Archiv für Januar 2010

Heideggers Volk

Spiegel online behauptet, es handele sich um Diebstahl, wenn Neonazis mit Transparenten, auf denen „Wir sind das Volk!“ steht, aufmarschieren: „Geklauter Spruch: Rechtsextreme suggerieren gern, sie stünden in der Mitte der Gesellschaft.“ (Spon, Fotostrecke) Inwieweit die Suggestion der Realität entspricht sei dahingestellt. Der Spruch allerdings hat schon immer ihnen gehört, wie er auch von einem ihrer Vordenker geprägt wurde.

Auf die Frage ‚Wer sind wir selbst?‘ antwortet Heidegger ‚Wir sind das Volk.‘ [Martin Heidegger – GA 38, § 13, 56ff] Nicht zunächst ein Volk, sondern das Volk. Wir als Daseiende, sind das Volk selbst, ‚unser Selbstsein ist das Volk‘ [Ga 38, 57].“
Emmanuel Faye – Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie

‚Schockierende Enthüllungen über den Hintermann (Singular – huh, unheimlich!) mindestens des Minarett-Verbots’

Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“
Theodor W. Adorno – Minima Moralia

Was auch immer Juden tun, sie liefern den Antisemiten stets nur neues Material zur Illustration ihres Wahns. Passt ein Verhalten einmal nicht in die projektive Bilderwelt des Antisemiten, wird es gerade dadurch integriert, dass in solch einem unerwarteten Agieren eine besondere Perfidie zwecks Verschleierung der wahren Absichten vermutet wird.“
Stephan Grigat – Israel als Jude unter den Staaten

Auszüge aus: „Gehorchen Schweizer Faschisten Scharon?“1 von Yavuz Özoguz (via I.R.I.B. – Das deutsche (!) Programm, http://german.irib.ir/index.php?option=com_content&view=frontpage&Itemid=1)
Ariel Scharon bezeichnete im November 2003 die wachsende Zahl von Muslimen innerhalb der EU als Gefahr ‚für das Leben der Juden‘. Wird das jetzt ‚umgesetzt‘ [? J6ON]? […] [I]n Europa gibt es eine Gruppe von Menschen (wenn auch eine sehr kleine), die sich religiösbedingt und ohne eingeschüchtert werden zu können, beständig gegen das Unrecht verbal auflehnt! Das hatte bereits Ariel Scharon – damals Zionistenanführer – im November 2003 festegestellt und die wachsende Zahl von Muslimen innerhalb der EU als Gefahr „für das Leben der Juden“ bezeichnet. Und was ist mit solch einer „Gefahr“ zu tun? Einstmals [Wie in diesem Text bewiesen wird, ist das heutzutage überhaupt nicht mehr der Fall…] wurden „Juden“ als „Gefahr“ bezeichnet. Die Argumente von damals und heute sind kaum voneinander zu unterscheiden! [?] Daher [?] darf man auch nicht den Fehler machen, Scharon und Broder als Vertreter des Judentums zu betrachten. Beide haben mit der Religion des Judentums kaum etwas zu tun. Sie missbrauchen das Judentum, wie einstmals Fürsten das Christentum missbraucht haben, um ihre Herrschaft sicher zu stellen, die Herrschaft des Kapitals [!], der Macht [!]. […] Jetzt haben also die Schweizer so abgestimmt, wie der im Koma liegende Scharon es sich wohl gewünscht hätte […]. Die Banken treiben ihr böses Spiel gegen [! Nicht mal mehr mitspielen darf man?] die gesamte Bevölkerung weiter, ohne dass ihnen jemand Schranken aufzeigt. Und US[!]-Konzerne ‚zocken‘ die deutsche Wirtschaft gerade ganz offensichtlich ab (anders kann man das nicht nennen [Kann man schon!]). GM will Milliarden von Deutschen [ich auch, außer es sind Milliarden von Deutschen gemeint!], und Daimler verlagert [Rejoice, Michael Moore!] Arbeitsplätze in die USA und lässt Deutsche [oder nicht doch DEUTSCHE?] Fachkräfte im Trockenen sitzen.
Ja, merkt denn wirklich niemand, dass in solch einer Atmosphäre, in der Deutschland von seinem größten und wichtigsten Verbündeten wirtschaftlich
[alles andere käme wohl nicht in Frage? Ja, okay… Schade!] die Hosen ausgezogen werden, während Deutschlands Staatsräson [?] deutsche [Deutsche?] Kriegsschiffe mit deutschen Steuergeldern verlangt – das Geschenk einfach nur verlangt [und doch nicht bekommt – warum eigentlich nicht?] - eine bis an die Haarspitzen gereizte [no comment!] Bevölkerung normalerweise explodieren würde! Aber sie tut es nicht, denn die Explosion wird frühzeitig künstlich [!] erzeugt [Explodieren sie nun also oder nicht?] gegen den Islam, gegen Muslime, von den lautesten Hasspredigern der USA und Israels zusammen mit der nahezu gesamten deutschen Hofberichterstattung [Hierzulande gibt’s also keine Hassprediger… fein!]. […] Dieses Land ist so weit gekommen, dass man diese für jeden leicht nachprüfbare Wahrheit offen aufschreiben und verbreiten kann, ohne dass es die Spur einer Chance hätte, gegen die nackten [whoah?] Frauen auf den Blättern [Super Illu?], die jedes Verbrechen der USA und Israels unterstützen, auch auf Kosten des deutschen Steuerzahlers! […]
Bliebe noch die Frage, wer denn in der Überschrift des Artikels „Gehorchen Schweizer Faschisten Scharon?“ mit Faschist gemeint ist, Scharon oder die Schweizer, die jene Volksabstimmung angeführt haben. Die Antwort sei dem Leser überlassen.“ (Muslim Markt)

Die Frage bleibt eben nicht, weil mindestens der fehlende Artikel eine Alternative verunmöglicht und wäre er vorhanden, ginge es andersrum nicht. Selbst schuld, so! Derselbe Autor stellte am 10. Januar eine ähnlich ausweglose Frage: „Warum verstehen Zionisten die Unmenschlichkeit nicht?“ (Muslim Markt: http://www.muslim-markt.de/forum/messages/332.htm) Und beantwortet sie nach einigem Hin und Her dann irgendwie im PS: „Es ist nicht die Absicht des Artikels, die Begriffe, Zionisten, Juden, Israelis gleich zu setzten!“ Da hat sich der Artikel aber mal so richtig Mühe gegeben und wenigstens „Begriffe“ sind absolut nicht gleichgesetzt worden…

‚Komatöser Sharon verfügt immer noch über unerklärliche Kräfte! – Die Protokolle der Organsammler von Haiti’

Und trotzdem: Es gibt natürlich absolut zwingende und überhaupt ganz und gar nicht widerlegbare Beweise für die … spooky!… Fähigkeiten einiger whateveryoumaycallthem und dafür, dass sie in der Lage sind, ihre übersinnlichen Kräfte selbst noch im Koma liegend auszuüben:

Hoffnungslos eindeutig bewiesen ist damit natürlich auch, dass nicht eine geheime (niemand, wirklich niemand ahnt auch nur, dass es sie gibt, bis auf die Erleuchteten, die der Matrix entkommenen, Hugo Chavez, Alles Schall und Rauch … in a way… etc. pp. blabla) „US-Erdbebenmaschine“ das Beben in Haiti ausgelöst hat, sondern der unheimlich mächtige Sharon mit seinen tödlichen Gehirnwellen, damit die IDF hemmungslos Organe sammeln und der „unmenschliche“ ‚zionistisch-US-imperialistische Komplex’ seine Gier nach Öl befriedigen kann!
Und ganz gewiss könnte man DIE WAHRHEIT über das Attentat auf das World Trade Center herausfinden, wenn man nur wüsste, welcher ‚nichtreligionsvertretende Zionistenanführer‘ damals gerade im Koma lag.
Und da das alles so furchtbar beängstigend ist, lässt sich der „sagenhafte“ Jürgen Elsässer schonmal eigenes Geld drucken, natürlich beim Rheingold-Projekt. Er nennt es „Zufall“ – aber seine den Himmel und die Felder absuchenden Freunde wissen, dass es keinen Zufall gibt! Das ist so sicher wie von Außerirdischen in Kornkreisen versteckte Botschaften, Chemtrails, Atlantis, Aids aus dem Labor, Nazi-Ufos, die Pyramiden-Lüge und dergleichen mehr Unserweltbildeinfürallemalum-werfendenganzsicherundvollechtentatsachen!

Sinnvollere Lektüre zum Thema:
Basisbanalität – Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie – Heute: Haiti
Cosmoproletarian Solidarity – Haiti, Kapitalismus, „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“
Alan Dershowitz – For bigots, Israel can do no right
Spirit of Entebbe – Zionistische Besatzer landen auf Haiti!
+
The report highlights a relatively new phenomenon – the „modern blood libel“ – the dissemination of unverified or deliberately false reports tying Israel, Israelis or world Jewry to occurrences such as organ theft or kidnapping non-Jewish infants in order to give them to adoptive Jewish parents.“ JPost – ‚Anti-Semitism highest since WWII‘

+ Audioarchiv – Tag-Archiv für ‚zinskritik‘

Later:
Reflexion – Die Insel
UN Watch – U.N. rights council’s Haiti parley is harmful diversion (scroll down)

Update 15.02.10: WADIblog – Mit Innsbruck in die Vormoderne
Frau von Werlhof, Professorin für Frauenforschung an der Uni Innsbruck, hat dem Standard außerdem noch mitzuteilen, sie glaube „gar nichts, aber Fakt ist, dass es die Technologie für künstliche Erdbeben gibt. Und von meiner Theorie her entspricht das genau der These von der patriarchalen Schöpfung aus Zerstörung. Außerdem: Öffentlich wird so etwas überhaupt nicht diskutiert.“
?… ??? … ???? … ????? ad infinitum!

  1. http://german.irib.ir/index.php?option=com_content&view=article&id=30643:yavuz-oezoguz-gehorchen-schweizer-faschisten-scharon&catid=100:minarettverbot&Itemid=44 – ohne Veränderungen im Text bis auf die Anmerkungen und Auslassungen in eckigen Klammern[zurück]

27. Januar


via


via

‚Plädoyer‘ für die ‚Heimatvertriebene‘ Erika S.

Es waren die Vertriebenen, die ihr Leid und ihre Erfahrungen aus einer folkloristischen Nische holten und zum Teil eines gesellschaftlichen Diskurses machten, der zunächst nur wenigen behagte, haftete ihm doch der Ruch des Relativismus an. Heute ist diese Erinnerung immer noch, aber längst nicht mehr allein Sache der Vertriebenen; sie ist Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden, für das die ganze Gesellschaft Verantwortung trägt.“
Alice Bota – Dann eben ohne, Die Zeit

Aber auch die anderen mögen begreifen: Das bittere Unrecht an Millionen von Deutschen – einmalig in der Geschichte – wird nicht dadurch zu Recht, dass es eine Folge deutscher Untaten war, dass es nach ihnen geschehen ist. Ein Raum des Respekts und des Vertrauens braucht den Geist der Freiheit und Unabhängigkeit. Trauen wir der Wahrheit, die sich durchsetzen wird, wenn sich wahrhaftige, kluge, sachkundige Persönlichkeiten auf allen Seiten ihrer annehmen.“
Hans-Jochen Jaschke – Nicht in meinem Namen, Die Zeit

Wie müssen reflexartige Aggressionen vermeiden, und zwar auf allen Seiten. Die Verbrechen von Deutschen in der Hitlerzeit und im Protektorat rechtfertigen nicht Verbrechen von Tschechen in den Jahren 1945 und 46.“
Offener Brief von Erika Steinbach und Peter Glotz an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Prag, Tomas Jelinek, zitiert nach Erich Später – Villa Waigner

Ich will, dass Erika S.1 ihren Sitz im Beirat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung bekommt. Ich will, dass alle Sitzungen des Beirats live weltweit von Phoenix oder der Deutschen Welle oder beiden übertragen werden. Kinofilme sollen über Erika S. gedreht und als deutscher Beitrag für die Academy Awards eingereicht werden – jedes Jahr. Bei Vertriebenentreffen und Spielen der Fußballnationalmannschaft soll das Publikum ihr Gesicht als Mosaik bilden – lächelnd, ernst, lächelnd, ernst. Ihr Konterfei soll auf den deutschen Nachthimmel projiziert werden – über jeder Stadt und jedem Dorf. Herms Niels „Erika (Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein)“ ist neben dem vollständig zu singenden „Lied der Deutschen“ ab sofort Nationalhymne. Bundespräsidentin soll sie werden oder Kaiserin oder Häuptlingin. Schulen, Straßen und Plätze, ganze Städte muss man mit ihrem Namen schmücken. Jede erstgeborene Tochter soll Erika, jeder erstgeborene Sohn Erik A. heißen. Ihr Geburtstag hat höchster nationaler Feiertag zu werden. Sie soll Fahnenträgerin der deutschen Olympiamannschaft sein, Außenministerin und deutsche Botschafterin in allen Ländern der Welt. Nach ihrem Abbild geschaffene meterhohe Statuen sollen jedes offizielle Gebäude zieren. Jede Münze und jeder Geldschein tragen ihr Antlitz. Die Landessprache ist ab sofort Schlesisch! Gegessen werden nur noch Grützwurst, Preßsack, Kohlrouladen und Kartoffelsalat mit Mayonnaise und Dosenerbsen – morgens, mittags, abends. Deutsche Literaturpreise werden nur noch an Grass, Surminski, Brückner, Gräfin Dönhoff, Bienek und dergleichen ums Vertriebensein verdiente Persönlichkeiten verliehen (vielleicht noch an Trojanow, aber Walser ist draußen, weil unvertreibbar!). Jeder Deutsche ist verpflichtet, mindestens ein Foto von ihr in seiner Brieftasche zu tragen und auf Verlangen vorzuweisen. Jeder Deutsche muss sich bei Facebook mit ihr befreunden und als Heimatland Schlesien angeben! Wenn sie es befiehlt, hat man ihr beim Twittern zu folgen!

Das alles, weil es eh völlig egal ist (vgl. die Aussagen von Erika S., ihren Befürwortern und den Deutschen, die sie in dieser Position ablehnen), rumgejammert wird sowieso, und außerdem haben die deutschen ‚Heimatvertriebenen‘ und das deutsche „kulturelle Gedächtnis“ überhaupt keine passendere Repräsentationsfigur zu bieten. Die Weltkartenher-steller allerdings könnten das Gebiet endlich angemessen ausweisen:
Hic sunt dracones!

Recommended reading
Jochen Böhler – Auftakt zum Vernichtungskrieg: Die Wehrmacht in Polen 1939
Erich Später – Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939 – 45
Erich Später – Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft
Robert G. Moeller – War Stories: The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany

  1. „Sie kam mit Hitler ins Land und musste mit ihm wieder gehen.“ Radosław Sikorski, Recht habender polnischer Außenminister [zurück]

Grundlegendes 15: Warning! May cause headache or nausea

Das diesmal unwiderstehliche Bedürfnis, im Elsässer-Blog zu kommentieren (Asche auf’s Haupt!), hat zwar am Ort zu schroffer Zurückweisung (sigh…) geführt, jedoch darüber hinaus zwei wichtige Erkentnisse gezeitigt:
1. Thomas Haurys sehr sinnvolles Nachwort zu Léon Poliakovs „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“ – „Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus“ – löst bei zumindest zwei Elsässer-Kommentatoren Abwehrreaktionen auf z.B. Fremd(!)wörter(!) aber auch wahlweise Kopfschmerzen oder Übelkeit aus. Das zu wissen, könnte sich eines Tages womöglich als sehr hilfreich herausstellen, und
2. ist der Text (hier und hier) online verfügbar.

Exzerpt: „Das antiimperialistische Weltbild macht keine Fehler, es ist der Fehler: Es tendiert notwendig dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu simplifizieren, zu verdinglichen und zu personifizieren, sie verschwörungstheoretisch zu mißdeuten und damit eine auch moralisch binäre Weltsicht zu entwickeln. Weil diese unreflektierten Bedürfnisse nach Veränderung, kämpferischer Gemeinschaft, eindeutigem Feind und einfach zu durchschauenden Verhältnissen hierzulande nicht erfüllt werden können, werden sie in die Fernen des Trikont projiziert. Die unkritische Identifikation mit den nationalen Befreiungsbewegungen muß zwangsläufig zur Unterscheidung von guten und schlechten Staaten, zur Verwechslung von sozialer Revolution mit nationaler Befreiung und schließlich zur Entdeckung guter Völker führen, die gegen das als ‚Imperialismus‘ bezeichnete Böse kämpfen.“ (Ebd.)

Meilensteine deutscher ‚Vergangenheitsbewältigung’ II: 1998

Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.
Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998

In meiner Reihe sind lediglich Schorlemmer, meine Frau und ich sitzen geblieben. Ich war, was die Gesellschaft angeht, was die Öffentlichkeit angeht, ziemlich allein. Ich habe zwar einige Briefe bekommen, aber es war eine Minderheit, die mir zugestimmt hat, und es war wenig Prominenz dabei.“
Ignatz Bubis im Interview mit Hermann L. Gremliza, Konkret 02/99

Die deutsche Spaßgesellschaft starb nicht erst 2001. Tatsächlich war sie nur eine der vielen BegleiterInnen auf dem Weg in die „deutsche Normalität“ und bereits 1998 hoffnungslos ausgelaugt worden. Der leise an dafür zuständiger Stelle beklagte ‚Hedonismus’ (was ein Missverständnis war) erschöpfte sich beim Media Markt-Einkauf oder im 2-tägigen Love Parade-Karneval mit vertikalen und horizontalen Turnübungen (man kennt das aus Köln, wo es nur abgesagt wird, wenn den Deutschen genehme Diktaturen gefährdet sind): Dem mit ein paar musikvortäuschenden phantasielosen Schleifen oder auch Rüschen garnierten 4/4-Takt (hierzulande kann man nicht anders mitklatschen – and that’s a fact!) lag ausschließlich die Aufforderung zum Mitmachen zugrunde; das vorgeblich Einzigartige konnte erst in der gemeinschaftlichen Masse zum Beweis gerinnen. Nur weil ihre hartnäckigsten Verehrer protestierten, schloss man die Spaßgesellschaft kurz an die Apparate an. Nach dem Abschalten wurde die Leiche noch einmal hübsch bunt angemalt, aufgebahrt und schließlich am 11. September 2001 (Peter Scholl-Latour) begraben. Am 12. begaben sich die Deutschen kurz in die Kirche, um für sie zu beten. Am 13. verwechselten sie wie üblich Täter und Opfer.
Am Ende der Spaßgesellschaft wollte auch Martin Walser mal wieder beweisen, dass er zur Gemeinschaft gehörte und forderte im Oktober 1998 ungehinderten TV-Genuss ein. Nichts mehr sollte ihm die Freude an der Schönheit und Farbenfreude des deutschen Fernsehens verderben. Selbst noch die exkulpierenden Schwarz-Weiß-Berichte von „unserer geschichtlichen Last“ waren ihm zuviel. Womit er sich dann doch als ein wenig der Gemeinschaft hinterherhinkend zu erkennen gab, denn der ging damals endlich auf, dass die offensive Geschichtsbewältigung (die sich als ein ebensolcher Exportschlager wie die Love Parade und der KdF-Wagen erweisen musste) wahrscheinlich der effektivere Umgang war – woraufhin ‚das eine Volk’ im September die ‚guten Deutschen’ dazu auserkoren hatte, den Fortgang der Geschichte ein wenig bunter zu gestalten.
Walser jedoch durfte nicht zurückbleiben, und die gesammelte deutsche Kultur- und Politprominenz eilte ein Stück des Weges rückwärts, um den zweiteinflussreichsten ‚Intellektuellen’ der Nation (Cicero, 2007) zu stützen und mit ihm eine noch bequemere Abkürzung zu suchen. Was ihnen in konzertierter Aktion auch gelang, nachdem man sich mit Empörung und nicht mal mehr vorm eigenen Mut zitternd des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland entledigt hatte, der es gewagt hatte, einen der ihren zu Recht vorübergehend als geistlosen… pardon… „geistigen Brandstifter“ zu bezeichnen.
Die, welche in Frankfurt nicht einmal eingeladen waren, holten die standing ovations mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nach und bewiesen einmal mehr, wie unmöglich es in Deutschland ist, seine Meinung zu ‚bestimmten Themen’ offen zu äußern.

Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“
Rudolf Augstein – Wir sind alle verletzbar, Der Spiegel, 30.11.1998

Allerdings müssten sich natürlich auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten Deutschen verhalten hätten, wenn nach 33 ‚nur’ die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären“.
Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg

Monika Maron vermutete „Gesinnungsdiktatur“. Der frischgewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder beklagte, dass Dichter mehr dürften als er. Und „der Kunstgewerbler Walter Jens knetete die Denkfigur, daß »dem millionenfachen Schrei allenfalls durch das Flüstern und das Schweigen beizukommen« sei, und riß sogleich das Maul auf gegen die »Monumentalität« des geplanten Mahnmals.“ (Hermann L. Gremliza – Schlamm drüber!, Konkret 11/98) Etc. etc. etc. etc. Walser erhielt „Tausende“ zustimmender Briefe und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, darauf zu verweisen – so ist das in Gesinnungsdiktaturen: Niemand traut sich, seine Meinung zu sagen.
Die Reihen schlossen sich im „Wir“ gegen die Usurpatoren deutscher zwei, drei, vier… ein Lied… Lebensfreude. Und nur drei Jahre nach Dr. Motte stimmte endlich das ganze Volk mit ein in seinen 1995 aus dem Tagesspiegel erschallenden Schlachtruf: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ Das musste noch von Walser et al. übersetzt werde, danach aber galt der wieder fröhlich einsetzende deutsche Patriotismus den mehr oder weniger jungen Deutschen nur als die „Fortsetzung der Spaßgesellschaft mit anderen Mitteln“ (© by AdG) – während es sich eigentlich um eine deutsche Endlosschleife (Das neue Deutschland, das nicht neu, sondern wiedervereinigt sein will, braucht die Vergangenheit mehr denn je.“ Detlev Claussen – Deutschland. Ein Wintermärchen, Zürcher Tagesanzeiger, 10.12.1998) handelte, und man sie diesmal nicht mal mühsam zum Teilnehmen hatte verführen müssen – mit aufwändigen Reichsparteitagsaufmärschen und dergleichen; es reicht, wenn einer die turntables bedient. Party down your pants!
Bereits im April 1998, auf den Tag genau 109 Jahre nach Adolf Hitlers Geburt (20.04.1889), hatte die RAF zur Kenntnis genommen, dass wieder ein Volk sich selbst bestimmen durfte und nicht mehr wehrlos dem US-Imperialismus ausgeliefert war und löste sich in Wohlgefallen auf. Selbiges schien sich auch der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes (bereits 1959, die einflussreichen deutschen ‚Intellektuellen’ bekommen das alle, so auch Martin Walser, erst 1987), Elite-Deutsche par excellence und zeitweise bekennende Antisemit Ernst Jünger gedacht zu haben und starb nach 102 Jahren des Dienstes am Deutschtum – Tümeln hätte er weit von sich gewiesen. Neben der Kür gibt es allerdings auch für deutsche Preise ein Pflichtprogramm und so verlieh man Steven Spielberg am 10.09.1998, einen Monat vor Walsers Erfahrungsbericht, für die Gründung und den Aufbau der „Shoah Foundation“ den Großen Bundesverdienstorden mit Stern.1
Unschön nur, dass im Sommer 1998 die von den deutschen Antiimperialisten (links wie rechts wie in der Mitte) so verabscheute Globalisierung etwas möglich zu machen schien, woran man nicht mehr zu glauben gewagt hatte: In den USA verklagten Opfer des Nationalsozialismus die Dresdner und die Deutsche Bank auf Schadensersatz und beschuldigten sie zu Recht, das „Dritte Reich“ tätig unterstützt und mit dem geraubten Eigentum der Juden Gewinne gemacht zu haben. Zu der Zeit enthielt man sich von Regierungsseite noch der Insektenvergleiche und veranlasste eine zynische ‚Wiedergutmachungsaktionen’ (an denen die deutsche Geschichte so reich wie knauserig ist). De facto bekam gemessen am Verbrechen so gut wie niemand so gut wie nichts, aber das reichte immer noch, um sich als großzügig und vor allem vorbildlich darzustellen. Dem Volkswillen gerecht zu werden und „Nein!“ zu sagen, bot sich nicht an; die Globalisierung hatte die deutsche Wirtschaft aus dem ‚Ausland’ angreifbar gemacht, wohin man alles, was man gerade nicht vernichten konnte, vertrieben hatte und außerdem würde „das neue deutsche ‚Wir’ […] unbestimmt bleiben, wenn es nicht die Juden gäbe. Sie werden instrumentalisiert, um ‚nichtjüdischen Deutschen’ – wie man heute so sagt – ein ‚Wir’-Gefühl zu geben.“ (Detlev Claussen, ebd.) Und in naher Zukunft würde der neue Außenminister Joschka Fischer den alten Spontiwitz „Wir sind wieder wer, aber wer und wieso eigentlich immer wir?“ fast im Alleingang beantworten wollen: ‚Nur ‚wir’ haben die richtigen Lehren aus Auschwitz gezogen, und die heißen alle „Nieder wieder!“’ – nichts mehr, das ‚uns’ nicht in den Kram passt oder woraus ‚wir‘ nicht als moralische Sieger hervorgehen können, und wenn man die alte Ustascha-Connection wiederbeleben muss. 1999 verhinderte eine deutsche Regierung endlich Auschwitz und 2003 Hiroshima. Ohne die Projektionsfläche war das nicht möglich. Das war so diffus, wie es sich hier liest und lässt vermuten, die Deutschen wüssten nicht wirklich, was sie wollen.
Tatsächlich ahnt und raunt es und äußert sich nur im Jargon. Und trotzdem: Detlev Claussens Annahme „Deutschland [scheine] von seiner eigenen Generosität überfordert“ (ebd.), ist nicht nur eine Vermutung, sondern drückt Deutschlands Glauben an sich selbst und Streben seit der bedingungslosen Kapitulation aus. Gleichgültig, wie es erreicht wird: „Es muss endlich Schluss damit sein.“ Was sie wollen, wissen sie, aber es ist eine nochmals pervertierte Missgunst und darf sich nicht eingestanden werden. Der Weg zur Erfüllung des Wunsches bedarf des ziellos anmutenden (zugeben gilt nicht!) Herumtastens – er liegt im romantischen Dunkel und ist sich oft selbst Ziel, wenn er im ‚mutigen Bruch von Tabus’ vorerst mal im Dickicht endet. Walser und Schröder und Fischer und dergleichen wagten sich ins Unterholz und konnten Schneisen in den deutschen Wiederfindungswald schlagen. Wenn überall Auschwitz ist oder Warschauer Ghetto oder Vernichtungskrieg oder oder oder (je nach politischer Couleur), muss man sich nur noch auf die Seite der Opfer schlagen, in die man sich projizieren darf und schon ist man dem Waldrand ein Stück näher – und dahinter wartet dann endlich der Platz an der Sonne.
Martin Johannes Walser („Unser Auschwitz“) war so ausgiebig mit Mitleid und Lob für seine erfolgreiche Stilisierung der Deutschen als Opfer bedacht worden, dass er sich 2002 gleich den nächsten repräsentativen Juden vorknöpfte, ihn literarisch („die einzige Sprache, die mir nichts verkaufen will“, Walser) ermordete und dennoch nicht sterben ließ, weil das Vorurteil will, dass der ewig wandert. Die Reaktionen waren diesmal ein wenig (!) zurückhaltender, einige wenige witterten gar antisemitische Tendenzen, wurden jedoch schnell eines Besseren belehrt. Als allerdings Matthias N. Lorenz 2005 in ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser nachzuweisen wagte, dass das alles schon immer dagewesen war, und zwar am Ort, an den Walser seine Kritiker verwiesen hatte: in seiner Belletristik nämlich, die Lorenz unverschämterweise auch noch mit den essayistischen Texten abzugleichen sich traute, begann das Geschrei erneut. Das Ressentiment durfte mittlerweile mindestens angedeutet werden, aber nicht, dass es sich bereits seit über 50 Jahren durch’s Werk und durch’s Land zog – es musste vom naiven opferbemitleidenden, ja verzweifelt liebenden Deutschen ausgegangen werden, der erst durch die Perfidie und Rachsucht, mit der die Deutschen verfolgt („Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ Walser) wurden, zum Ergebnis geführt hatte.

Daß sich Johann jeden Abend, bevor er sich ins Bett legte, noch bückte und schaute, ob nicht ein Zigeuner oder sonst ein Bedrohlicher unter dem Bett liege und, das hat er von der Mutter gelernt“.
Martin Walser – Ein springender Brunnen

Im Februar 1999 hat ein langjähriger Autor der Redaktion mitgeteilt, daß in einem Blatt, das den ‚Obergauner Bubis’ gegen Martin Walser verteidige, für ihn kein Platz sei. Der Herausgeber hatte geantwortet, er könne da leider nicht widersprechen.“
Konkret online

Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den noch (!) oder wieder hinterherhinkenden Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“. Aus einem scheinbar unentwirrbaren Wust aus Schuldzuschreibung, Angstzuständen, vorgeblicher Widerständigkeit, Anpassungszwang, pseudo-heroischen Alltagsgesten, wilden Umschreibungen, detaillversessenem Ausmalen von Körpersprache etc. etc etc.- einem literarischen Desaster, das vom verkrampften Drumherumschreiben geprägt ist und vorspiegeln sollte, Auschwitz sei eben nicht da (was ich nicht sehen will, das gibt es nicht) – ertönen deutlich die Schreie: ICH AUCH! ICH NICHT! ICH OPFER! ICH ICH ICH! ICH WILL NICHT! ICH WILL AUCH! So lange glaubte Walser, drumherum schreiben gehabt zu müssen, dass er in der Paulskirchenrede zu explodieren glauben musste und die Konstruktion des gewünschten ICH sich endlich in der ihm notwendig erscheinenden Abgrenzung artikulierte: IHR WOLLT, DASS ICH! IHR ZWINGT MICH ZU! IHR MACHT DAS ALLES! IHR SEID ZU MÄCHTIG!
Das Bedrohliche unter seinem Bett bedrohte ihn nur in einer Hinsicht: In seinem Leiden und mit seinen Erfahrungen nicht lauthals mitreden zu dürfen – irrelevant zu sein, weil er nichts zu sagen habe – weil ihm jenseits des ostentativen Leidens das Individuum nichts gilt: „Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.“ Einem Großteil der deutschen Nachkriegsschriftsteller, die ihre Relevanz im Aufgehen des individuellen Leids in der kollektiven Erfahrung des ‚unschuldigen’ Entbehrens und Niedergangs, in der Größe ihres Opfers vermitteln wollte, kam der Sinn mit Auschwitz abhanden – woraufhin sie sinnlos drauflosschrieben. Linksrechtslinks gab es nur Neid und Missgunst angesichts der ‚Tiefe des Abgrunds’, den ‚die Anderen’ geschaut hatten und vor dem man selbst feige die Augen verschlossen hatte. Dass das ganz und gar nicht beneidenswert war, kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Das ist die größte Perversion des Postnazismus und trägt daher alle ‚Bewältigungsphasen’ mit Leichtigkeit, gleichgültig, ob sie ignorieren, abwehren, anerkennen, sich identifizieren, Schuld umkehren oder sich selbstbewusst behaupten und so weiter und so fort!
Die Opferneidischen, deren große narzisstische Kränkung nicht notwendigerweise aber doch meistens im sekundären Antisemitismus gipfelt, müssen sich permanent beweisen, dass sie verkannt werden, dass sie eigentlich selbstlose Streiter sind, dass ihnen ganz im Gegenteil ‚die Anderen’, die Gierigen und selbst das Mitleid noch Raffenden nichts gönnen.
In den altruistischen Kämpfern für die deutsche Wahrheit meinten auch Jüngere ein Vorbild zu erkennen – der Erfolg hat viele Söhne. „Die öffentliche Austragung dieses Konflikts hat die Republik stärker verändert als alles bisher Vergleichbare.“ (Claussen, ebd.) Auch solche, die erst spät sich mit dem Vater versöhnen wollten, die landeten dann bei der Jungen Freiheit oder gründeten eine Volksinitiative und unterscheiden sich nur im Jargon, in dem der eigene Standpunkt bezeichnet wird. Der Nächste meldet sich bereits, noch ein wenig zögerlich, aber der Weg ist schon so ausgetreten, dass es unwahrscheinlich ist, dass er noch von ihm abweicht.

Bubis hat gesagt, er würde den Vorwurf, ich sei ein geistiger Brandstifter, zurücknehmen, und ich sollte das entschuldigen. Doch ich war so verkrampft durch die Geschehnisse, dass ich nicht fähig war, ihm die Hände entgegenzustrecken.“
Martin Walser im Interview, FAZ 2007

Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte. Ich habe geschrieben eine unglücklich verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker.“
Ebd.

Der eine ist tatsächlich tot und wollte aufgrund der grausamen Erkenntnis, die ihm der Autor mit hinter dem Rücken verschränkten Händen verschafft hatte – nämlich die, dass ihn seine Ahnungen nicht getrogen hatten – nicht einmal mehr hier begraben werden; den anderen hat Walser schrifthandwerkelnd ein wenig ermordet. Er hat sich ja nur gewehrt. Weil er nicht zurückgeliebt wurde?
Der Volksinitiativengründer kündigt auf seinem Blog Deutschsichwehrendes von Christoph R. Hörstel an: „Wir stehen in neuer Frische am alten Platz (am Bundeskanzleramt) um 13 Uhr bereit, um klarzumachen, dass der Spaß in Deutschland vorbei ist. Wir sind ernsthaft gegen Israels Politik.“
Kennt man ja: „Das Lachen wird ihnen schon noch vergehen!“

  1. Woraufhin 11 Jahre später ein deutscher Eiskunstlauftrainer dachte, nun könne man es nach Katarina Witt (1994 – sie verband das sinnigerweise im Verlauf der Olympiade mit „Sag‘ mir, wo die Blumen sind“) einfach nochmal wagen, seine Eleven den Soundtrack zu Spielbergs „Schindler’s List“ – wer deutsche Preise annimmt, hat dazuzugehören – beeiskunstlaufen zu lassen – denn nur die Deutschen glauben sich in der Lage, dem Thema die angemessene Tiefe zu verleihen, dazu braucht es deutsches Leiden an Auschwitz. Niemand störte sich daran, bis auf die taz irgendwie vielleicht, und die Juroren machten es der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nach, wo auch immer gedacht wurde, deutsche Filme über den Nationalsozialismus bewiesen endlich Einsicht, wofür es dann regelmäßig den Oscar für den Best Foreign Language Film gab. Mittlerweile aber kann man bereits Filme über Stasiopfer als preiswürdig verkaufen. [zurück]

Recommended reading
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Thomas Haury – Zur Logik des deutschen Antizionismus in Léon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus
Tobias Jaecker – Die Walser-Bubis-Debatte: Erinnern oder Vergessen?
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation
Joachim Bruhn – Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation
Lars Rensmann – Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland

Rebel Clown Torture. Eine „Collage im Rahmen der Möglichkeiten“

Für CdG

Leider hat es für eine ernsthafte Auseinandersetzung dann doch nicht gereicht. Ich präsentiere die Hauptmotive in Form einer „Collage im Rahmen der Möglichkeiten“:

Die zukünftigen Clowns tanzen, springen, weinen, kriechen und lachen; vor allem. Sie mutieren im Spiel evolution von Amöben zu Drachen um bestenfalls als aufgedunsene, sprachlose [seltsam!] Kartoffeln zu enden. Eine absurde Diskussion wieviel weniger Chromosomen die Kartoffel als ein Mensch hat, schließt mit dem Fazit, dass ein Regenwurm immerhin keine Atombombe bauen könne.“
General Shanti Avanti* – Erfahrungsbericht vom „Clandestine insurgent rebel clown army“-Training in Fürth


Bruce Nauman – Clown Torture

Ich entdecke die Gemeinsamkeit von Besenborsten, den Dreads einer Clownine und meinen Barthaaren. Schüchterne, zärtliche Blicke machen uns zu einem Paar, der Besen wird zum Zepter für das Zeichen unserer Macht. Welcher Macht auch immer [Freuds Antwort wäre eindeutig … aber sowas von eindeutig!]. Das Erwachen nach dem Ablegen der Nasen hat einen Hauch von Pubertät: Das Vertraute, Kindliche ist gegangen, eine fremde, kalte Welt stürzt auf mich ein.“ Ebd.


Stephen King – It

Ich heiße ab heute Shanti Avanti [ja, schön, das mit den Namen – wie beim Bhagwan aka Osho; klingt auch so ähnlich: Chaitanya Hari Deuter mit dem gewissen… yeah!… Sponti-touch]. Ab Morgen verpasse ich mir sogar noch den Titel General, nachdem die Widerwehr vor militärischen Titeln in clowneskem Nihilismus [?] aufgegangen ist, was einen weiteren Clownsschritt in Richtung Unkontrollierbarkeit darstellt. Die eigene Persönlichkeit tritt damit zurück, Emotionen dafür nach vorne. Darum lerne ich auch ohne Widerstreben stramm zu marschieren.“ Ebd.


Ronald McDonald

Brain tagged with: Triple P für Politaktivisten, Rodeo Clowns („Da gibt’s ja auch ‚Bullen’“ – © by CdG), Medienzirkus, virales Marketing, Studienplätz-chenbacken etc. pp. (Irgenwann kommt noch (!) mehr zu ‚kreativem Protest‘…)

* Die Zitate wurden unverändert und ohne jeglichen Hinweis auf irgendetwas (außer den aussagekräftigen Namen und ein paar Fragezeichen und überhaupt) übernommen, um der Kreativität des Autors zu huldigen. Die auf die Zitate folgenden Videos sind nicht als inhaltlicher Kommentar sondern als Illustration des Zustands der Verfasserin beim Rezipieren des Originaltextes zu verstehen + an entsprechender Stelle als Bruce Nauman show case und in dem Kontext auch als Protest gegen Rowohlt, die den Einband der Taschenbuchausgabe von Michel Houellebecqs eben nicht „skandalösem“ sondern unspektakulär rumjammerndem „Ausweitung der Kampfzone“ mit dem Foto eines unpassenden Nauman-Werks versehen haben – warum nicht mit diesem? Whatever…

The essence:

Recommended reading
Magnus Klaue – Wir klatschen in die Hände und schreien »Yeah!«
Magnus Klaue – Angriff der Kuschelguerilla
Bruce Nauman im Interview – »Die Kunst erlöst uns von gar nichts«
Theodor W. Adorno – Ästhetische Theorie
Samuel Beckett – Der Verwaiser

Grundlegendes 14

„Da sich der größte Teil dieser revolutionären Gruppierungen in der Dritten Welt als nationale Befreiungsbewegungen begriff, wurde soziale Emanzipation auch von den Solidaritätsbewegungen der Industrieländer zunächst mit der Erlangung nationaler Souveränität gleichgesetzt. Bei der unkritischen Übernahme der trikontinentalen Revolutionsrhetorik wurde allerdings übersehen, daß der Sieg der verschiedenen Guerillagruppen in der Regel nicht das Geringste mit sozialer Befreiung, der Abschaffung von Unterdrückung oder dem Ende des Patriarchats zu tun hatte. […] [I]m Normalfall entstanden offen terroristische Diktaturen, deren Führungseliten sich bereits kurz nach der Übernahme der Regierungsgewalt von den zuvor zumindest noch zaghaft vertetenen emanzipatorischen Forderungen verabschiedet hatten. Herrschaft wurde im Rahmen des antiimperialistischen Weltbildes in erster Linie als Fremdherrschaft imperialistischer Mächte über „unterdrückte Völker “ wahrgenommen, Ausbeutung als fremde Machenschaft begriffen.“
Jan Gerber – „Schalom und Napalm“. Die Stadtguerilla als Avantgarde des Antizionismus in Joachim Bruhn/ Gerber (Hg.) – Rote Armee Fiktion

„Wer von Israel spricht, thematisiert, ob er will oder nicht, die Massenvernichtung der europäischen Juden. Das Wort ‚Antizionismus‘ sollte diesen Zusammenhang suspendieren. Der gegenteilige Effekt stellte sich ein. Seit 1968 erwirbt man sich durch ein antizionistisches Selbstverständnis die Berechtigung, auch einmal die Juden zu verfogen – und sei es auch nur mit Kritik. Die rhetorische Frage, ob denn Israel außerhalb jeder Kritik stünde, wird als salvatorische Klausel benutzt wie „Some of my best friends are Jews, but…“. […] Eine Linke, die ihren Untergang kommen sieht, wenn sie ihr moralisches Überlegenheitsgefühl verliert, muß vielleicht so reagieren, aber sie verliert ihre moralische Existenzberechtigung, wenn sie sich von der Machtpolitik des Status quo nur durch den Status der Ohnmacht und nicht durch ein anderes Reflexionsniveau unterscheidet.“
Detlev Claussen – Versuch über den Antizionismus. Ein Rückblick, Vorwort zu Léon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus

„Some of my best friends are Germans“.
Eike Geisel – Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen

Megalomanie I: „Cicero“ – raising the dead!

Das „Magazin für politische Kultur“ stellt „[a]lle Autoren, Fotografen, Maler, Karikaturisten, die für Cicero tätig sind“ vor. (Man beachte den Präsenz und die Anpacken suggerierende Formulierung!) Neben den ebenso sprachlich wie analytisch herausragend begabten Beitragenden Hans-Olaf Henkel, Bernard Schlink, Boris Becker, Kai Diekmann, Sigmar Gabriel, Katrin Göring-Eckard und dergleichen mehr (ich mag heute nicht mehr über G hinaus recherchieren…) findet sich unter den für Cicero handwerkenden Autoren auch … Theodor W. Adorno („[g]enialer Geistesheld oder totalitärer [?… !! … ??? ad infinitum] Meisterdenker?“, Cicero) – Werdegang: Theodor W. Adorno (1903 bis 1968) war als Philosoph und Soziologe einer der exponiertesten Vertreter der Frankfurter Schule. Veröffentlichungen bei Cicero: Geist und Grauen absolut1“, Cicero.
Noch ein kleiner Auszug aus dem exklusiv auf’s publizierende Organ zugeschnittenen Artikel:
„Die deutsche Tirade und Sentenz ist den Franzosen nachgeahmt, aber am Stammtisch eingeübt. In den unendlichen und unerbittlichen Forderungen spielt der Kleinbürger sich auf, der mit der Macht sich identifiziert, die er nicht hat, und durch Arroganz sie überbietet bis in den absoluten Geist und das absolute Grauen hinein.“

  1. Auch sehr stilvoll: Das beim Bilderfürallezweckebilliganbieter entdeckte, sinnlos verfremdete Autorenfoto neben dem Aufsatz… [zurück]