Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

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