Archiv für Juli 2010

Deutsches Dokudrama mit „äh“ und „aber“: „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“

Wo es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen mir und der Welt, deren immer noch nicht widerrufenes Todesurteil ich als soziale Realität anerkenne, geht sie auf in der Polemik. Ihr wollt nicht hören? Höret. Ihr wollt nicht wissen, wohin eure Gleichgültigkeit euch selber und mich zu jeder Stunde wieder hinführen kann? Ich sage es euch. Es geht euch nichts an, was geschah, denn ihr wußtet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

Ja. Ich habe ganz kurz mit ihm über Silvia gesprochen. Klaus „Nick“ Eichmann ist ein sympathischer älterer Herr. Er sprach mit sehr viel Wärme über Silvia. Die Eichmann-Söhne geben ansonsten keine Interviews. Es war für uns wichtig, dass die Geschichte – die Begegnung zwischen Nick und Silvia – von dieser Seite nochmals bestätigt wird.
Regisseur Raymond Ley im Interview mit dem Standard

Dann hat der Vater dem Mädchen sofort gesagt, dass sie kommen sollte. Denn als sie ihn fassten, drohte der Junge, dass er Silvia umbringen wollte, weil sie ihn verraten habe.
Alicia Dandörfer, Nachbarin der Familie Hermann in Argentinien, als Zeitzeugin im Film

Der NDR jubelt auf seinen Kultur-Seiten, die verantwortlichen Redakteure und der Regisseur triumphieren in Interviews mit den einschlägigen Medien, und alle sind sich einig: Sie haben das Genre Dokudrama nicht nur bereichert, sondern auch „das authentischste, dokumentarischste Dokudrama bisher“ (NDR-Geschichtsredakteur Alexander von Sallwitz in der taz) vorgelegt. „Raymond Ley ließ die Dialoge geradezu puristisch umsetzen: Jedes „aber“, jedes „äh“ aus den Originaldokumenten sei in den Filmdialogen berücksichtigt worden, betont NDR-Redakteurin Schlesinger.“ (René Martens, taz online) Um diese Leistung zu würdigen, wird über den Abspann des Films „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ eine Tonspur mit Eichmanns Originalstimme gelegt: „Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen.“ Das deutsche Feuilleton findet das alles ganz großartig: „formal puristisch, inhaltlich facettenreich“ (ebd.), mit einer „historischen und psychologischen Präzision“, „enormen erzählerischen Dichte“ und „fiktional mitreißend“. „Der „Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte – hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben“ (Christian Buß, Spiegel online). „Herbert Knaup brilliert in „Eichmanns Ende““; „Raymond Ley gelingt es, Eichmanns selbstgerechte Lebensbeichte gegenüber Sassen flüssig und selbstverständlich zu verschränken mit der Geschichte seiner Entdeckung. Das liegt vor allem an der großartigen Leistung von Herbert Knaup, der Eichmann intensiver verkörpert als wohl alle anderen Schauspieler, die sich bisher an dieser Rolle versucht haben.“ (Welt.de)1
Das Dokudrama ist die Grimme-Preis-heischendste Disziplin im deutschen Fernsehen, je mehr sich in ihm deutsche Schauspieler zu den ihnen möglichen Höchstleistungen herausgefordert sehen umso Erfolg versprechender. Nazis darstellen ist der Gipfel deutscher Schauspielkunst – solange es in heimischen Produktionen oder für Tarantino ist, sonst verweigert man sich den US-Amerikanern gerne – schließlich will man nicht herhalten müssen als Unambivalentesnazimaterial und findet es ganz furchtbar, dass man als Deutscher in Hollywood immer nur SS- oder Gestapo-Männer darstellen darf. In einer vorwiegend deutschen Produktion jedoch (was den israelischen Channel 1 geritten haben mag, sich am Machwerk zu beteiligen, weiß man nicht) gibt man gerne den ‚facettenreichen Darsteller’. Das resultiert darin, dass alle (Tukur, Milberg etc.) so spielen wie immer, und Knaup ganz offensichtlich an Eichmann-Material geschult wurde – und trotzdem Knaup bleibt. Dementsprechend preist der NDR die „äußerst spannende Geschichte“ auch als „[a]bsolut echt, authentisch und Wort für Wort belegt“ an. „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ ist laut NDR ein „Dokudrama mit Top-Besetzung“.
„Eichmann“ ist so banal bösartig, wie Knaup es nur kann, und sein „Ende“ wird künstlerisch ansprechend bloß repräsentiert, wenn er auf einen Stuhl steigen muss, um seiner Frau zu zeigen, dass er bequem (hilflos in großkarierten Pantoffeln) bekleidet ist, dann nämlich sieht man ihn nur bis zum Hals – das erspart dem Zuschauer das Bild seiner Hinrichtung durch den Strick.
Im Film wird alles penibel abgesichert. Nicht missverstanden werden möchte man, und deswegen gibt es diverse Erzählebenen – „formal puristisch“ ist eine groteske Fehlbeschreibung. Die Interviews, die der niederländische SS-Untersturmbannführer Willem Sassen mit Eichmann in Buenos Aires führte und denen angeblich das eigentliche filmische Interesse galt, werden in Ausschnitten nachgestellt. Ulrich Tukur als Sassen und Herbert Knaup als Eichmann sitzen sich in einem Salon gegenüber – Eichmann will mit der Judenvernichtung angeben, und Sassen will, (dass behauptet wird,) dass sie nicht wirklich stattgefunden hat. Daraus u.a. soll dann die Spannung des Filmes entstehen. Was passiert, ist allerdings, dass der weltgewandte, wenn auch ein wenig genervte Holocaust-Leugner als viel besserer Mensch wegkommt als der verkrampft und unbeholfen sich brüstende SS-Obersturmbannführer. („Eichmanns Ansichten schockierten sogar die Beteiligten.“ NDR) Gestützt wird das Bild noch dadurch, dass die Darsteller von Sassens Tochter und Frau sich sichtlich vor Eichmann gruseln und Sassens Tochter als Zeitzeugin befragt, ihren Vater als Verblendeten beschreiben darf. Und Sassen ist Tukur – durch Film und Fernsehen vorwiegend bekannt als „der gute Nazi“. Eichmanns in kalter Bürokratensprache vorgetragene Schilderungen seiner Aufgaben während des Holocaust werden auf der nächsten Ebene mit schwarzweißen Filmaufnahmen und Fotografien von den Transporten und aus den Vernichtungslagern illustriert. So sei es wirklich gewesen und eben nicht „banal“ sondern böse. Die über beinahe den gesamten Film gegossene Musiksuppe liegt auch auf den Bildern, nur über zwei oder drei besonders grauenvollen Darstellungen nicht – sehr pietätvoll. Eichmanns musikalisches Thema ähnelt zudem einem Klavierthema, das Ennio Morricone für „White Dog“ (USA 1982, Samuel Fuller, basierend auf Romain Garys dokumentierendem Roman Chien blanc) komponierte.
Auf einer weiteren Ebene sitzt Axel Milberg als Fritz Bauer im Büro herum oder trifft sich im Wald mit einem Mossad-Agenten, um die Entführung Eichmanns voranzutreiben. Und irgendwann wird unsinnigerweise die Szene „Eichmann mit seiner verärgerten Geliebten“ gezeigt. Zwischendurch werden immer wieder Interviews mit Zeitzeugen eingeblendet: mit der zweiten Ehefrau Lothar Hermanns (dessen Identifizierung zu Eichmanns Entführung durch den Mossad führte), einer Freundin der Familie Hermann, einem der Nachbarn, Sassens Tochter, zwei ausschlaggebend an der Entführung beteiligten Mossad-Mitarbeitern und drei Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte (entlarvend!)3. Nachgestellt werden außerdem Ausschnitte eines Interviews, das zwei Journalisten von Paris Match 1982 mit der Witwe Eichmanns führten. Am Ende gibt es noch Original-Bildmaterial aus Israel zur Zeit des Eichmann-Prozesses und Bilder vom Prozess selbst.
Jede Ebene hat ihre eigene Farbgebung – das reicht von klassischen Isthaltvergangenheit-Sepiatönen über rote Akzente im staubig-sonnigen Argentinien (das in Niedersachsen nachgebaut wurde, weil’s billiger war), kaltes Blaugrau, bis zum Schwarzweiß des Originalmaterials (Holocaust/ Israel).
Das alles ist typisches deutsches Dokudrama und fügt dem Genre weder etwas hinzu, noch kann es viel schlechter als sonst kommen. Dem „Sensationsfund“ wird das alles nicht gerecht, wie nichts Ästhetisierendes Eichmann jemals gerecht werden könnte, nicht einmal seine eigenen Worte.


Caravaggio – Judith köpft Holofernes

So unfassbar diese Sätze klingen, so unglaublich ist die Geschichte von der Ergreifung des Schergen! Nicht seine Interviews haben zur Ergreifung geführt – nein, es war die Liebe!“ (Bild.de)

Sie konnte nicht glauben, dass ihr das passiert. Sie sagte: Nach allem, was sie meiner Familie angetan haben. Dass das Schicksal sie dazu bestimmt hat. Es war Zufall, dass sie mit dem Sohn von Eichmann zusammengewesen ist. […] Es war nicht von einem Tag auf den anderen. Sie hat darauf hingearbeitet, um zu erreichen, dass er sie zu sich nachhause einlädt. Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken. […] Und sie wusste auch, welches Risiko sie einging, wenn sie Informationen weitergab. […] Sie sagte mir, ich weiß, welches Risiko ich eingehe.
Alicia Dandörfer, ebd.

Der Halbjude [!] Lothar Hermann war auf der richtigen Fährte. Der Mann im Rentenalter meldete dem jungen israelischen Ausland-Geheimdienst Mossad in Tel Aviv, was ihm seine Tochter Sylvia über die Bewohner des Hauses Charabuco-Straße 4261 in Olivos erzählt hatte: In jenem nördlichen Vorort von Buenos Aires wohnte ein Ehepaar, mit dessen ältestem Sohn sie befreundet war. Der junge Mann hieß Klaus Eichmann und sagte desöfteren, es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.
Hans Werner Loose – Der Eichmann-Jäger bricht sein Schweigen, Rezension von Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl: Der Jäger – Operation Eichmann: Was wirklich geschah, DieWelt 28.03.96

Auf der untertitelgebenden Erzählebene („Liebe, Verrat, Tod“), auf der das Dokumentarische nahezu vollständig zugunsten des Fiktiven in den Hintergrund treten muss, und auf die man beim NDR besonders stolz ist, wird bei Ley die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die ihrem das KZ nur knapp überlebt habenden Vater von den antisemitischen Sprüchen eines Schulfreundes berichtet, zu einer alten Geschichte: Ein Drama um eine deutsch ausgelegte Judith oder Esther etc. (vgl. dazu Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld, S. 224ff) und einen die Attraktivität seiner ihm einzig und, wie Eichmanns Aussage über dem Abspann belegt, nur ‚ungern’ von den Nazis ‚gelassenen’ ‚Blutsverwandten’ rücksichtslos ausnutzenden Vater.2
Ein Mann zerstört zwei Familien, seine eigene und die Adolf Eichmanns – aus Rachsucht, weil Eichmann die Vernichtung seiner Familie organisierte und für am Ende 10.130 Dollar, die ihm die Israelis für die Ergreifung Eichmanns bezahlten. Dem aus Kassel stammenden Regisseur Raymond Ley verschlägt es ob der Sinnlosigkeit der Zerstörung immer mal wieder die Filmsprache (die allerdings und vor allem die Eichmanns ist dem Spiegel eine Einleitung wert). Dabei ist er TV-Experte für deutsche Karrieren (Beate Uhse – Eine deutsche Karriere, 1999), deutsche Katastrophen (Eschede Zug 884, 2008; Die Nacht der großen Flut, 2005) und Deutsches überhaupt (Helm ab zum Jubiläum! – 50 Jahre Bundeswehr; 2005; Aus Liebe zu Deutschland – Eine Spendenaffäre, 2003; An deutschen Tischen, 2000).
Im Gegensatz zu Eichmanns „Tod“ (s.o.) wird der Zuschauer „Liebe“ und „Verrat“ wesentlich rücksichtsloser ausgesetzt. Die „Liebe“ seiner Tochter Silvia – zu Nick, Eichmanns Sohn – und sie gleich mit opfert der Holocaust-Überlebende Lothar Hermann (Michael Hanemann, verbittert, ungeduldig und lieblos) seiner Rachsucht. Als Gewährsmann für die Liebesgeschichte gilt Ley der „sympathische ältere Herr“, Klaus/ Nick Eichmann, der „mit sehr viel Wärme über Silvia“ (Ley, s.o.) sprach. Der Junge also, der gedroht haben soll, Silvia umzubringen, der „desöfteren“ gesagt haben soll, „es sei sehr schade, daß Hitler daran gehindert worden sei, seine Aufgabe ganz zu erfüllen und alle Juden zu vernichten.“ Der Junge, der so redete wie sein Vater. Alle noch so zurückhaltenden Aussagen der Zeitzeugin Alicia Dandörfer („Das heißt, es war auch eine Beziehung, aber eine mit Hintergedanken.“ S.o.) illustriert Ley mit Bildern, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass Silvia Hermann Nick Eichmann tatsächlich liebte, und diese Liebe nur um des (rücksichtslos drängenden) Vaters Willen verriet. Auf dem letzten Weg zu dem, mit dem sie „was hatte“ (im Film-Gespräch mit ihrer Freundin suggeriert das Beischlaf), weint sie einsam im Bus. Dandörfers Einschätzung: „Er war so hasserfüllt. Ich weiß nicht, das war schon richtig krankhaft. Seine Frau beruhigte ihn. Sie sagte: Es ist vorbei. Wir leben. Es ist vorbei. Wir leben. Wir haben unsere Tochter. Darauf sagte er: Ich werde nicht aufhören. Sie werden es büßen. Sie werden es büßen“, entnimmt Ley unwidersprochen die Einschätzung Hermanns als „krankhaft“ und illustriert das außer als „krankhaft rachsüchtig“ als „krankhaft gierig“ mit einem Zusammentreffen von Hermann und einem Mossad-Agenten, bei dem Silvia und Hermanns zweite Frau anwesend sind:
Hermann: „Außerdem, diese ganzen Nachforschungen haben mich Unsummen gekostet.
Die Tochter sieht peinlich berührt zu Boden.
Mossad-Agent: „Kein Problem. Hier sind 130 Dollar für ihre bisherigen Auslagen.
Kamera auf Geldbörse, der der Agent Scheine entnimmt.
Hermann: „Das ist viel mehr, als sie sich leisten können.
Zeitzeuge Rafi Eilan, Mossad: „Ich glaube nicht, dass sich je jemand verpflichtet hat, Geld zu bezahlen. Es sieht vielleicht nicht angenehm aus, aber die Beziehung zu Hermann war, dass er eine Leistung erbringt. Und dass man für die Leistung Geld gibt.
Woher Hermanns angebliche Geldgier stammt, wird bereits früher angedeutet, im Interview mit den Bewohnern des Dorfes, aus dem Hermann stammte:
I: „Was haben die Hermanns gemacht?
M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
F1: „Kuhhandel.
M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
I: „Und ist denen das gelungen?“ [??? Das mag man als Bemühen darum deuten, die Bewohner aus der Reserve zu locken. Der Versuch jedoch, irgendwie Geld herauszuschlagen, wird in der genannten Spielszene, dem Interview und im Abspann zusätzlich betont.]
M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.

Bei Ley erscheint Silvia zum so genannten Verrat unwillig; der Vater muss sie antreiben, am Telefon sagt er zu ihr: „Red’ nicht so mit deinem Vater! […] Dann bring’ mir einen endgültigen Beweis.“ Immer wieder lässt Ley Silvia Nick anstrahlen oder bedauernd, abwägend, melancholisch ansehen und ihn fragend verliebt oder ahnungsvoll zurückblicken. Erst als sie ihn vor seinem Haus ein anderes (ein blondes) Mädchen küssen sieht, ist sie offenbar bereit, des treulosen Nicks Vater – Adolf Eichmann! – auszuliefern. Ebenso rachsüchtig wie ihr Vater scheint sie nun zu sein, während sie noch skeptisch ist, als der sagt: „Vergiss den Jungen. Er ist ein Lump wie sein Vater. Du hast es für unsere Familie getan.“ Da sieht sie ihn an, als ob er etwas Widerwärtiges sage.
Am Ende schickt Hermann, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde, seine Tochter in die USA, aber bei Ley kommt das einer Verbannung gleich – die Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, durch den „sympathischen“ Klaus Eichmann und all die anderen Nazis nämlich illustriert er nicht! Es gibt nur schwammige Aussagen zum Thema, die aber durch die bereits als „authentisch“ ausgewiesenen Spielszenen, Nicks Verliebtheit, Silvias Enttäuschung, Eichmanns Unbeliebtheit selbst in Nazi-Kreisen etc. etc. konterkariert wurden.
Er erhielt viele Drohungen. Ich hatte auch Angst. Aber ich musste bei ihm bleiben, weil er blind war.
Zeitzeugin Amelia Hahn Hermanns zweite Frau
Er sagte: Ich habe meine Tochter in die USA geschickt, wegen der Drohungen.
Zeitzeuge Kleiner, Nachbar Hermanns
Und der Vater sagte: Wir werden dich nie wieder sehen. Wir lieben dich. Aber wir werden dich nie wieder sehen. Alle drei weinten. Es war so traurig.
Alicia Dandörfer
Daran anschließend folgt sofort das nachgestellte Vera Eichmann-Interview, in dem sie vom Besuch bei ihrem Mann in Israel berichtet und ein re-enactment, in dem Eichmann, der im Besucherraum des Gefängnisses seine Hand gegen die Veras auf der anderen Seite der Scheibe presst, sagt: „Gell, Vera, eine Fensterscheibe kann uns nicht trennen, auch eine Glasscheibe kann uns nicht trennen.“ Und Vera Eichmann besteht ihrem Mann gegenüber darauf, dass er ja unschuldig sei und nie einen Juden umgebracht oder den Befehl dazu gegeben habe.

Im Abspann wird der Shoa-Überlebende dann endgültig verraten:
Lothar Hermann starb 1972. Er erhielt für die Ergreifung Adolf Eichmanns 10.000 US[!]-Dollar aus Israel.
Silvia Hermann kehrte nicht mehr nach Argentinien zurück. Bis heute lehnte sie jedes Gespräch über ihre Geschichte ab.
Nick Eichmann traf Silvia nie wieder. Er lebt seit Mitte der 60er Jahre wieder in Deutschland.

Der Filmemacher hätte natürlich gern auch Klaus Eichmann interviewt, dessen Freundschaft zu Silvia Hermann einst seinem Vater zum Verhängnis [!] wurde. Den Tätersohn hat der Regisseur an dessen Wohnort am Bodensee aufgesucht. „Ich hatte eine Begegnung mit Herrn Eichmann am Küchenfenster, aber er hat das Gespräch nach 20 Minuten abgebrochen“ – nachdem er kurz zuvor über ein altes Foto, das Ley mitgebracht hatte, ins Plaudern geraten war. Hermann, die heute in den USA lebt – dorthin war sie gegangen, nachdem sie ihrem Vater bei seinen Recherchen geholfen hatte –, schwieg ganz. „Sie war entsetzt darüber, dass wir sie gefunden haben“, sagt der Regisseur.“
René Martens – Bekenntnisse eines Schreibtischtäters. (taz online)

Dem Entsetzen, dass man sie überhaupt finden konnte, mag Ley nicht mal im Abspann – geschweige denn im Film selbst – gerecht werden. Und dann wollte sie ja auch nicht mit ihm reden! Die 20 Minuten hingegen, die ihm der Sohn, der einst offenbar genauso redete wie sein Vater, der gedroht haben soll, Silvia Hermann umzubringen, durchs Küchenfenster widmete, machen ihn zu einem vertrauenswürdigen und „sympathischen älteren Herrn“. Deutsches Dokudrama – echt und authentisch, mit allen ähs und abers!

  1. Bis auf zwei obskure Artikel im Freitag und in der Jungen Welt, in denen Gaby Weber Verschwörungstheoretisches über Israel verbreitet, dort nämlich sei man gar nicht daran interessiert gewesen, Eichmann vor Gericht zu stellen, sondern wollte lieber die Deutschen erpressen, um von ihnen (ausgerechnet!) Atombomben-Knowhow zu bekommen. Warum nicht gleich freundlich die US-Amerikaner fragen, die den Israelis doch angeblich so zugetan waren, sind und sein werden? Und wer immer noch den deutschen Atom-Physikern glauben mag, die nach dem Krieg so taten, als hätten sie gekonnt, aber nicht gewollt, weil sie ja die Nazis nicht so recht mochten, sollte bitte die glaubwürdigere Literatur lesen! Und die Deutschen damit erpressen, dass sie von Eichmanns Aufenthaltsort wussten? Aber sicher doch… [zurück]
  2. Jeder Filmemacher wählt aus dem Material, das ihm vorliegt oder dem, das er geschaffen hat aus. Leys Film wurde wiederholt Sorgfalt und Authentizität konstatiert; sein Bemühen, jedes Missverständnis auszuschließen und allen gerecht zu werden, ist ostentativ. Als Autor und Regisseur ist er maßgeblich verantwortlich für das Material, das er verwendet und das bei einem so kurzen Film notwendig auch zu aus dem Kontext gerissenen Aussagen führen muss, und natürlich für die Inszenierung der Spielszenen. Die NDR-Redakteure und die Nordmedia, die den Film so oder so förderten, sind verantwortlich dafür, dass sie Zuschauerbegeisterung vermuteten und sowieso. [zurück]
  3. Quirnbach, Westerwald. Geburtsort von Lothar Hermann
    Interviewer: „Kannten Sie damals den Lothar Hermann?
    Mann 1: „Ja, sicher. Ich weiß auch noch, wie die fort sind.
    I: „Welches Haus ist das von den Hermanns gewesen?
    Frau 1: „Wo Sie hingucken.
    Mann 2: „Wo Sie hingucken.“ […]
    I: „Was haben die Hermanns gemacht?
    M2: „Die haben mitn Vieh gehandelt.
    F1: „Kuhhandel.
    M2: „Mit…Ja meistens mit dem schlechteren Vieh, wat im Verkehr war.
    I: „Und ist denen das gelungen?
    M2: „Nicht immer. Öfters haben se zuhause an Händler verkauft. Aber haben da nicht soviel Reibach gemacht, wie man in der Judensprache sacht.
    I: „Wie viele jüdische Familien gab’s hier im Dorf?
    M2: „Zwei.
    F1: „Zwei, die beiden.
    M2: „Familie Hermann war da.
    I: „Wie war das? Wusste man, dass die Juden waren?
    F1: „Ja, sicher.
    M2: „Ja, sicher.
    F1: „So groß ist der Ort ja nicht. Kennt ja jeder jeden.
    M2: „Aber…
    I: „Was ist später mit denen passiert?
    Frau zuckt mit Schultern.
    M2: „Ja, die seien vergast worden.
    F1: „Ja, ist vermutet worden.
    M2: „Ja, aber.
    F1: „Waren arme Leut. Waren arme Juden.
    M2: „Haben niemand was zuleide getan.
    F1: „Nein, also, das kann man ruhig mit ruhigem Gewissen sagen.
    M2: „Ja.
    F1: „Man hätt se nit so behandeln müssen.
    M2: „Na… ja.
    F1: „Das war auch der Verderf.
    I: „Was war das?
    F1: „Der Verderb. Dass man die Juden so behandelt hat. Ja, sicher. Is doch, oder nicht? War’n ja auch Menschen. Waren halt Juden.“ [zurück]

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Marcel Duchamp * 28. Juli 1887, † 2. Oktober 1968

Bayreuth wird zum 99. Mal „aufgesperrt“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann – Briefwechsel, 1943 – 1955, Theodor W. Adorno an Thomas Mann, 01.08.1950
Wissen Sie übrigens, daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth wieder aufzusperren, und haben Sie erwogen, etwas dagegen zu unternehmen? […] Es will mir scheinen, daß Bayreuth, neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten Symptomen hier gehört, wofern man nicht auf die darin sich abzeichnenden primären Momente unmittelbar eingehen will.

Zur Premiere der „Lohengrin“-Neuinszenierung am 25.7. werden folgende Gäste erwartet: Angela Merkel, Guido Westerwelle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, Rainer Brüderle, Peter Ramsauer, Kristina Schröder, Bernd Neumann, Ministerpräsident Horst Seehofer und das vollständige bayerische Landeskabinett, Markus Söder, Edmund Stoiber, Günther Beckstein, die Vorsitzenden der bayerischen Landtagsfraktionen, Michaela May, Sebastian Koch, Edgar Selge, Hans-Dietrich Genscher, Erzbischof Ludwig Schick, der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Dr. Johannes Friedrich, die Präsidentin der Hochschul-Rektorenkonferenz Professor Dr. Margret Wintermantel, Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner (DFG), Heinz-Hermann Herbers (Deutsche Post AG), Rolf Schmidt-Holtz (BMG), Werner Schnappauf (BDI) usw. usf. (Aussehen wird das in der 99. Festspielsaison genauso öde und peinlich wie in der 98.)

Wessen Gesamtkunstwerk die deutsche ‚Elite‘ am Sonntag huldigen wird, beschrieb dessen Urenkel:
Am Ende der Regenerationsschrift „Erkenne dich selbst“ von 1881 formulierte Wagner Vorstellungen, die sich heute wie eine erschreckende Vorwegnahme von Hitlers „Endlösung“ lesen. Er beschwor als „große Lösung“ ein judenfreies Deutschland: „Uns Deutschen könnte, gerade aus der Veranlassung der gegenwärtigen, nur eben unter uns wiederum denkbaren gewesenen Bewegung, diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein, sobald wir ohne Scheu, bis auf das innerste Mark unseres Bestehens, das ‚Erkenne-dich-selbst‘ durchführten. Daß wir, dringen wir hiermit nur tief genug, nach der Überwindung aller falschen Scham, die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen haben würden, sollte mit dem Voranstehenden dem Ahnungsvollen angedeutet sein.“
Gottfried Wagner – Wer nicht mit dem Wolf heult

Mindestens am Sonntag sollte man also lieber einen wunderbaren Komponisten anhören, den Wagner zu seinem Feind, zum „Kunstjuden“ erklärte:

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Later: „Mit dem im vergangenen Jahr erfolgreich gestarteten Projekt „Wagner für Kinder“ will Katharina Wagner ein junges Publikum ungezwungen [Was auch sonst?!] mit den Werken und dem Stoff ihres Urgroßvaters Richard Wagner vertraut machen. Für das auf gut eine Stunde verdichtete Stück von Regisseurin Reyna Bruns gab es viel Beifall der 200 Jungen und Mädchen, aber auch vom fachkundigen Wagner-Publikum.Die Zeit online/ dpa

+ Bilderstrecke: Öde und peinlich 2010

Deutsche Straßenfeste seit 1938 V: Extended Deutschland-Remix

Jetzt, da Zeit, Geld und Raum wieder knapper werden.“
Christian Bangel – Patriotismus. Suche nach dem Sinn. Die Zeit online

Ja, aber ich finde es schade, dass wir unser Land kleiner machen, als es ist.
Bushido im Spiegel-Interview

Volk ohne Raum again! Natürlich ist nur ideeller, spiritueller und dergleichen Raum gemeint – das „Luftreich des Traums“, über das Heine sich noch lustig zu machen wagte und das Marx/ Engels als Bestandteil deutscher Selbstgerechtigkeit diagnostizierten – ganz gewiss nicht das ehemalige Aufmarschgebiet im Osten oder im Süden, Westen, Norden. Das Ziel ist derzeit Expansion ohne Waffengewalt – die aber in allen Dimensionen: Breite, Höhe, Tiefe, Zeit und Sympathie. Und wenn die Stringtheorie zutreffen sollte, nehmen die Deutschen die ganzen fein säuberlich aufgerollten Dimensionen noch mit und stricken sich einen Lebensraum daraus.
Nichts wollen die Deutschen offenbar mehr, denn als „ganz normale Nation“ anerkannt zu werden. Es geht ihnen nur um sich selbst; aber ihr Projektionswahn ist so übermächtig, dass sie ihre Missgunst, ihren Selbsthass, der nicht sein darf und ihren Hass aufs „Andere“, der auch notwendig ist, um den Selbsthass ertragen zu können, auf die Welt übertragen, bis sie ihnen in ihren Augen mindestens gleicht. Frankreichs (fußballerisches) „Multikulti-Experiment“ gilt den Deutschen als gescheitert, während sie ihre eigene „Integrationsleistung“ gar nicht genug ausstellen können.
Das Geheimnis des deutschen Erfolgs gibt Bushido im Spiegelinterview preis: „Egal, wie asozial du bist, du weißt in Deutschland immer noch, an welche Regeln du dich halten musst. […] Es ist einem nicht egal. Deswegen brennen hier nicht die Vorstädte. Es gibt diesen Frust in Deutschland nicht. Auch krass asoziale Leute, die ich kenne, machen lieber Raubüberfall oder Einbruch, als Autos anzuzünden. […] Die kennen das Wort Revolte gar nicht. Wenn der Vater ‚Ruhe’ sagt, dann ist Ruhe.“ (Ebd.) ∎

Inmitten der irgendwie Gleichen aber wollen die Deutschen trotzdem einzigartig sein, z.B. im Nichtdürfen. Ihr „Abermanwirdochwohlnoch“ fordert geradezu Ablehnung ein, um sich entweder als Opfer von ewigwandernden Anklagen oder als zu Recht Empörter geben zu können. Alles ganz entspannt und locker natürlich, beispielsweise beim home screening vom Irgendwer vs. Deutschland-Spiel, wo der bereits als generellnichtfürdeutschlandseiend bekannte Besucher zum fröhlichen Empfang mit Schwarzrotgelbfettfarben bemalt werden soll und mehrfach auf Unterlassung bestehen muss. „Achkommschonistdochbloßlustig“. Deutschsein ist totale Party, und wer nicht mitmachen will, steht als ostentative Erinnerung an das, wasdamalwar mitten im Raum. ‚Das’ gehört zwar mittlerweile zur deutschen Folklore, aber niemand will explizit darauf hingewiesen werden, dass seine „Schland“-Party dem Hüpfen auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals verblüffend ähnelt. Eigentlich, denn zugleich freut man sich auch ein wenig über die Verweigerer, hat mans doch gewusst: Was man da gerade macht, ist ungeheuer gewagt! Deswegen wird auch so getan, als sei die ein wenig Freudsche Fehlleistung der ZDF-Moderatorin skandalisiert worden. Was natürlich nicht der Fall war – kurz „Dudu“ hat die deutsche Medienwelt gesagt und dann der liebenswert unverstellten Göre verzeihend den Kopf getätschelt. Andere werden schon fürs bloße Deutschlandlieben brutal gedisst, Bushido for instance:
SPIEGEL: Sie haben in einem Song gerappt: „Ich liebe dich, mein Deutschland.
Bushido: Ich habe das genau so gemeint, aber ich wusste natürlich, was für eine Provokation [?] das ist. Anscheinend muss ich nur sagen, was ich denke, und schon ticken alle aus [Was habe ich nicht mitbekommen?]. Auf dem Single-Cover zum WM-Song prangt [!] jetzt der deutsche Adler. Und trotzdem finde ich Rechtsradikale beschissen. (Ebd.)


„Bio-Fußball-Party-Tüte“, via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Ja, alle finden die Nazis doof, vor allem die rassistischen Fahnenzerstörerneoneonazis, die den Deutschen, die von Spiegel, Zeit et al. als vorbildliche ‚Ausländer’ ausgemacht wurden, das Schwarzrotgold nicht gönnen wollen. Mit dem 19-jährigen Schüler Manuel freut man sich: „Es ist doch super, wenn die [!] sich so integrieren.“ Wenn die Anekdote stimmt, dass man den deutschen (in jedem halbwegs zivilisierten Land erhält jemand, der dort geboren wurde, die entsprechende Staatsbürgerschaft – hier nicht) Ladenbesitzer und Fahnenbewacher aufforderte, statt der deutschen doch bitte die palästinensische Flagge zu hissen, hat man es dort tatsächlich auf allen Seiten mit – gelinde gesagt – Spinnern zu tun.
Mit den Fahnenverteidigern aber, die sie immer noch als ‚fremd’ ausstellen müssen, um die gewünschte Absolution zu erreichen, lassen die Deutschen sich lieben, wie sie im selben Kontext ihre Feinde hassen lassen. Niemand gilt ihnen als Individuum, die deutsche Nation wird bejubelt im Stellvertreter, der sich integrieren muss, aber nie wirklich nur er selbst sein darf, in seinem Wahnsinn oder im Streben nach gerade noch zu erahnendem Glück. Gerne vorgezeigt wird er als Konservendosenjubler wie als Konservendosenhasser (Lars Quadfasel).
Und selbst davon glaubt man genug zu haben, denn womöglich wären ja noch einige unter denen, die man lieber gleich bis zur Abschiebung einsperrt (ihren Tod dabei wiederholt in Kauf nehmend), ertrinken oder an der Grenze hinrichten lässt – vgl. dazu Cosmoproletarian Solidarity – Denunzieren, was deutsch ist.
Insofern wichtig sind die, die es überhaupt nicht ins Land des „Weltmeisters der Herzen“, der – damits nicht langweilig wird – nunmehr „Sympathieweltmeister“ heißt, zieht. Weltweit geliebt wird die „junge“, „frische“, „bunte“ und wasweißich Mannschaft. Und wenn der israelische Ministerpräsident mal nichts sagt, hat auch das als Liebeserklärung an Deutschland zu gelten („Wer zu höflich ist zu sagen, dass er ‚gegen‘ uns ist, ist für uns!“): „Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.“ (Spiegel online)

Warum die Ewiganklagenden immer noch nicht wirklich zugeben wollen, dass auch sie ‚uns’ lieben, erläuterte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Jacob-Grimm- und Cicero-Rednerpreis-Inhaber, der emeritierte Münchner Historiker Christoph Meier jüngst im Gespräch mit Wolfgang Herles, der den Phönix-Zuschauern („Auf den Punkt“, vom 18.07.10) dessen Buch „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ wärmstens empfahl. Natürlich sei der Holocaust irgendwie einzigartig und deswegen dürfe man auch irgendwie das Ganze nicht vergessen. Sonst sei Vergessen aber eine schöne und notwendige Sache. Und dann sei das Gedenken ja auch hierzulande mittlerweile eher Routine geworden (ganz so wie bei Walser sei das nicht gemeint, aber schon, doch, vielleicht…). Und überhaupt habe das sich an den Holocaust erinnern müssen vielleicht nicht nur etwas mit der Einzigartigkeit des Verbrechens zu tun, die man natürlich nicht in Frage stellen wolle, aber womöglich läge es auch an jenen, welchen man es angetan habe. Denn: Anders als andere Kulturen basiere das Judentum ja vor allem auf Erinnerung – da könne man gar nicht anders als pausenlos zurückblicken. Ob das auch das deutsche Gedenkenmüssen bedingen würde, fragt der Moderator. Und der Gast antwortet, dem könne sehr wohl so sein. Dann wird es richtig deutsch, ob er denn keinen Skandal befürchte, will Herles wissen – wie bei Walser damals. Ach nein, sagt Meier, seine Bücher nehme ja eh niemand wahr. (Die Sendung ist leider nicht online verfügbar und kann deswegen nur grob zusammengefasst wiedergegeben werden.)

Die Party war eben auch so laut, so schwarzrotgold, so demonstrativ, weil die Teilnehmer nicht anders können, als sich immer noch als Opfer zu präsentieren. Da hilft nicht einmal der Triumph, sich den Hurra-Patriotismus redlich verdient zu haben, indem man zur Nation mit den überhaupt besten Patrioten geworden ist, weil man nämlich am einzigartigen Verbrechen moralisch über alle anderen hinausgewachsen ist. So schnell macht einem das keiner nach. Aber Opfer sein ist trotzdem viel schöner, Verlierer sein gibt Stoff für noch mehr Mythen und uneinholbare Größe: „Bezeichnend, dass Walser ausgerechnet die Deutschen als die guten, knienden Verlierer den allzu „dreisten“ Gewinnern gegenüberstellt. Jemand, der sich in der Vergangenheit so konsequent in die Reihe der Verlierer zweier Weltkriege eingeordnet hat und den Siegern vorwirft mit der „Moralkeule Auschwitz“ zu schwingen, wählt sich selbstverständlich nun den knieenden Schweinsteiger als Ikone und spricht verächtlich über die Sieger unter denen er vermeintlich zu leiden hatte.Dissonanz – Walser, Schweinsteiger und die Deutschen
Würde man Walsers Ikonisierung Schweinsteigers in der Süddeutschen nur ein wenig kürzen, läse sie sich wie ein Brief an die Leser in der Titanic: „Lieber Bastian Schweinsteiger, wenn Sie nach dem 0:1-Spiel nicht auf dem Rasen gekniet wären, vornübergebeugt, die Stirn, vielleicht das Gesicht im Gras, wenn wir Sie in dieser Haltung nicht zweimal auf dem Bildschirm hätten anschauen können, und jedes Mal nicht nur eine Sekunde lang, sondern so lange, dass uns Ihre Haltung durch und durch gegangen ist, wenn das alles so nicht gewesen wäre, würde ich, könnte ich nicht an Sie schreiben. So aber muss ich reagieren auf diesen grandiosen Fußballer, der nach einem 0:1 so kniet, so sich beugt. Wie Sie sich wieder aufgerichtet haben, wurde nicht gezeigt. So bleibt der kniende Bastian Schweinsteiger unser Haupterinnerungsbild […]. Ich habe gedacht: So knien, so sich beugen kann nur einer, der gerade verloren hat. […] Die, die gewonnen haben, sind nicht halb so eindrucksvoll wie die, die verloren haben. […] Es gibt, das kann sich jeder leicht ausrechnen, viel mehr Verlierer als Gewinner. […] Sportplätze sind nur ein Teil dieser Kampfplatz-Welt – wer aber in seinem Feld und Umfeld erlebt, wie sich Gewinner gewöhnlich aufführen, der kann nur hoffen, dass er, wenn er auch mal gewinnt, nicht so dreist aus der Wäsche schaut, wie das der Gewinner tut. […] An Ihre Haltung reicht das alles nicht heran. Sie sollen wissen, Sie hätten uns durch keinen Sieg so faszinieren, so bannen, so für sich einnehmen können, wie durch dieses Hinknien. Die Schicksalsdramaturgie hatte für Fallhöhe gesorgt. Zuerst ein schönes Spiel nach dem anderen, […] dann dieser Sturz ins 0:1 [aka Stalingrad]. Dann knien Sie so lange, wie Sie noch kein Mensch hat knien sehen. Und in der massenhaft belebten Umgebung direkt nach dem ins Unglück verlaufenen Spiels [sic] knien Sie ganz allein, keiner kommt, der Sie, sagen wir, aufrichten will. Das spricht für alle, die da herumrannten [?]. Ich finde, das Bild, das so zustande kam, der gloriose Fußballer kniet allein, die Stirn im Gras, dieses Bild hat es verdient, gespeichert zu werden, überall. […] Mit freundlichen Grüßen, Martin Walser
(vollständiger Text: Süddeutsche, online 09.07.2010)
Da sieht er dann gerne hin, wenn des Deutschen Leiden ausführlich und mehrfach zelebriert wird, an anderer Stelle brüstet er sich damit, „bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut“ zu haben – „[v]on den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern“.

Christian Bangels ist noch nicht so weit wie Walser. In seiner Jeremiade in der Zeit (Patriotismus. Suche nach dem Sinn), verbreitet er nämlich, der „schwarz-rot-goldene Frohsinn“ der darob „beseelten“ „Millionen Deutschen“ sei immer noch nicht genug. Richtig eins müsse man werden, unterschiedslos und vollkommene Gemeinschaft. „Ohnehin ist der Schwarz-Rot-Geil-Hype mit dem Abschluss des Festes beendet. Das zeigt die Studie des Berliner Soziologen Jürgen Gerhards, der vor, während und nach der WM 2006 in Umfragen die Akzeptanz des Bekenntnisses „Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein“ maß. Das Ergebnis: Drei Wochen nach der WM waren die Werte wieder auf dem Stand von vorher“, jammert Bangel. Dass es überhaupt einen messbaren „Stand“ gibt, ist der Skandal. Der Spruch, den noch vor Jahren nur Neonazis deutsch trotzig auf ihren Jacken spazieren trugen, wird als allgemein gelten zu habender Anspruch formuliert. Ein „Bekenntnis“? Daraus spricht zweierlei: Nach wie vor die absurde Annahme, es sei überaus mutig, aufs Deutschsein stolz zu sein und das Alltagsreligiöse (Claussen) des Nationalstolzes.


via Hässliche Plastikfähnchen und Zeugs

Das, was immer wieder begeistert als kreativer Umgang mit den Insignien der Nation beschrieben wurde, wobei Kreativität nur die Quantität und den Ort (als gäbe es nicht nur einen adäquaten) bezeichnete, der schwarzrotvergoldet wurde – Hund, Katze, Maus, mein Haus, mein Auto, mein Kind – wird am Ende zu einem riesigen Leichentuch zusammengenäht und übers einzigartige ‚deutsche Trauma’ gezerrt: „Unser Auschwitz“. Im Fahnentaumel ist Auschwitz weder vergessen noch präsent. Auschwitz ist überwunden. Darauf mindestens wird man doch wohl noch stolz sein dürfen! Wer dabei nicht mitjubeln mag, ist Spaßbremse, Rassist, ewiggestrig.

Auf die eine zeitlang irgendwie relevante Frage, für wen man denn nun sein solle, um dem Deutschland-Gegröhle wenigstens etwas entgegenhalten zu können, habe ich vor ichweißnichtwievielen Jahren eine rein persönliche und eher emotionale Antwort gefunden. Jenseits davon, dass ich Fußball nur manchmal (ästhetisch) ansprechend finde und Deutschland prinzipiell verlieren sehen möchte, bin ich immer nur für einen einzigen Spieler – aus irgendeinem Grund, der sich schon zeigen wird. Diesmal war das Luis Alberto Suárez Díaz, und zwar u.a. wegen des Hüpfens über die Bande:

Later: Recommended reading
Clems Heni – Freilich für Israel

Walter Benjamin * 15. Juli 1892, Berlin; † 26. September 1940, Portbou


„Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.“
Walter Benjamin – Über den Begriff der Geschichte


Walter Benjamin-Denkmal, Portbou

Walter Benjamin in Portbou
„Passagen“ Dani Karavan

Artists United For Volksgemeinschaft

I

Während in Hamburg die Welt noch in Ordnung zu sein hat, weil dort nur in trauter deutscher Einheit gegen „die internationalen Megastars“ gearbeitet wird – jeder packt mit an: die Hamburgische Bürgerschaft, die Hamburgischen Künstler, die Hamburgischen Gentrification-Gegner in all ihren Erscheinungsformen usw., habemus castellum, und für Eisen gab ich Gold – dreht man in Berlin die Opferschraube noch ein wenig weiter. Bei 3sat freute man sich für die Hamburger und will gar nicht verstehen, dass Berlin die logische Konsequenz ist. Laut 3sattobt“ in Kreuzberg „wieder einmal der Klassenkampf – alte Muster mit neuen Feindbildern. Die linke Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen einen Ort linker Kultur, das Kreuzberger Bethanien-Haus. Autonome verbarrikadierten sich in den ehemaligen Räumen des Künstlerhauses.“
Nicht ganz zu Unrecht befürchtet man, dass nach den Autos die Bilder brennen werden – vom Feuerschein der vonwemauchimmer angezündeten Mehroderwenigerluxuskarossen allerdings mochten sich die Künstler noch ein wenig inspirieren lassen. Reizvoll ist Berlin für die Kreativen natürlich auch immer, weil der Nachhall des Stampfens vom Tanz auf dem Vulkan dort fraglos noch am deutlichsten vernehmbar ist. Berlin verspricht nach wie vor die schöne Aussicht auf den Abgrund und an dessen Rand hüpft es sich umso ausgelassener. Während man in Hamburg glaubt, froh sein zu müssen, dass überhaupt noch jemand an der als betulicher vermuteten Künstler-Party teilnehmen mag, ist Berlin mittlerweile so von schöpferisch tätigen Menschen ‚übervölkert‘, dass die Bewunderung, die man hierzulande fürs Kunsthandwerk hegt, notwendig in Überdruss umschlägt. Und wo jeder zig (erfolglose) Künstler kennen muss, geht auch die Möglichkeit flöten, allzu Aufregendes in sie hineinzuprojizieren. Danach kann dann nur der viel seltenere halbwegs (finanziell) erfolgreiche Bastler für den dringend erforderlichen Neid und die Missgunst herhalten. Was umso leichter fällt, weil der Nimbus aufgebraucht ist, und alle einen kennen, der es „viel eher verdient hätte“ und „sowas ähnliches oder wesentlich tolleres, das vor allem aber viel authentischer“ macht, ohne dafür bezahlt zu werden.
Die darob Empörten sind unverkennbar durch die deutschen Medien und insbesondere die im Oberschicht-Milieu spielenden Krimiserien, vor denen man sie parkte, geschult. In denen nämlich sind die Wohlhabenden stets suspekt, und das wird durch vornehmlich drei Attribute illustriert: eine opulente Wohnzimmerlandschaft mit einer schmalen Treppe ins Nichts (bzw. ins kleine Jugendzimmer), ein allen Maßstäben gemäß unangenehm protziger Wagenpark und… ‚Moderne’ respektive ‚Abstrakte Kunst’ im Eigenheim und im kalten Büro. In diesem Kontext muss man auf einen weit verbreiteten Irrtum zu sprechen kommen: Im deutschen Fernseh-Krimi nämlich werden mitnichten die Hippie- oder sonstwie (politisch) verwirrten ‚Kinder’ (der Oberschicht) hart angegangen – au contraire. „Der barsche Ton, dessen sich »Der Kommissar« gegenüber Drogensüchtigen, Studenten und Hippie-Mädchen bedient“ und der sich „offenbar aus Erfahrungen, die Reinecker bei der Waffen-SS gesammelt hat“ (Magnus Klaue – Opa, erzähl vom Krieg, Literatur-Konkret 2003, S. 4) schöpft, existiert so nicht. Es sei denn, es gibt keine andere Möglichkeit, Die Kinder dazu zu bringen, ihre ‚authentischen Emotionen’ zu äußern oder um ihrer heimlichen Sehnsucht nach Autorität gerecht zu werden. Im einschlägigen Krimi ist das vom Wohlstand und der moralischen Verkommenheit seiner Eltern angeekelte und ergo rebellierende ‚Kind’ (im Alter von ca. 14 bis ca. 30 Jahren) meistens die zweithöchste moralische Instanz – über ihm steht nur Der Kommissar, der den Ekel – sichtbar wenn auch nicht notwendigerweise explizit ausgesprochen – teilt und auch mal als väterlicher Therapeut durchgeht (Der Assistent kann nichts verstehen, weil er entweder vom Reichtum fasziniert ist, Das Kind, oder Das Kind ihn, so es denn weiblich ist – natürlich!, am liebsten flachlegen möchte oder von Michael Ande et al. dargestellt wird). Am Rezept wurde nichts grundlegend verändert und selbst wenn, wäre es gleichgültig, denn die Wiederholungen der frühen, oftmals von bereits im ‚Dritten Reich’ tätigen Autoren konzipierten, Serienfolgen sind Legion. Und wenn man in einem auf pädagogische Werte achtenden Haushalt ohne Fernsehapparat aufgewachsen ist, wurde das Prinzip sowieso vermittelt.
Das wohlwollende Verständnis der ehemaligen Nazi-Autoren fürs deutsche Nachkriegsjugendvolk ist alles andere als überraschend. Als man sie das Genre (seit 1968 vor allem im ZDF) mitgestalten ließ, hatte sich die deutsche Protestbewegung bereits entschieden, den ‚Volksfeind‘ mindestens in seiner konkreten Form beibehalten zu können, und der ‚wahre’ Nationalsozialismus hatte sich immer als die Bewegung eines (unverstandenen) jungen Volkes, das sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte, aufgefasst (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution). Die Schnittmenge war unübersehbar. Wie die Krimi-Kinder fühlten sich die Autoren irgendwie verraten – vom dekadenten Bürgertum, von den allzu bürgerlichen Nazis (zumindest im Nachhinein) und den die Nationalsozialisten beerbenden Wirtschaftswunderbonzen, die brutal auf der Blauen Blume (später dem „Hippie-Mädchen“) der völkisch-romantischen Revolution rumtrampelten. Deren Freunde rächen sie dann schonmal, selten als Der Mörder, aber mindestens rufmordend, gerne auch als verschworenes Kollektiv. Oft sind die poor little rich kids ausgesprochen kreativ, musisch begabt oder in der Lage, überaus anrührende Bleistift- respektive Kohle-Portraits vom Opfer zu erschaffen. Die Hersteller der Bürokunst hingegen sind (im Gegensatz zu den diese verkaufenden fiesen Galeristen) unsichtbar, und wenn sie doch mal auftauchen, dann meist als a) wahnsinniges/ hemdsärmeliges/ arrogantes Genie – gegenständlich –, das die Hausherrin liebt/ begehrt/ bloß ausnutzt usw. usf. oder b) als Kontrollfreak mit Kaschmir- oder Seidenschal – abstrakt –, der in einer reinen Nebenrolle die Hängung seines Werkes kritisiert und dann im Cabrio davonrauscht etc. pp. Solange er nicht zukünftiger Künstler und Freund vom Opfer ist, sich vor Sehnsucht verzehrt und die Seele der Gattin im Bildnis einfangen kann oder anderweitig als Opfer von irgendwas beschäftigt ist, ist Der Künstler (künstlernde Frauen sind rar und meist alberne, sich hoffnungslos überschätzende Esoschnepfen, außer sie machen Musik, dann sind sie empfindsam und/ oder überambitioniert und werden eh umgebracht) der Verbündete des Hausherren – ein Verräter an dem, was ihn eigentlich antreiben sollte. Der Hausherr wiederum ist ein eiskalter, verachtenswerter Kapitalist und macht undurchsichtige Geschäfte, gerne im Ausland.
Mögen sich die in Berlin arbeitenden Künstler auch noch so deutsch gerieren, der im Vorabend-, Abend- oder Nachtprogramm erlernte Verdacht bleibt. Am Ende stecken sie mit dem (internationalen) ‚Finanzkapital’ unter einer Decke und sind deshalb notwendig illoyal der Gemeinschaft gegenüber – inauthentisch sind sie und ‚Kiez’-Verräter, Wegbereiter für Luxuslimousinen-Flotten, die man nicht mal mehr anzünden kann, weil sie ein eigenes Spielzimmer (mit Extra-Aufzug) bekommen – größer als jenes, welches dem verwirrten Kind zugestanden wurde und überhaupt.
Die deutsche Staatsangehörigkeit hat noch nie jemanden gerettet; man muss sich ostentativ zur Volksküche und dergleichen bekennen, erklären, dass man bereit ist, allen anderen zu entsagen – sonst wird plakatiert. Natürlich sind die eingemeindeten Kunstvertreter nicht gänzlich abgeneigt, diesem Ruf zu folgen. Und nachdem sie sich ein wenig als Opfer der Missverstehenden geriert haben – bloß keine Gelegenheit verpassen – präsentieren sie sich wieder als deren volkstümliche Verbündete, denn es sei nicht so, dass „Künstler wie die Maden im Speck leben würden. Als ob sie die Dekoration der kapitalistischen Gewalt seien, gegen die es vorzugehen gilt. Das ist großer Schwachsinn, weil die Künstler, nicht mehr als 10.000 Euro Jahreseinkommen haben“, und „die Forderungen, die zum Teil gestellt werden, sind durchaus nachvollziehbar – wenn sie denn friedlich eingefordert würden.“ (Christoph Tannert, zitiert nach 3sat kulturzeit, ebd.) Das ist in etwa so brillant formuliert und argumentiert wie … auch immer. Die künstlerischen Produkte fielen dem Kinderkreuzzug angeblich nur deshalb nicht zum Opfer, weil sie gar nicht mehr da waren. Weswegen sich alle Berichterstatter auf Serge Kliavings naturgemäß immobiles Wandgemälde „Was hast Du seelisch eingesetzt?“ stürzen. Den Titel hat der Künstler weiß auf Schwarz in (nicht neben, wie Berlin online behauptet) die deutsche Trikolore mit Bundesadler gedruckt. Bei ihm ist das Gold wie üblich Gelb. Die Bethanien-Besetzer jedoch gingen tatsächlich mit Goldsprühfarbe ans Werk, xten den Bundesadler aus und ‚verunzierten’ Bild und Wand mit, laut Berlin online: „Deutschland verrecke!.
Stimmt nicht! Eigentlich haben „Die Einbrecher“ ganz und gar nicht „’Deutschland verrecke!’ darüber gesprüht“ sondern Deutschland verreukti“, was wohl „Deutschland verreckt¡ werden sollte… Mit einem spanischen Ausrufezeichen, das so eigentlich an den Anfang des Satzes gehörte, versehen also?
„Deutschland verreckt“ jedoch lässt das Leiden am Niedergang ahnen und ist nicht wie „Deutschland verrecke“ eine, zwar unangenehm formulierte aber letztlich sinnvolle, Forderung. Die Jeunesse abrogez le dorage! vergoldet zumindest ihr Lamento. Wenn sie jetzt noch beim Flinzer sticken lernen, können sie ihre Sinnsprüche handlicher ausarbeiten: „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.
Tannert will sich trotzdem nicht beruhigen, auch nicht angesichts des für neue deutsche Malerei womöglich gut geeigneten Stilleben-Materials, das die Vandalen (Tannert, Tagesspiegel) hinterlassen haben (Pfannkuchen, Pseudo-Molotov Cocktails etc.). Dabei gab er 2006 den Band „New German Painting“ heraus und „[p]rinzipiell sieht Tannert die neue Malerei in direkter Auseinandersetzung mit der Bilderindustrie der Mediengesellschaft positioniert; als eine kritische Reaktion, da sie den unaufhörlich zirkulierenden Bilderstrom stilllegt und widerständig auf ‚die Stopptaste’ drückt.“ (Taz)
Passt doch. Womöglich ist er aber bloß wütend über seine Rolle als „Der böse Galerist“ aka Kurator, kulturbeflissener Geschäftsführer, Kritiker. Als medial bewanderter Mensch muss er wissen, was das bedeutet (und auch, dass das mit der „Stopptaste“ nicht funktionieren kann), und dann lohnt es sich schon mal noch einen draufzusetzen: Ist der Ruf erstmal ruiniert, feiert man seine Parties umso lieber mit und auf Kosten von Daimler und gibt zu, dass man vom Wagenpark-Ambiente fasziniert ist: „Die ‚Garagenatmosphäre’ [des neuen Atelier-Gebäudes, J6ON] gefällt Tannert. Er weiß dennoch, was er verliert: ‚Ein denkmalgeschütztes Haus. Wir haben nicht mehr den Schutz Friedrich Wilhelm IV‘.“ (Tagesspiegel) Noch so ein netter, von Flucht und Vertreibung geprägter, deutscher Romantiker, whatever, Tannert „will die ‚flutende, krachende, benzingetränkte Stadt’.“ (Ebd.) Monolog eines erfolglosen Kupplers: Dann passt’s halt nicht – hätte klappen müssen. Wartet nur: In zwei Jahren trefft ihr euch zufällig wieder und fallt euch schnurstracks in die Arme. So!
Meanwhile round the corner wird schon plakatiert. Dass Kunst nicht wie vom Tagesspiegel (ebd.) „bislang stets als progressiv galt“, wurde bereits belegt. Muss sie auch gar nicht – man kann das noch zuspitzen: Die Deutschen hatten schon mal einen so genannten Künstler als Führer (natürlich einen erfolglosen!), und der bestimmte ganz im Sinne seines Volkes, in welche Richtung der Fortschritt sich zu bewegen hatte. Als progressiv galten dann eben z.B. Padua, Breker, Ziegler, Thorak und Riefenstahl sowieso und nach wie vor. Später gab es dann Syberberg, Kiefer, Nitsch, Muehl, Fassbinder und noch später die Leipziger Schule mit Rauch et al. und Bisky und meinetwegen von Hagens et al. – Progressivität ist (wie Kunst) ein dehnbarer Begriff. Wenn schon ein deutscher Musiker das Attentat auf das World Trade Center als das „größte Kunstwerk aller Zeiten“ bezeichnete… „Kunst“ ist auch kein neues Feindbild der ‚Linken’ (wie 3sat, Der Tagesspiegel und Die Zeit1 vermuten) – weder im positiven noch im negativen Sinne. Als Beispiel mögen diejenigen Polit-Aktivisten der späten 60er Jahre dienen, die den Autoren der Gruppe 47 ihr „Dichter! Dichter!“ entgegenschmetterten – auf beiden Seiten standen vorwiegend Deutsche, die sich doch nur wehren wollten, Opfer also. Dabei bleibt es, denn „Tannert ist nicht das einzige Opfer. Betroffen sind auch die Verantwortlichen der Berlin Biennale, die gerade wenige Straße weiter stattfindet: Die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg und die Direktorin des veranstaltenden Institutes Kunst-Werke, Gabriele Horn. Kreuzbergweit werden sie mit steckbriefartigen Plakaten als ‚Gentrifiziererinnen’ stigmatisiert. Zugleich wird anonym mit Anschlägen auf die Biennale gedroht. Nicht die Kunst als solche ist also das Feindbild der Hausbesetzerszene, sondern der Kunstbetrieb und seine Protagonisten. Ihnen gelten die wüsten Attacken vom Wochenende, die nun ins ganze Stadtgebiet hineinwirken. Diese verschlagene [!] Aktion richtet sich offensichtlich gegen das Magnetische [?] der jungen Kunst, gegen das vermeintlich [?] Etablierte, nun also auch in Kreuzberg, weitab vom unangefochtenen Kunstzentrum Mitte. Nun aber hat diese 6. Berlin Biennale der Gegenwartskunst Kreuzberg erwählt. Am Biennale-Ort, dem lange leerstehenden Gründerzeit-Kaufhaus am Oranienplatz, ist seit Donnerstag Andrang: Kunstfreunde, Sammler, Galeristen, Museumsleute aus aller Welt kommen, um die Werke von 46 Künstlern zu sehen.“ (Tagesspiegel, ebd.)
Die Gentrification-Gegner werden sich so oder anders aufstellen und anklagen: „Künstler! Künstler!“ Die Initiatorinnen hingegen werden sagen, dass man doch auch Teil der Gemeinschaft sei und man eigentlich gegen dasselbe kämpfe und sowieso, weil sich auf der Biennale „die politischen Inhalte der Werke mit den jeweiligen gesellschaftlichen Eigenheiten des Umfeldes [verschränkten]- mit gesellschaftlichen Veränderungen wie Gentrifizierung, kommunalen Sparplänen und Prekarisierung. ‚Unser Ansinnen ist aber auch’, heißt es, ‚das Gebäude am Oranienplatz, das fast ein Jahrzehnt lang leer stand, der Kreuzberger Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Der sensible Umgang mit dem Haus, die Ausstellungseinbauten aus rohen, oft recycelten Materialien sind Beispiel für einen anderen Umgang mit Kunst in einem leerstehenden Gebäude.’ Die Kunst im alten Kreuzberger Kaufhaus übrigens ist alles andere als etabliert, die Installationen und Videos sind sozialkritisch, kapitalismuskritisch, ökologisch und dokumentarisch im Bezug auf unsere Welt [quoi?]. Es ist keine Messe, keine Verkaufsausstellung, es ist eine Schau von Kunst, die mit ihren Mitteln Verantwortung übernehmen will für die Welt. Die Biennale indes wird von ihren Gegnern zur Gefahr erklärt, weil sie die Gegend aufwerte – als kämen mit ihr und gleich nach ihr die Immobilienhaie, die Chi-Chi-Läden, die Mietteuerungswellen.“ (Tagesspiegel, ebd.) Das dem überhaupt nicht so sein muss, wird übrigens erleichtert in der Jungle World behauptet und das liest sich dann fast so wie beim Tagesspiegel:
Nahezu gleichzeitig tauchten in Kreuzberg »Steckbriefe« auf. In den Flugblättern wird zum Beispiel gegen die Leiterin der Kunst-Biennale im leerstehenden Supermarkt am Oranienplatz gehetzt, Kathrin Rhomberg sei für die »Gentrifizierung« mitverantwortlich. Dahinter steckt die irre Annahme, dass ausgerechnet Künstler oder Kuratoren für die kapitalistischen Prozesse der Aufwertung und Mietsteigerung verantwortlich zu machen sind. Auch wenn die wilden Kunstgalerien, die nach der Wende in Mitte entstanden sind, Vorboten der späteren Entwicklung rund um den Hackeschen Markt waren, war dies nicht die Intention der Betreiber. So befürchtet nicht nur der Kreuzberger Kulturstadtrat Jan Stöß, dass »hier hinter dem Schlagwort der Gentrifizierung eine kunst- und kulturfeindliche Haltung deutlich wird«. Dass die Ansiedlung von Kunstprojekten nicht unbedingt zur Aufwertung der Kieze führt, beweist gerade das Bethanien, das in seinen Mauern seit 30 Jahren zwei international renommierte Kulturinstitutionen beherbergt hat. Im Laufe dieses Jahres sollen in die von Tannert verlassenen Räume weitere Projekte aus der freien Tanz- und Theaterszene einziehen, berichtet Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg und freut sich auf die zukünftigen Kooperationen. Bauer steht für ein Konzept von Kunst, das sich »den unterschiedlichen Betriebssystemen der Kunst wie Kunstmarkt und Biennalen nicht unterwerfen möchte«. Die Kunst in den von ihm kuratierten Ausstellungen soll keine marktorientierte sein, sondern »diskursorientiert«, »widerborstig«, man wolle »sich an den sozialen und künstlerischen Prozessen im Umfeld und mit den realen Akteuren im Quartier reiben«. […] »Mit Kunst kann man wunderbar die Zustände und Veränderungen der Gesellschaft analysieren und reflektieren«, meint Bauer und berichtet von einer gemeinsam mit den ehemaligen Besetzern des Südflügels geplante Ausstellung zu US-amerikanischer Plakatkunst.Christoph Villinger – Durchwahl zur Kunst, Jungle World
When a place gets boring!
Ein Grund für Erleichterung ist das kaum. Ob es so bleibt, wie es ist, liebevoll pädagogisch (voll widerständige) Kunst und Kultur vermittelt werden sollen oder die bloß die Vorboten von abschreckend postmodern sanierten Gebäuden, protziger Gastronomie mit unerträglich anmaßender Klientel und einem albernen Unterhaltungsprogramm usw. sind, all das resultiert unbedingt in der Erkenntnis, dass so das „richtige Leben“ nicht aussehen kann.

II

There is nothing more dreary than contemporary art that sets out merely to be provocative when it is in fact conventional and reactionary. A case in point is the Danish artistic group Surrend’s anti-Israel poster showing maps of the Middle East in which the state of Israel does not exist, with the term “Final Solution” at the top. Not only does this mirror the jingoistic foreign policy of the Holocaust-denying regime in Iran, but it also resonates with many Germans.
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations

Meanwhile round the corner wird auch aber noch ambitionierter plakatiert. Da wollen nicht die verwirrten und angeekelten Kinder den bösartigen Verderber des Hippie-Mädchens ein wenig rufmorden, sondern es geht darum, kurzerhand einen Staat samt seinen Bewohnern (s.u.) von der Landkarte zu streichen. Die Vertreter von Klaus Staeckschem Einfallsreichtum auf Erden, Jan Egesborg und Pia Bertelsen aka Surrend, denen man es zu Unrecht hoch anrechnet, dass für sie alles gleich dumm ist, sind trunken von all dem Lob größenwahnsinnig geworden. Auf dem Gipfel des Feldherrenhügels angekommen, haben sie ihre Karten ausgepackt und mit ein paar Strichen die Welt neu verteilt. Das so von ihnen geschaffene Land nannten sie passenderweise Ramallah, also Allahs Hügel, und überschrieben ihre Neuordnung mit „Endlösung“. Man kann der Wahrheit tatsächlich so nahe kommen und trotzdem – „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ – behaupten, das Ganze habe rein gar nicht mit dem „Existenzrecht Israels“ zu tun, schon gar nicht wolle man es in Frage stellen (Jan Egesborg). Israel also darf ein bißchen rumexistieren, nur wird es umbenannt, und die Juden sollen gefälligst abhauen, denn: „’Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen’ sagte Jan Egesborg. ‚Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet“, aber es „war ein historischer Fehler, Israel zu gründen.’ Egesborg bezeichnet sein Plakat als ‚harte Satire’. ‚Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde’, argumentiert Egesborg in einem Interview: ‚Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.’“ (Der Tagesspiegel)
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno – Dialektik der Aufklärung)) Eben und deswegen – und nur deswegen – sind Egesborg und Bertelsen auch keine, sondern verunglimpfte Opfer der… there we go again: ‚Auschwitz-, Holocaust- oder Antisemitismuskeule’ (© by Walser and friends). Mutig hatten sie sich vorgewagt – fast wie Barenboim, der permanent ausstellt, in Deutschland öffentlich Wagner aufzuführen sei tabubrecherisch – und der Drohung ins splitterbewehrte Auge geblickt: „’Wir haben genau diese automatisch ablaufende Reaktion in Deutschland erwartet’, so Jan Egesborg. ‚Wenn man hier Israel kritisiert, geht es sofort um den Holocaust, dann bist du sofort Antisemit. Es gibt einen Mechanismus, den wir mit diesem Plakat auslösen und zeigen wollten.’ Und Pia Bertelsen sagt: ‚Wenn man Israel kritisiert, heißt das nicht, dass man nicht an den Holocaust glaubt. Selbstverständlich tun wir das. Und selbstverständlich sind wir keine Antisemiten. Aber hier werden einfach Begriffe verknüpft, die gar nicht zusammen gehören. Kritisiert man eine Sache, werden einem automatisch auch die anderen Begriffe unterstellt.’“ (Kulturzeit, „Kunst gegen Tabus“)
Die „eine Sache“ und „die anderen Begriffe“? Egal, solange man nur „an den Holocaust glaubt.“ Über die Glaubenssache „Holocaust“ schrieben bereits z.B. Iris Hefets in der taz, kreuznet.de und die Junge Freiheit. Von einem „Hass auf Auschwitz“, der diese absurde Konstruktion generiert, spricht Clemens Heni: „Sehr deutlich wird dieser Hass in einem Artikel der Jungen Freiheit im Januar 2007. Dieser Text wendet sich gegen den Historiker Prof. Dan Diner und dessen Furcht vor einem Verschwinden der Erinnerung an den ‚Zivilisationsbruch Auschwitz’. Titel und Untertitel dieser neu-deutschen Agitation sprechen für sich: ‚Hohepriester der Holocaust-Religion. Der Jerusalemer Historiker Dan Diner und seine Versuche, den Judenmord ‚zu vermenschheitlichen‘. Das katholische Internetportal kreuz.net unterstützt das und schreibt 2006: ‚Einem Christen ist es freilich nicht möglich, der Holocaust-Zivilreligion Glauben zu schenken oder ihr gar zu opfern.’ Die taz bzw. die AIK sprechen mit Hefets von einer ‚Pilgerfahrt nach Auschwitz. Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden’. Der taz-Text ist gleichwohl ein Tabubruch. Er geriert sich, entgegen den Nazis oder Antijudaisten/ christlichen Antisemiten als hyper-kritisch, da der Text von einer Jüdin geschrieben wurde, und sie insinuieren sie seien aufklärerisch, da religionskritisch, indem die Shoah nicht als Verbrechen, sondern als Mythos oder Heiligtum zerredet wird. Martin Walser wird neidisch auf diese taz-Variante des Schlussstrichs schauen.Clemens Heni – Die taz gegen Israel und die „heilige Aura“ von „Auschwitz“
Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ (Adorno again) Und deswegen plakatierten Egesborg und Bertelsen ein wenig später gegen ihre Kritiker: „’Man darf sich gern über Allah, Mohammed, die Hisbollah, Ahmadinedschad, [auch über die Kaaba?] den Pabst (übrigens absichtlich falsch geschrieben [Warum eigentlich?]) lustig machen – aber nicht Israel kritisieren!’ Darunter sind die Menschen aufgelistet, die von Surrend ‚die israelische Lobby in Deutschland’ genannt werden – Menschen, die sich über ihre Plakate empört haben.“ (kulturzeit, ebd.) Die unverschämterweise „Empörten“ werden wie folgt benannt:
Die jüdische Lobby in Deutschland – Jahve (Gott Nummer 1), Benjamin Weinthal (Prophet, PR-Berater, Kampagnenkorrespondent Jerusalem Post, Tagesspiegel, Welt, Der Stürmer), Lala Süskind (Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Moabit/ Berlin), Klaus Wowereit (Bürgermeister für Hugo Boss und die Armen), Prophet Dr. Shimon Samuels (Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers für Kriegsverbrechen in Gaza), Prophet Dr. Moshe Kantor (Präsident des jüdischen Kongresses auf Sylt), Zion Rudaitsky (Rentner), Lizas Welt (Blogg [auch mit Absicht falsch geschrieben?] zu Stimmungsschwankungen und Angst), Jaques Schuster (Direktor Israels Tourismusministerium sowie Dänemark-Redakteur für die Welt), Associated Press (auch Honestly Concerned genannt), Honestly Concerned (Komitee besorgter Zensurkomissare), Abraham (Vater Nummer 1).
Ha, witzig, Schenkelklopfer, Stürmer-Juden, ein schwuler Bürgermeister im Dienste eines deutschen Anzugmachers, ein angstgestörter/ bipolarer Blogger, die Jüdischkontrollierteweltpresse und diverse Nummereinsen und Propheten (die was eigentlich prophezeien?). Konformistischen Rebellen nämlich gilt Kritik als Redeverbot, Maulkorb, Zensur, Vertreibung vom Feldherrenhügel, als alles nur nicht als Errungenschaft der Zivilisation. Und der von kulturzeit herbeigerufene Wolfgang Benz unterstützt sie in ihrer Überzeugung: „Aber es gibt keine Antisemiten mehr“! Eben: „Für Surrend ist das ein ‚Zensur-Mechanismus’, mit dem Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Kulturzeit, ebd.
Sonst bleibt nur die Frage: WER ZENSIERT SURREND „gerade im deutschen Kontext“ (Egesborg) EIGENTLICH?
Deutschland im Sommer 2010: Der Bundestag hat Israel-Kritik nunmehr endgültig verboten (die Zustimmung des Bundesrates gilt als total sicher), kurz nach dem gemeinschaftlichen Absingen der Nationalhymne für den neuen Präsidenten, der sofort wieder gestürzt wurde, weil er es wagte, in seiner Antrittsrede nicht die „unverbrüchliche Solidarität mit Israel“ zu erklären und überhaupt Niedersachse ist („Heil König Widukind“). Neuer Präsident sind ab sofort „Die Weisen von Zion“ – niemand hierzulande war erstaunt, dass Broder und Friedman unter ihnen sind, und Walser hatte längst vorhergesagt, dass Reich-Ranicki dabei sein würde und Bubis sowieso, der nämlich wandelt wie die anderen ewig, sonst sind’s nur US-Amerikaner und Israelis, Rothschilds und Goldmans. Die deutschen Teilnehmer an der „Gaza-Flotille“ wurden geschlechtlich unsortiert (evil!) eingekerkert. Die Künstlergruppe Surrend sitzt in Auslieferungshaft; in Israel wird ihnen der Prozess wegen Verbrechen gegen Isjaegalimhistorischenfehler gemacht werden. Richard Branson berichtet, dass ihn bis vor kurzem hunderte von Briefen erreicht hätten, mit dem Inhalt: Er solle gefälligst sein Raumschiff rausrücken, man wolle die sich auf der dunklen Seite des Mondes befindenden Nazi-Ufos reaktivieren. Mittlerweile kämen aber kaum noch Anfragen, weil offensichtlich in einem internen Machtkampf die Fraktion derer, die nicht an Mondlandungen glauben, obsiegt habe. Arendt, Elsässers, and the like haben die Botschaften von Ihnengenehmenvölkern um Asyl ersucht. Zurzeit lässt sich Jürgen Elsässer von Ex-Bischoff Mixa beraten – zu Fragen wie „Jetzt erst recht: Schwulen-Paraden weltweit verhindern, obwohl man überhaupt nicht homophob ist“. Auf Zeit online beklagt man zahlenanspielungsreich vergangene Wehrhaftigkeit: „88′ Die gute alte deutsche Brechstange ist ausgepackt, aber die Deutschen haben es verlernt, sie einzusetzen.“ (Live-Blog Zeit online Sportredaktion, 7.7.2010)
Und überhaupt! Es herrscht Angst im Land der Opfer. Aber sicher doch…

Highly recommended reading:
aa:b – Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.
Lizas Welt – Jägerlatein
Clemens Heni – Antisemitismus und deutsche Medien, Teil 2: Kulturzeit, Leviathan, Die Welt und Freitag
Ben Cohen – How Political Artists Do Away With Nations
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
Und das übliche Infiltrationszeugs, was anderes darf man eh nicht mehr empfehlen…

  1. Tanja Dückers irrt sich in der Zeit, wenn sie von einem radikalen Bruch des Künstler(selbst)verständnisses ausgeht. [zurück]

Reposting aus gegebenem Anlass: „Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten“

Mit wem sich Deutschlands neuer Repräsentant sonst so austauscht, kann man bei esowatch nachlesen: „Christian Wulff – wer schützt uns vor einem evangelikalen Bundespräsidenten?“ + „Christian Wulff und seine Liebe zu den Religionen – von Anthroposophie bis Buddhismus“. Und weil er außerdem vorgestern so innig mit Erika Steinbach1 schmuste, wird der hier auf den Tag genau ein Jahr vor seiner Wahl zum Staatsoberhaupt eingestellte Beitrag zu den wunderbaren Fähigkeiten Christian Wulffs aus der Versenkung geholt:

30.6.2009: „„Don‘t stop till you get enough“: Schlesien, Winnetou, Michael Jackson – alles ‚unser‘!“

Der Papst ist Deutscher, Gott wohnt mit seiner Frau Simone am Starnberger See und sein Sohn ist Niedersachse. Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, wusste bereits 2007 von den Wundern (Lukas7, 11 – 17), die er vollbringt, zu berichten: „Es ist gut und richtig, dass Ministerpräsident Christian Wulff in Verantwortung vor der Patenschaft des Landes Niedersachsen für die Schlesier beim Schlesiertreffen am Wochenende in Hannover sprechen will. Damit erfüllt er diese Patenschaft, die unter der rot/grünen Landesregierung eingeschläfert wurde, endlich wieder mit Leben.“ (Hervorhebung, J6ON)
Im Jahre des Herren 2009 sprach er wieder zu ihnen und ihrem Bundesvorsitzenden Rudi Pawelka, ehemals Vorstandsvorsitzender der „Preußischen Treuhand“, CDU-Mitglied etc. pp.
Noch 2007 wollte Wulff seinen schlesischen Patenkindern nur dann seinen Segen spenden, wenn sie zeigten, dass sie mit rechtsex-tremistischem „Gedankengut gar nichts zu tun haben“. (Aka: Was ich nicht sehen will, gibt es nicht.) Pawelka nahm sich das damals so zu Herzen, dass er beklagte, die Vertreibung der Deutschen aus den ‚Ostgebieten’ würde immer wieder damit begründet, dass sie Adolf Hitler gewählt hätten – dem sei aber nicht so, weil eigentlich Ilja Ehrenburg die Rote Armee aufgehetzt habe – offenbar dermaßen, dass sie glauben musste, die Deutschen hätten so etwas wie den Kommissarbefehl erlassen, vergewaltigt, gefoltert, Vernichtungslager errichtet und Millionen von Menschen ermordet. Natürlich, wenn man so aufs Glatteis geführt wird…
Erika Steinbach begrüßte damals die Entscheidung Wulffs, „für die Schlesier“ zu sprechen und: Die „Tatsache, dass der jetzige Vorsitzende dieser Landsmannschaft daneben eine Organisation betreibt, die auch vom BdV abgelehnt wird, kann alleine kein Grund sein, dem Schlesiertreffen […] fernzubleiben und alle Schlesier damit auszugrenzen“. Schließlich, da ist sich Steinbach mit Pawelka trotz der manchmal unterschiedlichen Wahl der Waffen einig, darf man Deutsche keinesfalls für ihre irgendwie gewählten Repräsentanten bestrafen – so was passiert schon mal und „anständig“ (Heinrich Himmler) sind sie dann doch immer geblieben. Außerdem hätte eine „Bevölkerungsgruppe wie die Schlesier, die Opfer völkerrechtswidriger Vertreibung wurden, die ihres gesamten Hab und Gutes [sic] beraubt wurden, […] auch mehr als 60 Jahre nach dem Vorgang die Solidarität aller Deutschen verdient.“ Das Hab und Gut, dessen sie ‚beraubt’ wurden, haben sie zwar zu einem nicht unerheblichen Teil anderen geraubt und es wird ihnen seit 60 Jahren ausgiebig erstattet, aber… wie auch immer.
2009 begab es sich nun also, dass Michael Pietsch, der Präsident der schlesischen Landesvertretung, Wulff als „guten Freund der Schlesier“ bezeichnete und konstatierte: „Sie passen gut zu uns.“ Der Ministerpräsident von Niedersachsen wollte den Schlesiern daraufhin „immer wieder nur Danke sagen“ und versprach, alles zu tun, „um das Schicksal der Heimatvertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Denn: „Für uns alle sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir uns unserer Heimat erinnern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Ihnen dieses Grundrecht verweigern wollen.“ Die brutale Unterdrückung des Rechts auf Heimaterinnerung hat dazu geführt, dass seit 1947 (älteste dokumentierte Gedenkstätte) in Deutschland und zunehmend in ehemals heimgesuchten Ländern nur „über 1.400“ „Mahnmale und Gedenkstätten der Vertriebenen und Flüchtlinge“ (hierbei handelt es sich ausschließlich um die vom BdV registrierten, der dazu auffordert, weitere aufzufinden und ihm zu melden(!)) errichtet werden konnten. Laut BdV hat bis dato allein Deutschland „eine vielgestaltige und beeindruckende Gedenkstättenlandschaft für diesen Teil deutscher Geschichte aufzuweisen“ – das muss natürlich geändert werden! Wenn nur der schreckliche Gegenwind nicht wäre, man fühlt sich geradezu in das zugefrorene Haff zurückversetzt… Vermutlich sind die Polen, Tschechen, Serben etc. etc. immer noch so verblendet durch die Propaganda Ehrenburgs, dass sie tatsächlich glauben, die Deutschen hätten ihnen im 2. Weltkrieg ein mörderisches System aufoktroyiert.
Egal, die Schlesier, Pommern, Ostpreußen und wie sie auch immer heißen mögen, haben laut Spiegel online Konkurrenz bekommen: „Der „King of Pop“ [Michael Jackson] hat in Deutschland mehr Spuren hinterlassen, als in den meisten anderen Winkeln der Welt. Jetzt ist es an seinen Fans, sie zu bewahren und zu pflegen“. Das nächste Großprojekt des ZDF oder von RTL wird sich also voraussichtlich mit der Vertreibung Jacksons aus den USA auseinandersetzen, wo man die Verschleierung seiner Kinder laut Spon nicht ganz so gelassen sah wie hier „im Land von Loreley, Schwarzwald und Neuschwanstein“, wo „man ihm noch durchgehen [ließ], dass er seine Kinder fast komplett in Tücher eingehüllt spazieren führte“. Aber deutsche Identitätspolitik setzt sich ja zunehmend durch… Letzten Endes werden sich auch die Amerikaner überwinden müssen und ihre ‚Verbrechen‘ an den Deutschen (oder was von den Deutschen als zu ihnen gehörend identifiziert wurde: ‚Indianer’, Michael Jackson, Wieheißt-dasgegenteilvonprüderie? – irgendwann kommt noch was zu 3sats Kulturzeitschaffenden, die es hingekriegt haben, in einem Beitrag über hurricane Katrina unterzubringen, dass die Amis prüde seien – usw. usf.) mithilfe einer „vielgestaltige[n] und beeindruckende[n] Gedenkstätten-landschaft“ zu dokumentieren.

recommended reading:
Erich Später – Kein Frieden mit Tschechien
Erich Später – Villa Waigner
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz
Raul Hilberg – Täter, Opfer, Zuschauer
Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat
+ Later: Warum Gauck womöglich der noch passendere Präsident gewesen wäre, Clemens Heni – Geistige Gesundung

  1. Steinbach trat aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau aus, weil sie neben anderen theologischen Inhalten mit deren Haltung zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften nicht einverstanden war, und wechselte in die altkonfessionelle Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche.“ (wikipedia) [zurück]

Reread 4: „The Doors made me do it!“

Da die nächste Doors-Auferstehung1 unvermeidbar ist, wird an dieser Stelle als Warnung für alle, die noch keine erlebt haben, ein etwas älterer Eintrag aus dem so nicht mehr existierenden Mojo Message Board veröffentlicht. Ein Ausdruck des Textes klebt am Badezimmerspiegel und das zu Recht!

Mojo Board – „What defines crap?“, message by zoomboogity (If you happen to read this – thanks again!):
There’s an old flick called They Drive By Night with Humphrey Bogart and George Raft as truck-driver brothers. Ida Lupino’s character kills her husband by turning the car on with the garage door closed (he was passed out drunk or something), and everyone thinks it’s suicide, and she gets rid of him AND a huge settlement.
Now, the thing about the garage is that it had an ultra-modern (at the time) „electric eye“, a beam of light that automatically opened and closed the door as something went past it. So she waved her hand on her way into the house, the door went down, and that was that.
She lives high on the money for a while, but she eventually starts feeling guilty, and her armor starts to crack. There’s a trial later on, and she’s up on the stand, no longer the confident shrew but a half-coherent psychotic. She mutters a string of barely related thoughts, then finally says, „The doors… yes, they did it… the doors made me do it… the doors made me do it…“ She then starts laughing maniacally and screaming, „THE DOORS MADE ME DO IT! AHHHHH-HA-HA-HA-HA-HA-HA! THE DOORS!!! THE DOORS MADE ME DO IT!!!!“ as they lead her off to the sanitarium and declare a mistrial.
And that, in a nutshell, is how I feel whenever I hear the intro to
Light My Fire and get the urge to commit an axe murder. […]“

  1. Ich verweise außerdem auf MdH, der, als ein Freund in einem Jim-Morrison-T-Shirt auftauchte, etwas irritiert sagte: „Das ist Jim. Der ist tot.“ [zurück]

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Later: „boy, the things you find on the internet sometimes…“
You‘re right „the blogger confirms“. And, yes, „source of constant inspiration“ is correct.