Letztes Pausenbild


My Wondrously Nightmarish Mind: Breeding Space I (Detail)

Aufgrund von Ausstellungsvorbereitungen geht es erst ab September (later: dann doch eher im Oktober…, noch später: im November aber definitiv… Dezember… Januar … errr März…) weiter, u.a. mit:

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VII: 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Und:

„Boys and girls come out to play/ What are we gonna destroy today?“ Der „Provokateur“ als Märchenonkel

Auszug:
Im Anhang zu Wolfgang Pohrts „Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins – BRD 1990“ geriert sich der Autor als Märchenonkel: „Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde und dann ein großer Wüterich“ (ebd. 285f). Bereits 1990 schien eine Michael Ende-Parodie anachronistisch, den vorhergehenden 284 Seiten und dem kurz darauf folgenden „Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“ geschuldet jedoch war ‚man’ mehr als bereit, das zu ignorieren. Offensichtlich zu unrecht, denn der Puppenkisten-Jargon scheint als mögliches Versöhnungsangebot dann doch schon lange unter all dem Ichzeigseuch gelauert zu haben. Das ist alles andere als ungewöhnlich, sondern der übliche Lauf der Dinge. Fontanes deutsches Diktum „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sucht später oder meist früher jeden Bereitwilligen heim, umso deutscher je später es anklopft. Denn deutsche Revolutionen kommen immer später aber eben desto affirmativer.
Was auch immer man an Pohrts eigentlich kaum noch überraschenden Volten bemäkeln mag, am sympathischsten sind diejenigen, die er immer noch enttäuschen kann. Steilvorlagen sind üblicherweise etwas, das man zu Ungunsten des Liefernden auszulegen bereit ist; von Pohrt erwartete man aufgrund (oder gerade trotz!) dessen zeitweiser Salinger-Mutismus-Attitüde irgendetwas Relevantes. Spätestens nach dem Interview, das er dem darob triumphierenden Jürgen Elsässer gab, war jedoch klar, dass die Provokation auch für Pohrt andernorts vielversprechender erschien.
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Wer nach dem 11. September 2001 sich keine Sorgen um die machte, die hierzulande aus rassistischen Gründen als Islamisten zu gelten hatten – beispielsweise alle als solche zu definiert haben werdenden Araber und Perser und Türken, die man oder auch nicht kannte, und die man aus der oktroyierten Verantwortung retten wollte, weil man wusste, dass die Attentäter sie unbedingt in Geiselhaft nehmen wollten – wer sich also keine Sorgen machte, hatte keine Freunde. Weil’s aber Deutschland ist, gab es mal wieder keine Individuen, und so hatten diejenigen, die nicht das Geringste damit zu tun haben wollten, Nichtfreiheiten von zu Nichts erklärten zu verteidigen. Deutschland erwies sich erneut als genauso deutsch, wie man es befürchtet hatte. Seinen Rassismus stellte man bloß deshalb hintenan, weil man sich ihm seit eh und je selbst ausgesetzt zu wähnen hatte. Am Ende kennt das „Deutsche Opfer“ vonwasauchimmer regelmäßig den einen Feind: „Die Juden“ und jeden von ihnen „Beeinflussten“. Dass die Deutschen konstant bereit sind, selbst ihren Rassismus zu(un)gunsten ihres Antisemitismus zu suspendieren, sollte jedem zu denken geben, der im „Antiislamismus“ (der u.a. deswegen keine neue Kategorie definiert, weil er eben nichts anderes ist als der übliche Rassismus respektive z.B. die alte Furcht vor der „Gelben Gefahr“) den „neuen Antisemitismus“ zu erkennen Willens ist.

Und:

„Fault-il brûler Wertmüller?“ Toward the end of fashion

Auszug:
In dem unangenehm überbewerteten Film „The Social Network“ wird behauptet, Mode könne kein Ende erreichen. Im „The Social Network“-Universum aber existiert so etwas wie Mode jenseits von H&M-Artigem nicht einmal; dort erschöpft sie sich in männlicher (!) Schlampigkeit, die das Gegenteil von einem Versprechen sein darf und trotzdem beleidigt, und allerbilligstem Groupie-Style. Selbst Dascoolemädchen (das große Versprechen seit der Dietrich in Sternbergs „Morocco“ oder Miriam Hopkins in Lubitschs „Design For Living“, der bezopften Monroe in Hustons „The Misfits“, aber spätestens seit Jean Seberg in Godards „À bout de souffle“), dessen Auftreten erst einmal allen zuvor im Film aufgetauchten Klischees von Weiblichkeit zu widersprechen scheint, ist diverse Male zu blöde, eine Flasche aufzufangen. Jean Seberg hätte das mit links und seilhüpfend gekonnt, Edie Sedgwick auf einem wie auch immer induzierten Trip kopfstehend, diverse Frauen in diversen Filmen jederzeit. In „The Social Network“ tragen alle und alles mehr oder weniger das enttäuschende Top. Selbst Harvard hat es an, zwar kein schwarzes, aber ein immerhin mahagoni-, champagner- oder hautfarbenes. Die sepiafarbenen Harvard-Szenen kommen trügerisch auf betulich altmodische Art verführend daher. Darunter köchelt der gelangweilteste und langweiligste Exzess mindestens der Filmgeschichte, bis alle erdenklichen Flüssigkeiten verdampft sind. Sollte es tatsächlich David Finchers, der seit „Fight Club“ auch nur noch und schon davor manchmal gelangweilt hat, Intention gewesen sein, Erotik filmisch endgültig zu demontieren – chapeau! Und ganz gewiss ist Facebook als Website derart langweilig designed und uniformierend, dass… egal. Aber so kann das im ‚wahren Leben’ geschehen, im Film hat es aufregender gestaltet zu werden, weil Film alles kann.
Fraglos gibt es ein Ende von Mode, im Sinne von möglich erscheinenden Schnittvariationen – und mittlerweile ist es erreicht worden. Mode kann zwar noch beeindruckend, aufregend oder schön sein, aber keinerlei Fortschritt mehr erfahren – die Grenzen sind ausgereizt, von überwältigender Opulenz bis zum Nichts hat es nunmehr alles gegeben. Insofern können die Selbstzerstörungstendenzen (die von Mode sind ebenfalls bereits erledigt, letztens erneut und sehr hübsch durch Victor und Rolf in ihrer Abendkleid meets Locher-Kollektion) von Designern wie Galliano (Vernichtungsphantasien) bis Lagerfeld (Werbung für so gut wie alles) nicht erstaunen. Der Körper als Projektionsfläche für Künstler oder Couturieurs hat ausgedient. Als seine Grenzen zu übertretende Fläche (Schönheitschirurgen schnüren Grenzen bloß noch enger und so genannte Geschlechtsoperationen werden einfach nur unerschwinglich, wenn die gesellschaftlich akzeptierten und von frustrierten Psychiatern bestätigt zu haben werdenden Grenzen in Frage gestellt werden könnten) gilt er nur noch sadistischen oder im Auftrag handelnden Folterern, Rassezüchtern oder Menschenmaterialverbessernden und dergleichen Irrsinnigen, die sich in ihrem Wahn auf immer eins mit allen und allein wähnen müssen. Der einzige Ausweg für Haute Couture wäre (nach erzwungener Anorexia nervosa respektive Bulimie in all ihren möglichen Erscheinungsformen, im Kontext immerhin: body follows fashion), die ihr vom Körper gesetzten Grenzen aufzugeben – das wäre möglich in Richtung invasiver Strategien (wie es z.B. von Selbstverletzungskünstlern – die selbst schon lange nichts fundamental Neues mehr zu bieten haben, dazu später mehr – allerdings bereits vorgemacht wurde, und worauf Heidi Klums gegeißelte und flagellierende Hofdamen längst vorbereitet werden) oder indem man einfach gleich Rauminstallationen, Performances und/ oder Videokunst inszeniert – wo es ebenfalls bereits alles Grundlegende gegeben hat. Prêt-a-porter müsste sich bloß an Stelle von Haute Couture setzen, und die Modeketten könnten schließlich mal all die sensationellen Ideen und Träume der letzten fünfzig Jahre unkaschiert und nicht verharmlost in die Fußgängerzonen transportieren.
Aber natürlich liegt Wertmüller in wenigstens einer Hinsicht richtig. Nicht insofern, als er ‚Antifa-Mode’ als geschlechtliche Gleichmacherei beklagt; das ist nun wirklich kein Problem. Albern ist nur, dass sie die beispielsweise auf Demonstrationen etc. meist sinnvolle Uniformierung des Individuums (welchen Geschlechts auch immer!) unbedingt anspruchsvoll oder -los in jeden Bereich tragen möchte; und bedingt kann das ebenso ansprechend sein, sofern es nicht Luxus oder Schönheit verachtend, gruppenzwanghaft und mit einem moralischen Impetus geschieht oder den pausenlosen Ernstfall nachdrücklich und ununterbrochen verbissen signalisieren soll etc. Dennoch: Die Möglichkeiten von Polemik werden dann suspendiert, wenn man sich mit ihren Mitteln als Opfer und sei es bloß als das ästhetischer Konventionen ausgibt.