„Sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten“. Die Aufrüstung des Vokabulars der ‚Erwachten‘ mit armseligen Mitteln

Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.

William Shakespeare – Macbeth

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, und das Erwachen aus einem ungeheuerlichen Traum, mit den eigenen blutigen Händen noch vor Augen mag einen, der in relativer Sicherheit in einem vergleichsweise zivilisiert erscheinenden Land lebt, zu drastischen Schlussfolgerungen animieren. Die billigste ist, den Traum als Bestätigung des lange gehegten Weltbilds zu verstehen. Gemäß dieser Logik ist dem Träumenden die bloß affektive Verarbeitung Bestätigung und Antrieb zugleich. Zweifel können nicht zugelassen werden; die Geschlossenheit des guten, gerechten, wissenden Selbst muss bewahrt werden. Die Welt ist dann ein Ort, an dem Paranoia nicht als Wahn, sondern überlebensnotwendig scheint. Weniger billig ist das Erschrecken vor sich selbst. Es kann so gravierend sein, dass alles, woran man zuvor glaubte, kontaminiert erscheint, als etwas empfunden wird, dessen man sich so gründlich und schnell wie möglich entledigen muss. Am einfachsten ist es dann gründlich aufzuräumen, zu reinigen, zu säubern, desinfizieren, eliminieren und die Katharsis versprechende radikale Gegenposition einzunehmen, von der aus das überwunden geglaubte Böse umso eifriger verfolgt werden kann.
Das Erschrecken gilt in jedem Fall als Bestätigung von Hilflosigkeit und gravierendem Kontrollverlust angesichts von Mächten, die offenbar in der Lage sind, den Träumenden zum Äußersten zu treiben. Was ‚sie’ aus der Welt gemacht haben, muss ihm als Rechtfertigung seiner als verzweifelt zu imaginierenden Tat herhalten. Im Extremfall (!) zeitigen beide Reaktionen trotz ihrer vorgeblichen Unterschiedlichkeit ähnliche Konsequenzen: Entweder wird die Gefährlichkeit des zu bekämpfenden Feindes als nunmehr eindrücklich bewiesen angenommen, oder die ‚Kontrolle’ muss wiederhergestellt werden. Der Traum gilt als Aufforderung, in Zukunft nie wieder an sich zu zweifeln. Der Schonimmerrechthabende oder an sich selbst Geheilte wird zum Monsterjäger. Zunächst rüstet er sich mit einem Arsenal von Abwehrwaffen aus, das die (in beiden Fällen) Rückkehr der Ungeheuer an ihren Ursprungsort zu verhindern helfen soll. In diesem Stadium allerdings ist die Waffensammlung noch bloße Illustration der notwendig eingebildeten Machtlosigkeit. Kindisch gilt das Wort als Tat und pubertär der Vulgarismus als vollzogener Akt.
Die eigene wie die Aufrüstungsgeschichte der Menschheit werden rekapituliert und mit den Mitteln ungeheuerlich phantasievoll dargestellt, die einem unter anderen die deutsche Erziehung zu Kreativität und/ oder die Accessoires des Setzkasten-Äquivalents Facebook gegeben haben. Als vorbildlich gelten Steine, die von Kindern oder Jugendlichen geworfen werden, Messer, mit denen hochgerüstete Erzfeinde erstochen oder im Schweiße des Angesichts herausgeflexte Rohre, mit denen sie erschlagen werden sollen, durch mit bloßen Händen gegrabene Tunnel geschmuggelte Handfeuerwaffen, mit denen Familien in ihren Wagen oder Schlafzimmern erschossen werden, herumtorkelnde Billig-Raketen, irgendwann eine mühselig in volksrevolutionärer Heimarbeit hergestellte Atombombe, und vor allem Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig opfern, sich inmitten der ihnen gesichtslos erscheinen zu habenden Menge in die Luft sprengen sollen oder wollen. Menschen, die sich Bombengürtel umschnallen, umschnallen lassen oder umschnallen lassen müssen, die Fotos ihrer zum Selbstmordattentat bereit zu sein habenden Kinder und Säuglinge stolz verbreiten. Alles ist erlaubt, solange es nur irgendwie verzweifelte Hilflosigkeit suggeriert.


via Lizas Welt – Pallywood revisited

Der sich endlich erwacht Wähnende versieht sich verbal mit den archaischen Waffen des Opfers – seine Sprache muss entsprechend volksnah und nachvollziehbar sein; er könnte ganz anders, aber natürlich will er nicht. Er hat eine Botschaft, die verstanden werden soll. Gegen alle Widerstände, und die sind so unermesslich wie ihm unbegreifbar, denn in seinen Augen vereint der Feind in und um sich übermenschliche Intelligenz, Macht und Rücksichtslosigkeit; er zersetzt, verdirbt und verblödet das Volk; er verführt und führt die Gutgläubigen in die Irre. Und nichts neidet er ihm mehr als den „Opferstatus“, der doch nur von seinen Gnaden verliehen werden dürfte. In ihn wird alles projiziert, was man sich im Wahn ausgemalt hat und nicht von sich wissen darf. Die deutsche Illusion muss unbedingt aufrechterhalten werden. Deutsche Antizionisten und ostentativ deutsche Philosemiten unterscheiden sich hier nur in der Projektionsfläche ihres Opferstatus – was letztendlich einem deutschen Nachkriegskonflikt geschuldet ist, der jeder der beiden Parteien, die sich um ihrer Existenz Willen diametral entgegengesetzt vorstellen müssen, moralische Überlegenheit sichern helfen soll. (In diesem Rahmen dienen erklärte Antisemiten bloß noch und so oder eben anders als Negativfolie.) Ohne die beiden und ihre (angeblich) gemäßigten Platzhalter ist Deutschland nicht mehr möglich! Soviel hat man aus Auschwitz irrsinnigerweise gelernt. Das deutsche Vermögen, aus Auschwitz noch eine (linke wie rechte) selbsterhaltende Lehre zu ziehen, treibt das Denken tatsächlich an die Grenzen des Wahnsinns. Nicht allerdings gelernt haben die Deutschen, dass sie (als solche) keine Opfer mehr sein wollen dürfen. Dass sie trotz der ausgebliebenen Strafe für ihre Verbrechen ihr mitleidlos ungebrochenes Bedürfnis, sich als Opfer zu gerieren, (das weder genetisch noch kulturell noch irgendwie weitergegeben wurde, das allein ideologisch und entsprechend – notwendig gilt nur für irgendetwas, nicht fürs spezifische – angenommen ist!) weder selbst noch in der Projektion aufzuführen haben.
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Schon sind wir ja Zeugen, wie die sich als ‘links’ verstehenden politischen Gruppen kein Wort verlieren, wenn ein Despot und Paranoiker in Uganda sich abscheulicher Morde schuldig macht; wie sie nicht protestieren, wenn der absolute Herrscher Libyens Gesetze erläßt, nach denen ehebrecherische Frauen gesteinigt werden; wie sie diskret schweigen, wenn in Algerien auch nicht einer der großen ‘chefs historique’ der Revolution noch auf der Bildfläche erscheint. Ben Bella? Er wechselte nur die Gefängnisse der französischen faschistischen Offiziere mit denen des ‘Sozialisten’ Boumedienne. Die Linke hält den Mund. Und sofern sie redet, ist ihr Vokabular im eigentlichen Wortsinne ver-rückt. Die Gewaltregime Syriens und Iraks, wo gelegentlich auch Kommunisten in den Kerker geworfen werden, nennt sie hartnäckig ‘progressistisch’. Israel aber, kein Musterstaat, gewiß nicht, aber doch ein Gemeinwesen, wo Opposition, auch anti-nationale. sich regen darf, ist in der linken Mythologie ein ‘reaktionäres’ Land.
Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit (1976), in: Weiterleben – aber wie?

Dem Konvertiten gilt das frühere Selbst regelmäßig als angepasst und von der fremdgesteuerten Mehrheit oktroyiert. Das Aufbegehren gegen den einstigen Standpunkt hat entsprechend als drastischer Nonkonformismus und geradezu verfemt zu gelten. Verboten ist der Gedanke, dass man endlich der sich prinzipiell als rebellisch ausgebenden Mehrheitsmeinung aufgesessen ist, die alles andere als einförmig und mit unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Sei es derjenige, der sich als selbst erklärter „Antideutscher“ dabei ertappte, seine Aggressionen in als erwünscht angenommenen (!) Phrasen auszudrücken und über das „Wegbomben der Palästinenser“ o.ä. zu schwadronieren. Da eben das dort nicht einmal ansatzweise eingefordert wird, ist das Erschrecken umso gravierender. Weswegen es gilt, die Schuld weit von sich zu weisen und den unheimlichen Verführern zuzuschreiben. Aber man hat zugleich selbst ein ‚größeres Opfer’ (in direkter Opposition zu dem angeblich als ‚größtes Opfer der Menschheitsgeschichte verkauften’ (!)) geschaffen, dem man sich selbstreinigend zuwenden kann. Die neue Identität hat dann um jeden Preis verteidigt zu werden. Und die Hemmschwelle ist niedriger, da man an sich selbst erfahren hat, mit welch grausamen Feinden man es zu tun hat. Und der Sieg ist umso befriedigender, je übermächtiger die Projektion gerät. Im neuen Opferstatus, so friedvoll und ausdrücklich harmlos er sich auch ausgeben mag, ist das Jetztreichtsaber bereits angelegt.

An der Kollaboration mit dem Islam lässt sich ablesen, auf welche Weise man die von den Siegermächten geschaffene Nachkriegsordnung innerviert hat: Jihad und Sharia, Verschleierung der Frau und Terror der Tugendwächter werden nicht als Kränkung narzisstischer Art, sondern als Bestätigung von Straf- und Leidensbedürfnis erfahren, als verdiente Strafe dafür, dass man den durch Ausbeutung und Vernichtung geschaffenen Reichtum mitgenießt – die aber, solange man nicht unter der Herrschaft der Sharia lebt, den Vorteil besitzt, dass man selber davon nicht unmittelbar betroffen ist. Der Islam ermöglicht den linken Abkömmlingen christlicher Sühnebereitschaft eine unerhörte Entfesselung ihrer Strafphantasien am anderen Objekt.
Gerhard Scheit – Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, Bahamas

Oder diejenigen, deren beispielsweise „Sozialismus in einem Land“ die Länder abhanden gekommen sind, und die nun nach einer Ersatzheimat suchen. Gefunden haben wollen die (wenig erstaunlich) viele Deutsche im radikalen Islam, der ihnen als der neue große Gleichmacher gilt. Als weise und gütig, wohltätig und – vor allem – respektvoll lobpreisen sie ihre neue deutsche Religion, die tatsächlich nichts wollen soll als einebnen und Volksgemeinschaft herstellen, diesmal unbereubar weltweit. Der Respekt der meisten deutschen Konvertiten gilt hauptsächlich dem aufopferungsbereiten Sein zum Tode, ihre Sehnsucht dem Schutz vor allem, was den Glauben nicht teilen mag, der verordneten Unmündigkeit all derer, die anfällig erscheinen mögen, insbesondere aber dem Schutz vor sich selbst: Es werden so viele menschliche Projektionsflächen fürs an sich selbst Unerwünschte geschaffen, wie sie nun mal nötig sind – es drohen bereits im Diesseits Strafen, die in ihrer Ausgeklügeltheit und als Gerechtigkeit daherkommenden Gier nach Triebabfuhr Dependancen der Hölle auf Erden gleichen. Die sich als gemäßigt ausgebenden Exkulpierer wiederum wollen das alles einfach nicht sehen, denn irgendwo muss es doch das Paradies geben. Ein verbotenes Paradies – denn zugleich will man an der neuen großen Opfererzählung teilhaben. (Vgl. zu Islamophobie allg. Gerhard Scheit ebd. und aa:b – Zwischen Vorurteil und Ressentiment)
Der Weg ehemaliger „Antideutscher“ nach Deutschland erscheint erst einmal unverständlicher. Ist es aber am Ende nicht. In dem Moment, in dem sie ein Sendungsbewusstsein entwickelt hatten, ein Bewusstsein als, hier: innerhalb der radikalen Linken, unverstandene Minderheit, überhaupt als Gruppe, als Identitätsträger, wurden die Tore weit geöffnet, sowohl in Richtung der konservativen Gegner der Bewegungslinken als auch (zurück) zu deutsch-linken Positionen. Sei es als trotzige Binnengruppen-Rebellen, als bloß immer Recht haben Wollende, des Rechthabens Müde, als sich permanent neu Erfindende, als wieder nach jeglicher Möglichkeit sich als Opfer produzieren zu können Süchtige oder was auch immer, sobald der eigene vermutete Status grundsätzliche (!) Kritik und Reflexion obsolet erscheinen lässt, taucht das Versprechen irgendwie rebellisch anmutender Identifikationen am Horizont der Realpolitik auf. All diese Hoffnungen auf dann doch Sinnstiftung oder Anbindung oder Teilhabe oder Einzigartigkeit im neuen Kollektiv erschöpfen sich aber immer bloß im endlich Ankommenwollen, das auch reine Ideologie ist, und „man verwendet im Französischen das deutsche Wort ‚la Realpolitik’, wenn man Opportunismus meint“, Jean Améry – Weiterleben – aber wie?, 143. Dem Deutschen aber gilt Opportunismus nur dann als verwerflich, wenn er den Deutschen nicht opportun ist. Wenn der Opportunist übers Allgemeinwohl sich erheben will.
Diejenigen ‚Linken’, die in letzter Zeit zu veritablen Deutschen geworden sind, die sich aber nach wie vor nicht als Rechte bezeichnen lassen mögen, nicht als antisemitisch oder misogyn oder sexistisch oder homophob, weil sie den Schein unbedingt aufrechterhalten wollen, sind tatsächlich wesentlich verwurzelter im kontemporären völkischen Mainstream als der spektakulärste Konvertit des Jahres: MaKss Damage (in einschlägigen Kreisen ist das bloß mit Horst Mahlers – den er auch als Vorbild benennt – offenem Bekenntnis zum Rechtsradikalismus zu vergleichen). Während man im (zugegeben kleinen) Kreis der deutschen Stalin-Verehrer noch seine Lieder vor sich hinträllerte und ihm alles zutraute, nur keinen Antisemitismus („Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ – „Der singt ‚lyrisch’! Ätsch! Er meint es also überhaupt nicht so!“ etc.), während man sich explizit darüber freute, dass er die „Antideutschen“ diversen Folterpraktiken unterziehen wollte, an deren Ende meist ihr Tod zu stehen hatte, bereitete sich Julian Fritsch bloß noch auf sein öffentliches Erscheinen als „nationaler Sozialist“ vor. With a bang! Alle hatten es bemerkt, sogar der Barde himself, der das Grinsen mühsam unterdrückend (man sieht geradezu die Regieanweisung: „Ja, großartig, Julian! Aber lächle nicht zuviel. Das ist eine ernste Angelegenheit!“) zugab, in den von ihm in letzter Zeit hergestellten Liedern sei das ja alles schon irgendwie zu hören gewesen (dazu zählt also auch das ausschließlich obszöne „Fünf Finger“!) von seinem Kampf mit sich selbst berichtet. Nur die mit ihm auf einer Linie liegenden wollten nichts mitbekommen haben. Die Schadensbegrenzung reicht von: „Wir hören nur noch die Lieder, die er bis 2009 geschrieben hat, irgendwie oder so“ zu … Schweigen. Jegliche Identifikation mit MaKss Damage erschöpfte sich von Beginn bis zum unrühmlichen Ende in Omnipotenz-Fantasien des selbsterklärten Opfers bzw. deren Bewunderung. Hier wurde zum Anlass vorgeschlagen, doch bitte gleich das Horst Wessel-Lied mitzusingen. Erstaunlich war bloß Fritschs frühe Einsicht in die Herkunft seines Ressentiments. Üblicherweise dauert es länger, bis die Fassade zusammenbricht. Und es handelt sich um nichts anderes, denn bei MaKss Damage war nie eine Entwicklung zu beobachten, die äußert sich seit dem Bruch außerdem lediglich in Reizworten, die Texte kommen trotz ihrer fortwährend obszönen Brutalität noch häufig unfreiwillig komisch daher: „Und reißen uns unsere Augen aus/ Nur, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken“, Vita Germania (ja, sicher: Augen sind einem beim Trinken immer gemein im Weg (cp. Odin)).
Während der konvertierte Moderator der „Stoppt den BAK Shalom!“-Facebook-Gruppe sich von Jürgen Elsässer (der dem radikalen Islam selbst in einer seiner brutalsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen, dem Iran, auch nicht abgeneigt ist, solange er für Ruhe und Ordnung sorgt, und wenn da nur nicht die ganzen ‚Ausländer’ wären, und der wie Mahler von „besetztem Deutschland“, „Schuldknechtschaft“ und dergleichen redet…) noch freiwillig aus den lobhudelnden Kommentaren verabschiedete, weil er sich um seine Facebook-Gruppe zu kümmern habe, bevor Elsässer sich zum Sarrazin-Fan auch offiziell erklärte, muss er vom Damage-Outing kalt erwischt worden sein. Thema bei „Stoppt den BAK Shalom!“ kann das nicht sein, denn da geht es nur um den BAK Shalom und die „Antideutschen“, außer irgendwas anderes passt gerade doch irgendwie trotzdem: die „Verbrechen“ Israels und der USA zum Beispiel. Bisher wurde dementsprechend kein Wort über die verloren, die einem doch angeblich so am Herzen liegen und die derzeit gegen die desolaten Zustände, unter denen sie zu leiden haben, aufbegehren: in Tunesien, im Jemen, in Ägypten, Libyen etc. pp. Bei Elsässer wird das gelobt (eindeutig work in progress – wait and see! Stand Mitte März, 2011), wenn es nicht gerade im Iran oder Gaddafi passiert, und so lange nur keiner „von denen“ nach Deutschland kommt. Die deutschen Massenmedien, von denen sich Elsässer angeblich so abhebt, haben es geschafft, das alles und noch viel mehr Zynisches unter einen Hut zu quetschen.
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Bis das Schwert meines Feindes
Mein Herz aus dem Leibe reißt
Dann pack’ ich mein Hackebeil
Und zieh’ in Walhalla ein

MaKss Damage – Vita Germania

Noch kein von den Deutschen allgemein anerkannter Prophet hat es geschafft, eine über seinen Verfolgungswahn und die wie auch immer projizierte Ausschaltung der angenommenen Gegner hinaus gehende Idee zu entwickeln, und selbst aus dem dem Widersprechenden konnten die Deutschen eine nicht im Werk auffindbare Leidensgeschichte exzerpieren und eine zeitlang für eine ihrer Erscheinungsformen als Existenzgrundlage postulieren. Deutsche Ideologie gerinnt irgendwann zu der irrsinnigen Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man sich genug hat wehren dürfen, gegen das Undeutsche, Inauthentische, bloß Kritisierende, die Spaßverderber oder dergleichen (vgl. Horkheimer/ Adorno – Dialektik der Aufklärung). Überall finden sich nach wie vor und zunehmend mindestens Spuren dieses (mehr oder weniger offene Gewaltbereitschaft erzeugenden) Wahns – in Literatur und Spielfilmen, im Fernsehen und Theater, selbst in der Musik und in der Politik sowieso, bei den Rechten wie den Linken. Meist variieren bloß die herbeigesehnten Verbündeten oder Vollstrecker. Denn das müssen nicht notwendigerweise die Deutschen selbst sein. In Frank Schätzings „Schwarm“ beispielsweise sind sie bloß die bescheidenen, von nicht bezeichnet werden dürfenden Verderbern alles Lebendigen auf der Erde, mundtot gemachten Warner, auf die die manipulierte Weltbevölkerung nicht mehr hören mag, woraufhin sie unterzugehen hat, um umso gemeinschaftlicher, wenn auch mit wesentlich weniger Lebewesen (vgl. Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit) aufzuerstehen. Alles wurzellose, als egoistisch diskreditierte individuelle, luxuriöse, ums goldene Kalb sich ausgelassen sammelnde etc. wurde vernichtet von ihren Lebensraum perfekt ausfüllenden, jederzeit zum Selbstopfer bereiten Opfer-Schwarmwesen. Nun muss alles sich zum Besseren wenden. Ende. Soweit die Phantasie des Bestseller-Autors.
Andernorts ist man ebenso blutrünstig, wie es bei Schätzing zugeht. Ums Reinigen wahlweise des Planeten oder des Internet geht es auch da; das Vorbild heißt dann allerdings Stalin oder „Charta der Hamas“ oder dergleichen. Die Feinde sind identisch. Und wie Schätzing seinen Oberschurken kein einziges Mal als Juden bezeichnet, ihn aber mit einer Anzahl antisemitischer Stereotype ausstattet und Michael Rubin nennt, erklärt man sich dort selbst zu Antizionisten. Das Bedürfnis sich in der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ als Opfer einer weltbeherrschenden Macht darzustellen, die nun auch noch den eigenen Zirkel zu unterwandern droht, grenzt ans Groteske.
Abgesehen von den Feindbildern USA und Israel gilt eine denkbar kleine Minderheit als Vertreter des großen und des kleinen Teufels als winziger, feiger, minderjähriger etc. und dennoch die gesamte deutsche Linke knechtender Dämon in Deutschland: „Die Antideutschen“. Was immer man darunter letztendlich verstehen will, im Weltbild der Gruppe sind sie „Wildsäue“, „Schweine“, „Oberschweine“, „schlimmer als Schweine“ und zur „Keulung“ freigegeben. Dafür muss man sich natürlich erstmal als Verfolgter ausstellen:

Beispiel:

CK: zahle seit Juni keinen Beitrag mehr, ich bin aus der Partei zähneknirschend ausgetreten, obwohl ich 1994 den […] KV […] gegründet habe. Nur habe ich mich irgendwann über die ständigen Anfeindungen und Beleidigungen von völlig fanatischen USA- und Israelfahnen schwingenden Ferngesteuerten [!] („Faschist, dekadentes [?] Arschloch“ usw.) und gezielte, permanenten Provokationen bis hin zu Gewaltandrohung derart geärgert, dass es mir auf die Gesundheit ging. Nach dem Motto: Denen, die den Frieden pflegen kommen manche ungelegen.
[…]
CStS: Ich hoffe, wir bekommen Dich wieder, wenn das Ziel, den BAK los zu werden erreicht ist! Wäre schade um einen engagierten Genossen. Es ist einfach nur beschämend, was sich diese Zionazi-Zäpfchen raus nehmen! Für mich ist mittlerweile „Faschist“ o.a., wenn es von diesen minderbemittelten Gestalten kommt, schon fast ein Lob […] Wenn mir wer mit körperlicher Gewalt kommen will… viel Spass! Von den mickrigen Clowns, die sowieso meist noch nicht ganz trocken hinterm Öhrchen sind, nehm‘ ich es mit 5en auf einmal auf und komm dabei nicht mal ins Schwitzen.
[…]
CK: was die mickrigen Kreaturen betrifft sehe ich das ähnlich wie du, problematisch wird es halt dann, wenn Freundin oder Familie mit rein gezogen werden. Meine Freundin fand es nicht schön, dass unser Haus mit Farbbeuteln beschmissen und die großflächigen Fenster mit Davidsternen besprüht wurden. Leider waren wir nicht zu Hause, sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten.
[…]
CK: wir brauchen die [Polizei] hier eigentlich nicht. hätten die nachbarn die aktion mitbekommen wären die arschlöcher an schweine verfüttert worden… wie gesagt, konflikte werden hier intern geregelt..
[…]
CStS: Die armen Schweine! Das wäre doch Tierquälerei!
[…]
CK: […] Ich habe geschrieben, und ich wiederhole das ungerne [?], dass meine Nachbarn (Landwirte) die jenigen, falls sie diese bei der Aktion erwischt hätten, wohl an ihre Schweine verfüttert hätten. Ich habe Menschen nicht als Schweine bezeichnet, denn Schweine sind kontrastiv zu BAKfischen von hoher sozialer und emotionaler Intelligenz und Kompetenz. Ich bin für mein Engagement gegen die Bahamas-Fraktion bekannt. Ich habe nicht behauptet, dass die Attacke von BAkfischen durchgeführt wurde – auch hier: erst lesen, begreifen und dann kommentieren – vielleicht war es ja auch Justus Wertmüller oder Netanjahu höchstpersönlich. Ich war nicht dabei – wohl aber bei der Ankündigung durch BAKfische, kleine Rotzlöffel, kaum 20 Jahre alt, dass ich zukünftig kein friedliches Leben mehr führen werde. Im Übrigen empfinde ich „Schweine“ nicht als hartes Wort für Menschen. Eine angemessene Bezeichnung für die Bahamas-Fraktion wäre wohl eher „Scheiß Gesindel“, „Zio-Faschisten“ und noch viel mehr, was ich allerdings hier nicht näher ausführen möchte.
Ich habe meine Gründe, warum ich dieses fanatische Pack nicht ausstehen kann
.
Stoppt den BAK Shalom!“- Gruppe bei Facebook (viel Spaß beim Sonnenbaden!)

Die LTI [Lingua Tertii Imperii] ist bettelarm. Ihre Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.
Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Die Vorstellung, dass sich zwei oder drei oder vier „antideutsche Feiglinge“ während seiner und der aller vorstellbaren anderen Mitbewohner hierfür notwendigen Abwesenheit zum Haus von CK begeben, das sich laut seiner Aussage 40km von irgendetwas entfernt befindet, um es mit Farbbeuteln zu beschmeißen und außerdem Davidsterne auf seine „großflächigen Fenster“ zu sprühen, ist tatsächlich genauso wahrscheinlich wie die, dass es Wertmüller oder Netanyahu getan haben. Der deutsche Bürger in seiner Erscheinungsform als „zähneknirschendes“ Ex-„Die Linke“-Mitglied stellt sich als Opfer des weltweit mit allen Mitteln und sogar bis an seine Haustür agierenden Erzfeinds aus, und deutsch nonkonformistisch kann er von nichts anderem als seinen vulgären Gewaltfantasien schwafeln. Die Brutalität der Bilder, die bei „Stoppt den BAK Shalom!“ immer wieder sich selbst und den Lesern ausgemalt werden, zeugt von eben dem Fanatismus, den man dem Gegner unterstellt. Es sind genauso grobe wie detailverliebte Kritzeleien, die an die fäkalfixierten Wand- und Tischmalereien Pubertierender erinnern. Nicht ohne Grund ist unaufhörlich von Schweinen und Säuen die Rede, gleich ob der Gegner nun als genauso widerlich oder viel schlimmer dargestellt wird oder als Schweinefutter dienen soll – dem Deutschen gilt das Tier am Ende noch immer als der bessere Mensch. Die Eigendarstellung hingegen changiert einerseits zwischen männlicher Gelassenheit, wütendem Omnipotenz-Wahn und tragisch aufopferungsvollem Weltschmerz: Man ist einerseits Verteidiger oder Rächer unterdrückter Volksgruppen oder Einmannheimatschutzfront. Und andererseits das einzige Wesen auf der Welt, das noch in der Lage ist, die Leiden Anderer nachzuempfinden, und zwar bis zur Neige: Alles tut weh. Und man ist alles, die Anderen sind immer nur das Gegenteil.
Zusammen finden sich alle deutsch Empfindenden in ihrer allgemeinverständlich sein müssenden Sprache („Um es mal auf gut Deutsch zu sagen…“), und ihrer Bewunderung für Zoten und Vulgarismen – das gilt als hoher Akt deutschen Rebellentums. Als höher erscheint ihnen nur das Raunen – der Jargon der Eigentlichkeit und anders Gedrechseltes. Verständlich sind die nur für den, der aus ihnen die Obertöne oder das Echo des Irrsinns herauszuhören in der Lage ist. Die anderen begnügen sich damit, den ausschließlich exklusive Teilnahme versprechenden Wahn verständnislos als ihnen allein gegebenes Versprechen zu empfinden, zu erleben, zu erfahren.

Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.
Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)

Wenn hier von Deutschen die Rede ist, geht es bereits nicht mehr um den einst oder immer noch verklärten genetischen Pool germanischer Volksgenossen. Wie früher beschrieben, hat sich beispielweise mit der Verbreitung u.a. Heideggerschen Gedankenguts durch seine diversen Adepten deutsche Ideologie weltweit erfolgreich in der wissenschaftlichen wie der alltäglichen Auffassung vom Wesen allen Seins eingenistet. „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ (Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt) Überall findet sich mittlerweile die als defensiv sich gerierende Aggression, überall die vorgebliche Ungeduld, die nichts als dem Wollen Ausdruck verleihen soll: “Jedermann vom politisch Verantwortlichen über den vorsichtigen Journalisten bis zum politisierenden Räsonnierer an der Straßenecke blickt wartend um sich, als wolle er fragen: Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt? Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.” (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie?). Das nicht ahnen, das Améry 1976 vermuten wollte, war damals wie heute wenigstens Selbstbetrug. Es reicht, von sich zu behaupten, dass man kein Antisemit sei und schon gibt es keinen Antisemitismus mehr (vgl. Adorno – Negative Dialektik). Und schon wird die Satire („War Hitler Antisemit?“ Titanic) von der Realität eingeholt, werden ausschließlich als Antisemitismus zu deutende Aussagen exkulpiert oder sinnlos subsumiert. Im Fall John Gallianos beispielsweise war das überwiegend (abgesehen von z.B. Natalie Portman oder Karl Lagerfeld, der aber auch davon sprach, dass es unangemessen sei, derartige Sprüche als Angehöriger einer Branche, in der es viele Juden gäbe, zu tätigen) geäußerte Empfinden angesichts des Skandals Mitleid, nicht mit den von ihm angegriffenen sondern mit Galliano. Es sei schade, dass er sich selbst so ausgebeutet habe und: „„Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste“, sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift „Fashion Daily News“. „Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht“, sagt der Branchen-Insider. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden.““ („Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano“, Stern.online)
Dementsprechend stünde alle negative Deutungsmacht über Antisemitismus allein Adolf Hitler zu, wen der hasste oder nur nicht mochte, konnte einfach kein Antisemit sein – u.a. dieser Logik gemäß hat deutsche Vergangenheitsbewältigung schon immer funktioniert.
Zudem bestehen alle darauf, dass Galliano kein Rassist sei. Die (falsche) Auffassung von Antisemitismus als bloßer Spielart von Rassismus hat dazu geführt, dass Antisemitismus als solcher kaum noch wahrgenommen wird. Und automatisch jeder Vorwurf von Antisemitismus den Bezichtigten als Opfer von wahlweise einer mächtigen Lobby oder mit dieser irgendwie kooperierenden, verbandelten, von ihr verblendeten, aufgehetzten etc. dastehen lässt. Da Antisemitismus nicht als das wahrgenommen wird, was er eigentlich ist, wird selbst die Rede vom Vergasen konkreter, vom Angeklagten als jüdisch identifizierten Individuen nicht mehr ernst genommen. Trotz der expliziten Brutalität seiner Sprache: „But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ (John Galliano)
Galliano hat nicht gesagt, er sei Antisemit, er muss nicht mal sagen, er sei keiner – es wird einfach begründungslos vorausgesetzt. Für Rassismus hingegen werden, wenigstens – wenn auch sonst ganz und gar nicht notwendigerweise! – in den sich kultiviert wähnenden Kreisen, aus denen heraus hier exkulpierende Aussagen getätigt wurden, gesellschaftliche Identifikationstandards vorausgesetzt. Was geschehen wäre, hätte er sich stattdessen dem z.B. den erschreckend weit verbreiteten (weswegen es absurd ist zu behaupten, es gäbe keinen Rassismus mehr!) rassistischen Glauben an die „Inferiorität Dunkelhäutiger“ öffentlich angeschlossen, steht auf einem anderen Blatt. (Und obwohl Gallianos konkrete Äußerung auch ausschließlich rassisitisch verstanden wird, verliert sie erst mit Bezug auf die „(weißen!) Juden“ und allein deswegen für viele ihre Brisanz.)
Das deutsche „Erwache!“ setzte ein als träumend vorgestelltes Wesen voraus, das allerdings kein die Realität im Traum verarbeitendes, sondern ein künstlich in Ignoranz versetzt schlummerndes Volksmitglied sein musste. Der Weckruf erfolgt dann auch immer noch entsprechend der Empfehlung, man solle in persönlicher Not keinesfalls „Hilfe!“ sondern unbedingt „Feuer!“ schreien. Der Freudschen Traumdeutung wird ein kollektives Unterbewusstes entgegengeschleudert und das hat so brutal und rücksichtslos, so allgemeinverständlich und arm an Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren, wie man sich selbst gerade noch verstehen kann.

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Later: Magnus Klaue – Die Bauchredner des Affekts


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  1. 1 Die Lehre aus dem rationalisiertem Wahn « Im Kopf Lokalisation Pingback am 02. April 2011 um 2:38 Uhr
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