„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.


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