In Anschluss an die aufwühlenden Wortgefechte in der Jungle World: Rosenkohl (natürlich pro! Es ist nämlich keine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir Bitteresweilimmermalwiedergiftiges zu vermeiden gelernt haben, sondern dass wir herausgefunden haben, was man essen kann, obwohl es angenehm bitter schmeckt!) und Halloween (wäre mir ziemlich egal, gebe es nicht die unterhaltsame deutsche Empörung übers Amerikanisiertwerden. Also auch pro!) werde ich im Folgenden eine Scheinnichteinmaldiskussion zwischen mir und meiner Person über Laminat nicht einmal dokumentieren.
„Fußbodenbeläge, bei denen eine feste und preiswerte Unterlage mit einer optisch ansprechenden Deckschicht (meist Holzimitat) verklebt wird [/] Personalausweise, bei denen eine bedruckte Karte als Informationsträger zwischen zwei schützenden Plastikfolien verleimt ist“
Wikipedia – Laminat
Da alles, was jeder zu haben glauben will und das dann auch noch so ziemlich jeder bekommt, irgendwann aus Gründen der Scheinexklusivität ästhetisch in die eine oder viel häufiger andere Richtung übertrieben werden muss, kann man sich jetzt schonmal darauf freuen, dass jede neu zu vermietende Wohnung in näherer Zukunft einen Bodenbelag haben wird, der zumindest oberflächlich wie in Lehm gestampftes Stroh oder Mutterboden daherkommt. Leicht zu pflegen wird auch der sein und relativ unempfindlich gegenüber selbst Stilettos. Und trotzdem wird man gezwungen werden, beim Betreten der Wohnung doch bitte selbst die Nike-, Adidas-, Gola-, Deichmann- oder veganen Sneaker auszuziehen. Der schöne Boden…

Whatever…
Menschen, die ihre Besucher auffordern, die Schuhe auszuziehen, sind im angenehmsten Falle Strumpffetischisten, aber meistens leider entweder so gelangweilt, dass sie bereits beim Frühstück darauf wetten, welche Farbe die Strümpfe der demnächst Anwesenden haben werden, die bösartig auf Löcher in denselben hoffen oder einfach wenigstens ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. (Über die, die hierzulande extra „Gäste-Hausschuhe“ zur Verfügung stellen, soll an diesem Ort geschwiegen werden!) Eine zeitlang war man mit dem erniedrigenden und outfit ruinierenden Ritual nur konfrontiert, wenn man z.B. 1. türkische, schwedische oder japanische Familien oder 2. solche mit einem zwangsgestörten oder phobischen Mitglied besuchte – die waren 1. eben daran gewöhnt und entsprechend (hoffentlich!) unvoreingenommen auf alles vorbereitet oder 2. konnten nunmal nicht anders. Dann fingen irgendwelche Asketen, Traditionalisten, Puristen, Holzfetischisten, Unausgelasteten, Möchtegernhandwerker, Pseudo-Ästheten etc. an, die Dielen oder das Parkett in ihren Fachwerk- bzw. Bauernhäusern oder Altbauwohnungen freizulegen und aufwändig zu bearbeiten (oder zu lassen). Darin steckten dann soviel Schweiß, Blut, Tränen, Liebe oder Geld, dass sie gefälligst für immer makellos zum Angeben mit u.a. dem Authentischen der „Lebenswelt“ (Habermas) herhalten mussten.
In Neubauwohnungen hingegen gab es keine Dielen und kein Parkett zu entdecken sondern prinzipiell und mit Absicht hässliche PVC-Beläge. Wofür natürlich die all das bedecken könnende und vor allem hinterlistige und skrupellose Teppichboden-Industrie verantwortlich zeichnete, die jahrzehntelang Geld wie Heu scheffelte (was die typischen Dielen- und Parkettfreileger nicht mehr hinnehmen wollten). Teppichböden oder leider schnell vorübergehend -fliesen hatten allerdings auch für den Mieter gravierende Vorteile. Der Lärm aus den anderen Wohnungen, vor allem der zu Recht gefürchtete Trittschall wurde erheblich gedämpft, und man konnte selbst im Winter, und wenn man denn wollte, zuhause barfuß herumlaufen.
Vorbei! Die Parkett-Aufbereiter haben einen dermaßen tiefen Eindruck von Exklusivität und/ oder ernsthafter Arbeit etc. pp. hinterlassen, dass nunmehr jeder etwas haben will, das zumindest danach aussieht. Und IRgendwer schuf das Laminat. Eigentlich das laminierte Holzimitat. Imitate sind nicht notwendigerweise abzulehnen. Holzimitate allerdings kamen bislang meist in Form billiger Kuckucksuhren vor. Das war schon recht widerlich. Doch der Schöpfer des Laminats sprach, es sei von der gleichen unansehnlichen Farbe wie Ikea-Möbel, und es imitierte fortan, gleich wie man es benannte, ungebeizte Fichte. Die Evolution half später dunklem Laminat bei der Eroberung einer Nische – ein Fortschritt, ohne Frage, dennoch… Mittlerweile besucht man Menschen, die nachdrücklich darauf hinweisen müssen, dass ihr gerade verlegter Boden echtes Parkett sei und kein Laminat. Parkett nämlich sieht jetzt auch aus wie Laminat!
Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Laminat kann selbst der Profi nicht trittschallvermeidend verlegen (traurige Erfahrung)! Und, nein und nochmals nein, Laminatböden sind für Allergiker nicht sinnvoll. Man suche einen kompetenten Allergologen auf und lasse sich ein für alle mal von ihm mitteilen, dass Teppiche (und außerdem Gardinen statt Jalousien!) viel zuträglicher sind. Die nämlich binden den Hausstaub etc., der dann bloß einmal in der Woche mit einem geeigneten Staubsauger entfernt werden muss. Das Laminat müsste man tatsächlich jeden Tag mindestens einmal feucht wischen, da jede Bewegung den auf ihm lose lagernden, mit Milben verseuchten Staub aufwirbelt, und zwar erstmal aufwärts, in die Nase und Augen des Patienten. Trotzdem ist Laminat (für Nichtallergiker!) pflegeleicht (außer man verwendet spezielle Laminatreiniger, die erzeugen den Ärger erst), soll heißen: recht unempfindlich, soll heißen: Es wird durch Schuhe nicht beschädigt! Und Laminat ist postmodern!

Es gab mehr als nachvollziehbare Gründe dafür, dass Dielen früher mit Rupfen- und selbst das schönste Parkett mit eindrucksvollen Teppichen (Flokati soll und darf hier kein Thema sein!) bedeckt wurden. Solche, die eher der Bequemlichkeit und andere, die der Ästhetik genüge taten. Beides ist erstrebenswert! Früher ließ man auch einfach die Zigarren- oder Zigarettenasche auf den Teppich fallen. Das ist insofern nicht mehr erstrebenswert, als es keine im Haus mehr oder weniger lebenden Domestiken mehr gibt, die den Dreck lautlos und unsichtbar beseitigen. Aber demnächst haben wir ja hoffentlich alle diese niedlichen kleinen Staubsaugroboter…
Später ließ sich Auslegeware industriell herstellen, und immer noch ist selbst das Massenprodukt Teppich dem Massenprodukt Laminat (das bloß stupide nachzuempfinden sucht, statt des Designers manchmal sogar Innovationsdrang zu befördern!) in Farb- und Qualitätsvielfalt haushoch überlegen. Auf Teppichen kann man übrigens auch nicht ausrutschen, selbst wenn mal ein Glas Wasser umgekippt wurde, auf Laminat schon (another sad experience).
Wie dem auch sei, es gibt eigentlich nur einen wirklich wichtigen Einwand gegen Laminat: Es sieht überhaupt nicht schön aus sondern kitschig, blöde und billig, und nur wer im „Ikea-Paradies“ (© by CdP) leben mag, kann es ansprechend finden!
(DER VERMIETER hat übrigens darüber hinaus die Küche mit Terracotta ähnelnden Fliesen, dieses auch hinsichtlich seiner Unelastizität und Schmutzaufnahmefähigkeit imitierend, auslegen lassen – sehr intelligent: Alles nur ansatzweise Zerbrechliche, das runterfällt, geht unvermeidbar darauf kaputt!)
+ Nur aufgrund meiner unentschuldbaren derzeitigen Zerstreutheit later: SonntagsGesellschaft – Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl. Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World
Ein wichtiger Schritt, die Rosenkohl Debatte wieder auszugraben, da besteht definitiv noch Diskussionsbedarf. Allerdings ist der Zivilisatorische Fortschritt des Konsums von Bitterspeisen mit Vorsicht zu genießen ;)
http://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2010/01/07/zur-kritischen-theorie-des-rosenkohl-replik-auf-die-halbwahrheiten-der-jungle-world/
Wie konnte ich das bisher nur übersehen?
„In die Tonne treten“ – I definitely agree! Trotz pro, und zwar sowas von…
Zum Diskussionsbedarf: Nein, Rosenkohl darf nicht weichgekocht werden, erst dann nämlich riecht er eklig. Nach ca. zehn Minuten Kochzeit duftet er nach… Parfumeure würden es als „grün“ bezeichnen. Bitter ist er leider sowieso nur noch selten, das wurde weitgehend weggezüchtet. Ich mag bitter, like in Bitter Lemon oder Grapefruit oder Spargel etc. Abgesehen davon mag ich persönlich keine Äpfel (außer gebraten oder im Apfelkuchen!), Aprikosen, Fanta, keinen Riesling, Sellerie, Koriander etc. pp. Die Themen werden niemals ausgehen!
Es gibt noch viel zu tun an der Lebensmittelfront. Seit Peter Decker die gesamte Kritische Theorie in ihren Grundfesten erschüttert hat mit der Frage „soll man ein kaltes Bier kritisieren“ (http://besserscheitern.wordpress.com/2009/10/25/1304/), gilt es, diese Kritik auszuarbeiten, oder die eigene Überflüssigkeit anzuerkennen. Allerdings wurden die Grundsteine der Kritik des kalten Bieres wohl bereits gelegt. Folgendes fand ich bei Genossen Marcuse bezüglich des Genossen Lenin:
„Die Umgangssprache in ihrem „bescheidenen Gebrauch“ kann für das kritische philosophiesche Denken in der Tat von hoher Wichtigkeit sein (…) Man betrachte die Analyse des „Hier“ und „Jetzt“ in Hegels Phänomenologie oder (sit venia verbo!) Lenins Vorschlag, wie „dieses Glas Wasser“ auf dem Tisch angemessen zu analysieren sei. Eine Solche Analyse deckt in der Alltagssprache die Geschichte aus als eine verborgene Bedeutungsdimension – die Herrschaft der Gesellschaft über ihre Sprache“.
Ein kaltes Bier in diesem Sinne zu kritisieren traue ich mir ohne Lenin zu (wir wissen dann vielleicht zumindest, was wir zum Rosenkohl trinken; oder nicht wollen), aber Lenins Analyse des Wassers (oder auch nur die Frage) habe ich nicht gefunden … wo könnte die wohl stehen?
Die Lenin-Wasser-Frage muss weitergeleitet werden…
Jenseits von potentieller aber natürlich als absurd abgetaner Überflüssigkeit: Auf einer anderen Ebene sollte unbedingt die zunehmende Schilderung von Nahrungszubereitung selbst bei von mir geschätzten zeitgenössischen Autoren kritisiert werden. In Dickens‘ Great Expectations z.B. wird sehr viel gegessen, wobei entweder nur erwähnt wird, dass gegessen wird und nicht was, oder die Menüs deutlich den Charakter des Gastgebers spiegeln. Zolas Le ventre de Paris ist ein weiteres Beispiel für einen adäquaten literarischen Umgang mit Essen usw. usf. Mittlerweile jedoch kann man geradezu von einer Kochshowisierung von Literatur reden, cp. eg. Ian McEwans Solar, wo jedes Detail der Zubereitung rezeptartig mitgeteilt wird und von Genuss keine Rede mehr sein kann (ohne dass das die Intention wäre). Alles wird mit Pseudo-Kennerschaft dargelegt, und der Spaß (oder der Ekel oder irgendwas) geht überm Angeben verloren. Nach der einen obligatorischen Sex-Szene (die die wenigsten können) scheint das eine Rezept (das keiner kann) zum Bestandteil des Pflichtprogramms erklärt worden zu sein. Das ist ungefähr so nervig wie immer noch ewin Kapitel oder gar den Roman mit „Es war einer dieser blablabla Tage…“ anzufangen.
Von kaltem Bier habe ich keine Ahnung; zu Rosenkohl passt es aber definitiv nur, wenn alle anderen Komponenten komplett unbitter sind. Ich hab‘ ein Rezept im Kopf, und da bleibt es auch!