Deutsche Denkmäler I: Ein Denkmal für Adorno – den Spaßverderber!

Mit der Ausführung des Denkmals hatte das städtische Hochbauamt das Frankfurter Büro INDEX Architekten beauftragt. Es galt, eine möglichst atmosphärische Umsetzung des künstlerischen Themas bei Beachtung der sicherheitstechnischen Bestimmungen im öffentlichen Raum und den bautechnischen und physikalischen Ansprüchen zu erreichen. Konstruktiv wird das Denkmal wie ein Gebäude bewertet. Es verfügt über einen Wartungstunnel mit einem Einstieg außerhalb des Objektes als einzigem Zugang zum Glaskubus. Dieser ist komplett abgedichtet, weist in seinem Inneren eine konstante Luftfeuchtigkeit auf und wird weder beheizt noch belüftet. Sämtliche Einbauten wurden auf Dauer angelegt und verformungsresistent konstruiert.
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Foto: dontworry

Das Falsche der Sinngebung, das Nichts als Etwas, erzeugt die sprachliche Verlogenheit.
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

Als ich 15 wurde, habe ich ein Geburtstagsgeschenk bekommen von einem zum Zeitpunkt 16jährigen, in den ich seit Monaten hoffnungslos und an Wahnsinn grenzend (ask my mom!) verliebt war: eine 0,5l Cola-Flasche gefüllt mit Wasser, einem orangefarbenem Buntstift und einem Pfennig. Bei der Übergabe wurde mir mitgeteilt, der Buntstift stünde für „deine Kunst und der Pfennig dafür, dass du damit erfolgreich sein wirst“… Ich war also 15, definitiv wahnsinnig (ask me now!) und entsprechend begeistert: Er hatte sich Gedanken über mich gemacht, überhaupt zwischendurch mal an mich gedacht und mir ein ungeheuer bedeutungsvolles Etwas gewidmet, und ‚was basteln’ ist eh viel toller als ‚was kaufen’ or so the saying goes.
Das Adorno-Denkmal in Frankfurt funktioniert ähnlich, nur ohne Wasser.1 Alles in ihm steht stellvertretend für. (Das ist wirklich das Satzende.) In einem Kubus aus Sicherheitsglas stehen auf einem Parkettboden ein Schreibtisch und ein Stuhl, die dem Schreibtisch und dem Stuhl, die sich in Adornos Arbeitszimmer befanden, absichtsvoll nicht einmal ähneln. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchtet eine Lampe auf dem Schreibtisch und soll Adornos nächtliches Schreiben symbolisieren. Das ebenfalls auf dem Tisch sich befindende Metronom tickt ohne Unterlass und repräsentiert sein musikalisches, die aufgeschlagene Ausgabe der Negativen Dialektik sein …ha!… philosophisches Werk. (Es handelt sich offenbar tatsächlich um die Negative Dialektik und nicht um absichtsvoll und beispielsweise Heideggers Sein und Zeit, Ganghofers Schweigen im Walde oder den Schwarm von Schätzing, um den Realitäts- respektive Authen-tizitätsbegriff noch ein klein wenig und ungeheuer originell herumzuschieben, s.u.) Dann gibt es noch ein getipptes Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen und ein Notenblatt, die stehen für Adornos Schwerpunkte. Um den Kubus herum ließ Vadim Zakharov, der zum Zeitpunkt der Einweihung (2003) 44-jährige (!) Schöpfer des Denkmals, ein Labyrinth aus weißem Marmor und schwarzem Granit basteln, und darin Zitate aus der Ästhetischen Theorie und den Minima Moralia einmeißeln.

Jahre später als jene Stelle geschrieben ward, hat Auschwitz das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. Daß es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, daß diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber, im emphatischen Anspruch ihrer Autarkie, haust die Unwahrheit. Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.
Theodor W. Adorno – Negative Dialektik

Der in Köln lebende Zakharov konnte sich mit seinem Entwurf für das Denkmal gegen fünf weitere Entwürfe durchsetzen. Er entschied sich für eine haptische [?] Inszenierung beziehungsweise eine narrative Installation“.
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Adorno ist tot, aber wenn er noch lebte, hielte sich seine Begeisterung darüber, dass Zakharov zwischendurch mal an ihn gedacht hat, vermutlich in engen Grenzen. „Freilich entbindet das nicht objektiv von der Interpretation, so als ob es nichts zu interpretieren gäbe“ (Theodor W. Adorno – Ästhetische Theorie) – auch wenn das Kunstwerk nichts ist als eine anschauliche Interpretationshilfe seiner selbst. Wenn es bloß die sowieso allgemein anerkannten Leistungen des honorierten Frankfurter Bürgers, dem es offenbar gewidmet wurde, abhakt und mit einer Pointe schließt, wie in einer schlechten Kurzgeschichte: Adornos Schreibumgebung jedoch sah in der Wirklichkeit ganz anders aus. Das Labyrinth ist dann ein bedeutungsschwangerer Kitschumschlag für eine esoterische Derwegistdasziel-Erzählung, in der nichtallesoistwieesauf-denerstenblickscheint. Zakharov möchte das Ganze als „’Monument für das schöpferische Denken’, als Bild des Augenblicks, in dem der Denker verschwindet und nur der Gedanke bleibt“, verstanden wissen. Und „Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) und Jury-Mitglied, hält das Denkmal für ‚intelligent und sensibel genug [!], um neugierig auf Adorno zu machen’. Ein Abbild der Person sei nicht zeitgemäß und werde Adorno nicht gerecht.Spiegel online


Foto: Frank Behnsen

Man mag einwenden, dass in diesem Fall eine Büste mit zumindest individuellen Zügen nicht soviel schrecklicher sein könne – gebe es nicht die Bronzetafel an Adornos Wohnhaus. Gestiftet wurde sie vom Suhrkamp-Verlag und gestaltet von Günter Maniewski, dessen Modell nicht Adorno gewesen sein kann, sondern irgendein vom Bildhauer verabscheuter Nachbar ohne Ohren. Die Inschrift ist ähnlich gelungen: „Theodor W. Adorno, * 11. September 1903 in Frankfurt am Main, † 6. August 1969, lebte von 1949 bis zu seinem Tode gemeinsam mit seiner Frau Gretel in diesem Haus. Der Soziologe, Philosoph, Mitbegründer der Frankfurter Schule, Direktor des Instituts für Sozialforschung, Komponist und Musikwissenschaftler erhielt 1933 Lehrverbot und musste von 1934 bis 1949 in englischer und amerikanischer Emigration leben. »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« – Minima Moralia –“ (Later – see also: Kommentar von Cyrano. Ich teile den Eindruck!)
Auch diesmal: Alles fürs angemessen erscheinende Gedenken Notwendige abgehakt und noch den einzigen Satz aus Adornos Œuvre angehängt, den selbst jeder Nazi so unterschreiben könnte, weswegen allein er sich ins deutsche Gedächtnis einprägen ließ.2

Sterben bestätigt bloß noch die absolute Irrelevanz des natürlichen Lebewesens gegenüber dem gesellschaftlich Absoluten. Wenn irgend die Kulturindustrie Zeugnis ablegt von den Veränderungen in der organischen Zusammensetzung der Gesellschaft, dann durchs kaum verhüllte Eingeständnis dieser Sachverhalte. Unter ihrer Linse beginnt der Tod komisch zu werden.
Theodor W. Adorno – Minima Moralia

An den Satz hängt sich auch Georg Bussmann, Eröffnungsredner einer Kunstaktion an, der sich bereits seines Alters wegen als (wie originell im Land, in dem sich wahrscheinlich 70% der Lesefähigen als von Adorno am Spaß gehindert wähnen) „adornogeschädigt“ bezeichnet und meint, mit dem Zakharov-Denkmal könne man ruhig etwas machen, das irgendwie so lustig sei wie Robert Gernhardts tatsächlich witziges „Es gibt kein richtiges Leben im valschen.“ Aber Adorno ist tot, und „[i]rgendwann ist mir klar geworden, dass ich es bei diesem Satz mit einem Idealismus zu tun habe, einem Idealismus der Negativität[4]. Und Idealismen versuche ich immer zu entkommen, indem ich so reagiere wie Diogenes auf Plato, d. h. kynisch. Da stelle ich mir dann vor, dass beim Hinschreiben des berühmt-berüchtigten Satzes vielleicht eine gute Flasche Rotwein, ein kalifornischer, mit im Spiel war. Darf man das? Natürlich nicht, es ist politisch nicht korrekt.“ (Georg Bussmann, pdf)
Aber sicher doch… Deutsche Opfer Adornos über seinen Tod3 hinaus. Die Kunstaktion, um die es eigentlich ging, ist eher unlustig und bedient sich desselben, diesmal auch noch schlecht übersetzten Satzes. Den würden womöglich auch die unterschreiben, die zum Entsetzen der Denkmalhinsteller dieses regelmäßig mit Bierflaschen und dergleichen bewerfen. Woraufhin diverse honorige Frankfurter Bürger sich zur Nachtwache bereit erklärten. Man kann zumindest mit dem, was seinem Schreibtisch nicht einmal ähnelt, den guten Ruf des ‚adornogeschädigten‘ Volkes bewahren helfen. Dabei ist eines sicher, die Bierflaschen flögen sowieso, ganz gleich, wem das Denkmal gewidmet ist. Ein Glaskubus mit was drin! Adorno kann sich selbst nicht mehr schützen, vor den Deutschen, die sich schreckenerregend gerne als seine Opfer imaginieren und ihm möglichst anspruchslose Denkmäler setzen.
Als ich 16 wurde, hat mir der mittlerweile 17jährige und immer noch unsinnig angebetete ein selbstgeklautes Buch geschenkt, „weil du doch gerne liest.“ Er hatte sich für mich in Gefahr begeben, und ‚was selbstgeklautes’ ist viel toller als ‚was gekauftes’ oder so. Ich erinnere mich nicht mal mehr an den Titel und habe das Buch nie gelesen. Etwas später fand er mich endlich genauso umwerfend wie ich ihn, und nach wenigen Wochen habe ich herausgefunden, dass er vor allem eins war: unglaublich geizig. Es gibt keine befriedigenden Pointen für enttäuschende Geschichten.

  1. Sehr sinnvoll: Der Buntstift in der Cola-Flasche fing recht schnell an eklig rumzusuppen! [zurück]
  2. Im Text, der mit dem Satz schließt, geht es übrigens im weitesten Sinne ums Wohnen und darin stehen auch so pointierte Formulierungen wie: „Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.“ Theodor W. Adorno – Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Asyl für Obdachlose. [zurück]
  3. Wie manche niedere Organismen nicht im selben Sinne sterben wie die höheren, individuierten, so ist angesichts des Potentials der Verfügung über organische Prozesse, das Umriss gewinnt, der Gedanke einer Abschaffung des Todes nicht a fortiori abzutun. Sie mag sehr unwahrscheinlich sein; denken jedoch läßt sich, was existentialontologisch nicht einmal sich denken lassen dürfte. Die Beteuerung der ontologischen Dignität des Todes aber wird nichtig bereits angesichts der Möglichkeit, daß an ihm, nach Heideggers Sprache ontisch, etwas sich änderte. Indem Heidegger derlei Hoffnungen, wie Inquisitoren wohl es nennen, im Keim erstickt, spricht das Eigentliche für all die, welche, sobald sie auch nur von jenem Potential hören, den Sprechchor anstimmen, nichts sei schlimmer, als wenn kein Tod mehr wäre.“ Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen ideologie [zurück]
  4. Wenn mir etwas […] in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher. Aber ich habe immer wieder das Gefühl, daß man, wenn man nicht im Negativen aushält oder zu früh ins Positive übergeht, dem Unwahren in die Hände arbeitet.“ Theodor W. Adorno in Theodor W. Adorno, Thomas Mann. Briefwechsel 1943 – 1955 [zurück]

2 Antworten auf „Deutsche Denkmäler I: Ein Denkmal für Adorno – den Spaßverderber!“


  1. 1 Cyrano 20. August 2010 um 20:37 Uhr

    Der Soziologe, Philosoph, Mitbegründer der Frankfurter Schule, Direktor des Instituts für Sozialforschung, Komponist und Musikwissenschaftler erhielt 1933 Lehrverbot und musste von 1934 bis 1949 in englischer und amerikanischer Emigration leben. »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« – Minima Moralia –“

    Die Aneinanderreihung von Superkurzvita und Zitat wenden das Zitat gegen die Vita (mein Eindruck)… »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen«. Das hätte in diesem Kontext (Fokus auf den Orten der Emigration statt den Gründen der Selben), auch die „inneren Emmigranten“ Adorno entgegenschmettern können.

  2. 2 junesixon 20. August 2010 um 22:12 Uhr

    Indeed!
    Weswegen es jetzt einen Verweis auf den Kommentar im Text gibt.

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