Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World