„Erleuchtung in Buchenwald“. Ein Kurzfilm von Slavoj Žižek

Über allem Erlebnis der Gewalt, der Lüge, des Irrsinns steht da, einzig gestaltbar, das Erlebnis des Inkommensurablen, der Unmöglichkeit, diese Phänomene zu gestalten…
Karl Kraus – Schriften, 18, zitiert nach Gerhard Scheit – Suicide Attack

„[D]er kleinere begann zurückzubleiben, die SS-Männer brüllten hinter ihnen, auch die Hunde begannen zu brüllen, der Blutgeruch brachte sie außer sich, aber da hielt der größere der Jungen im Laufen inne und nahm die Hand des kleineren, der schon stolperte, und sie legten zusammen noch ein paar Meter zurück, die linke Hand des Jüngeren in der rechten des Älteren, bis die Knüppel auch sie niederstreckten und sie nebeneinander mit dem Gesicht zu Boden fielen, ihre Hände auf immer vereint.
Jorge Semprún – Die große Reise

Es lässt sich leicht [!] vorstellen, wie diese Szene verfilmt werden sollte [!]: Während die Tonspur das reale Geschehen vermittelt (die beiden Kinder werden zu Tode geprügelt), bleibt die Kamera auf ihren ineinander verschränkten Händen stehen, die für alle Ewigkeit eingefroren werden. Während der Ton die gewöhnliche [? im deutschen Konzentrationslager] Realität wiedergäbe, gäbe das Bild das Heilige wieder. Weder Menschen noch Dinge, sondern allein solche flüchtigen Momente, in denen die Ewigkeit erscheint, verdienen es, das Heilige genannt zu werden.
Slavoj Žižek – Hand in Hand. Gott in Buchenwald: Für einen flüchtigen Moment anwesend (erster Beitrag – ‚passend‘ eröffnet zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds durch Häftlinge und die 3rd US-Army – in einer neuen Reihe der Zeit: „Das ist mir heilig“)

Žižek macht sich in der Zeit mit unnachgiebigem Gestaltungswillen über die erzählte Erfahrung Jorge Semprúns her und formt aus dessen Schilderung eines grauenvollen Massakers und der leeren Hoffnung in Buchenwald ein kitschiges Heiligenbildchen mit noch kitschigerer Bild-/Ton-Diskontinuität: Eine ihm offenbar revolutionär erscheinende banale Umkehrung der längst anachronistischen Kino-Methode, im Tod der Protagonisten die ‚realen‘ Umgebungsgeräusche durch extradiegetische melancholische Trauer- oder triumphierende Erlösungsmusik zu ersetzen/ überlagern. Bei Žižek bleibt das Bild eingefroren, während das Morden auf der Tonspur fortgeführt wird.

Es ist die reine substanzlose Oberfläche solcher für die Ewigkeit fixierter Bilder, nicht eine tiefere Bedeutung oder Botschaft, die in der trostlosen Geschichte der Schoah Momente der Erlösung möglich macht: In solchen Momenten, kann man sagen, war Gott, die göttliche Dimension, trotz allem in Buchenwald anwesend.
Ebd.

Längst hat sich die öffentlichkeitswirksame Wissenschaft den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie angepaßt. Wissenschaft, die auf öffentliche Reputation abzielt, kann es sich gar nicht leisten, die Themenstellungen der Medien zu ignorieren.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung

Und will nicht einmal. Žižek will sogar übererfüllen: Ihm reicht es nicht, Unantastbares (Vorgabe: „Das ist mir [!] heilig“) auszustellen; er beweist sich öffentlich als einer fürs Kollektiv relevanten Epiphanie würdig und darüber hinaus nonchalant („leicht vorstellen“) begabt, sie visuell zu vermitteln und durch die filmische Umsetzung „die reine substanzlose Oberfläche“, die eigentlich bedeutungs- und botschaftslos ist, mit Bedeutung und Botschaft aufzufüllen. „Erleuchtung in Buchenwald“ ein Kurzfilm von Slavoj Žižek. Der freeze frame (à la „Thelma & Louise“, die sich ebenfalls im nicht gezeigten Sterben weiterhin an den Händen halten werden) Žižeks suggeriert trotz der (à la „Funny Games“, Ohren kann man nicht schließen wie Augen – man ist dem Geschehen vorgeblich noch unmittelbarer ausgeliefert) fortlaufenden Tonspur Überleben und wiederholt damit, was Claussen bereits an „Schindler’s List“ kritisierte: „Die universelle message, die fast wie ein Evangelium erfahren werden kann, lautet: Als Mitglied eines glücklichen Kollektivs kann jeder, vom wem auch immer er abstammt, erlöst werden.“ (Claussen, ebd.) Und erfüllt überdies auf mindestens einer Ebene die Forderung deutscher Theaterbesucher, dass man dieses Mädchen (Anne Frank) doch wenigstens hätte überleben lassen sollen. Erlösung findet statt, und zwar als verbrauchter filmischer Effekt, indem die Hände zweier Personen sich zum Gebet finden. Als würde die Brutalität durch die Beschränkung auf die Tonebene inkommensurabel, als sei das Bilderverbot dadurch eingehalten, dass aus der (eigentlich!) unerträglichen – unermüdlich, täglich, stündlich ‚wiederholten‘ (vgl. Daniel Jonah Goldhagen – Hitlers willige Vollstrecker) – grausamsten Vernichtung menschlichen Lebens eine singuläre Ikone produziert wird. Die Anwesenheit Gottes in Buchenwald präsentiert Žižek als bescheidenes Andachtsbildchen1.

Vergessen wird, daß die traditionelle westliche Vorstellung der Adäquation, der Annäherung von Darstellung und Sache, durch die Welt der vollendeten Sinnlosigkeit in Auschwitz selbst erschüttert wurde.
Detlev Claussen – Die Fortsetzung der Lichterketten mit anderen Mitteln?, in ISF – Schindlerdeutsche

Das „Moment des Abscheus vor dem physischen Schmerz, des wie Brecht es einmal ausgedrückt hat, des quälbaren Körpers, der irgendeinem angetan wird“ (Theodor W. Adorno – Metaphysik, zitiert nach Scheit, ebd.) wird nicht nur als Erleuchtung und Gottesbeweis zelebriert: Die Augen wurden tatsächlich geschlossen. Dass es getan wurde, wird mit Žižeks Bild noch einmal gerechtfertigt2 – indem dem fiktiven Zuschauer (dem Zeit-Leser) die Platitude vermittelt wird, seine eigenen Vorstellungen seien grausamer als jede (filmisch darstellbare) Wirklichkeit. Dieser willkommene Gemeinplatz aber muss vor den deutschen Vernichtungslagern notwendigerweise versagen. Und kann nur dazu dienen, der Deutschen Einbildung, sie seien besonders einfühlsam und vorstellungskräftig, was ‚ihre Shoah‘ betrifft zu befördern. Daraus wiederum haben sie eine ‚besondere Verantwortung‘ zur Projektion ihrer Verbrechen abgeleitet. Auch das Bild der ineinander verschränkten Hände haben sie längst für sich reklamiert und es gerinnt ihnen zur Illustration ihrer Einheit im betroffenen Protest gegen was auch immer.
Was die ISF für „Schindler’s List“ konstatierte, gilt für Žižeks kleine Szene umso mehr: Sie ist eine „blasphemische Anstalt, [die] die Nachkommen der Täter zu einer gedanken- und konsequenzlosen Sentimentalität provoziert“ (ISF, ebd.).
Die Zeit illustriert Žižeks Traktätchen entsprechend mit einem entlarvenden Bild: „Barack Obama, der Holocaust Überlebende Elie Weisel [!] und Angela Merkel legen eine Rose in der Gedenkstätte Buchenwald ab“.

Gott in Buchenwald – bei André Schwarz-Bart ist er ein Wort in einem zerstörten Gebet:
Und gelobt. Auschwitz. Sei. Majdanek. Der Ewige. Treblinka. Und gelobt. Buchenwald. Sei. Mauthausen. Der Ewige. Belzec. Und gelobt. Sobibor. Sei. Chelmno. Der Ewige. Ponary. Und gelobt. Theresienstadt. Sei. Warschau. Und gelobt. Skarzysko. Sei. Bergen-Belsen. Der Ewige. Janow. Und gelobt. Dora. Sei. Neuengamme. Der Ewige. Pustkow. Und gelobt…
Der Letzte der Gerechten

  1. Zur Herkunft von Žižeks Denken vgl. Gerhard Scheit zu Jaques Lacan in Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt, S. 381ff: „Jaques Lacan, der nach 1945 zu Jung und Heidegger pilgerte…“ [zurück]
  2. Hier hilft auch kein Verweis auf Godard etc. pp. mehr. [zurück]

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