„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

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Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.

Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.

(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.


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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)


1 Antwort auf „„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer“


  1. 1 liebe « el Pingback am 04. Dezember 2010 um 0:16 Uhr
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