: „Vergiss den Jungen. Er ist ein Lump wie sein Vater. Du hast es für unsere Familie getan.“ Da sieht sie ihn an, als ob er etwas Widerwärtiges sage.
Am Ende schickt Hermann, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde, seine Tochter in die USA, aber bei Ley kommt das einer Verbannung gleich – die Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, durch den „sympathischen“ Klaus Eichmann und all die anderen Nazis nämlich illustriert er nicht! Es gibt nur schwammige Aussagen zum Thema, die aber durch die bereits als „authentisch“ ausgewiesenen Spielszenen, Nicks Verliebtheit, Silvias Enttäuschung, Eichmanns Unbeliebtheit selbst in Nazi-Kreisen etc. etc. konterkariert wurden.
Er erhielt viele Drohungen. Ich hatte auch Angst. Aber ich musste bei ihm bleiben, weil er blind war.
Zeitzeugin Amelia Hahn Hermanns zweite Frau
Er sagte: Ich habe meine Tochter in die USA geschickt, wegen der Drohungen.
Zeitzeuge Kleiner, Nachbar Hermanns
Und der Vater sagte: Wir werden dich nie wieder sehen. Wir lieben dich. Aber wir werden dich nie wieder sehen. Alle drei weinten. Es war so traurig.
Alicia Dandörfer
Daran anschließend folgt sofort das nachgestellte Vera Eichmann-Interview, in dem sie vom Besuch bei ihrem Mann in Israel berichtet und ein re-enactment, in dem Eichmann, der im Besucherraum des Gefängnisses seine Hand gegen die Veras auf der anderen Seite der Scheibe presst, sagt: „Gell, Vera, eine Fensterscheibe kann uns nicht trennen, auch eine Glasscheibe kann uns nicht trennen.“ Und Vera Eichmann besteht ihrem Mann gegenüber darauf, dass er ja unschuldig sei und nie einen Juden umgebracht oder den Befehl dazu gegeben habe.

Im Abspann wird der Shoa-Überlebende dann endgültig verraten:
Lothar Hermann starb 1972. Er erhielt für die Ergreifung Adolf Eichmanns 10.000 US[!]-Dollar aus Israel.
Silvia Hermann kehrte nicht mehr nach Argentinien zurück. Bis heute lehnte sie jedes Gespräch über ihre Geschichte ab.
Nick Eichmann traf Silvia nie wieder. Er lebt seit Mitte der 60er Jahre wieder in Deutschland.

Der Filmemacher hätte natürlich gern auch Klaus Eichmann interviewt, dessen Freundschaft zu Silvia Hermann einst seinem Vater zum Verhängnis [!] wurde. Den Tätersohn hat der Regisseur an dessen Wohnort am Bodensee aufgesucht. „Ich hatte eine Begegnung mit Herrn Eichmann am Küchenfenster, aber er hat das Gespräch nach 20 Minuten abgebrochen“ – nachdem er kurz zuvor über ein altes Foto, das Ley mitgebracht hatte, ins Plaudern geraten war. Hermann, die heute in den USA lebt – dorthin war sie gegangen, nachdem sie ihrem Vater bei seinen Recherchen geholfen hatte –, schwieg ganz. „Sie war entsetzt darüber, dass wir sie gefunden haben“, sagt der Regisseur.“
René Martens – Bekenntnisse eines Schreibtischtäters. (taz online)

Dem Entsetzen, dass man sie überhaupt finden konnte, mag Ley nicht mal im Abspann – geschweige denn im Film selbst – gerecht werden. Und dann wollte sie ja auch nicht mit ihm reden! Die 20 Minuten hingegen, die ihm der Sohn, der einst offenbar genauso redete wie sein Vater, der gedroht haben soll, Silvia Hermann umzubringen, durchs Küchenfenster widmete, machen ihn zu einem vertrauenswürdigen und „sympathischen älteren Herrn“. Deutsches Dokudrama – echt und authentisch, mit allen ähs und abers!

  1. Bis auf zwei obskure Artikel im Freitag und in der Jungen Welt, in denen Gaby Weber Verschwörungstheoretisches über Israel verbreitet, dort nämlich sei man gar nicht daran interessiert gewesen, Eichmann vor Gericht zu stellen, sondern wollte lieber die Deutschen erpressen, um von ihnen (ausgerechnet!) Atombomben-Knowhow zu bekommen. Warum nicht gleich freundlich die US-Amerikaner fragen, die den Israelis doch angeblich so zugetan waren, sind und sein werden? Und wer immer noch den deutschen Atom-Physikern glauben mag, die nach dem Krieg so taten, als hätten sie gekonnt, aber nicht gewollt, weil sie ja die Nazis nicht so recht mochten, sollte bitte die glaubwürdigere Literatur lesen! Und die Deutschen damit erpressen, dass sie von Eichmanns Aufenthaltsort wussten? Aber sicher doch… [zurück]
  2. Jeder Filmemacher wählt aus dem Material, das ihm vorliegt oder dem, das er geschaffen hat aus. Leys Film wurde wiederholt Sorgfalt und Authentizität konstatiert; sein Bemühen, jedes Missverständnis auszuschließen und allen gerecht zu werden, ist ostentativ. Als Autor und Regisseur ist er maßgeblich verantwortlich für das Material, das er verwendet und das bei einem so kurzen Film notwendig auch zu aus dem Kontext gerissenen Aussagen führen muss, und natürlich für die Inszenierung der Spielszenen. Die NDR-Redakteure und die Nordmedia, die den Film so oder so förderten, sind verantwortlich dafür, dass sie Zuschauerbegeisterung vermuteten und sowieso. [zurück]
  3. Quirnbach, Westerwald. Geburtsort von Lothar Hermann
    Interviewer: „Kannten Sie damals den Lothar Hermann?
    Mann 1: „Ja, sicher. Ich weiß auch noch, wie die fort sind.
    I: „Welches Haus ist das von den Hermanns gewesen?
    Frau 1: „Wo Sie hingucken.
    Mann 2: „Wo Sie hingucken.“ […]
    I: „Was haben die Hermanns gemacht?
    M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
    F1: „Kuhhandel.
    M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
    I: „Und ist denen das gelungen?
    M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.
    I: „Wie viele jüdische Familien gab’s hier im Dorf?
    M2: „Zwei.
    F1: „Zwei, die beiden.
    M2: „Familie Hermann war da.
    I: „Wie war das? Wusste man, dass die Juden waren?
    F1: „Ja, sicher.
    M2: „Ja, sicher.
    F1: „So groß ist der Ort ja nicht. Kennt ja jeder jeden.
    M2: „Aber…
    I: „Was ist später mit denen passiert?
    Frau zuckt mit Schultern.
    M2: „Ja, die seien vergast worden.
    F1: „Ja, ist vermutet worden.
    M2: „Ja, aber.
    F1: „Waren arme Leut. Waren arme Juden.
    M2: „Haben niemand was zuleide getan.
    F1: „Nein, also, das kann man ruhig mit ruhigem Gewissen sagen.
    M2: „Ja.
    F1: „Man hätt se nit so behandeln müssen.
    M2: „Na… ja.
    F1: „Das war auch der Verderf.
    I: „Was war das?
    F1: „Der Verderb. Dass man die Juden so behandelt hat. Ja, sicher. Is doch, oder nicht? War’n ja auch Menschen. Waren halt Juden.“ [zurück]

Deutsche Straßenfeste seit 1938 V: Extended Deutschland-Remix

Jetzt, da Zeit, Geld und Raum wieder knapper werden.“
Christian Bangel – Patriotismus. Suche nach dem Sinn. Die Zeit online

Ja, aber ich finde es schade, dass wir unser Land kleiner machen, als es ist.
Bushido im Spiegel-Interview

Volk ohne Raum again! Natürlich ist nur ideeller, spiritueller und dergleichen Raum gemeint – das „Luftreich des Traums“, über das Heine sich noch lustig zu machen wagte und das Marx/ Engels als Bestandteil deutscher Selbstgerechtigkeit diagnostizierten – ganz gewiss nicht das ehemalige Aufmarschgebiet im Osten oder im Süden, Westen, Norden. Das Ziel ist derzeit Expansion ohne Waffengewalt – die aber in allen Dimensionen: Breite, Höhe, Tiefe, Zeit und Sympathie. Und wenn die Stringtheorie zutreffen sollte, nehmen die Deutschen die ganzen fein säuberlich aufgerollten Dimensionen noch mit und stricken sich einen Lebensraum daraus.
Nichts wollen die Deutschen offenbar mehr, denn als „ganz normale Nation“ anerkannt zu werden. Es geht ihnen nur um sich selbst; aber ihr Projektionswahn ist so übermächtig, dass sie ihre Missgunst, ihren Selbsthass, der nicht sein darf und ihren Hass aufs „Andere“, der auch notwendig ist, um den Selbsthass ertragen zu können, auf die Welt übertragen, bis sie ihnen in ihren Augen mindestens gleicht. Frankreichs (fußballerisches) „Multikulti-Experiment“ gilt den Deutschen als gescheitert, während sie ihre eigene „Integrationsleistung“ gar nicht genug ausstellen können.
Das Geheimnis des deutschen Erfolgs gibt Bushido im Spiegelinterview preis: „Egal, wie asozial du bist, du weißt in Deutschland immer noch, an welche Regeln du dich halten musst. […] Es ist einem nicht egal. Deswegen brennen hier nicht die Vorstädte. Es gibt diesen Frust in Deutschland nicht. Auch krass asoziale Leute, die ich kenne, machen lieber Raubüberfall oder Einbruch, als Autos anzuzünden. […] Die kennen das Wort Revolte gar nicht. Wenn der Vater ‚Ruhe’ sagt, dann ist Ruhe.“ (Ebd.) ∎

Inmitten der irgendwie Gleichen aber wollen die Deutschen trotzdem einzigartig sein, z.B. im Nichtdürfen. Ihr „Abermanwirdochwohlnoch“ fordert geradezu Ablehnung ein, um sich entweder als Opfer von ewigwandernden Anklagen oder als zu Recht Empörter geben zu können. Alles ganz entspannt und locker natürlich, beispielsweise beim home screening vom Irgendwer vs. Deutschland-Spiel, wo der bereits als generellnichtfürdeutschlandseiend bekannte Besucher zum fröhlichen Empfang mit Schwarzrotgelbfettfarben bemalt werden soll und mehrfach auf Unterlassung bestehen muss. „Achkommschonistdochbloßlustig“. Deutschsein ist totale Party, und wer nicht mitmachen will, steht als ostentative Erinnerung an das, wasdamalwar mitten im Raum. ‚Das’ gehört zwar mittlerweile zur deutschen Folklore, aber niemand will explizit darauf hingewiesen werden, dass seine „Schland“-Party dem Hüpfen auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals verblüffend ähnelt. Eigentlich, denn zugleich freut man sich auch ein wenig über die Verweigerer, hat mans doch gewusst: Was man da gerade macht, ist ungeheuer gewagt! Deswegen wird auch so getan, als sei die ein wenig Freudsche Fehlleistung der ZDF-Moderatorin skandalisiert worden. Was natürlich nicht der Fall war – kurz „Dudu“ hat die deutsche Medienwelt gesagt und dann der liebenswert unverstellten Göre verzeihend den Kopf getätschelt. Andere werden schon fürs bloße Deutschlandlieben brutal gedisst, Bushido for instance:
SPIEGEL: Sie haben in einem Song gerappt: „Ich liebe dich, mein Deutschland.
Bushido: Ich habe das genau so gemeint, aber ich wusste natürlich, was für eine Provokation [?] das ist. Anscheinend muss ich nur sagen, was ich denke, und schon ticken alle aus [Was habe ich nicht mitbekommen?]. Auf dem Single-Cover zum WM-Song prangt [!] jetzt der deutsche Adler. Und trotzdem finde ich Rechtsradikale beschissen. (Ebd.)


„Bio-Fußball-Party-Tüte“, via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Ja, alle finden die Nazis doof, vor allem die rassistischen Fahnenzerstörerneoneonazis, die den Deutschen, die von Spiegel, Zeit et al. als vorbildliche ‚Ausländer’ ausgemacht wurden, das Schwarzrotgold nicht gönnen wollen. Mit dem 19-jährigen Schüler Manuel freut man sich: „Es ist doch super, wenn die [!] sich so integrieren.“ Wenn die Anekdote stimmt, dass man den deutschen (in jedem halbwegs zivilisierten Land erhält jemand, der dort geboren wurde, die entsprechende Staatsbürgerschaft – hier nicht) Ladenbesitzer und Fahnenbewacher aufforderte, statt der deutschen doch bitte die palästinensische Flagge zu hissen, hat man es dort tatsächlich auf allen Seiten mit – gelinde gesagt – Spinnern zu tun.
Mit den Fahnenverteidigern aber, die sie immer noch als ‚fremd’ ausstellen müssen, um die gewünschte Absolution zu erreichen, lassen die Deutschen sich lieben, wie sie im selben Kontext ihre Feinde hassen lassen. Niemand gilt ihnen als Individuum, die deutsche Nation wird bejubelt im Stellvertreter, der sich integrieren muss, aber nie wirklich nur er selbst sein darf, in seinem Wahnsinn oder im Streben nach gerade noch zu erahnendem Glück. Gerne vorgezeigt wird er als Konservendosenjubler wie als Konservendosenhasser (Lars Quadfasel).
Und selbst davon glaubt man genug zu haben, denn womöglich wären ja noch einige unter denen, die man lieber gleich bis zur Abschiebung einsperrt (ihren Tod dabei wiederholt in Kauf nehmend), ertrinken oder an der Grenze hinrichten lässt – vgl. dazu Cosmoproletarian Solidarity – Denunzieren, was deutsch ist.
Insofern wichtig sind die, die es überhaupt nicht ins Land des „Weltmeisters der Herzen“, der – damits nicht langweilig wird – nunmehr „Sympathieweltmeister“ heißt, zieht. Weltweit geliebt wird die „junge“, „frische“, „bunte“ und wasweißich Mannschaft. Und wenn der israelische Ministerpräsident mal nichts sagt, hat auch das als Liebeserklärung an Deutschland zu gelten („Wer zu höflich ist zu sagen, dass er ‚gegen‘ uns ist, ist für uns!“): „Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.“ (Spiegel online)

Warum die Ewiganklagenden immer noch nicht wirklich zugeben wollen, dass auch sie ‚uns’ lieben, erläuterte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Jacob-Grimm- und Cicero-Rednerpreis-Inhaber, der emeritierte Münchner Historiker Christoph Meier jüngst im Gespräch mit Wolfgang Herles, der den Phönix-Zuschauern („Auf den Punkt“, vom 18.07.10) dessen Buch „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ wärmstens empfahl. Natürlich sei der Holocaust irgendwie einzigartig und deswegen dürfe man auch irgendwie das Ganze nicht vergessen. Sonst sei Vergessen aber eine schöne und notwendige Sache. Und dann sei das Gedenken ja auch hierzulande mittlerweile eher Routine geworden (ganz so wie bei Walser sei das nicht gemeint, aber schon, doch, vielleicht…). Und überhaupt habe das sich an den Holocaust erinnern müssen vielleicht nicht nur etwas mit der Einzigartigkeit des Verbrechens zu tun, die man natürlich nicht in Frage stellen wolle, aber womöglich läge es auch an jenen, welchen man es angetan habe. Denn: Anders als andere Kulturen basiere das Judentum ja vor allem auf Erinnerung – da könne man gar nicht anders als pausenlos zurückblicken. Ob das auch das deutsche Gedenkenmüssen bedingen würde, fragt der Moderator. Und der Gast antwortet, dem könne sehr wohl so sein. Dann wird es richtig deutsch, ob er denn keinen Skandal befürchte, will Herles wissen – wie bei Walser damals. Ach nein, sagt Meier, seine Bücher nehme ja eh niemand wahr. (Die Sendung ist leider nicht online verfügbar und kann deswegen nur grob zusammengefasst wiedergegeben werden.)

Die Party war eben auch so laut, so schwarzrotgold, so demonstrativ, weil die Teilnehmer nicht anders können, als sich immer noch als Opfer zu präsentieren. Da hilft nicht einmal der Triumph, sich den Hurra-Patriotismus redlich verdient zu haben, indem man zur Nation mit den überhaupt besten Patrioten geworden ist, weil man nämlich am einzigartigen Verbrechen moralisch über alle anderen hinausgewachsen ist. So schnell macht einem das keiner nach. Aber Opfer sein ist trotzdem viel schöner, Verlierer sein gibt Stoff für noch mehr Mythen und uneinholbare Größe: „Bezeichnend, dass Walser ausgerechnet die Deutschen als die guten, knienden Verlierer den allzu „dreisten“ Gewinnern gegenüberstellt. Jemand, der sich in der Vergangenheit so konsequent in die Reihe der Verlierer zweier Weltkriege eingeordnet hat und den Siegern vorwirft mit der „Moralkeule Auschwitz“ zu schwingen, wählt sich selbstverständlich nun den knieenden Schweinsteiger als Ikone und spricht verächtlich über die Sieger unter denen er vermeintlich zu leiden hatte.Dissonanz – Walser, Schweinsteiger und die Deutschen
Würde man Walsers Ikonisierung Schweinsteigers in der Süddeutschen nur ein wenig kürzen, läse sie sich wie ein Brief an die Leser in der Titanic: „Lieber Bastian Schweinsteiger, wenn Sie nach dem 0:1-Spiel nicht auf dem Rasen gekniet wären, vornübergebeugt, die Stirn, vielleicht das Gesicht im Gras, wenn wir Sie in dieser Haltung nicht zweimal auf dem Bildschirm hätten anschauen können, und jedes Mal nicht nur eine Sekunde lang, sondern so lange, dass uns Ihre Haltung durch und durch gegangen ist, wenn das alles so nicht gewesen wäre, würde ich, könnte ich nicht an Sie schreiben. So aber muss ich reagieren auf diesen grandiosen Fußballer, der nach einem 0:1 so kniet, so sich beugt. Wie Sie sich wieder aufgerichtet haben, wurde nicht gezeigt. So bleibt der kniende Bastian Schweinsteiger unser Haupterinnerungsbild […]. Ich habe gedacht: So knien, so sich beugen kann nur einer, der gerade verloren hat. […] Die, die gewonnen haben, sind nicht halb so eindrucksvoll wie die, die verloren haben. […] Es gibt, das kann sich jeder leicht ausrechnen, viel mehr Verlierer als Gewinner. […] Sportplätze sind nur ein Teil dieser Kampfplatz-Welt – wer aber in seinem Feld und Umfeld erlebt, wie sich Gewinner gewöhnlich aufführen, der kann nur hoffen, dass er, wenn er auch mal gewinnt, nicht so dreist aus der Wäsche schaut, wie das der Gewinner tut. […] An Ihre Haltung reicht das alles nicht heran. Sie sollen wissen, Sie hätten uns durch keinen Sieg so faszinieren, so bannen, so für sich einnehmen können, wie durch dieses Hinknien. Die Schicksalsdramaturgie hatte für Fallhöhe gesorgt. Zuerst ein schönes Spiel nach dem anderen, […] dann dieser Sturz ins 0:1 [aka Stalingrad]. Dann knien Sie so lange, wie Sie noch kein Mensch hat knien sehen. Und in der massenhaft belebten Umgebung direkt nach dem ins Unglück verlaufenen Spiels [sic] knien Sie ganz allein, keiner kommt, der Sie, sagen wir, aufrichten will. Das spricht für alle, die da herumrannten [?]. Ich finde, das Bild, das so zustande kam, der gloriose Fußballer kniet allein, die Stirn im Gras, dieses Bild hat es verdient, gespeichert zu werden, überall. […] Mit freundlichen Grüßen, Martin Walser
(vollständiger Text: Süddeutsche, online 09.07.2010)
Da sieht er dann gerne hin, wenn des Deutschen Leiden ausführlich und mehrfach zelebriert wird, an anderer Stelle brüstet er sich damit, „bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut“ zu haben – „[v]on den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern“.

Christian Bangels ist noch nicht so weit wie Walser. In seiner Jeremiade in der Zeit (Patriotismus. Suche nach dem Sinn), verbreitet er nämlich, der „schwarz-rot-goldene Frohsinn“ der darob „beseelten“ „Millionen Deutschen“ sei immer noch nicht genug. Richtig eins müsse man werden, unterschiedslos und vollkommene Gemeinschaft. „Ohnehin ist der Schwarz-Rot-Geil-Hype mit dem Abschluss des Festes beendet. Das zeigt die Studie des Berliner Soziologen Jürgen Gerhards, der vor, während und nach der WM 2006 in Umfragen die Akzeptanz des Bekenntnisses „Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein“ maß. Das Ergebnis: Drei Wochen nach der WM waren die Werte wieder auf dem Stand von vorher“, jammert Bangel. Dass es überhaupt einen messbaren „Stand“ gibt, ist der Skandal. Der Spruch, den noch vor Jahren nur Neonazis deutsch trotzig auf ihren Jacken spazieren trugen, wird als allgemein gelten zu habender Anspruch formuliert. Ein „Bekenntnis“? Daraus spricht zweierlei: Nach wie vor die absurde Annahme, es sei überaus mutig, aufs Deutschsein stolz zu sein und das Alltagsreligiöse (Claussen) des Nationalstolzes.


via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Das, was immer wieder begeistert als kreativer Umgang mit den Insignien der Nation beschrieben wurde, wobei Kreativität nur die Quantität und den Ort (als gäbe es nicht nur einen adäquaten) bezeichnete, der schwarzrotvergoldet wurde – Hund, Katze, Maus, mein Haus, mein Auto, mein Kind – wird am Ende zu einem riesigen Leichentuch zusammengenäht und übers einzigartige ‚deutsche Trauma’ gezerrt: „Unser Auschwitz“. Im Fahnentaumel ist Auschwitz weder vergessen noch präsent. Auschwitz ist überwunden. Darauf mindestens wird man doch wohl noch stolz sein dürfen! Wer dabei nicht mitjubeln mag, ist Spaßbremse, Rassist, ewiggestrig.

Auf die eine zeitlang irgendwie relevante Frage, für wen man denn nun sein solle, um dem Deutschland-Gegröhle wenigstens etwas entgegenhalten zu können, habe ich vor ichweißnichtwievielen Jahren eine rein persönliche und eher emotionale Antwort gefunden. Jenseits davon, dass ich Fußball nur manchmal (ästhetisch) ansprechend finde und Deutschland prinzipiell verlieren sehen möchte, bin ich immer nur für einen einzigen Spieler – aus irgendeinem Grund, der sich schon zeigen wird. Diesmal war das Luis Alberto Suárez Díaz, und zwar u.a. wegen des Hüpfens über die Bande:

Later: Recommended reading
Clems Heni – Freilich für Israel

Artists United For Volksgemeinschaft

I

Während in Hamburg die Welt noch in Ordnung zu sein hat, weil dort nur in trauter deutscher Einheit gegen „die internationalen Megastars“ gearbeitet wird – jeder packt mit an: die Hamburgische Bürgerschaft, die Hamburgischen Künstler, die Hamburgischen Gentrification-Gegner in all ihren Erscheinungsformen usw., habemus castellum, und für Eisen gab ich Gold – dreht man in Berlin die Opferschraube noch ein wenig weiter. Bei 3sat freute man sich für die Hamburger und will gar nicht verstehen, dass Berlin die logische Konsequenz ist. Laut 3sattobt“ in Kreuzberg „wieder einmal der Klassenkampf – alte Muster mit neuen Feindbildern. Die linke Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen einen Ort linker Kultur, das Kreuzberger Bethanien-Haus. Autonome verbarrikadierten sich in den ehemaligen Räumen des Künstlerhauses.“
Nicht ganz zu Unrecht befürchtet man, dass nach den Autos die Bilder brennen werden – vom Feuerschein der vonwemauchimmer angezündeten Mehroderwenigerluxuskarossen allerdings mochten sich die Künstler noch ein wenig inspirieren lassen. Reizvoll ist Berlin für die Kreativen natürlich auch immer, weil der Nachhall des Stampfens vom Tanz auf dem Vulkan dort fraglos noch am deutlichsten vernehmbar ist. Berlin verspricht nach wie vor die schöne Aussicht auf den Abgrund und an dessen Rand hüpft es sich umso ausgelassener. Während man in Hamburg glaubt, froh sein zu müssen, dass überhaupt noch jemand an der als betulicher vermuteten Künstler-Party teilnehmen mag, ist Berlin mittlerweile so von schöpferisch tätigen Menschen ‚übervölkert‘, dass die Bewunderung, die man hierzulande fürs Kunsthandwerk hegt, notwendig in Überdruss umschlägt. Und wo jeder zig (erfolglose) Künstler kennen muss, geht auch die Möglichkeit flöten, allzu Aufregendes in sie hineinzuprojizieren. Danach kann dann nur der viel seltenere halbwegs (finanziell) erfolgreiche Bastler für den dringend erforderlichen Neid und die Missgunst herhalten. Was umso leichter fällt, weil der Nimbus aufgebraucht ist, und alle einen kennen, der es „viel eher verdient hätte“ und „sowas ähnliches oder wesentlich tolleres, das vor allem aber viel authentischer“ macht, ohne dafür bezahlt zu werden.
Die darob Empörten sind unverkennbar durch die deutschen Medien und insbesondere die im Oberschicht-Milieu spielenden Krimiserien, vor denen man sie parkte, geschult. In denen nämlich sind die Wohlhabenden stets suspekt, und das wird durch vornehmlich drei Attribute illustriert: eine opulente Wohnzimmerlandschaft mit einer schmalen Treppe ins Nichts (bzw. ins kleine Jugendzimmer), ein allen Maßstäben gemäß unangenehm protziger Wagenpark und… ‚Moderne’ respektive ‚Abstrakte Kunst’ im Eigenheim und im kalten Büro. In diesem Kontext muss man auf einen weit verbreiteten Irrtum zu sprechen kommen: Im deutschen Fernseh-Krimi nämlich werden mitnichten die Hippie- oder sonstwie (politisch) verwirrten ‚Kinder’ (der Oberschicht) hart angegangen – au contraire. „Der barsche Ton, dessen sich »Der Kommissar« gegenüber Drogensüchtigen, Studenten und Hippie-Mädchen bedient“ und der sich „offenbar aus Erfahrungen, die Reinecker bei der Waffen-SS gesammelt hat“ (Magnus Klaue – Opa, erzähl vom Krieg, Literatur-Konkret 2003, S. 4) schöpft, existiert so nicht. Es sei denn, es gibt keine andere Möglichkeit, Die Kinder dazu zu bringen, ihre ‚authentischen Emotionen’ zu äußern oder um ihrer heimlichen Sehnsucht nach Autorität gerecht zu werden. Im einschlägigen Krimi ist das vom Wohlstand und der moralischen Verkommenheit seiner Eltern angeekelte und ergo rebellierende ‚Kind’ (im Alter von ca. 14 bis ca. 30 Jahren) meistens die zweithöchste moralische Instanz – über ihm steht nur Der Kommissar, der den Ekel – sichtbar wenn auch nicht notwendigerweise explizit ausgesprochen – teilt und auch mal als väterlicher Therapeut durchgeht (Der Assistent kann nichts verstehen, weil er entweder vom Reichtum fasziniert ist, Das Kind, oder Das Kind ihn, so es denn weiblich ist – natürlich!, am liebsten flachlegen möchte oder von Michael Ande et al. dargestellt wird). Am Rezept wurde nichts grundlegend verändert und selbst wenn, wäre es gleichgültig, denn die Wiederholungen der frühen, oftmals von bereits im ‚Dritten Reich’ tätigen Autoren konzipierten, Serienfolgen sind Legion. Und wenn man in einem auf pädagogische Werte achtenden Haushalt ohne Fernsehapparat aufgewachsen ist, wurde das Prinzip sowieso vermittelt.
Das wohlwollende Verständnis der ehemaligen Nazi-Autoren fürs deutsche Nachkriegsjugendvolk ist alles andere als überraschend. Als man sie das Genre (seit 1968 vor allem im ZDF) mitgestalten ließ, hatte sich die deutsche Protestbewegung bereits entschieden, den ‚Volksfeind‘ mindestens in seiner konkreten Form beibehalten zu können, und der ‚wahre’ Nationalsozialismus hatte sich immer als die Bewegung eines (unverstandenen) jungen Volkes, das sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte, aufgefasst (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution). Die Schnittmenge war unübersehbar. Wie die Krimi-Kinder fühlten sich die Autoren irgendwie verraten – vom dekadenten Bürgertum, von den allzu bürgerlichen Nazis (zumindest im Nachhinein) und den die Nationalsozialisten beerbenden Wirtschaftswunderbonzen, die brutal auf der Blauen Blume (später dem „Hippie-Mädchen“) der völkisch-romantischen Revolution rumtrampelten. Deren Freunde rächen sie dann schonmal, selten als Der Mörder, aber mindestens rufmordend, gerne auch als verschworenes Kollektiv. Oft sind die poor little rich kids ausgesprochen kreativ, musisch begabt oder in der Lage, überaus anrührende Bleistift- respektive Kohle-Portraits vom Opfer zu erschaffen. Die Hersteller der Bürokunst hingegen sind (im Gegensatz zu den diese verkaufenden fiesen Galeristen) unsichtbar, und wenn sie doch mal auftauchen, dann meist als a) wahnsinniges/ hemdsärmeliges/ arrogantes Genie – gegenständlich –, das die Hausherrin liebt/ begehrt/ bloß ausnutzt usw. usf. oder b) als Kontrollfreak mit Kaschmir- oder Seidenschal – abstrakt –, der in einer reinen Nebenrolle die Hängung seines Werkes kritisiert und dann im Cabrio davonrauscht etc. pp. Solange er nicht zukünftiger Künstler und Freund vom Opfer ist, sich vor Sehnsucht verzehrt und die Seele der Gattin im Bildnis einfangen kann oder anderweitig als Opfer von irgendwas beschäftigt ist, ist Der Künstler (künstlernde Frauen sind rar und meist alberne, sich hoffnungslos überschätzende Esoschnepfen, außer sie machen Musik, dann sind sie empfindsam und/ oder überambitioniert und werden eh umgebracht) der Verbündete des Hausherren – ein Verräter an dem, was ihn eigentlich antreiben sollte. Der Hausherr wiederum ist ein eiskalter, verachtenswerter Kapitalist und macht undurchsichtige Geschäfte, gerne im Ausland.
Mögen sich die in Berlin arbeitenden Künstler auch noch so deutsch gerieren, der im Vorabend-, Abend- oder Nachtprogramm erlernte Verdacht bleibt. Am Ende stecken sie mit dem (internationalen) ‚Finanzkapital’ unter einer Decke und sind deshalb notwendig illoyal der Gemeinschaft gegenüber – inauthentisch sind sie und ‚Kiez’-Verräter, Wegbereiter für Luxuslimousinen-Flotten, die man nicht mal mehr anzünden kann, weil sie ein eigenes Spielzimmer (mit Extra-Aufzug) bekommen – größer als jenes, welches dem verwirrten Kind zugestanden wurde und überhaupt.
Die deutsche Staatsangehörigkeit hat noch nie jemanden gerettet; man muss sich ostentativ zur Volksküche und dergleichen bekennen, erklären, dass man bereit ist, allen anderen zu entsagen – sonst wird plakatiert. Natürlich sind die eingemeindeten Kunstvertreter nicht gänzlich abgeneigt, diesem Ruf zu folgen. Und nachdem sie sich ein wenig als Opfer der Missverstehenden geriert haben – bloß keine Gelegenheit verpassen – präsentieren sie sich wieder als deren volkstümliche Verbündete, denn es sei nicht so, dass „Künstler wie die Maden im Speck leben würden. Als ob sie die Dekoration der kapitalistischen Gewalt seien, gegen die es vorzugehen gilt. Das ist großer Schwachsinn, weil die Künstler, nicht mehr als 10.000 Euro Jahreseinkommen haben“, und „die Forderungen, die zum Teil gestellt werden, sind durchaus nachvollziehbar – wenn sie denn friedlich eingefordert würden.“ (Christoph Tannert, zitiert nach 3sat kulturzeit, ebd.) Das ist in etwa so brillant formuliert und argumentiert wie … auch immer. Die künstlerischen Produkte fielen dem Kinderkreuzzug angeblich nur deshalb nicht zum Opfer, weil sie gar nicht mehr da waren. Weswegen sich alle Berichterstatter auf Serge Kliavings naturgemäß immobiles Wandgemälde „Was hast Du seelisch eingesetzt?“ stürzen. Den Titel hat der Künstler weiß auf Schwarz in (nicht neben, wie Berlin online behauptet) die deutsche Trikolore mit Bundesadler gedruckt. Bei ihm ist das Gold wie üblich Gelb. Die Bethanien-Besetzer jedoch gingen tatsächlich mit Goldsprühfarbe ans Werk, xten den Bundesadler aus und ‚verunzierten’ Bild und Wand mit, laut Berlin online: „Deutschland verrecke!.
Stimmt nicht! Eigentlich haben „Die Einbrecher“ ganz und gar nicht „’Deutschland verrecke!’ darüber gesprüht“ sondern Deutschland verreukti“, was wohl „Deutschland verreckt¡ werden sollte… Mit einem spanischen Ausrufezeichen, das so eigentlich an den Anfang des Satzes gehörte, versehen also?
„Deutschland verreckt“ jedoch lässt das Leiden am Niedergang ahnen und ist nicht wie „Deutschland verrecke“ eine, zwar unangenehm formulierte aber letztlich sinnvolle, Forderung. Die Jeunesse abrogez le dorage! vergoldet zumindest ihr Lamento. Wenn sie jetzt noch beim Flinzer sticken lernen, können sie ihre Sinnsprüche handlicher ausarbeiten: „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.
Tannert will sich trotzdem nicht beruhigen, auch nicht angesichts des für neue deutsche Malerei womöglich gut geeigneten Stilleben-Materials, das die Vandalen (Tannert, Tagesspiegel) hinterlassen haben (Pfannkuchen, Pseudo-Molotov Cocktails etc.). Dabei gab er 2006 den Band „New German Painting“ heraus und „[p]rinzipiell sieht Tannert die neue Malerei in direkter Auseinandersetzung mit der Bilderindustrie der Mediengesellschaft positioniert; als eine kritische Reaktion, da sie den unaufhörlich zirkulierenden Bilderstrom stilllegt und widerständig auf ‚die Stopptaste’ drückt.“ (Taz)
Passt doch. Womöglich ist er aber bloß wütend über seine Rolle als „Der böse Galerist“ aka Kurator, kulturbeflissener Geschäftsführer, Kritiker. Als medial bewanderter Mensch muss er wissen, was das bedeutet (und auch, dass das mit der „Stopptaste“ nicht funktionieren kann), und dann lohnt es sich schon mal noch einen draufzusetzen: Ist der Ruf erstmal ruiniert, feiert man seine Parties umso lieber mit und auf Kosten von Daimler und gibt zu, dass man vom Wagenpark-Ambiente fasziniert ist: „Die ‚Garagenatmosphäre’ [des neuen Atelier-Gebäudes, J6ON] gefällt Tannert. Er weiß dennoch, was er verliert: ‚Ein denkmalgeschütztes Haus. Wir haben nicht mehr den Schutz Friedrich Wilhelm IV‘.“ (Tagesspiegel) Noch so ein netter, von Flucht und Vertreibung geprägter, deutscher Romantiker, whatever, Tannert „will die ‚flutende, krachende, benzingetränkte Stadt’.“ (Ebd.) Monolog eines erfolglosen Kupplers: Dann passt’s halt nicht – hätte klappen müssen. Wartet nur: In zwei Jahren trefft ihr euch zufällig wieder und fallt euch schnurstracks in die Arme. So!
Meanwhile round the corner wird schon plakatiert. Dass Kunst nicht wie vom Tagesspiegel (ebd.) „bislang stets als progressiv galt“, wurde bereits belegt. Muss sie auch gar nicht – man kann das noch zuspitzen: Die Deutschen hatten schon mal einen so genannten Künstler als Führer (natürlich einen erfolglosen!), und der bestimmte ganz im Sinne seines Volkes, in welche Richtung der Fortschritt sich zu bewegen hatte. Als progressiv galten dann eben z.B. Padua, Breker, Ziegler, Thorak und Riefenstahl sowieso und nach wie vor. Später gab es dann Syberberg, Kiefer, Nitsch, Muehl, Fassbinder und noch später die Leipziger Schule mit Rauch et al. und Bisky und meinetwegen von Hagens et al. – Progressivität ist (wie Kunst) ein dehnbarer Begriff. Wenn schon ein deutscher Musiker das Attentat auf das World Trade Center als das „größte Kunstwerk aller Zeiten“ bezeichnete… „Kunst“ ist auch kein neues Feindbild der ‚Linken’ (wie 3sat, Der Tagesspiegel und Die Zeit1 vermuten) – weder im positiven noch im negativen Sinne. Als Beispiel mögen diejenigen Polit-Aktivisten der späten 60er Jahre dienen, die den Autoren der Gruppe 47 ihr „Dichter! Dichter!“ entgegenschmetterten – auf beiden Seiten standen vorwiegend Deutsche, die sich doch nur wehren wollten, Opfer also. Dabei bleibt es, denn „Tannert ist nicht das einzige Opfer. Betroffen sind auch die Verantwortlichen der Berlin Biennale, die gerade wenige Straße weiter stattfindet: Die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg und die Direktorin des veranstaltenden Institutes Kunst-Werke, Gabriele Horn. Kreuzbergweit werden sie mit steckbriefartigen Plakaten als ‚Gentrifiziererinnen’ stigmatisiert. Zugleich wird anonym mit Anschlägen auf die Biennale gedroht. Nicht die Kunst als solche ist also das Feindbild der Hausbesetzerszene, sondern der Kunstbetrieb und seine Protagonisten. Ihnen gelten die wüsten Attacken vom Wochenende, die nun ins ganze Stadtgebiet hineinwirken. Diese verschlagene [!] Aktion richtet sich offensichtlich gegen das Magnetische [?] der jungen Kunst, gegen das vermeintlich [?] Etablierte, nun also auch in Kreuzberg, weitab vom unangefochtenen Kunstzentrum Mitte. Nun aber hat diese 6. Berlin Biennale der Gegenwartskunst Kreuzberg erwählt. Am Biennale-Ort, dem lange leerstehenden Gründerzeit-Kaufhaus am Oranienplatz, ist seit Donnerstag Andrang: Kunstfreunde, Sammler, Galeristen, Museumsleute aus aller Welt kommen, um die Werke von 46 Künstlern zu sehen.“ (Tagesspiegel, ebd.)
Die Gentrification-Gegner werden sich so oder anders aufstellen und anklagen: „Künstler! Künstler!“ Die Initiatorinnen hingegen werden sagen, dass man doch auch Teil der Gemeinschaft sei und man eigentlich gegen dasselbe kämpfe und sowieso, weil sich auf der Biennale „die politischen Inhalte der Werke mit den jeweiligen gesellschaftlichen Eigenheiten des Umfeldes [verschränkten]- mit gesellschaftlichen Veränderungen wie Gentrifizierung, kommunalen Sparplänen und Prekarisierung. ‚Unser Ansinnen ist aber auch’, heißt es, ‚das Gebäude am Oranienplatz, das fast ein Jahrzehnt lang leer stand, der Kreuzberger Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Der sensible Umgang mit dem Haus, die Ausstellungseinbauten aus rohen, oft recycelten Materialien sind Beispiel für einen anderen Umgang mit Kunst in einem leerstehenden Gebäude.’ Die Kunst im alten Kreuzberger Kaufhaus übrigens ist alles andere als etabliert, die Installationen und Videos sind sozialkritisch, kapitalismuskritisch, ökologisch und dokumentarisch im Bezug auf unsere Welt [quoi?]. Es ist keine Messe, keine Verkaufsausstellung, es ist eine Schau von Kunst, die mit ihren Mitteln Verantwortung übernehmen will für die Welt. Die Biennale indes wird von ihren Gegnern zur Gefahr erklärt, weil sie die Gegend aufwerte – als kämen mit ihr und gleich nach ihr die Immobilienhaie, die Chi-Chi-Läden, die Mietteuerungswellen.“ (Tagesspiegel, ebd.) Das dem überhaupt nicht so sein muss, wird übrigens erleichtert in der Jungle World behauptet und das liest sich dann fast so wie beim Tagesspiegel:
Nahezu gleichzeitig tauchten in Kreuzberg »Steckbriefe« auf. In den Flugblättern wird zum Beispiel gegen die Leiterin der Kunst-Biennale im leerstehenden Supermarkt am Oranienplatz gehetzt, Kathrin Rhomberg sei für die »Gentrifizierung« mitverantwortlich. Dahinter steckt die irre Annahme, dass ausgerechnet Künstler oder Kuratoren für die kapitalistischen Prozesse der Aufwertung und Mietsteigerung verantwortlich zu machen sind. Auch wenn die wilden Kunstgalerien, die nach der Wende in Mitte entstanden sind, Vorboten der späteren Entwicklung rund um den Hackeschen Markt waren, war dies nicht die Intention der Betreiber. So befürchtet nicht nur der Kreuzberger Kulturstadtrat Jan Stöß, dass »hier hinter dem Schlagwort der Gentrifizierung eine kunst- und kulturfeindliche Haltung deutlich wird«. Dass die Ansiedlung von Kunstprojekten nicht unbedingt zur Aufwertung der Kieze führt, beweist gerade das Bethanien, das in seinen Mauern seit 30 Jahren zwei international renommierte Kulturinstitutionen beherbergt hat. Im Laufe dieses Jahres sollen in die von Tannert verlassenen Räume weitere Projekte aus der freien Tanz- und Theaterszene einziehen, berichtet Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg und freut sich auf die zukünftigen Kooperationen. Bauer steht für ein Konzept von Kunst, das sich »den unterschiedlichen Betriebssystemen der Kunst wie Kunstmarkt und Biennalen nicht unterwerfen möchte«. Die Kunst in den von ihm kuratierten Ausstellungen soll keine marktorientierte sein, sondern »diskursorientiert«, »widerborstig«, man wolle »sich an den sozialen und künstlerischen Prozessen im Umfeld und mit den realen Akteuren im Quartier reiben«. […] »Mit Kunst kann man wunderbar die Zustände und Veränderungen der Gesellschaft analysieren und reflektieren«, meint Bauer und berichtet von einer gemeinsam mit den ehemaligen Besetzern des Südflügels geplante Ausstellung zu US-amerikanischer Plakatkunst.Christoph Villinger – Durchwahl zur Kunst, Jungle World
When a place gets boring!
Ein Grund für Erleichterung ist das kaum. Ob es so bleibt, wie es ist, liebevoll pädagogisch (voll widerständige) Kunst und Kultur vermittelt werden sollen oder die bloß die Vorboten von abschreckend postmodern sanierten Gebäuden, protziger Gastronomie mit unerträglich anmaßender Klientel und einem albernen Unterhaltungsprogramm usw. sind, all das resultiert unbedingt in der Erkenntnis, dass so das „richtige Leben“ nicht aussehen kann.

II

There is nothing more dreary than contemporary art that sets out merely to be provocative when it is in fact conventional and reactionary. A case in point is the Danish artistic group Surrend’s anti-Israel poster showing maps of the Middle East in which the state of Israel does not exist, with the term “Final Solution” at the top. Not only does this mirror the jingoistic foreign policy of the Holocaust-denying regime in Iran, but it also resonates with many Germans.
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations

Meanwhile round the corner wird auch aber noch ambitionierter plakatiert. Da wollen nicht die verwirrten und angeekelten Kinder den bösartigen Verderber des Hippie-Mädchens ein wenig rufmorden, sondern es geht darum, kurzerhand einen Staat samt seinen Bewohnern (s.u.) von der Landkarte zu streichen. Die Vertreter von Klaus Staeckschem Einfallsreichtum auf Erden, Jan Egesborg und Pia Bertelsen aka Surrend, denen man es zu Unrecht hoch anrechnet, dass für sie alles gleich dumm ist, sind trunken von all dem Lob größenwahnsinnig geworden. Auf dem Gipfel des Feldherrenhügels angekommen, haben sie ihre Karten ausgepackt und mit ein paar Strichen die Welt neu verteilt. Das so von ihnen geschaffene Land nannten sie passenderweise Ramallah, also Allahs Hügel, und überschrieben ihre Neuordnung mit „Endlösung“. Man kann der Wahrheit tatsächlich so nahe kommen und trotzdem – „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ – behaupten, das Ganze habe rein gar nicht mit dem „Existenzrecht Israels“ zu tun, schon gar nicht wolle man es in Frage stellen (Jan Egesborg). Israel also darf ein bißchen rumexistieren, nur wird es umbenannt, und die Juden sollen gefälligst abhauen, denn: „’Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen’ sagte Jan Egesborg. ‚Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet“, aber es „war ein historischer Fehler, Israel zu gründen.’ Egesborg bezeichnet sein Plakat als ‚harte Satire’. ‚Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde’, argumentiert Egesborg in einem Interview: ‚Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.’“ (Der Tagesspiegel)
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno – Dialektik der Aufklärung)) Eben und deswegen – und nur deswegen – sind Egesborg und Bertelsen auch keine, sondern verunglimpfte Opfer der… there we go again: ‚Auschwitz-, Holocaust- oder Antisemitismuskeule’ (© by Walser and friends). Mutig hatten sie sich vorgewagt – fast wie Barenboim, der permanent ausstellt, in Deutschland öffentlich Wagner aufzuführen sei tabubrecherisch – und der Drohung ins splitterbewehrte Auge geblickt: „’Wir haben genau diese automatisch ablaufende Reaktion in Deutschland erwartet’, so Jan Egesborg. ‚Wenn man hier Israel kritisiert, geht es sofort um den Holocaust, dann bist du sofort Antisemit. Es gibt einen Mechanismus, den wir mit diesem Plakat auslösen und zeigen wollten.’ Und Pia Bertelsen sagt: ‚Wenn man Israel kritisiert, heißt das nicht, dass man nicht an den Holocaust glaubt. Selbstverständlich tun wir das. Und selbstverständlich sind wir keine Antisemiten. Aber hier werden einfach Begriffe verknüpft, die gar nicht zusammen gehören. Kritisiert man eine Sache, werden einem automatisch auch die anderen Begriffe unterstellt.’“ (Kulturzeit, „Kunst gegen Tabus“)
Die „eine Sache“ und „die anderen Begriffe“? Egal, solange man nur „an den Holocaust glaubt.“ Über die Glaubenssache „Holocaust“ schrieben bereits z.B. Iris Hefets in der taz, kreuznet.de und die Junge Freiheit. Von einem „Hass auf Auschwitz“, der diese absurde Konstruktion generiert, spricht Clemens Heni: „Sehr deutlich wird dieser Hass in einem Artikel der Jungen Freiheit im Januar 2007. Dieser Text wendet sich gegen den Historiker Prof. Dan Diner und dessen Furcht vor einem Verschwinden der Erinnerung an den ‚Zivilisationsbruch Auschwitz’. Titel und Untertitel dieser neu-deutschen Agitation sprechen für sich: ‚Hohepriester der Holocaust-Religion. Der Jerusalemer Historiker Dan Diner und seine Versuche, den Judenmord ‚zu vermenschheitlichen‘. Das katholische Internetportal kreuz.net unterstützt das und schreibt 2006: ‚Einem Christen ist es freilich nicht möglich, der Holocaust-Zivilreligion Glauben zu schenken oder ihr gar zu opfern.’ Die taz bzw. die AIK sprechen mit Hefets von einer ‚Pilgerfahrt nach Auschwitz. Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden’. Der taz-Text ist gleichwohl ein Tabubruch. Er geriert sich, entgegen den Nazis oder Antijudaisten/ christlichen Antisemiten als hyper-kritisch, da der Text von einer Jüdin geschrieben wurde, und sie insinuieren sie seien aufklärerisch, da religionskritisch, indem die Shoah nicht als Verbrechen, sondern als Mythos oder Heiligtum zerredet wird. Martin Walser wird neidisch auf diese taz-Variante des Schlussstrichs schauen.Clemens Heni – Die taz gegen Israel und die „heilige Aura“ von „Auschwitz“
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno again) Und deswegen plakatierten Egesborg und Bertelsen ein wenig später gegen ihre Kritiker: „’Man darf sich gern über Allah, Mohammed, die Hisbollah, Ahmadinedschad, [auch über die Kaaba?] den Pabst (übrigens absichtlich falsch geschrieben [Warum eigentlich?]) lustig machen – aber nicht Israel kritisieren!’ Darunter sind die Menschen aufgelistet, die von Surrend ‚die israelische Lobby in Deutschland’ genannt werden – Menschen, die sich über ihre Plakate empört haben.“ (kulturzeit, ebd.) Die unverschämterweise „Empörten“ werden wie folgt benannt:
Die jüdische Lobby in Deutschland – Jahve (Gott Nummer 1), Benjamin Weinthal (Prophet, PR-Berater, Kampagnenkorrespondent Jerusalem Post, Tagesspiegel, Welt, Der Stürmer), Lala Süskind (Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Moabit/ Berlin), Klaus Wowereit (Bürgermeister für Hugo Boss und die Armen), Prophet Dr. Shimon Samuels (Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers für Kriegsverbrechen in Gaza), Prophet Dr. Moshe Kantor (Präsident des jüdischen Kongresses auf Sylt), Zion Rudaitsky (Rentner), Lizas Welt (Blogg [auch mit Absicht falsch geschrieben?] zu Stimmungsschwankungen und Angst), Jaques Schuster (Direktor Israels Tourismusministerium sowie Dänemark-Redakteur für die Welt), Associated Press (auch Honestly Concerned genannt), Honestly Concerned (Komitee besorgter Zensurkomissare), Abraham (Vater Nummer 1).
Ha, witzig, Schenkelklopfer, Stürmer-Juden, ein schwuler Bürgermeister im Dienste eines deutschen Anzugmachers, ein angstgestörter/ bipolarer Blogger, die Jüdischkontrollierteweltpresse und diverse Nummereinsen und Propheten (die was eigentlich prophezeien?). Konformistischen Rebellen nämlich gilt Kritik als Redeverbot, Maulkorb, Zensur, Vertreibung vom Feldherrenhügel, als alles nur nicht als Errungenschaft der Zivilisation. Und der von kulturzeit herbeigerufene Wolfgang Benz unterstützt sie in ihrer Überzeugung: „Aber es gibt keine Antisemiten mehr“! Eben: „Für Surrend ist das ein ‚Zensur-Mechanismus’, mit dem Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Kulturzeit, ebd.
Sonst bleibt nur die Frage: WER ZENSIERT SURREND „gerade im deutschen Kontext“ (Egesborg) EIGENTLICH?
Deutschland im Sommer 2010: Der Bundestag hat Israel-Kritik nunmehr endgültig verboten (die Zustimmung des Bundesrates gilt als total sicher), kurz nach dem gemeinschaftlichen Absingen der Nationalhymne für den neuen Präsidenten, der sofort wieder gestürzt wurde, weil er es wagte, in seiner Antrittsrede nicht die „unverbrüchliche Solidarität mit Israel“ zu erklären und überhaupt Niedersachse ist („Heil König Widukind“). Neuer Präsident sind ab sofort „Die Weisen von Zion“ – niemand hierzulande war erstaunt, dass Broder und Friedman unter ihnen sind, und Walser hatte längst vorhergesagt, dass Reich-Ranicki dabei sein würde und Bubis sowieso, der nämlich wandelt wie die anderen ewig, sonst sind’s nur US-Amerikaner und Israelis, Rothschilds und Goldmans. Die deutschen Teilnehmer an der „Gaza-Flotille“ wurden geschlechtlich unsortiert (evil!) eingekerkert. Die Künstlergruppe Surrend sitzt in Auslieferungshaft; in Israel wird ihnen der Prozess wegen Verbrechen gegen Isjaegalimhistorischenfehler gemacht werden. Richard Branson berichtet, dass ihn bis vor kurzem hunderte von Briefen erreicht hätten, mit dem Inhalt: Er solle gefälligst sein Raumschiff rausrücken, man wolle die sich auf der dunklen Seite des Mondes befindenden Nazi-Ufos reaktivieren. Mittlerweile kämen aber kaum noch Anfragen, weil offensichtlich in einem internen Machtkampf die Fraktion derer, die nicht an Mondlandungen glauben, obsiegt habe. Arendt, Elsässers, and the like haben die Botschaften von Ihnengenehmenvölkern um Asyl ersucht. Zurzeit lässt sich Jürgen Elsässer von Ex-Bischoff Mixa beraten – zu Fragen wie „Jetzt erst recht: Schwulen-Paraden weltweit verhindern, obwohl man überhaupt nicht homophob ist“. Auf Zeit online beklagt man zahlenanspielungsreich vergangene Wehrhaftigkeit: „88′ Die gute alte deutsche Brechstange ist ausgepackt, aber die Deutschen haben es verlernt, sie einzusetzen.“ (Live-Blog Zeit online Sportredaktion, 7.7.2010)
Und überhaupt! Es herrscht Angst im Land der Opfer. Aber sicher doch…

Highly recommended reading:
aa:b – Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.
Lizas Welt – Jägerlatein
Clemens Heni – Antisemitismus und deutsche Medien, Teil 2: Kulturzeit, Leviathan, Die Welt und Freitag
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
Und das übliche Infiltrationszeugs, was anderes darf man eh nicht mehr empfehlen…

  1. Tanja Dückers irrt sich in der Zeit, wenn sie von einem radikalen Bruch des Künstler(selbst)verständnisses ausgeht. [zurück]

Reposting aus gegebenem Anlass: „Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten“

Mit wem sich Deutschlands neuer Repräsentant sonst so austauscht, kann man bei esowatch nachlesen: „Christian Wulff – wer schützt uns vor einem evangelikalen Bundespräsidenten?“ + „Christian Wulff und seine Liebe zu den Religionen – von Anthroposophie bis Buddhismus“. Und weil er außerdem vorgestern so innig mit Erika Steinbach1 schmuste, wird der hier auf den Tag genau ein Jahr vor seiner Wahl zum Staatsoberhaupt eingestellte Beitrag zu den wunderbaren Fähigkeiten Christian Wulffs aus der Versenkung geholt:

30.6.2009: „„Don‘t stop till you get enough“: Schlesien, Winnetou, Michael Jackson – alles ‚unser‘!“

Der Papst ist Deutscher, Gott wohnt mit seiner Frau Simone am Starnberger See und sein Sohn ist Niedersachse. Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, wusste bereits 2007 von den Wundern (Lukas7, 11 – 17), die er vollbringt, zu berichten: „Es ist gut und richtig, dass Ministerpräsident Christian Wulff in Verantwortung vor der Patenschaft des Landes Niedersachsen für die Schlesier beim Schlesiertreffen am Wochenende in Hannover sprechen will. Damit erfüllt er diese Patenschaft, die unter der rot/grünen Landesregierung eingeschläfert wurde, endlich wieder mit Leben.“ (Hervorhebung, J6ON)
Im Jahre des Herren 2009 sprach er wieder zu ihnen und ihrem Bundesvorsitzenden Rudi Pawelka, ehemals Vorstandsvorsitzender der „Preußischen Treuhand“, CDU-Mitglied etc. pp.
Noch 2007 wollte Wulff seinen schlesischen Patenkindern nur dann seinen Segen spenden, wenn sie zeigten, dass sie mit rechtsex-tremistischem „Gedankengut gar nichts zu tun haben“. (Aka: Was ich nicht sehen will, gibt es nicht.) Pawelka nahm sich das damals so zu Herzen, dass er beklagte, die Vertreibung der Deutschen aus den ‚Ostgebieten’ würde immer wieder damit begründet, dass sie Adolf Hitler gewählt hätten – dem sei aber nicht so, weil eigentlich Ilja Ehrenburg die Rote Armee aufgehetzt habe – offenbar dermaßen, dass sie glauben musste, die Deutschen hätten so etwas wie den Kommissarbefehl erlassen, vergewaltigt, gefoltert, Vernichtungslager errichtet und Millionen von Menschen ermordet. Natürlich, wenn man so aufs Glatteis geführt wird…
Erika Steinbach begrüßte damals die Entscheidung Wulffs, „für die Schlesier“ zu sprechen und: Die „Tatsache, dass der jetzige Vorsitzende dieser Landsmannschaft daneben eine Organisation betreibt, die auch vom BdV abgelehnt wird, kann alleine kein Grund sein, dem Schlesiertreffen […] fernzubleiben und alle Schlesier damit auszugrenzen“. Schließlich, da ist sich Steinbach mit Pawelka trotz der manchmal unterschiedlichen Wahl der Waffen einig, darf man Deutsche keinesfalls für ihre irgendwie gewählten Repräsentanten bestrafen – so was passiert schon mal und „anständig“ (Heinrich Himmler) sind sie dann doch immer geblieben. Außerdem hätte eine „Bevölkerungsgruppe wie die Schlesier, die Opfer völkerrechtswidriger Vertreibung wurden, die ihres gesamten Hab und Gutes [sic] beraubt wurden, […] auch mehr als 60 Jahre nach dem Vorgang die Solidarität aller Deutschen verdient.“ Das Hab und Gut, dessen sie ‚beraubt’ wurden, haben sie zwar zu einem nicht unerheblichen Teil anderen geraubt und es wird ihnen seit 60 Jahren ausgiebig erstattet, aber… wie auch immer.
2009 begab es sich nun also, dass Michael Pietsch, der Präsident der schlesischen Landesvertretung, Wulff als „guten Freund der Schlesier“ bezeichnete und konstatierte: „Sie passen gut zu uns.“ Der Ministerpräsident von Niedersachsen wollte den Schlesiern daraufhin „immer wieder nur Danke sagen“ und versprach, alles zu tun, „um das Schicksal der Heimatvertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Denn: „Für uns alle sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir uns unserer Heimat erinnern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Ihnen dieses Grundrecht verweigern wollen.“ Die brutale Unterdrückung des Rechts auf Heimaterinnerung hat dazu geführt, dass seit 1947 (älteste dokumentierte Gedenkstätte) in Deutschland und zunehmend in ehemals heimgesuchten Ländern nur „über 1.400“ „Mahnmale und Gedenkstätten der Vertriebenen und Flüchtlinge“ (hierbei handelt es sich ausschließlich um die vom BdV registrierten, der dazu auffordert, weitere aufzufinden und ihm zu melden(!)) errichtet werden konnten. Laut BdV hat bis dato allein Deutschland „eine vielgestaltige und beeindruckende Gedenkstättenlandschaft für diesen Teil deutscher Geschichte aufzuweisen“ – das muss natürlich geändert werden! Wenn nur der schreckliche Gegenwind nicht wäre, man fühlt sich geradezu in das zugefrorene Haff zurückversetzt… Vermutlich sind die Polen, Tschechen, Serben etc. etc. immer noch so verblendet durch die Propaganda Ehrenburgs, dass sie tatsächlich glauben, die Deutschen hätten ihnen im 2. Weltkrieg ein mörderisches System aufoktroyiert.
Egal, die Schlesier, Pommern, Ostpreußen und wie sie auch immer heißen mögen, haben laut Spiegel online Konkurrenz bekommen: „Der „King of Pop“ [Michael Jackson] hat in Deutschland mehr Spuren hinterlassen, als in den meisten anderen Winkeln der Welt. Jetzt ist es an seinen Fans, sie zu bewahren und zu pflegen“. Das nächste Großprojekt des ZDF oder von RTL wird sich also voraussichtlich mit der Vertreibung Jacksons aus den USA auseinandersetzen, wo man die Verschleierung seiner Kinder laut Spon nicht ganz so gelassen sah wie hier „im Land von Loreley, Schwarzwald und Neuschwanstein“, wo „man ihm noch durchgehen [ließ], dass er seine Kinder fast komplett in Tücher eingehüllt spazieren führte“. Aber deutsche Identitätspolitik setzt sich ja zunehmend durch… Letzten Endes werden sich auch die Amerikaner überwinden müssen und ihre ‚Verbrechen‘ an den Deutschen (oder was von den Deutschen als zu ihnen gehörend identifiziert wurde: ‚Indianer’, Michael Jackson, Wieheißt-dasgegenteilvonprüderie? – irgendwann kommt noch was zu 3sats Kulturzeitschaffenden, die es hingekriegt haben, in einem Beitrag über hurricane Katrina unterzubringen, dass die Amis prüde seien – usw. usf.) mithilfe einer „vielgestaltige[n] und beeindruckende[n] Gedenkstätten-landschaft“ zu dokumentieren.

recommended reading:
Erich Später – Kein Frieden mit Tschechien
Erich Später – Villa Waigner
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz
Raul Hilberg – Täter, Opfer, Zuschauer
Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat
+ Later: Warum Gauck womöglich der noch passendere Präsident gewesen wäre, Clemens Heni – Geistige Gesundung

  1. Steinbach trat aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau aus, weil sie neben anderen theologischen Inhalten mit deren Haltung zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften nicht einverstanden war, und wechselte in die altkonfessionelle Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche.“ (wikipedia) [zurück]