Gaza-Flotilla-Triptychon: ‚Auschwitz – Hiroshima – Mavi Marmara‘ (w/ updates)

One of the most powerful integrative myths of the 1950s emphasized not German well-being but German suffering; it stressed that Germany was a nation of victims“.
Robert G. Moeller – War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany

Documenting the Testimonies of the Survivors of Israeli Massacre of Gaza Flotilla.
gazaflotillasurvivors.com

Saul K. Padover, Robert G. Moeller, Frank Stern und später Harald Welzer haben das Bedürfnis der Deutschen beschrieben, sich in ihren Opfer-Imaginationen der Bilder des von ihnen begangenen Verbrechens zu bedienen. Obwohl die entsprechenden Erzählungen bereits in den ersten Tagen nach dem Krieg einsetzten, wurde mit den aus unterschiedlichen Gründen vergleichsweise spät anlaufenden kulturindustriellen Produkten zum ‚Thema’ Holocaust/ Shoah (vgl. allg. Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und ISF – Schindlerdeutsche) eine Bildsprache bereitgestellt, welcher sich die ‚deutschen Opfer’ noch leichter bedienen konnten als derer, die ihren Beobachtungen oder den Erzählungen ihrer am Verbrechen beteiligten Verwandten, Freunde und Bekannten entstammten. Diese medial präformierten Bilder stehen nun weltweit zum Abruf bereit und werden zunehmend unreflektiert (oder eben nicht) genutzt.
Der in Interviews und Berichten in den letzten Tagen mehrfach geäußerte Anspruch, wenn es tatsächlich einen ‚gerechten Kampf’ an Bord der Mavi Marmara gegeben hätte, müssten doch wenigstens ein paar tote Israelis zu sehen sein, führt auch zurück auf die narzisstische Kränkung u.a. einer Linken, die es seit 1967 nicht verwinden konnte, dass sie froh war glauben zu wollen (und es ist so konfus, wie es sich hier liest!), die Israelis hätten ihnen die Solidarität in der Opfer-Imagination ‚aufgekündigt’.
Wer vorher um der Teilhabe am ‚größten Opfernarrativ’ willen sich mit ‚den Juden’ identifizieren mochte, glaubte sich betrogen um die Möglichkeit, deutsches Opferdasein auf diesem Wege fortsetzen zu dürfen. Die deutschjubelnden Rechten, die zuvor Auschwitz meist so schnell wie möglich zu verdrängen versucht hatten, standen den Enttäuschten, die sich oft selbst wie Überlebende gerierten, näher, als beide Seiten es wahr haben wollten. Während sich die eine Seite der deutschen Opfer-Identifikation mit ‚den Juden’ endlich entledigen konnte (und das steht nicht im Widerspruch zur ostentativen Enttäuschung!), um einfach ein weiteres deutsches Opferkapitel zu schreiben, begann die andere, nun unermüdlich Deutsches („Blitzkrieg!“) in die Israelis zu projizieren und musste ‚die Juden’ endlich nicht mehr als (konkurrierende) Opfer betrachten.1
Unbestritten ist, dass es Antisemitismus nicht nur in Deutschland gab und gibt; das deutsche Verbrechen jedoch steht nicht nur in seiner ungeheuerlichen Konsequenz, sondern auch in der Selbststilisierung der Deutschen als sich nur wehrendes Opfer als nie wieder ‚gut zu machendes’ ‚Vorbild’ da. Die ausgebliebene Bestrafung ist ein unheimliches Versprechen an alle, die gewillt sind, auf ihren Pfaden zu wandeln. In den jährlichen weltweiten BBC-Umfragen zum Thema, welches Land den positivsten Einfluss auf die Welt habe, wurde Deutschland dreimal in Folge zum Sieger gekürt. Das liegt nicht daran, dass die Deutschen irgendetwas zum wieauchimmer Positiven wenden würden. Es ist evident, dass sich die deutsche(n) Opfergeschichte(n) weltweit durchsetzen konnte(n). Und der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es vor allem ist, weil er es nicht sein ‚durfte‘. Wo alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät. (Dazu später mehr in „Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie. Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide““)
Das (mal mehr mal weniger explizite) sich Bedienen an den (unzureichenden) Bildern der Vernichtung und den Erzählungen der Holocaust-Überlebenden, die Andeutungen, mit denen suggeriert wird, man dürfe ja eigentlich nicht, aber das Gegenüber wisse schon, was gemeint sei, die ein- und zweideutigen Formulierungen etc. sind entsprechend auch nicht mehr den ‚deutschen Opfern’ vorbehalten. Im Umfeld der Berichte über die Ereignisse auf der Mavi Marmara nimmt das alles erschreckend viel Raum ein. Wenn in der englischen Übersetzung von Henning Mankells schwedisch geschriebenem Flottillen-Tagebuch die Rede ist von „I am to be deported“, ist das noch weitgehend unproblematisch, da deported im Englischen (zum schwedischen Begriff kann ich nichts sagen) ein durchaus üblicher Terminus für jede Form von Ausweisung/ Abschiebung ist. An anderer Stelle jedoch greift er, bewusst oder unbewusst, in einer kruden Mischung aus Holocaust-Opfer-Berichten und der Exodus-Verfilmung, Bilder auf, derer sich diejenigen immer wieder bedienen, die mit einer Art perversem Opferneid (vgl. zum Beispiel in einem anderen Kontext Richard Dyer zum me-tooism in White) agitieren und zugleich relativieren wollen:
As instructed, I’ve limited my luggage to a rucksack weighing no more than 10 kilos.“ Wer das angeordnet hat, ist gleichgültig. Er geht auf eine Reise, deren Ziel ihm unbekannt ist und auf der man ihm nur das Nötigste gelassen hat. „But it seems most likely to us that we’ll be challenged at the border with Israeli territorial waters by threatening voices from loudspeakers on naval vessels.“ Das ist etwas, das seiner Meinung nach vermutlich (!) geschehen wird. „Barbed wire is to be strung all around the ship’s rail.“ Es ist egal, wer den Stacheldraht angebracht hat, die Israelis zwingen die Passagiere dazu, hinter Stacheldraht zu vegetieren „Out on deck I see that the big passenger ferry is floodlit. Suddenly there is the sound of gunfire.“ + „The soldiers are impatient and want us down on deck. Someone who is going too slowly immediately gets a stun device fired into his arm. He falls. Another man who is not moving fast enough is shot with a rubber bullet. I think: I am seeing this happen right beside me. It is an absolute reality. People who have done nothing being driven like animals, being punished for their slowness.“ + „Agitation and chaos reign in this “asylum-seekers’ reception center.” Every so often, someone is knocked to the ground, tied up, and handcuffed.“ + „I think several times that no one will believe me when I tell them about this.“ + „There are a lot of us who can bear witness.“ + „They drag him off. I don’t know where. What word can I use? Loathsome? Inhuman? There are plenty to choose from.“ + „The day after, the second of June, I listen to the blackbird. A song for those who died.“ (U.a. zu lesen auf The Daily Beast: Henning Mankell – My Gaza Flotilla Diary). Die Stellen im Bericht, aus denen das reine Ressentiment hervorbricht, werden von Florian Markl beschrieben: „Unnützer Idiot. Henning Mankells Abrechnung mit Israel
In den Presse-Konferenzen zum Thema ist von Mankell noch mehr dergleichen zu hören. Und Mankell ist nur einer der vielen, die derart verfahren. (So z.B. auch Inge Höger im WDR-Interview: „Ja, ich habe gehört, dass es gezielte Kopfschüsse gegeben haben soll. Aber da ich nicht dabei war, kann ich Ihnen das nicht bestätigen.“ Außerdem wie nicht anders zu erwarten bei Elsässers usw. usf. Es lohnt sich nicht, das hier alles zu dokumentieren, da permanent Nachschub kommt.)
An Deutlichkeit tatsächlich noch übertroffen wird diese Strategie auf einem Blog, der in eindeutiger Anspielung „Gaza Flotilla Survivors“ benannt wurde. In der Unterzeile heißt es: „Documenting the Testimonies of the Survivors of Israeli Massacre of Gaza Flotilla.“ Eine Beitragsüberschrift lautet z.B. „Gaza activist [sic] ’shot every minute‘“. Auf der Mavi Marmara, so wird nahe gelegt, ging es zu wie in den Vernichtungsfabriken der Nazis.
Die apokalyptischen Visionen derer, die in den Juden/ in Israel den Endgegner sahen und sehen, werden auf Telepolis repetiert: „Macht versus Recht. Wie werden wir uns in diesem weltweiten Konflikt entscheiden? Das geht nicht nur die so genannten Großen dieser Welt etwas an. Auch Sie auf diesem Platz sind jetzt gefragt.“ Auch deren Opferbereitschaft: „Ich wusste also, was ich tat, als ich mich nach diesem Gaza-Krieg auf die Freiwilligenlisten der Free-Gaza-Movement setzen ließ. Und ich nehme an, dass auch alle andern auf der Liste wussten, worum es dabei geht: Im worstcase [sic] um Leben oder Tod.“ Am Ende werden die Toten der Bewegung beschworen: „Das muss man sich vor Augen halten, wenn wir jetzt an unsere GAZA-Movement-Toten denken. Sie sind, auch wenn sie das Leben noch so sehr lieben mochten [!], nicht blind, sondern letztlich freiwillig in den Tod gegangen, in einen Tod durch Israel. Das mindert unsre Trauer nicht; es erhöht nur den Respekt, den wir nunmehr diesen Toten schulden. Sie sind für eine Sache gestorben, die ihnen in letzter Konsequenz wichtiger war als ihr eigenes Leben“. (Georg Meggle – Militärische Macht oder Internationales Recht?)

Am Ende deutscher Ideologie … ist der „Tod durch Israel“ ein Anlass für Respekt! Und ein intendiertes Fanal für die sich immer nur deutsch Wehrenden:
Mankell said he would take part in the campaign again. He said: „Of course – in a year’s time there is a plan to return. And then there could be hundreds of boats. And what will the Israelis do then? Release a nuclear bomb to stop us?“ (Henning Mankell on Gaza flotilla attack: ‚I think they went out to murder‘, The Guardian online).

Recommended reading:
Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Herbert Marcuse – Feindanalysen. Über die Deutschen
Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt
Joachim Bruhn/ Jan Gerber – Rote Armee Fiktion
Leon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie
und so ziemlich alles, was hier jemals unter recommended reading gelistet wurde…

  1. Zu den gefährlichen Implikationen rechter so genannter Israel-Solidarität von beispielsweise PI-News ist ein längerer Artikel in Arbeit. [zurück]

Later – mehr zum Thema:
normblog – Voice of restraint , via Yaacov Lozowick’s Ruminations
Z Word Blog – Israel = Nazi Germany Says Top Irish Writer, via normblog, s.o.
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Solidarität mit Israel! Demonstration in Frankfurt, Sonntag, 20. 06. 2010, 13 Uhr, Bornheim Mitte/Am Uhrtürmchen, (Haltestelle der Linie U4 – vom HBF zu erreichen: Bornheim Mitte)
Aufruf der Gruppe Morgenthau – Antisemitismus ist keine Abenteuer-Kreuzfahrt
Für die Antizionisten und Antizionistinnen stand der Erfolg der Aktion von Anfang an fest: würden sie Gaza erreichen, hätten sie einen Präzedenzfall geschaffen; würden sie gestoppt, würde Israel von allen Seiten dafür verurteilt werden, gegen friedliche Demonstranten militärisch vorzugehen. „Hitler hat Konzentrationslager in Europa errichtet. Jetzt errichtet der Zionismus Konzentrationslager in Palästina. Daher wende ich mich an Israel: bedenkt, wie ihr diese Krise richtig löst. Wenn ihr unsere Kampagne zu stoppen versucht, werdet ihr von der ganzen Welt isoliert. Ihr werdet euch nur selbst Schaden zufügen. Das sind humanitäre Hilfsschiffe. Wir haben nicht ein einziges Klappmesser an Bord”, erläuterte der Chef der IHH, Bülent Yildirim, im Hafen von Istanbul die Taktik. Auch der Hamasführer Ismail Hanyieh wusste um die vorteilhafte Situation: „Wenn die Schiffe Gaza erreichen, ist das ein Sieg – und wenn sie von den Zionisten terrorisiert werden, ist das ebenfalls ein Sieg.“

Vgl. zu „Wir haben nicht ein einziges Klappmesser an Bord…die Selbst-Dokumentation (Cultures[!]OfResistance.org) von der Mavi Marmara, more details via Eamonn McDonagh – Mavi Marmara: A Whole Lot of Praying…, Z-Word Blog*

Transkript ab 16:46, not sure who they‘re talking about: „So what are you guys… what’s, what’s happening?“ … „They get … off, they get dropped off.“ „Would it be like landing helicopters?“ … „These guys, these guys, these guys, they’re not like us. … They’re like, they’re ready to … these … things.“ „Yeah.“ … „So, they’re ready to fight. Whatever, whatever happens.“

18.06.2010: „Kein Zufall daher, dass die an Bord der »Mavi Marmara« festgenommenen Bundestagsabgeordneten ihre Abschiebung zurück nach Deutschland als »Deportation« bezeichneten. Und erst recht kein Zufall, dass Norman Paech, auf der oben zitierten Veranstaltung, für den nächsten »Free Gaza«-Konvoi von Begleitschutz durch die deutsche Marine träumte. Mit deutschen Kanonenbooten den zionistischen Völkerrechtsverächter in die Knie zwingen: Das wäre der ultimative Entlastungsangriff für Auschwitz.Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten – Frieden ist Krieg
nexusrerum – ARD: Monitor und die davor

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* Die Deklaration des Filmmaterials als „Raw Footage“ bedeutet hier erkennbar nicht, dass die Kamera ununterbrochen gelaufen ist bzw. dass die Reihenfolge der Aufnahmen dem tatsächlichen zeitlichen Ablauf entspricht oder mit den Bildern alle relevanten Ereignisse belegt werden können. Der Terminus „Raw Footage“ dient entsprechend auch als Gegenbegriff zur wiederholt als gefälschtes Material bezeichneten (vgl. Paech etc.) Dokumentation der Angriffe der Passagiere auf die Israelis.