Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk

Wehrhaftes Volk

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Was sind sie überhaupt für ein Mensch, Li?
Frank Schätzing – Der Schwarm, 20041

‚Das Deutsche’ ist derzeit (und solange man sich außerhalb seiner Grenzen befindet) vor allem als Exporteur deutscher Ideologie, als ‚Vorbild‘‚ ‚Traum‘ oder ‚Hoffnung‘, als Ahnung wirksam.5 Im historischen Moment beflügelt es vornehmlich die Imaginationen der Völkerbefreienwollenden, Friedensbewegten, Lebensraumschützer, Globalisierungsgegner und was sich da noch so alles nach Beistand im Kampf gegen „die Imperialisten“ etc. sehnt. Das Bild vom romantischen, die Natur liebenden und durch eigene Schuld ‚bekehrten’ Volk, das den ebenso „ignoranten“ wie „im Fortschrittsdenken rückständigen“ USA bereits zweimal die Stirn zu bieten wagte, ist tief im Widerstandsbewusstsein verankert. Ein Volk außerdem, das Niederlagen hinnehmen musste, sich bußfertig gibt und von allen anscheinend geliebt werden will. Damit kann man sich hervorragend identifizieren. ‚Identitäre‘ möchten sich prinzipiell vom Kollektiv auffangen lassen, in der Masse, so besonders sie sich auch imaginieren mag, auf- und vergehen.
Kaum jemand hat den neuen deutschen Willen, die neue deutsche Vorbildfunktion so eindringlich in Szene gesetzt wie Frank Schätzing in „Der Schwarm“. ‚Das Deutsche’ agiert dort explizit meist nur in Nebensätzen und gibt sich ostentativ zurückhaltend, weil es zu glauben vorgibt, es müsse – immer noch! Aber im Leiden an diesem angeblichen Zwang ist es längst zum role model identitätsfixierter Kreise geworden und die sind bei weitem nicht so einflusslos, wie sie es gerne suggerieren möchten. Im „Schwarm“ geht es tatsächlich um nichts als kollektive Identität(en), um Anspruch auf angestammten Lebensraum, um Verwurzelung und darum, dass ‚die Anderen’ selbst Schuld haben, wenn sie vernichtet werden müssen. Im Ekel vor dem, was sie zu tun haben, bleiben Schätzings Helden trotzdem immer anständig. Und Anstand ist die deutscheste aller Tugenden.
Stilistisch gibt sich der „Schwarm“ international, die ‚Anspielungen’ sind nichtzititierend, dennoch offensichtlich und verweisen auf filmische wie literarische Vorbilder aus der Horror- und Katastrophen-Produktion vorwiegend des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind neben all den ausgesprochenen Hinweisen auf Filme wie (immer wieder) „Krieg der Sterne“ etc. die Szenario-Anleihen Schätzings bei ‚klassischen’ Science-Fiction-Romanen unübersehbar: Neben Michael Crichton im Allgemeinen und dessen „Prey“ insbesondere, Stanisław Lems „Solaris“, „Der Unbesiegbare“ und überhaupt, s.u., Karel Čapek – Der Krieg mit den Molchen im weitesten Sinne auch Herbert G. Wells – War of the Worlds, Jack Finney – Invasion of the Body Snatchers, Robert A. Heinlein – Starship Troopers, John Wyndham – The Day of the Triffids und vor allem The Kraken Wakes. Während ihm die ironischen Anspielungen auf Filme als Immunisierungsstrategie gegenüber dem erkennbar antizipierten Klischee-Vorwurf dienen, sind die literarischen Vorlagen vermutlich als Inspirationsquelle zu bezeichnen. Vollkommen desinteressiert jedoch scheint Schätzing an den fürs Genre oft grundlegenden Fragen nach massen- oder individualpsychologischen Entwicklungen usw. in Krisensituationen etc. zu sein. Psychologie wird abgelöst von einem diffus durch (Herkunfts-)Identität bestimmten Verhalten.
Abgesehen davon sieht es erst einmal so aus, als ginge es um die grundlegenden Fragen Michael Crichtons, Philip Kerrs („Esau“), Carl Sagans und Stanislav Lems. Sagan wird regelrecht ausgeschlachtet, weshalb „Der Schwarm“ Schätzing streckenweise zu einer Art Spin-Off von Contact geraten ist (in dem allerdings ein völlig anderer Blick auf Wissenschaft und Menschheit vermittelt wird), wäre Ellie Arroway (in der Verfilmung dargestellt von Jodie Foster) dort nicht am Ende tatsächlich Außerirdischen begegnet (worin sich nicht zuletzt Sagans Anerkennung der intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten des einzigartigen Individuums manifestierte). Schätzing bedient sich der Heldin aus Sagans Buch (der sie selbst an SETIs Jill Tarter anlehnte) und Zemeckis’ Film und lässt sie nunmehr als gealterte und grundlegend anders motivierte Samantha Rowe sogar noch einen dystopisch anmutenden (!) Epilog verfassen. Mit Crichton teilt Schätzing den sensationslüsternen Blick auf die (bei beiden gerne en detail dargestellte) Zerstörbarkeit des menschlichen Körpers in einer ihm (plötzlich) feindlich gesinnten Umwelt/ Natur, der er nicht mehr gewachsen ist, weil auf einmal abweichende Parameter vorgegeben sind (Evolution oder ‚Verbrechen’ gegen diese). Von Lem übernimmt er scheinbar die vordergründigen Fragen: Ist Kommunikation zwischen Lebewesen völlig unterschiedlicher Provenienz überhaupt möglich? Sind wir in der Lage, intelligente Lebensformen, die einen gravierend anderen (evolutionären) Hintergrund (als das Leben auf der Erde) haben, als solche zu erkennen? Schätzing beantwortet diese Fragen trotz aller vorgeblichen Suche und konstantem Bestehen der Protagonisten darauf, dass man überhaupt nichts verstünde, mit einem schlichten „Ja!“, basierend auf den Erkenntnissen, die ihm Sagan präsentiert bzw. Lem verweigert hat. Seine Protagonisten scheinen von beiden gelernt zu haben – wenn sie auch keine bekennenden Science-Fiction-Leser sind. Der Verfilmung von Sagans Roman wiederum entnimmt Schätzing den Schlüssel – Dreidimensionalität – zur Botschaft der „Yrr“ (der Schwarm) im Prinzip eins zu eins; das Erstaunen der Entdeckerin ob der eigenen Leistung wirkt grotesk, da sie den Film (! im Buch gibt es eine andere Lösung), in dem sie quasi vorgezeigt wird, (eingestandenermaßen) selbst gesehen hat und letztlich bereits einmal die Entschlüsselnde war. Im Fall Samantha Rowe jagt ein twist den nächsten, bis Rowe ‚aus Versehen’ enthüllt, dass „Jodie“ sie gespielt habe. Mit Gerhard Bohrmann setzt Schätzing außerdem ebenfalls einen tatsächlich existierenden Wissenschaftler als Charakter um. Sagan war ein ernst zu nehmender Wissenschaftler, Crichton nicht; im Gegensatz zu Lem waren beide nicht einmal mäßig begabte Schriftsteller. Schätzing ist studierter Kommunikationswissenschaftler und ehemaliger Creative Director einer Werbeagentur – er ist weder ernst zu nehmender Wissenschaftler noch begabter Schriftsteller – au contraire: Sein Roman stolpert sprachlich über jede mögliche Hürde und verliert sich in albernen bis hanebüchenen sprachlichen wie erzählerischen Stereotypen.
Das ist nicht selten im Genre – hier aber besonders gravierend (man kann sich kaum vorstellen, dass ein z.B. amerikanischer Lektor die zahllosen Ungereimtheiten und Stilblüten hätte durchgehen lassen). Im Unterschied jedoch zu den meisten Publikationen ähnlichen Anspruchs und ähnlicher Thematik verbirgt sich bei Schätzing hinter all den im Genre tausendmal durchgekauten Fangfragen ein Korpus deutscher Ideologie und identitären Wahns. Und der wird offenbar verfilmt, angeblich unter der Regie Ridley Scotts nach einem Drehbuch von Ted Tally (The Silence of the Lambs, Red Dragon – version 2002).
Schätzings offiziell deutscher Held Bohrmann taucht nur in der zweiten Riege auf, aus den oben genannten Gründen, dient aber im Hintergrundrauschen als unanfechtbare Referenz für Intelligenz, Güte, Mut, Team-Fähigkeit etc. pp. Was immer er in Wirklichkeit ist, hier ist er Deutscher und trägt im Zusammenspiel mit allen anderen mehr oder weniger versteckten (angeblich sich verstecken müssenden) Hinweisen dazu bei, ‚das Deutsche’ als Gegenentwurf zum US-amerikanischen raunend zu etablieren.
Der Held im Vordergrund, Leon Anawak, tut so, als wolle er unbedingt Kanadier sein. Schätzing allerdings besteht darauf, er sei Inuit. Was ihn unzugänglich, liebesunfähig und unvollständig macht, da er erstmal alles andere als ein Inuit sein mag. („Anawak hatte sein Land verlassen, als es kein Land mehr war, sondern eine Region ohne Wertgefühl und eigene Identität.“ 621) Seiner Bestimmung entkommt er trotzdem nicht. Als der Vater, der ihn zur Adoption freigab, stirbt, wird er im Umfeld von dessen Begräbnis in der „alten Heimat“ (Karl May) mit seiner Herkunft, seinem Volk, seinen Wurzeln, seiner Identität in der Eiswüste konfrontiert. Hier nunmehr wandelt er sich – ausgelöst spätestens durch einen Traum – zum empfindungs-, erkenntnis- und liebesfähigen Charakter, erst jetzt zum vollwertigen Menschen. Der andere Held, Sigur Johanson, ist ein Feingeist, der permanent Walt Whitman liest (was unter anderem seine Vorurteilslosigkeit selbst gegenüber US-Amerikanern betont, zugleich aber den religiösen und/ oder naturentfremdeten usw. Fanatikern, als die sie letztlich überwiegend auftauchen, ein unerreichtes Ideal entgegensetzt), mit einem Stadthaus und einem Haus am See, wertvoller (doppelter!) Wein- und Büchersammlung und wechselnden jüngeren Geliebten. Er wird erst durch den Verlust seiner Habe in der Stadt (woraufhin das opulent ausgestattete Haus am See zur Hütte mutiert) zum echten aka aufopferungswilligen Menschen. Alle Frauen bis auf die potentielle Partnerin Anawaks (wie man sehen wird, gibt es ein Problem, sollten sie jemals Kinder bekommen – außer man betrachtet sie beide als genuine Wasserwesen in unterschiedlichen Aggregatzuständen oder so ähnlich) und Jill/Ellie/Jodie/Samantha müssen sterben. Während der ‚vollblütige’ Inuit lediglich heimkommen musste, um sich selbst zu erkennen und weiter- und vollständiger zu leben, muss der permanent als solcher bezeichnete „Halbindianer“ Jack O’Bannon (der sogar bloß ‚Viertelindianer’ ist: Sohn eines Iren und einer „Halbindindianerin“), der sich den Namen Greywolf nur anmaßt, eine Identität erfinden, was ihn in Kriminalität und Gewalt ausbrechen lässt. Zu sich und einer echten Identität kommt er erst im (Sein zum) Tod, nachdem er sich als Orca wiedergeboren träumt – Schätzing lässt ihm diesen Traum in einer mit Bedeutung überladenen Tauch-/Sterbeszene tatsächlich.
Der wichtigste afroamerikanische Protagonist – der genügsame Salomon Peak („Ein schwarzer Mann, geboren im Dreck der Bronx“, 482) – hat sich aus dem Ghetto zum hochrangigen Offizier emporgearbeitet und übt sich in teilnahmslosem Kadavergehorsam, bis er den Wahnsinn des wirklichen Gegners erkennt. Trotz der Gefährlichkeit, die von ihm („der unter anderen Umständen wahrscheinlich Anführer einer Gang, Dieb, Vergewaltiger und Mörder geworden wäre“, 482) angeblich ausgeht, verliert er nie die Kontrolle und seine Wurzeln bestimmen nach wie vor seine bescheidenen Ansprüche („Ein stinknormales Einzelzimmer hätte ihm vollauf gereicht.“ 441; „Seine Laufbahn diente vielen als Vorbild, aber sie änderte nichts an den Verhältnissen seiner Herkunft. In einem Zelt oder billigen Motel fühlte er sich nach wie vor am wohlsten.“ 442). Die Flucht nach oben hat ihn letztendlich seinem eigentlichen Schicksal entfremdet, wodurch seine Wertvorstellungen kurzfristig ins Wanken gerieten.
Einer der drei Haupt-Antagonisten, der stellvertretende CIA-Direktor Jack Vanderbilt (der Name deutet unverkennbar auf die stereotyp imaginierten Machtfiguren der USA – Rockefeller usw., üblicherweise würde Rothschild folgen, doch hier findet ein Splitting statt) ist fett, obszön, vulgär, brutal und glaubt an die notwendige Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt und dass generell die Moslems an allem die Schuld trügen. („Leute wie Vanderbilt würden [den Krieg] schon darum verlieren, weil sie außerstande waren, Mentalitäten zu begreifen.“ 623) Der Hauptfeind jedoch ist (erst einmal) Judith Li. Deutlich an Condoleeza Rice angelehnt, ist sie überaus musikalisch (Cello und Klavier) und sprachbegabt, hochintelligent, attraktiv, fitness- und machtversessen und ihrer Nation fanatisch ergeben („Bei aller Weltläufigkeit war sie tatsächlich der Meinung, dass es kein besseres und gerechteres Land auf der Welt gab als die Vereinigten Staaten von Amerika“, 447). Den Präsidenten liebt sie offensichtlich, obwohl sie sich ihrer Überlegenheit über den als Karikatur George W. Bushs angelegten, kindisch bis debil religiösen Trotzkopf bewusst ist (es gibt mit Stanley Frost einen Gegenpol – eine sinnesfrohere Variante von Religiosität). Sie zieht skrupellos an den Strippen der Macht, und er ist ihre mächtigste Marionette. Lis Wahnsinn resultiert jedoch erkennbar aus ihrer Nicht-Identität, ihr Vater ist ein weißer Amerikaner, der eine chinesische Musikerin heiratete und deren Nachnamen annahm. Judith (vom Präsidenten „Jude“ genannt) Li erhielt von ihren Eltern die bestmögliche (US-amerikanische! hier also sinnlos sich Versatzstücken meist der ‚europäischen Bildung’ bedienenden) Erziehung. Nichts an ihr ist ‚authentisch’: Sie sieht wesentlich jünger aus als sie ist, ihre Figur verdankt sie exzessivem Training an Maschinen, ihr Klavierspiel („Mozarts Klaviersonate in G“, 496; G-Dur, eigentlich vierhändig!) rührt nicht an die Herzen der Lauschenden, sondern verklingt im Nichts zwischen amerikanischen Spionage-Satelliten etc. Für ihr persönliches Vorankommen und die Herrschaft der USA über die Erde ist sie bereit, einen Großteil der Menschheit und aufgrund ihres Nichtverstehens der ‚natürlichen Ordnung’ des Heimatplaneten in der Lage, alle Menschen umzubringen. Als Kosmopolitin und Herkunfts-/Wurzelloser („Der Präsident lachte. ‚Ach, Jude. Sie könnten vom Mars stammen, und ich würde Ihnen jede Vollmacht erteilen.‘“ 496) ist ihr der Zugang zu tiefem, echtem Wissen (à la Schätzing) verwehrt. Zuletzt erweist sie sich außerdem als einzige offene Rassistin des Romans (Vanderbilts Rassismus äußert sich in Anspielungen, ist aber unübersehbar in der Figur angelegt).
Angesichts Schätzings Charakterisierung der Antagonisten schrieb der Rezensent des Buches auf Strange Horizons: „This results in sickeningly worthy creations such as an Eskimo whale expert who battles against right-wing American Christians so evil that I would not have been surprised if Schätzing had made them spend much of their free time killing puppies with hammers.


Microbes@NASA

In einer ganzen Reihe von bekannten Romanen fehlten den Juden jegliche menschliche Eigenschaften, und alle erlitten darin als Opfer ihres egoistischen Machttriebes ein erbarmungsloses Schicksal.
George L. Mosse – Die völkische Revolution, 154

Das Akzeptieren von ‚Kultur’ und die Zurückweisung von ‚Zivilisation’ bedeutete für viele das Ende der Entfremdung von ihrer Gesellschaft. Die ‚Verwurzelung’, ein Begriff, der dabei häufig in ihrem Vokabular auftauchte, sollte durch eine enge innere Verbindung zwischen dem Einzelnen, dem Heimatboden, dem Volk und dem Universum erreicht werden. Auf diese Weise würde die so tief empfundene Isolation durchbrochen werden.
Mosse, ebd. 13

Schätzing liefert für jede der Hauptpersonen und viele der weniger relevanten Protagonisten des „Schwarms“ eine mehr oder weniger detaillierte körperliche Beschreibung – nicht bei deren Einführung sondern im Verlauf der Geschichte, soviel meint er gelernt zu haben. Selbst Li und Vanderbilt (und der Brite Clifford Stone, der erste menschliche Feind, dem auch noch eine traurige Kindheitsgeschichte erlaubt ist) werden mit individuellen Gesichts- oder Körpermerkmalen ‚gewürdigt’, so abstoßend sie im Falle Vanderbilts auch sein mögen. Nur einer wird bis zu seinem Zerfall nicht ein Mal beschrieben. Die einzige Person, die zwischen den Gruppen laviert, eigentlich nur an sich selbst denkt, von Ehrgeiz zerfressen ist4 und nichts will außer Ruhm. Der einzige Verräter, ein Wissenschaftler (und wissenschaftliches Ethos wird sehr hoch gehängt) und dennoch in ungenannter Funktion für die CIA arbeitend. Beides sein zu können, ohne zum Völkermörder (hier des Menschenvolks, der menschlichen Rasse) zu werden, wird nachdrücklich ausgeschlossen. Er ist hochintelligent, feige und illoyal, ein Schmarotzer, der nicht in Lage ist, eigene Modelle zu entwickeln, d.h. Zusammenhänge herzustellen. Er beobachtet nur und ist nicht zu kreativem oder schöpferischem Denken fähig. Die produktive Arbeit der ‚echten’ Wissenschaftler verwandelt er in ausschließlich und buchstäblich zersetzende.
Diese Person, die mit niemandem Freundschaft schließt, die alle widerwärtig finden und die von allen nur verachtet wird (obwohl es manche anständigerweise erstmal nicht so recht zugeben möchten), musste Schätzing Mick Rubin (Biologe, Spezialist für Weichtiere, aus Manchester! und ohne background-story) nennen. Wenn man der typischen kulturindustriellen Dramaturgie (hier von Horror-/ Science Fiction-/ Action-Szenarien) folgt, muss das eigentliche Monster3 als Letztes sterben. Rubin stirbt nach Vanderbilt und sogar noch nach Li, als letzter der Bösewichte. Zudem erleidet Rubin einen (mehrfachen) Tod, der einem Austreibungsritual gleicht und wie er sonst dem mit in irgendeiner Form magischen Kräften ausgestatteten Monster im Horror-Genre vorbehalten ist. Rückkehr (außer im Sequel) oder Einkehr (ins Paradies) ausgeschlossen. Von wem aber ist Rubin der Endgegner?
Nachdem er durch seinen Ehrgeiz den Tod der als äußerst liebenswert gezeichneten Alicia Delaware und diverser anderer Personen verschuldet hat. Und nachdem er den ‚angemessen‘ schrecklichen Tod durch die „Yrr“ erleidet – sie dringen in seinen Körper ein und versuchen ihn zu erkunden bzw. zu beherrschen, was allerdings nicht gelingt. (Selbst mit der zunehmend weniger ‚fremdartig’ anmutenden Lebensform ist er nicht kompatibel.) Nachdem er also schon gestorben ist, lässt ihn Schätzing noch einen zweiten Tod erleiden, der in direkter Opposition zu Greywolfs Wiedergeburt/ Auferstehung als Orca geschildert wird. Die guten Wissenschaftler um Anawak haben eine Lösung gefunden, mit den „Yrr“ zu kommunizieren. Dazu benötigen sie eine Leiche, ‚rein zufällig’ ist das Rubin. In einer zynischen Szene machen sie sich über seinen toten Körper her, ekeln sich dabei gehörig vor ihm (dem Schätzing immer noch keine individuellen Züge zugesteht) und ein wenig vor ihrem eigenen Tun. Aber es muss nun einmal getan werden und das natürlich mit Anstand! Sie pumpen Rubin voll mit „Yrr-Vereinigungsbotenstoffen“, und nutzen dafür explizit jede mögliche Körperöffnung. Wenn auch der Leichnam Rubins hier der Versöhnung der Menschheit mit den „Yrr“ und so letztlich mit sich selbst dienen soll, wird nachdrücklich keine Kreuzigungs-Ikonographie geschaffen. Bei jeder möglichen Gelegenheit entwirft Schätzing groteske Szenarien um den toten Körper herum: „Einer von Rubins Füßen schaute noch heraus. Weaver trat dagegen. Sie fand es schrecklich, auch wenn Rubin ein Verräter gewesen war. Aber Pietät konnten sie sich im Augenblick nicht leisten.“ Karen Weaver (Anawaks potentielle Partnerin) will ‚die Nachricht’ zu den „Yrr“ in die Tiefsee transportieren. In einer absurd an 2001, Alien, Contact und Star Wars – Return of the Jedi angelehnten Szene findet nun sie dort ihre wahre Identität im ‚feuchten Grab’ ihrer Eltern und im Bewusstsein, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein (ein „Partikel“ unter „Partikeln“). Während Rubins Aussehen zum allerersten Mal beschrieben wird: „Seine Augäpfel haben sich unter dem hydrostatischen Druck aufgelöst. Schwarze Flüssigkeit sickert an ihrer statt hervor. Wieder [!] ist er nur ein Schatten vor dem erleuchteten Hintergrund, mit seltsam trudelnden Bewegungen, als vollführe er zu Ehren heidnischer Gottheiten einen unbeholfenen, unendlich langsamen Tanz.“ Weaver überlebt. Der tote Rubin aber wurde erst verwertet und dann vollständig vernichtet. Das Nichtidentische ist endlich aufgelöst im ewig Identischen. Erst wenn nicht einmal mehr der kleinste Rest von ihm erkennbar ist, kann sich die menschliche Rasse mit der (ihrer) Natur versöhnen.


Microbes@NASA

Verwurzelung bedeutet Vorzeit, ein altes Volk, das in einer ebenso alten Landschaft lebt, die mittlerweile den jahrhundertealten Stempel der Volksseele trug.
Mosse, ebd. 78

Natürlich sind nicht die „Yrr“, wie man zu Beginn des Romans noch vermuten könnte, der Feind. Alle Probleme, die die Menschheit mit ihnen hatte, resultieren daraus, dass sie eine andere Sprache sprechen, eine andere ‚Kultur’ entwickelt haben. Da ist es im Schätzingschen Denken absolut sinnvoll, Millionen von Menschen zu töten, um sich zu „wehren“. Menschen, die aufgrund ihrer dekadenten Lebensweise und ihrer Identitätslosigkeit keine Wurzeln2 mehr im ihnen angemessenen Lebensraum schlagen können. Erst wenn die Menschheit versteht, dass sie wie die „Yrr“ ist, dass die „Yrr“ eigentlich die besseren Menschen sind, kann sie gesunden. Die „Yrr“ sind ein ‚denkendes’ Kollektiv von Einzellern. Jeder von ihnen stellt zwar ein kleines Gehirn (eher eine Speichereinheit) dar, wertvoll jedoch sind sie nur in der Gemeinschaft, die Wertloses sofort aussondert, was Schätzing als überlebensnotwendig für den Verbund beschreiben lässt. Sie sind viele Körper, die ein Wollen eint. Sie sind der ideale Volkskörper. Mit diesem Erfolgsmodell beherrschen sie die Meere seit Jahrmillionen, länger als die Menschheit das Festland. (Sie übermitteln den Beweis, dass sie bereits Pangäa erlebt haben.) Womit sie das Recht zugesprochen bekommen, alles (!) zu tun. Für sie existiert kein Tabu. Sie verteidigen das ihnen qua dort Werden zustehende Territorium. Diese Freiheit des sich angeblich nur Wehrenden muss den deutschen Schriftsteller begeistern. (Wobei die verständnislose Faszination am Formlosen zunächst in Rubin projiziert wird, sobald aber das Wehrhafte, das kollektive Agieren, die wahrhaftige Natur der „Yrr“ etc. in den Vordergrund rücken, sind es die anständigen Forscher, die dem Schwarm verständnisvollen Respekt erweisen.) Angesichts der Bewunderung, mit der die rücksichtslos darauf beharrende Gemeinschaft anerkannt wird, nehmen sich Schätzings seltene Ausflüge ins Lob des Individuums am Ende banal exkulpierend aus. Auch hierin nämlich unterscheidet sich Schätzings Buch grundlegend von klassischen Science-Fiction-Produktionen, in denen die Aliens so lange Feinde waren, wie sie ausschließlich kollektiv und das Individuum zutiefst verachtend agierten. Erst als den ‚Außerirdischen’ individuelles Empfinden usw. zugestanden wurde, durften sie dort auch die Guten sein. Vorbei!
Die bewunderten „Yrr“ (die trotz der ihnen konstatierten Intelligenz niemals in all den Jahrtausenden der aufstrebenden Menschheit selbst einen Kontaktversuch unternommen haben) sind (Selbstmord-)Terroristen, ihnen gelten alle als schuldig. Hauptsache, sie treffen so viele wie möglich. Sie bedienen sich auf den ersten Blick lächerlich unterlegen anmutender Mittel, mit denen sie größtmöglichen Schaden anrichten und Schrecken erzeugen können.
Der wirkliche Schrecken allerdings resultiert aus der Erkenntnis, dass ihr Ansinnen ‚der Menschheit‘ am Ende offenbar (nicht nur) in der Beschreibung Schätzings verständlicher erscheint, als das Bedürfnis des Individuums, ein Leben als solches zu führen. Individualität wird zum diffusen ‚Diskurs’, einer unter vielen und hier zerstörerischer und selbstzerstörerischer als die Mentalität im Kollektiv, in dem das Wesentliche ‚ausgehandelt’ zu werden hat, allemal. Traditionelle deutsche Werte bleiben bestehen: Bescheiden und anständig muss man sein, dem Gruppenziel sich unterordnen etc. etc. etc. Bei Schätzing und in der rundumerneuerten alten deutschen Ideologie wird die Volksgemeinschaft zur Weltgemeinschaft. Das mag nett und freundlich klingen, aber die alten Feinde bleiben problemlos erhalten – nicht alle sind für sie von dieser Welt. Einzellerschwarm-Terroristen und anständige Menschen haben ein Recht auf Bevölkern des Heimatplaneten; Wurzellose, sich Identität nur Anmaßende und dergleichen nicht. Immer mal wieder verweist der Autor auf den besseren Konkurrenten der Amerikaner: Die Deutschen hätten, die Deutschen würden – all das wird von Schätzings Amerikanern hochmütig beiseite gewischt, was die Menschheit endgültig an den Rand des Abgrunds treibt.

To be continued: Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V/II: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie – Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

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  2. Während der Angriffe von Walen auf Boote und Schiffe stellt sich heraus, dass nur die wandernden Exemplare aggressiv geworden sind. Die ausschließlich vor Ort lebenden Tiere („residents“) bemühen sich sogar einmal, die Menschen vor den auf ihren Reisen anscheinend verrückt gewordenen Walen zu schützen. [zurück]
  3. Rubin war die meiste Zeit wach.“ 680. Während die andern Sex haben oder individuell verrenkt schlafen. „Rubin drehte sich im Gehen um und bleckte die Zähne.“ 745. „[Rubin] lächelte steif und kam Johanson vor wie Schwester Ratched in Einer flog über das Kuckucksnest, nachdem Jack Nicholson seine Hände um ihren Hals gelegt [!] hatte.“ 824, usw. [zurück]
  4. Ich habe nicht wirklich was gegen Mick“, sagte Oliveira. „Er ist nur so gottverdammt bemüht, den Nobelpreis zu kriegen.“ 718. „Rubin ballte die Fäuste. […] Am Ende würde er bekommen, was ihm zustand. […] Wenn sie die Sache erstmal hinter sich gebracht hatten, gab es keinen Grund mehr, seine Leistungen der Welt vorzuenthalten. Jegliche Geheimhaltung würde sich erübrigen. Er würde nach Herzenslust publizieren können, getragen von der Anerkennung aller.“ 749, usw. [zurück]
  5. Vgl. Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise; Stephan Grigat (Hg.) – Transformation des Postnazismus, Feindaufklärung und Reeducation, Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat [zurück]

Sinnvollere Lektüre:
John Updike – Toward the End of Time
Kōbō Abe – Die vierte Zwischeneiszeit
Kurt Vonnegut – Galapagos
und überhaupt…


2 Antworten auf „Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk“


  1. 1 Cyrano 22. Mai 2010 um 22:45 Uhr

    Na toll…
    hatte ich nach dem letzten Artikel noch Lust, mir den Kram reinzuziehen, ist die jetzt irgendwie wie weggeblasen.
    Zur sinnvolleren Lektüre würde ich noch Pynchon hinzufügen wollen… am besten Against the day…
    http://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2009/11/12/thomas-pynchon/

  2. 2 junesixon 23. Mai 2010 um 19:16 Uhr

    Ja, tut mir schrecklich leid… oder so ähnlich…
    + Die Fortsetzung wird noch wegblasender.
    + Against the Day – endorsed!

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