Archiv für April 2011

Grundlegendes 21: Messing up virtues


John Tenniel, Illustration zu Lewis Carrolls Alice In Wonderland

Den einen Gedanken lehnt Sade bei seinem ganzen Pessimismus stets entschieden ab: den Gedanken, sich zu unterwerfen. Deshalb haßt er auch die resignierte Heuchelei, die man mit der Bezeichnung ‘Tugend’ schmückt, ist sie doch in Wirklichkeit nur eine törichte Unterwerfung unter die Herrschaft des Bösen, wie sie von der Gesellschaft errichtet worden ist”.
Simone de Beauvoir – Soll man de Sade verbrennen?

Liberation of Bergen Belsen, April 1945

To KdP

Even while the camp was liberated the Germans went on killing…

II/III

Ernste Warnung an deutsche Naturfreunde: Wer ist Frank S. wirklich?

Liebe deutsche Naturfreunde,

die Ihr zahlreich und in diversen Internetforen auf die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Tsunami vom 11. März 2011 und Frank S.’ einzigem weltweiten Bestseller (I/ II) hinweisen zu müssen glaubtet, mühsam verhalten aber unverkennbar triumphierend darüber, dass die Natur endlich zurückgeschlagen hat. Das ist alles überhaupt nicht erstaunlich! Während Ihr noch denkt, S. habe sich damit als Prophet des aufgrund der vom Menschen angerichteten Verheerungen in den Meeren gerechtfertigten Weltuntergangs erwiesen, ist die eventuelle Wahrheit so viel banaler wie erschreckender.
Niemand hat sich oder andere bisher gefragt, warum ein derart erfolgreiches, bewegendes, aufklärerisches und blablabla Buch (2004) trotz der Unterstützung von Hollywood-Stars wie Uma Thurman (Tochter von Nena! Thurman) noch immer nicht verfilmt wurde. Seit 2006 nämlich wurde regelmäßig angekündigt, nun sei es endlich soweit. Doch natürlich haben es die Mächte, die S. in seinem Roman als alles verderbend enthüllte, bis heute geschafft, ihre Bloßstellung vor einem noch größeren Publikum zu verhindern. Niemand weiß wie, aber so soll es auch sein. Im Jahre 2011 aber wird es trotzdem geschehen. Warum? Sicherlich nicht, weil 2012 eh alles vorbei sein wird, soviel wissen wir nunmehr aufgrund der Projektionsgabe anderer Hellsichtiger.
Und während man sich in einschlägigen Kreisen noch Erklärungen dafür aus den Fingern saugt, warum die Amerikaner ausgerechnet Japan mit ihrer Erdbebenmaschine HAARP angegriffen haben (z.B. „Im japanischen Parlament wurde 2008 die offizielle Version des 11. September öffentlich kritisiert und in Frage gestellt.“ freidenkertv, aber sicher doch…), und wo die israelischen Organsammler, die natürlich immer mit unter der Decke zu stecken haben, diesmal abgeblieben sind. Während man sich also allerorten noch hilflos den Umweltverschmutzern und Naturvernichtern ausgesetzt wähnt, übersieht man, dass schon längst zurückgeschlagen wird. Das Volk von Baden-Württemberg hat bereits einen zu seinem Ministerpräsidenten erwählt, der vormacht, wie die Zukunft des Planeten deutsch gerettet werden wird: „»Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht […,] dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«“ (Uschi Eid über Winfried Kretschmann, Zeit.online, via only AA but XXX)


Animation: Malene Thyssen

Von ähnlichem Ernst angetrieben trafen sich deutsche Kultur Schaffende (u.v.a. Gudrun P., Roland E., Karen D., Hannes J.) und dergleichen Personal – or so the story goes – an einem natürlich geheimen Ort, um mal wieder ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der zu erzielenden Diskussionen in den Massenmedien. Roland E. jedoch bezweifelte, dass Japan das richtige Ziel einer konzertierten Aktion sei, schließlich habe er schlüssig bewiesen, dass Godzilla nicht vom Erbfreund Japan sondern vom Erbfeind Frankreich künstlich (!) erschaffen worden sei. Frank S. aber beendete die Diskussion ein für allemal mit den Argumenten, das sei ja alles schön und gut, aber da gäbe es noch das mit dem Walfang und dem Delphinschlachten und der noch viel grauenvolleren Vermensch- und -niedlichung von Tieren in japanischen Zeichentrickserien, und überhaupt: Willi, der von einem Amerikaner erfundene und Japanern unverzeihlicherweise inszenierte Sidekick, der der bezaubernden Biene Maja (des bekennenden Antisemiten Waldemar Bonsels) jegliche natürliche Anmut raube! Und ob man überhaupt wisse, dass Haie die neuen Delphine seien, und dass man seine gestressten Kinder schonmal schonend auf entsprechende Therapieangebote vorbereiten solle (…and pop goes the leg…). Und schließlich habe er und sonst niemand die relevanten Kontakte zu den Y. Obwohl Roland E. noch einen Tiefschlag zu landen versuchte und behauptete, das würde ja dann alles bloß als billiger Werbe-Coup für die immer noch ausstehende Verfilmung von S.’ Roman gehalten werden, schwoll das Raunen am geheimen Ort derart an, dass man ihn nicht mehr hören konnte: „Die Y!“ Und so sollte es geschehen.
Die Verfilmung allerdings muss nunmehr so schnell wie möglich abgedreht werden, bevor die Realität all die im Roman enthaltenen Widersprüchlichkeiten offenbart. Auch dort bedeuteten die diversen zum Y-Selbstschutz (die sind schließlich eine deutsch gedachte Volksgemeinschaft!) initiierten Tsunamis eine chemische und atomare Verseuchung der Meere, wie sie nicht mal die übelsten der von S. ersonnenen US-Amerikaner et al. in Kauf nehmen würden. Und das Ylearningbyadaptingtodrownedpeople’sbrains wird der Meeresfauna des Autors kulturellen Vorurteilen gemäß eines Tages eine konzentrierte Verniedlichung bescheren, die kein japanischer Zeichentrickhersteller jemals zu denken wagte. Bis dahin allerdings werden die deutschen Medien wie gewünscht und Mitleid nicht einmal mehr wirklich vortäuschend reagieren. Die Genugtuung ist unüberhörbar. Der einstige Verbündete, in dem man noch im Nachkrieg deutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin bewundern mochte, galt hierzulande zunehmend als veritabler Vertreter der entweder dekadenten oder traditionsverliebten USA im Fernen Osten – nur irgendwie infantiler.

Aber mindestens so umweltzerstörend und tierquälend: Walfänger und Delphinmetzler, die aus den geschlachteten Tieren auch noch hübsch anzusehende Spezialitäten zubereiteten statt Klopse in dicker weißer Sauce oder fettriefende Schnitzel. Die ihrem schönen Heimatland mit Handkultivierer und Schere zu Leibe rückten und alles mit künstlich künstlerischer Bedeutung aufzuladen bereit waren, statt den Boden naturhaft walten zu lassen. Die Robotervernarrten und am hellichten Tage Phantasiekostümträger, die Schöpfer von kindischen Superhelden in Serie, die unbelehrbaren Atomkraftbejaher. Obwohl sie, und da setzte der deutsche Neid ursprünglich ein, hundertausende Opfer zweier Atombombeneinschläge vorzuweisen hatten. Auch Japan hat mittels Opferinszenierungen seine Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg zu relativieren gewusst. Aber in Deutschland ahnt man, dass man hier sehr viel mehr daraus hätte machen können, nicht bloß weil das deutsche Verbrechen jegliche Dimensionen des Vorstellbaren gesprengt hatte, sondern auch weil man eine wesentlich längere und liebevoller gepflegte Tradition der Selbstdarstellung als Opfer von was auch immer vorzuweisen hat. Atombomben auf Deutschland – alles wäre vergeben und vergessen gewesen! Dafür hätte man schon gesorgt, und zwar gründlich. All die Hiroshima-Plätze in Deutschland und die Nagasaki-Städtepartnerschaften etc. waren nur ein unbefriedigender Versuch teilzuhaben. Und unter anderem deswegen wird jetzt auch nicht gespendet. Der Spendenweltmeister Deutschland bringt es diesmal einfach nicht übers Herz, sich wie üblich als großzügig auszugeben. Nicht nur, weil man annimmt, Japan könne mit all seinem Reichtum die Zerstörung eines Großteils seiner Ostküste selbst beheben, sondern weil man meint, sie hätten das mühsam erarbeitete deutsche Geld einfach nicht verdient.

Die Angst vor Strahlenschäden wächst, auch in Deutschland: Nach den Reaktorunfällen in Japan ist die Nachfrage nach Geigerzählern in der Bundesrepublik rasant gestiegen.
Newsticker, spiegel.online
Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.
Theodor W. Adorno an Thomas Mann, in: Briefwechsel 1943 – 1955

Missgunst ist die deutscheste aller Untugenden, weswegen auf einmal alles Leiden, das ausschließlich in Japan stattfindet, unbedingt hier erlebt werden muss, was sich beispielsweise im run auf Geigerzähler und Jodtabletten äußert. ‚German Angst’ ist nicht wirklich Furcht, sondern die Befürchtung, am Opfersein, wo auch immer es stattfindet, nicht als einer der ersten und ernstzunehmendsten teilhaben zu dürfen. Darum prügelt man sich notfalls wie beim Schlussverkauf vorm Wäschetisch. Manchmal erweist sich der Eifer als Zwickmühle, wie z.B. im Fall Libyen. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten von Opferidentifikation. Da kapituliert man dann schonmal völlig verwirrt: „Was kommt jetzt leidender rüber?“ Ergo: Enthaltung. Vor der zum Hintergrundbild erklärten zerstörten japanischen Ostküste jedoch kann sich das Deutsche in seiner Erscheinungsform als „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch irgendwie Abschaltungswilige“ als noch aus allen irdischen Katastrophen als am besten Gelernthabender zeigen. Nur in den deutsch geprägten Medien gelten diejenigen, denen vom Tsunami alles genommen wurde als gesichtslos und duldsam, auch weil man sich hier Protest, Widerstand, Kritik usw. bloß als von vereinheitlichten Parolen vorangetriebene Massenveranstaltungen vorstellen kann. Die zum Einsatz im Reaktor so oder so oder noch offensichtlicher gezwungenen Personen werden entsprechend mit Attributen aufgeladen, die sie fast zu Witzfiguren degradieren, weil sie nicht als Stellvertreter all derjenigen, denen unter den gegebenen Umständen kaum etwas bleibt als auszuharren, auftreten dürfen. Das „Sein zum Tode“ jedoch hat hier nicht dem Anlass sondern dem Wesen geschuldet zu sein.
Liebe deutsche Naturfreunde, nahezu alles ist vorhanden, was Ihr herbeigesehnt habt, und wenn Ihr noch mehr Glück habt, kommt es außerdem schlimmer, als ihr es auszumalen wagtet. Abgesehen davon, dass Ihr mit den offenbar überforderten Geigerzähler-Herstellern den veritabel deutschen Mittelstand zu fördern in der Lage wart, mag man die Profite der internationalen Pharmaindustrie, denen Ihr den Ertrag aus den Schweinegrippen-Impfstoffen damals um keinen Preis gönnen wolltet, als Kollateralschaden abtun. Wäre da nicht der nagende Zweifel: Womöglich war das alles gar nicht von den guten deutsche Kultur Schaffenden initiiert, sondern von den global agierenden Pharmakonzernen, die unbedingt ihre kurz vorm Verfallsdatum stehenden Jodtabletten loswerden wollten?

Yours sincerely,
Nachwievorspaltungsprodukt (in collaboration with CdG)

Recommended reading:
Cosmoproletarian Solidarity – Eine einzige Katastrophe
Weltkritik – Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft
Cornelius Coot – Eine verpasste Chance, Jungle World
Jörg Häntzschel – Japanische Kunst, Schluss mit Hello Kitty, Sueddeutsche.de

Later: Magnus Klaue – Deutschland sucht den Super-Gau

Update, 12.4.: „„Schuld sei sowieso „usrael“, eine beliebte Chiffre von Antisemit_innen jedweder Couleur. Da will auch „Sülzbert“ nicht zurückstehen und ergänzt, dass sich ihm der Verdacht aufdrängen würde, „das diese gigantische menge radioaktivität die in japan freigesetzt wird, nur dazu dienen soll um den eventuellen einsatz von atomwaffen im falle das die arabischen staten israel angreifen würden, nicht weiter auffallen soll“. Man muss sich diesem Gedanken auf der Zünge zergehen lassen! Israel ist schuld am Atomunfall in Japan, um einen eventuellen Angriff durch die benachbarten Staaten mit einem Atomangriff zu beantworten zu können.
Reflexion – Die Kommentatoren des „Infokriegers“

Re-read 7: „Erfahrungen an der Entlastungsfront“


Still standing! Foto: CdG

Eike Geisel – Countdown im Feuilleton, in ders. Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, 1992:

Ende Mai [1992] wurde in London ein Denkmal für den britischen Luftwaffengeneral Harris errichtet, und prompt saß, wie Tucholsky einmal die Reaktion seiner Landsleute auf politische Witze charakterisierte, halb Deutschland auf dem Sofa und nahm übel. Die Oberbürgermeister mehrerer im Zweiten Weltkrieg bombardierter Städte schrieben Protestbriefe nach England. Die notorischen Mahnwachen, die schon während des Golfkrieges mit der Parallele von Dresden und Bagdad Erfahrungen an der Entlastungsfront gesammelt hatten, nahmen ihren Ehrendienst an der Leidensfront der deutschen Geschichte wieder auf. Und schließlich trat sogar das Außenministerium auf den Plan. Genscher ließ die britische Regierung wissen: „Das Vorhaben ist geeignet, alte Wunden aufzureißen. Es könnte zu einem Rückschlag für die in deutsch-englischer Städtepartnerschaft geleistete Arbeit führen.
Mit dieser Drohung machte das Land der Kaiser-Wilhelm-Plätze und Rommel-Kasernen ernst. Der
Spiegel schrieb, Harris habe den „ersten vornuklearen Massenmord aus der Luft“ organisiert; die Welt war sich mit ihren Lesern einig, der britische General sei ein „Architekt der Vernichtung“ gewesen, und die Frankfurter Rundschau entdeckte an dem Weltkriegsgeneral der britischen Luftwaffe einen Charakterzug, den man nun wirklich keinem KZ-Kommandanten nachsagen konnte: „tatsächlich ein Schlächter“ gewesen zu sein. Die Faz, deren Mitherausgeber Reißmüller wegen des Bodenkriegs an der serbischen Ostfront unabkömmlich war, ließ ihren Redakteur Gillesen als Abfangjäger in den westlichen Luftraum aufsteigen. Von seinem Einsatz kehrte dieser mit dem Verdikt „Harrisbarbarei“ und einer Ehrenrettung für die Nazi-Luftwaffe zurück. Diese habe im Gegensatz zur Royal Airforce nicht die Vorstellung geteilt, „ersatzweise oder direkt Krieg gegen die Zivilbevölkerung zu führen“. Guernica, Rotterdam, Coventry und Belgrad „resultierten aus Fehlern“ meldete er seinen diensthabenden Vorgesetzten, blieb aber die Auskunft darüber schuldig, ob die damals Verantwortlichen dieser bedauerlichen Pannen deshalb vor ein Kiegsgericht gestellt oder gerade deshalb ausgezeichnet wurde.
82f

[Günther Rühle vom Berliner Tagesspiegel] „warf den Engländern nicht vor, wie sie sich an den militärischen Sieg über den Nationalsozialismus, sondern daß sie sich erinnerten: „Wer es nötig hat, noch Siege zu feiern, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen und schon einer anderen Welt zugehören, offenbart einen stillgestandenen Geist.“ Mit wachem Geist freilich rief er sich dadurch selbst „Stillgestanden!“ zu und wurde dem brandenburgischen Sozialdemokraten Gustav Just, einer noch älteren Altlast, zum Verwechseln ähnlich. Dieser hatte mit der Auskunft, er habe in einem „anderen Leben“ Juden umgebracht und diese Sache sei ein „alter Hut“, seiner Persönlichkeitsspaltung wie einem kollektivem Bedürfnis knappen Ausdruck verliehen.
Rühle indes war nicht so kurz angebunden. Die feuilletonistische Erscheinungsform der Schizophrenie ist die Geschichtsklitterung, und der Überflieger im Tiefflieger, der Historiker im Stammtischbruder formulierte deshalb so: „Nun steht der Bomber-Harris also da, in Erz gegossen, von der uralten Königin Mutter gesegnet, und ist doch viel weniger das Denkmal für einen heldenhaften Mann als ein ständiges Mahnmal dafür, wie der Krieg entartet ist, daß er gentlemanlike nicht mehr zu führen war, daß das blinde Töten auch dieses gesittete Volk ergriff.“ Damit war im unsittlichen Geschwätz des Historikerstreits die russisch-deutsch-englische Dreifaltigkeit der Schuld etabliert: die deutschen Verbrechen eine Doublette des asiatischen Originals, die britischen Bombardements eine Kopie der deutschen Vorlage. Und wenn Rühle die Engländer als die Massenmörder unter den Alliierten identifizierte, dann konnte es nicht mehr weit sein, nämlich nur bis zur nächsten Zeile, daß er die Angehörigen des anderen gesitteten Volkes, das im Unterschied zu den Häftlingen in Auschwitz ja unter den Bombenangriffen zu leiden hatte, daß er die Deutschen als Opfer von Nachahmungstätern sah: „Und die Toten von Köln und Bremen und Berlin und Dresden und Würzburg und Hamburg und Königsberg können nun dem Denkmal noch immer entgegenschreien und auf den Erzgegossenen hindeuten: da steht er, der unsere Hölle entfachte. Ein Denkmal mutiert leicht zum Schandmal.“

87f

Der ganz offensichtlich intellektuellenfeindlich motivierte und von fast allen beteiligten Seiten vorgetragene Abscheu gegen respektive die Ridikülisierung von Fußnoten in der Guttenberg-Berichterstattung basiert dennoch teilweise auch auf dem Festhalten diverser deutscher Wissenschaftszweige an einem dem Originalautor nicht gerecht werdenden Zitiersystem. Während die amerikanische Vorgehensweise verlangt, dass jedem noch so kurzem Zitat der Name des Autors etc. im Text zu folgen hat, verschiebt man hier alles nach unten oder hinten. Der Urheber wird unelegant beiseite geschafft und aus einem Heuhaufen von Kürzeln muss der Leser die relevanten Ergänzungen mühselig heraussuchen. Fußnoten nämlich können etwas ganz wundervolles sein, bei Geisel beispielsweise ebd. auf Seite 91f:

Das Vergehen der Deutschfeindlichkeit wird nur noch, wie man kürzlich in der taz belehrt wurde, vom Verbrechen der Inländerfeindlichkeit übertroffen. Gemeint ist damit die besondere Verwerflichkeit jener Autoren, die, anstelle Ausländer zu hassen, was sozusagen eine natürliche Feindschaft ist. ihre eigenen Landsleute nicht ausstehen können und ihnen von Herzen wünschen, daß sie sich gegenseitig an die Kehle gehen. Über Wolfgang Pohrt, der gerade unter dem Titel „Das Jahr danach“ einen Bericht über die neue Vorkriegszeit vorgelegt hat, schrieb Reinhard Mohr in der Buchmessenbeilage der taz: „Er ist … ein deutscher Rassist par excellence, ein manischer Inländerfeind, der dem akuten, komplementären Rassismus der ausländerfeindlichen Gewalttäter von Rostock bis Eisenhüttenstadt nur um das intellektuelle Niveau der Ignoranz voraus ist.“ Doch wie immer, so kam die taz auch bei der Aufdeckung dieser dem Gemeinwesen drohenden Gefahr zu spät. Schon im Dezember 1991 hatte ein Nolte-Epigone in der Welt sich mit „linken Wunschträumen, daß deutschen Urlaubern die Schädel eingeschlagen werden“, beschäftigt: „So wird Gewalttaten gegen Deutsche die Legitimation erteilt“, schrieb er und plädierte für ein Strafverfahren gegen Pohrt und andere Mitarbeiter der Zeitschrift Konkret - „wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhass.“ Dieses denunziatorische joint-venture zur Sicherung des inneren Friedens war freilich nur eine Neuauflage einer alten, gleichfalls widerwärtigen Koalition deutscher Intellektueller. Unter dem Label „Innere Emigration“ hatte sie nach 1945 Front gemacht gegen bereits davongejagte Kritiker.

Geisels Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen, Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen und Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung (alle Edition Tiamat) sind vergriffen. Der von Klaus Bittermann im letzten Jahr herausgegebene Band: Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden und Schriften sollte als Vorbild für eine Neuauflage der Texte Geisels dienen.
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Recommended reading:
Lizas Welt – In memoriam Eike Geisel
Eike Geisel – Der hilflose Antisemitismus (pdf, Norman Paech anno 1992)