Bayreuth wird zum 99. Mal „aufgesperrt“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann – Briefwechsel, 1943 – 1955, Theodor W. Adorno an Thomas Mann, 01.08.1950
Wissen Sie übrigens, daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth wieder aufzusperren, und haben Sie erwogen, etwas dagegen zu unternehmen? […] Es will mir scheinen, daß Bayreuth, neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten Symptomen hier gehört, wofern man nicht auf die darin sich abzeichnenden primären Momente unmittelbar eingehen will.

Zur Premiere der „Lohengrin“-Neuinszenierung am 25.7. werden folgende Gäste erwartet: Angela Merkel, Guido Westerwelle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, Rainer Brüderle, Peter Ramsauer, Kristina Schröder, Bernd Neumann, Ministerpräsident Horst Seehofer und das vollständige bayerische Landeskabinett, Markus Söder, Edmund Stoiber, Günther Beckstein, die Vorsitzenden der bayerischen Landtagsfraktionen, Michaela May, Sebastian Koch, Edgar Selge, Hans-Dietrich Genscher, Erzbischof Ludwig Schick, der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Dr. Johannes Friedrich, die Präsidentin der Hochschul-Rektorenkonferenz Professor Dr. Margret Wintermantel, Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner (DFG), Heinz-Hermann Herbers (Deutsche Post AG), Rolf Schmidt-Holtz (BMG), Werner Schnappauf (BDI) usw. usf. (Aussehen wird das in der 99. Festspielsaison genauso öde und peinlich wie in der 98.)

Wessen Gesamtkunstwerk die deutsche ‚Elite‘ am Sonntag huldigen wird, beschrieb dessen Urenkel:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Mindestens am Sonntag sollte man also lieber einen wunderbaren Komponisten anhören, den Wagner zu seinem Feind, zum „Kunstjuden“ erklärte:

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Later: „Mit dem im vergangenen Jahr erfolgreich gestarteten Projekt „Wagner für Kinder“ will Katharina Wagner ein junges Publikum ungezwungen [Was auch sonst?!] mit den Werken und dem Stoff ihres Urgroßvaters Richard Wagner vertraut machen. Für das auf gut eine Stunde verdichtete Stück von Regisseurin Reyna Bruns gab es viel Beifall der 200 Jungen und Mädchen, aber auch vom fachkundigen Wagner-Publikum.Die Zeit online/ dpa

+ Bilderstrecke: Öde und peinlich 2010