Aus Anlass des Versinkens der Insel, auf der die unangenehmen Kinder aus „Lord of the Flies“ gelandet sind…

…, zum Ende von Blogsport also, fällt mir derzeit nichts anderes ein, als aufgrund eines ähnlich tragischen Anlasses einen letzten Reblog zu posten.

„TV- und Blockbuster-Regisseur Alan Taylor („Game Of Thrones“, „Thor 2“, „Sopranos“) wird den deutschen Science-Fiction-Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing fürs ZDF als achtteilige Eventserie inszenieren.“
Christian Fußy – „Der Schwarm“: „Game Of Thrones“-Regisseur verfilmt deutschen Sci-Fi-Bestseller“,“ 08.04.2019 um 13:20″

Vor neun Jahren ließ irgendjemand verkünden, dass Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Thelma And Louise, der Rest ist Schweigen!) anhand eines Drehbuches von Ted Tally (The Silence of the Lambs) Frank Schätzings „Der Schwarm“ verfilmen würde, woraufhin ich ihn gelesen habe. Was ich aus welchem Anlass auch immer nicht mehr tun werde und kann. Noch während ich gelesen und im Prozess das Buch mit wüsten und Seiten durchdrückenden Kommentaren vollgekritzelt habe, veröffentlichte die Konkret einen Artikel von Magnus Klaue zu Schätzing, dem ich einen Satz widmete, den ich so auch nie wieder schreiben werde: „Als ich einmal Angst davor hatte, einen Artikel von Magnus Klaue zu lesen“. Das ist nun Alltag! Wie auch immer: „Meine Befürchtung war nur, dass Klaue bereits all das zumindest angedeutet haben könnte, weswegen ich Schätzings tatsächlich grauenvoll geschriebenen „Der Schwarm“ einmal quer- (und dann noch einmal, so halbwegs: Es gibt Grenzen des Erträglichen!) Satz für Satz (Zitatsammlung) gelesen habe. Wenn das umsonst gewesen wäre[…]! Er hat nicht (bis auf „Michael Crichton“, „Deutscher“ und „Reinigung“).“

Nun also derselbe Größenwahn, bloß dass mir die zukünftigen Aktivitäten des „Games of Thrones“-Regisseurs recht egal sind. Eine „internationale“ Verfilmung des deutschen Romans unter deutscher Ägide jedoch gibt zu Befürchtungen Anlass, was ein weiterer Vorfall „während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms““ illustriert.

Im Folgenden fasse ich zum Abschied alle meine Artikel zum „Schwarm“ zusammen (sehr lang, wie üblich, aber nun zum letzten Mal hier. Mehr dann an anderem Ort!):

Prolog:
„Zwei sehr deutsche Schriftsteller machen sich Gedanken über den Tod…“
… und haben denselben geradezu unvorstellbar (ha!) lustigen Gedanken. Sowas fällt einem aber auch nur auf, wenn man seit ‚frühester Jugend‘ mal mehr, meist weniger begeisterte Bachmann-Wettbewerb-Zuschauerin und mit einem Gedächtnis verflucht ist, das immer nur das Vernachlässigenswerteste speichert (oder denen, die unbedingt Bücher von Thor Kunkel UND Frank Schätzing lesen wollen…?…??… Nope! One of them is more than you can bear!).

1999 jedenfalls las Thor Kunkel einen Ausschnitt aus seinem Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und gewann damit, nicht den Ingeborg Bachmann-, zumindest aber den Ernst Willner-Preis. An Folgendes erinnerte ich mich unsinnigerweise noch 11 Jahre später:
Während er vor sich hin löffelt, betrachtet er den Becher, nicht weil ihm die Aufmachung gefällt, sondern um zu verstehen, was er ißt: Pfirsich-Maracuja , na, gibt’s denn so was… Das Verfallsdatum ignoriert er, so gut es geht. Er ist nicht abergläubisch, aber ihn plagt seit langem die Vorstellung, irgendeine dieser profan ausgedruckten Stempelziffern würde den Zeitpunkt seines Exitus festsetzen… Er würde quasi sein eigenes Verfallsdatum lesen… Und ist es nicht höchst wahrscheinlich, daß alle Menschen ihrem Todesdatum zum ersten Mal im Supermarkt begegnen? Bei einem unschuldigen Einkauf? Einem Griff ins Kühlregal?“ (Thor Kunkel – Das Schwarzlicht-Terrarium)

Und zwar während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms“ von Frank Schätzing, wo es Nachstehendes zu lesen gibt:
Auch ich werde irgendwann tot sein, dachte er. Seit Lund in der Welle umgekommen war, dachte er oft an den Tod. Nie hatte er sich alt gefühlt. Jetzt war es mitunter, als habe ihm die Vorsehung einen Prägestempel aufgedruckt wie einem Joghurtbecher, und jemand schien ihn zu betrachten und zurück ins Regal zu stellen, weil er kurz davor stand abzulaufen.“ (Frank Schätzing – Der Schwarm, 2005, S. 513)

Thor Kunkel schrieb später einen Roman, den Rowohlt nicht so richtig veröffentlichen wollte, dafür Eichborn (wo bereits zuvor das Büchernörgeli verbrochen wurde). In „Endstufe“ geht es u.a. um Porno-Produktionen im „Dritten Reich“, und was es weiter dazu zu sagen gibt, hat Jörg Sundermeier schon 2004 aufgeschrieben: „Nationalsozialismus: Kein Licht im Kunkel. »Endstufe« von Thor Kunkel gilt als Skandalroman. Es ist erbarmungslos schlechter Nazi-Pulp…“ (haGalil.com)

Zu Schätzing gibt’s, wie erwähnt, später mehr…

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Was sind sie überhaupt für ein Mensch, Li?
Frank Schätzing – Der Schwarm, 20041

‚Das Deutsche’ ist derzeit (und solange man sich außerhalb seiner Grenzen befindet) vor allem als Exporteur deutscher Ideologie, als ‚Vorbild‘‚ ‚Traum‘ oder ‚Hoffnung‘, als Ahnung wirksam.5 Im historischen Moment beflügelt es vornehmlich die Imaginationen der Völkerbefreienwollenden, Friedensbewegten, Lebensraumschützer, Globalisierungsgegner und was sich da noch so alles nach Beistand im Kampf gegen „die Imperialisten“ etc. sehnt. Das Bild vom romantischen, die Natur liebenden und durch eigene Schuld ‚bekehrten’ Volk, das den ebenso „ignoranten“ wie „im Fortschrittsdenken rückständigen“ USA bereits zweimal die Stirn zu bieten wagte, ist tief im Widerstandsbewusstsein verankert. Ein Volk außerdem, das Niederlagen hinnehmen musste, sich bußfertig gibt und von allen anscheinend geliebt werden will. Damit kann man sich hervorragend identifizieren. ‚Identitäre‘ möchten sich prinzipiell vom Kollektiv auffangen lassen, in der Masse, so besonders sie sich auch imaginieren mag, auf- und vergehen.
Kaum jemand hat den neuen deutschen Willen, die neue deutsche Vorbildfunktion so eindringlich in Szene gesetzt wie Frank Schätzing in „Der Schwarm“. ‚Das Deutsche’ agiert dort explizit meist nur in Nebensätzen und gibt sich ostentativ zurückhaltend, weil es zu glauben vorgibt, es müsse – immer noch! Aber im Leiden an diesem angeblichen Zwang ist es längst zum role model identitätsfixierter Kreise geworden und die sind bei weitem nicht so einflusslos, wie sie es gerne suggerieren möchten. Im „Schwarm“ geht es tatsächlich um nichts als kollektive Identität(en), um Anspruch auf angestammten Lebensraum, um Verwurzelung und darum, dass ‚die Anderen’ selbst Schuld haben, wenn sie vernichtet werden müssen. Im Ekel vor dem, was sie zu tun haben, bleiben Schätzings Helden trotzdem immer anständig. Und Anstand ist die deutscheste aller Tugenden.
Stilistisch gibt sich der „Schwarm“ international, die ‚Anspielungen’ sind nichtzititierend, dennoch offensichtlich und verweisen auf filmische wie literarische Vorbilder aus der Horror- und Katastrophen-Produktion vorwiegend des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind neben all den ausgesprochenen Hinweisen auf Filme wie (immer wieder) „Krieg der Sterne“ etc. die Szenario-Anleihen Schätzings bei ‚klassischen’ Science-Fiction-Romanen unübersehbar: Neben Michael Crichton im Allgemeinen und dessen „Prey“ insbesondere, Stanisław Lems „Solaris“, „Der Unbesiegbare“ und überhaupt, s.u., Karel Čapek – Der Krieg mit den Molchen im weitesten Sinne auch Herbert G. Wells – War of the Worlds, Jack Finney – Invasion of the Body Snatchers, Robert A. Heinlein – Starship Troopers, John Wyndham – The Day of the Triffids und vor allem The Kraken Wakes. Während ihm die ironischen Anspielungen auf Filme als Immunisierungsstrategie gegenüber dem erkennbar antizipierten Klischee-Vorwurf dienen, sind die literarischen Vorlagen vermutlich als Inspirationsquelle zu bezeichnen. Vollkommen desinteressiert jedoch scheint Schätzing an den fürs Genre oft grundlegenden Fragen nach massen- oder individualpsychologischen Entwicklungen usw. in Krisensituationen etc. zu sein. Psychologie wird abgelöst von einem diffus durch (Herkunfts-)Identität bestimmten Verhalten.
Abgesehen davon sieht es erst einmal so aus, als ginge es um die grundlegenden Fragen Michael Crichtons, Philip Kerrs („Esau“), Carl Sagans und Stanislav Lems. Sagan wird regelrecht ausgeschlachtet, weshalb „Der Schwarm“ Schätzing streckenweise zu einer Art Spin-Off von Contact geraten ist (in dem allerdings ein völlig anderer Blick auf Wissenschaft und Menschheit vermittelt wird), wäre Ellie Arroway (in der Verfilmung dargestellt von Jodie Foster) dort nicht am Ende tatsächlich Außerirdischen begegnet (worin sich nicht zuletzt Sagans Anerkennung der intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten des einzigartigen Individuums manifestierte). Schätzing bedient sich der Heldin aus Sagans Buch (der sie selbst an SETIs Jill Tarter anlehnte) und Zemeckis’ Film und lässt sie nunmehr als gealterte und grundlegend anders motivierte Samantha Rowe sogar noch einen dystopisch anmutenden (!) Epilog verfassen. Mit Crichton teilt Schätzing den sensationslüsternen Blick auf die (bei beiden gerne en detail dargestellte) Zerstörbarkeit des menschlichen Körpers in einer ihm (plötzlich) feindlich gesinnten Umwelt/ Natur, der er nicht mehr gewachsen ist, weil auf einmal abweichende Parameter vorgegeben sind (Evolution oder ‚Verbrechen’ gegen diese). Von Lem übernimmt er scheinbar die vordergründigen Fragen: Ist Kommunikation zwischen Lebewesen völlig unterschiedlicher Provenienz überhaupt möglich? Sind wir in der Lage, intelligente Lebensformen, die einen gravierend anderen (evolutionären) Hintergrund (als das Leben auf der Erde) haben, als solche zu erkennen? Schätzing beantwortet diese Fragen trotz aller vorgeblichen Suche und konstantem Bestehen der Protagonisten darauf, dass man überhaupt nichts verstünde, mit einem schlichten „Ja!“, basierend auf den Erkenntnissen, die ihm Sagan präsentiert bzw. Lem verweigert hat. Seine Protagonisten scheinen von beiden gelernt zu haben – wenn sie auch keine bekennenden Science-Fiction-Leser sind. Der Verfilmung von Sagans Roman wiederum entnimmt Schätzing den Schlüssel – Dreidimensionalität – zur Botschaft der „Yrr“ (der Schwarm) im Prinzip eins zu eins; das Erstaunen der Entdeckerin ob der eigenen Leistung wirkt grotesk, da sie den Film (! im Buch gibt es eine andere Lösung), in dem sie quasi vorgezeigt wird, (eingestandenermaßen) selbst gesehen hat und letztlich bereits einmal die Entschlüsselnde war. Im Fall Samantha Rowe jagt ein twist den nächsten, bis Rowe ‚aus Versehen’ enthüllt, dass „Jodie“ sie gespielt habe. Mit Gerhard Bohrmann setzt Schätzing außerdem ebenfalls einen tatsächlich existierenden Wissenschaftler als Charakter um. Sagan war ein ernst zu nehmender Wissenschaftler, Crichton nicht; im Gegensatz zu Lem waren beide nicht einmal mäßig begabte Schriftsteller. Schätzing ist studierter Kommunikationswissenschaftler und ehemaliger Creative Director einer Werbeagentur – er ist weder ernst zu nehmender Wissenschaftler noch begabter Schriftsteller – au contraire: Sein Roman stolpert sprachlich über jede mögliche Hürde und verliert sich in albernen bis hanebüchenen sprachlichen wie erzählerischen Stereotypen.
Das ist nicht selten im Genre – hier aber besonders gravierend (man kann sich kaum vorstellen, dass ein z.B. amerikanischer Lektor die zahllosen Ungereimtheiten und Stilblüten hätte durchgehen lassen). Im Unterschied jedoch zu den meisten Publikationen ähnlichen Anspruchs und ähnlicher Thematik verbirgt sich bei Schätzing hinter all den im Genre tausendmal durchgekauten Fangfragen ein Korpus deutscher Ideologie und identitären Wahns. Und der wird offenbar verfilmt, angeblich unter der Regie Ridley Scotts nach einem Drehbuch von Ted Tally (The Silence of the Lambs, Red Dragon – version 2002).
Schätzings offiziell deutscher Held Bohrmann taucht nur in der zweiten Riege auf, aus den oben genannten Gründen, dient aber im Hintergrundrauschen als unanfechtbare Referenz für Intelligenz, Güte, Mut, Team-Fähigkeit etc. pp. Was immer er in Wirklichkeit ist, hier ist er Deutscher und trägt im Zusammenspiel mit allen anderen mehr oder weniger versteckten (angeblich sich verstecken müssenden) Hinweisen dazu bei, ‚das Deutsche’ als Gegenentwurf zum US-amerikanischen raunend zu etablieren.
Der Held im Vordergrund, Leon Anawak, tut so, als wolle er unbedingt Kanadier sein. Schätzing allerdings besteht darauf, er sei Inuit. Was ihn unzugänglich, liebesunfähig und unvollständig macht, da er erstmal alles andere als ein Inuit sein mag. („Anawak hatte sein Land verlassen, als es kein Land mehr war, sondern eine Region ohne Wertgefühl und eigene Identität.“ 621) Seiner Bestimmung entkommt er trotzdem nicht. Als der Vater, der ihn zur Adoption freigab, stirbt, wird er im Umfeld von dessen Begräbnis in der „alten Heimat“ (Karl May) mit seiner Herkunft, seinem Volk, seinen Wurzeln, seiner Identität in der Eiswüste konfrontiert. Hier nunmehr wandelt er sich – ausgelöst spätestens durch einen Traum – zum empfindungs-, erkenntnis- und liebesfähigen Charakter, erst jetzt zum vollwertigen Menschen. Der andere Held, Sigur Johanson, ist ein Feingeist, der permanent Walt Whitman liest (was unter anderem seine Vorurteilslosigkeit selbst gegenüber US-Amerikanern betont, zugleich aber den religiösen und/ oder naturentfremdeten usw. Fanatikern, als die sie letztlich überwiegend auftauchen, ein unerreichtes Ideal entgegensetzt), mit einem Stadthaus und einem Haus am See, wertvoller (doppelter!) Wein- und Büchersammlung und wechselnden jüngeren Geliebten. Er wird erst durch den Verlust seiner Habe in der Stadt (woraufhin das opulent ausgestattete Haus am See zur Hütte mutiert) zum echten aka aufopferungswilligen Menschen. Alle Frauen bis auf die potentielle Partnerin Anawaks (wie man sehen wird, gibt es ein Problem, sollten sie jemals Kinder bekommen – außer man betrachtet sie beide als genuine Wasserwesen in unterschiedlichen Aggregatzuständen oder so ähnlich) und Jill/Ellie/Jodie/Samantha müssen sterben. Während der ‚vollblütige’ Inuit lediglich heimkommen musste, um sich selbst zu erkennen und weiter- und vollständiger zu leben, muss der permanent als solcher bezeichnete „Halbindianer“ Jack O’Bannon (der sogar bloß ‚Viertelindianer’ ist: Sohn eines Iren und einer „Halbindindianerin“), der sich den Namen Greywolf nur anmaßt, eine Identität erfinden, was ihn in Kriminalität und Gewalt ausbrechen lässt. Zu sich und einer echten Identität kommt er erst im (Sein zum) Tod, nachdem er sich als Orca wiedergeboren träumt – Schätzing lässt ihm diesen Traum in einer mit Bedeutung überladenen Tauch-/Sterbeszene tatsächlich.
Der wichtigste afroamerikanische Protagonist – der genügsame Salomon Peak („Ein schwarzer Mann, geboren im Dreck der Bronx“, 482) – hat sich aus dem Ghetto zum hochrangigen Offizier emporgearbeitet und übt sich in teilnahmslosem Kadavergehorsam, bis er den Wahnsinn des wirklichen Gegners erkennt. Trotz der Gefährlichkeit, die von ihm („der unter anderen Umständen wahrscheinlich Anführer einer Gang, Dieb, Vergewaltiger und Mörder geworden wäre“, 482) angeblich ausgeht, verliert er nie die Kontrolle und seine Wurzeln bestimmen nach wie vor seine bescheidenen Ansprüche („Ein stinknormales Einzelzimmer hätte ihm vollauf gereicht.“ 441; „Seine Laufbahn diente vielen als Vorbild, aber sie änderte nichts an den Verhältnissen seiner Herkunft. In einem Zelt oder billigen Motel fühlte er sich nach wie vor am wohlsten.“ 442). Die Flucht nach oben hat ihn letztendlich seinem eigentlichen Schicksal entfremdet, wodurch seine Wertvorstellungen kurzfristig ins Wanken gerieten.
Einer der drei Haupt-Antagonisten, der stellvertretende CIA-Direktor Jack Vanderbilt (der Name deutet unverkennbar auf die stereotyp imaginierten Machtfiguren der USA – Rockefeller usw., üblicherweise würde Rothschild folgen, doch hier findet ein Splitting statt) ist fett, obszön, vulgär, brutal und glaubt an die notwendige Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt und dass generell die Moslems an allem die Schuld trügen. („Leute wie Vanderbilt würden [den Krieg] schon darum verlieren, weil sie außerstande waren, Mentalitäten zu begreifen.“ 623) Der Hauptfeind jedoch ist (erst einmal) Judith Li. Deutlich an Condoleeza Rice angelehnt, ist sie überaus musikalisch (Cello und Klavier) und sprachbegabt, hochintelligent, attraktiv, fitness- und machtversessen und ihrer Nation fanatisch ergeben („Bei aller Weltläufigkeit war sie tatsächlich der Meinung, dass es kein besseres und gerechteres Land auf der Welt gab als die Vereinigten Staaten von Amerika“, 447). Den Präsidenten liebt sie offensichtlich, obwohl sie sich ihrer Überlegenheit über den als Karikatur George W. Bushs angelegten, kindisch bis debil religiösen Trotzkopf bewusst ist (es gibt mit Stanley Frost einen Gegenpol – eine sinnesfrohere Variante von Religiosität). Sie zieht skrupellos an den Strippen der Macht, und er ist ihre mächtigste Marionette. Lis Wahnsinn resultiert jedoch erkennbar aus ihrer Nicht-Identität, ihr Vater ist ein weißer Amerikaner, der eine chinesische Musikerin heiratete und deren Nachnamen annahm. Judith (vom Präsidenten „Jude“ genannt) Li erhielt von ihren Eltern die bestmögliche (US-amerikanische! hier also sinnlos sich Versatzstücken meist der ‚europäischen Bildung’ bedienenden) Erziehung. Nichts an ihr ist ‚authentisch’: Sie sieht wesentlich jünger aus als sie ist, ihre Figur verdankt sie exzessivem Training an Maschinen, ihr Klavierspiel („Mozarts Klaviersonate in G“, 496; G-Dur, eigentlich vierhändig!) rührt nicht an die Herzen der Lauschenden, sondern verklingt im Nichts zwischen amerikanischen Spionage-Satelliten etc. Für ihr persönliches Vorankommen und die Herrschaft der USA über die Erde ist sie bereit, einen Großteil der Menschheit und aufgrund ihres Nichtverstehens der ‚natürlichen Ordnung’ des Heimatplaneten in der Lage, alle Menschen umzubringen. Als Kosmopolitin und Herkunfts-/Wurzelloser („Der Präsident lachte. ‚Ach, Jude. Sie könnten vom Mars stammen, und ich würde Ihnen jede Vollmacht erteilen.‘“ 496) ist ihr der Zugang zu tiefem, echtem Wissen (à la Schätzing) verwehrt. Zuletzt erweist sie sich außerdem als einzige offene Rassistin des Romans (Vanderbilts Rassismus äußert sich in Anspielungen, ist aber unübersehbar in der Figur angelegt).
Angesichts Schätzings Charakterisierung der Antagonisten schrieb der Rezensent des Buches auf Strange Horizons: „This results in sickeningly worthy creations such as an Eskimo whale expert who battles against right-wing American Christians so evil that I would not have been surprised if Schätzing had made them spend much of their free time killing puppies with hammers.


Microbes@NASA

In einer ganzen Reihe von bekannten Romanen fehlten den Juden jegliche menschliche Eigenschaften, und alle erlitten darin als Opfer ihres egoistischen Machttriebes ein erbarmungsloses Schicksal.
George L. Mosse – Die völkische Revolution, 154

Das Akzeptieren von ‚Kultur’ und die Zurückweisung von ‚Zivilisation’ bedeutete für viele das Ende der Entfremdung von ihrer Gesellschaft. Die ‚Verwurzelung’, ein Begriff, der dabei häufig in ihrem Vokabular auftauchte, sollte durch eine enge innere Verbindung zwischen dem Einzelnen, dem Heimatboden, dem Volk und dem Universum erreicht werden. Auf diese Weise würde die so tief empfundene Isolation durchbrochen werden.
Mosse, ebd. 13

Schätzing liefert für jede der Hauptpersonen und viele der weniger relevanten Protagonisten des „Schwarms“ eine mehr oder weniger detaillierte körperliche Beschreibung – nicht bei deren Einführung sondern im Verlauf der Geschichte, soviel meint er gelernt zu haben. Selbst Li und Vanderbilt (und der Brite Clifford Stone, der erste menschliche Feind, dem auch noch eine traurige Kindheitsgeschichte erlaubt ist) werden mit individuellen Gesichts- oder Körpermerkmalen ‚gewürdigt’, so abstoßend sie im Falle Vanderbilts auch sein mögen. Nur einer wird bis zu seinem Zerfall nicht ein Mal beschrieben. Die einzige Person, die zwischen den Gruppen laviert, eigentlich nur an sich selbst denkt, von Ehrgeiz zerfressen ist4 und nichts will außer Ruhm. Der einzige Verräter, ein Wissenschaftler (und wissenschaftliches Ethos wird sehr hoch gehängt) und dennoch in ungenannter Funktion für die CIA arbeitend. Beides sein zu können, ohne zum Völkermörder (hier des Menschenvolks, der menschlichen Rasse) zu werden, wird nachdrücklich ausgeschlossen. Er ist hochintelligent, feige und illoyal, ein Schmarotzer, der nicht in Lage ist, eigene Modelle zu entwickeln, d.h. Zusammenhänge herzustellen. Er beobachtet nur und ist nicht zu kreativem oder schöpferischem Denken fähig. Die produktive Arbeit der ‚echten’ Wissenschaftler verwandelt er in ausschließlich und buchstäblich zersetzende.
Diese Person, die mit niemandem Freundschaft schließt, die alle widerwärtig finden und die von allen nur verachtet wird (obwohl es manche anständigerweise erstmal nicht so recht zugeben möchten), musste Schätzing Mick Rubin (Biologe, Spezialist für Weichtiere, aus Manchester! und ohne background-story) nennen. Wenn man der typischen kulturindustriellen Dramaturgie (hier von Horror-/ Science Fiction-/ Action-Szenarien) folgt, muss das eigentliche Monster3 als Letztes sterben. Rubin stirbt nach Vanderbilt und sogar noch nach Li, als letzter der Bösewichte. Zudem erleidet Rubin einen (mehrfachen) Tod, der einem Austreibungsritual gleicht und wie er sonst dem mit in irgendeiner Form magischen Kräften ausgestatteten Monster im Horror-Genre vorbehalten ist. Rückkehr (außer im Sequel) oder Einkehr (ins Paradies) ausgeschlossen. Von wem aber ist Rubin der Endgegner?
Nachdem er durch seinen Ehrgeiz den Tod der als äußerst liebenswert gezeichneten Alicia Delaware und diverser anderer Personen verschuldet hat. Und nachdem er den ‚angemessen‘ schrecklichen Tod durch die „Yrr“ erleidet – sie dringen in seinen Körper ein und versuchen ihn zu erkunden bzw. zu beherrschen, was allerdings nicht gelingt. (Selbst mit der zunehmend weniger ‚fremdartig’ anmutenden Lebensform ist er nicht kompatibel.) Nachdem er also schon gestorben ist, lässt ihn Schätzing noch einen zweiten Tod erleiden, der in direkter Opposition zu Greywolfs Wiedergeburt/ Auferstehung als Orca geschildert wird. Die guten Wissenschaftler um Anawak haben eine Lösung gefunden, mit den „Yrr“ zu kommunizieren. Dazu benötigen sie eine Leiche, ‚rein zufällig’ ist das Rubin. In einer zynischen Szene machen sie sich über seinen toten Körper her, ekeln sich dabei gehörig vor ihm (dem Schätzing immer noch keine individuellen Züge zugesteht) und ein wenig vor ihrem eigenen Tun. Aber es muss nun einmal getan werden und das natürlich mit Anstand! Sie pumpen Rubin voll mit „Yrr-Vereinigungsbotenstoffen“, und nutzen dafür explizit jede mögliche Körperöffnung. Wenn auch der Leichnam Rubins hier der Versöhnung der Menschheit mit den „Yrr“ und so letztlich mit sich selbst dienen soll, wird nachdrücklich keine Kreuzigungs-Ikonographie geschaffen. Bei jeder möglichen Gelegenheit entwirft Schätzing groteske Szenarien um den toten Körper herum: „Einer von Rubins Füßen schaute noch heraus. Weaver trat dagegen. Sie fand es schrecklich, auch wenn Rubin ein Verräter gewesen war. Aber Pietät konnten sie sich im Augenblick nicht leisten.“ Karen Weaver (Anawaks potentielle Partnerin) will ‚die Nachricht’ zu den „Yrr“ in die Tiefsee transportieren. In einer absurd an 2001, Alien, Contact und Star Wars – Return of the Jedi angelehnten Szene findet nun sie dort ihre wahre Identität im ‚feuchten Grab’ ihrer Eltern und im Bewusstsein, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein (ein „Partikel“ unter „Partikeln“). Während Rubins Aussehen zum allerersten Mal beschrieben wird: „Seine Augäpfel haben sich unter dem hydrostatischen Druck aufgelöst. Schwarze Flüssigkeit sickert an ihrer statt hervor. Wieder [!] ist er nur ein Schatten vor dem erleuchteten Hintergrund, mit seltsam trudelnden Bewegungen, als vollführe er zu Ehren heidnischer Gottheiten einen unbeholfenen, unendlich langsamen Tanz.“ Weaver überlebt. Der tote Rubin aber wurde erst verwertet und dann vollständig vernichtet. Das Nichtidentische ist endlich aufgelöst im ewig Identischen. Erst wenn nicht einmal mehr der kleinste Rest von ihm erkennbar ist, kann sich die menschliche Rasse mit der (ihrer) Natur versöhnen.


Microbes@NASA

Verwurzelung bedeutet Vorzeit, ein altes Volk, das in einer ebenso alten Landschaft lebt, die mittlerweile den jahrhundertealten Stempel der Volksseele trug.
Mosse, ebd. 78

Natürlich sind nicht die „Yrr“, wie man zu Beginn des Romans noch vermuten könnte, der Feind. Alle Probleme, die die Menschheit mit ihnen hatte, resultieren daraus, dass sie eine andere Sprache sprechen, eine andere ‚Kultur’ entwickelt haben. Da ist es im Schätzingschen Denken absolut sinnvoll, Millionen von Menschen zu töten, um sich zu „wehren“. Menschen, die aufgrund ihrer dekadenten Lebensweise und ihrer Identitätslosigkeit keine Wurzeln2 mehr im ihnen angemessenen Lebensraum schlagen können. Erst wenn die Menschheit versteht, dass sie wie die „Yrr“ ist, dass die „Yrr“ eigentlich die besseren Menschen sind, kann sie gesunden. Die „Yrr“ sind ein ‚denkendes’ Kollektiv von Einzellern. Jeder von ihnen stellt zwar ein kleines Gehirn (eher eine Speichereinheit) dar, wertvoll jedoch sind sie nur in der Gemeinschaft, die Wertloses sofort aussondert, was Schätzing als überlebensnotwendig für den Verbund beschreiben lässt. Sie sind viele Körper, die ein Wollen eint. Sie sind der ideale Volkskörper. Mit diesem Erfolgsmodell beherrschen sie die Meere seit Jahrmillionen, länger als die Menschheit das Festland. (Sie übermitteln den Beweis, dass sie bereits Pangäa erlebt haben.) Womit sie das Recht zugesprochen bekommen, alles (!) zu tun. Für sie existiert kein Tabu. Sie verteidigen das ihnen qua dort Werden zustehende Territorium. Diese Freiheit des sich angeblich nur Wehrenden muss den deutschen Schriftsteller begeistern. (Wobei die verständnislose Faszination am Formlosen zunächst in Rubin projiziert wird, sobald aber das Wehrhafte, das kollektive Agieren, die wahrhaftige Natur der „Yrr“ etc. in den Vordergrund rücken, sind es die anständigen Forscher, die dem Schwarm verständnisvollen Respekt erweisen.) Angesichts der Bewunderung, mit der die rücksichtslos darauf beharrende Gemeinschaft anerkannt wird, nehmen sich Schätzings seltene Ausflüge ins Lob des Individuums am Ende banal exkulpierend aus. Auch hierin nämlich unterscheidet sich Schätzings Buch grundlegend von klassischen Science-Fiction-Produktionen, in denen die Aliens so lange Feinde waren, wie sie ausschließlich kollektiv und das Individuum zutiefst verachtend agierten. Erst als den ‚Außerirdischen’ individuelles Empfinden usw. zugestanden wurde, durften sie dort auch die Guten sein. Vorbei!
Die bewunderten „Yrr“ (die trotz der ihnen konstatierten Intelligenz niemals in all den Jahrtausenden der aufstrebenden Menschheit selbst einen Kontaktversuch unternommen haben) sind (Selbstmord-)Terroristen, ihnen gelten alle als schuldig. Hauptsache, sie treffen so viele wie möglich. Sie bedienen sich auf den ersten Blick lächerlich unterlegen anmutender Mittel, mit denen sie größtmöglichen Schaden anrichten und Schrecken erzeugen können.
Der wirkliche Schrecken allerdings resultiert aus der Erkenntnis, dass ihr Ansinnen ‚der Menschheit‘ am Ende offenbar (nicht nur) in der Beschreibung Schätzings verständlicher erscheint, als das Bedürfnis des Individuums, ein Leben als solches zu führen. Individualität wird zum diffusen ‚Diskurs’, einer unter vielen und hier zerstörerischer und selbstzerstörerischer als die Mentalität im Kollektiv, in dem das Wesentliche ‚ausgehandelt’ zu werden hat, allemal. Traditionelle deutsche Werte bleiben bestehen: Bescheiden und anständig muss man sein, dem Gruppenziel sich unterordnen etc. etc. etc. Bei Schätzing und in der rundumerneuerten alten deutschen Ideologie wird die Volksgemeinschaft zur Weltgemeinschaft. Das mag nett und freundlich klingen, aber die alten Feinde bleiben problemlos erhalten – nicht alle sind für sie von dieser Welt. Einzellerschwarm-Terroristen und anständige Menschen haben ein Recht auf Bevölkern des Heimatplaneten; Wurzellose, sich Identität nur Anmaßende und dergleichen nicht. Immer mal wieder verweist der Autor auf den besseren Konkurrenten der Amerikaner: Die Deutschen hätten, die Deutschen würden – all das wird von Schätzings Amerikanern hochmütig beiseite gewischt, was die Menschheit endgültig an den Rand des Abgrunds treibt.

To be continued: Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V/II: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie – Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

  1. Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate [zurück]
  2. Während der Angriffe von Walen auf Boote und Schiffe stellt sich heraus, dass nur die wandernden Exemplare aggressiv geworden sind. Die ausschließlich vor Ort lebenden Tiere („residents“) bemühen sich sogar einmal, die Menschen vor den auf ihren Reisen anscheinend verrückt gewordenen Walen zu schützen. [zurück]
  3. Rubin war die meiste Zeit wach.“ 680. Während die andern Sex haben oder individuell verrenkt schlafen. „Rubin drehte sich im Gehen um und bleckte die Zähne.“ 745. „[Rubin] lächelte steif und kam Johanson vor wie Schwester Ratched in Einer flog über das Kuckucksnest, nachdem Jack Nicholson seine Hände um ihren Hals gelegt [!] hatte.“ 824, usw. [zurück]
  4. Ich habe nicht wirklich was gegen Mick“, sagte Oliveira. „Er ist nur so gottverdammt bemüht, den Nobelpreis zu kriegen.“ 718. „Rubin ballte die Fäuste. […] Am Ende würde er bekommen, was ihm zustand. […] Wenn sie die Sache erstmal hinter sich gebracht hatten, gab es keinen Grund mehr, seine Leistungen der Welt vorzuenthalten. Jegliche Geheimhaltung würde sich erübrigen. Er würde nach Herzenslust publizieren können, getragen von der Anerkennung aller.“ 749, usw. [zurück]
  5. Vgl. Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise; Stephan Grigat (Hg.) – Transformation des Postnazismus, Feindaufklärung und Reeducation, Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat [zurück]

Sinnvollere Lektüre:
John Updike – Toward the End of Time
Kōbō Abe – Die vierte Zwischeneiszeit
Kurt Vonnegut – Galapagos
und überhaupt…


Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

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  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

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