Deutsche Straßenfeste seit 1938 V: Extended Deutschland-Remix

Jetzt, da Zeit, Geld und Raum wieder knapper werden.“
Christian Bangel – Patriotismus. Suche nach dem Sinn. Die Zeit online

Ja, aber ich finde es schade, dass wir unser Land kleiner machen, als es ist.
Bushido im Spiegel-Interview

Volk ohne Raum again! Natürlich ist nur ideeller, spiritueller und dergleichen Raum gemeint – das „Luftreich des Traums“, über das Heine sich noch lustig zu machen wagte und das Marx/ Engels als Bestandteil deutscher Selbstgerechtigkeit diagnostizierten – ganz gewiss nicht das ehemalige Aufmarschgebiet im Osten oder im Süden, Westen, Norden. Das Ziel ist derzeit Expansion ohne Waffengewalt – die aber in allen Dimensionen: Breite, Höhe, Tiefe, Zeit und Sympathie. Und wenn die Stringtheorie zutreffen sollte, nehmen die Deutschen die ganzen fein säuberlich aufgerollten Dimensionen noch mit und stricken sich einen Lebensraum daraus.
Nichts wollen die Deutschen offenbar mehr, denn als „ganz normale Nation“ anerkannt zu werden. Es geht ihnen nur um sich selbst; aber ihr Projektionswahn ist so übermächtig, dass sie ihre Missgunst, ihren Selbsthass, der nicht sein darf und ihren Hass aufs „Andere“, der auch notwendig ist, um den Selbsthass ertragen zu können, auf die Welt übertragen, bis sie ihnen in ihren Augen mindestens gleicht. Frankreichs (fußballerisches) „Multikulti-Experiment“ gilt den Deutschen als gescheitert, während sie ihre eigene „Integrationsleistung“ gar nicht genug ausstellen können.
Das Geheimnis des deutschen Erfolgs gibt Bushido im Spiegelinterview preis: „Egal, wie asozial du bist, du weißt in Deutschland immer noch, an welche Regeln du dich halten musst. […] Es ist einem nicht egal. Deswegen brennen hier nicht die Vorstädte. Es gibt diesen Frust in Deutschland nicht. Auch krass asoziale Leute, die ich kenne, machen lieber Raubüberfall oder Einbruch, als Autos anzuzünden. […] Die kennen das Wort Revolte gar nicht. Wenn der Vater ‚Ruhe’ sagt, dann ist Ruhe.“ (Ebd.) ∎

Inmitten der irgendwie Gleichen aber wollen die Deutschen trotzdem einzigartig sein, z.B. im Nichtdürfen. Ihr „Abermanwirdochwohlnoch“ fordert geradezu Ablehnung ein, um sich entweder als Opfer von ewigwandernden Anklagen oder als zu Recht Empörter geben zu können. Alles ganz entspannt und locker natürlich, beispielsweise beim home screening vom Irgendwer vs. Deutschland-Spiel, wo der bereits als generellnichtfürdeutschlandseiend bekannte Besucher zum fröhlichen Empfang mit Schwarzrotgelbfettfarben bemalt werden soll und mehrfach auf Unterlassung bestehen muss. „Achkommschonistdochbloßlustig“. Deutschsein ist totale Party, und wer nicht mitmachen will, steht als ostentative Erinnerung an das, wasdamalwar mitten im Raum. ‚Das’ gehört zwar mittlerweile zur deutschen Folklore, aber niemand will explizit darauf hingewiesen werden, dass seine „Schland“-Party dem Hüpfen auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals verblüffend ähnelt. Eigentlich, denn zugleich freut man sich auch ein wenig über die Verweigerer, hat mans doch gewusst: Was man da gerade macht, ist ungeheuer gewagt! Deswegen wird auch so getan, als sei die ein wenig Freudsche Fehlleistung der ZDF-Moderatorin skandalisiert worden. Was natürlich nicht der Fall war – kurz „Dudu“ hat die deutsche Medienwelt gesagt und dann der liebenswert unverstellten Göre verzeihend den Kopf getätschelt. Andere werden schon fürs bloße Deutschlandlieben brutal gedisst, Bushido for instance:
SPIEGEL: Sie haben in einem Song gerappt: „Ich liebe dich, mein Deutschland.
Bushido: Ich habe das genau so gemeint, aber ich wusste natürlich, was für eine Provokation [?] das ist. Anscheinend muss ich nur sagen, was ich denke, und schon ticken alle aus [Was habe ich nicht mitbekommen?]. Auf dem Single-Cover zum WM-Song prangt [!] jetzt der deutsche Adler. Und trotzdem finde ich Rechtsradikale beschissen. (Ebd.)


„Bio-Fußball-Party-Tüte“, via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Ja, alle finden die Nazis doof, vor allem die rassistischen Fahnenzerstörerneoneonazis, die den Deutschen, die von Spiegel, Zeit et al. als vorbildliche ‚Ausländer’ ausgemacht wurden, das Schwarzrotgold nicht gönnen wollen. Mit dem 19-jährigen Schüler Manuel freut man sich: „Es ist doch super, wenn die [!] sich so integrieren.“ Wenn die Anekdote stimmt, dass man den deutschen (in jedem halbwegs zivilisierten Land erhält jemand, der dort geboren wurde, die entsprechende Staatsbürgerschaft – hier nicht) Ladenbesitzer und Fahnenbewacher aufforderte, statt der deutschen doch bitte die palästinensische Flagge zu hissen, hat man es dort tatsächlich auf allen Seiten mit – gelinde gesagt – Spinnern zu tun.
Mit den Fahnenverteidigern aber, die sie immer noch als ‚fremd’ ausstellen müssen, um die gewünschte Absolution zu erreichen, lassen die Deutschen sich lieben, wie sie im selben Kontext ihre Feinde hassen lassen. Niemand gilt ihnen als Individuum, die deutsche Nation wird bejubelt im Stellvertreter, der sich integrieren muss, aber nie wirklich nur er selbst sein darf, in seinem Wahnsinn oder im Streben nach gerade noch zu erahnendem Glück. Gerne vorgezeigt wird er als Konservendosenjubler wie als Konservendosenhasser (Lars Quadfasel).
Und selbst davon glaubt man genug zu haben, denn womöglich wären ja noch einige unter denen, die man lieber gleich bis zur Abschiebung einsperrt (ihren Tod dabei wiederholt in Kauf nehmend), ertrinken oder an der Grenze hinrichten lässt – vgl. dazu Cosmoproletarian Solidarity – Denunzieren, was deutsch ist.
Insofern wichtig sind die, die es überhaupt nicht ins Land des „Weltmeisters der Herzen“, der – damits nicht langweilig wird – nunmehr „Sympathieweltmeister“ heißt, zieht. Weltweit geliebt wird die „junge“, „frische“, „bunte“ und wasweißich Mannschaft. Und wenn der israelische Ministerpräsident mal nichts sagt, hat auch das als Liebeserklärung an Deutschland zu gelten („Wer zu höflich ist zu sagen, dass er ‚gegen‘ uns ist, ist für uns!“): „Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.“ (Spiegel online)

Warum die Ewiganklagenden immer noch nicht wirklich zugeben wollen, dass auch sie ‚uns’ lieben, erläuterte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Jacob-Grimm- und Cicero-Rednerpreis-Inhaber, der emeritierte Münchner Historiker Christoph Meier jüngst im Gespräch mit Wolfgang Herles, der den Phönix-Zuschauern („Auf den Punkt“, vom 18.07.10) dessen Buch „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ wärmstens empfahl. Natürlich sei der Holocaust irgendwie einzigartig und deswegen dürfe man auch irgendwie das Ganze nicht vergessen. Sonst sei Vergessen aber eine schöne und notwendige Sache. Und dann sei das Gedenken ja auch hierzulande mittlerweile eher Routine geworden (ganz so wie bei Walser sei das nicht gemeint, aber schon, doch, vielleicht…). Und überhaupt habe das sich an den Holocaust erinnern müssen vielleicht nicht nur etwas mit der Einzigartigkeit des Verbrechens zu tun, die man natürlich nicht in Frage stellen wolle, aber womöglich läge es auch an jenen, welchen man es angetan habe. Denn: Anders als andere Kulturen basiere das Judentum ja vor allem auf Erinnerung – da könne man gar nicht anders als pausenlos zurückblicken. Ob das auch das deutsche Gedenkenmüssen bedingen würde, fragt der Moderator. Und der Gast antwortet, dem könne sehr wohl so sein. Dann wird es richtig deutsch, ob er denn keinen Skandal befürchte, will Herles wissen – wie bei Walser damals. Ach nein, sagt Meier, seine Bücher nehme ja eh niemand wahr. (Die Sendung ist leider nicht online verfügbar und kann deswegen nur grob zusammengefasst wiedergegeben werden.)

Die Party war eben auch so laut, so schwarzrotgold, so demonstrativ, weil die Teilnehmer nicht anders können, als sich immer noch als Opfer zu präsentieren. Da hilft nicht einmal der Triumph, sich den Hurra-Patriotismus redlich verdient zu haben, indem man zur Nation mit den überhaupt besten Patrioten geworden ist, weil man nämlich am einzigartigen Verbrechen moralisch über alle anderen hinausgewachsen ist. So schnell macht einem das keiner nach. Aber Opfer sein ist trotzdem viel schöner, Verlierer sein gibt Stoff für noch mehr Mythen und uneinholbare Größe: „Bezeichnend, dass Walser ausgerechnet die Deutschen als die guten, knienden Verlierer den allzu „dreisten“ Gewinnern gegenüberstellt. Jemand, der sich in der Vergangenheit so konsequent in die Reihe der Verlierer zweier Weltkriege eingeordnet hat und den Siegern vorwirft mit der „Moralkeule Auschwitz“ zu schwingen, wählt sich selbstverständlich nun den knieenden Schweinsteiger als Ikone und spricht verächtlich über die Sieger unter denen er vermeintlich zu leiden hatte.Dissonanz – Walser, Schweinsteiger und die Deutschen
Würde man Walsers Ikonisierung Schweinsteigers in der Süddeutschen nur ein wenig kürzen, läse sie sich wie ein Brief an die Leser in der Titanic: „Lieber Bastian Schweinsteiger, wenn Sie nach dem 0:1-Spiel nicht auf dem Rasen gekniet wären, vornübergebeugt, die Stirn, vielleicht das Gesicht im Gras, wenn wir Sie in dieser Haltung nicht zweimal auf dem Bildschirm hätten anschauen können, und jedes Mal nicht nur eine Sekunde lang, sondern so lange, dass uns Ihre Haltung durch und durch gegangen ist, wenn das alles so nicht gewesen wäre, würde ich, könnte ich nicht an Sie schreiben. So aber muss ich reagieren auf diesen grandiosen Fußballer, der nach einem 0:1 so kniet, so sich beugt. Wie Sie sich wieder aufgerichtet haben, wurde nicht gezeigt. So bleibt der kniende Bastian Schweinsteiger unser Haupterinnerungsbild […]. Ich habe gedacht: So knien, so sich beugen kann nur einer, der gerade verloren hat. […] Die, die gewonnen haben, sind nicht halb so eindrucksvoll wie die, die verloren haben. […] Es gibt, das kann sich jeder leicht ausrechnen, viel mehr Verlierer als Gewinner. […] Sportplätze sind nur ein Teil dieser Kampfplatz-Welt – wer aber in seinem Feld und Umfeld erlebt, wie sich Gewinner gewöhnlich aufführen, der kann nur hoffen, dass er, wenn er auch mal gewinnt, nicht so dreist aus der Wäsche schaut, wie das der Gewinner tut. […] An Ihre Haltung reicht das alles nicht heran. Sie sollen wissen, Sie hätten uns durch keinen Sieg so faszinieren, so bannen, so für sich einnehmen können, wie durch dieses Hinknien. Die Schicksalsdramaturgie hatte für Fallhöhe gesorgt. Zuerst ein schönes Spiel nach dem anderen, […] dann dieser Sturz ins 0:1 [aka Stalingrad]. Dann knien Sie so lange, wie Sie noch kein Mensch hat knien sehen. Und in der massenhaft belebten Umgebung direkt nach dem ins Unglück verlaufenen Spiels [sic] knien Sie ganz allein, keiner kommt, der Sie, sagen wir, aufrichten will. Das spricht für alle, die da herumrannten [?]. Ich finde, das Bild, das so zustande kam, der gloriose Fußballer kniet allein, die Stirn im Gras, dieses Bild hat es verdient, gespeichert zu werden, überall. […] Mit freundlichen Grüßen, Martin Walser
(vollständiger Text: Süddeutsche, online 09.07.2010)
Da sieht er dann gerne hin, wenn des Deutschen Leiden ausführlich und mehrfach zelebriert wird, an anderer Stelle brüstet er sich damit, „bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut“ zu haben – „[v]on den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern“.

Christian Bangels ist noch nicht so weit wie Walser. In seiner Jeremiade in der Zeit (Patriotismus. Suche nach dem Sinn), verbreitet er nämlich, der „schwarz-rot-goldene Frohsinn“ der darob „beseelten“ „Millionen Deutschen“ sei immer noch nicht genug. Richtig eins müsse man werden, unterschiedslos und vollkommene Gemeinschaft. „Ohnehin ist der Schwarz-Rot-Geil-Hype mit dem Abschluss des Festes beendet. Das zeigt die Studie des Berliner Soziologen Jürgen Gerhards, der vor, während und nach der WM 2006 in Umfragen die Akzeptanz des Bekenntnisses „Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein“ maß. Das Ergebnis: Drei Wochen nach der WM waren die Werte wieder auf dem Stand von vorher“, jammert Bangel. Dass es überhaupt einen messbaren „Stand“ gibt, ist der Skandal. Der Spruch, den noch vor Jahren nur Neonazis deutsch trotzig auf ihren Jacken spazieren trugen, wird als allgemein gelten zu habender Anspruch formuliert. Ein „Bekenntnis“? Daraus spricht zweierlei: Nach wie vor die absurde Annahme, es sei überaus mutig, aufs Deutschsein stolz zu sein und das Alltagsreligiöse (Claussen) des Nationalstolzes.


via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Das, was immer wieder begeistert als kreativer Umgang mit den Insignien der Nation beschrieben wurde, wobei Kreativität nur die Quantität und den Ort (als gäbe es nicht nur einen adäquaten) bezeichnete, der schwarzrotvergoldet wurde – Hund, Katze, Maus, mein Haus, mein Auto, mein Kind – wird am Ende zu einem riesigen Leichentuch zusammengenäht und übers einzigartige ‚deutsche Trauma’ gezerrt: „Unser Auschwitz“. Im Fahnentaumel ist Auschwitz weder vergessen noch präsent. Auschwitz ist überwunden. Darauf mindestens wird man doch wohl noch stolz sein dürfen! Wer dabei nicht mitjubeln mag, ist Spaßbremse, Rassist, ewiggestrig.

Auf die eine zeitlang irgendwie relevante Frage, für wen man denn nun sein solle, um dem Deutschland-Gegröhle wenigstens etwas entgegenhalten zu können, habe ich vor ichweißnichtwievielen Jahren eine rein persönliche und eher emotionale Antwort gefunden. Jenseits davon, dass ich Fußball nur manchmal (ästhetisch) ansprechend finde und Deutschland prinzipiell verlieren sehen möchte, bin ich immer nur für einen einzigen Spieler – aus irgendeinem Grund, der sich schon zeigen wird. Diesmal war das Luis Alberto Suárez Díaz, und zwar u.a. wegen des Hüpfens über die Bande:

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2 Antworten auf „Deutsche Straßenfeste seit 1938 V: Extended Deutschland-Remix“


  1. 1 Cyrano 22. Juli 2010 um 22:33 Uhr

    Bushido hat „ich liebe deutsche Land“ noch nie gehört, und erkennt doch das ein oder andere richtig: Deswegen brennen hier nicht die Vorstädte. Es gibt diesen Frust in Deutschland nicht. Auch krass asoziale Leute, die ich kenne, machen lieber Raubüberfall oder Einbruch, als Autos anzuzünden. Zwei Fragen drängen sich auf: Gehen die Affirmation der deutschen Zantralgewalt und die unkritische Begeisterung für Riots anderswo deutscher Autonomer nicht Hand in Hand? Und: Ist der „Asoziale“, der lieber nen Bruch macht, weniger revolutionär (sowohl progressiv als auch regressiv möglich), als der, der das Auto anzündet, oder hat er sich einfach nur besser in die Gesetze der Öknomomie eingefühlt? Bzw. geht das zusammen?

  2. 2 junesixon 23. Juli 2010 um 22:32 Uhr

    Ichichich oder Wirwirwir? Es vs. Über-Ich? Cal vs. Aron?
    And what about die nur selten erwähnte aber eindeutig anzündfreudigste Gruppierung: Feuerwehrmänner? Mal ganz abgesehen von Montag, niemand zündelt mehr. Und kaum jemand ist ’sozialer‘ sprich vereinsalltagstauglicher. Oder ein anderer Prototyp: Jemand fand es sehr erstaunlich, dass der immer der erste war, der die Feuerwehr alarmierte…

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