Archiv für April 2010

Grundlegendes 19: Als ich einmal Angst davor hatte, einen Artikel von Magnus Klaue zu lesen

Magnus Klaue nämlich hat in der aktuellen Konkret etwas zu Frank Schätzing geschrieben. Und wie fast (!) immer hat er auch hier Recht mit dem, was er schreibt. Diesmal, wenn er fünfzehn Gründe anführt, Frank Schätzings Bücher nicht zu lesen und ihn persönlich zu meiden. Auszüge:
Frank Schätzing ist ein religiös interessierter, klimabewußter, ästhetisch kompromißloser Universaldilettant.
Frank Schätzings künstlerisches Ideal ist die Synthese aus Richard Wagner, Pink Floyd und Michael Crichton.
„[Frank Schätzing] ist weder Latin Lover noch Gigolo, sondern Deutscher.“
Frank Schätzing ist Kulturkritiker. Er weiß, daß es böse enden wird mit uns allen, wenn nicht bald ein radikales Umdenken stattfindet. […] Gestern: Das ist Ursuppe, roh, atavistisch, aber auch heimelig, aus der sich die sich ihrer selbst bewußt werdende Menschheit erhebt. Heute: Das ist die Zone der Hybris, der Dekadenz und Sünde, die nach Reinigung verlangt.“
Magnus Klaue – Outer Limits, Konkret 5/2010
Stimmt alles! Meine Befürchtung war nur, dass Klaue bereits all das zumindest angedeutet haben könnte, weswegen ich Schätzings tatsächlich grauenvoll geschriebenen „Der Schwarm“ einmal quer- und dann noch einmal (so halbwegs… Es gibt Grenzen des Erträglichen!) Satz für Satz (Zitatsammlung) gelesen habe. Wenn das umsonst gewesen wäre… wie auch immer! Er hat nicht (bis auf „Michael Crichton“, „Deutscher“ und „Reinigung“), und ich bedanke mich dafür.
Auch schön, die Reaktion des Rezensenten von Strange Horizons (der sich abgesehen vom Folgenden, da liegt er absolut richtig, in mindestens einem Punkt irrt) auf Schätzings „Schwarm“-Personeninventar: „This results in sickeningly worthy creations such as an Eskimo whale expert who battles against right-wing American Christians so evil that I would not have been surprised if Schätzing had made them spend much of their free time killing puppies with hammers.
Und demnächst gibt es a.O., aus Anlass der anstehenden Verfilmung des Romans unter der Regie von angeblich Ridley Scott (nach „Alien“ und „Thelma and Louise“ konnte es nur noch bergab gehen!), nach einem Drehbuch von Ted Tally (dito, „The Silence of the Lambs“), noch mehr Gründe, Frank Schätzing das Bundesverdienstkreuz mit Zeugs zu verleihen.
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Later:
Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk
Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

Neo Rauch – der Künstler als „kogrkn hpon“ deutscher Kunstvereinsmitglieder

Für ThdP

hey, is your girl feel down with your shorterPenis, our herbal pill can longer kogrkn hpon
Betreffzeile Spam-Mail, April 2010

In der Zeit (online, 21.4.10) wird geschrieben, Neo Rauch feiere in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag – was natürlich nicht stimmt. 50 wird er und feiert somit seinen 51. Geburtstag. 3Sats Kuturzeit (19.4.10) begeht denselben Rechenfehler. Dem Jubilar (so heißt das dann wohl) widmen sie zum Wiegenfeste („Es ist kaum zu glauben/ aber wahr/ Neo wird heut’ 50 Jahr’“ usw. usf.) jedoch völlig unterschiedliche Beiträge.
Aus 3Sat-Sicht tragen wie üblich die aus ihrer Sicht rückständigen (wenn’s passt, sonst oberflächlichen, nurdemkommerzhuldigenden, rücksichts-losen, ignoranten, kulturlosen, rassistischen, vonisraelgesteuerten, fetten, identitätslosen, fitnesswahnsinnigen, israelliebenden, volksiden-titätenvernachlässigenden, einenalttestamentarischengottanbetenden, endlichisraeleinenreinwürgenden, sexistischen, keinenkriegimeigenen-landerlebthabenden, rachelüsternen, homophoben, prüden, oberflächlichefernsehserienproduzierenden, europäischekulturerzeugnis-seignorierenden und dergleichen) Amerikaner (US) die Schuld am Elend der Welt: „Schon vor einigen Jahren explodierten die Preise. Die Amerikaner begannen wie verrückt zu kaufen. […] Die Kunstwelt, besonders die amerikanische, wollte wieder gemalte Bilder, auf denen man etwas erkennt. Und dann noch von einem Ostdeutschen – das passte. Erfolg am Markt ist keine Garantie für gute Kunst, und Kunst, die sich schlecht verkauft, ist nicht automatisch gut. Aber Neo Rauch ist kein zynischer Marktkünstler, sondern ein Maler aus Leidenschaft.
Sagen wollte man vermutlich, gute Kunst sei keine Garantie für Erfolg am Markt… Whatever oder eben nicht! Denn der Schöpfer schlechter Kunst ist zumindest kein Amerikaner oder Brite oder was auch immer, die das Sichgutverkaufen brutal ausnutzen und nur noch sinnlos rumpinseln würden, was das Zeug hält. Neo Rauch aber ist deutsch, sehr sogar: „Der Motor der neuen Leipziger Schule vereint deutsche Schwermut und deutsche Beharrlichkeit. Anders als viele seiner Westkollegen, gönnt [???] er es sich früh, figürlich zu malen, und er verabscheut Fotografie und Video. Der schüchterne und ernsthafte Künstler meidet Fernsehkameras und äußert sich nur selten zu seiner Arbeit.“ (Ebd.) (Witzig wird’s erst, wenn er es dann doch tut, s.u.)
3Sat konstatiert trotz des unverhohlenen Mitleids eine gewisse Retardation: „Wenn man näher [?] hinschaut, erinnert sein Malstil an längst abgehakte Epochen. Das Bild ‚Schilfland’ ähnelt dem guten alten Caspar David Friedrich [wohl eher nicht, womöglich dessen Bildern?]. Natürlich hätte der andere Motive gemalt [hat er sogar!]. Doch die Stimmung ist altvertraut. Der Unterschied: Der Romantiker Caspar David Friedrich brachte vor 200 Jahren ein Gefühl auf die Leinwand, das damals noch nicht kitschig war [das diskutieren wir irgendwann anders mal… Deutsche Romantik]. Die Malerei musste noch beweisen, dass sie die Natur nachahmen kann. [Von ca. 1800 – 1840? El Greco, Bosch, Turner und die üblichen Verdächtigen kreiseln vor Gekicher im Grab. Und, nein, der Beitrag entspringt nicht den kreativen Hirnen vom NDR Kulturjournal sondern denen des im ZDF angesiedelten Magazins aspekte] Heute, wo es Film und Fotografie gibt, muss die Malerei nichts mehr beweisen [außer womöglich, dass sie noch eine Existenzberechtigung hat, was sie meistens nicht schafft]. Rauch kann malen, wie er will – abstrakt oder gegenständlich. […] Er malt gegenständlich. Und das Tragische ist, dass er es verdammt ernst meint. Seine Malerei ist frei von Ironie.
Muss sie wohl sein, denn laut seinem Entdecker hat „Neo […] da eine ganz klare Haltung zum Arbeiten. Er ist eigentlich nur seinem Werk verpflichtet und dem, was er macht.“ (Zitiert nach ebd.) Was Rauch, dessen Bilder laut aspekte mit denen Max Ernsts verglichen wurden und der es gerne hätte, man täte das mit denen Francis Bacons, im ihm gemäßen Umfeld ansiedelt. Francis Bacon aber war tatsächlich einer der wenigen Maler nach Malewitsch (am einen Ende des Spektrums) und Picasso (am dessen anderem Ende), der den Sinn von Malerei überhaupt noch nachvollziehbar machen konnte. Ausnahmsweise muss den deutschen Kultur-magazinmachern zugestimmt werden: Neo Rauch kann das nicht. Warum nicht? Da streben wir erfreulicherweise wieder mit Lichtgeschwindigkeit auseinander. Egal…
In der Zeit hingegen erlaubt man Uwe Tellkamp (u.a. Dresdner Lyrikpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis (2004, verteidigt gegen Richard David Precht und Julie Zeh, wenigstens etwas!), Deutscher Buchpreis, Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, Deutscher Nationalpreis), sich einen von ihm vor ziemlich genau einem Jahr geäußerten Wunsch zu erfüllen: „Manche Ihrer Bilder hätte ich sehr gerne geschrieben.
Und in der Tat: Er tut es. Zwar sich am vorgegebenem Werk abarbeiten müssend, aber mit dem Anspruch des Schöpfers vom Kleinod in Serie – Wort oder Pinselstrich, wen kümmert’s in diesem Zusammenhang. Nach einer kurzen aspekte-gleichen Mitleidsnote: „Dass einer, der Neo heißt, 1960 in der DDR so genannt wurde, noch dazu im gerne ruppigen Leipziger Revier (ich nehme an, er wird gelitten haben in der Schule), muss außergewöhnlich wie der Tunguska-Meteorit gewesen sein; Neo, neu: Ich hörte den Namen eher, als ich seines Trägers Bilder kannte, danach wunderten sie mich nicht“, (ja, schrecklich, in einem Land, in dem die Leute ihre Kinder sonst Sandro, Silvio, Reiner, Thorsten oder Uwe nannten) raunt es los. Tellkamp transponiert im feinsten eigentlichen Jargon und wird zum Erfinder, zum, den „Meister“ (die Zeit) huldigenden und schriftstellernd genialisch Assoziierenden zugleich. Mit unnachahmlichen Sätzen wie zu Rauchs leider nicht abgebildetem Bild „Hagzissen“:
Typus rauchscher Frauen: begutachtend ( Demos «), einladend (die Riesin im roten Pullover, Alter ), modebewusst (sie tragen, wie es heute üblich ist, Stiefel zu Röcken – Militanz und Züchtigkeit, das ist Gretchen als Domina [? seriously!]). »Helferinnen«: So verborgen wie das Parlament der Fliegen, ist die Potenz, die jene Pflanzen (Königskerzen?) vom Mädchen weg zur Staffelei am rechten Bildrand beugt. Oder ist es der Sog der Staffelei, der die Pflanzen betört? Die äußerste erreicht das weiße Bild darauf, hinterlässt, obwohl kein farbgetränkter Marderhaarpinsel, den Abdruck ihrer Blüte, eine gelbe Lanze, die an die »Unschuld« rührt, sie benetzt, was beleidigender, weil komischer ist. Wer ist das Mädchen? Betrachterin des Bilds, bevor es fertig ist? Oder ist es fertig – und die Berührung durch die Pflanze eine Fehlerin?“ (Ebd.)
In den Kommentaren wird vermutet, es bedürfe bewusst-seinserweiternder Drogen, um derartiges zu formulieren. Aber nein! Des Gegenteils bedarf es: nämlich einer soliden (gedoppelt) deutschen Kunsterziehung, die jeden originellen und eben nicht romantisch-verschwafelten Gedanken ins Reich des Gefasels verweist. Es raunt also weiter aus dem in den „100(0) Meisterwerke“-Modus versetzten Tellkamp heraus:
Oder ist das Bild »fertig« nur in und mit der Berührung? Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt, gefunden. Auch geholfen? Es sind ja bereits gemalte Pflanzen. Sind Helferinnen auch die watteau-lorrainesk hochgetürmten Wolken, jene Himmel (bei Rauch gibt es oft mehrere in einem Bild, manche scheinen Barcodes zu haben) in Unterholzfarben, die auch Spiegelungen auf Gewässern sein könnten, Sümpfe? Die fünf Ränder eines Bilds (das fünfte ist das Auge des Betrachters)? Die Sitzgelegenheit, die dem Mädchen zu genügender Deutungshöhe verhilft? Die Rätseleien und Erklärungsversuche, mit denen ich als Dolmetsch die Fremd-Sprachen der Farbbeziehungen abhöre? Womöglich hilft die Staffelei dem Mädchen? Und wobei? Eine Staffelei sieht von seitlich wie eine Guillotine aus [„von seitlich“ sieht alles irgendwie aus…]. Hagzissa: die Zaunreiterin, das alte Wort wurde zu Hexe verschliffen. Vielleicht haben die jungen Hexen Kunsterziehung, wahrscheinlich ein anderes Schulfach: Verbrechen der Zukunft.“
Und zu „-artige“, auch ohne Anschauungsbeispiel:
Ein Begriffspräparat, das bei Bildern wie Diktat, Suche, Entfaltung herbeihinkt, für mich vor allem bei Das Blaue . Den Maler, der solche Visionen aus der abgründigsten aller Pinakotheken, dem Zentralnervensystem, vor fremde Augen stellt, scheint eine Frage umzutreiben: ob der schopenhauerischen Überlegung, inwieweit die Schwalbe dieses Sommers auch schon die vor hundert Jahren war, als einzelnes Tier also nichts zähle, bloßer Teil seiner Art, seines Schwarms [Schätzing? Ja, in der Tat. More later!] sei wie eine Zelle Baustein und Element einer sie einbegreifenden höheren Ordnung – die Frage, ob dieser toxischen Verneinung des Individuellen ein noch toxischeres Anhängsel nachzuliefern sei: dass die einzelne Schwalbe den Schmerz und die Todesangst, wenn sie unentrinnbar in den Krallen des Falken hängt, nicht doch ganz privat empfinde? Romantik und Technik sind die Flügeladjutantinnen der Beglückungs-Embryologie, ineinandergemischt werden sie zur bösen Biochemie“. Und so weiter und so fort…
Den Wunsch, dieses Geraune von sich zu geben, äußerte Tellkamp am 30.4.09 im Doppelinterview der Zeit (Wolfgang Büscher und Florian Illies) mit ihm und Rauch, der sich als ebenso sprachbegabt und die deutsche Phantasie beflügelnd erwies. Der sich eigentlich (zu Recht, wie man sehen wird) nicht zu seinem (Gesamtkunst-)Werk äußern wollende, ebenso „schüchterne“ wie „scheue“ Künstler Rauch gab dann doch Bezeichnendes preis: „Was das wird, was ich da unterm Pinsel habe, entscheidet sich oft erst auf den letzten Metern, denn ich arbeite ja ganz bewusst nicht konzeptionell – ich reagiere auf Zuströmungen.
+ „Es ist immer eine Familie von Bildern, die aneinander emporranken. Über die Monate entsteht so ein familiärer Stallgeruch im Atelier, das bringt Selbstbefruchtung mit sich, das Zirkulieren von Material von Bild zu Bild. Was es nun ist, kristallisiert sich erst später heraus.
+ „Es hat sich wieder ein Moll-Ton eingeschlichen. Sehr erstaunen kann das ja nicht angesichts der Geister, die ums Haus tanzen. Vielleicht werde ich noch ein bisschen das Fenster aufreißen und an hellen Sonnentagen, wenn die Dämonen schlafen, ein paar Elfen und Feen hereinlassen, damit die Bilder etwas mehr Heilkraftkapazität entwickeln. Darum geht es ja eigentlich: dass etwas von der Leinwand abstrahlt, das etwas Halt vermitteln kann in dieser Welt. […] Ich arbeite gerade daran, das Gute und die Zuversicht in diese Bildmaterialien hineinzumassieren.
Die Zeit in ihrer Erscheinungsform als Büscher oder Illies fragt dummerweise nach: „Was ist das für eine Massage?“ Und veranlasst Rauch weiterzumachen: „Es wird wohl wieder darauf hinauslaufen, dass es aus der Malerei selbst kommt. Aus diesem ganz elementaren Befasstsein mit den Dingen, die wir auch bei Karl Hofer finden, der uns hier so freundlich umgibt – ein Beispiel dafür, wie das Desaströse, das Dämonische, das Miserable umgeschmiedet wird. Er kann es ruhigstellen, er kann die Dämonen bannen. Er kann Schönheit destillieren. Und daran arbeite ich, dass mir das auch endlich einmal gelingen möge.“ Auftritt Tellkamp als Anti-Mephistepholes: „Ich kann Sie beruhigen: Das ist Ihnen längst gelungen. Manche Ihrer Bilder hätte ich sehr gerne geschrieben.
Die Zeit trübt die Freude und stellt drohend, aber zur sofortigen Demontage auffordernd das Bild des Feindes aller kreativen Deutschen in den Raum: „Reiner Kunze hat einmal, als ihm Reich-Ranicki schrieb, er brauche jetzt neue Gedichte, die Zeit sei nun wirklich reif, geantwortet: Der Apfel ist reif, wenn die Kerne schön schwarz sind, und das weiß der Baum zuerst.
Rauch weiß sehr wohl, dass eine ähnlich wahrnehmbare Instanz für die bildenden Künste hierzulande überhaupt nicht existiert, und es entströmt ihm entspannt: „Wenn die Kerne schön schwarz sind, dann antwortet die Leinwand. Interessant ist der Moment, wenn sie die Regie übernimmt. […] Man sagt gemeinhin [tut man das?]: Es malt sich dann. Es entsteht ein Sog vom Bild her, bis dahin gibt es vielleicht einen gehörigen Anteil Kalkül, aber dann fordert das Bild zunehmend.“ (Kalkül geht schon mal so gar nicht.) Bei Tellkamp hingegen antwortet keine Leinwand, bei ihm „strahlt“ nur das „Papier zurück“. Dafür lässt er sich Anweisungen geben von „Proust, Mann, Dostojewski. Wenn von denen mir einer sagt: Mein lieber Freund, hier musst du nachsitzen, dann muss man nachsitzen.“ Weswegen man spätestens beim Lesen seiner Texte erkennen muss, dass die väterlich angeblich strafenden Freunde seiner Imagination entspringen: Harvey Proust, Harvey Mann und Harvey Dostojewskij, die ihn auf immer und ewig lieben und loben müssen.
Der Mythos des ernsthaft schaffenden Deutschen jedoch darf durch solch lustige Anekdoten nicht in Frage gestellt werden, und so wird das Leiden am Schöpfungsgprozess hervorgehoben. Rauch nämlich bezeichnet denselben als „natürlich Arbeit. Ich will abends das Gefühl haben, dass ich mich geschunden habe und es nicht völlig für die Katz war“. Was Tellkamp zu übertrumpfen weiß: „Ich kenne gar keine Alternative zur Arbeit. Ich habe in der Braunkohle gearbeitet.


„Neue Leipziger Schule“ – Im neo-figürlichen Stil und Schweiße des Angesichts gestaltetes Wappentier der Stadt, garantiert kalkülfrei und mit ungeheuer viel Sog geschaffen. Foto von CdG, Leipzig, 16.3.2010

Neo Rauch, der Shooting-Star der sogenannten Leipziger Schule, hat so seine Bedenken gegenüber der Moderne und beruft sich lieber auf Ernst Jünger und Botho Strauß, die vermeintlichen Freidenker der Reaktion. »Die Moderne als Endzustand und Klassenziel: Das ist ein deutsches Mißverständnis«, polemisierte Rauch in der »Zeit«, obwohl es ihm ansonsten eigentlich ganz gut in den Kram paßt, im Ausland als typisch deutscher Künstler gehandelt zu werden. »Ich lasse mich gerne als Deutscher wahrnehmen«, erklärte er dem »Art«-Magazin. »Man kann es ja auch ganz gut aushalten unter den Deutschen. Es ist ja nicht so, daß wir hier unter die Barbaren geraten wären.
Martin Büsser – Viel Rauch um Neo, Konkret 01/08

Büsser irrte in diesem einem Punkt, Rauch polemisiert nicht, er ist ein Apologet. Sich permanent in der Defensive wähnend, weil er nur mal „wieder“ aussprechen mag, was dem Deutschen angeblich verwehrt ist, kann er gar nicht aufhören, immer wieder auf den Opferstatus zu verweisen, der genauso imaginiert ist wie Tellkamps kleine Literatenfreunde. Auch 2009 musste er zeigen, wie furchtbar es doch ist, nicht mitteilen zu dürfen, dass „Ernst Jünger […] ein Beispiel [ist], wie Literatur auf mich als Maler unmittelbar inspirierend wirkt. Da erübrigt sich die Frage nach irgendwelchen politikrelevanten Fatalitäten. Dazu habe ich mich als Maler gar nicht zu verhalten. Ich nehme mir dort die Nahrung, wo ich sie finde.“ (Die Zeit, ebd.) Und das ist natürlich überhaupt nicht barbarisch. Was aber sind „politikrelevante Fatalitäten“? Still thinking.
Jenseits davon darf er ja nicht wählerisch sein, denn laut einem Leipziger Maler ist seine „Heimat“ (Leipziger Baumwollspinnerei – Goldenes Ghetto, Die Zeit, 26.4.19) „ein Ghetto […], ein Ghetto der Kunst.“ Ein Ghetto zeichnet sich für den offenbar auch von einschlägiger Literatur inspirierten Künstler dadurch aus, dass die Touristen kommen. Was furchtbar ist, denn die Leipziger Tourismusförderung bietet Kunstreisen zum Ort an, an dem „die »Neue Leipziger Schule« ihre Wurzeln [hat], [an dem] Neo Rauch, der Malerstar“ (Ebd.) arbeitet (und zwar hart, nicht vergessen!).
„„Wo finde ich sein Atelier?«, fragen die Besucher die Gästeführerin Henriette Weber am Eingang des Spinnereigeländes. Wie stellen Sie sich das vor, würde sie gern zurückfragen, wollen Sie ihm zuschauen wie im Zoo?““ (ebd.) Blöde Frage: natürlich wollen das die Besucher. Den schwitzenden Künstler wollen sie sehen, beobachten wie seine Gesichtszüge einem Matrix-Effekt gleich dem Sog der Leinwand nachgeben. Teilhaben an dem einzigartigen Moment, in dem Epiphanie in harte Arbeit umschlägt. Dann soll er sich umdrehen und ihnen allein das Geheimnis seiner Schaffenskraft mitteilen. Nicht mehr scheu wird er dann sein sondern ganz offen und glücklich und erfreut, endlich eine verwandte Seele getroffen zu haben – aber immer noch verschwitzt. Das ist die Phantasie fast aller in lokalen Kunstvereinen sich engagierenden Atelierbesucher. Ihnen sei mitgeteilt: Nahezu alle ‚Künstler’ hassen nahezu alle Atelierbesucher. Selbst wenn sie phantasieren, dass ein möglichst nicht verschwitzter Besucher das Geniale am Ausgestellten erkennt und ihnen anbietet, ihre Bilder allesamt in seiner ungeheuer renommierten Galerie auszustellen, und internationale Museen wären bestimmt interessiert, und außerdem seien hier schon mal 1,5 Millionen Euro Anzahlung für den Anfang, ach was, hier ist ein Scheck über 2 Millionen.
Neo Rauch hat das nicht mehr nötig. Aber in ihm kulminieren all die Ahnungen und Hoffnungen, die man so vom einfühlsamen, zurückgezogenen, geheimnisvollen, tragischen etc. etc. etc. Künstler hat. Er ist der „kogrkn hpon“ für Kunstvereinsmitglieder. Und dann kann man sich, wenn’s Geld reicht, die Bilder auch noch ins Wohnzimmer hängen, sich visuell beraunen lassen und so am Mythos partizipieren. Mit Werken von anderen zeitgenössischen Künstlern wie Hirst, Nauman, Kapoor, Fischli & Weiss, Margolles, Stelarc (zum Künstler gibt es einen aufschlussreichen Artikel von Markus Brunner – Evolutionäre Arbeitskraft. Zu den Cyborg-Inszenierungen des Technokünstlers Stelarc in Respektive 01/2010) usw. usf. und überhaupt und was immer man im Einzelnen von ihnen halten mag, geht das schonmal so einfach nicht mehr. Während sie alle nicht einmal mehr die Illusion des besitzbaren Kunstwerkes gewähren, vermittelt mindestens der hierzulande besonders verabscheute Hirst die harte Erkenntnis, dass man nicht einmal schwer arbeiten oder sich „geschunden“ (Rauch) haben oder den ganzen Tag rumkommandieren lassen muss oder was auch immer, um Ruhm und Reichtum zu erringen. Rauch hingegen liefert zudem den Beweis, dass auch „der Künstler“ nicht gar so anders ist als der Durchschnittsbürger – ernsthaft arbeitend und versagungsvoll – das schafft Vertrauen (und dann kann er sogar so richtig gut malen – or so they say, s.u.) Und dass man als Deutscher immer noch die Welt erobern kann, selbst wenn die es gar nicht verdient hat.

Zum Thema Gemäldevonneorauch muss man sich nicht mehr auslassen, da wurde eigentlich alles Relevante schon von Martin Büsser geschrieben:
Insofern handelt es sich um Post-1989-Kunst im unangenehmsten Sinne – um Kunst einer Generation, die im Glauben, jede Ideologie überwunden zu haben, die Singularität der Naziverbrechen zumindest ästhetisch relativiert. Rauch-Bilder wie »Höhe« (2004) dekonstruieren nicht neoromantischen Bombast, so wie Laibach einst versucht hatten, Gemeinsamkeiten zwischen totalitärer Ästhetik und der Massensuggestion im Pop aufzudecken, sondern potenzieren ihn. Betrachtet man sich Gemälde wie dieses, wird das größte Mißverständnis von Magdalena Kröners »Taz«-Kritik deutlich: daß es sich hierbei um gute Malerei handele. Rauchs Figuren lassen gerade mal das Talent eines Plakatmalers erkennen, an Sinn für Arrangements mangelt es völlig. Schemenhafte, nicht sauber ausgeführte Übergänge zwischen einzelnen Bildelementen sollen wohl etwas Traumhaftes andeuten (sie wurden bereits mit den Verwischungen von Francis Bacon verglichen), wirken allerdings lediglich unbeholfen. Eines immerhin läßt sich Rauch nicht absprechen: sein Sinn für Lichtverhältnisse und Farbgebung. Allerdings erinnern die kleineren in Brühl ausgestellten Arbeiten, die in fahlen, oft bräunlichen Farben gehalten sind, darunter »Meisterschüler« und »Der Gärtner« (beide 2007), frappant an die Kunst Carl Spitzwegs. Vielleicht sollte man Neo Rauch überhaupt als dessen Nachfolger betrachten: Ein Künstler im Geiste des Biedermeier, dem die geregelte, überschaubare Welt abhanden gekommen ist, von der er weiter träumt. All jene, die sich noch immer an den von Duchamp und Co. gesetzten Parametern der Moderne abarbeiten, müssen sich vor solchen Traditionalisten nicht fürchten: Es sind nur Spatzen, die da mit Kanonen schießen.
(Martin Büsser, ebd.)

Elsässer schon wieder potentielles Opfer von sich als „politisch korrekt“ tarnender Sprachzensur + Initiator der Voksinitiative befürchtet Homophobie-Vorwurf + Warum nur?

Auf zwei Ebenen agieren die Vorkämpfer an der volksdeutschen Schmusefront“.
Magnus Klaue – Angriff der Kuschel-Guerilla

Die Hetze wird geglaubt, weil der organische Kontakt der Menschen abgenommen hat, der anorganische Anteil in der gesellschaftlichen Kommunikation aber gestiegen ist. Die Sechsjährigen schicken sich schon SMS, die Teenager sitzen halbe [?] Nächte im Chatroom, die Erwachsenen vertrödeln ihre Lebenszeit im Internet – jeder ist an irgendwelche Apparate angeschlossen, als läge er auf der Intensivstation. Wer aber kennt seine Mitmenschen noch?
Jürgen Elsässer Blog am 16.04.2010 – Was tun gegen die Mainstream[?]-Hetze?

Unser Schuldbuch sey vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!Friedrich Schiller – Ode an die Freude

Nach dem überaus passenden und angemessen erfolgreichen Zusammenspielen der Volksinitiative respektive Elsässers mit „Alles Schall und Rauch“, Muslim-Markt, Nuoviso etc. blabla und den erstaunlicherweise desillusionierenden Erfahrungen mit „Karate Kid will return in ‚Karate Kid 24/7 reveals: Everyone’s paid by the Mossad except for those who don‘t get paid‘“ tun sich angesichts von Elsässers Erkenntnis, dass man sich nur mal so richtig kennenlernen muss weitere beziehungsweise Genugtuung versprechende Verbrüderungsmöglichkeiten auf, beispielsweise mit der Free Hugs Campaign (aka „Wird ja alles so schön bunt hier…“).

Denkt man sich erstmal so!

Was aber passiert, wenn Deutsche sich allzu „organisch“ mit sich und dem Rest der Welt auseinandersetzen, dürfte bekannt sein. Das Vorurteil nimmt, wie man weiß, hierzulande auch nicht durch Bekanntschaft und ‚Auseinandersetzung‘ mit dem zu Vernichtenden ab… au contraire!
Bei Elsässers wird derweil immer noch fleißig daran gearbeitet, den deutsch „organisch“ noch allzu undifferenziert Agierenden die relevanten Unterschiede zu erklären. Das muss so sein, weil man als alles gelten mag nur nicht als Rassist. Rassist ist dort, wer aufs von ihnen definierte „Unten“ (z.B. Deutsche und die ‚Opfer‘ ihrer ‚Feinde‘) tritt. Nach dem von ihnen definierten „Oben“ hat man heftig und unermüdlich zu treten, und oben sitzen für Elsässer natürlich nicht ‚die Rothschilds‘, das sei „[g]efährlicher Spinnerkram“, die wurden nämlich längst abgelöst durch „Es gibt Verschwörer, Goldman Sachs gehört dazu. Aber: Vorsicht mit dem “Überdrehen” von Verschwörungstheorien“ (Elsässer – Goldman Sachs und die Herrscher der Welt) – hört sich wesentlich, viel und überhaupt unverfänglicher an, und die Claqueure werdens schon richten: „Ein ganz heißer Kandidat bleibt nach wie vor die Israel-Lobby. An dieser Stelle sei dringend dazu geraten, mit dem Antisemitismusvorwurf äußerst sparsam umzugehen, weil sich anderenfalls einer der aggressivsten Machtkomplexe auf diesem Planeten in einen äußerst effektiven Schutzmantel hüllen kann.“ (Pirx, ebd. in den Kommentaren)
Dann wollen wir mal bis an die Grenze des Hungertodes sparsam sein. „Doch es geht weiter: Die Frankensteins der Finanzwelt basteln derzeit aus Internet-Datenmüll Monster zusammen, die Ahmadinedschad als Wiedergänger Hitlers und den Papst als Haupt einer Kinderschänderbande illuminieren und jagen sollen. Wenn die Monster groß genug sind, muss der eine oder der andere sterben. Die virtuellen Monster nähren sich von Menschenblut.“ (Elsässer – Big Brother stoppt den Luftverkehr)
Herrscher der Welt“, „Flugverbot beruht nicht auf der Verschmutzung der Atmosphäre, sondern des Cyberspace“, „‚Der Schwarm‘ gegen die Industrie“, „[d]er [welcher von beiden denn nun?] Kadaver von Lufthansa und Airberlin soll [?] von Heuschrecken ausgewaidet werden“ [Wenn man schon die Heuschrecken bemüht, sollte man eventuell im Bild bleiben, n‘est-ce pas? Ausweiden liegt ihnen fern, da sie sich allesamt vegetarisch ernähren. Hingegen sind sie beliebtes Nahrungsmittel von Carnivoren, die sie jedoch auch eher nicht ausweiden, sondern meist mit Panzer und Fühlern verschlingen. Just a thought!], „Frankensteins der Finanzwelt“, „Monster“, die sich „von Menschenblut“ „nähren“ (alle Elsässer), „Schutzmantel“ (Pirx) to name but a few… Da haben wir ja gerade nochmal die Kurve gekriegt, bevor es ans „‚Überdrehen‘ von ‚Verschwörungstheorien‘“ ging.

Es ist zudem an der Zeit, dass irgendein Kommentator in Elsässers Blog darauf besteht, der Homophobie-Vorwurf solle „äußerst sparsam“ gehandhabt werden, sonst könnte folgende Aussage womöglich falsch verstanden werden:

Kirche ist Unsinn, denn sie deckte zwar spät ihre Vergehen auf, aber immerhin. Sexueller Missbrauch scheint seinen Fokus nicht bei den Kirchen zu haben, sondern bei den Homosexuellen (in der Kirche und in anderen Einrichtungen). Aber darüber darf man politisch korrekt1 nicht sprechen …“ (Elsässer – Mixa weggemobbt, Hervorhebung J6ON)

Und schon wieder die Kurve gekriegt und ein für alle Mal bewiesen, dass man nicht homophob ist. Dass dem volksinitiierten Deutschen die Einschätzung auch seiner selbst meist hoffnungslos daneben gerät, belegt Elsässer – immer noch das „Organische“ hochhaltend – in seinem Lamento über das ‚Mixa-Mobbing‘: „Ein paar Watschn waren vor 20 [1990], 30 Jahren in der Erziehung normal. Ich hab auch vom Lehrer welche bekommen, und es hat mir nicht geschadet.“ (Ebd., Hervorhebung J6ON)
Quod est dubitandum! Aber sowas von…

  1. Nur ‚politisch inkorrekt‘ – also sich gleich als Opfer ausstellend? [zurück]

Update 26.04.10: Elsässer enthüllt todesmutig: Geheimes Ziel des „Kriegseinsatz[es] am Hindukusch“ (ebd.) ist das Ermöglichen von „Schwulenparaden“ in Afghanistan. Mixa muss weg, weil er das irgendwie (don‘t ask me!) hätte verhindern können.

Florian Henckel von Donnersmarck – der Filmemacher als „Einer, der auszog das Fürchten zu lernen“

A picture, really, of the new democratic Germany. This is made abundantly clear as they stand […] in front of their villa, with the bright red flowers demarcating the curve of the gravel path, the bright red also providing (on the magazine cover, anyhow) a necessary (?) counterpoint to the white Mercedes, the white suit, and Gisela’s black leather trousers. The viewer cannot remain unaware of the tasteful arrangement of all these posessions and of the combination of colors: the yellow villa, the red flowers, the black trousers, and the black dog.“
Walter Abish – How German Is It/ Wie deutsch ist es (Der Original-Titel beinhaltet sinnvollerweise die Übersetzung ins Deutsche!)

Im Rahmen von Thomas Demands großer Deutschland-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (Eröffnung 18.09.2009, „der Zeitpunkt […] [ist] nicht zufällig gewählt, sondern fällt mit den Jubiläen zweier grundlegender historischer Ereignisse in der deutschen Geschichte zusammen: der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor 60 Jahren und dem Mauerfall vor 20 Jahren.“ Neue Nationalgalerie) initiierten die Veranstalter eine Vortragsreihe mit dem anspielungsreichen und in der Ausführung ignoranten Titel „How German is it?“ Ausgewiesene Fachleute zum Thema, u.a. Hans Jürgen Syberberg, Gerhart Baum, Daniel Kehlmann, Astrid Proll, Gisela Friedrichsen, Günter Wallraff, Bernhard Vogel, Erhard Eppler, Florian Henckel von Donnersmarck, Herta Müller, Joachim Gauck und Mathias Döpfner, sollten „ein kaleidoskopisches Nachdenken über Deutschland“ anregen (ebd.). Rosa Perutz ist es zu verdanken, dass man sich seit einiger Zeit Florian Henckel von Donnersmarcks Beitrag „Über das Deutsche im Filmemachen“ in relevanten Auszügen anhören kann: „Der Dünkelsmarcksche Press-Schwamm“.

Can anyone doubt or deny the significance of these writers? Can anyone fail to recognize in them the attribute of a true Germany? Absolutely no irony intended. And, for that matter, a thorough reading of the classics should enable one to determine the degree to which anything: a house, a barren hill, a barn, a dog, a stein of beer – appears to be German and, accordingly, is slipping into something called die Zukunft, the future. As before, no irony intended.“
Walter Abish, ebd.

Nachdem ihm der seiner Meinung nach wertvollste Academy Award („Das Wunderschöne an diesem Oscar ist ja, dass man ihn als Vertreter seines Landes gewinnt. Also ich würde zwar den Oscar bekommen, aber ich bekomme ihn für Deutschland.“ See video below), nämlich der für den besten Foreign Language Film bereits verliehen wurde, fragt man sich, warum er überhaupt das Angebot angenommen hat, einen Film in den USA zu drehen. Tatsächlich zierte er sich ein wenig, und das mag in seinen Ansichten von dem von ihm ausdrücklich zumindest irgendwie bewunderten und geliebten Land begründet sein. Eigentlich findet er die Amerikaner nämlich oberflächlich und eh blöde. Und „hier in Deutschland“ (Henckel von Donnersmarck – alle folgenden Zitate, Transkript nach Audio via Rosa Perutz) ist alles viel… „feinsinniger“, „gebildeter“ und „schließlich haben wir etwas, was mir in Amerika täglich fehlt: Wir haben einen Sinn für Hochkultur. Wir haben ein Land, in dem Filmemacher als Autoren gesehen werden, als Urheber von Kunstwerken, die für das Land und für die Welt relevant sein sollen, nicht nur als Dienstleister von Stars.“ Angeblich wollte Angelina Jolie ihn unbedingt als Regisseur haben, die konsequente Handlungsweise wäre also hierzubleiben und einen „Tatort“ für den Bayerischen Rundfunk oder dergleichen Aufregendes zu drehen. Macht er aber nicht, obwohl „wir“ in Deutschland „auf einem viel höheren Niveau irgendwie starten können von ästhetischer Wahrnehmung und undundund intellektuellen Voraussetzungen. … Wir haben, das ist vielleicht sogar das Wichtigste, ja, wir haben die besten Schauspieler“. Aber sicher doch…

Why the von on the envelope? What was she trying to say? Could her use of the von be anything but hostile? A reminder? Of what?
Walter Abish, ebd.

Herr Henckel von Donnersmarck, elaborierter Sprache nahezu so fähig wie sein Neffe irgendeines Grades Dr. Karl-Theodor etc. Freiherr pp. zu Guttenberg, fährt fort:
Aberin Deutschland lesen wir zwar die Bild-Zeitung, aber irgendwie haben wir auch ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie lesen, ja?1 Wir wissen, dass wir bessere Informationen und Meinungen in der FAZ, in der Süddeutschen, im Cicero, im Spiegel bekommen, ja? [Ja?] Wir interessieren uns zwar für Sternchen, ja? Und schauen uns ihre Fotos in der Bunten an. Aber wir nehmen sie letztendlich nicht wirklich wahr [deutsch-selektive Wahrnehmung, kennt man…], niemand, ja? Das ist in Amerika ganz [total, absolut und völlig?] anders.“ (Hervorhebungen J6ON, aus offensichtlichen Gründen) Wie auch immer…

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.“
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Und in Deutschland wird vielleicht auch, ich weiß nicht, der Wixxer in der FAZ besprochen, aber die nachhaltige Prägung durch sozusagen die kulturellen Größen der jeweiligen Zeit, von Goethe bis Thomas Mann [“Kein Künstler tut sein Werk, um den Ruhm seines Landes und Volkes zu mehren. Die Quelle der Produktivität ist das individuelle Gewissen. Ihr Deutsche dürftet mir heute mein Werk nicht danken, auch wenn ihr wolltet, sei es darum. Es wurde nicht um euretwillen sondern aus eigenster Not getan.“], über… ich will keinen Gegenwartsmenschen nennen [Walser? Grass? Lenz? Stuckrad-Barre? Make my day!], aber es gibt sie immer, die kulturellen Größen, ja, hilft uns dabei, das alles, ich finde, richtig einzuordnen. Wir wissen, dass, ich weiß nicht, der Suhrkamp-Verlag [bei dem das „Filmbuch“ zu „Das Leben der Anderen“ erschienen ist] für Deutschland wichtiger ist als das sicherlich über doppelt so große Verlagshaus Lübbe. Das ist ein unglaublicher Wert, an dem wir, finde ich, festhalten sollten, auch wenns manchmal vielleicht ein bisschen snobistisch klingt [nope, nur albern!]. Es hilft uns irgendwie doch, unserm, unserm [und unserm?] Wesen treu zu bleiben.“

Und Nachts als der junge König schlief, mußte seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit den Grundlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: „ach was gruselt mir, was gruselt mir! liebe Frau, ja nun weiß ich was gruseln ist.“ (Märchen von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen)

Update 26.01.11
Ricky Gervais fulfilling my wish :

  1. Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“ (Theodor W. Adorno) [zurück]

„Erleuchtung in Buchenwald“. Ein Kurzfilm von Slavoj Žižek

Über allem Erlebnis der Gewalt, der Lüge, des Irrsinns steht da, einzig gestaltbar, das Erlebnis des Inkommensurablen, der Unmöglichkeit, diese Phänomene zu gestalten…
Karl Kraus – Schriften, 18, zitiert nach Gerhard Scheit – Suicide Attack

„[D]er kleinere begann zurückzubleiben, die SS-Männer brüllten hinter ihnen, auch die Hunde begannen zu brüllen, der Blutgeruch brachte sie außer sich, aber da hielt der größere der Jungen im Laufen inne und nahm die Hand des kleineren, der schon stolperte, und sie legten zusammen noch ein paar Meter zurück, die linke Hand des Jüngeren in der rechten des Älteren, bis die Knüppel auch sie niederstreckten und sie nebeneinander mit dem Gesicht zu Boden fielen, ihre Hände auf immer vereint.
Jorge Semprún – Die große Reise

Es lässt sich leicht [!] vorstellen, wie diese Szene verfilmt werden sollte [!]: Während die Tonspur das reale Geschehen vermittelt (die beiden Kinder werden zu Tode geprügelt), bleibt die Kamera auf ihren ineinander verschränkten Händen stehen, die für alle Ewigkeit eingefroren werden. Während der Ton die gewöhnliche [? im deutschen Konzentrationslager] Realität wiedergäbe, gäbe das Bild das Heilige wieder. Weder Menschen noch Dinge, sondern allein solche flüchtigen Momente, in denen die Ewigkeit erscheint, verdienen es, das Heilige genannt zu werden.
Slavoj Žižek – Hand in Hand. Gott in Buchenwald: Für einen flüchtigen Moment anwesend (erster Beitrag – ‚passend‘ eröffnet zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds durch Häftlinge und die 3rd US-Army – in einer neuen Reihe der Zeit: „Das ist mir heilig“)

Žižek macht sich in der Zeit mit unnachgiebigem Gestaltungswillen über die erzählte Erfahrung Jorge Semprúns her und formt aus dessen Schilderung eines grauenvollen Massakers und der leeren Hoffnung in Buchenwald ein kitschiges Heiligenbildchen mit noch kitschigerer Bild-/Ton-Diskontinuität: Eine ihm offenbar revolutionär erscheinende banale Umkehrung der längst anachronistischen Kino-Methode, im Tod der Protagonisten die ‚realen‘ Umgebungsgeräusche durch extradiegetische melancholische Trauer- oder triumphierende Erlösungsmusik zu ersetzen/ überlagern. Bei Žižek bleibt das Bild eingefroren, während das Morden auf der Tonspur fortgeführt wird.

Es ist die reine substanzlose Oberfläche solcher für die Ewigkeit fixierter Bilder, nicht eine tiefere Bedeutung oder Botschaft, die in der trostlosen Geschichte der Schoah Momente der Erlösung möglich macht: In solchen Momenten, kann man sagen, war Gott, die göttliche Dimension, trotz allem in Buchenwald anwesend.
Ebd.

Längst hat sich die öffentlichkeitswirksame Wissenschaft den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie angepaßt. Wissenschaft, die auf öffentliche Reputation abzielt, kann es sich gar nicht leisten, die Themenstellungen der Medien zu ignorieren.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung

Und will nicht einmal. Žižek will sogar übererfüllen: Ihm reicht es nicht, Unantastbares (Vorgabe: „Das ist mir [!] heilig“) auszustellen; er beweist sich öffentlich als einer fürs Kollektiv relevanten Epiphanie würdig und darüber hinaus nonchalant („leicht vorstellen“) begabt, sie visuell zu vermitteln und durch die filmische Umsetzung „die reine substanzlose Oberfläche“, die eigentlich bedeutungs- und botschaftslos ist, mit Bedeutung und Botschaft aufzufüllen. „Erleuchtung in Buchenwald“ ein Kurzfilm von Slavoj Žižek. Der freeze frame (à la „Thelma & Louise“, die sich ebenfalls im nicht gezeigten Sterben weiterhin an den Händen halten werden) Žižeks suggeriert trotz der (à la „Funny Games“, Ohren kann man nicht schließen wie Augen – man ist dem Geschehen vorgeblich noch unmittelbarer ausgeliefert) fortlaufenden Tonspur Überleben und wiederholt damit, was Claussen bereits an „Schindler’s List“ kritisierte: „Die universelle message, die fast wie ein Evangelium erfahren werden kann, lautet: Als Mitglied eines glücklichen Kollektivs kann jeder, vom wem auch immer er abstammt, erlöst werden.“ (Claussen, ebd.) Und erfüllt überdies auf mindestens einer Ebene die Forderung deutscher Theaterbesucher, dass man dieses Mädchen (Anne Frank) doch wenigstens hätte überleben lassen sollen. Erlösung findet statt, und zwar als verbrauchter filmischer Effekt, indem die Hände zweier Personen sich zum Gebet finden. Als würde die Brutalität durch die Beschränkung auf die Tonebene inkommensurabel, als sei das Bilderverbot dadurch eingehalten, dass aus der (eigentlich!) unerträglichen – unermüdlich, täglich, stündlich ‚wiederholten‘ (vgl. Daniel Jonah Goldhagen – Hitlers willige Vollstrecker) – grausamsten Vernichtung menschlichen Lebens eine singuläre Ikone produziert wird. Die Anwesenheit Gottes in Buchenwald präsentiert Žižek als bescheidenes Andachtsbildchen1.

Vergessen wird, daß die traditionelle westliche Vorstellung der Adäquation, der Annäherung von Darstellung und Sache, durch die Welt der vollendeten Sinnlosigkeit in Auschwitz selbst erschüttert wurde.
Detlev Claussen – Die Fortsetzung der Lichterketten mit anderen Mitteln?, in ISF – Schindlerdeutsche

Das „Moment des Abscheus vor dem physischen Schmerz, des wie Brecht es einmal ausgedrückt hat, des quälbaren Körpers, der irgendeinem angetan wird“ (Theodor W. Adorno – Metaphysik, zitiert nach Scheit, ebd.) wird nicht nur als Erleuchtung und Gottesbeweis zelebriert: Die Augen wurden tatsächlich geschlossen. Dass es getan wurde, wird mit Žižeks Bild noch einmal gerechtfertigt2 – indem dem fiktiven Zuschauer (dem Zeit-Leser) die Platitude vermittelt wird, seine eigenen Vorstellungen seien grausamer als jede (filmisch darstellbare) Wirklichkeit. Dieser willkommene Gemeinplatz aber muss vor den deutschen Vernichtungslagern notwendigerweise versagen. Und kann nur dazu dienen, der Deutschen Einbildung, sie seien besonders einfühlsam und vorstellungskräftig, was ‚ihre Shoah‘ betrifft zu befördern. Daraus wiederum haben sie eine ‚besondere Verantwortung‘ zur Projektion ihrer Verbrechen abgeleitet. Auch das Bild der ineinander verschränkten Hände haben sie längst für sich reklamiert und es gerinnt ihnen zur Illustration ihrer Einheit im betroffenen Protest gegen was auch immer.
Was die ISF für „Schindler’s List“ konstatierte, gilt für Žižeks kleine Szene umso mehr: Sie ist eine „blasphemische Anstalt, [die] die Nachkommen der Täter zu einer gedanken- und konsequenzlosen Sentimentalität provoziert“ (ISF, ebd.).
Die Zeit illustriert Žižeks Traktätchen entsprechend mit einem entlarvenden Bild: „Barack Obama, der Holocaust Überlebende Elie Weisel [!] und Angela Merkel legen eine Rose in der Gedenkstätte Buchenwald ab“.

Gott in Buchenwald – bei André Schwarz-Bart ist er ein Wort in einem zerstörten Gebet:
Und gelobt. Auschwitz. Sei. Majdanek. Der Ewige. Treblinka. Und gelobt. Buchenwald. Sei. Mauthausen. Der Ewige. Belzec. Und gelobt. Sobibor. Sei. Chelmno. Der Ewige. Ponary. Und gelobt. Theresienstadt. Sei. Warschau. Und gelobt. Skarzysko. Sei. Bergen-Belsen. Der Ewige. Janow. Und gelobt. Dora. Sei. Neuengamme. Der Ewige. Pustkow. Und gelobt…
Der Letzte der Gerechten

  1. Zur Herkunft von Žižeks Denken vgl. Gerhard Scheit zu Jaques Lacan in Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt, S. 381ff: „Jaques Lacan, der nach 1945 zu Jung und Heidegger pilgerte…“ [zurück]
  2. Hier hilft auch kein Verweis auf Godard etc. pp. mehr. [zurück]

Reread 3: „Hope I die before I get old in one of Doris Dörrie’s films…“

Why don’t you all f-fade away?
Pete Townshend

I don‘t know what to do, My head’s in a haze, Just like a heatwave
Brian Holland, Lamont Dozier, Edward Holland, Jr.

Die ZDF-Mini-Serie „Klimawechsel“ soll tatsächlich als „eine Art ‚Sex And the City‘ im Klimakteriumverkauft werden. Jenseits davon, dass „Sex and the City“ nicht gerade sanft mit seinen Protagonistinnen umging… Egal! In „Klimawechsel“ entdecken Doris Dörrie und ihre Darstellerinnen, wie unglaublich witzig es ist, wenn Frauen (as seen by Dörrie et al.) Frauen (dito) mithilfe von Stereotypen und Zoten runtermachen. Darauf hat die „Emanzipation“ (Maren Kroymann) gewartet: Auf diesen neuen, erfrischenden Gedanken, dass Frauen (s.o.), insbesondere solche ‚im fortgeschrittenen Alter’ echt tolle Witzfiguren abgeben. Die Forderung nach Gleichberechtigung (Partizipation am mindestens bürgerlichen Glücksversprechen!) ist an dem Punkt angekommen, an dem Frauen Männer darum beneiden, dass die sich angeblich über ihre Geschlechtsgenossen lustig machen dürfen.
Deswegen find ich so wahnsinnig wichtig, dass wir diesen Humor auch entwickeln. Das ist Teil unserer Emanzipation, dass wir diese Position haben, wie ein Harald Schmidt, wie ein Dieter Hildebrandt, dass wir die Verantwortlichen sind mit unserem Intellekt, mit unserem Humor für das, was Leute machen. Das ist ein Stück Macht.Maren Kroymann
Harald Schmidt1 und Dieter Hildebrand als role models – thank you! Und das Ganze wird darüber hinaus noch als gewagt und mutig dargestellt – mindestens Schmidt, der sich als Tabubrecher (wie alle Deutschen, die mal wieder sagen, was sie so sagen wollen) wähnt, während er doch nur alltägliche Vorurteile (Polenwitze und dergleichen, ja toll – darüber haben die Deutschen sich noch nie getraut zu lachen! Die Koalition gegen die angebliche Vorherrschaft von Political – hierzulande vor allem Historical – Correctness ist in erster Linie entstanden, um einen Opferstatus zu reklamieren.) um jedes billigen Lachers willen repetiert, mag sich darüber freuen, derart ‚aufgewertet’ zu werden. Beide, Schmidt wie Hildebrandt, leiden aber lieber endlich am Vertriebensein, was natürlich auch ungeheuer mutig von ihnen ist.
Wenn Dörrie noch einen Schlesier oder Pommeraner oder wie sie alle heißen unter ihren Vorfahren findet, ist sie endlich angekommen im Gleichsein. Bis dahin muss sie sich in der alten kulturindustriellen Disziplin des Erniedrigens ‚alternder’ Frauen üben, was – die Identitätspolitik will es so – natürlich im öffentlichen Bewusstsein dadurch geadelt und freudig begrüßt wird, dass sie selbst der entsprechenden ‚Gruppe’ angehört. Nochmal egal! Gefilmt wurde ihre Fernseh-Defloration mit … ungeheuer gewagt, avantgardistisch, außergewöhnlich, völlig neu… tadaaa… Achtung! Jetzt kommt’s: Handkamera.

Handarbeit

Was ist der wahrhafte Kern ihrer Figur?
Hannah Pilarczyk für Spon im Interview mit Ulrike Kriener

Bereits die vom dänischen Dogma 95-Manifest geprägten Filme sollten emotionale ‚Echtheit‘ und ‚Authentizität’ vermitteln, zeigten aber bei allen Vorbehalten (!) zumindest häufig die Fähigkeiten begabter Schauspieler, die den, hier nur noch, Gang der Kamera (ähnliches gilt für Filme von John Cassavetes) mitbestimmen konnten. Dass sie am Ende nicht mehr erreichten, liegt auch am grundlegenden Missverständnis der davon beeinflussten Regisseure, dass Dogma eine Gegenbewegung zum Hollywood-Kino gewesen sei. Und schon wieder egal…! Was letztlich bei der Handkamera-Filmerei herausgekommen ist, hat Jan Pehrke schon 2002 beschrieben:
Verwackelte Bilder sowie Unschärfen und Überbelichtungen bei Schwenks sind ihnen untrügliche Zeichen dafür, Authentizität zu vermitteln. So lassen sie zwar einige Zwänge hinter sich, wiederholen aber performativ immer nur den regelverletzenden Akt der Befreiung, statt eine »Erzählung der Freiheit« zu präsentieren – woraus sollte sich heutzutage auch schon ein »wahrhaftiger« Diskurs der Freiheit speisen?“ Und „Deshalb zerfällt ihnen auch die Welt. Sie ist in chaotisch umhertreibende Atome aufgelöst und bevölkert von Kindsköpfen, Psychotikern und/oder multiplen Persönlichkeiten. Psychologen würden bei den ständig zwischen Zurückgenommenheit und Megalomanie schwankenden Regisseuren vermutlich eine narzißtische Charakterstörung diagnostizieren, die sie darin hindert, solide Objektbeziehungen aufzubauen und die Welt filmisch in Augenschein zu nehmen.“ Jan Pehrke – Im Arsch der Dinge, Konkret 02/02
Hollywood ist mal wieder weiter, dort ist die Handkamera seitdem und trotzdem seit langem nur noch ein special effect, ergo Freiheit und nicht wie von den Dänen gefordert Selbstbeschränkung, unter anderen (© by AdG), was sie zuvor schon einmal war, nur weniger mit Assoziationen aufgeladen.

Female Perversions

Die Darstellung der hysterischen, verzweifelten, tragischen, frustrierten, lächerlichen, (u.a. sich selbst) hassenden und hassenswerten, grotesken und gefährlichen Frauen jenseits der Wasauchimmer bot im sie vorwiegend denunzierenden Kino meist Raum für herausragende schauspielerische Leistungen: Elizabeth Taylor in „Who’s Afraid of Virginia Woolf“, Bette Davis z.B. in „All About Eve“ und „Whatever Happened to Baby Jane“, Katherine Hepburn z.B. in „African Queen“ und „Suddenly, Last Summer“, Anna Magnani in z.B. „Bellissima“ und „The Rose Tattoo“. Überhaupt: Tennessee Williams (ein guter Dramatiker/ Drehbuchautor ist etwas wirklich Wunderbares!) – herausfordernde Rollen für Frauen in ‚einem gewissen Alter’ ohne Ende, oft grausam aber immer facettenreich: Vivien Leigh in „The Roman Spring of Mrs Stone“ und „A Streetcar Named Desire“, Deborah Kerr und Ava Gardner in „The Night of the Iguana“. Hollywood!
In „Klimawechsel“ gibt es nichts! Die Figurennamen (Beate Busch, „TV-Star“ (Spon) Ulrike Kriener, die sich im hier tatsächlich perfiden close up aufs Gesicht ein graues Schamhaar auszupft – sehr originell!) sind ähnlich subtil wie die Martin Walsers und die Darstellerinnen agieren ebenso unbeholfen und schauspielerisch unbedarft, wie sie es auch bei vorgegebenen Kameraeinstellungen tun. Die Witzigkeit erschöpft sich darin, ein populärwissenschaftliches Standardwerk zum Thema Klimakterium aufgeregt zu illustrieren: Hitzewallungen, Gewichtszunahme, Libidoverlust respektive – verlagerung, zickig, grantig, hässlich, verblödet, verblendet, Hitzewallungen, Hitzewallungen, Hitzewallungen etc. etc. etc. Mehrdeutigkeiten, Facetten und dergleichen? Nope! Es lohnt sich nicht, zu den Charakter-Untiefen des Personals vorzudringen, die sind allzu vorhersehbar.
„Klimawechsel“ ist im Endeffekt „Feuchtgebiete“ in den Wechseljahren und das dann auch noch, ohne Lust an irgendetwas zumindest proklamieren zu wollen, vielleicht Mitleid (und eine Vorahnung von Andreas Dresens „Wolke 9″)… was es endgültig unerträglich macht.

Und so wurde von Magnus Klaue bereits alles zum Thema und darüber hinaus geschrieben.

Zitatsammlung Magnus Klaue – Alles häßlich, alles porno, Konkret 11/09:

Die deutsche Antwort, die nicht allein von Deutschen vertreten wird, hierzulande aber besonders populär ist, plädiert im Gegenteil dafür, möglichst viele Menschen mit dem Dreck zu bewerfen, in dem man selber steckt, weil erst die kollektive Besudelung jenes aggressive Wärmegefühl erzeugt, in dem der Volkskörper sich als Kollektivsubjekt erfährt.“
„[V]ulgärfeministische[…] Bekenntnisliteratur der siebziger Jahre.“
„[E]ine[…] zum Tabubruch umkodierte[…] Bejahung weiblicher ‚Natürlichkeit’ und ‚Authentizität’“
Orchestriert wird die Aufwertung brachial-ungekünstelter Roheit durch einen Hype um TV-Sendungen, die Asozialität und Abgewracktheit als normbildend im Sinne einer Gesellschaft behaupten, welche sich zunehmend weigert, die vom Individuum zu leistende Versagung durch Gegenbilder sinnlicher Erfüllung zu kompensieren. Deren schöner Schein nämlich könnte die Realität womöglich nicht nur ideologisch überstrahlen, sondern auch ihre Ödnis hervortreten lassen und wird daher inzwischen nicht einmal mehr als Illusion geduldet.
Die Sexszenen in solchen Filmen [Dardenne et al.], die jede Spur von somatischer Glückserfahrung tilgen, inszenieren ‚authentische’ Sexualität, in Abgrenzung gegen deren vermeintliche Beschönigung im Mainstream-Film, emphatisch als brutal, blindwütig und sprachlos.“
Die kritisch gemeinte ‚Politisierung’ des Privaten, die durch rohe Evokation körperlichen Elends die kollektive Nestwärme steigern soll, indem sie an die habitualisierte Brutalität als letztes verbindendes Moment der herabgesunkenen Menschengemeinschaft appelliert, nimmt der Intimsphäre als Ort rudimentärer Autonomie jede Würde und führt die degradierten Figuren nur noch einmal als das vor, was sie vorgeblich ohne sind.“
Indem sie hervorkehren, was im US-amerikanischen Konfektionsfilm angeblich verdrängt wird – die häßliche Authentizität nackten gesellschaftlichen Lebens –, kassieren solche Filme die Differenz zwischen trister Realität und schönem Schein, die gerade in Hollywood-Melodramen mitunter für eine Rührung sorgt, welche den Zuschauer nicht einfach nur dumm macht, sondern an die Dumpfheit seines eigenen Daseins erinnert. Was hier auf noch ungleich höherem Niveau anklingt – die Annullierung der Autonomie schönen Scheins im Namen eines anthropologisch begründeten ‚Realismus’ –, wird im TV-Prolentenformat täglich vollzogen, wo ein Begriff von Authentizität vorherrscht, dem die zivilisatorischen Sicherungen nichts als Ballast sind, dessen sich der häßliche Normalo volkstümlich-aggressiv vor laufender Kamera zu entledigen hat. Adornos Sentenz, die Menschen hätten heutzutage durchweg nicht zu viele, sondern zu wenige Hemmungen, wird im medialen Wettbewerb um freiwillige Regression gewissermaßen zum Gestaltungsprinzip.
Inthronisiert [beispielsweise durch Nachmittags-Talkshows] wird der erfahrungs- und reflexionslose Reflex als letztes Residuum authentischen Gefühls. Wer derlei verabscheut, gilt als Relikt einer anachronistischen Geschmackskultur.“
Eine solche Avantgarde bringt jeden, der zum eigenen Unrat größere Instanz wahrt als Charlotte Roche, down to earth, wo es bekanntlich umkomplizierter zugeht als unter anspruchsvollen Individuen mit Hoffnung auf ein besseres Leben.

I‘d rather die in a Hollywood tragedy than get old in a Doris Dörrie comedy:

  1. Later: Clemens Heni über Harald Schmidts Konsens-Witze, „[e]s ist eine völlig absurde, perfide und dümmliche Anspielung auf die Vernichtung der Juden durch die Vorfahren von Harald Schmidt und den Deutschen…“ [zurück]

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung IV: Postmoderne Architektur

Es wird vorderhand der Mittelteil des Gesamthauses gebaut, immerhin ein in sich geschlossenes Häuschen mit drei großen Zimmern und sehr reichlichem ‚Zubehör‘. Eine drollige Schwierigkeit ergab sich: Die Bauvorschriften des Dritten Reiches verlangen ‚deutsche‘ Häuser, und flache Dächer sind ‚undeutsch‘.
Victor Klemperer – Tagebücher 1933 – 1941, Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten

Die Bewahrung des Werkes vereinzelt die Menschen nicht auf ihre Erlebnisse, sondern rückt sie ein in die Zugehörigkeit zu der im Werk geschehenden Wahrheit und gründet so das Für- und Miteinandersein als das geschichtliche Ausstehen des Da-Seins aus dem Bezug zur Unverborgenheit […] Die Weise der rechten Bewahrung des Werkes wird erst und allein durch das Werk selbst mit[?]geschaffen und vorgezeichnet.
Martin Heidegger – Der Ursprung des Kunstwerkes

Des „Dorfphilosophen“ (s.u.) Hütte bei Todtnau hat ein deutsches Dach – ein Walmdach gar. Sie ahmt ihre Umgebung nach, nimmt sich ein Beispiel an der heimatlichen Natur und schmiegt sich widerspruchslos, geradezu organisch in sie ein – in die sanften Hügel mit den ausladenden Bäumen. Wie des deutschen Meisters Werk ist sie frei von allem ‚Fremdartigen’ und gravierend Widersprechendem. Sie ist wie aus dem Boden gewachsen, scheint in ihm verwurzelt, ein perfektes Stück Heimatschutzstil-Architektur. Zugleich ist sie als eine Art Fraktal beispielgebend für das stilistische (!) Vorgehen ihres einstigen Bewohners, der vom Konzept noch nichts wissen konnte (ihm hätte auch der lateinische Begriff widerstrebt, da ihm nur das Altgriechische als Prolog zum Deutschen galt) und dessen Sätze trotzdem unermüdlich um Fragmente des einen gerade zu behandwerkenden Wortes wachsen. Hütte, Philosoph und Sprache stellen im Einzelnen, im Detail immer nur das Eine, das Gemeinschaftliche dar, das ‚natürlich‘ Verbundene, das mittels einer Initiation ausschließen will, die nur durch Verwurzelung, Blut und Boden und nicht einmal einen rituellen Akt erfahren werden kann – der gilt ihr als künstlich. Es gibt kein Vorwärts, das nicht im Zurück begründet wäre. So ewig wie der deutsche Wald, die deutschen Hügel und des deutschen Philosophen Ansehen wird seine Hütte bewahrt werden. Und mit dem unaufhaltbar scheinenden Anwachsen postmoderner Architektur (die hierzulande am Ende kein banaler ästhetischer Stil gewesen sein darf) gilt das ebenso für das Erscheinungsbild immer noch, trotz allem und jetzt erst recht deutsch sein wollender Städte.
Aus der postmodernen Architektur in Deutschland raunt es heraus wie aus den Werken Heideggers. Dessen grotesker weltweiter Erfolg, der nicht zuletzt auf der als schmerzlos in Aussicht gestellten Initiation beruht, scheint das volksbewusste Zurück, das ihm das Selbst nur bedeuten konnte, zu rechtfertigen. Sie kehren heim ins Reich: die Giebel, Satteldächer, Erker, Türme, grauroten Klinker-, Ziegel- und Backsteine, Bögen, Kuppeln, Säulen, Ornamente und so weiter und so fort. Und werden willkommen geheißen vom Volk, das ganz genau zu wissen scheint, dass die angeblich als beliebig und offen verschriene Postmoderne eben nicht ästhetische Freiheiten erzeugt, sondern ihren „Lebensraum“ zu einer einzigen Idee, einem Einfall, einem alles in trauter Einheit zusammenführenden Gedanken erklärt. Gleich ob dieser sich in veritablen Trutzburgen, verspielten Schlössern, kopflastigen Villen, Energiesparhütten oder was auch immer äußert, solange es nur anspielt oder -ruft. Alles gerät der postmodernen Architektur zum Ornament, selbst das Schlichte, das alles sein will nur nicht form follows function; und jedes Ornament erlaubt, Anspielungen für die qua Herkunft Initiierten unterzubringen.1

Die Todtnauberger sind mächtig Stolz auf ihren Dorfphilosophen. Als bescheidene, einfache Leute beschreiben sie die Informationstafeln, die von einer Todtnauer Tourismusinitiative beschriftet und aufgestellt wurden. Doch schreiben die Dorfbewohner sich selbst, oder besserer [sic] ihrem „einfachen Denken“, einen großen Einfluss auf das Werk Heideggers zu.fudder – neuigkeiten aus freiburg, online

Die Erneuerung des Denkens durch veraltete Sprache richtet sich an dieser. Das ausdrückliche Ideal ist Archaik.“
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

Postmoderne Architektur bedient sich in Deutschland jargonähnlicher Mittel. Ihre Architekten haben den Vorstellungen der Kunden nichts hinzuzufügen als das Fragment, das sich als ornamentaler Grundgedanke in sich selbst erschöpft und doch das Werden der Initiation beschreiben soll. Wo alles möglich sein muss, greift man auf das am nächsten liegende zurück. Dabei gerät das künstlerische Eureka! nicht zum Moment der Erkenntnis und kaum zum Zitat, sondern zum copy and paste. Die so entstandenen Gebäude vermitteln nicht einmal etwas Collagenhaftes; an ihrer Oberfläche vereinen sie nur Ornament und (mitunter mutig erscheinen sollendes) Material. Als Prinzip repräsentieren sie bloß den schlechten Durchschnittsgeschmack.
So sicher es ist, dass, wenn derzeit ein Haus abgerissen und ein neues an seiner Stelle errichtet wird, das neue in der Regel noch schrecklicher ist, so besteht dennoch kein Grund, der deutschen Architektur z.B. der 1950/60er übermäßig nachzutrauern, wie es in der Zeit zumindest versucht wird. Gefragt wurde dort „Warum ist uns die Architektur jener Zeit so fremd?“ Das ‚Fremde‘ dieser Architektur ist tatsächlich noch das Beste an ihr. Die Elemente, die z.B. dem Bauhaus entstammten; kaum etwas Gebautes war den Völkischen je fremder. Oder das, was sich von ‚draußen’ hereinwagte – ins partiell (!) wirklich schöne Hansaviertel Berlins beispielsweise (Oskar Niemeyers politische Denkmäler sind unangenehm, seine Zeit und Raum widersprechenden Gebäude sind es selten. Das Hochhaus im Hansaviertel allerdings ist ein schlechterer Kompromiss).


Rückkehr der utopisierenden Moderne als Widerspruch zu Raum und Zeit – 1991: Oscar Niemeyers seltsam anachronistisches und doch Zukunft ohne Verwurzelung versprechendes Museu de Arte Contemporânea, Niterói

Den meisten Architekten deutscher Nachkriegsgebäude gelang es jedoch, ihnen ein ausgesprochen deutsches Gepräge zu geben: Bunker-Ästhetik. Schlicht und einfach drückte sich hier größtenteils mal wieder ein Gefühl von Bedrohtsein aus und der in der Zeit ein wenig gelobte Wille zum Gemeinsamsein im öffentlichen Raum hatte den Charme von Sonnenwendfeiern-Plätzen oder Tings. Und wurde sowieso ignoriert, weil man im Nachbarn die eigenen Verbrechen vermutete und ihn so hasste wie man sich selbst gerecht zu sein hatte. Die Bunker-Architektur wurde zum Symbol des deutschen Opfers; sie drückte die ‚Traumatisierung’ durch den Bombenkrieg so perfekt aus wie die nicht genutzten Plätze. Und ostentativ wurden die Parties in den zum Zweck ausgebauten Keller verlegt.
Wie auch immer und auferstanden aus Ruinen: Der Reichstag, die Dresdner Frauenkirche und das zukünftige Berliner Stadtschloss z.B. prunken mit Kuppeln, das der Welthauptstadt Germania würdige Kanzleramt, das Braunschweiger Schloss und der neue niedersächsische Landtag z.B. mit Säulen. Man mag darauf verweisen, dass das alles sich auf Vorbilder bezieht, die weit zurück in der Geschichte Europas liegen – aber das taten Arno Breker und Albert Speer auch. Einerseits handelt es sich dabei vorwiegend um mehr oder meist weniger detailgetreue Nachbauten im Zweiten Weltkrieg teilweise oder vollständig zerstörter Bauten – der Neuaufbau verrät, dass dem Beginn das Wieder das relevanteste ist. Was kurz als Versöhnung ausgerufen wurde, wird so schnell zur Anklage. Andererseits um das vielsagende Anspielen – wobei häufig spielerisch, manchmal ironisch wirken sollend ein ‚erleichterndes’ (durchaus doppeldeutig!) Moment, sei es durch Materialwahl oder Formvariationen, erzeugt werden soll – auf Relikte vergangener Größe. Exemplarisch zu beobachten war dieser neue, ‚erfrischende’ Umgang mit deutscher (Architektur-)Historie bereits 1995, wie als Vorwegnahme der zukünftigen SPD/Grünen-Geschichtspolitik, während der so genannten Reichstagsverhüllung. Wochenlang feierten die Deutschen ihre „Unbefangenheit“ und angebliche Fähigkeit zur Selbstironie vorm mit einer Art festgezurrten Ado-Gardine verborgenen Regierungssitz, während die unermüdlich davor flatternde schwarzrotgoldene Fahne den eigentlichen Anlass zur Freude verriet.

Edelsubstantive sind durchaus nicht alle seine Worte; zuweilen greift er auch banale auf, und bronziert sie, nach faschistischem Gebrauch, der das Plebiszitäre und Elitäre weise mixt.“
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

Yet I am wary, on this terrain where madness ruled and commanded loyalty to the end. The extensive reconstructions in reunified Berlin have an uncanny suggestion of re-stating again, in boastfully huge Kaiseresque terms, an aesthetic that didn’t bode well the first time.
John Updike about Germany and Walter Abish, The New Yorker 2/6/2004

John Updike irrte in einem Punkt: Die Loyalität musste nicht angeordnet werden. Der Wahnsinn ging wie alle Staatsgewalt vom Volke aus und es kürte den zum Führer, der es am ‚authentischsten’ repräsentierte. Gott konnte nur einer aus dem Volke werden, einer, der wie sie war und ihnen suggerieren durfte, somit gottgleich zu sein. Dass der Wahnsinn nicht überkommen ist, auch wenn man es den erniedrigend im Fernsehen vorgeführten Hartz IV-Empfängern nicht ansehen will, den DSDS-Bewerbern, der eiskalten Hausfrau Angela Merkel, den ‚Balkanvölkerrettern’, den ‚Afghanenvolksstammverstehern’, „the most beloved country worldwide“ (Die Welt online, dazu später mehr) oder wie immer man auch das nunmehr apathisch anmutende Herrenvolk illustrieren mag, lässt sich am Alltag in deutschen Städten ablesen und daran, dass die Deutschen immer noch Deutsche sein wollen (auch dazu später mehr).
Tatsächlich stellen die ausufernden Wiederaufbauaktivitäten den ‚Idealfall‘ deutscher postmoderner Architektur dar. Mit wenigen Ausnahmen werden nur die Fassaden wiederhergestellt. Selbst die Ahnung von einst verschwenderischem Luxus wird aufgehoben, sobald man das Portal durchschritten hat und sich mit banalen (Weiter)Bildungs- und Schulungsangeboten für wen auch immer oder dem (relativ!) Billigabklatsch von vor zwei Jahren eventuell mal exklusiver Entwürfe konfrontiert sieht. Es bleibt nur die Hülle, die nicht mal mehr neugierig macht, weil es innen völlig hohl ist – keine einzigartigen Kunstschätze, keine seltenen oder womöglich verbotenen Bücher, kein Versprechen2, das die Welt mehr zu bieten hat als den von ihr selbst so trist geschilderten Kanzlerinnenalltag; es gibt nichts mehr zu entdecken oder zu bestaunen. So entstehen zurzeit reihenweise deutsche Ketten verkitschter Kongresszentren- und Grand Hotelkonkurrenten, unzählige Filialen der Firma Jetztmussesabermalgenugseinmitdemschuldgefühlwe-genderdeutschengeschichteistdochschönhier. Um jeden Preis, und die Unterfangen sind äußerst kostspielig, soll bewiesen werden, dass es auch „Positives“ in der deutschen Geschichte gegeben hat.
Das Phänomen des Wiederaufbaus zerstörter Gebäude und das Zurückgreifen auf oder Zitieren von Baustilen früherer Epochen ist natürlich nicht neu und nicht auf Deutschland beschränkt. Wozu es hier jedoch notwendigerweise führen muss, wird am Ende des Textes am Beispiel illustriert.
Neben den Beweisen ehemaliger und wiederkehrender deutscher Größe, die John Updike protzend und unheimlich vorkamen – klarsichtig verwies er auf das wieder: reconstructions, reunified, re-stating again, neben dem Pakt der durchschnittlich oder überhaupt nicht begabten Architekten mit den allzu oft querköpfig sich wähnenden biederen Bauherren und Städteplanern etc. hat es ein veritables nationalsozialistisches Konzept zurück auf die Agenda der Wohnraumgestaltung geschafft: Der Heimatschutzstil. Der Wert, den Nationalsozialisten der Architektur zuwiesen, lässt sich kaum überschätzen. Jenseits der klassizistischen Monumentalbauten, jenseits von Germania und Nürnberg wurde die Gestaltung des „Lebensraums“ bis ins Detail geplant und reguliert. Was oft nur als Schonung kriegswichtigen Materials oder als natürliche Tarnung gedeutet wurde, war vor allem der in der völkischen Bewegung begründeten Verwurzelungsideologie geschuldet.

Die ‚Kampfzeit‘-Koalition der NSDAP mit „völkischem Ideologen und Vertretern des Baugewerbes basierte negatorisch auf der Ablehnung der ‚orientalischen‘ Bauhaus-Architektur. Im Positiven herrschte Einigkeit über Schultze-Naumburgs ‚Rasse-Kunst-Theorie‘ und seine Konzeption des ‚Heimatschutzstils‘. Man verstand darunter eine landschaftsbezogene Bauweise, die sich der örtlich vorhandenen Baustoffe und der Arbeitskraft der lokalen Kleinbetriebe bedienen sollte.
Reinhard Merker – Die bildenden Künste im Nationalsozialismus

Es ist in der Tat Ironie, daß die Städte erst durch ihre Vernichtung den gleichen Status in der völkischen Ideologie zugebilligt bekamen wie das verwurzelte Landvolk.
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus

Es ist auch den Grünen zu ‚verdanken’, dass das Heimatgefühl wieder ostentativ (!) ins Repräsentative einziehen durfte. Während es im Heimat(vertriebenen)film der 1950er von ‚links’ notfalls noch als billige Unterhaltung gescholten werden konnte und damit die relevanten Aussagen übersehen werden mussten (denn unterhaltsam war das im Endeffekt eben nicht, sondern nur bestätigend), gab der eine Nenner, auf den sich deutsche Politik immer einigen können muss, den Feinden wieder Namen. Nicht zufällig entstand mit dem Aufstieg der Grünen als politische Kraft der ‚anspruchsvolle’ Heimatfilm, den vom ursprünglichen Konzept der Versöhnung der Nation in der Rückkehr, der Schlichtheit und der Aufopferung nur der ‚Anspruch’ als ‚anspruchsvoll’ unterschied (vgl. Robert G. Moeller – War Stories: The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany). Den Grünen galten im städtischen Bereich vor allem die ‚kreativ’ bepinselten besetzten Häuser als erstrebenswert. Weil nur sie die Geschichte eines mühsamen Kampfes um die heimatliche Scholle illustrieren konnten und das taten deren Bewohner dann häufig auch. Und wem man den Boden mit Blut abzutrotzen hatte, wurde oft in revolutionskitschigen Wandgemälden6, Theaterstücken und Filmen eindrücklich vorgeführt. Es raunte nach wie vor, das deutsche Volk, wähnte sich wie üblich im Recht und wuchs um fragmentierte Illustrationen herum, die man den gerne akzeptierten weltweiten völkischen Befreiungsbewegungen entliehen hatte.
Das grüne Ideal jedoch sah nicht viel anders aus als Heideggers Hütte im Schwarzwald (das Gegenteil von Frank Lloyd Wrights Fallingwater). Unauffindbar für feindliche Bomber kuschelt sich das Heim ins Heimische, energieirgendwas und wenn’s sein muss im abhärtenden Winter selbst versorgbar. Die Kinder spielen derweil im Waldkindergarten oder mit der Ziege. Whatever… Nahezu parallel besannen sich kulturinteressierte Kreise (z.B. des ZDF) auf die Rettung der deutschen Innenstädte etc. pp.

Der völkische Gedanke, der zu Beginn des [20. Jahrhunderts] schon ein fester Bestandteil der Politik war, lebt am Ende [des 20. Jahrhunderts] fort, wenn auch im Augenblick nicht als ein wichtiger Faktor im Lande seiner größten Triumphe. Doch die Zukunft ist offen.“
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus

Die Gemeinsamkeit zwischen Nationalsozialisten, völkischen Gruppen und großen Teilen der Jugend war gefühlsmäßiger Art.“ Ebd.

Anton van Norden3 (1879 – 1955) war „Baumeister und Architekt“ in einer niedersächsischen Kleinstadt. 1888 baute er laut Stadtführer den städtischen Wasserturm (im zarten Alter von 9 Jahren?), 1922 die Festsäle, über Jahrzehnte der zentrale Veranstaltungsort für Theater, Konzerte etc. 1927 begann der Neubau der von ihm entworfenen Brauerei, deren Geschichte von 1933 bis 1945 (online) kurz eine offizielle Pause macht. Er gestaltete außerdem das örtliche Schlageter-Denkmal, das vom Jungdeutschen Orden gestiftet wurde. Es gibt ein von ihm gestaltetes Haus in der Stadt, in dessen Fenstern neben anderen Ornamenten sich nach wie vor ein Hakenkreuz befindet. Van Norden war selbst Mitglied des ausdrücklich antisemitischen, völkischen Jungdeutschen Ordens, der sich früh einen Arierparagraphen gab. 1937 baute er eine Sparkasse im Landkreis und war zeitlebens und darüber hinaus ein honorierter Bürger seiner Stadt, auf den gerne und dazu meist kommentarlos verwiesen wird.
Neben dem Stahlwerk ist die Privatbrauerei das hervorstechendste Gebäude der Stadt. Die ehemaligen Hermann-Göring-Stahlwerke wurden mittlerweile zum energiesparenden Elektrostahlwerk konvertiert, dessen drei einstmals Gift- und Galle respektive Schwefelpartikel speienden Türme durch einen einsam ansprechenden, weiß auf blassblau bewölkten und mit Vogelsilhouetten kreativ bepinselten Turm ersetzt wurden. Die Brauerei sieht im Großen und Ganzen immer noch so aus wie vor mehr als 80 Jahren. Wie sie sich Anton van Norden vorstellte, eine Klinker-Trutzburg im Herzen der Kleinstadt. Wehrhaft und uneinnehmbar, im Deutschen verwurzelt eben und deswegen ungeheuer romantisch. Ein völkisches Bauwerk par excellence.
Was lag näher, als sich an diesem eindrucksvollen Gebäude zu orientieren, um ein Einkaufszentrum zu entwerfen: die City-Galerie. 2009 erbaut aus grauroten Klinkersteinen4, mit angedeutetem Turm und zur ‚Auflockerung‘ verziert mit typischen postmodernen Metall- und Glaselementen. Eine zweite Trutzburg, die die erste nicht einmal ironisch zitiert, sondern nur unreflektiert aus ihr einen Gedanken exzerpiert hat, hohl und bedeutsam, um die copy and paste-Fragmente herumwachsend. Ein Satz von Heidegger, der alles nur nicht verspielt sein wollte und es doch sein musste, um bedeutend zu erscheinen – was alles entschuldigen sollte. „Wir haben von nichts gewusst!“ Und dem mit der bedeutenden Wucht des Gebäudes, der Verwurzelung im Stadtbild mehr als genüge getan wird. Hier wurde das Ornament zur Bestätigung des Gewollten – vom Sein zum Tode, von der Wurzel zur Krone, vom Volksstamm zur Vernichtung.


Eingang Stammlager Auschwitz I


Von Häftlingen errichtetes Einfahrtstor Auschwitz-Birkenau5

Die Häuser im Konzentrationslager Auschwitz I sind vorwiegend aus graurotem Ziegelstein gebaut und tragen deutsche Giebel-, Sattel- oder Walmdächer, sie sind nicht sehr hoch und äußerst massiv; sie sind Hütte und Trutzburg, eine völkische Reprise, romantische Hülle, ausgehöhlt, Fassade von etwas, dem keine Darstellung gerecht werden kann. Copy and paste.
Postmoderne Architektur kann in Deutschland nichts sein als ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung, weil sie in ihrer Reflexionslosig- und angeblichen Beliebigkeit den Müll keinesfalls trennen mag (in Anlehnung an Gerhard Scheit).

  1. Gegenbeispiel: Postmoderner Zerrspiegel der Umgebung – 2001, Gehry Tower in Hannover, Frank Gehry, USA [zurück]
  2. Gegenbeispiel: Eingelöstes Versprechen der Moderne – 1939, Guggenheim Museum New York, Frank Lloyd Wright, USA [zurück]
  3. Mit Dank an K+ThdP für Informationen über Anton van Norden. [zurück]
  4. „Perfekte Harmonie“, pdf. Search for van Norden: „Das Rennen machte schließlich der Klinker NF Cottbus von CRH Clay Solutions aus Steyerberg, bis Februar 2009 unter dem Namen A·K·A Ziegelgruppe bekannt.“ [zurück]
  5. Yad Vashem: Architecture of Murder: The Auschwitz-Birkenau Blueprints [zurück]
  6. As opposed to wirklich herausfordernder, abwegiger oder was auch immer ‚Kunst am Bau‘ respektive im öffentlichen Raum, absurde Menetekel etc. etc. etc. pp! [zurück]

Later: Auf Anfrage (thanks again to KdP) im zuständigen Archiv wurde mitgeteilt, die offizielle Biographie van Nordens weise zwischen 1933 und 1945 keine Einträge auf. Was das in Deutschland bedeutet, dürfte offensichtlich sein…