Archiv für Oktober 2010

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization III: Irreverence

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization II: Grace

Vaslav Nijinsky ‚dancing‘ Mallarmé/ Debussy „L’Après-midi d’un faune“ (Christian Comte)

Valued qualities and their exemplary aesthetic realization I: Irony

Paul Jones – „I‘ve been a bad, bad boy“ (from Privilege, UK, 1967, director: Peter Watkins)

Reread 6: „Auf geb‘ ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!“* Auf geb‘ ich noch lange nicht, sag‘ mir erst…

*Richard Wagner – Ring des Nibelungen
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In einem Punkt war Wagner wirklich genial. Es gelang ihm, für seine Dichtung – Hier! Hier! Dort! Dort! Weh! Weh! Ein Schwan! – eine passende Musik zu finden. Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, Puccini und alle anderen wären dabei draufgegangen.
Rainer Trampert/ Thomas Ebermann – Sachzwang und Gemüt

Während Daniel Barenboim in den USA noch vorwiegend für sein musikalisches Schaffen ausgezeichnet wird, geschieht dies hierzulande meistens im Rahmen seiner friedensfördernden Projekte. Barenboim ist also u.a. Träger des „Paul-Hindemith-Preises der Stadt Hanau“, des „Ernst von Siemens Musikpreises“ der Stadt Zwickau, des „Hessischen Friedenspreises“, des Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt, des Westfälischen Friedenspreises und des Herbert-von-Karajan-Musikpreises, „weil er die klassische Musikwelt nicht nur entscheidend geprägt sondern auch versöhnend weiter entwickelt hat“ (Wikipedia).
Wie auch immer man sich eine „versöhnend weiter entwickelte“ „klassische Musikwelt“ vorzustellen hat, gebe es einen „Richard Wagner-Preis“ zur Versöhnung der Deutschen mit dem Komponisten, der wie kein anderer zu ihrer Selbststilisierung als Gesamtkunstwerk beigetragen hat, so stünde Barenboim mit Sicherheit auf der short list der zu Prämierenden. Mag Barenboim selbst bloß darum bemüht sein, seine Liebe zum musikalischen Œuvre Wagners irgendwie zu rechtfertigen, – wer will das beurteilen? – den gesamtkunstwerkapologetischen Deutschen geht es keineswegs in erster Linie um Wagners Musik. Bis auf den „Ritt der Walküren“ sind sie nur wenig mit ihr vertraut (und auch das überwiegend wegen der kongenialen filmischen Adaption einer einzigartigen Erzählung).

This year I have been three times--to FAUST, TOSCA, and--“ Was it „Tannhouser“ or „Tannhoyser“? Better not risk the word.
E. M. Forster – Howards End

Von Wagner kennt man mittlerweile vornehmlich die zu den Bayreuther Festspielen Pilgernden, bekannt aus dem, was man im deutschen Fernsehen so unter Politik, Kultur und Unterhaltung versteht. Je nach politischer Couleur gerieren die sich beim Akt als Revolutionäre, Rebellen, Unkonventionelle, Konservative und/ oder Genussmenschen, denen das den Deutschen gerade mal fünf Jahre obligatorische Gruseln umso ostentativer mutig überhaupt nichts mehr ausmacht. Gottschalk ist so widerständig wie seine mal in der 1980er Byron-Reprise der Byron-Reprise der 1960er misslungene Kleidung und dann wieder als fünfter Musketier aus einer deutsch-italienisch-bulgarischen Verfilmung vorort; Guttenberg mit schmückendem Beiwerk und Gel im (absurd!) Stufenhaarschnitt; Merkel, weil Wagner im freudlosen Osten so gar nicht zu gehen schien; Claudia Roth, um 2001 die Renaissance des Pink der 1980er erfolgreich zu promoten usw. usf. Wenn Cem Özdemir Mappus vom baden-württembergischen Thron kippt, darf er bei den Festspielen 2011 die 1990er Wiedergeburt der 1960/70er Wiedergeburt der Koteletten des 19. Jahrhunderts einleiten.
Bayreuth versucht seit dem „Wiederaufsperren“ (Adorno) im Jahre 1950 verzweifelt, so harmlos wie ein ausdrücklich hutloses Ascot und eine deutsche Last Night of the Proms ohne Mitmachen und Rasseln (dafür jetzt aber auch mit Public Viewing!) daherzukommen. So albern wie am Ende der Saison in London kann es in Bayreuth nur beim (trotzdem öden und peinlichen) Defilee zugehen, sobald man den Konzertsaal betreten hat, erschöpft sich das deutsche Vergnügen im Witz, der bei Wagner überwiegend als die Juden als grotesk, unauthentisch und dergleichen denunzierend reüssiert. Absurderweise ‚verdankt’ sich Wagners Ruf als die Musik modernisierender, als revolutionärer Komponist hauptsächlich seinem Antisemitismus. „Wie antisemitisch kann Musik sein?“, fragt Gerhard Scheit und deckt die Ausdrucksmöglichkeiten (ganz abgesehen von den Libretti) einer Kunstform auf, deren Konsumenten meinen, dass Musikgenuss flüchtig sei (wer kauft heutzutage schon noch Partituren?), mathematisch, abstrakt oder bloß zu Tränen rührend (was Beethoven den Deutschen sehr übel nahm) etc. pp.

Das „Judenthum in der Musik“ ist keineswegs, wie später in Bayreuth behauptet wurde, der Abschluß, sondern der Beginn von Wagners Antisemitismus im Sinne eines kulturpolitischen Konzepts. […] Sein Antisemitismus aber blieb und äußerte sich vor allem in den Schriften „Über Staat und Religion“ (1864, „Was ist deutsch?“ (1865/78), „Deutsche Kunst und Politik“ (1867) bis zu den Regenerationsschriften (1879-1881).
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Barenboim jedoch mag nicht aufhören Wagner ‚mutig’ zu entschulden – gerne in Deutschland, wo ihm die Zustimmung umso sicherer ist, als die Deutschen sich mitgemeint wähnen (dürfen!) und ahnen, dass sie auf keinen ihrer – nicht so zahlreichen, wie sie gerne vorgeben – Kulturschaffenden von Weltgeltung verzichten können. Barenboim teilt ihnen diesmal mit, er glaube nicht, „dass man Wagner mit der Endlösung verbinden kann.“ (zitiert nach: Volker Blech – Barenboim nimmt Wagner in Schutz, Morgenpost) Natürlich sei Wagner „ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte“ gewesen, „zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.“ (Ebd.) Unbestritten. So mag man denn auch behaupten, Wagners angeblich singuläre Verfehlung, seine antisemitische Schrift über das „Judenthum in der Musik“, sei bloßer Spiegel seines „Egomanentums“ (Barenboim) oder bloß mainstream-kompatibel gewesen. Die Vehemenz und Irrsinnigkeit allerdings, mit der Wagner sich als verfolgtes Opfer darstellte, nimmt das grundlegende Thema vorweg. Und „Das Judenthum in der Musik“ war nicht Wagner einzige antisemitische Tirade, wie Wagners Urenkel Gottfried zeigt:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner, ebd.


Briefmarken-Serie: Nothilfe mit Darstellungen aus den Werken Richard Wagners, Erstausgabetag: 1. November 1933

„Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war“, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen.“ (Morgenpost, ebd.) Und: „Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte.“ (Barenboim, zitiert nach: ebd.) Warum es nicht möglich ist, Richard Wagners musikalisches Werk von seinem antisemitischen Weltbild zu trennen und Wagner „offensichtlich unvereinbare Elemente“ zu vereinigen versuchte, hat Gerhard Scheit in „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ analysiert.
Doch stets schafft Wagner in einer Figur – sei es Alberich, Mime oder Hagen – einen Fokus der Abweichung, Trübung oder Zersetzung.
Es scheint, als biete die Musik nicht unbedingt die Möglichkeiten, die Figuren gegeneinander scharf abzusetzen – wie der Strich des Karikaturisten oder die Worte des Artikelschreibers oder auch die Mimik und Sprechweise des Schauspielers –, da sie doch davon lebt, die Motive in Zusammenhang zu bringen und eins ins andere zu verwandeln oder aufzulösen. So wird bei Wagner eine Vielfalt kompositorischer Methoden aufgeboten, um die Eindunkelung der lichten Momente zu bewerkstelligen und damit die Abgrenzung zwischen den Sphären aufzuheben. Der Komponist selber spricht von einer „fremdartig ableitenden Harmonisation“, wenn er an einem Beispiel aus der Walküre zu erklären sucht, was mit Natur- und Walhall-Themen durch Alberichs, Mimes oder Hagens Eingreifen fortwährend geschieht. Georg Knepler sieht völlig neue „Techniken zur Konfliktlösung“ [A.a.O.], wenn komplexe musikalische Vorgänge der Eintrübung, Verzerrung und Entstellung mit den negativen Figuren der Handlung semantisierbar werden. Die schließt jedoch nicht aus, sondern legt im Gegenteil eher nahe, daß sich Wagner bei der Komposition durch die antisemitisch geprägte Vorstellung leiten ließ, wonach die bösen Wesen sich in die guten einschleichen und sie von innen her zersetzen. Und so gesehen, hat Wagner in der Musik völlig neue Techniken antisemitischer Projektion entwickelt.
“ (S. 296 f; ein kurzer aber erhellender Auszug ist außerdem zu finden unter: Gerhard Scheit – Blonde Bestie, ewige Jüdin. Wagners Vernichtungsklang)

But, of course, the real villain is Wagner.
E.M. Forster – Howards End

In den Deutschen Medien beklagt man sich trotzdem unisono über die Unversöhnlichkeit der Israelis. Man kann ja gerade noch verstehen, dass diejenigen, die in den Vernichtungslagern miterleben mussten, wie sich die Deutschen mit Wagners Musik in mörderische Stimmung brachten, ihn nie wieder hören möchten. Aber nachdem sie – wie permanent mitgeteilt wird – demnächst aussterben werden… (Mit Claude Lanzmann – für den der Tod eine Schande bedeutet – möchte man für alle einfordern, was er sich für Michael Podchlebnik, einen inzwischen verstorbenen Überlebenden Chelmnos gewünscht hätte: „Männer seines Schlages sollten nie sterben dürfen.“ Der patagonische Hase)
Und obwohl viele nachweislich und zum großen Unbehagen der Deutschen, die endlich die letzten Zeugen beseitigt wissen möchten, nach wie vor überleben, ‚muss doch wohl endlich mal Schluss sein’… Und man gibt sich ein wenig indigniert, denn: „Kürzlich erst waren dort die (medialen) Leidenschaften wieder entflammt, als bekannt wurde, dass die junge Festspielleiterin Katharina Wagner in bester Absicht ein Kammerorchester aus Israel in Bayreuth empfangen wollte. Die Regisseurin hatte bei Amtsantritt bereits angekündigt, die Nazi-Verwicklungen ihrer Familie aufarbeiten zu lassen. Aber ihre einladende Geste sorgte für Unmut in Israel.“ (Morgenpost, ebd.)
Die ‚Aufarbeitung’ der „Nazi-Verwicklungen“ – man handhabt sie unterdessen wie die eines Stuhls oder Sofas, irgendwo kann man das Schmuckstück wohl hinstellen, schließlich ist es ein Erbstück und durchaus noch zweckmäßig zu verwenden.

Recommended reading:
Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult
Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
Claude Lanzmann – Der patagonische Hase

+ Playlist: „Heute mal nicht Wagner“

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 1/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 2/3

Pjotr Tschaikowskij – Francesca da Rimini 3/3

Dmtri Schostakowitsch – Klavierkonzert No. 2: II Andante

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 1/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 5: I Moderato 2/2

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 10: II Allegro

Dmtri Schostakowitsch – Sinfonie No. 8: II Allegro non troppo

Bernard Herrmann – Psycho Suite

„Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“ – Kann schon sein… 2010 Remix

Die Fassade des Reichstags ist erst in Schwarz-Rot-Gold, dann ins Blau der Europafahne getaucht, die ersten Takte der „Ode an die Freude“ heben an, das Feuerwerk spritzt in den Himmel. Gänsehaut-Atmosphäre in Berlin wie damals in jener Nacht vor 20 Jahren, als Deutschland zur Mitternacht wiedervereinigt war.
Sebastian Fischer – Deutschland feiert sich, Spiegel online

Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.
Christian Wulff

Als 2009 den virtuell demokratiebegeisterten Deutschen vom Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung offenbar erschreckend häufig die NPD als Partei, die ihren Neigungen gerecht werden könnte, angeboten wurde, meinte man, das damit wegreden zu können, dass die NPD „wie ähnliche Gruppen [?] auch – ziemlich geschickt darin [sei], Forderungen zu formulieren, denen viele Menschen zustimmen können.
Oder: „Viele Programmaussagen der NPD aber lassen sich nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema nicht mehr deutlich einordnen – wenn man also einfach einen rechnerischen [?] Durchschnitt ermittelt, dann kann die Partei durchaus in „der Mitte“ [!] liegen.“
Oder: „Wer ausschließlich auf die konkreten [?] Forderungen von Parteien wie der NPD schaut, verliert das Wichtigste aus dem Blick. Dass nämlich vor der Lösung politischer Detailfragen erstmal Einigkeit über Grundsätzliches hergestellt sein muss – über Demokratie und Menschenrechte, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und die Ablehnung von Dingen [?] wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel. Aber das Problem ist wohl, dass all dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Tatsächlich?
Oder: „Die NPD fordert ein höheres Kindergeld. Sie will kleinere Schulklassen. Sie lehnt die Atomkraft ab. Und verlangt mehr Volksentscheide. Das sind doch alles gute Sachen, oder? [ODER?] Doch wer einige dieser Positionen teilt, kann beim Wahl-O-Mat eine „Übereinstimmung“ mit der rechtsextremistischen NPD bescheinigt bekommen. Ist er oder sie deshalb ein verkappter Nazi? – Nein, natürlich nicht.
Natürlich nicht! Verkappt?
Oder: „Was Parteien wie der [sic] NPD von Demokraten unterscheidet, sind nicht so sehr [!] Forderungen zur Familien-, Bildungs- oder Umweltpolitik. Sondern die Antworten auf Fragen wie diese: Sind Sie dafür, dass alle Menschen gleiche Rechte und dieselbe Menschenwürde haben? Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu den höchsten Werten des Grundgesetzes und dürfen nicht angetastet werden, oder: Ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess für Sie ein Held? Von solch harten Fragen lenkt die NPD durch ihre „weichen“ Forderungen ab, und das ist Strategie.“
Alle Zitate: BpB, Thoralf Staudt – Hilfe bin ich jetzt ein Nazi?
Zu Sicherheit wurde jedoch noch einmal darauf verwiesen, dass es in Deutschland eine unbestechliche Institution gäbe, bei der man erfahren könne, wo man als guter und den Schein zu wahren bereiter Nachkriegsdeutscher sein Kreuz auf keinen Fall zu machen habe:
Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. […] Welche Parteien als extremistisch eingestuft werden, können Sie auf den Seiten des Verfassungsschutzes nachlesen: www.verfassungsschutz.de.“ (BpB)
Was hierzulande als selbstverständlich vorausgesetzt wird, beweisen die Deutschen wieder mal; und die scheinbar (!) erschrockene Reaktion in den Medien angesichts der Zahlen, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) vorgelegt hat, dient bloß der Exkulpation. Dass im einen Volk weitgehende Übereinstimmung herrscht, und ‚Links’, Mitte und Rechts in Deutschland immer noch deutsch sein wollen, kann nicht überraschen. Zum Thema wurden in den letzten Jahren diverse (mehr oder weniger gelungene) Bücher publiziert.
Beim Spiegel z.B. rechnet man sich dennoch alles schön, Beispiel:
Der vorgegebene Satz lautet: „Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ Die Zustimmung/ Ablehnung verteilte sich wie folgt: lehne völlig ab – 21%, lehne überwiegend ab – 16%, stimme teils zu, teils nicht – 27,4%, stimme überwiegend zu – 21,9%, stimme voll und ganz zu – 13,7%. Der Spiegel errechnet daraus 35,6% Zustimmung.
Schlimm genug wäre das, aber alles außer einer nicht vollständigen Ablehnung dieses Satzes hat, jenseits anderer Erwägungen, ebenfalls zu berücksichtigt werden. Die Prozentzahlen, mit denen in den Medien derzeit im ‚Negativbereich’ gearbeitet wird, täuschen immer noch über das tatsächliche Ausmaß von u.a. Rassimus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der „Wertegemeinschaft“ Deutschland hinweg.
Sarrazin, Seehofer, und wie sie alle heißen mögen, sind tatsächlich in einer Hinsicht das, als was sie sich gerieren: Die Vertreter des unbeirrbar harten, mitleidlosen, missgünstigen und sentimental selbstgerechten Volkswillens. Das Deutscheste an ihnen ist, dass sie das auch noch als mutig und aufopferungsvoll ausstellen. Was sie den Deutschen unverzeihlicherweise erneut in die Hand geben wollen, in Zusammenarbeit mit den deutschen Massenmedien, ist der unbedingte Wille, nachdrücklich und um jeden Preis mal wieder eine als solche auch noch bezeichnete deutsche Identität zu konstruieren. Und wie immer, wenn es in der Geschichte des Volkes ums Deutschtum geht, wird zum sich Wehren aufgerufen.
Reprise: „Für alle – wir sind ein Volk […]. [W]er unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ Und Wulff „hält nur eine knappe Ansprache, fordert zu „stillem Stolz und lautem Dank“ auf. Dann ertönen die Hymnen.“ (Sebastian Fischer, ebd.)

Highly recommended reading:
Améry, Horkheimer, Adorno, Claussen, Scheit, Bruhn, Pohrt, Berg etc. pp.
Gisela Elsner – Heiligblut
Gershom Sholem – Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch (Auszug bei ex-antifareferat Freiburg)
Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle
Nichtidentisches – Die letzte Tapferkeit/ Deutsche Klotüren
+ Later:
Telegehirn – Das ist Wahnsinn! Nein, das ist Deutschland!
WADIblog – Gelungen assimiliert

Anselm Kiefer – der Künstler als Deutschlandinsichtragender

Anfang der Neunziger stand der Autor dieses Artikels verdutzt daneben, als sich zwei Besucher im San Francisco Museum of Modern Art über ein Kiefer-Exponat unterhielten, das ein jüngerer, durchaus weltläufig aussehender Mann seinem Kollegen schwärmerisch mit den Worten anpries: »It’s Kiefer, the new nazi artist from Germany!«
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Yeah, I got a thing for cows.“ Lana, Boys Don’t Cry

Ebenfalls Anfang der Neunziger waren Kühe unerklärlicherweise das angesagteste Accessoire fürs Mädchen und sein Zimmer. Es gab Kuh-Miniaturen, Ohrhänger, Armbänder, Poster, Geschirr, Salz- und Pfefferstreuer, Röcke, Jacken, Strumpfhosen – alles schwarz-weiß gefleckt. Dass der recht peinliche Hype der Grund dafür ist, dass Anselm Kiefer seine neun seit 1994 entstandenen Kuhbilder jetzt erst der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist anzunehmen. Wobei seine Kühe, natürlich, überwiegend hellbraun sind. Bei Berlin online kann man ein Beispiel aus der „Europa“-Serie sehen: Vor kieferschem Hintergrund, der seine üblichen Tafelbilder* als das, was sie tatsächlich sind, entlarvt, weidet eine Kuh, die einem ambitioniert illustrierten Kinderbuch aus den 1960ern enttrabt zu sein scheint. Zudem hat Kiefer den Platz im Bild, hinter dem bei einer echten Kuh der Magen liegt, mit Stroh und/ oder Heu beklebt, was vom Materialreiz her ungefähr so aufregend ist wie die von aufs Land verschlagenen Lehrerinnen in ihrer Freizeitverzweiflung verfertigten überdimensionierten Kränze aus Zeugs vom Feld, die man dort zur Abschreckung an die Haustür hängt.
Kiefer, der, natürlich, Beuys-Schüler, der im Gegensatz zu Jonathan Meese seine Hitler-Gruß-Posen völlig unaufgeregt und mit riefenstahlschem Unschulds-Pathos inszenierte, geht wie jeder gute Deutsche und nach wie vor davon aus, dass er ein Provokateur sei. So verkündete er bei der Vernissage Angela Merkel, die die Kuh-Ausstellung eröffnete, „er habe wohl eines mit der Kanzerlerin gemeinsam, und zwar dass sie beide im Ausland mehr angesehen seien als im Inland.“ (Berlin online – Merkel eröffnet Kiefer-Ausstellung in Potsdam) Gemeinsam haben sie, dass sie sowohl im In- als auch im Ausland unangemessen „mehr angesehen“ (Meinten Sie: angesehener) sind, als sie es ob ihrer für den jeweiligen Beruf verfügbaren Fähigkeiten sein sollten. Egal…
Zum wiederholten Male muss hier mitgeteilt werden, dass jemand, der fürs selbst Geschaffene kritisiert wird, nicht notwendigerweise ein mutiger Provokateur, ein bahnbrechendes Genie, ein ungerecht Verfolgter bzw. Vertriebener (Kiefer setzt ‚uns‘ in Kenntnis: Er müsse gar nicht in Deutschland wohnen, er trage nämlich Deutschland in sich – schön wär’s) oder was auch immer man sich in einschlägigen Kreisen so einbildet, sein muss. Da das deutsche Aufopferungsraunen aber regelmäßig mindestens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbringt, den Kiefer 2008 als erster bildender Künstler überhaupt entgegegen nehmen durfte, bleibt dem mittelmäßigen Zeichner, dem Künstler, der Antoni Tàpies’ seltsam wilden Umgang mit dem Material in etwas Eintopfartiges verwandelte, nichts als sich einzigartig wähnend rumzujammern – wie vor ihm alle anderen von Deutschen als künstlerisch anerkannten Deutschen.

The friendly cow all red and white,
I love with all my heart:
She gives me cream with all her might,
To eat with apple-tart.

R.L. Stevenson – The Cow

Eine Kuh-Serie fordert den Vergleich mit Picassos Stier-Arbeiten unvermeidlich heraus, und der endet wie der mit Tàpies. Kiefers Kühe sind ganz im Gegensatz zu den sensationellen und tatsächlich einzigartigen Stieren Picassos (selbst wenn er sie Metzger-Schaubildern gleich in Zonen aufteilt) essbar. „Europa“, „Pasiphae“ (s.u.)? Humbug! In Kulturzeit wurden sie ebenfalls vorgeführt, und sie heißen definitiv: Malwine, Trude, Dietgard, Jutta usw. Wie sie auch das lieblos im obligatorischen Grundkurs Aktzeichnen I erlernte Bemühen um anatomische Wiedererkennbarkeit belegen. Ob nun mit oder ohne Loch im Bauch. „Dahinter sind auf Leinwänden mit dicken [sic!] Farbauftrag [so einfach ist das nicht, hiermit für deutsch verfolgt erklärter Kunstbejubler von dapd, ddp oder Berlin online!] - Kiefer verwendet Öl und Acryl – liegende, weidende oder stehende Kühe zu sehen. Auf einigen liegen Naturmaterialien wie Heu oder Dornenzweige.“ (Berlin online, ebd.) Dornenzweige, natürlich, und die Kanzlerin stimmt leidend ein: „Merkel sagte sie freue sich besonders, dass sie einmal über Kühe sprechen könne, ohne dass sie über Agrarsubventionen sprechen müsse.“ (Ebd.) Ja, unglaublich witzig. Der ebenfalls anwesende Mathias Döpfner (Bild-Überschrift: „Die Kunst der Kühe“ – dem ist nichts hinzuzufügen) dürfte angemessen gegrinst haben.
Bei Berlin online geht es genauso lustig weiter: „„Europa“ nennt der 65-Jährige einige seiner Werke, „Pasiphae“ andere. Diese mythische Figur versteckte sich der Legende nach in einer hölzernen Kuh, um sich mit ihrem geliebten Stier vereinigen zu können. Daraus ging der Stiermensch Minotaurus hervor, der später viel Unheil anrichtete. […] Es sei natürlich kein Zufall, dass diese Bilder nun an dieser Brücke zwischen Berlin und Potsdam, „wo Europa sich weitergebildet hat, gezeigt werden“, sagt Kiefer […]. Er fügt hinzu: „Aber es gibt keinen Zufall, und es stand schon geschrieben, dass die Kühe über diese Brücke kommen würden.““ Wie deutsche Weiterbildungsprogramme für Europa in der Regel aussehen, hat die Geschichte gezeigt. Und wo alles Schicksal ist, kann niemand schuldig geworden sein.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hervorragende Kunst kann auch auf dem Boden zynischer (nichtdeutscher! Dass das nicht möglich ist, wurde bewiesen.) Ideologien entstehen, und kein Künstler ist verpflichtet rücksichtsvoll zu produzieren, wie Kunst auch keine demokratisch abgestimmte Veranstaltung sein kann.

And Ulrich, who felt pleasantly relaxed, slowly raised his arm, perhaps for no better reason than a desire not to impede the hypnosis, or a wish to please the doctor. For no other reason … He knew, he was convinced, he was positive that he was not a good hypnotic subject as he opened his eyes, with his right hand raised in a stiff salute.
I think we’re getting there, said the doctor pleasantly.
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?

Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979)

Der Produzent buchstäblich bleischwerer, pathetischer Hintergründe hatte bereits vor der Erfindung der Leichtigkeit der Kühe eine Phase malerischer Unbefangenheit mit Vordergrund vorzuweisen: Die oben erwähnten Bilder, in denen er sich selbst als Underground Comic-artige Figur vor skizzierten Hintergründen den rechten Arm hebend darstellt, mit nichts Anderem im Sinn, als unausgesprochen Adorno – ausgerechnet! – zu widerlegen: „Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob Kunst nach dem Faschismus überhaupt noch möglich ist. Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung …, ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden.“ (Anselm Kiefer, zitiert nach Ulf Poschardt – Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst, Welt.online)
Wie üblich irrt Poschardt, zu Kunst wird von Kiefer gar nichts gemacht. Es waren die Nationalsozialisten, die sich mit dem „deutschen Gruß“ ausdrücklich zum Gesamtkunstwerk wagnerschen Überausmaßes erklären wollten; ob als Selbsterfahrungsbebilderung oder missverstandenes Readymade: ‚Die Geste’ ist künstlerisch nicht ‚verwertbar’, weil sie in Dimensionen eindrang, die Kunst verwehrt sind. Es ist außerdem ein typisches Ansinnen von deutschen Leserbriefschreibern darauf hinzuweisen, es handele sich bei ‚der Geste’ um eine römische oder caesarische oder irgendeine Tradition – nach Auschwitz aber stimmt nichts mehr. Und für Kiefer gilt noch mehr als überhaupt (vgl. Gerhard Scheit – Mülltrennung) Adornos: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.
Wie überdurchschnittlich viele Deutsche ist Kiefer ein Vertreter von Binnengruppen-Rebellion, was letztlich bloß bedeutet, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinauszublicken in der Lage ist. Im harmlosesten Fall bedeutet das, dass man für Alexander ist, weil alle Freunde Daniel favorisieren. Die Steigerungsform ist, dass man bei der WM für Deutschland jubelt, weil zwei oder drei Freunde das immer noch nicht tun. (Man kann sie übrigens zur Weißglut treiben, indem man ihnen Mas Que Nada auf den Anrufbeantworter spielt! Im Experiment bewiesen.) Am oberen Ende der Skala ist man wieder mal deutsches Opfer. Wie Kiefer, der kein „Antifaschist“ (vgl. Welt.online) sein und trotzdem nur eine deutsche Antwort finden wollte. Wollte, weil der von ihm deutsch zu widerlegende Adorno längst eine Antwort aufs so genannte Antifaschistentum gefunden hatte, die Kiefer offenbar nicht verstehen konnte (weil er ihn wie so viele, die ihn widerlegen möchten, nicht einmal gelesen hatte) oder den Willen (!) dazu nicht aufbrachte – weil seine Idee ihm albernerweise so einmalig erschien.
Angesichts von Kiefers Bunkerunddergleichen-Installationen meinte Christoph Krämer sich fragen zu müssen, was er denn da gesehen habe: „Nachsatz: Mehr als einmal sind mir beim Schreiben dieses Artikels Zweifel gekommen, ob es sich bei der Arbeit Kiefers nicht um eine höhere Form von Kitsch handelt, um raunendes Pathos, um die kunstgewerblich gefaßte Beschwörung von Vergänglichkeit, kurz, um die Kunst einer Betschwester. Das jedoch erging mir so nur beim Aufschreiben, nicht beim Sehen. ?“ (Christoph Krämer – Die Augen, der Bauch und der Kopf. Kitsch oder Kunst? – Anselm Kiefer in London und Paris, Konkret 09/07)
Wie kann man das beim Betrachten des vereintopften respektive konsumierbaren Pseudomaterials übersehen oder -hören? In London und Paris? Die absolut unzerstörbaren Bunker, die man z.B. während seines Aufenthalts an der dänischen Nordseeküste immer wieder fotografieren möchte, sind Dokumente der Barbarei und im Foto uneingeschränkt Kitsch. Die brutale Zweckmäßigkeit (Weitermachen mit der Vernichtung um jeden Preis! Was sie von allen entsprechenden Gebäuden ihrer Gegner unterscheidet!) der Bauten kann auf ästhetische Konturen reduziert gar nichts anderes sein. Der Nachbau ist prinzipiell Kunsthandwerk, und dient als kultureller Salz- und Pfefferstreuer. Das pubertäre Bedürfnis der deutschen Nachkriegskünstler darauf zu verweisen, dass man – wie belegt – ja noch viel schlimmer und böser sein könne, wird hierzulande und unsinnigerweise weltweit durchaus goutiert. Der absolut unangemessenen Opferhaltung wohnt immer das sich wehren inne. Und nur deshalb sind sie in der Lage, ihren oft mittelmäßigen Kunstwerken etwas Unverwechselbares zu verleihen. Ob man das als thrilling Nazi Chic, befriedigend oder beängstigend empfindet, ist eine Frage kritischer Analyse. Den Künstlern selbst ist es erschreckend und mit grimmiger Entschlossenheit gleichgültig.

Und was, bittschön, ist an Anselm Kiefers »Heroischen Sinnbildern« unschuldig? Kiefer hatte sich für diese im Bildband ausführlich dokumentierte Serie an verschiedenen historischen Stätten mit Hitlergruß fotografiert und seine Pose nachträglich in pathetische Gemälde umgesetzt. Die Serie sei vor allem Jean Genet gewidmet, schreibt Kellein in seinem Katalogbeitrag – aber eben nicht nur Genet, sondern auch Ludwig II., Caspar David Friedrich, Ernst Jünger, Richard Wagner und Adolf Hitler. Wieder einmal wird Kiefer, der ähnlich wie Hans-Jürgen Syberberg dem Germanenpathos, -klamauk und Säbelgerassel eher erliegt, als daß er es einer Kritik unterzöge, als »Mahner« vorgestellt. »Die Wahl der Orte ist nicht evident, insofern Deutsche hier nicht überall Krieg geführt und Mord und Leid verursacht haben«, legitimiert Kellein die Kiefer-Aktion als »Konstruktion historischer Mimesis« und vergißt nicht anzumerken, daß Kiefer »als 1945 Geborener weder Täter noch Opfer gewesen ist«.
Doch bereits die Tatsache, daß Kiefers Verarbeitung deutschnationaler Mythen und Bilder vom Teutoburger Wald bis zur schlesischen Landschaft die Opferperspektive weitgehend ausblendet, hat ihn zu einem Idol der Neuen Rechten werden lassen, so sehr der Künstler selbst seine Faszination für jüdische Kultur und Mythologie auch immer wieder betont. Gegenüber dem »Focus« erklärte er 2002: »Mit der Vernichtung der Juden haben sich die Deutschen selbst amputiert.« Auch hier richtet sich Kiefers Blick nicht vornehmlich auf die Opfer, sondern auf Ruf und Reputation »der Deutschen«, getreu seiner Selbsteinschätzung: »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands.« Von Unschuld kann hier keine Rede sein. Götz Adriani bringt es auf den Punkt: »Die Haltung des Künstlers ist indifferent.«

Martin Büsser – Wohlstand als Triebfeder. Das Umschreiben der Geschichte geht im Kulturbetrieb weiter – wie der großangelegte Versuch zeigt, ’68 als unschuldigen Neubeginn in der Kunst darzustellen, Konkret 09/09

* Da passt immer noch eine Kuh rein!