„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde

Wo [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen [!] denn doch noch gegen sie steht.“
Theodor W. Adorno – „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364

Si j‘aurais su j‘aurais pas venu.“
Petit Gibus, La guerre des boutons

Lars von Trier hat sich bei allen entschuldigt, seine Entschuldigungen wieder zurückgenommen („I can‘t be sorry for what I said. It’s against my nature.“ + „All apologies to me are nonsense.“), weil er es ja doch nicht so sondern dänisch gemeint habe und durfte sich vor einigen Tagen in Interviews beispielsweise mit der FAZ und dem Tip ausführlich als hilfloses Opfer von Zensur, Depressionen, Identitätskrisen und Angststörungen ausstellen. Erneut wurde ihm unisono konstatiert, er sei gar kein Nazi. Und erneut wurden diejenigen Passagen seiner Cannes-Jeremiade ignoriert, in denen sein Neid und seine Missgunst die vorgebliche Ironie seiner Aussagen immer wieder zusammenbrechen ließen. Lars von Trier hat sich bei allen öffentlich entschuldigt außer bei Susanne Bier. Um Bier herum allerdings hatte er sein Wahngebäude aufgebaut, redete von der seiner Meinung nach ungerechten Bevorzugung der Regisseurin, ließ implizit keinen anderen Schluss zu, als dass diese darin gründe, dass sie Jüdin sei, betonte, er habe natürlich und seiner Natur gemäß nichts gegen Juden und zog dann sofort wie alle, die nichts gegen Juden haben, über Israel her.
Lars von Trier hat sich auch bei den Deutschen entschuldigt: „I‘ve also offended Germans, when instead of saying ‚German‘ I used the word ‚Nazi,‘ as though every German is a Nazi.“ (Haaretz.com) Was ebenso relativierend gemeint wie überflüssig war. In Deutschland übte man sich wohlweislich im Ignorieren der entsprechenden Sätze. Sei es, weil man sie ob der Begeisterung, dass zum wiederholten Male ein Künstler von Weltrang sein Genie ganz zwanglos mit antisemitischen Äußerungen zu beweisen hatte, einfach überhörte oder weil man sich durch Nachsicht abermals als das bessere Opfer darstellen konnte.

Remember that guy who said he understood Adolf Hitler and sympathized with him? Lars Von Trier? […] Now, fast forward through a hundred apologies later, and we have him announcing his withdrawal from interviews and any sort of public speaking from this point onward. Apparently he was questioned by Danish police, and that was all he needed to convince himself of what we‘ve all known since the debacle — the man needs to shut the hell up!
Perez Hilton – Lars von Trier swears off public speaking

Während ein Großteil der angloamerikanischen Presse sich Anspielungen auf den „Vow of Chastity“ des dänischen Dogma 95 nicht entgehen ließ und betonte, dass Lars von Trier „now vows silence“ (oder auch: „Lars von Trier vows never to vow again“, LA Times) galten deutschen Journalisten die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Lars von Trier als Maulkorb, Zensur oder repressive Political Correctness. Ob der nicht näher bezeichnete Gesetzesartikel (wahrscheinlich: Article 48-2; créé par Loi n°90-615 du 13 juillet 1990 – art. 13 JORF 14 juillet 1990), der zu seiner Befragung durch die dänische Polizei führte, in diesem Fall anzuwenden ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden, auch nicht, ob derartige Gesetze sinnvoll sind oder doch nicht nur noch mehr Opferdarsteller generieren. Letztere Chance ließ sich von Trier erwartungsgemäß nicht entgehen und teilte mit, dass „{t}oday at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations, I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally, and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews.“ Die Ähnlichkeiten mit Martin Walsers Rechtfertigungsversuchen nach seiner Paulskirchenrede sind unübersehbar. Nicht mehr an seinen Reden, eine Form, die er als Schriftsteller nunmal nicht wirklich beherrsche, sondern an seinen literarischen Erzeugnissen wollte er fortan gemessen werden. Woraufhin sich Matthias N. Lorenz aufmachte und systematisch und minutiös die antisemitischen Passagen in Walsers Romanen nachwies („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“). Eine umfassende Analyse der von Trierschen Filme in diesem Sinne steht noch aus. Bis dato gibt es nur wenige einschlägige Artikel (vgl. zum Beispiel: Felix Hedderich – Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret).


John Everett Millais – Ophelia, Detail (cp. Melancholia)

Wer von Trier nicht bloß als angenehm verwirrtes Genie oder mutigen Rebell gegen Sprachkonventionen bezeichnen mochte, wagte anzudeuten, es könnte sich bei der Pressekonferenz um einen inszenierten Eklat ausschließlich aus Gründen der Promotion für dessen letztes Werk „Melancholia“ handeln. Und natürlich ist von Trier bekannt dafür, seine Werbemaßnahmen als provokativ auszustellen. Üblicherweise folgt die Presse seiner Einschätzung, obwohl es sich meist um recht harmlose Effekthaschereien handelt. Aus verschwörungstheoretischer Sicht böten sich Anlässe genug, das alles (Pressekonferenz, Befragung durch die Polizei und Schweigegelübde) für einen reinen Marketing-Coup (oder womöglich eine intendierte ‚Hinrichtung’ des Künstlers) zu halten, die Bezüge zum Film sind mannigfaltig und lassen sich bis zu obskuren Details zurückverfolgen: zum wiederholten Male evoziert von Trier das Ophelia-Motiv aus Shakespeares „Hamlet“ (Des Dänenprinzen letzte Worte lauten: „The rest is silence.“) oder eben Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, während der Feierlichkeiten steigt eine Himmelslaterne auf, die grob mit Herzen, Glückwünschen und gut sichtbar einem Davidstern verziert wurde, und verbrennt in einer Einstellung, in der nächsten bleibt sie unversehrt. Sympathische Charaktere werden im Film dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder Rituale ridikülisieren, ignorieren oder nicht über Kenntnisse gesellschaftlicher Konventionen verfügen und so z.B. während der Hochzeitsfeierlichkeiten peinliche Momente in Serie produzieren etc. pp. Den Kausalkettenverdrehern jedoch sei hiermit ein für alle Mal gesagt, dass auch von Triers, ob er es hören will oder nicht, Autoren-Filme und seine Äußerungen nunmal einer Quelle entspringen, und die ist sein Kopf!
Zum mittlerweile und nicht überraschend hochgelobten „Melancholia“ bliebe ebenfalls nur Schweigen, wäre es nicht ein so misslungener Film. Die wenigen, die tatsächlich ernstzunehmende Kritik an von Triers Ausfällen übten, tendierten dazu, sein Œuvre in Gänze zu verdammen und ihn zu einem unbegabten Filmemacher zu erklären. Das ist er nicht. „Breaking the Waves“ beispielsweise ist wenigstens Kino, zu diskutierendes, zu problematisierendes, unbedingt vor allem hinsichtlich seiner Ideologie zu kritisierendes Kino – aber im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen europäischen Produktionen eben doch Kino. Entgegen der vor allem in Deutschland aufgrund der ganz offensichtlich mangelnden Fähigkeiten vertretenen Meinung bedeutet Kino nicht, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Gutes Kino – und der Begriff ist eigentlich zu bieder, um dem, was Kino kann, gerecht zu werden – schafft Paralleluniversen. Statt dieses Versprechen umzusetzen, lässt von Trier einen Planeten auf der Erde einschlagen und bebildert sie zuvor derart, dass man ihre vollkommene Zerstörung nicht einmal bereuen kann. Andererseits ist es unmöglich, mit Justine (!, Kirsten Dunst) zum ersten Mal im Film ehrlich zu lächeln, außer wegen der Tatsache, dass der Film nun endlich vorbei ist. „Melancholia“ ist der platt illustrierte und filmisch mangelhaft umgesetzte Endpunkt einer Entwicklung im Werk des Regisseurs, die den Tod nicht mehr als tragischen und zu bedauernden Ausweg aus unerträglichen Zuständen darstellt sondern als von allen Eingeweihten erwünscht und wünschenswert. Der Tod ist nicht mehr individuelle Katastrophe, sondern nimmt jenseits aller individuellen Einwände gegen ihn in einem Erlösung versprechenden Moment alle mit sich – buchstäblich alle. Erst im Untergang der Menschheit greift von Trier wieder auf die makellosen Bilder zurück (von denen einige erkennbar an die Gemälde der Präraffaeliten angelehnt sind oder in dann doch interessanter Rückführung an Gregory Crewdsons ‚mock film stills‘), die er bereits vor dem Vorspann (bezeichnend: Der Titel wurde offenbar mithilfe ‚nichtverträglicher Materialien’ – z.B. Wasserfarbe auf Wachskreide oder Acrylharz auf Ölfarbe – hergestellt) ausführlich wie viktorianische Kapitelüberschriften oder fernsehserientypisch als Ausblick auf kommende Folgen gezeigt hat. Dazwischen gibt es Dogma pur (inklusive der erforderlichen Regelbrüche): Jump Cuts, Reißschwenks, ruckelnde, zappelnde und wackelnde Handkameraführung, das Elend der Welt aus nächster Nähe, unbeholfener Sex u.a. als Authentifizierungsstrategie usw. In den zwei Kapiteln dieser unübersehbaren „Festen“-Reprise – Justine: sepia/ Claire (Charlotte Gainsbourg): blaugrau – werden wieder Frauen zu Opfern oder opfern sich auf. Die unvermeidliche Unschuldsfigur wird diesmal allerdings von einem Mann (bei Trier eher unüblich, aber an Vinterbergs Film erinnernd) gegeben, dem Gatten, der Justine einen Apfelgarten („Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der zum Katholizismus konvertierte von Trier bemüht ausgerechnet Martin Luther.) schenken möchte, den sie als Depressive und in der Werbeindustrie Verdorbene jedoch nicht zu schätzen weiß; als sie das kleine Bildchen, das er ihr hoffnungsfroh überreicht hat, einfach liegen lässt, ist die Ehe bereits am Hochzeitstag gescheitert. Und wieder verleiht von Trier seinem Ekel angesichts von bürgerlicher Dekadenz mit allzu Beifall heischenden Bildern (u.a. Stretch-Limousine kriegt die Kurve in der Wildnis nicht) Ausdruck. Der Film ist überladen mit Anspielungen, Zitaten und Allegorien, die geradezu nach Aufmerksamkeit schreien, da sie aber dermaßen ostentativ und unoriginell daherkommen, vergeht einem der Spaß am Entschlüsseln. Und wer Wagners süßliche Tristan und Isolde-Ouvertüre bis dahin noch schätzte, wird sie nach dem Film verabscheuen; sie liegt, schwer (wie einige Bilder in Zeitlupentempo gespielt), unheilschwanger und völlig willkürlich eingesetzt, gleich faden Mehlschwitzenpfützen auf dem Film und nervt spätestens nach der dritten Wiederholung. Mehr gibt es nicht wirklich oder wirklich nicht zu sagen.

+ LA Times poll: How long will Lars von Trier’s vow of silence last?


2 Antworten auf „„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde“


  1. 1 spektakels 17. Oktober 2011 um 13:49 Uhr

    Wie eine deutsche Ehrenrettung aussieht hat übrigens Georg Diez aufs abscheulichste demonstriert: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789155,00.html

  2. 2 junesixon 17. Oktober 2011 um 15:29 Uhr

    Danke für den Hinweis und: Ach herrje… das kommt davon, wenn man sich eingeweiht und aller Anspielungen würdig wähnt – Diez: „Erstens. Lars von Trier ist ein phantastischer Regisseur. „Melancholia“ ist der Film des Jahres, weil er von nichts anderem erzählt als von den Ängsten einer jungen, schönen Frau. Er handelt nicht von Politik oder Wirtschaft, es gibt keine bösen Kapitalisten, keine blutrünstigen Terroristen, keine Außerirdischen (glaube ich jedenfalls).
    Als zeugte nicht das gesamte setting des Films von den bösen Kapitalisten, die schließlich in Justines Chef (einer Werbeagentur!) personifiziert werden. Und als sei nicht ihre hemmungslos ausgetobte Absage an ihn ihr einziger triumphierender Gefühlsausbruch im Film. Und so weiter und so fort und wieauchimmer…

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