“Das ist kein Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur – das ist eine Paradigmenergänzung, die uns ermutigt: Das, was mehrfach in der Vergangenheit gelungen ist, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten Kräften – wenn auch nicht gleich ideal – zu lösen, ist eine große Ermutigung auch für die Zukunft. Wie also soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel “Unser Land” sagen sollen?” (Joachim Gauck – Antrittsrede, 23.3.2012)
„„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.““
Rider Haggard – She, 1887
„Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug.“ „Occupy“-Demo-Ordner, 12.11.2011 (zitiert nach Zeit.online)
Der britische Schriftsteller Rider Haggard, der später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz – Rider Haggard and the Fiction of Empire, 150f) ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld.
Während Haggard seinen Feind beim Namen nannte, ist es heutzutage unter Antisemiten und denen, die sich niemals für solche halten würden, üblich zu behaupten, man dürfe ja nichts gegen „die Juden“ sagen. Entsprechend begnügt man sich weitgehend mit Anspielungen. Wie tief sich die Codes ins Voksbewusstsein gebrannt haben, lässt sich derzeit an den Slogans der „Occupy“-Bewegung erkennen. Ihre Akteure und Exkulpierer greifen immer wieder auf Motive und Bilder zurück, die vor der Aufklärung über die deutschen Verbrechen in unter anderem Auschwitz noch in einem Atemzug mit Angriffen auf Juden geäußert wurden. Da es aber seither keine Antisemiten mehr gibt (vgl. Horkheimer/ Adorno), wird jeder Vorwurf von bewusstem oder auch nur unbewusstem Antisemitismus empört von sich gewiesen. Dabei reichte es aus, sich einschlägige Literatur, die bis auf wenige drastische Ausnahmen noch ausleih- oder bestellbar ist, vorzunehmen. Vom angeblichen Judenfreund Theodor Fontane, dem der Jude am Ende vom „Stechlin“ als Teufel gilt, über Rider Haggard, Sheridan LeFanu, Algernon Blackwood, bis zu Thomas und Heinrich Mann, Fjodor M. Dostojewskij, Martin Walser und so weiter und so fort; bei allen finden sich Opfer, die sich einer unnachgiebig was auch immer raffenden Macht ausgesetzt wähnen, wie sie sich im Moment von den „Occupy“-Bewegten ausgemalt wird. Noch werden die kaum mehr als vereinzelt zu bezeichnenden Ausbrüche, in denen „Occupy“-Demonstranten ganz explizit Juden verantwortlich machen, als nicht repräsentativ dargestellt, und da man nunmal eine „offene Bewegung“ sei und sich vor allem nicht vereinnahmen lassen wolle (von wem eigentlich nicht, wenn man sich bereits von 99% hat vereinnahmen lassen?), müsse man eben mit derartigen angeblich marginalen Erscheinungen rechnen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine weitere einschlägige Marginalie dokumentiert wird. Und das angesichts der (weltweit! „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ Gerhard Scheit) konsequent mit Ressentiment aufgeladenen Behauptung, dass „man nichts gegen Juden sagen darf“. In Deutschland sind derlei Vorfälle noch relativ selten. Was daran liegen mag, dass die re-education zumindest ein wenig bewirkt hat oder aufgrund von German Angst, die sich allen angeblichen Verboten laut jammernd und vor allem erst einmal zu unterwerfen hat oder daran, dass man irgendwann gelernt hat, seinen Opferneid aufopferungsvoll zu bemänteln und an dergleichen Phänomenen mehr. Hinter all dem steht aber drohend die allgemeine, auch wissenschaftlich mehrheitlich vertretene Auffassung, dass der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 als vergleichsweise „harmlos“ galt. Sobald man sich hierzulande eingestehen will, dass man sehr wohl sagen darf und dass schon lange gesagt wird, setzt womöglich erneut der run auf die begehrtesten aller Tickets ein.
Die Deutschen haben ihre „Endlösung“ im Wortsinne aufgearbeitet und ‚übernehmen’ unreflektiert die Bezeichnung „Bewegung“, und der Vorschlag der Lektüre von Romanen erscheint lächerlich, wenn schon treffende Vergleiche der „Occupy“-Parolen mit den Aussagen führender Nationalsozialisten als irrelevant abgetan werden, insofern als „nur, weil die es gesagt haben“, es ja „nicht falsch sein muss.“ Wenn in den Kommentaren zu „Occupy“-kritischen Texten „die Fahnen hoch“ skandiert und als einer der Säulenheiligen ständig Gandhi (oder auch nicht) zitiert wird. Gandhi, der Israelfeind und das Vorbild des gäbeesnochantisemitendannunteranderen Desmond Tutu, Gandhi, der den deutschen Juden 1938 empfahl: „Wenn ich Jude wäre und in Deutschland geboren […], würde ich Deutschland selbst dann noch als meine Heimat betrachten, so wie der größte nichtjüdische Deutsche, und ich würde es herausfordern, mich erschießen oder in den Kerker werfen zu lassen […]. Und das freiwillig auf sich genommene Leid brächte ihnen und mir innere Stärke und Freude…“ (Zitiert nach Castollux – Tutu und Gandhi: Keine Übermenschen – eher schlichte Antisemiten) Kraft durch Freude also?
Etwas, das sich eine „Bewegung“ nennt, die außerdem allen gerecht werden will, die sich ausschließlich als Opfer von denen, die womöglich etwas haben könnten, was man selbst nicht hat und sich deswegen nicht unbefangen zu haben vorstellen mag und es deswegen sowieso niemandem gönnt, kann nur eine deutsche Bewegung sein. Eine „Bewegung“, die Luxus ankreidet, statt ihn einzufordern, beruht auf Abspaltung, Neid und Projektion, will einebnen und nimmt ihre vorgebliche „Buntheit“ als Ausrede dafür, noch die irrsinnigsten Paranoiker als kreativen Protestler gewinnen zu können. „Paranoia ist der Schatten von Erkenntnis.“ (Adorno). Und die grellbunten Motive, mit denen die Kornkreise-, HAARP-, Ufo-, Echsen- und so weiter und so fort Gläubigen sich nahtlos in die Reihen der selbst ernannten „Empörten“ integrieren können, zeugen davon, dass man eben weiß, was gemeint ist. Neben ihnen nimmt man sich außerdem nur umso harmloser und verständiger aus und besonders tolerant.
Insbesondere in der populären deutschen und skandinavischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es die Figur des ‚Dorf-Irren’, der (im Gegensatz zu französischen Romanen von beispielsweise Victor Hugo oder britischen von u.a. William Wilkie Collins, wo er respektive sie anklagend auf gesellschaftliche Widersprüche und Missstände verweist) einerseits für comic reliefs gut ist und andererseits von kommenden Katastrophen kündet – fatalerweise sorgt der ‚Dorf-Irre’ hier fast immer dafür, dass am Ende alles gut wird; mit seinem kindisch rücksichtslosen Verhalten nämlich produziert er irgendwann eine Katastrophe, aus der die notwendige Versöhnung aller mit allem resultiert (vgl. z.B. Trygve Gulbranssen – Das Erbe von Björndahl aber auch Søren Kragh-Jacobsens Dogma-Film „Mifune“). Die „Occupy“-Bewegung, die sich wie alle Bewegungen dem Konsens verpflichtet hat, braucht den ‚Dorf-Irren’ in genau diesem Sinne. Er dient ihr zugleich als Beweis der volkstümlichen Breite des Spektrums wie auch als Drohung, die daraus entsteht, dass man allein die Wahngläubigen, wenn man nur nett zu ihnen ist, zu bändigen in der Lage ist und als Hoffnung auf die mal wieder alle einende Katastrophe; zugleich bieten die erschreckend vielen aber trotzdem noch nicht der Majorität einleuchtend erscheinenden völlig abwegigen Wahnbilder der selbst erklärten „Erwachten“ oder „der Matrix Entkommenen“ die notwendige Verschleierung der eigenen verworrenen Ahnungen, der eigenen Alltagsreligion (Detlev Claussen).
War die deutsche Spaßgesellschaft in den 1990ern eine ostentative Spaß-trotz-Auschwitz-Gesellschaft („Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ DJ Motte, 1995), so wird hierzulande nunmehr signalisiert, der Spaß sei jetzt endlich vorbei – Spaßhaben vorzutäuschen war der grimmig zwanglose Prolog. Wenn die „wahren Volksvertreter“ (und sie bezeichnen sich nicht nur als solche, sie sind es tatsächlich, auch davon – und von noch viel mehr – zeugen die devoten Grußadressen deutscher Spitzenpolitiker und: „Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt) ‚Schluss mit lustig’ machen, also letztlich zugeben, die Drohkulissen ihrer gewählten Verteter endlich ernst zu nehmen, werden sie im vorgeblichen Protest gegen sie eins mit ihnen. Wenn die Deutschen, die als deutsche Spaßgesellschaft bereits ausschließlich angetreten waren, allen außer den Deutschen den Spaß zu verderben, und die im deutschen Fußball-Sommermärchen permanent damit beschäftigt waren, No Go-Areas und dergleichen fröhlich grinsend zu leugnen und wenn man diejenigen, die Zeugnis davon hätten ablegen können, aus der U-Bahn prügeln musste, wenn also diese Deutschen erneut „erwachen“ (! Daueraufforderung der „Occupy“-Anhänger) wollen oder sich „wehren“ (dito) zu meinen müssen, deutet schon die reflexionslose (geschichtsvergessene) Terminologie auf die eigentliche Intention hin. Dem deutschen Imperativ „Erwache!“ folgt unweigerlich das „aus deinem bösen Traum! Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!“ („Heil Hitler Dir!“, Bruno Schestak, 1937) und dem „Wehrt Euch!“ das „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.
Original („I’m not!“)
Fälschung
„Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.“ Slavoj Žižek – Occupy-Wall-Street-Streit „Lasst euch nicht umarmen!“, 2011, Süddeutsche.online
Slavoj Žižek, der in der „Zeit“ zum Thema „Was mir heilig ist“ aus Buchenwald bloß ein kitschiges Heiligenbildchen zu exzerpieren fähig war beziehungsweise keinesfalls mehr wollte, verleiht in der Süddeutschen mit wenigen Worten der „Occupy-Bewegung“ einen Heiligenschein, der grell alles beleuchtet, was an ihr ablehnenswert ist. Natürlich war das nicht Žižeks Intention, der hatte vor, ein übermenschliches, ein allen Göttern und Götzen überlegenes Bild vollkommener Erleuchtung erstehen zu lassen – der Heilige Geist ist im Christentum reiner noch als Gott oder Jesus – der eigentlich (!) als Identifikationsfigur nahegelegen hätte, aber … das kann hier im Moment nicht auch noch erörtert werden –, reiner als der Schöpfer alles Erzeugbaren, alles Anfass- und daher Antastbaren und reiner als der Erzeugte, Anfass- und Antastbare. Er verleiht der der Gemeinschaft der sich zum Glauben bekennenden Gemeinschaft in der Kommunion die Antidote zu den von Papst Gregor definierten Sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht (analog zu den sieben Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung). In der Trinität: Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist steht er für die Gemeinschaft, für das Ziel.
Anfassbares produziert Differenz und Distinktion und die Möglichkeit von einzigartig erfahrbarem Begehren; Begehren wiederum impliziert die Möglichkeit der Zurückweisung oder Verweigerung. Antastbarkeit impliziert die Möglichkeit zu verletzen, zu zerstören. Alles, was von Gott oder von Menschen erzeugt wurde, unterliegt diesen Voraussetzungen. Der Heilige Geist dient ausschließlich ihrer Aufhebung in der Gemeinschaft der vom Begehren befreiten Gleichen. Notwendiges Resultat derartig Individualität einebnender Gemeinschaftschaftsziele sind Abspaltung und Projektion. Diese generieren prinzipiell ein grundlegend Anderes, das begehrt, haben will und in der Fantasie im Überfluss zu haben hat. Und das Begehren der Gemeinschaft bricht sich irgendwann im Verlangen nach der Bestrafung und Zerstörung derer, in die man alles im Antast- und Anfassbaren Implizierte projiziert hat, Bahn.
Alles wird dann gut werden, glaubt man, und nach der Verteilung der Beute herrscht außerdem wieder Gerechtigkeit, denkt man.
„»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht.“ Cordula Bachmann – Die Transformation der Liebe, Jungle World
„Um antisemitisch zu agieren, muß man weder Traktate lesen sich noch sonst irgendwie intellektuell vorbereiten; es reicht der Reiz konformistischer Rebellion.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus
In zwei Sätzen bringt Žižek ein Leitthema unter, das Rider Haggard noch umständlich erklären zu müssen glauben wollte, während um ihn herum schon längst Antisemiten die Vernichtung der Juden vorbereiteten. Mit keinem Wort erwähnt hingegen Žižek die Juden und meint ganz gewiss auch nicht sie auszugrenzen. Dennoch bedient er sich eines relevanten Motivs, das seit Jahrhunderten zu ihrer Aussonderung appliziert wurde. So lange und so nachdrücklich, bis eines ohne das andere nicht mehr gedacht werden konnte, sollte und wollte.
Solche Äußerungen treffen völlig unreflektiert auf eine selbsternannte Bewegung, mit der sich erkennbar viele identifizieren, die sich fragen: „Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt?“ (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie? 161) Und: „Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.”
„The stereotypes about Jews and money endure, and the fact that more Americans are now accepting these statements about Jews as true suggests that the downturn in the economy, along with the changing demographics of our society, may have contributed to the rise in anti-Semitic sentiments“. Abraham Foxman (ADL) (zitiert nach Shlomo Shamir – Report: U.S. anti-Semitism on the rise amid economic downturn, Haaretz.online)
Andrei S. Markovits, der der Jungle World im Interview auf die Frage inwiefern eine „Argumentation, die sich derart auf die ‚Macht der Banken’ und der Banker kapriziert, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit indirekt ein antiamerikanisches und antisemitisches Ressentiment“ transportiere, antwortete: „Es stimmt natürlich, dass diese Kritik furchtbar verkürzt ist, aber in Amerika werden Banker nicht mit Juden assoziiert. Die Banken waren nie jüdisch und waren im Gegenteil sogar lange Zeit sehr antisemitisch. Anders als in Europa, wo Geld immer etwas Übles war. […] Juden werden hier mit Hollywood, mit Journalismus, Medizin, Jura, mit Wissenschaft, mit Nobelpreisen, aber nicht mit Banken assoziiert. Insofern ist diese Bewegung auch nicht antisemitisch“, fällt hinter seine eigenen Standards („Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) zurück. Muss es tun! Weil er wie viele „Occupy“ für eine progressive Veranstaltung halten will. Was sie in weiten Teilen nicht ist, auch nicht in den USA. Richtig benennt er die ostentative Israel-Feindschaft zahlreicher Demonstranten, die nun einmal – soweit richtig! – weltweit typisch für die Linke sei, und separiert sie insofern, als er sie einzelnen linken Gruppen zuschreibt. Dass die Banken in Amerika antisemitisch waren – wie übrigens auch diverse Hollywood-Studios, Verleger, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler (und wie übrigens die Banken in Europa) – macht sie jedoch nicht immun gegen Projektionen, die eben nicht bloß auf amerikanischer Geschichte beruhen. Was Amerika von Europa unterscheidet, ist nicht, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht sondern ein immer wieder erneuertes Bestehen auf dem „pursuit of happiness“, der dem Individuum ein Vorrecht vor der Gemeinschaft gibt. Dieses Vorrecht aber ist es, was europäisch (aka deutsch und auch in den USA oft Amerika-feindlich) derzeit gravierend in Frage gestellt wird.
„’Antikapitalismus’, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte unmittelbar abschaffen möchte – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte –, kann politisch und gesellschaftlich im besten Fall unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird er jedoch selbst dann gefährlich, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorisch interpretiert werden könnten. Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.“
Moishe Postone – Deutschland die Linke und der Holocaust (being reminded of by universalestate)
Den so genannten Antizionisten oder ‚Israelkritikern’, die weltweit den Protest ausschließlich gegen zwei Nationen auf die Demonstrationen tragen, und darunter ist absurderweise nicht Deutschland (außer in Griechenland womöglich), und die sich über Grußadressen und nette „Occupy Wall Street!“-Bilder aus Gaza, dem Iran etc. freuen, sei u.a. Hans Mayer empfohlen: „Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen möchte, macht sich oder anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ (Zitiert nach Améry ebd.)
Außerdem: Wer trotz aller Übereinstimmungen mit den Texten von Nationalsozialisten, die auf tatsächlich nichts aufbauten als auf ihrem Antisemitismus und am die Ende keine ‚Utopie’ vorzuweisen hatten als die einer Welt ohne Juden, nach wie vor glaubt, „nur weil die es gesagt haben, muss es ja nicht falsch sein“, und er sei deswegen noch lange kein Antisemit, sei darauf hingewiesen, dass es seit 1945 nicht nur einen „Antisemitismus ohne Juden“ sondern auch einen ohne Antisemiten gibt. Und auf Adorno/ Horkheimer, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, erklärten, warum es „keine Antisemiten mehr“ gibt, Antisemitismus aber dennoch das Weltbild allzu vieler beherrscht.
Antisemitismus und Antisemiten wird es so lange geben, wie der (notwendige) Protest gegen den Kapitalismus sich im Konstruieren einer entsagungsvollen und moralisch überlegen sich imaginierenden Opfergemeinschaft erschöpft. Und in der Krise kommen sie ganz zu sich. „Occupy“ ist nicht in der Lage, diesen Mechanismus zu unterbrechen, da bloß wieder das „eine Andere“ gegen die 99% „Empörten“ evoziert wird – und damit auch das Abstrakte gegen das Konkrete. Es ist gleichgültig, dass ‚die Juden’ eben nicht die Banken beherrschen, nicht die Medien, die Anwaltskanzleien, die Wissenschaft, dass weder Israel noch die USA eine Erdbebenmaschine besitzen oder dass Echsen die Erde ganz und gar nicht besetzt haben; es ist ebenso gleichgültig, dass ein Großteil der „Occupy“-Demonstranten derartiges Gedankengut womöglich mehr oder weniger oder selbst völlig ablehnt. Dass die „Occupy“-Proteste die entsprechende Klientel magnetisch anziehen hingegen sollte zum Anlass genommen werden, sowohl die eigene Position als auch die Form, Intentionen von und „Occupy“ überhaupt einer kritischen Reflexion zu unterziehen.
Recommended reading: Reflexion – Die Märsche der Demokraten (+++) Cosmoproletarian Solidarity – Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung La vache qui rit. – Die Empörten („occupy Frankfurt“) Yitzhak Benhorin – Anti-Semitism tainting Occupy Wall Street protests, Ynet News Samuel Salzborn – Moneten und Mythen Nichtidentisches – Ich bin 0,000000014 % Manfred Dahlmann – Die Gemeinschaft der Nichtssager, Jungle World Thomas von der Osten-Sacken – Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend, jungleblog
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Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und Elemente der Alltagsreligion
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung
Moishe Postone – Deutschland, die Linke und der Holocaust
Jean Améry – Weiterleben – aber wie?
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad
Alfred Sohn-Rethel – Ökonomie und Klassenstruktur
ISF – Das Konzept Materialismus
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Bonus Track: Reine Polemik…
Wenn sich deutsche Medien kritisch mit der „Occupy“-Bewegung auseinandersetzen, geschieht dies meistens im amerikakritischen Kontext, so beispielsweise in der „Zeit“, wo man sich u.a. eine Modestrecke in der New York Times zum Anlass von Ridikülisierung der hierzulande oft als absurderweise im Protest ungeübt geltenden Amerikaner vornahm. Sieht man sich die auf Youtube veröffentlichten Dokumentationen der deutschen Proteste an, kann man sich beruhigt zurücklehnen, eine Modestrecke lässt sich daraus tatsächlich nicht erstellen. Keine einschlägige Modekette, kein ‚Modemacher’ (Produktionsdeutsch für couturier), kein Lifestyle-Sender, keiner der von Naomi Klein so gefürchteten trend scouts (die doch nur der erste Schritt der Verwertungskette sind, die irgendwann alles in den geschätzten Second Hand Stores enden lässt, und sei es vierzig Jahre später, coming soon: „Fault-il brûler Wertmüller? Toward the end of fashion“) fände hierzulande Inspiration. Dennoch: Passenderweise suchte sich „Die Zeit“ zur Illustration ihres Artikels eine ein grün gefärbtes Palituch tragende Demonstrantin aus, und liegt damit nicht mal so falsch (s.o.). Die deutsch Empörten aber gehen vorwiegend zum Protest gekleidet wie zum Sonderangebot-Einkauf bei ihrer bevorzugten Supermarkt-Kette und stellen also die entsprechende Kundschaft ästhetisch dar. Dazu kommen noch diejenigen, welche die Wegwerfgesellschaft kritisieren und Mülltonnen als veritable und ansprechende Nahrungsdepots proklamieren wollen. Die derzeitige und sehr unangenehm geführte Debatte um Mindesthaltbarkeitsdaten ist auch ihnen zu verdanken – Steilvorlage. Statt denen, die im Müll zu wühlen haben, um überhaupt überleben zu können, Teilhabe am zunehmend realisierbaren Luxus zu ermöglichen, erklärt man sie zum Ideal; das ist Winterhilfswerk und Volxküche united.
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Later:
„»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.“ Zeit.de via Teilnahmebedingungen
+ Noch mehr zum „Heiligen Geist“
+ „Oftmals wird behauptet, dass es sich um keine keine homogene Bewegung, sondern um die Ansammlung von Individuen handeln würde. Diese bilden den „Schwarm“, heißt es in den Selbstdarstellungen der Aktivist_innen. Dabei wird unterschlagen, dass es sehr wohl gemeinsam Nenner gibt, die die Aktivist_innen auf die Straßen und in die Camps gebracht haben.“ Reflexion – Die Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“
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+ AA:B – Die schweigende Mehrheit – Zur Kritik der Occupy Bewegung
“Die Dissonanzen, die sie schrecken, reden von ihrem eigenen Zustand: einzig darum sind sie ihnen unerträglich. Umgekehrt ist der Gehalt des allzu Vertrauten so weit dem entrückt, was heute über die Menschen verhängt wird, daß ihre eigene Erfahrung kaum mehr mit der kommuniziert, für welche die traditionelle Musik zeugt. Wo sie zu verstehen glauben, nehmen sie bloß noch den toten Abguß dessen wahr, was sie als fraglosen Besitz hüten und was schon verloren ist in dem Augenblick, in dem es zum Besitz wird: neutralisiert, der eigenen kritischen Substanz beraubt, gleichgültiges Schaustück.”
Theodor W. Adorno – Philosophie der neuen Musik
„Ein Selbstmordanschlag stellt das totale Dementi einer Verbindung zwischen individueller Befreiung und kollektiver Befreiung dar, insofern das Individuum durch das Attentat ausgelöscht wird. In einer Revolution kann man sterben, aber der Tod ist nicht ihr Ziel. {…} Zudem bringen Selbstmordattentate unweigerlich einen ausgeprägten Kult des Opfers hervor, der jedes konkrete Emanzipationsversprechen dementiert zugunsten von Abstraktionen, für die man sein Leben zu opfern habe: für das Volk, das Vaterland, oder eben wie unter den Islamisten, für das Paradies. Die Form des Kampfes schlägt unweigerlich auf den Inhalt zurück.“
Bernd Beier – Theo, Theorie und Theokratie. Das Liebäugeln mit fundamentalistischem Unsinn gehört offenbar zur Globalisierungskritik, in Redaktion Jungle World – Elfter September Nulleins
John Tenniel, Illustration zu Lewis Carrolls Alice In Wonderland
“Den einen Gedanken lehnt Sade bei seinem ganzen Pessimismus stets entschieden ab: den Gedanken, sich zu unterwerfen. Deshalb haßt er auch die resignierte Heuchelei, die man mit der Bezeichnung ‘Tugend’ schmückt, ist sie doch in Wirklichkeit nur eine törichte Unterwerfung unter die Herrschaft des Bösen, wie sie von der Gesellschaft errichtet worden ist”.
Simone de Beauvoir – Soll man de Sade verbrennen?
„Germany once again fared best in the poll, with every country viewing it positively and 61% of people rating it favourably, up from 55% last year.“ BBC/ GlobeScan-Poll 2011
via Cosmoproletarian Solidarity:
„Liebe Freunde und Genossen,
Wir, das heißt: die NeocommunistInnen, die Genossen von „In The Absence Of Truth“ und der Blog Cosmoproletarian Solidarity, haben einen Aufruf zu Protesten am 11. Februar verfasst: hier [pdf]*. An diesem Tag, im Iran: 22. Bahman, rühmt sich die Islamische Henkersrepublik Iran einer weiteren Jährung ihrer Kontrarevolution.
Proteste gegen die Barbarei des Regimes und die deutsch-iranische Komplizenschaft und für die Revoltierenden im Iran:
Berlin, Freitag, den 11. Februar 2011, 18:00 h, Podbielskiallee 67 (vor der Botschaft der I.R.I.)
Frankfurt, Fr., den 11. Februar 2011, 14:00 h, vor dem Hauptbahnhof
Wien, Fr., den 11. Februar 2011, 18:00 h, Lainzer Straße/Gloriettegasse (vor der Residenz des Botschafters der I.R.I.)
Hamburg, Sonntag, den 27. Februar 2011, vsl. 15:00 h, Depenau 2 (vor der Europäisch-Iranischen Handelsbank) “
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* „Mindestens 89 Menschen wurden im bereits noch jungen Jahr im Iran hingerichtet, und es werden jeden Tag mehr, unter ihnen Regime-Feinde, denen das islamische Kapitalverbrechen „in Feindschaft zu Gott“ angekreidet wird.“
„Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist“ Wikipedia – Laminat
Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…
Whatever…
Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!
Trotz einiger Missdeutungen definitiv hörenswerte Radiosendung über Holocaust-Leugnung bzw. -Relativierung und Antisemitismus im heutigen Europa.
„In this two-part series for Heart and Soul, Wendy Robbins takes a personal journey into the heart of Europe, where fears grow that Jewish history is being rewritten so as to minimise the past and threaten the future. […] Holocaust denial is provably on the increase, and no longer confined to extremists. But, in countries where evidence of the holocaust is hard to deny, there is a subtle change too. It’s called ‚holocaust obfuscation‘, which started among Baltic ultra-nationalists who combine the atrocities of the Nazis with those of the Soviet Union, resulting in Eastern European history re-written as an equal Nazi-Soviet ‚double genocide‘. Bizarrely, this means some Jews who joined up with anti-Nazi (often Communist) partisans now find themselves under investigation for war crimes. […] And in Sweden’s capital, Malmo [sic], many of the 50,000 Muslims want the 1,000 Jews to leave – and the Mayor wants Zionism condemned as forcefully as anti-semitism.“ “ (BBC Heart And Soul: The Holocaust Deniers, via Z-Word Blog)
Recommended reading: Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Pierre-André Taguieff – Rising From the Muck. The New Anti-Semitism In Europe (La nouvelle judéophobie)
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad
Female war correspondents during World War II (Left to right): Ruth Cowan, Associated Press; Sonia Tomara, New York Herald Tribune; Rosette Hargrove, Newspaper Enterprise Association; Betty Knox, London Evening Standard; Iris Carpenter, Boston Globe; Erika Mann, Liberty magazine
„Lieben konnte sie, aber beliebt war sie nicht. Und sie konnte hassen wie nur wenige. Als sie 1933 Deutschland verlassen hatte, wagte sie es, im April in aller Heimlichkeit nach München zu fahren: Sie war mutig genug, Manuskripte und verschiedene andere wichtige Papiere ihres Vaters zu retten. Wo in späteren Jahren gekämpft wurde und wo es gefährlich war, da war sie als Berichterstatterin an Ort und Stelle: im Spanischen Bürgerkrieg, 1940 bei den Bombenangriffen in London, 1943 am Persischen Golf, 1944 in Frankreich, Belgien und Holland. Als sie gegen Ende des Krieges in amerikanischer Uniform nach Deutschland kam, soll sie, damals noch nicht vierzig Jahre alt, schön wie eine Kriegsgöttin gewesen sein und herrisch wie eine Amazonenkönigin. […] Von Gnade und Barmherzigkeit wollte Erika Mann nichts wissen, Sündern zu vergeben, war sie nicht imstande. Was immer geschah und wem immer sie begegnete, sie blieb so unduldsam wie unversöhnlich. […] Auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters hat Erika Mann einen unmittelbaren Einfluss ausgeübt – und es war alles in allem ein kluger, ein segensreicher Einfluss. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Thomas Mann 1933 nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich in aller Öffentlichkeit vom Dritten Reich distanziert hat.“ Marcel Reich-Ranicki, FAZ
Michel de Certeau – Walking in the city (1999): „To be lifted to the summit of the WTC is to be lifted out of the city’s grasp. One’s body is no longer clasped by the streets that turn and return it according to an anonymous law; nor is it possessed, whether as player or played, by the rumble of so many differences and by the nervousness of New York traffic. When one goes up there, he leaves behind the mass that carries off and mixes up in itself any identity of authors or spectators. An Icarus flying above these waters, he can ignore the devices of Daedalus in mobile and endless labyrinths far below. His elevation transfigures him into a voyeur. It puts him in a distance. It transforms the bewitching world by which one was „possessed“ into a text that lies before one’s eyes. It allows one to read it, to be a solar Eye, looking down like a god.“
John Steinbeck – East of Eden: „‚Thou mayest‘! Why, that makes a man great, that gives him stature with the gods, for in his weakness and his filth and his murder of his brother he still has the great choice.“
_______________________________ Recommended reading:
Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt
Tjark Kunstreich – Nach dem Westen
John Steinbeck – East of Eden
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Later: Wenn man via Google „BBC Death in the Med“ recherchiert, kann man erfahren, wie treffend Eamonn McDonaghs hellsichtiger Kommentar im Z Word Blog (s.o.) ist: „Now that the substance of the IDF’s account of events has been confirmed by a source not known for its sympathy towards Israel […], I’m sure we can expect a wave of apologies from all the commentators who were so quick to condemn the IDF’s ‚brutality‘ […]. Or maybe not…“
Deutscher Bundestag? Anyone?
Liebe Verschwörungstheoretiker,
erneut wende ich mich an Euch und bitte Euch dieses Mal, – ganz anders als noch vor wenigen Monaten – ungeachtet Eurer jeweiligen Überzeugungen nicht zu verzagen!
Die Heuschrecken-Gläubigen unter Jürgen Elsässers Anhängern jubeln, er ist doch einer der ihren. Nur kurz hielt der Schrecken vor, als sie befürchten mussten, er habe sie verlassen („Akte X ist längst Wirklichkeit: Außerirdische haben die Macht auf der Erde übernommen. Höchste Regierungskreise der westlichen Großmächte stecken mit den Aliens unter einer Decke.“ Jürgen Elsässer Blog – Die Aliens sind unter uns) und sei zum Alien-Gläubigen konvertiert. Aber – zu früh gefreut – ein Hinweis auf die wirklich wirkliche Wahrheit ist im Kommentar von „Ketzer“ zum ersten Teil nachzulesen:
„Die Aliens fangen die Funksignale der „öffentlich-rechtlichen“ und privaten Sendeanstalten ab, verändern und verfälschen diese im All „on the fly“ undsenden sie mit dem Ziel der Menschheit das Gehirn zu waschen, alle zu verblöden, zur EErde zurück. Und zwar seit es „Volxempfänger“ gibt!!
Die Verblödung ist bereits irreversibel weit fortgeschritten!
Wegen der Aussage wollte man mich in die Psychiatrie einweisen!!“
(„Ketzer“ in den – moderierten! – Kommentaren zu „Die Aliens sind unter uns“)
Eben!
Einen zweiten Hinweis liefert Elsässer selbst im Sequel:
„Die „Aliens“ in dieser Serie sind „nur“ ein metaphorischer Begriff für „Heuschrecken“ und andere neoliberale Ausbeuter, die nicht über stoffliche Mehrwertproduktion, sondern über entstofflichte Spekulation und Derivat-Abzocke ihren Profit machen.“ (Ebd. Die Matrix der Aliens)
Der beim ersten Lesen nur das Unvermögen mit Metaphern umzugehen zu illustrieren scheinende Satz („Aliens“ sind eine bildliche Umschreibung von „Heuschrecken„… yay!), erweist sich bei näherer Betrachtung als Matrjoschka-artiger Ansatz und Aufforderung, die Puppe jetzt mal bitte komplett auseinanderzunehmen. Denn: Auch ein Jürgen Elsässer darf nicht so einfach mal hinsagen, was er wirklich glaubt; das wissen seine Alienkornkreismatrix-gläubigen Freunde ganz genau. (Selbst Nena durfte sich nicht frei äußern!) Nur andeuten kann er, sonst… siehe „Ketzer“.
Dementsprechend also der Rückgriff auf die Matrjoschka-Figur – here we go:
Ein leider ziemlich hohles, jedoch noch lieblich anmutendes Holzmädchen – man muss ein wenig an ihr drehen und ziehen, um ihr Geheimnis zu entdecken. Dann kommt das zweite hohle Mädchen zum Vorschein, mit weniger Liebe zum Detail gestaltet und nicht ganz so reizend, dann das dritte usw. usf., bis man am Ende die kleine, grob bepinselte, erschrocken blickende und ganz und gar nicht hohle, jedoch nach wie vor hölzerne Wahrheit in den Händen hält – aber das dauert. Mephisto war bei Goethe des Pudels Kern, Elsässer mag seinen offenbar noch nicht wirklich preisgeben.
Allerdings gibt es wie bereits von seiner Ankunft (s.u.) auch eine schockierende Dokumentation über einen nicht unwichtigen Aspekt seines Wirkens auf Erden1:
„Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.“
Walter Benjamin – Über den Begriff der Geschichte
„Mit vielen Widrigkeiten hatten die münsterländischen Spitzenkräfte des Neonationalsozialismus seinerzeit bereits gerechnet: „Eine Stürmische Zeit liegt vor uns! Ein hindernisreicher Weg der uns große Opfer abverlangen wird.“ Und es kam, wie es kommen musste. „Bürgerliche Vertreter des Gutmenschentums“ stellten sich gegen sie, „Rotfaschisten“ gar. Hinzu kam die „Polizeirepression“ und im TV jene „Quasselsendungen“, die nur ablenken vom Kampf „gegen die Spaßgesellschaft und ihre Perversitäten“.
Das alles steckten [die] „besten Leute“ der regionalen Neonazis weg. Doch nun mussten sie die Meldung zur Kenntnis nehmen, dass es „um die 2500 (!!!) Soldaten“ gibt, die „die britische Krone nach über 65 Jahren Besatzung immer noch in Münster stationiert hat“. Und nicht genug damit: Ihr Rückzug auf die Insel verzögert sich auch noch um mindestens fünf Jahre bis frühestens 2019. Dass das nur logistische Gründe haben soll, mögen Münsters „Nationale Sozialisten“, die doch selbst in der Lage sind, ihre kompletten Truppenteile kurz entschlossen mal eben zu Neonaziaktivitäten nach Dortmund, Hamm oder Ahlen zu verlegen, nicht glauben.
Die Kämpfer für die „nationale Souveränität“ und die „biologische Existenz unseres Volkes“ ahnen, warum die Briten später abziehen: „Es drängt sich der Verdacht auf das die englischen Besatzungstruppen, für weitere 5 Jahre in Münster bleiben sollen, um in Zeiten der Wirtschaftskrise die Kolonie BRD, gegen Aufstände abzusichern.“ Der nächste Neonazi-Auflauf im Münsterland, begleitet nicht durch Bereitschafts- und Bundespolizei, sondern durch die British Army? Wir warten gespannt darauf.“ (rr, NRW rechtsaußen – Nebenbei: British Army gegen Münsters Neonazis?)
Die syrische Diplomatin Rania Al Rifaiy bei der UNO: „Let me quote a song that a group of children on a school bus in Israel sing merrily as they go to school: ‚With my teeth I will rip your flesh, with my mouth I will suck your blood.‘“ „While Syria’s statement went unchallenged Tuesday, the council president interjected when Canada used the word „regime“ in a statement condemning of human rights abuses in Canada’s version of an „axis of evil:“ Iran, Myanmar and North Korea.“ Steven Edwards – Syrian envoy’s attack on Israel threatens to foil U.S. diplomatic drive, via UN Watch
„Oder der außenpolitische Sprecher der Linkspartei, Norman Paech […]: Die Juden, pardon, die Israelis haben »ein Massaker unter der Bevölkerung des Gazastreifens angerichtet«, ein »furchtbares Gemetzel«, ihre Politik »ist kriminell«, sie begehen »eindeutige Kriegsverbrechen«, sie sind »zynisch«, »barbarisch«, treiben »Exzeß«, »Strangulierung und Entwürdigung«, »Schande«. “ (Herman L. Gremliza, Konkret 02/09, Hervorhebung d. Zitate J6ON)
„If the ships reach Gaza, it’s a victory for Gaza,“ Haniyeh told some 400 supporters […]. „If they are intercepted and terrorized by the Zionists, it will be a victory for Gaza, too, and they will move again in new ships to break the siege of Gaza.“ (Haniyeh: Gaza flotilla a triumph, Jerusalem Post)
* „Weltweit hat im Vorfeld etwaiger Auseinandersetzungen künftig angerufen und gefragt zu werden, welche Waffen ‚Friedens- und andere Aktivisten‘ einzusetzen gedenken – worauf sie nur noch ehrlich antworten müssen. Die Einsatzkräfte werden dann identisch ausgestattet!“ Anweisung der deutschen Bundeskanzlerin, des deutschen Regierungssprechers, des außenpolitischen Sprechers der FDP usw. usf.
* Die mit „unseren deutschen Teilnehmern“ solidarischen Freiburger trafen sich gestern, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Mittel im deutschen Verhältnis zum Anlass gewählt zu werden haben, zur Mahnwache auf dem „Platz der Alten Synagoge“: „Die Wettbe-werbsauslobung gab den Teilnehmern des Wettbewerbs als Ziel vor, den Platz einerseits als einen lebendigen Platz der Bürgerschaft und als Ort der Kommunikation zu entwickeln, andererseits aber auch die Interessen der Universität an einem möglichst störungsfreien Lehr- und Lernbetrieb zu berücksichtigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Erinnerung an die frühere, in der Reichpogromnacht zerstörten [sic] jüdische Synagoge und ihre damalige Bedeutung als Zentrum des jüdischen Lebens in Freiburg. Zu den Wettbewerbsvorgaben gehört darüber hinaus die Berücksichtigung und gestalterische Integration der geplanten Stadtbahnstrecke sowie der erforderlichen Verkehrsflächen für Lieferverkehr, Fahrradverkehr usw. im Rahmen der geplanten Fußgängerzone. Eingeflossen sind zudem die Ergebnisse einer Planungswerkstatt mit ca. 40 Bürgerinnen und Bürgern, die die Verwaltung im Dezember 2004 zur Vorbereitung des Wettbewerbs durchgeführt hatte.“ (Stadt Freiburg im Breisgrau – Wettbewerb Platz der Alten Synagoge)
+ Am Ende der Emanzipation steht Segregation? Annette Groth im ZDF-Interview: „Also, Sie wissen ja, wir Frauen waren im Unterdeck, also im Frauendeck. Männer und Frauen waren getrennt untergebracht auf diesem Schiff“.
Henning Mankell will nicht gehört haben, dass „Tod den Juden!“ gerufen wurde. Und ein Antisemit sei er „natürlich“ auch nicht. Wäre jedoch alles mit rechten Dingen und verhältnismäßig und überhaupt zugegangen, hätte sich wohl der eine oder andere totschlagen lassen müssen, denn „[z]war habe er ‚nicht viel gesehen‘, aber die Tatsache, dass unter den Toten keine Israelis seien, spreche doch für sich.“ (Reinhard Mohr – „Die Israelis hätten auf die Schiffsschrauben zielen können“, Spiegel online, 3.6.2010)
Theodor W. Adorno/ Thomas Mann – Briefwechsel, 1943 – 1955, Theodor W. Adorno an Thomas Mann, 01.08.1950
„Wissen Sie übrigens, daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth wieder aufzusperren, und haben Sie erwogen, etwas dagen zu unternehmen? […] Es will mir scheinen, daß Bayreuth, neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten Symptomen hier gehört, wofern man nicht auf die darin sich abzeichnenden primären Momente unmittelbar eingehen will.“
Zeit online, 22.03.2010, Reaktionen auf den Tod Wolfgang Wagners
„Er hat das Erbe Richard Wagners in herausragender Weise über Jahrzehnte mit Leidenschaft gepflegt und fortgeführt. Sein trockener Humor, seine Gabe zur Selbstironie und seine unverwechselbare Bodenständigkeit haben ihm dabei geholfen. Er hat sich um das kulturelle Ansehen unseres Landes verdient gemacht.“
Horst Köhler, Bundespräsident
„Wolfgang Wagner hat versucht, die Welt mit den Augen seines Großvaters zu sehen – und nicht, wie die Welt seinen Großvater sah. Ich werde ihn vermissen.“
Daniel Barenboim, langjähriger Festspieldirigent
„Ihm war es gelungen, die Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg in einem politisch wie künstlerisch schwierigen Umfeld zusammen mit seinem Bruder Wieland neu aufzubauen und (ihnen) wieder zu weltweitem Ansehen zu verhelfen.“
Norbert Lammert, Bundestagspräsident
Und so weiter und so fort…
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