Archiv für März 2010

Grundlegendes 18: Das Erbe Richard Wagners

Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner
In February 1848, at the funeral of Wagner’s mother, [Heinrich] Laube commiserated with his friend [Richard Wagner], conflating the sadness of the hour with their general resentment and despair at the state of German art: ‚On the way to the station, we discussed the unbearable burden that seemed to us to lie like a dead weight on every noble effort made to resist the tendency of the time to sink into utter worthlessness.’ And as the Struensee preface made clear, this ‚worthlessness’ consisted in the flowering of ‚Jewish’ values.’“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann – Briefwechsel, 1943 – 1955, Theodor W. Adorno an Thomas Mann, 01.08.1950
Wissen Sie übrigens, daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth wieder aufzusperren, und haben Sie erwogen, etwas dagen zu unternehmen? […] Es will mir scheinen, daß Bayreuth, neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten Symptomen hier gehört, wofern man nicht auf die darin sich abzeichnenden primären Momente unmittelbar eingehen will.

Zeit online, 22.03.2010, Reaktionen auf den Tod Wolfgang Wagners
Er hat das Erbe Richard Wagners in herausragender Weise über Jahrzehnte mit Leidenschaft gepflegt und fortgeführt. Sein trockener Humor, seine Gabe zur Selbstironie und seine unverwechselbare Bodenständigkeit haben ihm dabei geholfen. Er hat sich um das kulturelle Ansehen unseres Landes verdient gemacht.“
Horst Köhler, Bundespräsident
Wolfgang Wagner hat versucht, die Welt mit den Augen seines Großvaters zu sehen – und nicht, wie die Welt seinen Großvater sah. Ich werde ihn vermissen.
Daniel Barenboim, langjähriger Festspieldirigent
Ihm war es gelungen, die Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg in einem politisch wie künstlerisch schwierigen Umfeld zusammen mit seinem Bruder Wieland neu aufzubauen und (ihnen) wieder zu weltweitem Ansehen zu verhelfen.
Norbert Lammert, Bundestagspräsident

Und so weiter und so fort…

Meet the next German Außenminister!

Um den jüdischen Charakter des Staates zu verteidigen, könnte sich die israelische Regierung, so Ex-Präsident Jimmy Carter, gezwungen sehen, eine Apartheid-Politik gegenüber den Palästinensern zu betreiben. Allein das zeigt, dass es sich lohnt, über Israels Siedlungspolitik zu streiten.Niels Annen – Die Krise zwischen den USA und Israel war überfällig, Die Zeit online

Jenseits davon, dass Jimmy Carter einer der herausragendsten Protagonisten im Sinne des Beförderns einer Krise zwischen den USA und Israel ist, projiziert er das Bild Israels als Apartheid ausübenden Staat mitnichten in die Zukunft. Seit spätestens 2006 steht für ihn fest, dass Israel Apartheid praktiziert. In einem Interview sprach er von „even worse instances of apartness, or apartheid, than we witnessed even in South Africa.“ Außerdem hoffe er, dass sein Buch „Palestine. Peace not Apartheid“ in den USA eine Diskussion über Israel auslösen würde und „that my book will at least stimulate a debate, which has not existed in this country. There’s never been any debate on this issue, of any significance.“ (Haaretz.com) (Das lässt sich ganz einfach mit „Die Juden kontrollieren – hierzulande denkt man: mindestens – die amerikanischen Medien“ übersetzen und ist wie üblich eine groteske Fehlinformation. Auch in den USA wird ‚die Situation der Palästinenser‘ ausführlich in allen Medien behandelt.) Tatsächlich taucht der Begriff Apartheid zwar im Titel auf, wird im gesamten Buch aber nur dreimal erwähnt und dort weder definiert noch für Israel belegt. In den USA wird „Apartheid“ zudem nicht wie in Deutschland ausschließlich mit Südafrika assoziiert, sondern wurde im Ersten Weltkrieg für den Genozid an den Armeniern geprägt und im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten zur Beschreibung der rassistischen Politik der Nationalsozialisten verwendet. (Vgl. Dershowitz, 2008) Dershowitz wirft Carter zu Recht vor, dass er den Apartheid-Begriff exklusiv auf Israel anwende und sich weigere, ihn zu benutzen, wenn es um Staaten gehe, in denen wirklich rassistisch motivierte Regime Hunderttausende Menschen umbringen ließen, wie beispielsweise im Sudan. Carter vergleicht Israels Politik nicht nur mit der Rassentrennung in Südafrika: „When he was asked […] whether he believed that Israel’s ‚persecution‘ of Palestinians was ‚ even worse … than a place like Rwanda', Carter answered, ‚Yes. I think – yes.‘“ (ebd.) Und dergleichen mehr…
Carter hat den Apartheid-Vorwurf seitdem mehrfach wiederholt und vehement gegen Kritik verteidigt. Ihn als Kronzeugen für eine akute Bedrohung des Friedensprozesses im Nahen Osten durch Wohnungsbau aufzurufen, ist somit hinfällig. Er befürchtet keine Krise; auf der einen Seite treibt er sie voran und auf der anderen gilt ihm jeder Schritt Israels (in welche Richtung auch immer) als friedensgefährdend.

Nicht nur radikale Palästinenser diskutieren heute darüber, ob es nicht langfristig gesehen besser sei, sich von der Zwei-Staaten-Lösung zu verabschieden und nur noch auf einen Staat zu setzen. Denn die Zeit und die demografische Entwicklung sprechen für die Palästinenser und gegen Israel.“ Niels Annen, ebd.

Als ob diese „Diskussion“ jemals eine „radikale“ Position dargestellt hätte. Wen auch immer Annen als gemäßigt bezeichnen möchte, auch in Erwartung dieser „Entwicklung“ werden durch Vertreter der Palästinenser seit Jahrzehnten Friedensverhandlungen hintertrieben und jegliche Zugeständnisse Israels (und derer gab es unzählige) früher oder später als unzureichend abgelehnt. (Vgl. Lozowick, 2006; Tarach, 2009; Dershowitz, 2003)

Die üblicherweise Amerika-liebende „muslimische Welt“ (General Petraeus, zitiert nach Niels Annen) aber sieht Annen durch die „Unnachgiebigkeit“ Israels zu USA-Hassern mutieren und zitiert Joe Biden ohne echte Quelle: „Aufgrund der engen Verbindung zu den USA gefährde die israelische Unnachgiebigkeit das Ansehen Amerikas in der muslimischen Welt. Glaubt man der israelischen Zeitung Jedioth Ahronoth dann hat Joe Biden eben dieses Argument in einer Unterredung gegenüber Benjamin Netanjahu vorgebracht ‚Das Ganze fängt an, gefährlich für uns zu werden, was ihr macht, gefährdet die Sicherheit unserer Soldaten im Irak und in Afghanistan‘, wird Biden zitiert. Ein Dementi Bidens ist ebenso wenig überliefert wie eine Antwort Netanjahus.“
Es fängt also an (! Annen will es offenbar glauben), im Irak und in Afghanistan gefährlich zu werden… weil die Israelis 1600 Wohnungen bauen wollen, in Jerusalem, ihrer Hauptstadt. Sie wollen Wohnungen bauen (!). Kein Staat der Welt wird öffentlich des Wohnungsbaus bezichtigt, bis auf Israel. Und sollten Palästinenser wo auch immer in Israel Wohnungen bauen wollen, würde das ‚die restliche Welt‘ als ihr gutes Recht bezeichnen, dem steht ja angeblich nur entgegen, dass Israel ein „Apartheidstaat“ ist – mit ca. 18% arabischer Bevölkerung im Kernland, mit Vertretern in der Knesset etc. pp. Aber Palästina hat ganz den Palästinensern zu gehören. In deren zukünftigem Reich sind Juden unerwünscht. So will es die Welt. (Leider ist der entsprechende Artikel auf Lizas Welt nicht mehr auffindbar – dort wurde eigentlich alles zum Thema gesagt. Later, wieder da: Alles zum Thema, danke!)
Niels Annen jedoch meint, die Krise zwischen den USA und Israel sei „längst überfällig“ gewesen und spricht damit Israel seinen einzigen (halbwegs, vgl. Tarach, 2009, und zunehmend weniger) verlässlichen ‚Verteidiger‘ ab – auf Deutschland sollte man sich nicht verlassen (nun schon gar nicht mehr, wenn die letzte als mahnend empfundene Instanz entfallen soll). Er geht davon aus, dass die „Führung der Palästinenser genau weiß, dass es am Ende kein Rückkehrrecht für die Flüchtlinge geben wird“ und dass „jeder israelische Politiker wissen“ könne, „dass die Grundbedingung für einen Frieden die Auflösung eines großen Teils der heutigen Siedlungen sein wird.“ Die Mehrheit der israelischen Politiker allerdings weiß, dass es eben darum nicht geht. Und selbst wenn alle „Siedlungen“ abgerissen würden, bestünde die Mehrheit der „Führung der Palästinenser“ und mit ihr ‚die Welt‘ as represented by the United Nations noch auf dem Rückkehrrecht.

Warum also diese zentrale Frage weiter vertagen? Die Zeit für einen Frieden läuft den Beteiligten davon.“ Niels Annen, ebd.

Annen ist ja nur besorgt ums „Existenzrecht Israels“ (© bei denen, die es schon in Frage stellen). Er will auf keinen Fall, dass eine israelische Regierung zu irgendetwas gezwungen wird, was er (!, leaving Carter out) sich vorstellen kann. Und zeigt sich geeignet fürs Amt… als nächster deutscher Außenminister, indem er nicht verstehen will, dass das, was Israel zu erwarten hätte, wenn es die „Siedlungen“aufgäbe, ganz gewiss nicht Frieden wäre. Um das zu verstehen, sollte er beispielsweise folgende Bücher lesen:
Yaacov Lozowick – Israels Existenzrecht. Eine moralische Verteidigung seiner Kriege (Konkret Literatur Verlag!)
Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
Alan Dershowitz – The Case for Israel, ders. (insbesondere zu Jimmy Carter) The Case Against Israel’s Enemies
Leon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus
Stephan Grigat (Hg.) – Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten
Matthias Küntzel – Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg
und alles, was unter „basics“ und „recommended reading“ gelistet ist!

+ Later: Zeitung für Schland – Über die Krise zwischen der Obama-Regierung und Israel
Instant Coffee – Eine Synagoge am Tempelberg? (2) & Eine Synagoge am Tempelberg? (3)

Update 30.3.10: Yaacov Lozowick’s Ruminations – Petraeus Clarifies
Update 22.4.10: Zeitung für Schland – Wer Lügen nicht aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben

Update 27.4.10: Yaacov Lozowick – Don‘t Divide Jerusalem: Context via Spirit of Entebbe

Ein ‚deutsches Opfer‘

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn wieder. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den noch (!) oder wieder hinterherhinkenden Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte {cp. Eichmann}. Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]

Konformistische Kulturrevolution

Geistige Insuffizienz bescheinigt man sich als moralische Überlegenheit über die bösen Intellektuellen…
Theodor W. Adorno – Musikalische Schriften IV, GS 17

„Keine Angst vor Kultur“ gibt es nicht nur beim NDR-Kulturjournal im Fernsehen sondern auch bei NDR-Info im Radio. Das ist fast genauso sensationell witzig, kann aber dem Medium gemäß keine unglaublich lustigen Filmeinspieler bieten, dafür ungeheuer spaßige akustische Einblendungen. In „Keine Angst – Literatur“ bedient man sich deswegen unter anderem des wahnsinnig und umwerfend komischen Hans Scheibner (ein stimmlicher Wiedergänger von Hanns-Dieter Hüsch und auch sonst gnadenlos humorvoll). Scheibner singt: „Ich hab’ den Butt von Grass noch nicht gelesen.“ Je nun… Laut NDR-Info „Keine Angst“ sollte man aber am Besten gar nichts lesen und schon überhaupt keine Bücher, die über 1000 Seiten umfassen:

Keine Angst vor Literatur, Audio NDR Info – Transkript
Mit Ach und Krach hat man Den Turm von Uwe Tellkamp [Wird nicht gelesen, Tellkamp hat mich schon beim Bachmann-Wettbewerb genervt!], 1000 Seiten, geschafft, da donnert der neue Frank Schätzing [Der Schwarm wurde mit Widerwillen und nur zu einem Zweck gelesen, dazu später sehr viel mehr!], 1238 Seiten, auf den Tisch. Aber da liegt noch, unendlich wuchtig wie ein Kantholz [?…???], Unendlicher Spaß von David Foster Wallace [looking forward], 1547 Seiten. Als hätte man nicht schon genug zu tun mit all den anderen großen obligatorischen Werken der Weltliteratur [Schätzing schreibt große obligatorische Werke der Weltliteratur? Wie auch immer… Einblendung: „Ich hab den Butt…“]. Oh je, Der Butt, oha, Die Rättin, oh oh, Die Blechtrommel. [Oh blablabla „Mir geht es wie Hannah Arendt…“] Wer die nicht gelesen hat, kann auch gleich zugeben, dass er Krieg und Frieden ausgelassen hat [Bloß nicht auslassen! Es gibt übrigens eine von Tolstoj autorisierte Ausgabe ohne die von manchen als ausschweifend empfundenen Kriegsschilderungen], Den Zauberberg [ha! geb. Ausgabe, ohne Anhang nur 984 Seiten, J6ON, die man mindestens lesen sollte, ums ‚dem anderen deutschen Großschriftsteller’ Martin Walser heimzuzahlen, der Thomas Mann tatsächlich vorwarf, der Roman erzähle „je länger er dauert, desto weniger von Castorp und desto mehr von Thomas Mann“. Sieh an – sehr außergewöhnlich für einen Roman! Bei Michael Landolf, sorry, Hans Lach, sorry again, Martin Walser gäb’s das nicht. Zum Antisemitismus Thomas Manns allerdings lohnt es sich Yahya Elsaghe – Die imaginäre Nation zu lesen.] und Ulysses [NICHT langweilig!], 1000 Seiten lang, praktisch ohne Satzzeichen strömt und rauscht der innere Monolog, bis der gepeinigte Leser James Joyce entweder anschreien oder anflehen möchte: „Mach mal einen Punkt!“ […] Meister der literarischen Blendung [des Blendens mittels angeblicher literarischer Kenntnisse?] nennen ihre Kinder Molly und Leopold und feiern jedes Jahr den Bloomsday. [„Die Kulturindustrie vergißt ihren Moralismus, sobald sie Gelegenheit hat, zweideutige Witze über das von ihr selbst geschaffene Bild des Intellektuellen zu reißen.“ Theodor W. Adorno – Fernsehen als Ideologie, GS 10.2]
Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiß spielt ebenfalls ziemlich weit oben in der Liga der unlesbaren Bücher [Definitiv lesbar!]. Es geht, um es mal ein bisschen [???] einfach auszudrücken, um das Scheitern sozialistischer Ideale und das Ausgeliefertsein des Individuums in totalitären Zeiten [ja klar, deutscher Radiosender!]. […] Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften ist ein weiterer Anwärter auf das am häufigsten nicht gelesene Buch. Zeitgeschichtliches Panoptikum auf 1040 Seiten, zwei Bände, unvollendet [vollendet unvollendet!]. […] Und wer gerade nicht in der Stimmung ist, sich Thomas Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder [Feuchtwangers historische Romane sind noch besser!] zu Gemüte zu führen, kann doch auf Stehempfängen glänzen, wenn er beiläufig den ersten Satz fallen lässt, passt übrigens zu jeder Gelegenheit. [Einblendung: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ – Das sind ZWEI Sätze! 2 ist die Zahl, die nach 1 kommt. Und dann wieder das doofe Butt-Lied] Keine Panik, auch hier hilft die goldene Regel: Kenne den ersten Satz! Wunderbar, weiter. Der erste Satz im Butt von Günter Grass wurde nämlich prämiert, als schönster Satz, mit dem je ein deutscher Roman begonnen hat [Einblendung: „Ilsebill salzte nach.“ Wie bereits gesagt: „Ilsebilse, keiner willse, kam der Koch und zerhäckselte sie zu einem Anfangssatz…“] […] Der Mann ohne Eigenschaften ist misslungen, sagt Marcel Reich-Ranicki. Und der wird ihn ja wohl gelesen haben. Oder?

Oder was? Das nervige Büchernörgeli, das in Literatursendungen auch noch mit vollständig gelesenen Büchern angeben musste; und „dem einen Volk“ nicht beruhigend versicherte, es habe nichts im Leben verpasst, wenn es statt zu lesen, nur über dicke Bücher jammert – geht gar nicht. Hiermit aber wird definitiv versprochen, dass es keinerlei Auseinandersetzung mehr mit den erfrischend unangepassten sprich: konformistischen Rebellen aus der „Keine Angst“-Redaktion geben wird. Das nächste Thema im Kulturjournal lautet by the way „Keine Angst vor Kultur – Können Triangelspieler Noten lesen?“ No kidding! Es ist vermutlich vermessen, auf ein einfaches Ja (das sich anbietet, schon damit sie wissen, wann sie dran sind!) oder Nein (wodurch sie immerhin für einen Job in der NDR-Musik-Redaktion prädestiniert wären) zu hoffen…

Ich weiß, daß die Anti-Intellektuellen besonders wütend werden, wenn sie das Wort Konformismus hören, aber eben diese Wut auf das Wort bezeugt die Gewalt der Sache: daß der Konformismus seinen Dienst einstweilen noch ganz brav leistet.
Theodor W. Adorno – Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, GS 20.1

Recommended reading (alles auf Deutsch, da hat’s mehr Seiten, so!):
Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (5260 Seiten)
Lion Feuchtwanger – Die Wartesaal-Trilogie (2121 Seiten)
Lion Feuchtwanger – Josephus-Trilogie (1429 Seiten)
George Eliot – Middlemarch (1136 Seiten)
George Eliot – Daniel Deronda (1028 Seiten)
Charles Dickens – Bleak House (1030 Seiten)
Thomas Pynchon – Mason & Dixon (1023 Seiten)
Fjodor Dostojewskij – Die Brüder Karamasow (Neuübersetzung von Swetlana Geier, 1240 Seiten)
Victor Hugo – Die Elenden (1352 Seiten)
etc. etc. etc.

„Never Say Never Again“: NDR-Kulturvolkjournal revisited

Für KdM

Was für (ha!) lustige Ideen das Kulturjournal in Zukunft zu bieten hat, kann nicht mehr dokumentiert werden. Der Erhalt der zumindest noch rudimentär vorhandenen Denkfähigkeit der Dokumentierenden ist ihr einfach zu wichtig, und zu oft den eigenen (!) Kopf gegen die Wand hauen, damit’s nicht mehr ganz so weh tut, ist dem nicht gerade förderlich!“ (J6ON – Hohl, hohler, deutsches Kulturmagazin, update vom 12.2.10)

Mal sehen, ob die süßen kleinen Hoppelhasen uns den Oscar einspielen. Das wär’ doch mal was. Denn sonst kommen wir Deutschen ja immer nur weiter, wenn wir die Bösen sind. Warum werden wir in Hollywood immer nur als Schurken eingesetzt? Die zwingende Frage heute in unserer Rubrik „Keine Angst vor Kultur“, die heute eher heißen muss „Keine Angst vor uns“.“ (Anmoderation: Julia Westlake, NDR-Kulturjournal vom 1.3.10)

Ja, bloß „keine Angst“ vor „uns“, „wir“ beißen nicht, „wir“ wollen nur spielen! Aber bitte, bitte keine Angst zeigen oder die Hände hochreißen oder gar weglaufen oder allzu direkt in die Augen sehen, keine Stöckchen werfen, nicht mit Kindern oder kleineren Hunden oder Katzen konfrontieren, nicht bei Tisch füttern, streicheln, im Bett schlafen lassen. Alles verboten, denn das könnte es nervös machen und dann kann „man“ nichts dafür, wenn’s doch beißt. So, selbst schuld!
Die Reinkarnation des KZ-Wächters deutschen Schäferhunds ist dann aber ganz sicher ein „süßer kleiner Hoppelhase“:

Jenseits davon, dass das alles Kaninchen sind, wissen „wir“ nun endlich, warum „das eine Volk“ (Heidegger) schon immer so bösartig war, weil man nämlich als Deutscher sonst nicht „weiterkommt“. Soviel zur Einleitung vom „strahlenden, blonden Lockenkopf“ (Kulturjournal, Wir über uns).
Im eigentlichen Beitrag wird’s noch niedlicher: „Die Deutschen haben schon lange ein schlechtes Image. Schon seit der Antike, spätestens seit der Hermannsschlacht. [Einblendung, hihi!, Eva Herman: „Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.“ Wo sie Recht hat…! Vgl. mal wieder Gerhard Scheit – Die Meister der Krise] Wenn es im 19. Jahrhundert richtig schaurig sein sollte, dann: Schauplatz Deutschland, so wie im Roman Frankenstein.“ Dass der „Schauplatz Deutschland“ bei der späteren Mrs Wollstonecraft Shelley im langen Roman nur vergleichsweise kurz eine Rolle spielt, geschenkt. Wichtig war er vielleicht und auch das ebenfalls nur kurz für Bram Stoker (vgl. Judith Halberstam – Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters), sonst verteilen sich die Handlungsorte der Schauerromane und -erzählungen des 18. und 19. Jahrhunderts wild über ganz Europa (mindestens), ohne besondere Bevorzugung der deutschen Landschaft (vgl. Ann Radcliffe, William Wilkie Collins, Joseph Sheridan LeFanu, Charles R. Maturin, Horace Walpole, Matthew G. Lewis, Robert L. Stevenson, William Polidori, Prosper Mérimée, Théophile Gautier, Nikolai Gogol etc. etc. etc.). Schon blöd, wenn die Weltliteraten nicht mal genug Vorurteile gegens Deutsche gehabt haben.
Außerdem wird mitgeteilt, dass „[i]m ersten Weltkrieg US-Propagandafilme das Bild vom bösen Deutschen unters Volk [brachten]. Unser Kaiser bekam es richtig ab“. Bei „Kaiser“ wird kurz, wie originell, Franz Beckenbauer eingeblendet – da legst di nieder. Und willst auch gar nicht mehr aufstehen. Bis Charlie Chaplin auftaucht, der einen Kaiser-Darsteller mit einem überdimensionierten Hammer niederstreckt. Zweiundneunzig Jahre aber nachdem Wilhelm II feierlich erklärte: „Ich verzichte […] für alle [!] Zukunft auf die Rechte an der Krone Preussens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone“, soll er also wieder „unser Kaiser“ sein. Nun denn. Und ganz gewiss tragen die US-Propaganda-Amerikaner die Schuld am Bild vom bösen Deutschen; er selbst war schließlich von 1914 – 1918 als süßes feldgraues „Hoppelhäschen“ unterwegs, um die Welt mit Freude und Liebe zu beglücken. (Zum Link vgl. auch Steven Sailers Artikel auf Taki’s Magazine s.u.; es ist nicht alles, was es zu sein scheint!)
Wenn die Deutschen jedoch Deutsche Schurken spielen lassen, ist das geradezu genialisch: „Nach dem ersten Weltkrieg ging’s den Deutschen dreckig [wie relativ(!) undreckig es im Lande zuging, in dem der Krieg nicht einmal stattgefunden hatte, siehe z.B. Jan Gerber, Anja Worm, Hg. – Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland]. Aber wenn’s einem dreckig geht, hat man oft die besten Ideen [Einblendung… na? Ja, wieder sehr originell: Wickie, der kleine, sehr niedliche und vor allem hoffnungslos überlegene nordische Typus-Vertreter]. Im deutschen Film hieß die Expressionismus. „Das Kabinett des Dr Caligari“ gilt als erster künstlerischer Horrorfilm.“ Wenn es den Deutschen dreckig geht, erfinden sie epochale Kunst und weil das die ganze Welt schätzt, muss dann notwendigerweise ein Künstler (oder was sie darunter verstehen, ein Postkartenmaler also) ihr Führer werden. Alle sind schuld, nur die Deutschen nicht, und zwar niemals! Hitler war dann logischerweise auch nur „der nächste Horrorexport aus Deutschland“ (Einblendung: Derrick, Hitler, eine „Tarantula“?-Variante in Farbe).
Laut Kulturjournal ging die ‚Propaganda-Zentrale‘ Hollywood mit den Juden und dem, was man hierzulande so als ‚Ausländer‘ bezeichnet viel schlechter um als die Deutschen. Nicht einmal Heldenrollen wollte man „Immigranten“ dort spielen lassen, weswegen der großartige (aus Österreich stammende, wie das Kulturvolkjournal nicht müde wird zu betonen, sind die böseren Deutschen seit jeher die Österreicher1) Erich von Stroheim („The man you love to hate“ – vom Kulturjournal untermalt mit Edward Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ aus „Peer Gynt“ – why?), den es bereits 1909 in die USA gezogen hatte, sich als „teutonischer Teufel und Kinderausdemfensterwerfer“ verdingen musste. Dass er amerikanische Film-Studios mit seinen wegweisenden Regie-Arbeiten nahezu ruinieren durfte, wird mal eben so unterschlagen.

Die Praxis behielt man über die Jahrzehnte bei: „Deutschsprachige Schauspieler, die meisten von ihnen Juden, flohen [vor den Deutschen] nach Hollywood und spielten … [sagt das Kulturjournal] Hitler.“ Unter anderem: Ja, und wie sie ihn dort spielen durften, mag ein kleiner Triumph gewesen sein.
Den ebenfalls großartigen, gerne auch Hollywood-Bösewichtdarsteller Peter Lorre jedoch ignoriert man so nebenbei, womöglich weil er auch Heldenrollen spielen durfte? Aber da man in den USA alles ans Deutsche gemahnende in den üblen Weltkriegspropaganda-Filmen ja hassen gelernt hatte, vergab man die heldenhaften Rollen nicht an das entsprechende Personal… außer vielleicht noch an Marlene „Deutschland? Nie wieder!“ Dietrich, die hierzulande dafür bespuckt wurde.

Oder z.B. an den in Österreich geborenen Paul Henreid (Paul Georg Julius Freiherr von Hernreid Ritter von Wassel-Waldingau), noch heldenhafter als Humphrey Bogart in „Casablanca“ war nur er als Victor Laszlo oder z.B. die in Wien geborene Hedy Lamarr (Hedwig Eva Maria Kiesler), der die damals ultimative Heldinnenrolle im selben Film angetragen wurde, die sie aber ablehnte etc. etc. etc. pp. pp.
Umso schockierender ist es dann wohl, dass auch im Nachkrieg die Deutschen weiterhin (so will es das Kulturjournal) die Bösen spielen sollten, wo sie doch unter Hitler und den Nazis gelitten hatten wie kein zweites Volk auf der Welt: „Auch im kalten Krieg hatten die Teutonen zu tun und spielten haufenweise [? 3, in Worten: drei] Bond-Bösewichte. Der Größte: Gerd Fröbe aus Zwickau. Curd Jürgens kam auch noch zum Schuss. Aber bald wurden wir zu Aushilfsschurken degradiert. Deutschland war außenpolitisch einfach zu nett geworden.“ Das Kulturjournal vergisst, (den in der zum Zeitpunkt deutschen Steiermark geborenenen) Klaus Maria Brandauer (aka Hendrik Höfgen, Gustav Gründgens, Eric Jan Hanussen, Georg Elser, Hans Blixen und Oberst Redl) zu erwähnen, der in „Never Say Never Again“ den Bösen gab: „Crazy? Yeah… maybe I‘m crazy.“
Wenn man als Deutscher nicht mal mehr Bösewicht-Rollen bekommt, weil einen die internationalen Filmemacher für „zu nett“ und man sich selbst für zu „langweilig“ hält, ist es womöglich an der Zeit… Ja!
Dafür wagten sich die die Deutschen erst jetzt selbst an die dicken Dinger [! Einblendung: Corny Littmann under DD-attack] ihrer Geschichte. [Einblendung: Bruno Ganz im Untergang] Hitler ist bei den Oscars 2005 zwar untergegangen, aber der große Lauschangriff hat es dann geschafft. In diesem Jahr kämpfen die deutschen Schurken gleich zweimal um den Oscar: Das weiße Band zeigt uns so autoritär, wie die anderen uns immer schon gerne hatten. Und der geniale Herr Waltz [Einblendung: Walz, der Friseur] … nee, Christoph Waltz spielt den Nazi-Schurken in Inglourious Basterds so weltgewandt, wie wir immer schon sein wollten. Übrigens, Waltz ist natürlich Österreicher.
Ja klar, „die Anderen“ haben „uns“ gerne autoritär, der letzte offizielle Ausbruch deutscher Autorität kostete die Welt ja auch gerade mal alles in allem ca. 52 Millionen Menschenleben (inklusive „Deutscher Opfer“), und im Untergang gibt’s nur deutsche Schurken zu sehen – so brutal gehen „wir“ mit „uns“ selbst ins Gericht. Nur der Riefenstahl-Fan Quentin Tarantino versteht uns wirklich. Den Deutschen gefällt „Inglourious Basterds“ nicht nur, sie lieben den Film (mehr sogar noch als alle Winnetou-Adaptionen, die auf den Werken des deutschen Vorfühlers Karl May basieren), wie Moritz Bleibtreu kürzlich eindrucksvoll bestätigte: „Bestimmt wird es Kritiker geben, die aufschreien: ‚Wie könnt ihr das wagen?‘“, sagt Bleibtreu. „Denen erwidere ich: ‚Wieso nicht? Was ist daran schlimm?‘ Wir haben mittlerweile das Recht, mit diesen Figuren zu spielen. Sie haben uns lange genug belastet. Tarantino erlauben wir fast alles, und der hat nichts mit der deutschen Geschichte zu tun. Wir müssen uns das jetzt auch trauen.„“ (Das Verführerprinzip, Spiegel online)2
Steven Sailer hat für Taki’s Magazine eine provokative Rezension zu „Inglourious Basterds“ geschrieben, die man ernsthaft diskutieren sollte und deren Schlussfolgerung lautet: „Apparently, the director is one of the very few people in the world who rather identifies with the repulsive Goebbels. […] Tarantino is a smart guy; thus, all this is no doubt intentional. Perhaps Tarantino just wants to show that he’s so cool that he can get away with the ultimate transgression.
Wenn sich Deutsche Recht habend, irgendetwas zu tun wähnen und mal wieder ihre eigene(n) Geschichte(n) in die eigenen Hände nehmen wollen, weiß man aus Erfahrung, dass es nur unangenehm werden kann.
Keine Angst vor uns“?
Sie wollen Kultur für möglichst viele in Norddeutschland zugänglich machen, nicht nur für den Kenner, sondern gerade auch für den interessierten Laien. Jede Woche ein Spagat. Aber auch eine Chance, nicht nur über Theater und Oper zu berichten, sondern breiter zu denken. […] Alltagskultur, Mode, Gesellschaft, kulturelle Kuriositäten, Glossen, interessante Ausstellungen, aktuelle Buch- und CD-Erscheinungen, Kinofilme, Ikonen – all das findet in der Sendung statt.“ (Kulturjournal, Wir über uns)
Geht klar!

  1. Later: Einen kleinen Unterschied gibt es natürlich doch: Die Österreicher waren alle Opfer der Deutschen, während die Deutschen alle Opfer eines Österreichers waren – or so the saying goes! Und wo bleibt überhaupt der Glühbirnenwitz? Zum Thema Österreicher, Deutsche, Schurken, Hollywood sollte sich doch was im NDR-Schenkelklopfer-Fundus aufspüren lassen! [zurück]
  2. Later: Vgl. auch Peter Ehlent – Bowling for Hitler. Über Tarantinos Film Inglourious Basterds und seine deutschen Fans (Prodomo 12, November 2009, online) [zurück]

Update 11.3.10: Die Folge „Keine Angst – Scheibe erklärt den Blues“ vom 8.3. ist so hohl, dass es rein gar nichts dazu zu sagen gibt!

Deutsche Straßenfeste seit 1938 IV

Da die Deutschen die sechs Millionen von ihnen ermordeten Juden ihrer Ansicht nach endlich wett gemacht haben, und zwar übers Soll hinaus, machen sie eine Party… für sich selbst. Acht Millionen mehr oder minder Bußfertige haben das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ (im alltäglichen Sprachgebrauch kurz, bündig und treffender „Holocaust-Denkmal“ genannt) inzwischen heimgesucht, beturnt, bewundert. Die Initiatoren der Bürgerinitiative für die Errichtung des Denkmals finden, das sei ein Erfolg und beweise, „was eine Bürgerinitiative erreichen kann“ (Lea Rosh, Berliner Morgenpost).1 Nach den eher enttäuschenden Motto-Parties 60 Jahre Deutschland respektive 20 Jahre noch viel mehr Deutschland und dem wesentlich erfolgreicheren event 65 Jahre Dresdnergibtsimmernoch werden im Mai nun also fünf Jahre „Holocaust-Mahnmal“ und zwanzig Jahre Bürgerinitiative für die „nationale Kuschelecke“ (Eike Geisel – Triumph des guten Willens) mit einem… yay! … „Bürgerfest“ (as opposed to Volksfest?) gefeiert:
Der Förderkreis wird alle Berlinerinnen und Berliner zu einer Bürgerfeier am 5. Mai 2010 (Beginn: 17.00 Uhr, Ende offen) an den Ort des Denkmals einladen. In kurzen „Zurufen“ werden Impulsgeber der Denkmalsdebatte der letzten 20 Jahre zu Wort kommen, darunter die Initiatoren Lea Rosh und Eberhard Jäckel. […] Die Klesmer(?)-Gruppe „Aufwind“ wird das Fest musikalisch begleiten.2 (Homepage des Förderkreises, Hervorhebung J6ON, weil’s immer so ist!)
Zurufer“, „Impulsgeber“ – irgendjemand schrieb mal, der „Jargon der Eigentlichkeit“ existiere nicht mehr im öffentlichen Sprachgebrauch, er hat sich geirrt! Mir fällt allerdings mindestens ein sehr impulsgebender Zuruf ein:
Alle beteuern ihre gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen. Walter Benjamins Warnung, daß die Sieger vor den Toten nicht halt machten, wäre für Lea Rosh das Geschwätz ‚ewiger Besserwisser‘. Zu diesen gehört auch Julius Posener, der aus der Emigration zurückgekehrte Architekturhistoriker. Schon 1985 schrieb er: ‚Nach vierzig Jahren habt ihr das Recht auf ein Mahnmal an diesem Ort verwirkt.‘“ (Eike Geisel, ebd.)

  1. Was zu sich gekommene deutsche Bürger initiieren und erreichen können, haben sie der Welt in den Jahren 1933 – 1945 eindrücklich bewiesen. Das Feiern wollten sie sich trotzdem nie verderben lassen. [zurück]
  2. Eine nationale Hüpfburg und ein voll lustiges Labyrinth wurden „am Ort, zu dem man gerne gehen“ wollen soll, von der Bürgerinitiative vorsorglich bereits vor 5 Jahren errichtet. [zurück]