Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

Recommended reading: the usual suspects…
+ Later: nexusrerum – Marx in Gaza

  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

3 Antworten auf „Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide““


  1. 1 Cyrano 01. Juli 2010 um 0:25 Uhr

    Now that is one f*ck*ng novel, ain´t it?
    Vielleicht „wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein“, weil sie das mit der Expansion mitlerweile ganz individuel angehen (zunehmen, nudge nudge), oder weil sie als fette Haifischköder die die Maritime Revolution um so schneller voranbringen können? Yrrsinn, das alles, keine Frage…
    Obwohl ich mich (jetzt ernster), immernoch frage: wie bewusst wird so ein Text aufgenommen, sprich, wird der vom geübten Mystery-Kram Leser nicht unter ferner liefen (schreibt man das so) abgeheftet? Wichtiger mit Sicherheit ist: welchem Denken entspringt sowas… Aber die Rezeption würde mich schon interessieren.

  2. 2 junesixon 02. Juli 2010 um 23:41 Uhr

    Hänsel-(Stellvertreteroderwieauchimmer-)Syndrom? … ?! …! Eine eindeutig ausbaufähige Idee! Die Assoziationsmaschine fährt hoch :)!
    + Um Rezeptionsforschung drücke ich mich ja erfolgreich und immer wieder gerne herum. Erste Hinweise allerdings findet man, wenn man sich die Empfehlungen auf amazon.de ansieht. Ich denke, das funktioniert ebenso wie beim Autor, und man könnte es unzureichend als „subkutan“ bezeichnen. Das Gefühl „moralischer Überlegenheit“ der Deutschen will also als eingeimpft, mit der Muttermilch aufgesogen, ins Ohr geträufelt oder was auch immer empfunden werden – dessen wollen sie sich so sicher sein, wie dass ihnen das „Luftreich“ (edit – im Regal gefunden! Heine war’s! Sigh…) gebührt und dieser Anspruch sie über alle anderen erhebt. Nur darf das alles keinesfalls „bewusst“ wahrgenommen werden. Durfte es noch nie! ‚Die Deutschen glaubten immer noch, dass sie träumen, als sie längst zum Albtraum der Menschheit geworden waren‘ etc. Still thinking – work in progress!

  1. 1 Die Ideologie ‚Antirassismus’ als veritable Heilslehre | Jihad Watch Deutschland Pingback am 22. Oktober 2014 um 14:39 Uhr
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