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„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.

Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater in der in Teilen als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

Much more later!

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ II

„Alle beteuern ihre gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen. Walter Benjamins Warnung, daß die Sieger vor den Toten nicht halt machten, wäre für Lea Rosh das Geschwätz ‚ewiger Besserwisser‘. Zu diesen gehört auch Julius Posener, der aus der Emigration zurückgekehrte Architekturhistoriker. Schon 1985 schrieb er: ‚Nach vierzig Jahren habt ihr das Recht auf ein Mahnmal an diesem Ort verwirkt.‘“ Eike Geisel

Im Kuratorium des „Zentrums für Politische Schönheit“ sitzt der Geschäftsführer des „Aktiven Museums. Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“, Kaspar Nürnberg. Das 1983 aus einer Bürgerinitiative hevorgegangene „Aktive Museum“ hat es sich irgendwann unter anderem zur Aufgabe gemacht, die kleinen Stolpersteine des ‚Bildhauers’ Gunter Demnig zu bewerben. Jene bronzefarbenen Stolpersteine, die, in die deutschen Gehwege hineingehämmert, an die von Deutschen ermordeten Juden erinnern sollen. Jegliche Weigerung an der angeblichen Sühne-Geste teilzunehmen, wird vom Künstler und seinen Mitstreitern als Skandal gewertet. Ungeachtet der Motivation der Verweigerung, die ganz gewiss zum Großteil dem Unwillen der Deutschen, ihre schönen Fußgängerzonen verschandeln zu lassen, entspringt. Das Gedenken an die ermordeten Juden nämlich haben sie längst zu ihrem Gründungsmythos gerinnen lassen. Es stört sie so wenig wie das Holocaust-Denkmal, zu dem „man gerne“ gehen soll (Schröder) und „um das die Welt uns beneidet“ (Jäckel).
Mittlerweile nun werden auch andere „Opfergruppen“ erfasst (pun intended) und zu dem Zweck ganz einfach die Nazi-Bezeichnungen übernommen – gründlich soll es sein, und da hat man halt keine Zeit fürs Individuum –, weswegen eine in Auschwitz Ermordete auf ‚ihrem’ Stein als „Gewohnheitsverbrecherin“ eingraviert wurde.

„Reinhold Schneider schlug vor rund fünfzig Jahren vor, die Deutschen sollten sich als nationales Patientenkollektiv konstituieren; jeder solle jedem versichern, wie schuldig er sich fühle, denn nur so entstünde wieder echte Gemeinschaft. Daß diese Wahrheit gar nicht zuende gegangen war, notierte Anfang der sechziger Jahre Max Horkheimer in einem Rückblick unter dem Stichwort “Wir Nazis”. Dort heißt es: “Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache … Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte.“ Eike Geisel – E.T. bei den Deutschen oder Nationalismus mit menschlichem Antlitz in: ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, 1994, 11.

Die kleinen Stolpersteine, die dem deutsch-nationalen „Patientenkollektiv“ (Schneider) seinen Gründungsmythos tagtäglich so angenehm sinnsprüchlich nahebringen, ergänzt das „Zentrum für Politische Schönheit“ jetzt mit größeren, nicht umsonst mit solchen dem Stelenfeld des Holocaust-Denkmals gleichenden – mit mehr oder weniger Grabmälern für die an den Grenzen Europas ermordeten Geflüchteten.

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ Theodor W. Adorno zu Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

Wo sich alle Gleichsetzungen verbieten, bleibt hier trotzdem das unvermeidliche Scheitern jeglichen Versuches von Veranschaulichung. Und so unterschiedlich die Intentionen von Künstlern mit Botschaften sein mögen: Gunther von Hagens‘ Leichen wurden fatal ähnlich angekündigt – als Skandal. Skandal aber setzt immer auf Einverständnis, anders kann er nicht funktionieren. Und so wird mit ostentativ als Schock annoncierten Events nie etwas anderes zu erzeugen möglich sein als einerseits ein Übereinkommen in der kalt berechnenden Abwehr und andererseits die beruhigende Erleichterung, zu den Schockierten zu gehören.
„Die Toten kommen“ schlagzeilt das „Zentrum“ medienkompatibel, als könnten sie noch gehen, als könnten sie noch bedrohen. Wer sie kommen sehen will, braucht bloß noch Bestätigung. Die Bedrohung sehen aber die Deutschen gerade eben in den Geflüchteten, die noch gehen können, deren Heime zünden sie an. Der Trugschluss des „Zentrums“ liegt gerade darin, in ausgerechnet den Deutschen einen Unterschied zu den sie regierenden zu imaginieren. Wenn es ein Trugschluss sein sollte und nicht bloß die Exkulpierung des „Patientenkollektivs“. Die Angehörigen, die vor Ort denselben Repressionsmechanismen ausgesetzt sind wie die, vor denen die Geflüchteten sich zu retten versuchten, zu fragen, welch ein Begräbnis der/ die Verschiedene denn gewünscht haben möge, und dann kurzerhand den Imam zu bestellen, ist mit zynisch nicht adäquat beschrieben.

Und im Kuratorium des „Zentrum für Politische Schönheit“ sitzt eben auch Rupert Neudeck (via Dissi Kotzboy) – zu Recht. Das „Zentrum“ ist öffentlich darum bemüht, die deutsche Schuld an der Shoah zu relativieren, indem es beispielsweise betont, dass, wenn die Alliierten bloß die Bahngeleise bombardiert hätten, Auschwitz so nicht möglich gewesen wäre. Ein Vorwurf, der längst widerlegt wurde und letztlich die wesentlichste Motivation der deutschen Volksgemeinschaft in ihrem „Dritten Reich“ herunterspielt: ihren Antisemitismus.
Neudeck ist ein offener Antizionist, seine Ausfälle gegen Israel sind dokumentiert, in seinen Texten und unter anderem auf seiner Grünhelm-Webseite. Der Deutschen Antizionismus mündet generell in Antisemitismus oder entstammt ihm. Der sekundäre Antisemitismus resultiert aus dem primären Antisemitismus. Neudeck belegt dies eindrucksvoll mit seinem „Engagement“. Die Zusammenarbeit des „Zentrums“ mit ihm ist kein Widerspruch, am Ende tanzt das „Patientenkollektiv“ auf den Leichen.

Zu angeblichen Kunst-Charakter des Events: More later!
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+ Eigentlich hätte hier etwas zu Walser erscheinen müssen:

„Dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und…“

„…fotografiert.“ Martin Doerry und Volker Hage: „Einsam ist man sowieso“, Interview mit Martin Walser, Einleitung, Spiegel 19/2015, 137.

„So ruhig war es im Walde, als wartete alles auf den Todesschrei, der nicht kam.“ Joseph Roth – Das Spinnennetz, Köln 1988, 50.

„(M)an tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus.“ Doerry/ Hage ebd. „Man“ hat mit ihm gesprochen. „Man“ hat es tatsächlich – womöglich ein wenig „vor Kühnheit zitternd“ (Walser) – gewagt, ihn so etwas wie zu kritisieren. Und vor allem hat „man“ ihm seine Opfer „zum Fraß vorgeworfen“ (Adorno). „Man“ ist zum Erfüllungsgehilfen seiner für ihn zumindest neuen Opfererscheinungsform geworden. Das „man“ der Einleitung spiegelt das typisch exkulpierende „man“ der Walserschen Antworten und überhaupt seiner Werke wider. Walser war in seinem expliziten Antisemitismus unter den erfolgreichen deutschen Nachkriegsschriftstellern immer einer der Zuspätgekommenen. Matthias N. Lorenz hat das in „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ minutiös nachgewiesen; der Entschlüsselung bedurfte es bei Walser eben nicht. Umso empörter waren die Reaktionen des deutschen Feuilletons auf Lorenz’ Buch. Der letzte deutsche „Großschriftsteller“, der noch veritabel deutsches Opfertum ohne einschlägige Nachkriegsopfer-Partizipation/-Projektion zu schreiben bereit war, durfte nicht aufgegeben werden, auch wenn man sich selbst längst der „jüdischen Opfer“ als Identifikationsmodell bediente.

Walser ist ein ein sehr zu spät Gekommener und natürlich lügt er: Im jüngsten Interview mit dem Spiegel behauptet er, er habe Grass, Fischer und Jens mit seiner Paulskirchenrede anklagen wollen, Ignatz Bubis keinesfalls. Wenn auch sein Neid und seine Missgunst ob ihrer unangemessenen öffentlichen Strahlkraft den Genannten gegolten haben mögen, der Hass ergoss sich über die, die ihm als schuldig an deren Glanz und überhaupt galten, über Bubis und über Reich-Ranicki. „Man“ hat niemals um eine Debatte mit Grass, Fischer, Jens et. al. gebeten. „Man“ hat sich willig und widerspruchslos einladen lassen, zu einem Gespräch mit Bubis. „Man“ hätte niemals als Opfer von Grass, Jens, Fischer reüssieren können. Bubis hingegen oder auch Reich-Ranicki, an ihnen hat Walser sein Ressentiment hemmungslos ausgelebt, mitleidlos aus der Perspektive des überlegenen Opfers heraus: aus der des deutschen Opfers.
More later…

Reblog aus gegebenem Anlass: „„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor“, 18. Dezember 2010

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

Recommended reading:
Kenan Malik – From Fatwa to Jihad. The Rushdie Affair And Its Legacy
Kenan Malik – Die Linke hat die Fatwa verinnerlicht
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad
Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise und Verborgener Staat, lebendiges Geld
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Jean-Pierre Taguieff – Rising from the Muck: The New Anti-Semitism in Europe
Paul Berman – The Flight of the Intellectuals
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie
Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Richard Powers – The Time of Our Singing
Manfred Dahlmann – Kultur ist Zwang
Pascal Bruckner – Die Erfindung der Islamophobie
Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]

D-Day

Aus gegebenem Anlass:

Forwarded: „Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran. Ta­gung zum Ver­hält­nis von Kul­tur, Po­li­tik, Ge­walt und Islam“

via zweifelunddiskurs.blogsport.de

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„23. No­vem­ber, 13 Uhr
Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät Ber­lin

Die Ta­gung soll einen kri­ti­schen Ein­blick ver­schaf­fen so­wohl in in­ne­ris­la­mi­sche theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die sich um die Frage der Le­gi­ti­mi­tät po­li­ti­scher Ge­walt dre­hen, als auch be­leuch­ten, wie diese Aus­ein­an­der­set­zun­gen in sä­ku­la­ri­sier­ten, post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten, bei­spiels­wei­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ge­führt wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Ana­ly­sen vor­ge­stellt, die sich – am Bei­spiel des Kul­tur­di­alogs mit dem ira­ni­schen Re­gime und des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses im Iran – kon­kret der ak­tu­el­len kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Lage so­wohl in Deutsch­land als auch dem Iran wid­men. Au­ßer­dem sol­len die engen Ver­bin­dun­gen dar­ge­stellt und un­ter­sucht wer­den, die auf allen ge­sell­schaft­li­chen Ebe­nen mit dem ira­ni­schen Re­gime be­ste­hen.
revolution islamique

Pro­gramm

13.​00 – 13.​15 Uhr
Be­grü­ßung, Vor­re­de und Vor­stel­lung der Re­fe­ren­ten
durch Bet­ti­na Fell­mann, Or­ga­ni­sa­to­rin der Ta­gung.
Sie stu­diert Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät.

13.​15 – 14.​30 Uhr
Jörg Fin­ken­ber­ger: Po­li­ti­sche Ge­walt und re­li­giö­se Le­gi­ti­mi­tät im Islam
Ob­wohl der Islam heute als eine emi­nent po­li­ti­sche Re­li­gi­on auf­tritt, ist für den größ­ten Teil sei­ner Ge­schich­te das Ver­hält­nis zwi­schen staat­li­cher Ge­walt und re­li­giö­ser Le­gi­ti­mi­tät pro­ble­ma­tisch, fast feind­se­lig. Der his­to­ri­sche Be­fund ver­trägt sich wenig mit dem Selbst­bild des heu­ti­gen po­li­ti­schen Islam: sein Fix­punkt, eine re­li­gi­ös le­gi­ti­mier­te po­li­ti­sche Au­to­ri­tät, ist in der his­to­ri­schen Re­li­gi­on kaum zu fin­den und ver­trägt sich nicht mit der Ge­stalt, die diese seit 800 Jah­ren an­ge­nom­men hat. Der po­li­ti­sche Islam als Be­we­gung und als Ideo­lo­gie be­wegt sich selbst nur in schwe­ren Kon­flik­ten wei­ter, ohne diese auf ab­seh­ba­re Zu­kunft be­frie­den zu kön­nen. Ein Rück­blick so­wohl auf die po­li­ti­sche Ge­schich­te des Islam als auch auf die ver­schie­de­nen Ver­su­che ihrer Ak­tua­li­sie­rung und heu­ti­ge Kämp­fe.
Jörg Fin­ken­ber­ger ist Ju­rist und Rechts­his­to­ri­ker.

14.​30 – 15.​30 Uhr
Dr. Kazem Mous­sa­vi: „There is a chan­ge in the air“?
Über die ge­fähr­li­che Hoff­nung auf eine In­ten­si­vie­rung des deut­schen Kul­tur­di­alogs mit dem Iran unter Ro­ha­ni
Die kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen Ko­ope­ra­tio­nen Deutsch­lands und des Wes­tens mit dem ira­ni­schen Re­gime fin­den zu einer Zeit statt, in der das Mul­lah-​Sys­tem im In­ne­ren gra­vie­rend ge­schwächt ist. Der neue Prä­si­dent Ro­ha­ni wird als „die Hoff­nung, dass sich etwas än­dert“ sug­ge­riert und re­zi­piert, ob­wohl jeg­li­cher Kul­tur­aus­tausch und die Nor­ma­li­sie­rung der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen mit einem kle­ri­kal-​fa­schis­ti­schen Re­gime zum Schei­tern ver­ur­teilt sind.
Der re­li­giö­se Füh­rer Ali Kha­men­ei hofft, mit dem an­geb­lich mo­de­ra­ten Ro­ha­ni in Ko­ope­ra­ti­on mit Deutsch­land, bei­spiels­wei­se durch die Zu­sam­men­ar­beit mit Uni­ver­si­tä­ten, die Po­si­ti­on des Wes­tens gegen das ira­ni­sche Atom­pro­gramm zu spal­ten, Is­ra­el zu iso­lie­ren und zu dis­kre­di­tie­ren und die Sank­tio­nen zu be­en­den. Der Kul­tur­di­alog trägt maß­geb­lich dazu bei, diese Hoff­nung zu rea­li­sie­ren, und damit dem Re­gime den Weg zur Atom­bom­be und der Ver­wirk­li­chung sei­ner is­la­mis­ti­schen Ziele zu ebnen. Dies be­deu­tet auch ein Si­cher­heits­ri­si­ko für die in Deutsch­land le­ben­den Exil­i­ra­ner und jü­di­schen Men­schen.
Dr. Kazem Mous­sa­vi ist Spre­cher der Green Party of Iran in Deutsch­land.

15.​30 – 16.​00 Uhr
Pause

16.​00 – 17.​00 Uhr
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh: „Hei­li­ge & Staats­fein­din zu­gleich“
Frau­en­bild und Männ­lich­keit in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran
Dass im Got­tes­staat Iran bru­ta­le Frau­en­un­ter­drü­ckung herrscht, wird im All­ge­mei­nen nicht ge­leug­net, aber in vie­ler­lei Hin­sicht re­la­ti­viert. So wird diese Un­ter­drü­ckung auch durch ihre Klas­si­fi­zie­rung als „pa­tri­ar­cha­lisch” ver­kannt und ver­harm­lost. Im his­to­ri­schen Rück­blick und Ver­gleich wird die Dif­fe­renz zwi­schen vor­mo­der­nem Pa­tri­ar­chat, Män­ner­herr­schaft unter der Mo­der­ni­sie­rungs­dik­ta­tur des Schahs und phal­lo­zen­tris­ti­schem Mul­lah­re­gime dar­ge­legt. Dabei soll dis­ku­tiert wer­den, was das Re­gime im Iran unter der „be­deu­ten­den und wert­vol­len Auf­ga­be“ der Frau im Islam ver­steht, wel­che Art von Männ­lich­keit in den Re­pres­si­ons­or­ga­nen der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ver­kör­pert ist und in wel­chem Ver­hält­nis diese Kon­stel­la­ti­on zur ira­ni­schen Ge­sell­schaft steht.
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh ist Co-​Re­gis­seu­rin des Films „Kopf­tuch als Sys­tem – Ma­chen Haare ver­rückt?”, pu­bli­ziert unter an­de­rem zum Ge­schlech­ter­ver­hält­nis im Islam, zu An­ti­se­mi­tis­mus und An­ti­zio­nis­mus und zur Er­fah­rung des Exils und ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv.

17.​00 – 18.​00 Uhr
An­dre­as Benl: Sehn­sucht nach Dif­fe­renz
Über den neuen Ver­rat der In­tel­lek­tu­el­len
Die „Char­me-​Of­fen­si­ve“ des neuen Prä­si­den­ten des ira­ni­schen Re­gimes Has­san Ro­ha­ni ruft ein­mal mehr die Kräf­te des Ap­pease­ments in der west­li­chen Po­li­tik auf den Plan. Wäh­rend diese of­fi­zi­el­le Zu­sam­men­ar­beit sich zu­min­dest teil­wei­se mit öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen er­klä­ren lässt, wirft der „Ap­peal“ der Is­la­mi­schen Re­pu­blik im Be­son­de­ren und des Is­la­mis­mus im All­ge­mei­nen bei west­li­chen In­tel­lek­tu­el­len und lin­ken und li­be­ra­len Ak­ti­vis­ten Fra­gen nach sei­ner ideo­lo­gi­schen At­trak­ti­vi­tät auf. Als Fou­caults Apo­lo­gi­en Kho­mei­nis 1979 auf die mör­de­ri­sche Rea­li­tät tra­fen, sah er sich noch ve­he­men­ter Kri­tik aus der Lin­ken aus­ge­setzt. Seit­dem haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se von der Kri­tik des Is­la­mis­mus hin zur De­nun­zia­ti­on der so­ge­nann­ten Is­la­mo­pho­bie ver­scho­ben. Der Vor­trag soll die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de die­ser Ent­wick­lung be­leuch­ten.
An­dre­as Benl ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv und schreibt unter an­de­rem zum Kul­tur­re­la­ti­vis­mus und zur Op­po­si­ti­ons­be­we­gung im Iran.

18.​00 – 18.​30 Uhr
Ab­schluss­po­di­um und Dis­kus­si­on

Die Ta­gung fin­det an einem Sams­tag statt.
Ta­gungs­ort ist Raum 2002 des Haupt­ge­bäu­des der Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät,
Unter den Lin­den 6, 10099 Ber­lin“

Der Ein­tritt ist frei, um Spen­den wird ge­be­ten.

Grundlegendes 22: D-Day


June 6, 1944

“Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; daß Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wahren Sachverwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.”
Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik, 126

Pausenbild V

Das ist kein Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur – das ist eine Paradigmenergänzung, die uns ermutigt: Das, was mehrfach in der Vergangenheit gelungen ist, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten Kräften – wenn auch nicht gleich ideal – zu lösen, ist eine große Ermutigung auch für die Zukunft. Wie also soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel “Unser Land” sagen sollen?” (Joachim Gauck – Antrittsrede, 23.3.2012)

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(D Day)

The Occupation Wasn‘t Televised. Die „Occupy-Bewegung“ ist längst vereinnahmt

„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887

Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug.“ „Occupy“-Demo-Ordner, 12.11.2011 (zitiert nach Zeit.online)

Der britische Schriftsteller Rider Haggard, der später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz – Rider Haggard and the Fiction of Empire, 150f) ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld.
Während Haggard seinen Feind beim Namen nannte, ist es heutzutage unter Antisemiten und denen, die sich niemals für solche halten würden, üblich zu behaupten, man dürfe ja nichts gegen „die Juden“ sagen. Entsprechend begnügt man sich weitgehend mit Anspielungen. Wie tief sich die Codes ins Voksbewusstsein gebrannt haben, lässt sich derzeit an den Slogans der „Occupy“-Bewegung erkennen. Ihre Akteure und Exkulpierer greifen immer wieder auf Motive und Bilder zurück, die vor der Aufklärung über die deutschen Verbrechen in unter anderem Auschwitz noch in einem Atemzug mit Angriffen auf Juden geäußert wurden. Da es aber seither keine Antisemiten mehr gibt (vgl. Horkheimer/ Adorno), wird jeder Vorwurf von bewusstem oder auch nur unbewusstem Antisemitismus empört von sich gewiesen. Dabei reichte es aus, sich einschlägige Literatur, die bis auf wenige drastische Ausnahmen noch ausleih- oder bestellbar ist, vorzunehmen. Vom angeblichen Judenfreund Theodor Fontane, dem der Jude am Ende vom „Stechlin“ als Teufel gilt, über Rider Haggard, Sheridan LeFanu, Algernon Blackwood, bis zu Thomas und Heinrich Mann, Fjodor M. Dostojewskij, Martin Walser und so weiter und so fort; bei allen finden sich Opfer, die sich einer unnachgiebig was auch immer raffenden Macht ausgesetzt wähnen, wie sie sich im Moment von den „Occupy“-Bewegten ausgemalt wird. Noch werden die kaum mehr als vereinzelt zu bezeichnenden Ausbrüche, in denen „Occupy“-Demonstranten ganz explizit Juden verantwortlich machen, als nicht repräsentativ dargestellt, und da man nunmal eine „offene Bewegung“ sei und sich vor allem nicht vereinnahmen lassen wolle (von wem eigentlich nicht, wenn man sich bereits von 99% hat vereinnahmen lassen?), müsse man eben mit derartigen angeblich marginalen Erscheinungen rechnen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine weitere einschlägige Marginalie dokumentiert wird. Und das angesichts der (weltweit! „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ Gerhard Scheit) konsequent mit Ressentiment aufgeladenen Behauptung, dass „man nichts gegen Juden sagen darf“. In Deutschland sind derlei Vorfälle noch relativ selten. Was daran liegen mag, dass die re-education zumindest ein wenig bewirkt hat oder aufgrund von German Angst, die sich allen angeblichen Verboten laut jammernd und vor allem erst einmal zu unterwerfen hat oder daran, dass man irgendwann gelernt hat, seinen Opferneid aufopferungsvoll zu bemänteln und an dergleichen Phänomenen mehr. Hinter all dem steht aber drohend die allgemeine, auch wissenschaftlich mehrheitlich vertretene Auffassung, dass der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 als vergleichsweise „harmlos“ galt. Sobald man sich hierzulande eingestehen will, dass man sehr wohl sagen darf und dass schon lange gesagt wird, setzt womöglich erneut der run auf die begehrtesten aller Tickets ein.
Die Deutschen haben ihre „Endlösung“ im Wortsinne aufgearbeitet und ‚übernehmen’ unreflektiert die Bezeichnung „Bewegung“, und der Vorschlag der Lektüre von Romanen erscheint lächerlich, wenn schon treffende Vergleiche der „Occupy“-Parolen mit den Aussagen führender Nationalsozialisten als irrelevant abgetan werden, insofern als „nur, weil die es gesagt haben“, es ja „nicht falsch sein muss.“ Wenn in den Kommentaren zu „Occupy“-kritischen Texten „die Fahnen hoch“ skandiert und als einer der Säulenheiligen ständig Gandhi (oder auch nicht) zitiert wird. Gandhi, der Israelfeind und das Vorbild des gäbeesnochantisemitendannunteranderen Desmond Tutu, Gandhi, der den deutschen Juden 1938 empfahl: „Wenn ich Jude wäre und in Deutschland geboren […], würde ich Deutschland selbst dann noch als meine Heimat betrachten, so wie der größte nichtjüdische Deutsche, und ich würde es herausfordern, mich erschießen oder in den Kerker werfen zu lassen […]. Und das freiwillig auf sich genommene Leid brächte ihnen und mir innere Stärke und Freude…“ (Zitiert nach Castollux – Tutu und Gandhi: Keine Übermenschen – eher schlichte Antisemiten) Kraft durch Freude also?
Etwas, das sich eine „Bewegung“ nennt, die außerdem allen gerecht werden will, die sich ausschließlich als Opfer von denen, die womöglich etwas haben könnten, was man selbst nicht hat und sich deswegen nicht unbefangen zu haben vorstellen mag und es deswegen sowieso niemandem gönnt, kann nur eine deutsche Bewegung sein. Eine „Bewegung“, die Luxus ankreidet, statt ihn einzufordern, beruht auf Abspaltung, Neid und Projektion, will einebnen und nimmt ihre vorgebliche „Buntheit“ als Ausrede dafür, noch die irrsinnigsten Paranoiker als kreativen Protestler gewinnen zu können. „Paranoia ist der Schatten von Erkenntnis.“ (Adorno). Und die grellbunten Motive, mit denen die Kornkreise-, HAARP-, Ufo-, Echsen- und so weiter und so fort Gläubigen sich nahtlos in die Reihen der selbst ernannten „Empörten“ integrieren können, zeugen davon, dass man eben weiß, was gemeint ist. Neben ihnen nimmt man sich außerdem nur umso harmloser und verständiger aus und besonders tolerant.
Insbesondere in der populären deutschen und skandinavischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es die Figur des ‚Dorf-Irren’, der (im Gegensatz zu französischen Romanen von beispielsweise Victor Hugo oder britischen von u.a. William Wilkie Collins, wo er respektive sie anklagend auf gesellschaftliche Widersprüche und Missstände verweist) einerseits für comic reliefs gut ist und andererseits von kommenden Katastrophen kündet – fatalerweise sorgt der ‚Dorf-Irre’ hier fast immer dafür, dass am Ende alles gut wird; mit seinem kindisch rücksichtslosen Verhalten nämlich produziert er irgendwann eine Katastrophe, aus der die notwendige Versöhnung aller mit allem resultiert (vgl. z.B. Trygve Gulbranssen – Das Erbe von Björndahl aber auch Søren Kragh-Jacobsens Dogma-Film „Mifune“). Die „Occupy“-Bewegung, die sich wie alle Bewegungen dem Konsens verpflichtet hat, braucht den ‚Dorf-Irren’ in genau diesem Sinne. Er dient ihr zugleich als Beweis der volkstümlichen Breite des Spektrums wie auch als Drohung, die daraus entsteht, dass man allein die Wahngläubigen, wenn man nur nett zu ihnen ist, zu bändigen in der Lage ist und als Hoffnung auf die mal wieder alle einende Katastrophe; zugleich bieten die erschreckend vielen aber trotzdem noch nicht der Majorität einleuchtend erscheinenden völlig abwegigen Wahnbilder der selbst erklärten „Erwachten“ oder „der Matrix Entkommenen“ die notwendige Verschleierung der eigenen verworrenen Ahnungen, der eigenen Alltagsreligion (Detlev Claussen).
War die deutsche Spaßgesellschaft in den 1990ern eine ostentative Spaß-trotz-Auschwitz-Gesellschaft („Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ DJ Motte, 1995), so wird hierzulande nunmehr signalisiert, der Spaß sei jetzt endlich vorbei – Spaßhaben vorzutäuschen war der grimmig zwanglose Prolog. Wenn die „wahren Volksvertreter“ (und sie bezeichnen sich nicht nur als solche, sie sind es tatsächlich, auch davon – und von noch viel mehr – zeugen die devoten Grußadressen deutscher Spitzenpolitiker und: „Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt) ‚Schluss mit lustig’ machen, also letztlich zugeben, die Drohkulissen ihrer gewählten Verteter endlich ernst zu nehmen, werden sie im vorgeblichen Protest gegen sie eins mit ihnen. Wenn die Deutschen, die als deutsche Spaßgesellschaft bereits ausschließlich angetreten waren, allen außer den Deutschen den Spaß zu verderben, und die im deutschen Fußball-Sommermärchen permanent damit beschäftigt waren, No Go-Areas und dergleichen fröhlich grinsend zu leugnen und wenn man diejenigen, die Zeugnis davon hätten ablegen können, aus der U-Bahn prügeln musste, wenn also diese Deutschen erneut „erwachen“ (! Daueraufforderung der „Occupy“-Anhänger) wollen oder sich „wehren“ (dito) zu meinen müssen, deutet schon die reflexionslose (geschichtsvergessene) Terminologie auf die eigentliche Intention hin. Dem deutschen Imperativ „Erwache!“ folgt unweigerlich das „aus deinem bösen Traum! Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!“ („Heil Hitler Dir!“, Bruno Schestak, 1937) und dem „Wehrt Euch!“ das „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.


Original („I’m not!“)


Fälschung

Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.
Slavoj Žižek – Occupy-Wall-Street-Streit „Lasst euch nicht umarmen!“, 2011, Süddeutsche.online

Slavoj Žižek, der in der „Zeit“ zum Thema „Was mir heilig ist“ aus Buchenwald bloß ein kitschiges Heiligenbildchen zu exzerpieren fähig war beziehungsweise keinesfalls mehr wollte, verleiht in der Süddeutschen mit wenigen Worten der „Occupy-Bewegung“ einen Heiligenschein, der grell alles beleuchtet, was an ihr ablehnenswert ist. Natürlich war das nicht Žižeks Intention, der hatte vor, ein übermenschliches, ein allen Göttern und Götzen überlegenes Bild vollkommener Erleuchtung erstehen zu lassen – der Heilige Geist ist im Christentum reiner noch als Gott oder Jesus – der eigentlich (!) als Identifikationsfigur nahegelegen hätte, aber … das kann hier im Moment nicht auch noch erörtert werden –, reiner als der Schöpfer alles Erzeugbaren, alles Anfass- und daher Antastbaren und reiner als der Erzeugte, Anfass- und Antastbare. Er verleiht der der Gemeinschaft der sich zum Glauben bekennenden Gemeinschaft in der Kommunion die Antidote zu den von Papst Gregor definierten Sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht (analog zu den sieben Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung). In der Trinität: Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist steht er für die Gemeinschaft, für das Ziel.
Anfassbares produziert Differenz und Distinktion und die Möglichkeit von einzigartig erfahrbarem Begehren; Begehren wiederum impliziert die Möglichkeit der Zurückweisung oder Verweigerung. Antastbarkeit impliziert die Möglichkeit zu verletzen, zu zerstören. Alles, was von Gott oder von Menschen erzeugt wurde, unterliegt diesen Voraussetzungen. Der Heilige Geist dient ausschließlich ihrer Aufhebung in der Gemeinschaft der vom Begehren befreiten Gleichen. Notwendiges Resultat derartig Individualität einebnender Gemeinschaftschaftsziele sind Abspaltung und Projektion. Diese generieren prinzipiell ein grundlegend Anderes, das begehrt, haben will und in der Fantasie im Überfluss zu haben hat. Und das Begehren der Gemeinschaft bricht sich irgendwann im Verlangen nach der Bestrafung und Zerstörung derer, in die man alles im Antast- und Anfassbaren Implizierte projiziert hat, Bahn.
Alles wird dann gut werden, glaubt man, und nach der Verteilung der Beute herrscht außerdem wieder Gerechtigkeit, denkt man.

»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht.
Cordula Bachmann – Die Transformation der Liebe, Jungle World

Um antisemitisch zu agieren, muß man weder Traktate lesen sich noch sonst irgendwie intellektuell vorbereiten; es reicht der Reiz konformistischer Rebellion.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus

In zwei Sätzen bringt Žižek ein Leitthema unter, das Rider Haggard noch umständlich erklären zu müssen glauben wollte, während um ihn herum schon längst Antisemiten die Vernichtung der Juden vorbereiteten. Mit keinem Wort erwähnt hingegen Žižek die Juden und meint ganz gewiss auch nicht sie auszugrenzen. Dennoch bedient er sich eines relevanten Motivs, das seit Jahrhunderten zu ihrer Aussonderung appliziert wurde. So lange und so nachdrücklich, bis eines ohne das andere nicht mehr gedacht werden konnte, sollte und wollte.
Solche Äußerungen treffen völlig unreflektiert auf eine selbsternannte Bewegung, mit der sich erkennbar viele identifizieren, die sich fragen: „Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt?“ (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie? 161) Und: „Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.

The stereotypes about Jews and money endure, and the fact that more Americans are now accepting these statements about Jews as true suggests that the downturn in the economy, along with the changing demographics of our society, may have contributed to the rise in anti-Semitic sentiments“. Abraham Foxman (ADL) (zitiert nach Shlomo Shamir – Report: U.S. anti-Semitism on the rise amid economic downturn, Haaretz.online)

Andrei S. Markovits, der der Jungle World im Interview auf die Frage inwiefern eine „Argumentation, die sich derart auf die ‚Macht der Banken’ und der Banker kapriziert, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit indirekt ein antiamerikanisches und antisemitisches Ressentiment“ transportiere, antwortete: „Es stimmt natürlich, dass diese Kritik furchtbar verkürzt ist, aber in Amerika werden Banker nicht mit Juden assoziiert. Die Banken waren nie jüdisch und waren im Gegenteil sogar lange Zeit sehr antisemitisch. Anders als in Europa, wo Geld immer etwas Übles war. […] Juden werden hier mit Hollywood, mit Journalismus, Medizin, Jura, mit Wissenschaft, mit Nobelpreisen, aber nicht mit Banken assoziiert. Insofern ist diese Bewegung auch nicht antisemitisch“, fällt hinter seine eigenen Standards („Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) zurück. Muss es tun! Weil er wie viele „Occupy“ für eine progressive Veranstaltung halten will. Was sie in weiten Teilen nicht ist, auch nicht in den USA. Richtig benennt er die ostentative Israel-Feindschaft zahlreicher Demonstranten, die nun einmal – soweit richtig! – weltweit typisch für die Linke sei, und separiert sie insofern, als er sie einzelnen linken Gruppen zuschreibt. Dass die Banken in Amerika antisemitisch waren – wie übrigens auch diverse Hollywood-Studios, Verleger, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler (und wie übrigens die Banken in Europa) – macht sie jedoch nicht immun gegen Projektionen, die eben nicht bloß auf amerikanischer Geschichte beruhen. Was Amerika von Europa unterscheidet, ist nicht, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht sondern ein immer wieder erneuertes Bestehen auf dem „pursuit of happiness“, der dem Individuum ein Vorrecht vor der Gemeinschaft gibt. Dieses Vorrecht aber ist es, was europäisch (aka deutsch und auch in den USA oft Amerika-feindlich) derzeit gravierend in Frage gestellt wird.

’Antikapitalismus’, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte unmittelbar abschaffen möchte – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte –, kann politisch und gesellschaftlich im besten Fall unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird er jedoch selbst dann gefährlich, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorisch interpretiert werden könnten. Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.“
Moishe Postone – Deutschland die Linke und der Holocaust (being reminded of by universalestate)

Den so genannten Antizionisten oder ‚Israelkritikern’, die weltweit den Protest ausschließlich gegen zwei Nationen auf die Demonstrationen tragen, und darunter ist absurderweise nicht Deutschland (außer in Griechenland womöglich), und die sich über Grußadressen und nette „Occupy Wall Street!“-Bilder aus Gaza, dem Iran etc. freuen, sei u.a. Hans Mayer empfohlen: „Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen möchte, macht sich oder anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ (Zitiert nach Améry ebd.)
Außerdem: Wer trotz aller Übereinstimmungen mit den Texten von Nationalsozialisten, die auf tatsächlich nichts aufbauten als auf ihrem Antisemitismus und am die Ende keine ‚Utopie’ vorzuweisen hatten als die einer Welt ohne Juden, nach wie vor glaubt, „nur weil die es gesagt haben, muss es ja nicht falsch sein“, und er sei deswegen noch lange kein Antisemit, sei darauf hingewiesen, dass es seit 1945 nicht nur einen „Antisemitismus ohne Juden“ sondern auch einen ohne Antisemiten gibt. Und auf Adorno/ Horkheimer, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, erklärten, warum es „keine Antisemiten mehr“ gibt, Antisemitismus aber dennoch das Weltbild allzu vieler beherrscht.
Antisemitismus und Antisemiten wird es so lange geben, wie der (notwendige) Protest gegen den Kapitalismus sich im Konstruieren einer entsagungsvollen und moralisch überlegen sich imaginierenden Opfergemeinschaft erschöpft. Und in der Krise kommen sie ganz zu sich. „Occupy“ ist nicht in der Lage, diesen Mechanismus zu unterbrechen, da bloß wieder das „eine Andere“ gegen die 99% „Empörten“ evoziert wird – und damit auch das Abstrakte gegen das Konkrete. Es ist gleichgültig, dass ‚die Juden’ eben nicht die Banken beherrschen, nicht die Medien, die Anwaltskanzleien, die Wissenschaft, dass weder Israel noch die USA eine Erdbebenmaschine besitzen oder dass Echsen die Erde ganz und gar nicht besetzt haben; es ist ebenso gleichgültig, dass ein Großteil der „Occupy“-Demonstranten derartiges Gedankengut womöglich mehr oder weniger oder selbst völlig ablehnt. Dass die „Occupy“-Proteste die entsprechende Klientel magnetisch anziehen hingegen sollte zum Anlass genommen werden, sowohl die eigene Position als auch die Form, Intentionen von und „Occupy“ überhaupt einer kritischen Reflexion zu unterziehen.

Recommended reading:
Reflexion – Die Märsche der Demokraten (+++)
Cosmoproletarian Solidarity – Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung
La vache qui rit. – Die Empörten („occupy Frankfurt“)
Yitzhak Benhorin – Anti-Semitism tainting Occupy Wall Street protests, Ynet News
Samuel Salzborn – Moneten und Mythen
Nichtidentisches – Ich bin 0,000000014 %
Manfred Dahlmann – Die Gemeinschaft der Nichtssager, Jungle World
Thomas von der Osten-Sacken – Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend, jungleblog
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Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und Elemente der Alltagsreligion
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung
Moishe Postone – Deutschland, die Linke und der Holocaust
Jean Améry – Weiterleben – aber wie?
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad
Alfred Sohn-Rethel – Ökonomie und Klassenstruktur
ISF – Das Konzept Materialismus
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Bonus Track: Reine Polemik…
Wenn sich deutsche Medien kritisch mit der „Occupy“-Bewegung auseinandersetzen, geschieht dies meistens im amerikakritischen Kontext, so beispielsweise in der „Zeit“, wo man sich u.a. eine Modestrecke in der New York Times zum Anlass von Ridikülisierung der hierzulande oft als absurderweise im Protest ungeübt geltenden Amerikaner vornahm. Sieht man sich die auf Youtube veröffentlichten Dokumentationen der deutschen Proteste an, kann man sich beruhigt zurücklehnen, eine Modestrecke lässt sich daraus tatsächlich nicht erstellen. Keine einschlägige Modekette, kein ‚Modemacher’ (Produktionsdeutsch für couturier), kein Lifestyle-Sender, keiner der von Naomi Klein so gefürchteten trend scouts (die doch nur der erste Schritt der Verwertungskette sind, die irgendwann alles in den geschätzten Second Hand Stores enden lässt, und sei es vierzig Jahre später, coming soon: „Fault-il brûler Wertmüller? Toward the end of fashion“) fände hierzulande Inspiration. Dennoch: Passenderweise suchte sich „Die Zeit“ zur Illustration ihres Artikels eine ein grün gefärbtes Palituch tragende Demonstrantin aus, und liegt damit nicht mal so falsch (s.o.). Die deutsch Empörten aber gehen vorwiegend zum Protest gekleidet wie zum Sonderangebot-Einkauf bei ihrer bevorzugten Supermarkt-Kette und stellen also die entsprechende Kundschaft ästhetisch dar. Dazu kommen noch diejenigen, welche die Wegwerfgesellschaft kritisieren und Mülltonnen als veritable und ansprechende Nahrungsdepots proklamieren wollen. Die derzeitige und sehr unangenehm geführte Debatte um Mindesthaltbarkeitsdaten ist auch ihnen zu verdanken – Steilvorlage. Statt denen, die im Müll zu wühlen haben, um überhaupt überleben zu können, Teilhabe am zunehmend realisierbaren Luxus zu ermöglichen, erklärt man sie zum Ideal; das ist Winterhilfswerk und Volxküche united.
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Later:
»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.Zeit.de via Teilnahmebedingungen
+ Noch mehr zum „Heiligen Geist
+ „Oft­mals wird be­haup­tet, dass es sich um keine keine ho­mo­ge­ne Be­we­gung, son­dern um die An­samm­lung von In­di­vi­du­en han­deln würde. Diese bil­den den „Schwarm“, heißt es in den Selbst­dar­stel­lun­gen der Ak­ti­vis­t_in­nen. Dabei wird un­ter­schla­gen, dass es sehr wohl ge­mein­sam Nen­ner gibt, die die Ak­ti­vis­t_in­nen auf die Stra­ßen und in die Camps ge­bracht haben.Reflexion – Die Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“
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+ AA:B – Die schweigende Mehrheit – Zur Kritik der Occupy Bewegung

9/11


Alejandro Gonzalez Iñarritu – 11’09′’01

„Ein Selbstmordanschlag stellt das totale Dementi einer Verbindung zwischen individueller Befreiung und kollektiver Befreiung dar, insofern das Individuum durch das Attentat ausgelöscht wird. In einer Revolution kann man sterben, aber der Tod ist nicht ihr Ziel. {…} Zudem bringen Selbstmordattentate unweigerlich einen ausgeprägten Kult des Opfers hervor, der jedes konkrete Emanzipationsversprechen dementiert zugunsten von Abstraktionen, für die man sein Leben zu opfern habe: für das Volk, das Vaterland, oder eben wie unter den Islamisten, für das Paradies. Die Form des Kampfes schlägt unweigerlich auf den Inhalt zurück.“
Bernd Beier – Theo, Theorie und Theokratie. Das Liebäugeln mit fundamentalistischem Unsinn gehört offenbar zur Globalisierungskritik, in Redaktion Jungle World – Elfter September Nulleins

Pausenbild II


This is Ripley, last survivor of the Nostromo, signing off.” Alien (1979)
Source: If we don‘t, remember me. Tumblr
To be continued…

Grundlegendes 21: Messing up virtues


John Tenniel, Illustration zu Lewis Carrolls Alice In Wonderland

Den einen Gedanken lehnt Sade bei seinem ganzen Pessimismus stets entschieden ab: den Gedanken, sich zu unterwerfen. Deshalb haßt er auch die resignierte Heuchelei, die man mit der Bezeichnung ‘Tugend’ schmückt, ist sie doch in Wirklichkeit nur eine törichte Unterwerfung unter die Herrschaft des Bösen, wie sie von der Gesellschaft errichtet worden ist”.
Simone de Beauvoir – Soll man de Sade verbrennen?

Oh no! Not again!

Germany once again fared best in the poll, with every country viewing it positively and 61% of people rating it favourably, up from 55% last year.BBC/ GlobeScan-Poll 2011

“Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab. Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic]* to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59% [sic], was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet”.
Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“
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*Da ich von Statistik keine Ahnung habe, kann ich mir et al. die seltsamen Zahlenverwirrungen nicht erklären.

27. Januar

Große linke Debatten III: Laminat

In Anschluss an die aufwühlenden Wortgefechte in der Jungle World: Rosenkohl (natürlich pro! Es ist nämlich keine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir Bitteresweilimmermalwiedergiftiges zu vermeiden gelernt haben, sondern dass wir herausgefunden haben, was man essen kann, obwohl es angenehm bitter schmeckt!) und Halloween (wäre mir ziemlich egal, gebe es nicht die unterhaltsame deutsche Empörung übers Amerikanisiertwerden. Also auch pro!) werde ich im Folgenden eine Scheinnichteinmaldiskussion zwischen mir und meiner Person über Laminat nicht einmal dokumentieren.

Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist
Wikipedia – Laminat

Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…


Whatever…

Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!

Es gab mehr als nachvollziehbare Gründe dafür, dass Dielen früher mit Rupfen- und selbst das schönste Parkett mit eindrucksvollen Teppichen (Flokati soll und darf hier kein Thema sein!) bedeckt wurden. Solche, die eher der Bequemlichkeit und andere, die der Ästhetik genüge taten. Beides ist erstrebenswert! Früher ließ man auch einfach die Zigarren- oder Zigarettenasche auf den Teppich fallen. Das ist insofern nicht mehr erstrebenswert, als es keine im Haus mehr oder weniger lebenden Domestiken mehr gibt, die den Dreck lautlos und unsichtbar beseitigen. Aber demnächst haben wir ja hoffentlich alle diese niedlichen kleinen Staubsaugroboter…
Später ließ sich Auslegeware industriell herstellen, und immer noch ist selbst das Massenprodukt Teppich dem Massenprodukt Laminat (das bloß stupide nachzuempfinden sucht, statt des Designers manchmal sogar Innovationsdrang zu befördern!) in Farb- und Qualitätsvielfalt haushoch überlegen. Auf Teppichen kann man übrigens auch nicht ausrutschen, selbst wenn mal ein Glas Wasser umgekippt wurde, auf Laminat schon (another sad experience).
Wie dem auch sei, es gibt eigentlich nur einen wirklich wichtigen Einwand gegen Laminat: Es sieht überhaupt nicht schön aus sondern kitschig, blöde und billig, und nur wer im „Ikea-Paradies“ (© by CdP) leben mag, kann es ansprechend finden!
(DER VERMIETER hat übrigens darüber hinaus die Küche mit Terracotta ähnelnden Fliesen, dieses auch hinsichtlich seiner Unelastizität und Schmutzaufnahmefähigkeit imitierend, auslegen lassen – sehr intelligent: Alles nur ansatzweise Zerbrechliche, das runterfällt, geht unvermeidbar darauf kaputt!)

+ Nur aufgrund meiner unentschuldbaren derzeitigen Zerstreutheit later: SonntagsGesellschaft – Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl. Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World

Forwarded: BBC World Service – „The Holocaust Deniers“

Trotz einiger Missdeutungen definitiv hörenswerte Radiosendung über Holocaust-Leugnung bzw. -Relativierung und Antisemitismus im heutigen Europa.
In this two-part series for Heart and Soul, Wendy Robbins takes a personal journey into the heart of Europe, where fears grow that Jewish history is being rewritten so as to minimise the past and threaten the future. […] Holocaust denial is provably on the increase, and no longer confined to extremists. But, in countries where evidence of the holocaust is hard to deny, there is a subtle change too. It’s called ‚holocaust obfuscation‘, which started among Baltic ultra-nationalists who combine the atrocities of the Nazis with those of the Soviet Union, resulting in Eastern European history re-written as an equal Nazi-Soviet ‚double genocide‘. Bizarrely, this means some Jews who joined up with anti-Nazi (often Communist) partisans now find themselves under investigation for war crimes. […] And in Sweden’s capital, Malmo [sic], many of the 50,000 Muslims want the 1,000 Jews to leave – and the Mayor wants Zionism condemned as forcefully as anti-semitism.“ “ (BBC Heart And Soul: The Holocaust Deniers, via Z-Word Blog)

Player Episode 1

Recommended reading:
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Pierre-André Taguieff – Rising From the Muck. The New Anti-Semitism In Europe (La nouvelle judéophobie)
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Pausenvideo I

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization V: Aspiration

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization IV: Intelligence

Erika Mann * 9. November 1905, München; † 27. August 1969, Zürich



Female war correspondents during World War II (Left to right): Ruth Cowan, Associated Press; Sonia Tomara, New York Herald Tribune; Rosette Hargrove, Newspaper Enterprise Association; Betty Knox, London Evening Standard; Iris Carpenter, Boston Globe; Erika Mann, Liberty magazine

„Lieben konnte sie, aber beliebt war sie nicht. Und sie konnte hassen wie nur wenige. Als sie 1933 Deutschland verlassen hatte, wagte sie es, im April in aller Heimlichkeit nach München zu fahren: Sie war mutig genug, Manuskripte und verschiedene andere wichtige Papiere ihres Vaters zu retten. Wo in späteren Jahren gekämpft wurde und wo es gefährlich war, da war sie als Berichterstatterin an Ort und Stelle: im Spanischen Bürgerkrieg, 1940 bei den Bombenangriffen in London, 1943 am Persischen Golf, 1944 in Frankreich, Belgien und Holland. Als sie gegen Ende des Krieges in amerikanischer Uniform nach Deutschland kam, soll sie, damals noch nicht vierzig Jahre alt, schön wie eine Kriegsgöttin gewesen sein und herrisch wie eine Amazonenkönigin. […] Von Gnade und Barmherzigkeit wollte Erika Mann nichts wissen, Sündern zu vergeben, war sie nicht imstande. Was immer geschah und wem immer sie begegnete, sie blieb so unduldsam wie unversöhnlich. […] Auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters hat Erika Mann einen unmittelbaren Einfluss ausgeübt – und es war alles in allem ein kluger, ein segensreicher Einfluss. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Thomas Mann 1933 nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich in aller Öffentlichkeit vom Dritten Reich distanziert hat.“
Marcel Reich-Ranicki, FAZ