Meilensteine deutscher ‚Vergangenheitsbewältigung’ II: 1998

Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.
Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998

In meiner Reihe sind lediglich Schorlemmer, meine Frau und ich sitzen geblieben. Ich war, was die Gesellschaft angeht, was die Öffentlichkeit angeht, ziemlich allein. Ich habe zwar einige Briefe bekommen, aber es war eine Minderheit, die mir zugestimmt hat, und es war wenig Prominenz dabei.“
Ignatz Bubis im Interview mit Hermann L. Gremliza, Konkret 02/99

Die deutsche Spaßgesellschaft starb nicht erst 2001. Tatsächlich war sie nur eine der vielen BegleiterInnen auf dem Weg in die „deutsche Normalität“ und bereits 1998 hoffnungslos ausgelaugt worden. Der leise an dafür zuständiger Stelle beklagte ‚Hedonismus’ (was ein Missverständnis war) erschöpfte sich beim Media Markt-Einkauf oder im 2-tägigen Love Parade-Karneval mit vertikalen und horizontalen Turnübungen (man kennt das aus Köln, wo es nur abgesagt wird, wenn den Deutschen genehme Diktaturen gefährdet sind): Dem mit ein paar musikvortäuschenden phantasielosen Schleifen oder auch Rüschen garnierten 4/4-Takt (hierzulande kann man nicht anders mitklatschen – and that’s a fact!) lag ausschließlich die Aufforderung zum Mitmachen zugrunde; das vorgeblich Einzigartige konnte erst in der gemeinschaftlichen Masse zum Beweis gerinnen. Nur weil ihre hartnäckigsten Verehrer protestierten, schloss man die Spaßgesellschaft kurz an die Apparate an. Nach dem Abschalten wurde die Leiche noch einmal hübsch bunt angemalt, aufgebahrt und schließlich am 11. September 2001 (Peter Scholl-Latour) begraben. Am 12. begaben sich die Deutschen kurz in die Kirche, um für sie zu beten. Am 13. verwechselten sie wie üblich Täter und Opfer.
Am Ende der Spaßgesellschaft wollte auch Martin Walser mal wieder beweisen, dass er zur Gemeinschaft gehörte und forderte im Oktober 1998 ungehinderten TV-Genuss ein. Nichts mehr sollte ihm die Freude an der Schönheit und Farbenfreude des deutschen Fernsehens verderben. Selbst noch die exkulpierenden Schwarz-Weiß-Berichte von „unserer geschichtlichen Last“ waren ihm zuviel. Womit er sich dann doch als ein wenig der Gemeinschaft hinterherhinkend zu erkennen gab, denn der ging damals endlich auf, dass die offensive Geschichtsbewältigung (die sich als ein ebensolcher Exportschlager wie die Love Parade und der KdF-Wagen erweisen musste) wahrscheinlich der effektivere Umgang war – woraufhin ‚das eine Volk’ im September die ‚guten Deutschen’ dazu auserkoren hatte, den Fortgang der Geschichte ein wenig bunter zu gestalten.
Walser jedoch durfte nicht zurückbleiben, und die gesammelte deutsche Kultur- und Politprominenz eilte ein Stück des Weges rückwärts, um den zweiteinflussreichsten ‚Intellektuellen’ der Nation (Cicero, 2007) zu stützen und mit ihm eine noch bequemere Abkürzung zu suchen. Was ihnen in konzertierter Aktion auch gelang, nachdem man sich mit Empörung und nicht mal mehr vorm eigenen Mut zitternd des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland entledigt hatte, der es gewagt hatte, einen der ihren zu Recht vorübergehend als geistlosen… pardon… „geistigen Brandstifter“ zu bezeichnen.
Die, welche in Frankfurt nicht einmal eingeladen waren, holten die standing ovations mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nach und bewiesen einmal mehr, wie unmöglich es in Deutschland ist, seine Meinung zu ‚bestimmten Themen’ offen zu äußern.

Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“
Rudolf Augstein – Wir sind alle verletzbar, Der Spiegel, 30.11.1998

Allerdings müssten sich natürlich auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten Deutschen verhalten hätten, wenn nach 33 ‚nur’ die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären“.
Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg

Monika Maron vermutete „Gesinnungsdiktatur“. Der frischgewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder beklagte, dass Dichter mehr dürften als er. Und „der Kunstgewerbler Walter Jens knetete die Denkfigur, daß »dem millionenfachen Schrei allenfalls durch das Flüstern und das Schweigen beizukommen« sei, und riß sogleich das Maul auf gegen die »Monumentalität« des geplanten Mahnmals.“ (Hermann L. Gremliza – Schlamm drüber!, Konkret 11/98) Etc. etc. etc. etc. Walser erhielt „Tausende“ zustimmender Briefe und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, darauf zu verweisen – so ist das in Gesinnungsdiktaturen: Niemand traut sich, seine Meinung zu sagen.
Die Reihen schlossen sich im „Wir“ gegen die Usurpatoren deutscher zwei, drei, vier… ein Lied… Lebensfreude. Und nur drei Jahre nach Dr. Motte stimmte endlich das ganze Volk mit ein in seinen 1995 aus dem Tagesspiegel erschallenden Schlachtruf: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ Das musste noch von Walser et al. übersetzt werde, danach aber galt der wieder fröhlich einsetzende deutsche Patriotismus den mehr oder weniger jungen Deutschen nur als die „Fortsetzung der Spaßgesellschaft mit anderen Mitteln“ (© by AdG) – während es sich eigentlich um eine deutsche Endlosschleife (Das neue Deutschland, das nicht neu, sondern wiedervereinigt sein will, braucht die Vergangenheit mehr denn je.“ Detlev Claussen – Deutschland. Ein Wintermärchen, Zürcher Tagesanzeiger, 10.12.1998) handelte, und man sie diesmal nicht mal mühsam zum Teilnehmen hatte verführen müssen – mit aufwändigen Reichsparteitagsaufmärschen und dergleichen; es reicht, wenn einer die turntables bedient. Party down your pants!
Bereits im April 1998, auf den Tag genau 109 Jahre nach Adolf Hitlers Geburt (20.04.1889), hatte die RAF zur Kenntnis genommen, dass wieder ein Volk sich selbst bestimmen durfte und nicht mehr wehrlos dem US-Imperialismus ausgeliefert war und löste sich in Wohlgefallen auf. Selbiges schien sich auch der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes (bereits 1959, die einflussreichen deutschen ‚Intellektuellen’ bekommen das alle, so auch Martin Walser, erst 1987), Elite-Deutsche par excellence und zeitweise bekennende Antisemit Ernst Jünger gedacht zu haben und starb nach 102 Jahren des Dienstes am Deutschtum – Tümeln hätte er weit von sich gewiesen. Neben der Kür gibt es allerdings auch für deutsche Preise ein Pflichtprogramm und so verlieh man Steven Spielberg am 10.09.1998, einen Monat vor Walsers Erfahrungsbericht, für die Gründung und den Aufbau der „Shoah Foundation“ den Großen Bundesverdienstorden mit Stern.1
Unschön nur, dass im Sommer 1998 die von den deutschen Antiimperialisten (links wie rechts wie in der Mitte) so verabscheute Globalisierung etwas möglich zu machen schien, woran man nicht mehr zu glauben gewagt hatte: In den USA verklagten Opfer des Nationalsozialismus die Dresdner und die Deutsche Bank auf Schadensersatz und beschuldigten sie zu Recht, das „Dritte Reich“ tätig unterstützt und mit dem geraubten Eigentum der Juden Gewinne gemacht zu haben. Zu der Zeit enthielt man sich von Regierungsseite noch der Insektenvergleiche und veranlasste eine zynische ‚Wiedergutmachungsaktionen’ (an denen die deutsche Geschichte so reich wie knauserig ist). De facto bekam gemessen am Verbrechen so gut wie niemand so gut wie nichts, aber das reichte immer noch, um sich als großzügig und vor allem vorbildlich darzustellen. Dem Volkswillen gerecht zu werden und „Nein!“ zu sagen, bot sich nicht an; die Globalisierung hatte die deutsche Wirtschaft aus dem ‚Ausland’ angreifbar gemacht, wohin man alles, was man gerade nicht vernichten konnte, vertrieben hatte und außerdem würde „das neue deutsche ‚Wir’ […] unbestimmt bleiben, wenn es nicht die Juden gäbe. Sie werden instrumentalisiert, um ‚nichtjüdischen Deutschen’ – wie man heute so sagt – ein ‚Wir’-Gefühl zu geben.“ (Detlev Claussen, ebd.) Und in naher Zukunft würde der neue Außenminister Joschka Fischer den alten Spontiwitz „Wir sind wieder wer, aber wer und wieso eigentlich immer wir?“ fast im Alleingang beantworten wollen: ‚Nur ‚wir’ haben die richtigen Lehren aus Auschwitz gezogen, und die heißen alle „Nieder wieder!“’ – nichts mehr, das ‚uns’ nicht in den Kram passt oder woraus ‚wir‘ nicht als moralische Sieger hervorgehen können, und wenn man die alte Ustascha-Connection wiederbeleben muss. 1999 verhinderte eine deutsche Regierung endlich Auschwitz und 2003 Hiroshima. Ohne die Projektionsfläche war das nicht möglich. Das war so diffus, wie es sich hier liest und lässt vermuten, die Deutschen wüssten nicht wirklich, was sie wollen.
Tatsächlich ahnt und raunt es und äußert sich nur im Jargon. Und trotzdem: Detlev Claussens Annahme „Deutschland [scheine] von seiner eigenen Generosität überfordert“ (ebd.), ist nicht nur eine Vermutung, sondern drückt Deutschlands Glauben an sich selbst und Streben seit der bedingungslosen Kapitulation aus. Gleichgültig, wie es erreicht wird: „Es muss endlich Schluss damit sein.“ Was sie wollen, wissen sie, aber es ist eine nochmals pervertierte Missgunst und darf sich nicht eingestanden werden. Der Weg zur Erfüllung des Wunsches bedarf des ziellos anmutenden (zugeben gilt nicht!) Herumtastens – er liegt im romantischen Dunkel und ist sich oft selbst Ziel, wenn er im ‚mutigen Bruch von Tabus’ vorerst mal im Dickicht endet. Walser und Schröder und Fischer und dergleichen wagten sich ins Unterholz und konnten Schneisen in den deutschen Wiederfindungswald schlagen. Wenn überall Auschwitz ist oder Warschauer Ghetto oder Vernichtungskrieg oder oder oder (je nach politischer Couleur), muss man sich nur noch auf die Seite der Opfer schlagen, in die man sich projizieren darf und schon ist man dem Waldrand ein Stück näher – und dahinter wartet dann endlich der Platz an der Sonne.
Martin Johannes Walser („Unser Auschwitz“) war so ausgiebig mit Mitleid und Lob für seine erfolgreiche Stilisierung der Deutschen als Opfer bedacht worden, dass er sich 2002 gleich den nächsten repräsentativen Juden vorknöpfte, ihn literarisch („die einzige Sprache, die mir nichts verkaufen will“, Walser) ermordete und dennoch nicht sterben ließ, weil das Vorurteil will, dass der ewig wandert. Die Reaktionen waren diesmal ein wenig (!) zurückhaltender, einige wenige witterten gar antisemitische Tendenzen, wurden jedoch schnell eines Besseren belehrt. Als allerdings Matthias N. Lorenz 2005 in ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser nachzuweisen wagte, dass das alles schon immer dagewesen war, und zwar am Ort, an den Walser seine Kritiker verwiesen hatte: in seiner Belletristik nämlich, die Lorenz unverschämterweise auch noch mit den essayistischen Texten abzugleichen sich traute, begann das Geschrei erneut. Das Ressentiment durfte mittlerweile mindestens angedeutet werden, aber nicht, dass es sich bereits seit über 50 Jahren durch’s Werk und durch’s Land zog – es musste vom naiven opferbemitleidenden, ja verzweifelt liebenden Deutschen ausgegangen werden, der erst durch die Perfidie und Rachsucht, mit der die Deutschen verfolgt („Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ Walser) wurden, zum Ergebnis geführt hatte.

Daß sich Johann jeden Abend, bevor er sich ins Bett legte, noch bückte und schaute, ob nicht ein Zigeuner oder sonst ein Bedrohlicher unter dem Bett liege und, das hat er von der Mutter gelernt“.
Martin Walser – Ein springender Brunnen

Im Februar 1999 hat ein langjähriger Autor der Redaktion mitgeteilt, daß in einem Blatt, das den ‚Obergauner Bubis’ gegen Martin Walser verteidige, für ihn kein Platz sei. Der Herausgeber hatte geantwortet, er könne da leider nicht widersprechen.“
Konkret online

Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den noch (!) oder wieder hinterherhinkenden Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“. Aus einem scheinbar unentwirrbaren Wust aus Schuldzuschreibung, Angstzuständen, vorgeblicher Widerständigkeit, Anpassungszwang, pseudo-heroischen Alltagsgesten, wilden Umschreibungen, detaillversessenem Ausmalen von Körpersprache etc. etc etc.- einem literarischen Desaster, das vom verkrampften Drumherumschreiben geprägt ist und vorspiegeln sollte, Auschwitz sei eben nicht da (was ich nicht sehen will, das gibt es nicht) – ertönen deutlich die Schreie: ICH AUCH! ICH NICHT! ICH OPFER! ICH ICH ICH! ICH WILL NICHT! ICH WILL AUCH! So lange glaubte Walser, drumherum schreiben gehabt zu müssen, dass er in der Paulskirchenrede zu explodieren glauben musste und die Konstruktion des gewünschten ICH sich endlich in der ihm notwendig erscheinenden Abgrenzung artikulierte: IHR WOLLT, DASS ICH! IHR ZWINGT MICH ZU! IHR MACHT DAS ALLES! IHR SEID ZU MÄCHTIG!
Das Bedrohliche unter seinem Bett bedrohte ihn nur in einer Hinsicht: In seinem Leiden und mit seinen Erfahrungen nicht lauthals mitreden zu dürfen – irrelevant zu sein, weil er nichts zu sagen habe – weil ihm jenseits des ostentativen Leidens das Individuum nichts gilt: „Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.“ Einem Großteil der deutschen Nachkriegsschriftsteller, die ihre Relevanz im Aufgehen des individuellen Leids in der kollektiven Erfahrung des ‚unschuldigen’ Entbehrens und Niedergangs, in der Größe ihres Opfers vermitteln wollte, kam der Sinn mit Auschwitz abhanden – woraufhin sie sinnlos drauflosschrieben. Linksrechtslinks gab es nur Neid und Missgunst angesichts der ‚Tiefe des Abgrunds’, den ‚die Anderen’ geschaut hatten und vor dem man selbst feige die Augen verschlossen hatte. Dass das ganz und gar nicht beneidenswert war, kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Das ist die größte Perversion des Postnazismus und trägt daher alle ‚Bewältigungsphasen’ mit Leichtigkeit, gleichgültig, ob sie ignorieren, abwehren, anerkennen, sich identifizieren, Schuld umkehren oder sich selbstbewusst behaupten und so weiter und so fort!
Die Opferneidischen, deren große narzisstische Kränkung nicht notwendigerweise aber doch meistens im sekundären Antisemitismus gipfelt, müssen sich permanent beweisen, dass sie verkannt werden, dass sie eigentlich selbstlose Streiter sind, dass ihnen ganz im Gegenteil ‚die Anderen’, die Gierigen und selbst das Mitleid noch Raffenden nichts gönnen.
In den altruistischen Kämpfern für die deutsche Wahrheit meinten auch Jüngere ein Vorbild zu erkennen – der Erfolg hat viele Söhne. „Die öffentliche Austragung dieses Konflikts hat die Republik stärker verändert als alles bisher Vergleichbare.“ (Claussen, ebd.) Auch solche, die erst spät sich mit dem Vater versöhnen wollten, die landeten dann bei der Jungen Freiheit oder gründeten eine Volksinitiative und unterscheiden sich nur im Jargon, in dem der eigene Standpunkt bezeichnet wird. Der Nächste meldet sich bereits, noch ein wenig zögerlich, aber der Weg ist schon so ausgetreten, dass es unwahrscheinlich ist, dass er noch von ihm abweicht.

Bubis hat gesagt, er würde den Vorwurf, ich sei ein geistiger Brandstifter, zurücknehmen, und ich sollte das entschuldigen. Doch ich war so verkrampft durch die Geschehnisse, dass ich nicht fähig war, ihm die Hände entgegenzustrecken.“
Martin Walser im Interview, FAZ 2007

Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte. Ich habe geschrieben eine unglücklich verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker.“
Ebd.

Der eine ist tatsächlich tot und wollte aufgrund der grausamen Erkenntnis, die ihm der Autor mit hinter dem Rücken verschränkten Händen verschafft hatte – nämlich die, dass ihn seine Ahnungen nicht getrogen hatten – nicht einmal mehr hier begraben werden; den anderen hat Walser schrifthandwerkelnd ein wenig ermordet. Er hat sich ja nur gewehrt. Weil er nicht zurückgeliebt wurde?
Der Volksinitiativengründer kündigt auf seinem Blog Deutschsichwehrendes von Christoph R. Hörstel an: „Wir stehen in neuer Frische am alten Platz (am Bundeskanzleramt) um 13 Uhr bereit, um klarzumachen, dass der Spaß in Deutschland vorbei ist. Wir sind ernsthaft gegen Israels Politik.“
Kennt man ja: „Das Lachen wird ihnen schon noch vergehen!“

  1. Woraufhin 11 Jahre später ein deutscher Eiskunstlauftrainer dachte, nun könne man es nach Katarina Witt (1994 – sie verband das sinnigerweise im Verlauf der Olympiade mit „Sag‘ mir, wo die Blumen sind“) einfach nochmal wagen, seine Eleven den Soundtrack zu Spielbergs „Schindler’s List“ – wer deutsche Preise annimmt, hat dazuzugehören – beeiskunstlaufen zu lassen – denn nur die Deutschen glauben sich in der Lage, dem Thema die angemessene Tiefe zu verleihen, dazu braucht es deutsches Leiden an Auschwitz. Niemand störte sich daran, bis auf die taz irgendwie vielleicht, und die Juroren machten es der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nach, wo auch immer gedacht wurde, deutsche Filme über den Nationalsozialismus bewiesen endlich Einsicht, wofür es dann regelmäßig den Oscar für den Best Foreign Language Film gab. Mittlerweile aber kann man bereits Filme über Stasiopfer als preiswürdig verkaufen. [zurück]

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1 Antwort auf „Meilensteine deutscher ‚Vergangenheitsbewältigung’ II: 1998“


  1. 1 DJ München 02. Dezember 2011 um 17:09 Uhr

    Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern mit ihr muss man Leben. Wobei die Zukunft noch nicht geschrieben ist und wir sie mehr oder weniger selbst in der Hand haben. Es ist unsere Aufgabe dafür zu Sorgen das so etwas schlimmes in der Zukunft nicht mehr passieren kann. Lg DJ München

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