Artists United For Volksgemeinschaft

I

Während in Hamburg die Welt noch in Ordnung zu sein hat, weil dort nur in trauter deutscher Einheit gegen „die internationalen Megastars“ gearbeitet wird – jeder packt mit an: die Hamburgische Bürgerschaft, die Hamburgischen Künstler, die Hamburgischen Gentrification-Gegner in all ihren Erscheinungsformen usw., habemus castellum, und für Eisen gab ich Gold – dreht man in Berlin die Opferschraube noch ein wenig weiter. Bei 3sat freute man sich für die Hamburger und will gar nicht verstehen, dass Berlin die logische Konsequenz ist. Laut 3sattobt“ in Kreuzberg „wieder einmal der Klassenkampf – alte Muster mit neuen Feindbildern. Die linke Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen einen Ort linker Kultur, das Kreuzberger Bethanien-Haus. Autonome verbarrikadierten sich in den ehemaligen Räumen des Künstlerhauses.“
Nicht ganz zu Unrecht befürchtet man, dass nach den Autos die Bilder brennen werden – vom Feuerschein der vonwemauchimmer angezündeten Mehroderwenigerluxuskarossen allerdings mochten sich die Künstler noch ein wenig inspirieren lassen. Reizvoll ist Berlin für die Kreativen natürlich auch immer, weil der Nachhall des Stampfens vom Tanz auf dem Vulkan dort fraglos noch am deutlichsten vernehmbar ist. Berlin verspricht nach wie vor die schöne Aussicht auf den Abgrund und an dessen Rand hüpft es sich umso ausgelassener. Während man in Hamburg glaubt, froh sein zu müssen, dass überhaupt noch jemand an der als betulicher vermuteten Künstler-Party teilnehmen mag, ist Berlin mittlerweile so von schöpferisch tätigen Menschen ‚übervölkert‘, dass die Bewunderung, die man hierzulande fürs Kunsthandwerk hegt, notwendig in Überdruss umschlägt. Und wo jeder zig (erfolglose) Künstler kennen muss, geht auch die Möglichkeit flöten, allzu Aufregendes in sie hineinzuprojizieren. Danach kann dann nur der viel seltenere halbwegs (finanziell) erfolgreiche Bastler für den dringend erforderlichen Neid und die Missgunst herhalten. Was umso leichter fällt, weil der Nimbus aufgebraucht ist, und alle einen kennen, der es „viel eher verdient hätte“ und „sowas ähnliches oder wesentlich tolleres, das vor allem aber viel authentischer“ macht, ohne dafür bezahlt zu werden.
Die darob Empörten sind unverkennbar durch die deutschen Medien und insbesondere die im Oberschicht-Milieu spielenden Krimiserien, vor denen man sie parkte, geschult. In denen nämlich sind die Wohlhabenden stets suspekt, und das wird durch vornehmlich drei Attribute illustriert: eine opulente Wohnzimmerlandschaft mit einer schmalen Treppe ins Nichts (bzw. ins kleine Jugendzimmer), ein allen Maßstäben gemäß unangenehm protziger Wagenpark und… ‚Moderne’ respektive ‚Abstrakte Kunst’ im Eigenheim und im kalten Büro. In diesem Kontext muss man auf einen weit verbreiteten Irrtum zu sprechen kommen: Im deutschen Fernseh-Krimi nämlich werden mitnichten die Hippie- oder sonstwie (politisch) verwirrten ‚Kinder’ (der Oberschicht) hart angegangen – au contraire. „Der barsche Ton, dessen sich »Der Kommissar« gegenüber Drogensüchtigen, Studenten und Hippie-Mädchen bedient“ und der sich „offenbar aus Erfahrungen, die Reinecker bei der Waffen-SS gesammelt hat“ (Magnus Klaue – Opa, erzähl vom Krieg, Literatur-Konkret 2003, S. 4) schöpft, existiert so nicht. Es sei denn, es gibt keine andere Möglichkeit, Die Kinder dazu zu bringen, ihre ‚authentischen Emotionen’ zu äußern oder um ihrer heimlichen Sehnsucht nach Autorität gerecht zu werden. Im einschlägigen Krimi ist das vom Wohlstand und der moralischen Verkommenheit seiner Eltern angeekelte und ergo rebellierende ‚Kind’ (im Alter von ca. 14 bis ca. 30 Jahren) meistens die zweithöchste moralische Instanz – über ihm steht nur Der Kommissar, der den Ekel – sichtbar wenn auch nicht notwendigerweise explizit ausgesprochen – teilt und auch mal als väterlicher Therapeut durchgeht (Der Assistent kann nichts verstehen, weil er entweder vom Reichtum fasziniert ist, Das Kind, oder Das Kind ihn, so es denn weiblich ist – natürlich!, am liebsten flachlegen möchte oder von Michael Ande et al. dargestellt wird). Am Rezept wurde nichts grundlegend verändert und selbst wenn, wäre es gleichgültig, denn die Wiederholungen der frühen, oftmals von bereits im ‚Dritten Reich’ tätigen Autoren konzipierten, Serienfolgen sind Legion. Und wenn man in einem auf pädagogische Werte achtenden Haushalt ohne Fernsehapparat aufgewachsen ist, wurde das Prinzip sowieso vermittelt.
Das wohlwollende Verständnis der ehemaligen Nazi-Autoren fürs deutsche Nachkriegsjugendvolk ist alles andere als überraschend. Als man sie das Genre (seit 1968 vor allem im ZDF) mitgestalten ließ, hatte sich die deutsche Protestbewegung bereits entschieden, den ‚Volksfeind‘ mindestens in seiner konkreten Form beibehalten zu können, und der ‚wahre’ Nationalsozialismus hatte sich immer als die Bewegung eines (unverstandenen) jungen Volkes, das sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte, aufgefasst (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution). Die Schnittmenge war unübersehbar. Wie die Krimi-Kinder fühlten sich die Autoren irgendwie verraten – vom dekadenten Bürgertum, von den allzu bürgerlichen Nazis (zumindest im Nachhinein) und den die Nationalsozialisten beerbenden Wirtschaftswunderbonzen, die brutal auf der Blauen Blume (später dem „Hippie-Mädchen“) der völkisch-romantischen Revolution rumtrampelten. Deren Freunde rächen sie dann schonmal, selten als Der Mörder, aber mindestens rufmordend, gerne auch als verschworenes Kollektiv. Oft sind die poor little rich kids ausgesprochen kreativ, musisch begabt oder in der Lage, überaus anrührende Bleistift- respektive Kohle-Portraits vom Opfer zu erschaffen. Die Hersteller der Bürokunst hingegen sind (im Gegensatz zu den diese verkaufenden fiesen Galeristen) unsichtbar, und wenn sie doch mal auftauchen, dann meist als a) wahnsinniges/ hemdsärmeliges/ arrogantes Genie – gegenständlich –, das die Hausherrin liebt/ begehrt/ bloß ausnutzt usw. usf. oder b) als Kontrollfreak mit Kaschmir- oder Seidenschal – abstrakt –, der in einer reinen Nebenrolle die Hängung seines Werkes kritisiert und dann im Cabrio davonrauscht etc. pp. Solange er nicht zukünftiger Künstler und Freund vom Opfer ist, sich vor Sehnsucht verzehrt und die Seele der Gattin im Bildnis einfangen kann oder anderweitig als Opfer von irgendwas beschäftigt ist, ist Der Künstler (künstlernde Frauen sind rar und meist alberne, sich hoffnungslos überschätzende Esoschnepfen, außer sie machen Musik, dann sind sie empfindsam und/ oder überambitioniert und werden eh umgebracht) der Verbündete des Hausherren – ein Verräter an dem, was ihn eigentlich antreiben sollte. Der Hausherr wiederum ist ein eiskalter, verachtenswerter Kapitalist und macht undurchsichtige Geschäfte, gerne im Ausland.
Mögen sich die in Berlin arbeitenden Künstler auch noch so deutsch gerieren, der im Vorabend-, Abend- oder Nachtprogramm erlernte Verdacht bleibt. Am Ende stecken sie mit dem (internationalen) ‚Finanzkapital’ unter einer Decke und sind deshalb notwendig illoyal der Gemeinschaft gegenüber – inauthentisch sind sie und ‚Kiez’-Verräter, Wegbereiter für Luxuslimousinen-Flotten, die man nicht mal mehr anzünden kann, weil sie ein eigenes Spielzimmer (mit Extra-Aufzug) bekommen – größer als jenes, welches dem verwirrten Kind zugestanden wurde und überhaupt.
Die deutsche Staatsangehörigkeit hat noch nie jemanden gerettet; man muss sich ostentativ zur Volksküche und dergleichen bekennen, erklären, dass man bereit ist, allen anderen zu entsagen – sonst wird plakatiert. Natürlich sind die eingemeindeten Kunstvertreter nicht gänzlich abgeneigt, diesem Ruf zu folgen. Und nachdem sie sich ein wenig als Opfer der Missverstehenden geriert haben – bloß keine Gelegenheit verpassen – präsentieren sie sich wieder als deren volkstümliche Verbündete, denn es sei nicht so, dass „Künstler wie die Maden im Speck leben würden. Als ob sie die Dekoration der kapitalistischen Gewalt seien, gegen die es vorzugehen gilt. Das ist großer Schwachsinn, weil die Künstler, nicht mehr als 10.000 Euro Jahreseinkommen haben“, und „die Forderungen, die zum Teil gestellt werden, sind durchaus nachvollziehbar – wenn sie denn friedlich eingefordert würden.“ (Christoph Tannert, zitiert nach 3sat kulturzeit, ebd.) Das ist in etwa so brillant formuliert und argumentiert wie … auch immer. Die künstlerischen Produkte fielen dem Kinderkreuzzug angeblich nur deshalb nicht zum Opfer, weil sie gar nicht mehr da waren. Weswegen sich alle Berichterstatter auf Serge Kliavings naturgemäß immobiles Wandgemälde „Was hast Du seelisch eingesetzt?“ stürzen. Den Titel hat der Künstler weiß auf Schwarz in (nicht neben, wie Berlin online behauptet) die deutsche Trikolore mit Bundesadler gedruckt. Bei ihm ist das Gold wie üblich Gelb. Die Bethanien-Besetzer jedoch gingen tatsächlich mit Goldsprühfarbe ans Werk, xten den Bundesadler aus und ‚verunzierten’ Bild und Wand mit, laut Berlin online: „Deutschland verrecke!.
Stimmt nicht! Eigentlich haben „Die Einbrecher“ ganz und gar nicht „’Deutschland verrecke!’ darüber gesprüht“ sondern Deutschland verreukti“, was wohl „Deutschland verreckt¡ werden sollte… Mit einem spanischen Ausrufezeichen, das so eigentlich an den Anfang des Satzes gehörte, versehen also?
„Deutschland verreckt“ jedoch lässt das Leiden am Niedergang ahnen und ist nicht wie „Deutschland verrecke“ eine, zwar unangenehm formulierte aber letztlich sinnvolle, Forderung. Die Jeunesse abrogez le dorage! vergoldet zumindest ihr Lamento. Wenn sie jetzt noch beim Flinzer sticken lernen, können sie ihre Sinnsprüche handlicher ausarbeiten: „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.
Tannert will sich trotzdem nicht beruhigen, auch nicht angesichts des für neue deutsche Malerei womöglich gut geeigneten Stilleben-Materials, das die Vandalen (Tannert, Tagesspiegel) hinterlassen haben (Pfannkuchen, Pseudo-Molotov Cocktails etc.). Dabei gab er 2006 den Band „New German Painting“ heraus und „[p]rinzipiell sieht Tannert die neue Malerei in direkter Auseinandersetzung mit der Bilderindustrie der Mediengesellschaft positioniert; als eine kritische Reaktion, da sie den unaufhörlich zirkulierenden Bilderstrom stilllegt und widerständig auf ‚die Stopptaste’ drückt.“ (Taz)
Passt doch. Womöglich ist er aber bloß wütend über seine Rolle als „Der böse Galerist“ aka Kurator, kulturbeflissener Geschäftsführer, Kritiker. Als medial bewanderter Mensch muss er wissen, was das bedeutet (und auch, dass das mit der „Stopptaste“ nicht funktionieren kann), und dann lohnt es sich schon mal noch einen draufzusetzen: Ist der Ruf erstmal ruiniert, feiert man seine Parties umso lieber mit und auf Kosten von Daimler und gibt zu, dass man vom Wagenpark-Ambiente fasziniert ist: „Die ‚Garagenatmosphäre’ [des neuen Atelier-Gebäudes, J6ON] gefällt Tannert. Er weiß dennoch, was er verliert: ‚Ein denkmalgeschütztes Haus. Wir haben nicht mehr den Schutz Friedrich Wilhelm IV‘.“ (Tagesspiegel) Noch so ein netter, von Flucht und Vertreibung geprägter, deutscher Romantiker, whatever, Tannert „will die ‚flutende, krachende, benzingetränkte Stadt’.“ (Ebd.) Monolog eines erfolglosen Kupplers: Dann passt’s halt nicht – hätte klappen müssen. Wartet nur: In zwei Jahren trefft ihr euch zufällig wieder und fallt euch schnurstracks in die Arme. So!
Meanwhile round the corner wird schon plakatiert. Dass Kunst nicht wie vom Tagesspiegel (ebd.) „bislang stets als progressiv galt“, wurde bereits belegt. Muss sie auch gar nicht – man kann das noch zuspitzen: Die Deutschen hatten schon mal einen so genannten Künstler als Führer (natürlich einen erfolglosen!), und der bestimmte ganz im Sinne seines Volkes, in welche Richtung der Fortschritt sich zu bewegen hatte. Als progressiv galten dann eben z.B. Padua, Breker, Ziegler, Thorak und Riefenstahl sowieso und nach wie vor. Später gab es dann Syberberg, Kiefer, Nitsch, Muehl, Fassbinder und noch später die Leipziger Schule mit Rauch et al. und Bisky und meinetwegen von Hagens et al. – Progressivität ist (wie Kunst) ein dehnbarer Begriff. Wenn schon ein deutscher Musiker das Attentat auf das World Trade Center als das „größte Kunstwerk aller Zeiten“ bezeichnete… „Kunst“ ist auch kein neues Feindbild der ‚Linken’ (wie 3sat, Der Tagesspiegel und Die Zeit1 vermuten) – weder im positiven noch im negativen Sinne. Als Beispiel mögen diejenigen Polit-Aktivisten der späten 60er Jahre dienen, die den Autoren der Gruppe 47 ihr „Dichter! Dichter!“ entgegenschmetterten – auf beiden Seiten standen vorwiegend Deutsche, die sich doch nur wehren wollten, Opfer also. Dabei bleibt es, denn „Tannert ist nicht das einzige Opfer. Betroffen sind auch die Verantwortlichen der Berlin Biennale, die gerade wenige Straße weiter stattfindet: Die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg und die Direktorin des veranstaltenden Institutes Kunst-Werke, Gabriele Horn. Kreuzbergweit werden sie mit steckbriefartigen Plakaten als ‚Gentrifiziererinnen’ stigmatisiert. Zugleich wird anonym mit Anschlägen auf die Biennale gedroht. Nicht die Kunst als solche ist also das Feindbild der Hausbesetzerszene, sondern der Kunstbetrieb und seine Protagonisten. Ihnen gelten die wüsten Attacken vom Wochenende, die nun ins ganze Stadtgebiet hineinwirken. Diese verschlagene [!] Aktion richtet sich offensichtlich gegen das Magnetische [?] der jungen Kunst, gegen das vermeintlich [?] Etablierte, nun also auch in Kreuzberg, weitab vom unangefochtenen Kunstzentrum Mitte. Nun aber hat diese 6. Berlin Biennale der Gegenwartskunst Kreuzberg erwählt. Am Biennale-Ort, dem lange leerstehenden Gründerzeit-Kaufhaus am Oranienplatz, ist seit Donnerstag Andrang: Kunstfreunde, Sammler, Galeristen, Museumsleute aus aller Welt kommen, um die Werke von 46 Künstlern zu sehen.“ (Tagesspiegel, ebd.)
Die Gentrification-Gegner werden sich so oder anders aufstellen und anklagen: „Künstler! Künstler!“ Die Initiatorinnen hingegen werden sagen, dass man doch auch Teil der Gemeinschaft sei und man eigentlich gegen dasselbe kämpfe und sowieso, weil sich auf der Biennale „die politischen Inhalte der Werke mit den jeweiligen gesellschaftlichen Eigenheiten des Umfeldes [verschränkten]- mit gesellschaftlichen Veränderungen wie Gentrifizierung, kommunalen Sparplänen und Prekarisierung. ‚Unser Ansinnen ist aber auch’, heißt es, ‚das Gebäude am Oranienplatz, das fast ein Jahrzehnt lang leer stand, der Kreuzberger Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Der sensible Umgang mit dem Haus, die Ausstellungseinbauten aus rohen, oft recycelten Materialien sind Beispiel für einen anderen Umgang mit Kunst in einem leerstehenden Gebäude.’ Die Kunst im alten Kreuzberger Kaufhaus übrigens ist alles andere als etabliert, die Installationen und Videos sind sozialkritisch, kapitalismuskritisch, ökologisch und dokumentarisch im Bezug auf unsere Welt [quoi?]. Es ist keine Messe, keine Verkaufsausstellung, es ist eine Schau von Kunst, die mit ihren Mitteln Verantwortung übernehmen will für die Welt. Die Biennale indes wird von ihren Gegnern zur Gefahr erklärt, weil sie die Gegend aufwerte – als kämen mit ihr und gleich nach ihr die Immobilienhaie, die Chi-Chi-Läden, die Mietteuerungswellen.“ (Tagesspiegel, ebd.) Das dem überhaupt nicht so sein muss, wird übrigens erleichtert in der Jungle World behauptet und das liest sich dann fast so wie beim Tagesspiegel:
Nahezu gleichzeitig tauchten in Kreuzberg »Steckbriefe« auf. In den Flugblättern wird zum Beispiel gegen die Leiterin der Kunst-Biennale im leerstehenden Supermarkt am Oranienplatz gehetzt, Kathrin Rhomberg sei für die »Gentrifizierung« mitverantwortlich. Dahinter steckt die irre Annahme, dass ausgerechnet Künstler oder Kuratoren für die kapitalistischen Prozesse der Aufwertung und Mietsteigerung verantwortlich zu machen sind. Auch wenn die wilden Kunstgalerien, die nach der Wende in Mitte entstanden sind, Vorboten der späteren Entwicklung rund um den Hackeschen Markt waren, war dies nicht die Intention der Betreiber. So befürchtet nicht nur der Kreuzberger Kulturstadtrat Jan Stöß, dass »hier hinter dem Schlagwort der Gentrifizierung eine kunst- und kulturfeindliche Haltung deutlich wird«. Dass die Ansiedlung von Kunstprojekten nicht unbedingt zur Aufwertung der Kieze führt, beweist gerade das Bethanien, das in seinen Mauern seit 30 Jahren zwei international renommierte Kulturinstitutionen beherbergt hat. Im Laufe dieses Jahres sollen in die von Tannert verlassenen Räume weitere Projekte aus der freien Tanz- und Theaterszene einziehen, berichtet Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg und freut sich auf die zukünftigen Kooperationen. Bauer steht für ein Konzept von Kunst, das sich »den unterschiedlichen Betriebssystemen der Kunst wie Kunstmarkt und Biennalen nicht unterwerfen möchte«. Die Kunst in den von ihm kuratierten Ausstellungen soll keine marktorientierte sein, sondern »diskursorientiert«, »widerborstig«, man wolle »sich an den sozialen und künstlerischen Prozessen im Umfeld und mit den realen Akteuren im Quartier reiben«. […] »Mit Kunst kann man wunderbar die Zustände und Veränderungen der Gesellschaft analysieren und reflektieren«, meint Bauer und berichtet von einer gemeinsam mit den ehemaligen Besetzern des Südflügels geplante Ausstellung zu US-amerikanischer Plakatkunst.Christoph Villinger – Durchwahl zur Kunst, Jungle World
When a place gets boring!
Ein Grund für Erleichterung ist das kaum. Ob es so bleibt, wie es ist, liebevoll pädagogisch (voll widerständige) Kunst und Kultur vermittelt werden sollen oder die bloß die Vorboten von abschreckend postmodern sanierten Gebäuden, protziger Gastronomie mit unerträglich anmaßender Klientel und einem albernen Unterhaltungsprogramm usw. sind, all das resultiert unbedingt in der Erkenntnis, dass so das „richtige Leben“ nicht aussehen kann.

II

There is nothing more dreary than contemporary art that sets out merely to be provocative when it is in fact conventional and reactionary. A case in point is the Danish artistic group Surrend’s anti-Israel poster showing maps of the Middle East in which the state of Israel does not exist, with the term “Final Solution” at the top. Not only does this mirror the jingoistic foreign policy of the Holocaust-denying regime in Iran, but it also resonates with many Germans.
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations

Meanwhile round the corner wird auch aber noch ambitionierter plakatiert. Da wollen nicht die verwirrten und angeekelten Kinder den bösartigen Verderber des Hippie-Mädchens ein wenig rufmorden, sondern es geht darum, kurzerhand einen Staat samt seinen Bewohnern (s.u.) von der Landkarte zu streichen. Die Vertreter von Klaus Staeckschem Einfallsreichtum auf Erden, Jan Egesborg und Pia Bertelsen aka Surrend, denen man es zu Unrecht hoch anrechnet, dass für sie alles gleich dumm ist, sind trunken von all dem Lob größenwahnsinnig geworden. Auf dem Gipfel des Feldherrenhügels angekommen, haben sie ihre Karten ausgepackt und mit ein paar Strichen die Welt neu verteilt. Das so von ihnen geschaffene Land nannten sie passenderweise Ramallah, also Allahs Hügel, und überschrieben ihre Neuordnung mit „Endlösung“. Man kann der Wahrheit tatsächlich so nahe kommen und trotzdem – „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ – behaupten, das Ganze habe rein gar nicht mit dem „Existenzrecht Israels“ zu tun, schon gar nicht wolle man es in Frage stellen (Jan Egesborg). Israel also darf ein bißchen rumexistieren, nur wird es umbenannt, und die Juden sollen gefälligst abhauen, denn: „’Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen’ sagte Jan Egesborg. ‚Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet“, aber es „war ein historischer Fehler, Israel zu gründen.’ Egesborg bezeichnet sein Plakat als ‚harte Satire’. ‚Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde’, argumentiert Egesborg in einem Interview: ‚Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.’“ (Der Tagesspiegel)
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno – Dialektik der Aufklärung)) Eben und deswegen – und nur deswegen – sind Egesborg und Bertelsen auch keine, sondern verunglimpfte Opfer der… there we go again: ‚Auschwitz-, Holocaust- oder Antisemitismuskeule’ (© by Walser and friends). Mutig hatten sie sich vorgewagt – fast wie Barenboim, der permanent ausstellt, in Deutschland öffentlich Wagner aufzuführen sei tabubrecherisch – und der Drohung ins splitterbewehrte Auge geblickt: „’Wir haben genau diese automatisch ablaufende Reaktion in Deutschland erwartet’, so Jan Egesborg. ‚Wenn man hier Israel kritisiert, geht es sofort um den Holocaust, dann bist du sofort Antisemit. Es gibt einen Mechanismus, den wir mit diesem Plakat auslösen und zeigen wollten.’ Und Pia Bertelsen sagt: ‚Wenn man Israel kritisiert, heißt das nicht, dass man nicht an den Holocaust glaubt. Selbstverständlich tun wir das. Und selbstverständlich sind wir keine Antisemiten. Aber hier werden einfach Begriffe verknüpft, die gar nicht zusammen gehören. Kritisiert man eine Sache, werden einem automatisch auch die anderen Begriffe unterstellt.’“ (Kulturzeit, „Kunst gegen Tabus“)
Die „eine Sache“ und „die anderen Begriffe“? Egal, solange man nur „an den Holocaust glaubt.“ Über die Glaubenssache „Holocaust“ schrieben bereits z.B. Iris Hefets in der taz, kreuznet.de und die Junge Freiheit. Von einem „Hass auf Auschwitz“, der diese absurde Konstruktion generiert, spricht Clemens Heni: „Sehr deutlich wird dieser Hass in einem Artikel der Jungen Freiheit im Januar 2007. Dieser Text wendet sich gegen den Historiker Prof. Dan Diner und dessen Furcht vor einem Verschwinden der Erinnerung an den ‚Zivilisationsbruch Auschwitz’. Titel und Untertitel dieser neu-deutschen Agitation sprechen für sich: ‚Hohepriester der Holocaust-Religion. Der Jerusalemer Historiker Dan Diner und seine Versuche, den Judenmord ‚zu vermenschheitlichen‘. Das katholische Internetportal kreuz.net unterstützt das und schreibt 2006: ‚Einem Christen ist es freilich nicht möglich, der Holocaust-Zivilreligion Glauben zu schenken oder ihr gar zu opfern.’ Die taz bzw. die AIK sprechen mit Hefets von einer ‚Pilgerfahrt nach Auschwitz. Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden’. Der taz-Text ist gleichwohl ein Tabubruch. Er geriert sich, entgegen den Nazis oder Antijudaisten/ christlichen Antisemiten als hyper-kritisch, da der Text von einer Jüdin geschrieben wurde, und sie insinuieren sie seien aufklärerisch, da religionskritisch, indem die Shoah nicht als Verbrechen, sondern als Mythos oder Heiligtum zerredet wird. Martin Walser wird neidisch auf diese taz-Variante des Schlussstrichs schauen.Clemens Heni – Die taz gegen Israel und die „heilige Aura“ von „Auschwitz“
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno again) Und deswegen plakatierten Egesborg und Bertelsen ein wenig später gegen ihre Kritiker: „’Man darf sich gern über Allah, Mohammed, die Hisbollah, Ahmadinedschad, [auch über die Kaaba?] den Pabst (übrigens absichtlich falsch geschrieben [Warum eigentlich?]) lustig machen – aber nicht Israel kritisieren!’ Darunter sind die Menschen aufgelistet, die von Surrend ‚die israelische Lobby in Deutschland’ genannt werden – Menschen, die sich über ihre Plakate empört haben.“ (kulturzeit, ebd.) Die unverschämterweise „Empörten“ werden wie folgt benannt:
Die jüdische Lobby in Deutschland – Jahve (Gott Nummer 1), Benjamin Weinthal (Prophet, PR-Berater, Kampagnenkorrespondent Jerusalem Post, Tagesspiegel, Welt, Der Stürmer), Lala Süskind (Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Moabit/ Berlin), Klaus Wowereit (Bürgermeister für Hugo Boss und die Armen), Prophet Dr. Shimon Samuels (Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers für Kriegsverbrechen in Gaza), Prophet Dr. Moshe Kantor (Präsident des jüdischen Kongresses auf Sylt), Zion Rudaitsky (Rentner), Lizas Welt (Blogg [auch mit Absicht falsch geschrieben?] zu Stimmungsschwankungen und Angst), Jaques Schuster (Direktor Israels Tourismusministerium sowie Dänemark-Redakteur für die Welt), Associated Press (auch Honestly Concerned genannt), Honestly Concerned (Komitee besorgter Zensurkomissare), Abraham (Vater Nummer 1).
Ha, witzig, Schenkelklopfer, Stürmer-Juden, ein schwuler Bürgermeister im Dienste eines deutschen Anzugmachers, ein angstgestörter/ bipolarer Blogger, die Jüdischkontrollierteweltpresse und diverse Nummereinsen und Propheten (die was eigentlich prophezeien?). Konformistischen Rebellen nämlich gilt Kritik als Redeverbot, Maulkorb, Zensur, Vertreibung vom Feldherrenhügel, als alles nur nicht als Errungenschaft der Zivilisation. Und der von kulturzeit herbeigerufene Wolfgang Benz unterstützt sie in ihrer Überzeugung: „Aber es gibt keine Antisemiten mehr“! Eben: „Für Surrend ist das ein ‚Zensur-Mechanismus’, mit dem Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Kulturzeit, ebd.
Sonst bleibt nur die Frage: WER ZENSIERT SURREND „gerade im deutschen Kontext“ (Egesborg) EIGENTLICH?
Deutschland im Sommer 2010: Der Bundestag hat Israel-Kritik nunmehr endgültig verboten (die Zustimmung des Bundesrates gilt als total sicher), kurz nach dem gemeinschaftlichen Absingen der Nationalhymne für den neuen Präsidenten, der sofort wieder gestürzt wurde, weil er es wagte, in seiner Antrittsrede nicht die „unverbrüchliche Solidarität mit Israel“ zu erklären und überhaupt Niedersachse ist („Heil König Widukind“). Neuer Präsident sind ab sofort „Die Weisen von Zion“ – niemand hierzulande war erstaunt, dass Broder und Friedman unter ihnen sind, und Walser hatte längst vorhergesagt, dass Reich-Ranicki dabei sein würde und Bubis sowieso, der nämlich wandelt wie die anderen ewig, sonst sind’s nur US-Amerikaner und Israelis, Rothschilds und Goldmans. Die deutschen Teilnehmer an der „Gaza-Flotille“ wurden geschlechtlich unsortiert (evil!) eingekerkert. Die Künstlergruppe Surrend sitzt in Auslieferungshaft; in Israel wird ihnen der Prozess wegen Verbrechen gegen Isjaegalimhistorischenfehler gemacht werden. Richard Branson berichtet, dass ihn bis vor kurzem hunderte von Briefen erreicht hätten, mit dem Inhalt: Er solle gefälligst sein Raumschiff rausrücken, man wolle die sich auf der dunklen Seite des Mondes befindenden Nazi-Ufos reaktivieren. Mittlerweile kämen aber kaum noch Anfragen, weil offensichtlich in einem internen Machtkampf die Fraktion derer, die nicht an Mondlandungen glauben, obsiegt habe. Arendt, Elsässers, and the like haben die Botschaften von Ihnengenehmenvölkern um Asyl ersucht. Zurzeit lässt sich Jürgen Elsässer von Ex-Bischoff Mixa beraten – zu Fragen wie „Jetzt erst recht: Schwulen-Paraden weltweit verhindern, obwohl man überhaupt nicht homophob ist“. Auf Zeit online beklagt man zahlenanspielungsreich vergangene Wehrhaftigkeit: „88′ Die gute alte deutsche Brechstange ist ausgepackt, aber die Deutschen haben es verlernt, sie einzusetzen.“ (Live-Blog Zeit online Sportredaktion, 7.7.2010)
Und überhaupt! Es herrscht Angst im Land der Opfer. Aber sicher doch…

Highly recommended reading:
aa:b – Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.
Lizas Welt – Jägerlatein
Clemens Heni – Antisemitismus und deutsche Medien, Teil 2: Kulturzeit, Leviathan, Die Welt und Freitag
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
Und das übliche Infiltrationszeugs, was anderes darf man eh nicht mehr empfehlen…

  1. Tanja Dückers irrt sich in der Zeit, wenn sie von einem radikalen Bruch des Künstler(selbst)verständnisses ausgeht. [zurück]