Archiv für November 2010

„Once I had a love and it was divine/ Soon found out I was losing my mind“* – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer

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Es gibt keine Regeln! Alles, was man über emotionale ‚Beziehungen‘ (vgl. auch Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie) zwischen Menschen wissen muss, ist, dass selbst die einzig akzeptierbare Regel, dass man sich gegenseitig gefälligst so wenig wie möglich weh zu tun hat, nicht funktionieren kann.
Monogam, polygam, polyamorös, offene Beziehungen, geschlossene Anstalten, geschlossene Beziehungen, offene Anstalten, wasauchimmer – alles scheitert am Anspruch an sich selbst und am Anspruch an den/ die Anderen. Emotionale Bindungen, und auch der Begriff ist ausschließlich aufgrund des am Ende dann doch nicht zu bezeichnenden Chaos, das jedes von (romantischen, erotischen, sexuellen, selbst freundschaftlichen etc. pp.) Gefühlen dominierte Miteinander von Menschen irgendwann heimsuchen wird, bestimmt… ‚Emotionale Bindungen’ also werden irgendwann irgendwem wehtun. Ob man nun den Schmerz dehnt und als harmloser deutet, weil er fast zur Gewohnheit oder Begleiterscheinung wird, ob man ihn leugnet oder unterdrückt, oder ob er einen mit unerwarteter oder viel zu lange erwarteter Wucht erniedrigt, beleidigt, frustriert, an den Rand des Wahnsinns treibt, er ist unausweichbar. Das nicht anzuerkennen (zuzulassen), würde bedeuten, dass Sehnsucht, Träume, Verlangen, Ausbruch, Verrücktheit, Kontrollverlust, Selbstbetrug, Idolisierung, Sturz von Idolen und noch viel mehr und noch schlimmer Liebeskummer nicht mehr möglich sind – was ein (menschlich/ medial) trivialisierter und daher kaum vermittelbarer Verlust wäre.

Im Versuch, sich selbst und dem Gegenüber (wie viele es auch sein mögen, und irgendwas setzt irgendwann Grenzen – ob nun nach oben oder nach unten – weswegen alles Poly als besseres Leben Hypen albern ist…) Schmerzen vorzuenthalten, sich und den/ die Anderen vor Leid(en) zu bewahren, entsteht etwas Groteskes, etwas Unübersichtliches, in dem die Beteiligten graduell ihrem emotionalen Involviertsein entsprechend leiden. Wenn sie überhaupt nicht mehr leiden, kann man das nicht anders als Verlust bezeichnen. Geradezu rituell angestrebter Mangel an Schmerz, Ängsten, Erwartungen, die kindische oder adoleszente Unterscheidung zwischen Sexualität und Affinität, zwischen erotischer und intellektueller Anziehungskraft resultieren im tatsächlich besten Fall in Enttäuschung, im schlimmsten in Ignoranz und Regelwerk.

Der albernste Begriff, den Menschen, die etwasfüreinanderempfinden, verwenden können, ist Respekt. Respekt ist entweder Getue (Yo, man!), Floskel oder wieder nur Regel und wird in unterschiedlichsten Konstellationen unsinnig gewährt: „Da ich dich respektiere, sage ich dir gleich, dass ich nicht monogam bin.“ „Ich respektiere Dich, und meine Beziehung zu dir ist etwas emotional und intellektuell Besonderes. Aber ich schlafe auch mit Anderen.“ „Ich respektiere dich und würde daher Andere nicht einmal bloß begehren.“ In jedem dieser drei Sätze und in allen ihren Subtypen steckt mindestens eine Beleidigung des Gegenüber: Anmaßung, Bequemlichkeit, Egomanie, Verblendung, Lüge, Herablassung, und überhaupt alles, was ein Individuum einem anderen antun kann, sind unvermeidbar enthalten.
Nach ein paar Jahren geht jeder, der nicht anerkennt, dass zwei oder mehr Menschen, die bereit sind, Emotionen als Basis ihres Zusammenseins zu definieren, nur Wahnsinnige sein können, als ‚Spießer‘ daraus hervor – ganz gleich, ob man sich als polygam, polyamorös, monogam etc. versteht. Erklärte Polygamie und Polyamorie bergen darüber hinaus häufig das grundlegende Missverständnis, dass man wahlweise einen natürlichen Zustand wiederherstellt, und beidenbonoboschimpansenblabla, ganz besonders fortschrittlich sei und überlegen oder die Welt verbessern könne, dass man nunmal anders als die Anderen sei, angenehm ehrlich und entsprechend rücksichtsvoll oder dergleichen mehr Blödsinn. Den Naturzustand wiederherstellen ist genauso ’spießig‘ wie permanent am nächsten Morgen irgendwo aufzuwachen, wo man sich nicht auskennt oder irgendwen mehr oder weniger freundlich aus der eigenen Wohnung schmeißen zu müssen, fünf ‚Beziehungen’ zu haben, ist genauso ’spießig‘ wie eine, wenn es darin eine Hauptbezugsperson gibt (in einigen Fällen lässt sich das durchaus als Euphemismus für Hauptfrau und Nebenfrauen bezeichnen), ist das umso ’spießiger‘, One-Night-Stands sind ebenso spießig wie Unterwäsche für den einen Partner kaufen und Spontansexbörsen genauso wie Partnerinstitute – alles unterliegt irgendwann einem erschreckend normierten (Gruppen-)Regelwerk und vor allem ist alles schonmal dagewesen. Es gibt an all dem nichts Besonderes, nichts Abwegiges, nichts an und für sich (!) Erwähnenswertes.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Lew Tolstoij – Anna Karenina

Am Ende oder zu Beginn oder als schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie der Spießigkeit, der Regeln und Normen, des gesammelten Verleugnens jedoch lauert Liebeskummer. Oberflächlich betrachtet ein Klischee, das noch den übelsten Kitsch evoziert, ist Liebeskummer eines der letzten Refugien des Individuums. Wirklicher Liebeskummer kennt weder Regeln noch Rezepte gegen ihn, und Ratgeber gegen Liebeskummer sind ein grausam schlechter Witz. Inmitten all der gut gemeinte Hilfestellung geben wollenden Menschen kreist man ausschließlich um sich selbst und ist im historisch einzigartigen Moment mit sich allein. Endlich wissend, dass das wirklich noch niemand erlebt hat. Was auch wie ein Klischee anmutet, aber tatsächlich die Wahrheit ist. Weil man auf einmal unbezweifelbar und ganz bewusst unaustauschbar in Zeit und Raum ist (vgl. Klaue, ebd.). Nicht zu verwerten! Der zunehmend ungeduldig werdenden Umgebung nur noch durch Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) verbunden. Gleich wie Liebeskummer sich äußert, – und dessen Erscheinungsformen sind unendlich variabler als die des Verliebtseins, der einzig ähnlich intensiven Emotion – jeder erkennt den Wahnsinn sofort und sinnt notwendigerweise auf schnelle Abhilfe.

All good stories end with a fireball in the sky.
Rick Moody – The Diviners

Die kitschigen kulturellen Produkte von unglücklicher/ enttäuschter Verliebtheit/ Liebe aber entstehen prinzipiell aus deren Auflösung, die großartigen zumeist aus dem Beharren auf ihr. Ian McEwans The Comfort of Strangers beispielsweise ist kein Horror-Roman sondern wie die meisten herausragenden Horror-Romane die Geschichte einer Liebe, in der die (hier: verspätete) Angst vorm Schrecklichsten, nämlich dass das Verlassenwerden (und entsprechend so viel mehr!) für das Individuum schlimmer als jedes noch so grausame Verbrechen ist, (hier: plötzlich) die Wahrnehmung der Welt bestimmt. Der bestialische Mord am Ende ist sowohl der sprichwörtliche Schlag in den Magen, weil in seiner Brutalität und Plötzlichkeit unerträglich schockierend als auch die erleichternde und unaufhebbare Chance einzigartig zu bleiben, weil der Tod den durch keinerlei Regeln oder Attitüden aufhebbaren Betrug, vor dem man sich gefürchtet hat und der unaufhörlich im Raum steht, unmöglich macht, ihn auf immer verhindert. Nichts wird jemals relativiert werden können. Alle denkbare Spießigkeit schwingt im Roman mit: Sie betrügt ihn (unerwarteterweise! Ihr Partner wird dermaßen ästhetisch überhöht1, dass das ein billiger Effekt wäre.), er betrügt sie mit der oder dem Anderen oder mit beiden, alle betrügen sich gegenseitig oder einigen sich auf irgendwas, das die Vorsilbe Poly tragen könnte – die große spießbürgerliche Illusion von Ausbruch findet aber nicht statt. Sie wird nicht einmal explizit als Möglichkeit angedeutet, sondern bleibt genauso unbezeichnet und eindeutig wie McEwan die Stadt, in der das alles passiert, nicht benennt (und die dennoch Venedig und dementsprechend ein lange in den Fluten der Themse versunkenes London ist). Die Übriggebliebene ist von einer um die Liebe ununterbrochen fürchtenden, einem potentiellen Opfer von Erniedrigung, bemitleidenden Ratschlägen und dergleichen zu einer geworden, der man nicht helfen kann, deren Erlebnisse anerkanntermaßen zu grauenhaft sind, als dass man ihr den Wahnsinn missgönnt – da gibt es nicht nach ein paar Wochen ein ungeduldiges: Nun musst du dich aber zusammenreißen. Zudem hat ihr Leiden ein Ziel. Und wenn es nur das prospektive Grab des Geliebten ist oder das Beharren darauf, dass wenigstens die Vergangenheit ungetrübt wunderbar war. Jeder Zweifel darf mitbegraben werden. Keinen wichtigeren und schrecklicheren Zweck gab es für die von den Briten dankbarerweise abgeschaffte Witwenverbrennung auf dem indischen Subkontinent.

(„What manager? God?“)

Angesichts von Liebeskummer in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, ist das alles nach wie vor eine traumhafte Vorstellung. Und Träume sind sowohl Nahrung als auch Trost von Liebeskummer. Der billigste Traum wäre der vom Flugzeugabsturz. Oder die ebenso brutal gemeinte Soft-Drink-Variante, in der der Verlassene der ehemals Geliebten (brünett, sanft-hübsch, unschuldig, beleidigend mitleidig) mit deren ihm natürlich gleichenden neuem Freund im Supermarkt (!) begegnet und aus dem Nichts eine blonde Frau herbeizaubert, die unglaublich viele große Zähne, einen Damitichdichbesserfressenkann-Kiefer und ein beim Anblick schmerzendes Dekolletée vorzuweisen hat: Schokoladensauce oder Sahne? Es stehen aber unzählige Träume mehr zur Verfügung. Und so ist dieser mitnichten der letzte; unausweichlich und zwanghaft folgen die anderen, die nicht mehr in Werbung umsetzbar, weil völlig inkommensurabel, sind. Was auch immer getagträumt wird, es ist gravierend beispiellos: Wer Splatter-Filme für verstörend hält, täuscht sich – das Liebeskummer-Universum ist ungleich beunruhigender und erlaubt selbst dem Nichtleser noch eine Ahnung von Kafkas Verwandlung, Becketts En attendend Godot, Dostojewskijs Schuld und Sühne, Ishiguros The Unconsoled, McEwans The Comfort of Strangers, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Ogawas Ringfinger, Tolstoijs Auferstehung, James’ Golden Bowl, Conrads Heart of Darkness, Eliots Middlemarch, Moodys The Diviners, Dumas’ (fils) La dame aux camélias, McCarthys The Road, Shakespeares A Midsummer Night’s Dream und überhaupt, Hugos Les travailleurs de la mer, Elsners Heiligblut, Heinrich Manns Henri Quatre, Nabokovs Lolita, Zweigs Brief einer Unbekannten und Ungeduld des Herzens, Steinbecks East of Eden, Lowrys Under the Volcano, Williams’ Suddenly Last Summer, Flauberts Madame Bovary in no specific order und ad infinitum…

Goethes die Absurdität der Situation verdrängende eins zu eins-Umsetzung im Werther ist noch die erst einmal harmloseste Darstellung vom Wahnsinn. Und die Liebeskummer-Bewegung der Romantik war vom Bestreben geprägt, das verzweifelte Individuum auf ein Leidenskollektiv einzuschwören, das auch deutsche Ideologie zu befördern half. Das geradezu verlangte Leiden eines jeden im jungen Volk, das unermüdlich angefacht zu werden habende Feuer der Leidenschaft, das nach Selbstvernichtung, nach Sein zum Tode strebt, zurück zur Natur, zum Naturzustand, das auf Einigung drängende Einverständnis, dass man einer verständnislosen und feindseligen Welt ausgeliefert sei, in all dem ist bereits der deutsche Traum angelegt, der alle anderen Träume beenden sollte (Abish). Im „Dritten Reich“ durften die Volksgenossen dann ihre öffentlichsten und geheimsten Träume ausleben. Das große Missverständnis der meisten Linken, Avantgardisten, Alternativen usw. ist, dass der Spießbürger vielleicht mal gerade vom eigenen Haus träumen kann oder vom schnelleren Auto. Dass man ihm überlegen sei in puncto Phantasie und Kreativität und mehr Ahnung von Abwegen, Ausbruch, Fluchten, Perversionen etc. habe. Es gibt nichts, was öffentlich getan werden kann, was nicht schon tausendfach im Verborgenen vollzogen wurde. Und jede Öffentlichkeit, wie sie heute im Zeitalter vorgeblicher und immer noch so zu nennender Toleranz zu beobachten ist, gibt es nur auf Abruf. Es haftet ihr nach wie vor etwas zwanghaftes an – was nicht an ihren Protagonisten liegt, sondern am latenten Wissen darum, dass man immer noch ausgeliefert ist, abhängig von Wohlwollen und Wohlstand. Visibility ist wichtig, aber nicht einmal eine Rebellion und Empowerment nur ein Produkt von Cultural Studies, die eben meist keine Analyse oder grundlegende Kritik der Gesellschaft sind, sondern ein allzu häufig eskapistisches und regressives Ichmachmirdieweltwiesiemirgefällt oder eine Rezeptsammlung für Politkunst-Gruppen. Deren Produkte wiederum sind zu neunzig Prozent (es gibt allerdings umso wichtigere Ausnahmen!) dermaßen öde und irrelevant, dass man auch gleich im Volkshochschulkurs Penisse und Vaginas töpfern kann. Das Erkenntnismoment dürfte für die wenigen Interessierten vergleichbar spannend sein. Außerdem: Wenn nochmal irgendwer angeleinte Frauen durch eine Fußgängerzone zerren will, um auf irgendwas hinzuweisen – we’ve seen it all before! Gähnen wäre eine gemäßigte Reaktion.
Das „Dritte Reich“ war die Revolution des ‚gesunden Volksempfindens’; es war tatsächlich auch eine sexuelle und darüber hinaus eine kreative Revolution. Der ultimative kreative Protest und die auf ewig unaufhebbare Warnung vor deutschen Volksabstimmungen. Die von der Welt, von der Zivilisation, der Moderne, dem Kapitalismus, dem Kommunismus, den Anderen überhaupt Beleidigten schufen ein absurd durchästhetisiertes Szenario, das auf nichts beruhte, als auf Auslöschung des Widerspruchs. Auf Regeln für alles, aufgrund derer man dann alle relevanten Regeln abschaffen konnte.
Heutzutage geriert sich jeder Vertreter von bereits lange gesellschaftlich so oder so Akzeptiertem als Rebell. Auf nichts hinarbeitend als einmal wieder alles gleich zu machen. Es gibt aber gravierende Unterschiede, die man nicht ins (eigentlich urdeutsche) Identitäten-Mosaik einpassen kann. Die zu Recht als zynisch empfundene Opfer-Hierarchie existiert fort, und sie wurde nachvollziehbar von den Deutschen im Nationalsozialismus endgültig manifestiert. Und trotzdem soll alles noch so Konforme und Angepasste Skandal sein. Und in der Tat ist Skandal nur in Konformität und Anpassung möglich. Der Skandal findet nur dann statt, wenn eine breite Identifikation mit dem Skandalisierten möglich ist respektive er eine allgemein erkennbare Projektionsfläche bietet und Abwehr notwendig erscheint, um (früher oder später) das Gemeinschaftsgefühl, den angenommenen Konsens, den Schein aufrechtzuerhalten. Das wirklich Abwegige und sogar das bloß Überraschende sind überhaupt nicht in der Lage, einen öffentlichen Skandal zu erzeugen, weil sie eine Ahnung von etwas ganz anderem möglich machen und kaum Potential für Empörung und stattdessen irgendwann umso mehr für Reflexion etc. bieten (dazu später mehr).
Polygamie, Polyamorie, Vielehe, Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-Ehe, Monogamie, Origami (your wish is my command, dearest JdB!) und wie auch auch immer man Entwürfe zum vordergründigen Erträglichmachen von Bindungen zwischen Menschen auf emotionaler Basis bezeichnen mag, sie alle sind offenbar so unverständlich, unerträglich, unvorstellbar usw., dass man sich schon wieder glaubt wehren zu müssen, sie in irgendeiner Form als gesellschaftlich abgelehnt oder eben besonders, als sonstwie geartete Rebellion projizieren und ausstellen muss. Die mittlerweile unübersehbar zunehmend notwendige identitäre Zuordnung zum Konzept dient jedoch nicht dem Traum des Individuums von erfahrbarer Unaustauschbarkeit in Raum und Zeit sondern im Gegenteil seiner Einordnung in je nach Einstellung Ziel-/ Therapie-/ Interessen-/ Widerstands-/ Selbstverwirklichungs-/ Blablablabla-Gruppen.

Es gibt eine Illusion von selbstbewusster Vertrautheit, die es überhaupt erst ermöglicht, dem Geliebten zu sagen, er möge bitte dafür sorgen, dass die so genannten lebenserhaltenden Maßnahmen erst dann eingestellt werden, wenn man definitiv nicht mehr träumt, ohne ihm damit bloß wehtun zu wollen oder ihn zum Komplizen zu machen. Wenn der versteht, was damit gemeint ist, und warum das für einen selbst der point of no return und zu jedem früheren Zeitpunkt Überleben wichtiger ist und danach nichts mehr, kann man am Verlust der Person, die das Wichtigste über die Hoffnungen und Ängste weiß, nur mindestens vorübergehend irre werden. Träume sind nicht konkret, sondern alles. Wie Liebeskummer reflektieren sie jede Facette des Individuums, das nicht mehr bloß nur hoffen darf und nicht mehr bloß nur leiden muss. Wie im Liebeskummer ist man im (individuellen!) Traum explizit ausgeliefert, und trotzdem ist alles – genauso viel mehr als im Verliebtsein – möglich, deswegen eben. Verliebtsein ist letztlich auf ein eindeutiges Ziel ausgerichtet, während Liebeskummer nur irgendwoanderssein möchte – eine Utopie mit Bilderverbot. Beiden wohnt Sehnsucht inne, doch die eine wünscht sich rules to come und der andere deren Aufhebung zugunsten etwas Traumartigerem, weil Regeln für Gefühle sich vorher oder nachher als nicht auszuhalten erwiesen haben.
Aus der Abschaffung von Liebeskummer kann nur die Abschaffung des Individuums resultieren, aus seiner Verwertung im besten Falle Kitsch, ein schlechter Werbewitz oder im schlimmsten ein relevanter Baustein menschenverachtender Ideologie. Die Auflösung der akuten Situation Liebeskummer andererseits funktioniert am sinnvollsten auf Basis der Erkenntnis der Absurdität der Situation; und ein wenig vom Wahnsinn sollte unbedingt aufgehoben, bewahrt und/ oder festgehalten werden.


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Recommended reading:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie (ein Text, von dem mir erst beim nochmaligen Lesen – 20.11. – bewusst geworden ist, wie relevant er in diesem Kontext tatsächlich ist. But there’s a very big difference between September and November!)
Ian McEwan – The Comfort of Strangers, Black Dogs, Enduring Love, The Cement Garden, Saturday, Atonement…
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer, The Night of the Iguana, A Streetcar Named Desire, The Glass Menagerie…
Henry James – The Golden Bowl und überhaupt alles
William Shakespeare – The Complete Works of
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre
Thomas Mann – Der Zauberberg und Der Tod in Venedig
etc. pp. ( ja, … Manierismen!)
+ Later: el – Liebe

+ With thanks to KdM

  1. Weswegen der Roman für diejenigen, die ihren ‚Partner‘ für überirdisch schön halten oder sich ihm ästhetisch ‚unterlegen‘ fühlen, (man kann das diskutieren – aber es gibt solche Gefühle nun einmal!) eine besondere Hölle bereithält. [zurück]

Update 7.12.10: Lisa Seelig – Polyamorie. Vater, Vater, Mutter, Kind (Zeit online)
Die beiden Autorinnen geben zu, dass es durchaus Nachteile hat, polyamor zu leben. Der größte besteht vielleicht darin, dass man sich permanent rechtfertigen muss. Es ist anstrengend, sich gegen den Strom, gegen die Konvention zu bewegen. Und ganz praktisch betrachtet? „Polyamor zu leben, ist ein Luxus, der Zeit kostet“, sagt Cornelia Jönsson. „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert.“ Anders als mancher vielleicht vermutet, bedeutet Polyamorie keinesfalls eine nicht enden wollende Orgie. Es heißt im Gegenteil, immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten.
Wie gute Organisation aussieht, kann man bei Franziska, Dave und Hinnerk studieren. Im Flur hängt neben dem Putz- ein Schlafplan. Er bestimmt, wer wann die Nacht mit Franziska verbringen darf, Dave und Hinnerk wechseln sich ab. Die drei haben außerdem einen Wochenplan, der Auskunft darüber gibt, was ansteht, wer mit wem was unternimmt.
“ (Meine Hervorhebung! Ich hasse Putzpläne, gegen Schlafpläne allerdings verblasst selbst deren Grauen! Seriously!)

(mehr…)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization V: Aspiration

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization IV: Intelligence

„Unsere Kristallnacht“

Da, wo Darwin für alles herhält/ ob man Menschen vertreibt oder quält, da/ wo hinter Macht Geld ist, wo stark sein die Welt ist/ von Kuschen und Strammstehen entstellt/ Wo man Hymnen auf dem Kamm sogar bläst/ in barbarischer Gier nach Profit/ „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn!“ ruft/ wenn man irgendeinen Vorteil darin sieht/ ist täglich Kristallnacht
BAP – Kristallnaach (in dem das Wort „Juden“ kein einziges Mal vorkommt)

Weltweit hat den Deutschen „täglich Kristallnacht“ zu sein, weswegen man sich zum 9. November in Frankfurt einen Redner bestellt hat, der das deutsche Verbrechen korrekt einzusortieren weiß, einen veritablen Völkerverständiger (deutsch-französisch) und dementsprechend und zu Recht Träger des „Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband“ (deutsch). Um die Verständigung zweier am Holocaust so oder eben anders beteiligter „Völker“ hat sich Alfred Grosser insbesondere insofern verdient gemacht, als er dem mehr oder weniger mitmachenden „Volk“ einreden wollte, das „eine Volk“ sei gar nicht so eins gewesen in seinem Wollen und Wirken. Es habe ja auch unter den Deutschen gutmütige Helfer der Juden gegeben. Was man in Frankreich eine zeitlang vielleicht nicht wirklich hören mochte, war, sobald man in Deutschland das Verbrechen überhaupt ein wenig zuzugeben bereit war, Konsens.
Wenn man den deutschen Erzählungen vom „Dritten Reich“ unbedingt Glauben schenken mag, müsste man allerdings in der Tat davon ausgehen, dass kein einziger Jude in deutschen Vernichtungslagern umgebracht worden sein konnte. Sechs Millionen ermordete Juden sähen sich dann nämlich wenigstens sechzig Millionen aufopferungsbereiten Deutschen nochmals ausgesetzt, die jeder mindestens einen von „denen“ gerettet haben wollen. Weswegen es nach dem Krieg eine derartige jüdische Übermacht gegeben habe, dass man heute Israel nicht mehr kritisieren dürfe… Or so the delirious story goes!

Die Mehrzahl [der Deutschen] gab zu, daß sie 1939 und 1940, als alles noch »rosig« aussah, voll und ganz hinter dem »Führer« gestanden hätten. Die wenigen, die angaben, daß sie ihn schon damals nicht gemocht hätten, beschwerten sich über seine Kurzsichtigkeit, Rußland und die USA zu unterschätzen und anschließend zu provozieren. Von moralischen Bedenken war keine Rede.
Erika Mann – Why the Germans Fight on, 1945

Der erstaunlich geringe bewaffnete Widerstand der Deutschen, nachdem die Sieger erst einmal die Städte besetzt hatten jedoch, lässt sich auch damit erklären, dass sie ganz entgegen ihren Erzählungen ihr wichtigstes Wirken auf Erden für weitestgehend vollbracht hielten. Bloß irgendwann gab es Israel. Und man wähnt sich in die Watzlawick-Geschichte von der Frau versetzt, die sich beschwert, sie sähe die Jungen nackt ins Wasser hüpfen. Woraufhin die Polizei die an einen anderen Ort verweist, und die Frau sich wieder beschwert. Aber sie könne sie von ihrem Fenster aus doch gar nicht mehr sehen, und sie erwidert: Hinausgebeugt und mit dem Fernglas schon.
Man hat also die Juden alle und gar mehrfach gerettet, und trotzdem gibt es welche, die hier nicht leben wollen. Man hat sie restlos vernichtet geglaubt, und trotzdem gibt es noch so viele von ihnen, dass sie einen eigenen Staat gründen konnten. Die Deutschen (und die von ihrer Ideologie auf Umwegen infizierte Welt) richten ihre Ferngläser auf den Staat, der ihrer Meinung nach nicht sein kann und machen ein „Konstrukt“ aus, etwas Unorganisches, Illegitimes, was auch immer. Einen Ort, auf jeden Fall, der all ihren Projektionen zu widersprechen vermag, weswegen man auch permanent behauptet, dort habe man ganz im Gegensatz zu den Deutschen nicht aus Auschwitz gelernt.
Gerne lässt man behaupten, und in diesem Jahr gleich alles auf einmal: Die Deutschen seien gar nicht so deutsch respektive deutsch sein, sei gar nie so schrecklich gewesen, und irgendwas stimme nicht mit Israel, weil es anders als fast der gesamte Rest der Welt nicht aus Auschwitz gelernt habe. Dafür hat man den „Auschwitzkeulen“-Apologetiker Alfred Grosser eingeladen, nicht ausgerechnet am 9. November sondern wann sonst. Schließlich ist Mauerfall-Jubiläum.

Gremliza: In der Paulskirche haben Sie nicht den Eindruck gemacht, als dächten Sie gerade über die möglichen Folgen eines Widerspruchs nach. Sie waren einfach nur erschlagen.
Bubis: Das ist klar. Ich habe eine kurze Zeit überlegt, ob ich aufstehen und rausgehen soll. Meine Frau hat mich angestoßen: Ob wir uns das anhören müssen? Aber ich wollte keinen Eklat.
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99

Der Eklat ist auch diesmal ausgeblieben – bei der ARD denkt man sich, weil Grosser am Ende doch nichts Anstößiges gesagt habe und irrt sich. Er sprach über Israel („Sonst würde ich mich ja entwürdigen.“ Grosser) und über die guten Deutschen und aufgestanden und rausgegangen wurde wohl nur nicht, weil ein Großteil des Publikums sich schon drohend aufs Standing Ovations-Spalier vorbereitete. Und wer sich freiwillig einem deutschen Spießrutenlauf aussetzt, hat schon verloren. „Am Ende der Feier reichten sich die beiden vormaligen Kontrahenten [Grosser und Graumann] versöhnlich die Hand.“ (ARD – Erinnerung an die Pogromnacht. Gedenkredner Grosser bleibt bei Israel-Kritik)
Micha Brumlik durfte nach dem ‚Festakt’ in 3Sats kulturzeit (Interview mit Andrea Meier) wenigstens erklären, dass von „Versöhnung“ wohl kaum die Rede sein könne, die jüdische Gemeinde würde sich demnächst überlegen, ob sie an der Frankfurter vorgeblichen Pogromnacht-Veranstaltung überhaupt noch teilzunehmen bereit sei.
Ansonsten wurde am 9. November viel Mauerfall gefeiert, natürlich nicht ohne der Toten der Bewegung zu gedenken, und Martin Walser erhielt schon wieder einen Preis, den der Deutschen Gesellschaft für seine Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung.


via bubi zitrone

Am Vortag besuchte der deutsche Außenminister das Klärwerk in Gaza (was Niebel verweigert wurde, weswegen er den Countdown einleitete), im Spiegel freut man sich mit ihm, dass er dort so herzlich Willkommen geheißen wurde, und die Hamas habe sogar den Bau einer Schule erlaubt. Und am 4. November traute sich Tina Mendelsohn mutig, für kulturzeit ein Interview mit Alfred Grosser zu führen:

Transkript
Anmoderation Tina Mendelsohn:
Stimmt Alfred Grossers Vorwurf? Sobald einer die Stimme gegen Israel erhebt, heißt es sofort Antisemitismus? […] Nächste Woche, am 9. November, der so genannten Reichskristallnacht soll Alfred Grosser die Festansprache in der Frankfurter Paulskirche halten. Grosser ist Franzose, in Deutschland geborener und vertriebener Jude. Er ist auch ein vehementer Kritiker Israels und von dessen Umgang mit den Palästinensern. Ein Skandal bahnt sich, denn der Zentralrat der Juden fordert energisch die Ausladung Grossers. Pietätlos sei es, einen solchen Mann an einem solchen Ort sprechen zu lassen. Das meint auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden Salomon Korn.

Einspieler Salomon Korns Statement:
„Wenn es darum geht, Israel zu kritisieren, dann ist von nichtjüdischer Seite immer eine Hemmung vorhanden. Und dann werden gerne jüdische Kronzeugen ins Rennen geschickt, die das sagen, was vermutlich, vermeintlich Nichtjuden sich nicht zu sagen getrauen. Und das ist eine Funktionalisierung des Herrn Grosser. Und der hat in diesem Falle die Rolle des nützlichen Idioten.
[…] Also, es ist sicher sehr bequem, einen Menschen wie Alfred Grosser in die Paulskirche zu schicken, am 9. November.“
Unterbrochen von Propaganda-Bildern aus der Reichspogromnacht, an deren Ende jeweils das Schild zu sehen ist, auf dem steht: „Achtung Juden!“

Kommentar Tina Mendelsohn:
„Nützlicher Idiot“ – starker Tobak ist das. Es darf also in Deutschland keine unterschiedlichen jüdischen Meinungen zu Israel geben. Das ist das Gegenteil von gelebter Meinungsfreiheit. Es gibt in diesem Denken immer noch nur sie, die Deutschen und wir, die Juden. Muss die Frankfurter Oberbürgermeisterin wirklich die jüdische Vertretung um Erlaubnis bitten, wen sie ein- oder auslädt? Und muss mit dem Zentralrat abgesprochen werden, ob ein angesehener und erfahrener Mann, ein gebürtiger Frankfurter und ein israelkritischer Jude in der Paulskirche sprechen darf? Offenbar war das Praxis. Ich begrüße jetzt Alfred Grosser. Herr Grosser, ich freue mich sehr.

G: Ja, ich auch. Ja, guten Abend.
M: Guten Abend. Herr Grosser, offenbar ist man im Zentralrat der Juden in Deutschland der Meinung, dass ein israelkritischer Jude nicht an den Beginn der Shoa, also an den Reichspogromtag am 9. November 1938 erinnern darf. Haben Sie mit diesem Widerspruch gerechnet?
G: Na, es ist ja nur vom Generalsekretär. Denn der Vizepräsidenten, der auch Mitglied des Vorstands der jüdischen Gemeinde Frankfurts ist, spricht ja vor mir. Das wussten alle. Frau Roth spricht, dann spricht Herr Graumann, zwei Ansprachen, und dann ist meine Rede. Also, ich kann nicht sagen, dass der ganze Rat gegen mich appeliert hat und verboten habe, dass ich komme. Also, Verbot sowieso nicht. Aber ich glaube, es ist zu einfach zu sagen, der Zentralrat hat. Sein Generalsekretär hat eigenmächtig gesagt, ich sei nicht würdig zu kommen.
M: Was ist es dann für eine Kritik an Israel, die zumindest bei manchen schon so anstößt?
G: Ja, ich weiß. Also, zuerst einmal, ich erinnere mich, ich dachte, all das sei vorbei, als eine standing ovation kam für David Grossmann. Ich war dabei beim Friedenspreis. Und wo Gauck in seiner Laudatio etwas gesagt hat, das ich auf Englisch sage, wie ers gesagt hat, und Ihre Hörer können Englisch. „Right or wrong, my country. If my country is right let it keep it right. If it is not right make it right.“ Und das ist die eine Seite, man darf das Land kritisieren, sagt Grossmann und sagen viele Israelis. Und auf der anderen Seite, im schönen Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Stern heißt es, die beiden können nicht verstehen, dass man in Deutschland sagt, manchmal, z.B. der Rat: Right or wrong, my Israel. Und dass heute keine Kritik erlaubt sein darf.
M: Herr Grosser, es war die Praxis nach dem Krieg, dass wer, dass man mit einer Stimme, dass die Juden mit einer Stimme sprechen sollten. Und diese Stimme sollte israelfreundlich sein. Sind diese Zeiten Ihrer Meinung nach vorbei, dass man mit einer Stimme nur sprechen darf?
G: Ja, aber das stimmt doch gar nicht. Denn vor mir Ignatz Bubis hat zuerst einmal gesagt, nicht dass er Jude in Deutschland sei, er sei ein Deutscher mit jüdischem Glauben. Und er sei auch sehr aufgebracht, wenn man gleich die Kritik untersagte. Und ich glaube, das muss klar gesagt werden. Die Leute wie ich waren nach dem Krieg sofort hier dabei, weil wir an keine deutsche Kollektivschuld glaubten. Und weil wir glaubten, dass man den jungen Deutschen eine Zukunft geben musste. Gemeinsam z.B. mit dem Bürgermeister von Frankfurt Walter Kolb, den ich 47 gesehen habe, bei meiner ersten Deutschlandreise. Wir hatten die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. Und nun kommt die Frage: Welche ist die heutige Generation der Jugendlichen? Sie haben sich mit Auschwitz zu befassen. Sie haben zu verstehen, was der Kniefall von Brandt in Warschau war. Vielleicht nach Warschau gehen […]. Denn der Kanzler, der 1933 mit 19 Jahren weggegangen ist aus Deutschland, verfolgt als Linkssozialist hat im Namen Deutschlands eine Last auf die Schultern genommen. Damit aber die Jugendlichen heute diese Last tragen können, müssen sie verwirklichen, was Bundespräsident Köhler vor der Knesset gesagt hat. Und ich zitiere den Satz: „Diese Lehre aus den nationalsozialistischen Verbrechen haben die Väter des Grundgesetzes im ersten Artikel unserer Verfassung festgeschrieben: Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutschen. Dazu gehört, zu jeder Zeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten. Daran will sich deutsche Politik messen lassen.“ Ich glaubte zuerst, er würde damit die Palästinenser meinen, die auch Menschen sind. Aber er meinte etwas Anderes. Aber gerade dieser Satz ist, dass jeder, der in der Vergangenheit den Nazismus ablehnt, sich in der ganzen Welt um Menschenrechte kümmern muss, in Deutschland z.B. Und nicht nachmachen wie in gewissen Büchern, wo gesagt wird, oben gibt es genetisch Gute, unten gibt es genetisch Schlechte. Das ist in letzten Büchern gesagt worden. Oder der, der sich um die Asylanten kümmert. Im Namen der Würde aller Menschen, und dazu gehören auch die Palästinenser.
M: Warum möchten Sie am 9. November in der Paulskirche sprechen? Was ist eigentlich Ihr Anliegen?
G: Mein Anliegen ist zuerst einmal zu erinnern, was im November geschehen ist. […] Dann aber auch daran erinnern, wie viele verkannte Deutsche, nichtjüdische Deutsche jüdischen Deutschen geholfen haben. Die Legende eines einigen Volkes, der Nazismus, das stimmt einfach nicht. Das habe ich gewusst. Ich war sicher dessen in der Nacht, wo ich in Marseille gehört habe, im August 44, dass mein Onkel und meine Tante von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden waren, dass mein Vater gestorben war am Herzschlag, nach unserer Ankunft in Paris, dass meine Schwester gestorben war, nachdem wir auf dem Rad nach Süden vor den Deutschen geflüchtet sind. Das alles zusammen hat mich nicht dazu bringen lassen zu sagen: Die Deutschen. Das ist wesentlich und daran werde ich auch erinnern.
M: Herr Grosser, hat man Sie eigentlich, die Kritiker, die, wie Sie sagen, es pietätlos finden, dass ein Israelkritiker wie Sie in der Paulskirche an diesem Tag sprechen wird, hat man Ihnen das eigentlich persönlich gesagt? Oder ist das nur in der Presse gesagt worden?
G: Nein, ich habe auf Umwegen eine Reihe von Statements bekommen. Und eine Reihe von Angriffen, vor allen Dingen natürlich aus Berlin vom Generalsekretär. Und dann ist das wieder aufgegriffen worden, und man hat versucht, die jüdische Gemeinde in Frankfurt zu überzeugen nicht zu kommen. Soviel ich weiß, kommt Herr Korn. Vielleicht sind die bereit zu gehen, wenn ich was ganz Böses sage. Aber die Gemeinde macht mit, und ich bin eingeladen. Ich hoffe, ich werde es auch tun, und irgendwer wird es nicht verhindern, nachher zur Feier in der Synagoge, in die Westend-Synagoge zu gehen.
M: Ich danke Ihnen sehr, Herr Grosser und wünsche Ihnen alles Gute.
G: Danke.

Tina Mendelsohn Abmoderation:
Wir haben das Gespräch mit Alfred Grosser kurz vor der Sendung aufgezeichnet, ihm dann die Anwürfe Salomon Korns vorgespielt. Er wollte zu ihnen nichts sagen. Salomon Korn hat übrigens uns gegenüber auch gesagt, er würde zur Gedenkfeier kommen, behalte sich aber vor, während der Rede zu gehen. Es ist ein schweres historisches Erbe…

Recommended reading:
Lizas Welt – Selbstgespräch mit Kronzeuge
aa:b – Was bedeutet der 9. November? Ist er wirklich ein Tag der Erinnerung oder eher ein inszeniertes Trauerritual?
haGalil – 9. November: Spricht Alfred Grosser in der Frankfurter Paulskirche?
Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis – „Die Haare sind mehr geworden“, Konkret 02/99 (insbesondere als Beleg dafür, dass Bubis als Zeuge für Grossers Aussagen nicht zur Verfügung gestanden hätte)
Eike Geisel – Triumph des guten Willens: Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung

+ 12.11. Schlamassel Muc – Der Süddeutschen falsches Spiel mit Matthias Jena
+ 13.11. Clemens Heni – Erinnern, um zu vergessen, Die Jüdische
+ Clemens Heni – Zur Versöhnung eine Sauerstoffdusche (insbesondere auch nochmal zu Micha Brumlik)
+ 29.11. Verbrochenes – Guido und Alfred oder Das Leiden in Gaza
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Later – Konsens-Kommentar in der Zeit:
Ich finde es schlichtweg scheußlich, wie die Funktionäre des Zentralrat der Juden in Deutschland Alfred Grosser anfeinden. Es soll Israel kritisiert haben, so heißt es. Und er soll Martin Walser zugestimmt haben, Auschwitz sei kein geeignetes Mittel im tagespolitischen Geschäft. Und schon sehen sie rot, die Graumanns, Korns und Kramers. Muss sich ein aus Frankfurt stammender Überlebender der Judenverfolgung des Nazis-Staats vor solchen Leuten für seine Ansichten rechtfertigen? Ich denke, nein. Die Oberbürgermeisterin hat m.E. ganz zu recht an der Einladung Grossers festgehalten.
Der 9. November ist keine Plattform für die Eitelkeiten dumm-dreister Funktionäre, sondern ein nationaler
[!] Gedenktag, der an verletzte Menschenwürde, Raub und Barbarei, eine Selbstverstümmelung [!] Deutschlands erinnert. Aber es stehen Wahlen vor der Tür, im Zentralrat. Und deshalb muss jetzt anscheinend besonders hysterisch aufgetreten werden. Denn mit Charlotte Knobloch tritt ein letzter Vertreter der sog. Erlebnisgeneration [!] ab. […]“ ibn_ruschd zu Publizist Grosser hält an Israel-Kritik fest

Erika Mann * 9. November 1905, München; † 27. August 1969, Zürich



Female war correspondents during World War II (Left to right): Ruth Cowan, Associated Press; Sonia Tomara, New York Herald Tribune; Rosette Hargrove, Newspaper Enterprise Association; Betty Knox, London Evening Standard; Iris Carpenter, Boston Globe; Erika Mann, Liberty magazine

„Lieben konnte sie, aber beliebt war sie nicht. Und sie konnte hassen wie nur wenige. Als sie 1933 Deutschland verlassen hatte, wagte sie es, im April in aller Heimlichkeit nach München zu fahren: Sie war mutig genug, Manuskripte und verschiedene andere wichtige Papiere ihres Vaters zu retten. Wo in späteren Jahren gekämpft wurde und wo es gefährlich war, da war sie als Berichterstatterin an Ort und Stelle: im Spanischen Bürgerkrieg, 1940 bei den Bombenangriffen in London, 1943 am Persischen Golf, 1944 in Frankreich, Belgien und Holland. Als sie gegen Ende des Krieges in amerikanischer Uniform nach Deutschland kam, soll sie, damals noch nicht vierzig Jahre alt, schön wie eine Kriegsgöttin gewesen sein und herrisch wie eine Amazonenkönigin. […] Von Gnade und Barmherzigkeit wollte Erika Mann nichts wissen, Sündern zu vergeben, war sie nicht imstande. Was immer geschah und wem immer sie begegnete, sie blieb so unduldsam wie unversöhnlich. […] Auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters hat Erika Mann einen unmittelbaren Einfluss ausgeübt – und es war alles in allem ein kluger, ein segensreicher Einfluss. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Thomas Mann 1933 nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich in aller Öffentlichkeit vom Dritten Reich distanziert hat.“
Marcel Reich-Ranicki, FAZ

„100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften“ oder: Warum ich mir „Wir sind die Nacht“ nicht ansehen werde

An deutschen Filmhochschulen wird ebenso wie an deutschen Kunsthochschulen kaum und dann meist (!1) auch noch hinterwäldlerisch Theorie gelehrt. Hinzu kommt, dass Studenten der Fächer selten überhaupt Lust auf die wenigen obligatorischen Geschichts-, Philosophie- oder was auch immer Seminare oder Vorlesungen haben. Weswegen viele anspruchsvolle (etc.) Dozenten nach kurzer Zeit genervt und zu Recht aufgeben – was alles noch schlimmer macht.

Exkurs I:
Der Jungle World-Liste der „miesesten Studienfächer“ sollte mindestens noch „Freie Kunst“ hinzugefügt werden. U.a. weil es eine Aufnahmeprüfung gibt, die man nach der Mappenbewertung hierzulande problemlos durch Auslosen oder Hausnummernwürfeln ersetzen könnte. Oder weil man durch die Atelier-Situation Tag und Nacht Menschen ausgesetzt ist, die mindestens so wahnsinnig sind, wie man selbst es ist – das ist nicht gut fürs Selbstbewusstsein! Und niemand, außer vermutlich den Medizinern, trinkt mehr Alkohol in all seinen möglichen Erscheinungsformen als die Künstler – das ist nicht gut für die Leber, den Teint und das Aufwachen irgendwann vielleicht sogar schon am nächsten Tag! Das Material (und der ganze Alkohol etc., der Kaffee und die Kopfschmerz- und Koffeintabletten) für die einzigartigen und künftigen Ruhm versprechenden Werke ist noch teurer als unausleihbare Fachbücher. Man muss also zudem viel arbeiten, und wenn man so richtig dumm ist als Aktmodell. Nur die körperlich gut Trainierten – es gab z.B. ein langjähriges Modell, das bezeichnenderweise ein recht erfolgreicher Zehnkämpfer war – kommen damit durch; denn wer jemals bis zu 30 Minuten zur Unbeweglichkeit verdammt eine alberne Pose einnehmen musste, weiß wie unzulänglich der Muskelapparat der Unsportlichen ist. Wenn man zudem mit höhersemestrigen Studenten desselben Faches zusammenzieht, wird einem drastisch vorgeführt, wie man gegen Ende des Studiums aussieht und lernt Farbpigmente so richtig zu hassen. Und irgendwann gibt es ein Rauchverbot im Atelier – wie soll man denn da noch Kunst produzieren? Usw. usf. Beim Filmstudium kommt noch hinzu, dass sich der ganze egomane Irrsinn mittlerweile unglaublich bieder und unbedingt auswertbar gestalten lässt.

Exkurs II:
Vor einigen Jahren habe ich mir mit einem Freund im Kino „Interview with the Vampire“ angesehen – seltsamerweise ohne, dass wir beide jemals Details über den Film gehört oder gelesen hatten. Wir haben das Ganze bis zum Ende für eine halbwegs gelungene Komödie gehalten (no kidding!) und diverse Male laut gelacht, was die Personen in unserer Reihe ansteckte, den Rest der Zuschauer allerdings – für uns unverständlicherweise – störte.

Dennis Gansel – u.a. Regisseur von „Mädchen, Mädchen“ (no comment!), der absurdesten filmischen Interpretation der Milgram-Versuche, basierend auf Morton Rhues an Tatsachen angelehnte Erzählung „The Wave“, dessen deutschpädagogischer Untertitel „Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ lautet… wie auch immer „Die Welle“ oder ‚die antiautoritäre Erziehung ist Schuld am ganzen Nazizeugs’ und „NaPolA“ („Hakenkreuz statt Hogwarts“, David Hugendick – Napola, konkret 01/05) – hat einen Vampir-Film gedreht, den ich mir nicht ansehen werde. Zu Werbezwecken gibt es im Internet derzeit einen Filmausschnitt, zwei Trailer („German“) und Interviews u.a. des Regisseurs mit der Zeit zu sehen und lesen. Dementsprechend weiß man definitiv zu viel, um den Film noch für eine Komödie oder Parodie halten zu können, wenngleich alles bis auf das Zeit-Interview darauf hinzuweisen scheint. Das nämlich zeugt bloß von Ödnis und mangelnder Theorie-Ausbildung an deutschen Film-Hochschulen (im Fall des Hannoveraners Gansel war das München, wo auch Florian Henckel von Donnersmarck studierte).

Auszug Interview mit Dennis Gansel „Ich würde gerne ewig leben“:
ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?
Gansel: Ich würde gern ewig leben. Wir haben uns diese Frage natürlich auch im Team immer wieder gestellt, und eigentlich waren alle außer mir der Meinung: „Nee, das ist nichts – da stirbt dir nur jeder weg.“ Ich verstehe das schon: alle Menschen, die man liebt, gehen irgendwann, die Welt verändert sich, nur man selbst nicht. Aber ganz ehrlich – ich fände das super! Vielleicht würde ich nach 300 Jahren meine Meinung ändern, aber jetzt scheint mir diese Vorstellung unheimlich verlockend. All die Zeit, die man dann hätte! Einfach 100 Jahre lang nur reisen! 100 Jahre lang nur lesen! 100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften.
ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen wirklich um ewiges Leben oder nicht eher um ewige Jugend?
Gansel: Immer jung fände ich doof. Als Greis ewig zu leben auch. Etwas zwischendrin wäre gut: Als Fünfzigjähriger ewig leben. Ich bin überzeugt, dass ich die beste Zeit in meinem Leben noch vor mir habe.

Zum Wegsterben gibt es neben „Highlander“ (dessen einziger sinnvoller Beitrag zur Filmgeschichte ein angenehm bissiger Kommentar zur Rolle von Frauen in Action-Filmen ist: „Ich habe deine Freundin. Sie ist die klassische Sirene.“) Simone de Beauvoirs eher konventionellen aber trotzdem schönen Roman „Alle Menschen sind sterblich“ (Later: lustigerweise auch als Lektürevorschlag für den Regisseur in den Zeit-Kommentaren erwähnt). Und das Thema Unsterblichkeit taucht (jenseits von Vampir-Romanen) in der Weltliteratur immer wieder auf, beispielsweise in Maturins „Melmoth the Wanderer“ (Why, oh why, am I bad?) oder bei Edgar Allan Poe – in keinem der Werke allerdings kommt der unsterbliche Protagonist (oder bis vor kurzem häufiger Antagonist) auf die Idee, 100 Jahre einen Bauernhof ausgerechnet zu „bewirtschaften“. Und das zu Recht! Natürlich hätte man auch endlich Zeit, 100 Jahre Pullover aufzuribbeln oder 100 Jahre Kaugummi mit den Fingernägeln vom Fußgängerzonenpflaster abzukratzen oder 100 Jahre Film oder Kunst zu studieren. Und das als ewig Fünfzigjähriger…
Den beiden Trailern und den überwiegend durchwachsenen Rezensionen ist zu entnehmen, dass Gansels Vampire – zumindest in der im Film erzählten Zeit – offenbar weder der einen noch den anderen Tätigkeiten nachgehen. Stattdessen sind sie Berlinerinnen, wie sich alle – vom Regisseur bis zu den Rezensenten – zu betonen bemühen. Und das finden sie auch alle gut, weil das Genre damit zurückkehre zum Ursprungsort zum Beispiel, und Berlin sich hervorragend eigne fürs Thema.

Exkurs III:
Die Hauptstadt des ‚wiedervereinigten’ Deutschland soll filmisch anknüpfen an das prä-nationalsozialistische Berlin der 1920er – ob allerdings ausgerechnet Murnaus „Nosferatu“ als Stellvertreter für ein noch unschuldig sich bahnbrechenden filmischen Schöpfungen hingebendes Deutschland gelten kann, ist mindestens fragwürdig. Denn so einfach wie Thomas Koebner es zu begründen versucht, sind die antisemitischen Motive des Films nicht beiseite zu wischen. Koebner hält Anton Kaes’ Vergleich von Nosferatu mit „Der ewige Jude“ „für abwegig; es sei zu plump, die Instrumentalisierung dieser Motive aus der Zeit des Nationalsozialismus auf Murnaus Film zu übertragen.“ (Wikipedia)
Übertragen werden muss allerdings nichts, denn die Repräsentationen beider Filme entstammen nicht bloß den Köpfen ihrer Regisseure, sondern lassen sich auch auf teilweise jahrhundertealte, teilweise im 19. Jahrhundert entstandene Stereotype zurückführen. Judith Halberstam hat den Antisemitismus in Bram Stokers „Dracula“, der Vorlage für „Nosferatu“ in „Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters“ schlüssig nachgewiesen. In der Verfilmung werden die von ihr als antisemitische Stereotype identifizierten Eigenschaften nicht aufgegeben. Ähnliches gilt für die von Gansel als Inspirationsquelle angeführte (bei ihm der in diversen Punkten abweichenden Verfilmung der) Erzählung „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu. Wenn der Antisemitismus dort auch nicht so augenfällig ist wie bei Stoker, gibt Le Fanu Hinweise. (Vgl. auch Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic: „The Crypto-Wandering Jew in „Carmilla“ is not the first Jewish figure in British literature to possess fangs.“ Und allgemein Peter Dan Psychology – How Vampires Became Jewish)
Und bei Le Fanu sind es tatsächlich Hinweise. Le Fanus explizit antisemitische Stereotypisierungen seiner mal als Juden bezeichneten, mal als solche – nachdrücklich – angedeuteten Antagonisten (siehe z.B. „Checkmate“ und „The Wyvern Mystery“) sind selbst im Genre der in der Hinsicht nicht gerade harmlosen Gothic Novel hervorstechend (siehe aber auch Louisa May Alcott – A Long Fatal Love Chase). Was auch immer aus den Literatur- und Film-Vampiren heutzutage geworden ist, eine fundierte Theorie-Ausbildung in künstlerischen Studiengängen (und man gibt dort gerne Vampir-Seminare) hätte sich mit ihrer problematischen Herkunft auseinanderzusetzen, auch damit die Inspirationsquellen nicht so unreflektiert gehandhabt werden.

Seltsam mutet im Zeit-Interview ebenfalls an, dass Gansel an keiner Stelle erwähnt, dass sein Film offenbar auf einer Romanvorlage von Wolfgang Hohlbein basiert (das muss man ergoogeln: „Eine Nacht verändert alles im Leben der einsamen Lena. Sie wird von Louise gebissen, der Anführerin eines weiblichen Vampir-Trios, und gibt sich von nun an hemmungslos den Verlockungen der Unsterblichkeit hin. Bei ihren nächtlichen Streifzügen hinterlassen sie eine Spur aus Blut und Verwüstung. Als Lena sich aber in den jungen Polizisten Tom verliebt und den Vampiren den Rücken kehren will, kennt Louises Zorn auf die Verräterin keine Grenzen. Lena muss sich zwischen der Liebe und dem ewigen Leben entscheiden.“ Amazon). Unangenehm genug und trotzdem: stattdessen…

Auszug, Zeit, ebd.:
Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen […] In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.
ZEIT ONLINE: Warum?
Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt, aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. […] Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.
ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?
Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

Jenseits davon, dass Monica Bellucci in Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ viel mehr als nur „nettes Beiwerk“ ist, Frauen (‚vampirisierte’ oder ‚teilvampirisierte’) spielen im Film – der trotz aller problematischen Inhalte zumindest eines zeigt, nämlich, dass die Monsterjäger oft grausamer sind als die Monster (vgl. allg. Judith Halberstam – The transgender gaze in „Boys don’t Cry“, Screen Journal, thanks to AdG) – durchaus gewichtige Rollen. Und die bei männlichen Vampiren von Gansel vermisste Emotionalität (und das Geliebtwerdenwollen) wird bei Coppola (1992) geradezu penetrant ausgestellt, nachzulesen ist das bei Lars Quadfasel und Carmen Dehnert – Rollback in Transsylvanien.
Nicht zu vergessen Catherine Deneuve und Susan Sarandon in Tony Scotts „The Hunger“, kein sensationeller Film, aber zumindest mit einer am Ende skrupellos über alle triumphierenden Sarandon und David Bowie als – eine zeitlang – „nettes Beiwerk“, den Gansel trotz der auch inspirierengekonnthabenden Eingangs-Party-Sequenz nicht erwähnt. Aber dort sind die weiblichen Vampire ja auch recht ‚unweiblich’ gefühllos…
Außerdem vermisst Gansel die Action-Frauen im deutschen Kino und behauptet dann, die gäbe es bloß bei Besson, der zu dessen Glück kein Deutscher ist. Im internationalen Film jedoch, und zwar auch und gerade im amerikanischen, der angeblich nur Superhelden kennt, sind sie durchaus zu erleben – ich verweise nur auf Ridley Scotts „Thelma and Louise“ (1991). Von der Drehbuchautorin des Films Callie Khourie hat Gansel den Trailern nach zu schließen zumindest etwas gelernt, Khourie nämlich beklagte zu Recht, dass Frauen in Filmen niemals das Auto fahren dürften, weswegen sie Thelma und Louise das Steuerrad übergab, und as soon as they were allowed to drive the car they drove the story (© by AdG). Gansels Vampirfrauen machen daraus das tausendfach repetierte Filmritual: Auf der Überholspur fahren, bis endlich wer entgegenkommt. Den Rezensionen ist zu entnehmen, dass es kaum Blut- und/ oder Sexszenen in „Wir sind die Nacht“ gibt – Thelma hat on screen sichtbaren Sex, mit Brad Pitt.
Es ist außerdem zu befürchten, dass Nina Hoss eine ähnliche Rolle wie in Oskar Röhlers „Elementarteilchen“-Verfilmung spielt, die böse weil fürallesoffeneunddaherschrecklichrepressive 68er-Mutter, die damit allen am Ende den Spaß an der Sache verdirbt. Das gliche der Rolle der antiautoritären Eltern in Gansels „Die Welle“, und „Wir sind die Nacht“ trüge implizit den Untertitel der deutschen Übersetzung des Buches vom Experiment, „das zu weit ging“. Die Botschaft lautete dann, insbesondere wenn man die immer wieder in den Rezensionen erwähnten Vampir-Shopping-Touren berücksichtigt: „Iss’ nicht zu viel Kuchenteig, davon bekommst du Bauchschmerzen.“
Es gibt wie bereits erwähnt zu viele Gründe, sich dem nicht auszusetzen. Wobei ich mir „Let the right one in“ auch nicht ansehen werde, in dem Fall allerdings, weil ich Lindqvists ‚hübsches‘ „So finster die Nacht“ gelesen habe und mir meine eigenen Bilder nicht kaputt machen lassen möchte.

Recommended reading:
Neil Gaiman – Neverwhere
William Wilkie Collins – Armadale
Jane Austen – Northanger Abbey
Leo Perutz – Der Meister des jüngsten Tages
Henry James – The Turn of the Screw
Ian McEwan – The Comfort of Strangers

  1. Gilt natürlich nicht für DdM etc. pp. [zurück]

Later: Ich habe mir die „So finster die Nacht“-Verfilmung doch noch angesehen, und sie ist insofern tatsächlich besser als das Buch, als Lindqvist über weite Strecken nicht nur einen äußerst guten Horror-Roman sondern, kürzte man ihn denn um ca. 200 Seiten, auch einen sehr guten Roman geschrieben hat. Die Mängel des Romans aber, die allein dem Klischee geschuldet sind, werden im Film ganz einfach ignoriert, und es kommt ein sehr kalt distanziert bebilderter und umso beeindruckenderer Film dabei heraus.