Deutsches Dokudrama mit „äh“ und „aber“: „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“

Wo es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen mir und der Welt, deren immer noch nicht widerrufenes Todesurteil ich als soziale Realität anerkenne, geht sie auf in der Polemik. Ihr wollt nicht hören? Höret. Ihr wollt nicht wissen, wohin eure Gleichgültigkeit euch selber und mich zu jeder Stunde wieder hinführen kann? Ich sage es euch. Es geht euch nichts an, was geschah, denn ihr wußtet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

Ja. Ich habe ganz kurz mit ihm über Silvia gesprochen. Klaus „Nick“ Eichmann ist ein sympathischer älterer Herr. Er sprach mit sehr viel Wärme über Silvia. Die Eichmann-Söhne geben ansonsten keine Interviews. Es war für uns wichtig, dass die Geschichte – die Begegnung zwischen Nick und Silvia – von dieser Seite nochmals bestätigt wird.
Regisseur Raymond Ley im Interview mit dem Standard

Dann hat der Vater dem Mädchen sofort gesagt, dass sie kommen sollte. Denn als sie ihn fassten, drohte der Junge, dass er Silvia umbringen wollte, weil sie ihn verraten habe.
Alicia Dandörfer, Nachbarin der Familie Hermann in Argentinien, als Zeitzeugin im Film

Der NDR jubelt auf seinen Kultur-Seiten, die verantwortlichen Redakteure und der Regisseur triumphieren in Interviews mit den einschlägigen Medien, und alle sind sich einig: Sie haben das Genre Dokudrama nicht nur bereichert, sondern auch „das authentischste, dokumentarischste Dokudrama bisher“ (NDR-Geschichtsredakteur Alexander von Sallwitz in der taz) vorgelegt. „Raymond Ley ließ die Dialoge geradezu puristisch umsetzen: Jedes „aber“, jedes „äh“ aus den Originaldokumenten sei in den Filmdialogen berücksichtigt worden, betont NDR-Redakteurin Schlesinger.“ (René Martens, taz online) Um diese Leistung zu würdigen, wird über den Abspann des Films „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ eine Tonspur mit Eichmanns Originalstimme gelegt: „Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen.“ Das deutsche Feuilleton findet das alles ganz großartig: „formal puristisch, inhaltlich facettenreich“ (ebd.), mit einer „historischen und psychologischen Präzision“, „enormen erzählerischen Dichte“ und „fiktional mitreißend“. „Der „Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte – hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben“ (Christian Buß, Spiegel online). „Herbert Knaup brilliert in „Eichmanns Ende““; „Raymond Ley gelingt es, Eichmanns selbstgerechte Lebensbeichte gegenüber Sassen flüssig und selbstverständlich zu verschränken mit der Geschichte seiner Entdeckung. Das liegt vor allem an der großartigen Leistung von Herbert Knaup, der Eichmann intensiver verkörpert als wohl alle anderen Schauspieler, die sich bisher an dieser Rolle versucht haben.“ (Welt.de)1
Das Dokudrama ist die Grimme-Preis-heischendste Disziplin im deutschen Fernsehen, je mehr sich in ihm deutsche Schauspieler zu den ihnen möglichen Höchstleistungen herausgefordert sehen umso Erfolg versprechender. Nazis darstellen ist der Gipfel deutscher Schauspielkunst – solange es in heimischen Produktionen oder für Tarantino ist, sonst verweigert man sich den US-Amerikanern gerne – schließlich will man nicht herhalten müssen als Unambivalentesnazimaterial und findet es ganz furchtbar, dass man als Deutscher in Hollywood immer nur SS- oder Gestapo-Männer darstellen darf. In einer vorwiegend deutschen Produktion jedoch (was den israelischen Channel 1 geritten haben mag, sich am Machwerk zu beteiligen, weiß man nicht) gibt man gerne den ‚facettenreichen Darsteller’. Das resultiert darin, dass alle (Tukur, Milberg etc.) so spielen wie immer, und Knaup ganz offensichtlich an Eichmann-Material geschult wurde – und trotzdem Knaup bleibt. Dementsprechend preist der NDR die „äußerst spannende Geschichte“ auch als „[a]bsolut echt, authentisch und Wort für Wort belegt“ an. „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ ist laut NDR ein „Dokudrama mit Top-Besetzung“.
„Eichmann“ ist so banal bösartig, wie Knaup es nur kann, und sein „Ende“ wird künstlerisch ansprechend bloß repräsentiert, wenn er auf einen Stuhl steigen muss, um seiner Frau zu zeigen, dass er bequem (hilflos in großkarierten Pantoffeln) bekleidet ist, dann nämlich sieht man ihn nur bis zum Hals – das erspart dem Zuschauer das Bild seiner Hinrichtung durch den Strick.
Im Film wird alles penibel abgesichert. Nicht missverstanden werden möchte man, und deswegen gibt es diverse Erzählebenen – „formal puristisch“ ist eine groteske Fehlbeschreibung. Die Interviews, die der niederländische SS-Untersturmbannführer Willem Sassen mit Eichmann in Buenos Aires führte und denen angeblich das eigentliche filmische Interesse galt, werden in Ausschnitten nachgestellt. Ulrich Tukur als Sassen und Herbert Knaup als Eichmann sitzen sich in einem Salon gegenüber – Eichmann will mit der Judenvernichtung angeben, und Sassen will, (dass behauptet wird,) dass sie nicht wirklich stattgefunden hat. Daraus u.a. soll dann die Spannung des Filmes entstehen. Was passiert, ist allerdings, dass der weltgewandte, wenn auch ein wenig genervte Holocaust-Leugner als viel besserer Mensch wegkommt als der verkrampft und unbeholfen sich brüstende SS-Obersturmbannführer. („Eichmanns Ansichten schockierten sogar die Beteiligten.“ NDR) Gestützt wird das Bild noch dadurch, dass die Darsteller von Sassens Tochter und Frau sich sichtlich vor Eichmann gruseln und Sassens Tochter als Zeitzeugin befragt, ihren Vater als Verblendeten beschreiben darf. Und Sassen ist Tukur – durch Film und Fernsehen vorwiegend bekannt als „der gute Nazi“. Eichmanns in kalter Bürokratensprache vorgetragene Schilderungen seiner Aufgaben während des Holocaust werden auf der nächsten Ebene mit schwarzweißen Filmaufnahmen und Fotografien von den Transporten und aus den Vernichtungslagern illustriert. So sei es wirklich gewesen und eben nicht „banal“ sondern böse. Die über beinahe den gesamten Film gegossene Musiksuppe liegt auch auf den Bildern, nur über zwei oder drei besonders grauenvollen Darstellungen nicht – sehr pietätvoll. Eichmanns musikalisches Thema ähnelt zudem einem Klavierthema, das Ennio Morricone für „White Dog“ (USA 1982, Samuel Fuller, basierend auf Romain Garys dokumentierendem Roman Chien blanc) komponierte.
Auf einer weiteren Ebene sitzt Axel Milberg als Fritz Bauer im Büro herum oder trifft sich im Wald mit einem Mossad-Agenten, um die Entführung Eichmanns voranzutreiben. Und irgendwann wird unsinnigerweise die Szene „Eichmann mit seiner verärgerten Geliebten“ gezeigt. Zwischendurch werden immer wieder Interviews mit Zeitzeugen eingeblendet: mit der zweiten Ehefrau Lothar Hermanns (dessen Identifizierung zu Eichmanns Entführung durch den Mossad führte), einer Freundin der Familie Hermann, einem der Nachbarn, Sassens Tochter, zwei ausschlaggebend an der Entführung beteiligten Mossad-Mitarbeitern und drei Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte (entlarvend!)3. Nachgestellt werden außerdem Ausschnitte eines Interviews, das zwei Journalisten von Paris Match 1982 mit der Witwe Eichmanns führten. Am Ende gibt es noch Original-Bildmaterial aus Israel zur Zeit des Eichmann-Prozesses und Bilder vom Prozess selbst.
Jede Ebene hat ihre eigene Farbgebung – das reicht von klassischen Isthaltvergangenheit-Sepiatönen über rote Akzente im staubig-sonnigen Argentinien (das in Niedersachsen nachgebaut wurde, weil’s billiger war), kaltes Blaugrau, bis zum Schwarzweiß des Originalmaterials (Holocaust/ Israel).
Das alles ist typisches deutsches Dokudrama und fügt dem Genre weder etwas hinzu, noch kann es viel schlechter als sonst kommen. Dem „Sensationsfund“ wird das alles nicht gerecht, wie nichts Ästhetisierendes Eichmann jemals gerecht werden könnte, nicht einmal seine eigenen Worte.


Caravaggio – Judith köpft Holofernes

So unfassbar diese Sätze klingen, so unglaublich ist die Geschichte von der Ergreifung des Schergen! Nicht seine Interviews haben zur Ergreifung geführt – nein, es war die Liebe!“ (Bild.de)

Sie konnte nicht glauben, dass ihr das passiert. Sie sagte: Nach allem, was sie meiner Familie angetan haben. Dass das Schicksal sie dazu bestimmt hat. Es war Zufall, dass sie mit dem Sohn von Eichmann zusammengewesen ist. […] Es war nicht von einem Tag auf den anderen. Sie hat darauf hingearbeitet, um zu erreichen, dass er sie zu sich nachhause einlädt. Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken. […] Und sie wusste auch, welches Risiko sie einging, wenn sie Informationen weitergab. […] Sie sagte mir, ich weiß, welches Risiko ich eingehe.
Alicia Dandörfer, ebd.

Der Halbjude [!] Lothar Hermann war auf der richtigen Fährte. Der Mann im Rentenalter meldete dem jungen israelischen Ausland-Geheimdienst Mossad in Tel Aviv, was ihm seine Tochter Sylvia über die Bewohner des Hauses Charabuco-Straße 4261 in Olivos erzählt hatte: In jenem nördlichen Vorort von Buenos Aires wohnte ein Ehepaar, mit dessen ältestem Sohn sie befreundet war. Der junge Mann hieß Klaus Eichmann und sagte desöfteren, es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.
Hans Werner Loose – Der Eichmann-Jäger bricht sein Schweigen, Rezension von Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl: Der Jäger – Operation Eichmann: Was wirklich geschah, DieWelt 28.03.96

Auf der untertitelgebenden Erzählebene („Liebe, Verrat, Tod“), auf der das Dokumentarische nahezu vollständig zugunsten des Fiktiven in den Hintergrund treten muss, und auf die man beim NDR besonders stolz ist, wird bei Ley die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die ihrem das KZ nur knapp überlebt habenden Vater von den antisemitischen Sprüchen eines Schulfreundes berichtet, zu einer alten Geschichte: Ein Drama um eine deutsch ausgelegte Judith oder Esther etc. (vgl. dazu Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld, S. 224ff) und einen die Attraktivität seiner ihm einzig und, wie Eichmanns Aussage über dem Abspann belegt, nur ‚ungern’ von den Nazis ‚gelassenen’ ‚Blutsverwandten’ rücksichtslos ausnutzenden Vater.2
Ein Mann zerstört zwei Familien, seine eigene und die Adolf Eichmanns – aus Rachsucht, weil Eichmann die Vernichtung seiner Familie organisierte und für am Ende 10.130 Dollar, die ihm die Israelis für die Ergreifung Eichmanns bezahlten. Dem aus Kassel stammenden Regisseur Raymond Ley verschlägt es ob der Sinnlosigkeit der Zerstörung immer mal wieder die Filmsprache (die allerdings und vor allem die Eichmanns ist dem Spiegel eine Einleitung wert). Dabei ist er TV-Experte für deutsche Karrieren (Beate Uhse – Eine deutsche Karriere, 1999), deutsche Katastrophen (Eschede Zug 884, 2008; Die Nacht der großen Flut, 2005) und Deutsches überhaupt (Helm ab zum Jubiläum! – 50 Jahre Bundeswehr; 2005; Aus Liebe zu Deutschland – Eine Spendenaffäre, 2003; An deutschen Tischen, 2000).
Im Gegensatz zu Eichmanns „Tod“ (s.o.) wird der Zuschauer „Liebe“ und „Verrat“ wesentlich rücksichtsloser ausgesetzt. Die „Liebe“ seiner Tochter Silvia – zu Nick, Eichmanns Sohn – und sie gleich mit opfert der Holocaust-Überlebende Lothar Hermann (Michael Hanemann, verbittert, ungeduldig und lieblos) seiner Rachsucht. Als Gewährsmann für die Liebesgeschichte gilt Ley der „sympathische ältere Herr“, Klaus/ Nick Eichmann, der „mit sehr viel Wärme über Silvia“ (Ley, s.o.) sprach. Der Junge also, der gedroht haben soll, Silvia umzubringen, der „desöfteren“ gesagt haben soll, „es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.“ Der Junge, der so redete wie sein Vater. Alle noch so zurückhaltenden Aussagen der Zeitzeugin Alicia Dandörfer („Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken.“ S.o.) illustriert Ley mit Bildern, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass Silvia Hermann Nick Eichmann tatsächlich liebte, und diese Liebe nur um des (rücksichtslos drängenden) Vaters Willen verriet. Auf dem letzten Weg zu dem, mit dem sie „was hatte“ (im Film-Gespräch mit ihrer Freundin suggeriert das Beischlaf), weint sie einsam im Bus. Dandörfers Einschätzung: „Er war so hasserfüllt. Ich weiß nicht, das war schon richtig krankhaft. Seine Frau beruhigte ihn. Sie sagte: Es ist vorbei. Wir leben. Es ist vorbei. Wir leben. Wir haben unsere Tochter. Darauf sagte er: Ich werde nicht aufhören. Sie werden es büßen. Sie werden es büßen“, entnimmt Ley unwidersprochen die Einschätzung Hermanns als „krankhaft“ und illustriert das außer als „krankhaft rachsüchtig“ als „krankhaft gierig“ mit einem Zusammentreffen von Hermann und einem Mossad-Agenten, bei dem Silvia und Hermanns zweite Frau anwesend sind:
Hermann: „Außerdem, diese ganzen Nachforschungen haben mich Unsummen gekostet.
Die Tochter sieht peinlich berührt zu Boden.
Mossad-Agent: „Kein Problem. Hier sind 130 Dollar für ihre bisherigen Auslagen.
Kamera auf Geldbörse, der der Agent Scheine entnimmt.
Hermann: „Das ist viel mehr, als sie sich leisten können.
Zeitzeuge Rafi Eilan, Mossad: „Ich glaube nicht, dass sich je jemand verpflichtet hat, Geld zu bezahlen. Es sieht vielleicht nicht angenehm aus, aber die Beziehung zu Hermann war, dass er eine Leistung erbringt. Und dass man für die Leistung Geld gibt.
Woher Hermanns angebliche Geldgier stammt, wird bereits früher angedeutet, im Interview mit den Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte:
I: „Was haben die Hermanns gemacht?
M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
F1: „Kuhhandel.
M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
I: „Und ist denen das gelungen?“ [??? Das mag man als Bemühen darum deuten, die Bewohner aus der Reserve zu locken. Der Versuch jedoch, irgendwie Geld herauszuschlagen, wird in der genannten Spielszene, dem Interview und im Abspann zusätzlich betont.]
M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.

Bei Ley erscheint Silvia zum so genannten Verrat unwillig; der Vater muss sie antreiben, am Telefon sagt er zu ihr: „Red’ nicht so mit deinem Vater! […] Dann bring’ mir einen endgültigen Beweis.“ Immer wieder lässt Ley Silvia Nick anstrahlen oder bedauernd, abwägend, melancholisch ansehen und ihn fragend verliebt oder ahnungsvoll zurückblicken. Erst als sie ihn vor seinem Haus ein anderes (ein blondes) Mädchen küssen sieht, ist sie offenbar bereit, des treulosen Nicks Vater – Adolf Eichmann! – auszuliefern. Ebenso rachsüchtig wie ihr Vater scheint sie nun zu sein, während sie noch skeptisch ist, als der sagt: „Vergiss den Jungen. Er ist ein Lump wie sein Vater. Du hast es für unsere Familie getan.“ Da sieht sie ihn an, als ob er etwas Widerwärtiges sage.
Am Ende schickt Hermann, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde, seine Tochter in die USA, aber bei Ley kommt das einer Verbannung gleich – die Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, durch den „sympathischen“ Klaus Eichmann und all die anderen Nazis nämlich illustriert er nicht! Es gibt nur schwammige Aussagen zum Thema, die aber durch die bereits als „authentisch“ ausgewiesenen Spielszenen, Nicks Verliebtheit, Silvias Enttäuschung, Eichmanns Unbeliebtheit selbst in Nazi-Kreisen etc. etc. konterkariert wurden.
Er erhielt viele Drohungen. Ich hatte auch Angst. Aber ich musste bei ihm bleiben, weil er blind war.
Zeitzeugin Amelia Hahn Hermanns zweite Frau
Er sagte: Ich habe meine Tochter in die USA geschickt, wegen der Drohungen.
Zeitzeuge Kleiner, Nachbar Hermanns
Und der Vater sagte: Wir werden dich nie wieder sehen. Wir lieben dich. Aber wir werden dich nie wieder sehen. Alle drei weinten. Es war so traurig.
Alicia Dandörfer
Daran anschließend folgt sofort das nachgestellte Vera Eichmann-Interview, in dem sie vom Besuch bei ihrem Mann in Israel berichtet und ein re-enactment, in dem Eichmann, der im Besucherraum des Gefängnisses seine Hand gegen die Veras auf der anderen Seite der Scheibe presst, sagt: „Gell, Vera, eine Fensterscheibe kann uns nicht trennen, auch eine Glasscheibe kann uns nicht trennen.“ Und Vera Eichmann besteht ihrem Mann gegenüber darauf, dass er ja unschuldig sei und nie einen Juden umgebracht oder den Befehl dazu gegeben habe.

Im Abspann wird der Shoa-Überlebende dann endgültig verraten:
Lothar Hermann starb 1972. Er erhielt für die Ergreifung Adolf Eichmanns 10.000 US[!]-Dollar aus Israel.
Silvia Hermann kehrte nicht mehr nach Argentinien zurück. Bis heute lehnte sie jedes Gespräch über ihre Geschichte ab.
Nick Eichmann traf Silvia nie wieder. Er lebt seit Mitte der 60er Jahre wieder in Deutschland.

Der Filmemacher hätte natürlich gern auch Klaus Eichmann interviewt, dessen Freundschaft zu Silvia Hermann einst seinem Vater zum Verhängnis [!] wurde. Den Tätersohn hat der Regisseur an dessen Wohnort am Bodensee aufgesucht. „Ich hatte eine Begegnung mit Herrn Eichmann am Küchenfenster, aber er hat das Gespräch nach 20 Minuten abgebrochen“ – nachdem er kurz zuvor über ein altes Foto, das Ley mitgebracht hatte, ins Plaudern geraten war. Hermann, die heute in den USA lebt – dorthin war sie gegangen, nachdem sie ihrem Vater bei seinen Recherchen geholfen hatte –, schwieg ganz. „Sie war entsetzt darüber, dass wir sie gefunden haben“, sagt der Regisseur.“
René Martens – Bekenntnisse eines Schreibtischtäters. (taz online)

Dem Entsetzen, dass man sie überhaupt finden konnte, mag Ley nicht mal im Abspann – geschweige denn im Film selbst – gerecht werden. Und dann wollte sie ja auch nicht mit ihm reden! Die 20 Minuten hingegen, die ihm der Sohn, der einst offenbar genauso redete wie sein Vater, der gedroht haben soll, Silvia Hermann umzubringen, durchs Küchenfenster widmete, machen ihn zu einem vertrauenswürdigen und „sympathischen älteren Herrn“. Deutsches Dokudrama – echt und authentisch, mit allen ähs und abers!

  1. Bis auf zwei obskure Artikel im Freitag und in der Jungen Welt, in denen Gaby Weber Verschwörungstheoretisches über Israel verbreitet, dort nämlich sei man gar nicht daran interessiert gewesen, Eichmann vor Gericht zu stellen, sondern wollte lieber die Deutschen erpressen, um von ihnen (ausgerechnet!) Atombomben-Knowhow zu bekommen. Warum nicht gleich freundlich die US-Amerikaner fragen, die den Israelis doch angeblich so zugetan waren, sind und sein werden? Und wer immer noch den deutschen Atom-Physikern glauben mag, die nach dem Krieg so taten, als hätten sie gekonnt, aber nicht gewollt, weil sie ja die Nazis nicht so recht mochten, sollte bitte die glaubwürdigere Literatur lesen! Und die Deutschen damit erpressen, dass sie von Eichmanns Aufenthaltsort wussten? Aber sicher doch… [zurück]
  2. Jeder Filmemacher wählt aus dem Material, das ihm vorliegt oder dem, das er geschaffen hat aus. Leys Film wurde wiederholt Sorgfalt und Authentizität konstatiert; sein Bemühen, jedes Missverständnis auszuschließen und allen gerecht zu werden, ist ostentativ. Als Autor und Regisseur ist er maßgeblich verantwortlich für das Material, das er verwendet und das bei einem so kurzen Film notwendig auch zu aus dem Kontext gerissenen Aussagen führen muss, und natürlich für die Inszenierung der Spielszenen. Die NDR-Redakteure und die Nordmedia, die den Film so oder so förderten, sind verantwortlich dafür, dass sie Zuschauerbegeisterung vermuteten und sowieso. [zurück]
  3. Quirnbach, Westerwald. Geburtsort von Lothar Hermann
    Interviewer: „Kannten Sie damals den Lothar Hermann?
    Mann 1: „Ja, sicher. Ich weiß auch noch, wie die fort sind.
    I: „Welches Haus ist das von den Hermanns gewesen?
    Frau 1: „Wo Sie hingucken.
    Mann 2: „Wo Sie hingucken.“ […]
    I: „Was haben die Hermanns gemacht?
    M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
    F1: „Kuhhandel.
    M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
    I: „Und ist denen das gelungen?
    M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.
    I: „Wie viele jüdische Familien gab’s hier im Dorf?
    M2: „Zwei.
    F1: „Zwei, die beiden.
    M2: „Familie Hermann war da.
    I: „Wie war das? Wusste man, dass die Juden waren?
    F1: „Ja, sicher.
    M2: „Ja, sicher.
    F1: „So groß ist der Ort ja nicht. Kennt ja jeder jeden.
    M2: „Aber…
    I: „Was ist später mit denen passiert?
    Frau zuckt mit Schultern.
    M2: „Ja, die seien vergast worden.
    F1: „Ja, ist vermutet worden.
    M2: „Ja, aber.
    F1: „Waren arme Leut. Waren arme Juden.
    M2: „Haben niemand was zuleide getan.
    F1: „Nein, also, das kann man ruhig mit ruhigem Gewissen sagen.
    M2: „Ja.
    F1: „Man hätt se nit so behandeln müssen.
    M2: „Na… ja.
    F1: „Das war auch der Verderf.
    I: „Was war das?
    F1: „Der Verderb. Dass man die Juden so behandelt hat. Ja, sicher. Is doch, oder nicht? War’n ja auch Menschen. Waren halt Juden.“ [zurück]

5 Antworten auf „Deutsches Dokudrama mit „äh“ und „aber“: „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod““


  1. 1 junesixon 06. September 2010 um 22:48 Uhr

    Herr S.,
    leider kann ich Ihrem erneut übermittelten Kommentar nicht entnehmen, worauf Sie eigentlich hinaus wollen. Wenn Sie sich, bitte, etwas präziser ausdrücken und Belegmaterial beifügen könnten, hätte ich vielleicht die Gelegenheit, Ihre Aussagen einzuordnen und adäquat zu reagieren. Sollte das nicht möglich sein, ist jeder weitere Versuch, veröffentlicht zu werden (ich halte es da mit Lipstadt: Jeder darf mitteilen, was er will, aber ebenso hat jeder das Recht zu sagen, nicht bei mir), eh von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Danke.
    J6ON

  2. 2 Schein 09. September 2010 um 23:11 Uhr

    Klartext – Gaby Weber hat keine Verschwörungstheorien
    Kanzleramt Berlin sperrt die A.Eichmann Akten gegen das Gesetz.Das hat schon einen Grund – und der ist gewaltig.
    Tuviah Friedman ( siehe wikipedia ) war offizier bei der IMG Nürnberg – wurde 1961 in Washington vom Mossad mit dem Leben bedroht – Das ist kein Witz die Beweise befinden sich auch in der Deutschen National Bibliothek.
    Fritz Bauer hat Adolf Eichmann am 24.12.1959 nach Kuwait ausgelagert – das war in der gesamten Weltpresse zu lesen. Gurion und die Nazis — Wiesenthal ist alles eine Seifenoper – selbst das Linzer RELICO Archiv wurde gefälscht für Top Spion vom Mossad Wiesenthal
    ( Tom Segev ) IKG-Wien Amtsdirektor Krell hat Wiesenthal fristlos rausgeschmissen – Dokumentenbücher von Tuviah Friedman sind die Korrespondenzen und Belege.
    was solls – die Wiesenthal Akte ist bereits beim Islam angekommen.
    gez. Schein

  3. 3 junesixon 18. September 2010 um 17:39 Uhr

    Wie auch immer…
    „die Wiesenthal Akte ist bereits beim Islam angekommen“ – Was bedeutet, dass…?…???

  4. 4 Schein 22. September 2010 um 22:38 Uhr

    was das bedeutet ?? – fragen Sie egal wem auf der Strasse – was Denken Sie über einen Menschen der es fertigt bring einen Blinden Mann zu betrügen.
    Bruno Kreisky nannte es eine charakterlose Missgeburt-
    dann ging es los mit Mafia – Der Beschwerdebrief von dem Blinden Lothar Hermann dat.2.6.1971 Fall Adolf Eichmann – das nenne ich Meinungsfreiheit da würde jeder 20 Jahre extra für Volksverhetzung bekommen.
    Der Blinde Volljude geht auf Israel los – und das völlig zu Recht. Jewish Historical Documentation Linz -das war ein Büro von RELICO Geneve – wurde kurzerhand umgebastelt zum Wiesenthal Documentations Center Linz
    alles ist Lüge Betrug Urkundenfälschung – mit Simon Wiesenthal – Die Fakten liegen doch auf dem Tisch .
    Demjanjuk Ausweis 1393 ist eine Fälschung Stümperhafter Pfusch – das erkennt jeder Hobby Historiker –
    Jüdisches Menschenrecht – Ist beim Islam so eine Sache – das sieht nicht gut aus. Der Fan Club von dem Blinden Lothar Hermann wird schon grösser.
    Akte Wiesenthal ist ein Teil bereits bei Radio Islam im Internet. gez. Schein

  5. 5 junesixon 27. Oktober 2010 um 23:56 Uhr

    ???
    +
    ???

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