Archiv für Dezember 2009

Meilensteine deutscher ‚Vergangenheitsbewältigung‘ I: 1979

Was ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Holocaust“ – dem Titel der aufsehenerregenden Fernsehserie, die diesen Begriff in Deutschland bekannt machte?
○ Großes Unheil
○ Völkermord
○ Brandopfer
Richtig. Das Wort Holocaust geht zurück auf die kultische Handlung eines Brandopfers [sic]. Treffender für den Massenmord an Juden im Nationalsozialismus ist das in Israel übliche Wort Shoah. Es bedeutet soviel wie „großes Unheil
.“
(Quizfrage auf der Homepage der ARD zur Reihe 60x Deutschland, 1979)

Bis zur weltweiten Ausstrahlung der TV-Serie Holocaust [in der BRD 1979] schien es jedenfalls, das Thema Auschwitz sei erledigt, und es bedurfte in Ost und West enormer Beharrlichkeit, um Kulturproduzenten dazu zu bringen, in einen schwer verdaulichen und daher als unverkäuflich geltenden Gegenstand, der sich nicht einmal mit leichter Zunge benennen ließ, zu investieren. Mit „Holocaust“ aber war das Zauberwort gefunden, das Auschwitz verschwinden ließ. Heute läßt sich nur noch als Resultat feststellen, was man vor über einem Jahrzehnt befürchten konnte: Nicht die gesellschaftliche Erinnerungsschwäche hat Auschwitz in einen Nebel der Vergangenheit gehüllt, sondern der kulturindustrielle Artefakt, den man „Holocaust“ nennt, hat Auschwitz verdrängt. Das Stichwort Holocaust besitzt inzwischen eine sinnstiftende Funktion, weil es einen emotionalen Fluchtpunkt vor der intellektuellen Erinnerung erfahrener Sinnlosigkeit bietet.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Vorwort zur Neuausgabe 1994

1979 war auch das Jahr, in dem Walter Abish seinen Roman „How German Is It/ Wie deutsch ist es“ (PEN/Faulkner Prize) vollendete. Abish wurde am 24.12.1931 in Wien geboren und flüchtete 1938 mit seiner Familie vor den Deutschen zuerst nach Frankreich, dann Schanghai, von 1949 bis 1956 lebte er in Israel und wohnt seit 1957 in den USA. Bis zu einer Lesereise im Jahr 1982 hatte er Deutschland nie besucht, und trotzdem (oder deswegen) beschreibt er in „How German Is It“ die ‚Stimmung Deutschland’ so eindringlich, wie es fast zehn Jahre später nur Gisela Elsner in „Heilig Blut“ oder Lion Feuchtwanger in den 1930ern vermochten. Abish erzählt u.a. von den hartnäckig berechnenden Versuchen der Bewohner einer süddeutschen Kleinstadt (Brumholdstein – benannt nach einem Philosophen, der unschwer als Heidegger zu erkennen ist), ihre nationalsozialistische Vergangenheit buchstäblich zu begraben und alle Opfer als deutsche Opfer zu deuten. Der letzte Satz des Romans, der vorgibt, eine Frage zu sein, wirkt in seinem Anspruch nach dem zuvor Geschilderten wie eine Demaskierung: „Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory of a dream to end all dreams?“
Seine Lesereisen durch Deutschland sind zentrales Thema in Abishs Autobiographie „Double Vision. A Self-Portrait“. Wie zuvor Jean Améry und später Yoram Kaniuk wagte sich Abish nur über Umwege ins Land der Täter. Alle drei haben lange gezögert, deutschen Boden zu betreten und keiner von ihnen schaffte es ohne Innehalten vor dem letzten Schritt, ohne sich wieder zurückzuziehen oder ohne das Bewusstsein, eine Grenze überschritten zu haben – nicht nur die zwischen Dänemark und Deutschland oder Holland und Deutschland – sondern eine ihnen von den Deutschen gesetzte.
Die oft kafkaesken Erfahrungen Abishs, der während seiner beiden Aufenthalte in Deutschland mit allen Stadien der ‚Vergangenheitsbewältigung’ konfrontiert wurde, kulminieren in der nicht ausgesprochenen Ahnung vom postnazistischen Deutschland als einem Neuschwansteinland der ‚Aufarbeitung’ und ‚Bewältigung‘ des Nationalsozialismus.
Das, was den Wahnsinn repräsentiert, muss ihn zugleich verhüllen und rechtfertigen, muss ihn groß machen, um ihn kleinreden zu können. Es lädt ein und verwehrt trotzdem den Zugang. Der Besucher dient der Selbstbestätigung, wird auf seinen Platz als Zuschauer verwiesen und soll nach der Publikumsbeschimpfung auch noch klatschen. Und wenn man ihm im Hofbräuhaus jovial erzählt, er säße nunmehr an Hitlers Tisch – was einer Freundin von Abish widerfuhr (ebd.) – muss er den Schauder als willkommen annehmen. Tut er das alles nicht, hat er nicht verstanden, was er nicht verstehen soll. So deutsch ist es. Das ‚echte’ Deutschland gleicht dem Romandeutschland – eine bei Abish ebenfalls unausgesprochene Ahnung. Es täuscht permanenten Rechtfertigungsdruck vor, um sich am großen Gefühl des Unverstandenseins zu erfreuen, wie es nur der Romantiker, der den Abgrund geschaut hat, kann. Weil, wie der Deutsche Dichter jubilierte, Auschwitz „eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte, jetzt endlich kennen wir uns“. Selbst in der Tat, deren Größe nur verlegen zugegeben werden darf, ist man Opfer seiner überwältigenden Natur geworden. Bewundern kann man diesen wohligen Schauer auch in den Werken von z.B. Hans-Jürgen Syberberg oder Anselm Kiefer. Eines Tages aber besannen sich die Deutschen mal wieder auf alte Tugenden und erkannten erneut, dass die Gänsehaut angesichts der eigenen Größe nichts ist ohne die Sensibilität des Auftraggebers. Alles in Deutschland ist auf Leichen gebaut (siehe auch Gerhard Scheit – Die Meister der Krise) und dieser, ihnen wohlbekannten, Tatsache versuchten sie im Laufe der letzten Jahrzehnte mit unterschiedlichen Strategien beizukommen. In Abishs „Brumholdstein“ wollen die Bewohner zu Anfang die aus dem Asphalt hervorbrechenden Skelette im wörtlichen und übertragenen Sinne als eine Phase überbrücken und danach zu ihresgleichen, zu Opfern der Alliierten erklären. So weit der übliche Weg.
Von vielen Deutschen wurde die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ im Deutschland des Jahres 1979 als ein ähnlicher Vorfall empfunden. Doch die Opfer, die da über den deutschen Fernsehzuschauer hereinbrachen, waren (zunächst) nicht zur Unkenntlichkeit gefoltert, vergast, nicht zu Asche verbrannt, zu Staub zermahlen und als Rauch in den Himmel geblasen worden. Vorgestellt wurden sie ihnen als Nachbarn, Familienmitglieder, Bräute und Freunde. Als das also, was sie in Deutschland bereits vor dem Nationalsozialismus nur selten einfach so sein durften. Erst die Lüge machte das möglich, was seitdem als der große Umschwung im Bewustsein der Deutschen gilt, aber nichts anderes war als die Fortsetzung der Identitätssicherung mit anderen Mitteln. Die gerührten Deutschen fügten dem Mädchen Anne Frank, das „man doch wenigstens hätte verschonen sollen“ eine Ersatzfamilie hinzu, nachdem man dessen Vater denunziert hatte. Und wieder machten sie alles gleich, indem sie sich sentimental an die Stelle aller Opfer imaginierten.

Unter emotionaler Anstrengung sollte nicht identifikatorisches Verhalten mit Tätern oder Opfern verstanden werden. Es gehört zum psychologistischen Mißbrauch der Psychoanalyse, unter der auf psychotherapeutische Zwecke gemünzten Devise „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ das nationalsozialistische Verbrechen zu verarbeiten, als ob das Individuum allein Auschwitz als Teil seiner Lebensgeschichte fassen könnte. Aus dieser Praxis folgt notwendig ein sentimentales Verhältnis zum Verbrechen, das einerseits das reale Geschehen verniedlicht und andererseits dem Individuum angesichts des millionenfachen Mordes Souveränität suggeriert, die nur falsch sein kann. Einfühlung und Empathie haben notwendig an Auschwitz ihre Grenzen, und das Bewußtsein der Nachgeborenen schärft sich nur im Wissen vom Unterschied, nicht im identifikatorischen Gleichheitsgefühl, das Opfer, Täter und Nachkommen nebeneinander stellt.“
Detlev Claussen, ebd.

Ein Millionenpublikum erkennt erschüttert, was die Deutschen ihren jüdischen Nachbarn angetan haben. Günther Rohrbach im Interview: „Es stellte sich heraus, dass ein großer Teil des deutschen Volkes nichts davon wusste. Dass die jungen Menschen das nicht wahrgenommen hatten.“ Günther Rohrbach ist beim WDR für die Ausstrahlung der Serie verantwortlich. Rohrbach: „Und jetzt gab es aber einen Film, der es den Zuschauern erlaubt hat, sich mit diesen jüdischen Opfern zu identifizieren. Also die ganze Sache auf eine andere, intensivere Weise zu erleben. Und ich glaube, das war der entscheidende Durchbruch.“ Über 20 Millionen Deutsche verfolgen das Fernsehereignis des Jahres. Bei den Sendern laufen nach der Ausstrahlung die Telefone heiß. O-Ton: „Allein heute haben hier und bei anderen Stellen des WDR 4500 Bürger angerufen. Fast 20.00 Zuschauer haben seit Montag beim WDR und den anderen ARD-Rundfunkanstalten ihre Meinung zu Protokoll gegeben. Rohrbach: „Es gab damals Anrufe von entsetzten, fragenden jungen Menschen, die sagten: Kann ich mit meinem Vater, mit meinem Opa überhaupt noch reden? Muss ich nicht fürchten, dass der auch in irgendeiner Weise verwickelt war? Es war auch ne große Irritation, die da einsetzt.
(60x Deutschland, 1979, ARD)

Auch der turning point war nur vermittels der Lüge zu haben: „Es stellte sich heraus, dass ein großer Teil des deutschen Volkes nichts davon wusste.“ Man hatte nichts davon wissen wollen, solange man nicht am als größer und daher als diskriminierend erfahrenen Leiden teilhaben durfte – so brutal ist es. „Holocaust“ – der „kulturindustrielle Artefakt“ bot einer breiten deutschen Masse das, was zuvor nur einige Linke für sich in Anspruch zu nehmen dürfen glaubten – es war eine Anleitung zur einebnenden Identifikation.
Das Ungeheuerliche ist doch daran, daß wir schauern sollen, daß uns, den Nachgeborenen, Gefühle zurückgegeben werden sollen.“ (Gabi Walterspiel in ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, „Schindlers Liste“ – Ein Traum vom Dritten Reich – Protokoll einer Diskussion) Das Ungeheuerliche ist, dass das hier nicht geschehen sollte, denn weder „Holocaust“ noch „Schindler’s List“ wurden ‚für die Deutschen’ gedreht, aber dass es gerade hier geschah. Sie schauerten und bekamen tragische Emotionen und das Glück angesichts ihrer Fähigkeit Tränen zu vergießen als Bonus obendrauf. Und trotzdem ertränkte man sich nicht wie der sensible Bauherr und Wagner-Förderer im Würm- bzw. Starnberger See. Man lebte weiter wie zuvor und baute nur noch mehr Phantasieschlösser des Gedenkens.
Die Frage der Jugendlichen an den WDR: „Kann ich mit meinem Vater, mit meinem Opa überhaupt noch reden?“, beantworteten die Deutschen schnell selbst. Auf „Holocaust“ folgten zunehmend Repräsentationen „deutscher Opfer“ (deren Fehlen im öffentlichen Bereich deutschen Gedenkens jedes Jahr neu entdeckt wird – immer, wenn sie mal wieder vorgeführt werden) in der Serienproduktion des deutschen Fernsehens.
Nachdem bereits zuvor mit dem Zweiteiler „Tadellöser und Wolf“ (1975, basierend auf einem Roman von Walter Kempowski) und parallel dem Mehrteiler „Jauche und Levkojen“ (1978-1980, Roman: Christine Brückner) Relativierungsarbeit betrieben wurde, zeigte die ARD 1981 ihr Dokumentar-Epos „Flucht und Vertreibung“.

The West German television broadcast of the U.S. miniseries Holocaust in 1979, frequently cited as a high point in West Germans’ confrontation with the individual faces of mass extermination was followed two years later by Flucht und Vertreibung (Flight and Expulsion), a three-part series on West German television, accompanied by a large-format book filled with pictures, that documented a different sort of German tragedy. A combination of historical analysis, documentary footage, and personal memories captured in interviews, the series advertised itself as a courageous attempt to address directly a topic „as good as taboo“ in the Federal Republic, a „consequence of our lack of historical consciousness.“ Critically praised as a much needed record of „personal suffering and collective fate,“ Flucht und Vertreibung self-consciously chose to illuminate its subject with dramatic documentary film clips and a mixture of „history and stories“ (Geschichte und Geschichten), personal testimonies framed by objective scholarly analysis. […] [T]hose responsible for the series denied any desire to „make accusations or reckon guilt against guilt“; their intent was only to „address this devastating chapter of German history,“ „to present what happened, to show how it was.“
(Robert G. Moeller – War Stories. The Search For a Usable Past In the Federal Republic of Germany)

1987 folgte die Fernsehserie „Jokehnen“ basierend auf einem Roman von Arno Surminski etc. pp. Insbesondere in „Flucht und Vertreibung“ wurden den ‚verstörten’ Jugendlichen die Eltern und Großeltern als entsetzt großäugige Kinder und deren mühselig dahinstapfende, sie beschützende Verwandte nahe gebracht (wie schnell die entsprechenden Bilder und Erzählungen – und auch ganz andere – Eingang in die Illustration der Deutschen als Opfer fanden, kann man u.a. bei Moeller [ebd.], Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz und Saul K. Padover – Lügendetektor nachlesen, vgl. auch Harald Welzer – Opa war kein Nazi). Dass diese lange im deutschen Selbstbewusstsein verankerten Familienbilder nun durch „Holocaust“ im Fernsehpflichtprogramm mit ‚jüdischen Charakteren’ perpetuiert wurden, machte die breite Identifikation überhaupt möglich – ohne die ‚deutschen Opfer’ kein Mitleid mit den Juden und Mitleid mit den Juden erst nachdem sie ‚gleich gemacht’ wurden.
Dass dieses Mitleid und die Identifikation nicht zum Verschwinden des Antisemitismus in Deutschland geführt haben, ist evident. Es war auch nicht zu erwarten. Die Generationen Deutscher, die an „Holocaust“ (und den folgenden populären Geschichten inklusive „Schindler’s List“) ‚Mitleid’ gelernt hatten, konnten am Ende in den Juden nur die historischen Opfer, die toten Juden als Identifikationsmuster heranziehen – erst identisch gemacht, indem man ihre Körper so vollständig wie möglich zerstört hatte und später, indem sie in der noch möglichen Vorstellung von Vernichtung – also notwendigerweise relativiert und grundlegend falsch – dargestellt wurden.

Die Fernsehserie führt nicht dazu, die negative „Größe“ der Vernichtung als unbegreifliche Tat zu vergegenwärtigen. Gerade umgekehrt führt der Einsatz der niveauüberschreitenden Milieusimulation durch das Medium Fernsehen dazu, die Differenz zwischen der konkreten Vernichtungsmacht und der Unangemessenheit der übrigen Vermögen zu vergessen. Der „ideale Spielfilm“ kann nicht zeigen, was nicht gezeigt werden kann, sondern er kann allerhöchstens zeigen, warum es nicht gezeigt werden kann.“
(Dierk Spreen – Aufklärung als Fiktion, Fiction als Aufklärung? Oskar Schindler im Tempel des Todes in ISF, ebd.)

Mit dem Nato-Doppelbeschluss, ebenfalls 1979, erlangte die deutsche Friedensbewegung eine bis dahin nicht bekannte Breitenwirkung. Wieder imaginierten sich die Deutschen als Opfer unkontrollierbarer Mächte, die ihre Heimat als Schlachtfeld auserkoren zu haben schienen. Das friedensdeutsche Triptychon: Auschwitz – Hamburg/Dresden – Hiroshima ermöglichte wiederum die notwendige Vorstellung der Einheit aller Opfer von Kriegen. Denen, die vorm drohenden „atomaren Holocaust“ warnten, galt alles andere als Prolog. Die minutiös geplante vollständige Vernichtung mit der Erfassung von und Jagd auf Millionen Individuen, mit den Gaskammern, den Verbrennungsöfen, den Todesmärschen und der Vernichtung selbst der letzten Spuren der Opfer – das nicht in Bilder zu Fassende – verschwand im überwältigenden Bild des Atompilzes, in dem Menschen ‚ebenso‘ zu Asche, Staub und Rauch zermahlen werden würden. Vor allem deutsche Menschen, die sich im Zentrum der Auslöschung wähnten – sich aber in der Ikonographie glaubten versöhnlich geben zu dürfen. Die narzisstische ‚Kränkung Auschwitz’ („Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen können.“ Zvi Rex), welche die Deutschen für immer von ihrem ihnen so wichtigen Rang als größtes Opfer verweisen sollte, schien den Friedensdeutschen plötzlich doch noch übertreffbar geworden zu sein. Entsprechend lustvoll nehmen sich viele Schilderungen des erwarteten Untergangs aus (siehe auch Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit).

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Mit dem Verlust der Ikone Atompilz im Zuge der atomaren Abrüstung musste notwendig Enttäuschung einsetzen, die man nicht äußern durfte. Ein anderer Sinn als der des ultimativ kollektiven „Seins zum Tode“ musste gesucht werden, andere Bilder wurden benötigt und auch gefunden. Es bewährte sich, dass ein Teil der engagierten Jugend, wie bereits dessen Eltern und Großeltern in den ersten Nachkriegsjahren, den Weg in das Christentum und seine Kirchen zurückgefunden hatte, dass man in linken Gruppen seit den 1960er Jahren den Volksbefreiungsbewegungen gehuldigt hatte und mit den grünen Umweltschützern die heimatliche Scholle verteidigen wollte. Außerdem hatte sich auch in der Friedensbewegung die Jugend mit ihren deutschen Vorfahren versöhnen dürfen, die geläutert aus dem Krieg hervorgegangen waren – mit Gert Bastian, Offizier im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront; Joseph Beuys, Hitlerjugend, Unteroffizier im Protektorat Böhmen und Mähren, Stuka-Bordschütze, Feldwebel an der Westfront; Heinrich Böll, Wehrmachtssoldat; Günter Grass2, Waffen-SS etc. pp.
Der alte Feind durfte beibehalten werden und nachdem die Friedensbewegung eigentlich überflüssig geworden zu sein schien, erstarkte sie 1991 zu ungeahnter Kraft und wieder malte man sich aus, wie es sein könne, von den Amerikanern geopfert zu werden. Ernsthaft glaubte niemand, der Krieg gegen Saddam Hussein könne sich zu einem weltweiten Flächenbrand mit ein, zwei, drei, vielen Dresdens ausweiten – vorgeben musste man es und nur so ließ sich auch die kalt grausame Gleichgültigkeit gegenüber Israel, das tatsächlich bedroht war, ostentativ aufführen. Die Absage der Karnevalsumzüge galt nicht den Israelis, die sich vor dem Gas in die Keller flüchteten, sie galt der Lust am eigenen Opfertum, diesmal gespiegelt im sich volksbefreit gebenden irakischen Regime. 2003 war das friedliche Deutschland endgültig Mainstream geworden und mit dem Wehrmachtsvaterphoto auf dem Schreibtisch seines Kanzlers das moralisch überlegenste Volk der Welt.
Israel gilt der engagierten ‚Jugend‘ heute als „Kindermörder“ und „Brunnenvergifter“, „Besatzungsmacht“ und „Apartheidsstaat“, „Organhändler“ und „Strippenzieher“ etc. pp. – es gibt viele neue Bilder, die sich meist aus den vielen alten speisen (Ideologie-Import und Export inklusive).

Adorno beklagte hegemoniale Vorstellungen von männlicher Härte, „Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz schlechthin“, instrumentelle Vernunft, menschliche Kälte, „mangelnde libidinöse Bindungen zu anderen Personen“ als Wesensmerkmale des „manipulativen Charakters“. In vielerlei Aspekten muss man konstatieren, war die „Erziehung nach Auschwitz“ inzwischen erfolgreich. „Unfähigkeit zur Identifikation“, bestimmte Adorno damals, „war fraglos die wichtigste psychologische Bedingung dafür, daß so etwas wie Auschwitz sich […] hat abspielen können“. Heute hat nicht nur die Außenpolitik, sondern haben auch Linke und Jugendliche aus Auschwitz gelernt: Weil sie mitleiden mit „den Palästinensern“ oder den Menschen im Irak, sich identifizieren und solidarisieren, weil sie nicht wegschauen, sondern nicht mitmachen wollen, organisieren sie Kundgebungen vor der Botschaft der USA als „Völkermordzentrale“ oder schlagen sie in Kreuzberg Juden mit Kippas. „Warum soll man die alten Nazis verurteilen, wenn man in Israel nichts macht?!“, sagte vor kurzem eine Schülerin zu mir. Damit zurück zur Verzweiflung und zur Alltagsarbeit der KigA.
(Rosa Fava – Pädagogische Konzepte gegen Antisemitismus in der Arbeit mit migrantischen Jugendlichen in Matthias Brosch et al. – Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland)

Mit sich selbst haben die Deutschen schon immer Mitleid gehabt und sie sind bereit, es auf diejenigen zu übertragen, in denen sie glauben, sich spiegeln zu dürfen. Dem ‚eigenen Opfer’ galt das nur, solange Identifikation möglich erschien, als die narzisstische Kränkung im Identischmachen zu überwinden schien. Im Zueinanderfinden aller Deutschen – dem auch der Glaube an die eigene moralische Überlegenheit im Vergleich zu Israel dient – werden Gerüchte und Behauptungen reaktiviert, die bis dato nur am rechten Rand zu existieren hatten und deren Nennung in der Mitte als Freudsche Fehlleistung mal mehr mal weniger leicht durchgehen durfte. ‚Links‘ dienten sie mitunter dem Beweis der eigenen Unverdächtigkeit auch an der Teilhabe an der deutschen Nation.1
Der „Holocaust“ muss nicht mehr importiert werden – längst wurde er als Fußnote am Ende eines deutschen Films versteckt, dessen Produzent Angst davor hatte, dass ihm die Amerikaner schon wieder einen großartigen deutschen Stoff wegnehmen könnten. Und eines der wahrscheinlich letzten ‚Aufarbeitungs‘-Neuschwansteine wurde in der Mitte von Berlin errichtet und zieht noch mehr staunende und angesichts des Wahnsinns begeisterte Schaulustige an als sein Vorbild.

  1. Wer sich allerdings deutscher Erziehungsmethoden bedient, um stellvertretend mit dem „Backpfeifengesicht“ (there goes anti-lookism!), mit den „Künstlern und Studenten“ den übermächtig vermuteten Feind zu züchtigen… Wie auch immer! Traditionelle deutsche Vorurteile by Planetengirls! Going, Going, Gone… Please explain… anyone? [zurück]
  2. Der ebenfalls maßgeblich zum ‚Bewältigen‘ im Jahre 1979 beitrug: „Auch ein deutscher Kinofilm nimmt sich in diesem Jahr der NS-Vergangenheit auf ungewöhnliche Weise an. Die Blechtrommel nach dem Roman von Günter Grass. Eine Parabel. Unbekümmert und altklug zugleich hält der kleine Oskar Matzerath den Erwachsenen den Spiegel vor. Wie leicht wäre es doch gewesen, die Nazis der Lächerlichkeit preiszugeben und ihre albernen Formationen [just another comic relief!] aus dem Takt zu bringen. […] Und tatsächlich: Im kommenden Jahr wird ‚Die Blechtrommel‘ mit der begehrten Hollywood-Trophäe ausgezeichnet, als erster deutscher Spielfilm überhaupt.“ (ARD, 60x Deutschland, 1979) [zurück]

Happy birthday, Walter Abish!

„Five days ago a section of the pavement near the school caved in, and three days later, as they were fixing the broken sewage pipe, someone who deserves a medal discovered a mass grave, Helmuth announced to Egon and Rita. It’s a real mess. For all we know, there may be a hundred, perhaps even a thousand bodies buried in that spot. For all anyone knows, all of Brumholdstein is sitting on one mass grave. Anyhow, as you can imagine, with our tradition of thoroughness, we have to inspect the grave before we can repair the pavement. Everyone is complaining. The storekeepers are losing their customers. The street is still closed to traffic. Well, what more is there to say.“
Walter Abish – How German Is It / Wie deutsch ist es (1979/ 1980), 139

„Call from Bavarian Radio. They‘re planning an interview with me and would love to include a reading from How German Is It. The lady at the other end spoke with a hoarse voice I had difficulty understanding. It couldn‘t be a secretary, I decided, as I explained in my best German that I‘d mull it over. Did they have any particular section in mind? ‚Pages 136 to 139? The discovery of the mass grave in the town center?‘ Why wasn‘t I surprised?“
Walter Abish – Double Vision. A Self-Portrait (2004)

„Distrust—a dubiety of commitment and avowal—is his ground note. His most admired work, the novel “How German Is It” (1980), harnesses postmodern verbal foolery to a thriller plot and a passionately distrustful concern with modern Germany. Written before his actual return to the German-speaking lands that his immediate family (but not all his relatives) escaped in the late thirties, the novel imagines an Americanized, prospering, democratic Germany sealed over the Nazi past like a deceptively smooth scab. The clean, chic, well-planned new community of Brumholdstein, named after a Heidegger-like philosopher called Ernst Brumhold, has been erected on the bulldozed site of a concentration camp in the town, formerly known as Durst. At one point, symbolically enough, a broken sewage pipe uncovers a mass grave, which emits a terrible stench and is finally cleared away by the government agency that deals with such remnants of the unsavory past.“
John Updike – Sentimental Re-Education. The cerebral experimentalist gets personal (The New Yorker, 2004)

Hohl, hohler, deutsches Kulturmagazin…

Die Massen werden durch zahllose Kanäle mit Bildungsgütern beliefert. Diese helfen als neutralisierte, versteinerte die bei der Stange zu halten, für die nichts zu hoch und teuer sei. Das gelingt, indem die Gehalte von Bildung über den Marktmechanismus dem Bewußtsein derer angepaßt werden, die vom Bildungsprivileg ausgesperrt waren und die zu verändern erst Bildung wäre.“
Theodor W. Adorno – Theorie der Halbbildung

NDR Kulturjournal, 02.11.09, Anmoderation Julia Westlake: „Mal ganz ehrlich, haben Sie auch schonmal vor einem modernen Kunstwerk gestanden und gedacht: Was soll mir das denn jetzt sagen? Paar Striche auf einer Leinwand und das ist jetzt Kunst? Oder hatten Sie im klassischen Konzert auch schonmal diesen Impuls, genau an der falschen Stelle zu klatschen? Kann ja schließlich nicht jeder alles wissen, und wen soll man eigentlich fragen? Uns! ‚Keine Angst’ heißt unsere neue Reihe. Wir beantworten Ihnen solche Fragen. Heute gibt’s ne Info, mit der Sie gleich mal fachkundig mitreden können – im anspruchsvollen Kunstgespräch. In der Kunst gibt’s ja immer irgendeinen Ismus am Ende…1

Ja, gehet hin, nach Anerkennung im „anspruchsvollen“ Gespräch dürstende Völkerscharen und lasset euch belehren von den Koryphäen des vermutlich hohlsten aller deutschen Kulturmagazine. In seiner homegrown Reihe „Keine Angst vor Kultur“ – stilistisch eine Billig-Kopie von MTV-Masters „Was wir nicht gesendet haben“ (oder wie immer das geheißen haben mag) – wartet das Kulturjournal mit einem Feuerwerk von deutschem Witz und Ironie auf. Im Trailer interpretiert eine Frau, die einer 1970er-Aufführung des Ohnsorg-Theaters entsprungen zu sein scheint Edvard Munchs Schrei – allerdings mit Bewegung und Ton, was es endgültig unerträglich macht. Und wer sich darauf verlässt, dass die Informationen stimmen, die er lustig pädagogisch (oder umgekehrt) verpackt geliefert bekommt, kann sich schonmal auf einen peinlichen „anspruchsvollen“ Gesprächsabend vorbereiten (es sei denn, die zu Beeindruckenden trauen derselben Informationsquelle).
In „Keine Angst vor Kultur – und vor Ismen“ zum Beispiel behauptet das Kulturjournal, der erste Ismus der Kunst sei vor 135 Jahren verzeichnet worden und ignoriert kurzerhand den Manierismus, der zwar erst lange nach seiner Blütezeit, aber dann doch bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert als solcher benannt wurde. Weiter im Text: „Bis dahin war Kunst einfach: Man machte Bilder von Dingen. Wenn die Bilder fertig waren, sahen sie genauso [?] aus wie die Wirklichkeit. […] Kunst war ein bisschen wie die EM und meistens gewannen die Italiener. [What about Gary Lineker’s famous line: „Football is a simple game: 22 men chase a ball for 90 minutes, and at the end the Germans always win“? – Over and done! It never went for German art, though…] Aber dann kam die Moderne und alles wurde unübersichtlich.“ Laut Kulturjournal initiierten die Impressionisten 1874 die Moderne und schon wieder wird den Manieristen (wohlgemerkt: Wir sprechen hier vom Beginn der Moderne in der Kunst!), um mal das dämliche Bild aufzugreifen, die Rote Karte gezeigt – wem schadet es schon, wenn man sich um ein paar Jahrhunderte vergreift. Und wen kümmert’s, wenn beim Stichwort Neoklassizismus ein Klassiker des Surrealismus eingeblendet wird oder ein, wenn überhaupt, eher dem Sozialistischen Realismus zuzuordnendes Bild als Sozialer Realismus bezeichnet wird – Kollwitz oder Uschakow, who cares. Es gibt auch einen blöden Glühbirnenwitz.
Keine Angst vor Kultur: In der Oper“ beschränkt sich weitgehend darauf mitzuteilen, man solle nur klatschen, wenn alle anderen klatschen, ein paar Bekleidungstipps und noch einen blöden Glühbirnenwitz.
Und „Keine Angst vor Kultur – Alles übers Kino“ erzählt, wie zu erwarten war, rein gar nichts übers Kino. Jenseits davon, dass kein „Cineast“ jemals die deutsche Übersetzung des Titels eines Films verwenden würde… Über running gags wird man indirekt informiert: Es gibt einen blöden Glühbirnenwitz. Die Bebilderung der erwähnten Filme ist ähnlich einfältig: Zu „Hier die berühmte Duschszene!“ wird gezeigt, wie jemand ein Flusensieb voll verschlammter Haare hochhält. I die laughing!
Außerdem: „Aber besser als Psycho ist Peeping Tom von Michael Powell.“ – ??? „Warum besser? Weil Karl-Heinz Böhm einen perversen Filmemacher und Spanner spielt, der Frauen filmt, während er sie tötet. Karl-Heinz Böhm – so ein netter Mann, unglaublich.“ – Und Anthony Perkins war kein netter Mann? Zu „depri“ (s.u.) womöglich? (Off topic oder auch nicht: Irgendwann hat Sönke Wortmann in einem Interview gesagt, die Nouvelle Vague habe Hitchcock verdorben… Ach ja, armer deutscher Regisseur vom „Wunder von Bern“, dem man in Hollywood sinnvollerweise gleich ein aussichtsloses Drehbuch aufgedrückt hatte, um die Quengeleien vom großen deutschen Talent nicht mehr anhören zu müssen.)
Und: Irene Cara war laut Kulturjournal eine schlechte Tänzerin und wurde deswegen in Flash Dance von einem kleinem Mann mit Schnurrbart gedoubled. Irene Cara musste allerdings nicht tanzen können, da sie nur „What a feeling“ gesungen hatte – vielleicht wäre das Tanzen Jennifer Beals‘ Aufgabe gewesen, aber „und vor allem Flash Dance“ (Kulturjournal) gehört eh in keinen ernst zu nehmenden Film-Kanon – I‘m not going to discuss this – whatsoever!
Und: „Es gab auch ganz, ganz viele Fassbinder-Filme. Hierzulande mag niemand Fassbinder [? … Schön wär’s!], aber im Ausland ist er genauso hoch angesehen, wie die deutsche Band Kraftwerk, die man hier auch nicht mag.“ – ? … ???
Laut Kulturjournal sollte man dann noch schreiend „Quentin Tarantino und David Lynch [erwähnen], also QUENTIN TARANTINO UND DAVID LYNCH. Das reicht – mehr müssen sie für die nächste Essenseinladung nicht wissen.“ Für „Das perfekte Dinner“ wird’s schon reichen.
Auf den Punkt gebracht wird der Sinn des gesamten Projekts in einem einzigen Satz: „Kubrick machte 2001 – das war sehr intellektuell und ein bisschen depri…“. Man muss nicht mal was wissen, um Die Intellektuellen (as defined in Kulturjournal) verachten zu dürfen.

„[W]er noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.“
Theodor W. Adorno, ebd.

  1. Die Zuschauer dürfen übrigens im Rahmen der Reihe online Fragen zu Kulturthemen stellen. Die Antworten sind ähnlich gehaltvoll wie die Glühbirnenwitze und im besten Falle gut abgetippt oder wenigstens unfreiwillig komisch. [zurück]

El Greco – Laokoon, vollendet 1614, als, wenn es nach dem Kulturjournal ginge, die „fertigen“ Bilder noch auszusehen hatten „wie die Wirklichkeit“.

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Definitiv letztes update, 12.02.10: Das Kulturjournal hat für seine „Schlager“(!)-Episode einen neuen Autoren/ Sprecher und diesmal sogar Darsteller akquiriert, was es nicht besser macht. Der laut Kulturjournal „Musik-Kabarettist“, laut Abendblatt „so was wie ein Liedermacher der Neuzeit??? (blödsinnige Epochenzuordnungen sind nicht dem Kulturjournal vorbehalten) Jan Christof Scheibe jammert deutsch weiter. Die „Tommies“ wollten einen sowieso nur „verarschen“, alles sei voller „Bata Illices“, „Irene Sheers“ und überhaupt, alle verleugneten ihren Geburtsnamen (die Fahndungsfotos der Beschuldigten werden an etwas angeschlagen, das ausgesprochen an Andy Warhols „Piss Paintings“ erinnert), und eh sei das wirklich Schlimme am Schlager, dass er so künstlich und unnatürlich sei: Schlager seien „im Prinzip Silikonbrüste auf musikalischer Ebene“. Es gibt diesmal keinen Glühbirnenwitz. (Why not? Please come back, Glühbirnenwitz – I didn‘t mean to hurt you! I‘m really sorry!) Das hätte womöglich so viel Zeit verschlungen, dass man nicht noch des „schrägen Multitalents“ (Abendblatt) unglaublich witzigen Gesang hätte ertragen müssen. Was für (ha!) lustige Ideen das Kulturjournal in Zukunft zu bieten hat, kann nicht mehr dokumentiert werden. Der Erhalt der zumindest noch rudimentär vorhandenen Denkfähigkeit der Dokumentierenden ist ihr einfach zu wichtig, und zu oft den eigenen (!) Kopf gegen die Wand hauen, damit’s nicht mehr ganz so weh tut, ist dem nicht gerade förderlich!

Kritik ist Kritik ist Kritik ist Kritik… und hat es zu bleiben!

Lest diese Schandschrift mit den Augen des Ideologiekritikers, der doch notwendig ein Sprachkritiker sein muss!
Aus: Redaktion Bahamas – „Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten… … und unversehens unsere alte Liebe zu „linken Zusammenhängen“ wiederentdeckten“, Vortragsankündigung und Aufforderung, den Aufruf des „Bündnisses gegen Hamburger Unzumutbarkeiten“ zu einer Demonstration, um die Aufführung von Claude Lanzmanns Film „Warum Israel“, die von ‚linken’ Antisemiten verhindert wurde, sicherzustellen, nicht mit einer Unterschrift zu unterstützen

Jenseits der noch zu kritisierenden Terminologie in dem Appell an „unsere Freunde“ (Bahamas) ist das natürlich richtig. Was der Aufforderung vorangeht ist allerdings in weiten Teilen weder Ideologie- noch Sprachkritik, sondern ein unangemessen pathetisch formuliertes Pamphlet. Die ‚Selbst-Positionierungen‘ der Bahamas, die man sonst mindestens wegen ihrer meist hervorragend schreiben könnenden Autoren schätzt, gehören zum sprachlich und inhaltlich Schlechtesten, was sie hervorbringt. Man möchte sie auffordern, darauf zu verzichten und sich auf das zu konzentrieren, was sie lesenswert macht.
In „Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten…“ bedient sich ‚die Redaktion‘ streckenweise einer Wortwahl, wie man sie üblicherweise in ganz anderen politischen ‚Strömungen‘ findet: Schande, Gesindel, im Mistloch wälzen, den Rest geben, Monument der Schande (bei Walser wird nur das „der“ durch ein „unserer“ ersetzt – sollte das der Versuch des Vergleichs des Hamburger Aufrufs mit dem Berliner Holocaust-Denkmal gewesen sein – ha, witzig, in a way – es erklärt aber immer noch nicht die Übernahme ausgerechnet der Walserschen Sprache), Schandschrift (bei den anderen, u.a. Jürgen Elsässer, sind es meist Schandverträge). Insbesondere der Schandbegriff dient aber im postnazistischen Deutschen der sich exkulpierenden konservativen Rechten vor allem als Euphemismus für Auschwitz. Auch die Adressierung „unsere Freunde“ ist bedenklich. Vor allem da es hier überhaupt nicht um individuelle Freundschaften geht sondern um Cliquenbildung. Im Text wird dann auch getuschelt und geraunt und auf ominöse Hamburger Verhältnisse hingewiesen, die so mehr oder weniger in jeder größeren deutschen Stadt vorherrschen – es variieren nur die Ausprägungen. Die wiederholte Klage, dass sich die Hamburger nicht der Staatsmacht bedient hätten (was so offenbar auch nicht ganz stimmt), macht im Kontext eines Unterschriftenverweigerungs- respektive Rückzugsappells recht wenig Sinn, wenn in dem kritisierten Aufruf dazu keine Stellungnahme des potentiell Unterschreibenden eingefordert wird.
So einfach ist das mit der Staatsmacht, im akuten Fall also der Polizei, auch nicht. Adornos Forderung: „[w]o [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen denn doch noch gegen sie steht“ („Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364), wurde in einem konkreten Rahmen gestellt; und man kann sich streiten, ob dieser bei den ohne Frage antisemitischen Ausschreitungen vor dem B-Movie gegeben war. Zum Thema lohnt es sich, noch einmal gründlich Adornos „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ zu lesen. Das Problem wird dann evident. Wobei ich persönlich auch in diesem Fall plädieren würde, die Polizei zu rufen und Anzeige zu erstatten. Aber die deutsche (!) Staatsmacht gegen die ‚linken’ Antisemiten zu rufen, die in der Polizei ostentativ nicht das „einzige, was ihnen imponiert“ (ebd.) sehen und das, was eben zunehmend sichtbar nicht „doch noch gegen sie steht“ (ebd.) oder gerade, aber aus völlig anderen Gründen, birgt einige notwendig abzuwägende Widersprüche. Die extreme Rechte (auch diejenigen, die laut ACAB schreien) weiß weite Teile des ‚Volks‘ im Prinzip hinter sich und damit auch viele Angehörige von dessen Vollzugsorganen; Räuber und Gendarm wird dort oft nur gespielt, um den Resten der postnazistischen Tabus den Anstrich von hauptsächlich dem Standort, aber auch dem Selbstbild geschuldeter Wirkung zu geben – das zeigt sich spätestens im Prozess. Die Staatsmacht prämiert sich als Aufrechterhalter eines deutschen Normalzustandes, in dem deutsch gemeinte proisraelische oder philosemitische Gesten als fortwährende Existenzberechtigung des Deutschen in Deutschland verwendet werden dürfen und den weiterhin existierenden Antisemitismus des deutschen Mainstream erfolgreich verschleiern. Im Falle sich links wähnender so genannter Antizionisten jedoch entstehen andere Komplikationen. Hier ist keine staatliche Autorität in der Lage, sie auf den ‚richtigen Weg’ zurückzuführen – sie trägt ausschließlich dazu bei, ihnen zu ermöglichen, sich in ihrer Opferrolle weiter einzurichten, was in Deutschland nur fatale Folgen haben kann.
Dies zu berücksichtigen ist unerlässlich, vor allem, wenn die Hitze des Gefechts erst einmal vorbei ist, in der jedes Individuum das Recht hatte, sich der Polizei zu bedienen, um (wenn es gut läuft – jeder kennt die Probleme, wenn ‚Linke’ die Polizei rufen; man wird auch schonmal gerne mit einem Achselzucken den Nazis zum Fraß vorgeworfen) u.a. die eigene Unverletztheit und die der anderen zu gewährleisten – und von anderen dabei unterstützt zu werden, mit allen Mitteln, natürlich auch durch Anzeigen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich auch um ein Exempel zu statuieren und dergleichen mehr! Auf die weitergehenden Forderungen ‚der Redaktion‘ „gegen den Infoladen B 5 vorzugehen wie gegen jedes andere Nazi-Zentrum“ kann hier nicht eingegangen werden, entsprechende Entwicklungen sind jetzt einfach noch nicht vorhersehbar.
(Later: Erste Entwicklungen)
Der zweite Kritikpunkt der Bahamas – und wesentlich elaborierter auf nature morte – bezieht sich auf den sprachlichen Umgang mit Lanzmanns Film im Bündnisaufruf. Im Bahamas-Text wird nur ein Beipiel herangezogen: „[D]ie Präsentation von „Warum Israel“ wird plötzlich zu einer „missliebigen Veranstaltung zu Israel“ kleingeredet, dabei gibt es wohl keinen flammenderen Appell für Israel als eben diesen Film von Claude Lanzmann“, das sei „ein Satz unter vielen, die so unerträglich sind, dass sie als Text gewordenes Monument der Schande von eben auch israelsolidarischen Gruppen so leicht nicht vergessen zu machen sind.“ Nun mag man „missliebige Veranstaltung“ in dem Kontext (auch sinnverdrehend) als Euphemismus lesen, als Baustein eines „Monuments der Schande“ ganz gewiss nicht. Und ausgerechnet Martin Walser zu beschwören resultiert notwendig in einem Dysphemismus. Darauf muss man nicht weiter eingehen.
Fundierter ist die Kritik auf nature morte – „Warum Hamburg“ – , wo dem „Bündnis“ vorgeworfen wird, sie meinten, den „Vorwurf […] es handle sich bei „Warum Israel“ um „zionistische Propaganda“, wie jene roten Nazis, die den Film angegriffen haben, behaupteten“ dementieren zu müssen, indem sie sich „rechtfertigten“: „Warum Israel‘ (1973) zeigt nicht bloß die verschiedenen Facetten der israelischen Gesellschaft. Es geht darin, aus der Perspektive eines Diasporajuden, um die Bedeutung des jüdischen Staates als Konsequenz aus der Shoah“. Tatsächlich ist daraus noch keine Rechtfertigung zu lesen, die findet dann aber im Interview von Welt online mit Daniel Richter statt, das ungerechtfertigter Weise herbeigezogen wird, um die Anklage zu untermauern. Der Meese-Freund Richter allerdings schwafelt dann wirklich: „der Film sei „ja noch nicht einmal ein Propagandafilm, sondern ein diskursives und sehr komplexes Werk. Ein jüdischer Regisseur hat sich entschlossen, Israel zu verteidigen, aufgrund einer Erfahrung, die Juden mit Deutschland machen mussten.“ Richter nicht die Bündnisautoren! Und in dieselbe ‚Falle’ sind bereits Intelligentere, die es ganz gewiss anders gemeint haben (s.u.), getappt.
Auch der Vorwurf auf nature morte, „[e]s spricht für sich, welches Verständnis vom jüdischen Staat sich hier artikuliert: Israel ist diesen Linken der Staat der Opfer der Shoah, und nur als solchem sind sie ihm solidarisch verbunden. „Zionistische Propaganda“ ist ihnen, wie ihren Gegnern, ein Gräuel. Dabei ist „Warum Israel“ ein Film für Israel über Israel: Es geht um die Träume und Hoffnungen und um die Schwierigkeiten, eine neue Gesellschaft aufzubauen. „Warum Israel“ ist in dem Sinne zionistisch, als dass er die Juden nicht als Opfer, sondern als Subjekte ihrer Geschichte vorkommen lässt, es ist die Geschichte des Kampfes um einen Staat, der in Palästina schon lange vor 1948 begann“, trifft in dem Sinne nicht auf den Bündnistext zu, in dem nur richtig gesagt wird, Claude Lanzmann sei „französischer Jude, Résistancekämpfer und Regisseur von ‚Shoah‘, der bedeutendsten Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden“. An keiner Stelle wird gesagt, dass er ‚nur’ das sei. Und im Land der Täter auch heutige Zustände anklagend auf die Tat zu verweisen, ist eben nicht verdammenswert. Die Kritik in „Warum Hamburg“ ist überwiegend richtig und angebracht, nur dass sie den Gegenstand der Kritik weitestgehend in den Bündnistext hineinprojiziert. Auch das mag legitim sein, muss aber am entsprechenden Ort wesentlich deutlicher gekennzeichnet werden.
Warum das zu geschehen hat, zeigt sich auch an der Reaktion des eigentlich mit eher klugen Personen besetzten Göttinger [a:ka], der den „Aufruf zu dieser Demo […] spontan unterzeichnet“ hat. In der Begründung der (wie gefordert öffentlichen) Rücknahme seiner Unterschrift – „Rückzugserklärung“ – bezieht sich der [a:ka] explizit auf „den dringenden Appell an unsere Freunde“ und im Weiteren auf Unkenntnis der „Hamburger Verhältnisse“, den bereits bekannten Vorwurf, das Hinzuziehen von Polizei sei verweigert worden und andere im Bahamas-Text und auf nature morte erhobene Vorwürfe und trägt nichts wesentlich Neues zur Diskussion bei – was wünschenswert und den Autoren zuzutrauen gewesen wäre. Der Rückzug endet mit den Worten: „Es macht nichts besser, taugt aber vielleicht zum Amüsement, dass wir uns nunmehr selbst in einer peinlichen Situation befinden. Auf einen wichtigen Hinweis zu reagieren, war uns nur möglich, indem wir über ein Stöckchen springen, welches von freundschaftlich verbundener [?] Seite hoch gehalten wird. [a:ka] göttingen, im Dezember 2009“. Nein, das taugt eben nicht zum Amüsement, nicht einmal die Ankündigung der vom [a:ka] mitinitiierten Vorführung von „Warum Israel“ im Oktober 2008 als Reaktion auf eine indiskutable Israel-Filmreihe im Lumière: „Das Bündnis für Israel lädt am 21.10. herzlichst zur Filmvorführung „Warum Israel“ ein. […] Kurzbeschreibung Claude Lanzmanns Filmdebüt, entstanden 1971/72 und uraufgeführt 1973 in New York am Tage des Ausbruchs des Jom-Kippur-Krieges ist fraglos eines der bemerkenswertesten Zeitdokumente über [!] den Staat Israel und sein Selbstverständnis, seine religiösen und politischen Fundamente und vor allem: seine Bürger. Sie sind es, die im Film zu Wort kommen: Arbeiter, Intellektuelle, Angehörige der ersten Siedlergeneration, junge Israelis, Neueinwanderer aus der Sowjetunion. Ohne belehrenden Kommentar [!], ohne jede propagandistische Geste [! siehe oben und unten] und Schwarzweiß-Malerei [!], dafür mit großer persönlicher Anteilnahme und viel Humor wird den Errungenschaften und Widersprüchen einer entstehenden israelischen Nation nachgespürt.“.“
Und in seinem Offenen Brief zu Israel-Filmreihe erklärt der [a:ka]: „Wer Adornos kategorischen Imperativ ernstnimmt, wonach heute alles zu unternehmen sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, der muss sich mit Israel solidarisch erklären“. Laut nature morte allerdings verweist diese Aufforderung bereits auf ein ‚gestörtes Verhältnis’ zu Israel, denn: „Es spricht für sich, welches Verständnis vom jüdischen Staat sich hier [im Bündnisaufruf] artikuliert: Israel ist diesen Linken der Staat der Opfer der Shoah, und nur als solchem sind sie ihm solidarisch verbunden. „Zionistische Propaganda“ ist ihnen, wie ihren Gegnern, ein Gräuel. Dabei ist „Warum Israel“ ein Film für Israel über Israel.“ Hier gilt es dann doch noch einmal zu diskutieren, wie Israelsolidarität zu verstehen ist; den bloßen Verweis auf Auschwitz (die Shoah, den Holocaust) sofort als Tendenz, Israel vornehmlich oder ausschließlich als ‚Opferstaat’ postulieren zu wollen, zu deuten, ist gelinde gesagt voreilig.
Und weiter bei nature morte: „Es geht um die Träume und Hoffnungen und um die Schwierigkeiten, eine neue Gesellschaft aufzubauen. „Warum Israel“ ist in dem Sinne zionistisch, als dass er die Juden nicht als Opfer, sondern als Subjekte ihrer Geschichte vorkommen lässt, es ist die Geschichte des Kampfes um einen Staat, der in Palästina schon lange vor 1948 begann.“ Das ist richtig und trotzdem machte auch die mörderische (bereits vor dem Nationalsozialismus) Verfolgung der europäischen Juden den Zionismus notwendig. Die Deutschen im Nationalsozialismus jedoch dachten nicht nur die endgültige Vernichtung, sondern traten auch an, sie in die Tat umzusetzen – ‚deutsche Ideologie’, die ‚beispielgebend’ in Europa, zurzeit vor allem aber in den arabischen Staaten und dem Iran weiterwirkt. Dass der Blick auf einen zionistischen Staat aufgrund von Auschwitz sich notwendigerweise, insbesondere im Land der Täter, grundlegend verändern musste, steht außer Frage und das dem so ist, verweigert niemandem den Subjektstatus. Da Auschwitz war, gilt Adornos Diktum in jedem Zusammenhang und diejenigen, welche angetreten sind, „antideutsche Kritik“ zu üben (auch die, welche sie – oft nachvollziehbar – nicht (mehr) so nennen mögen) haben die Konsequenzen daraus zu ziehen, wie u.a. Gerhard Scheit sie formulierte:
Wenn aber das verselbständigte pathologisch handelnde Subjekt Staat im empirischen Staatsbürger existiert, dann kann auch nicht mehr einfach davon abgesehen werden, welcher Nation im einzelnen dieser Bürger angehört; dann vermag vielmehr das Wort, das diese Nation markiert, zum Begriff zu werden, der jene Einheit von empirischem Bürger und verselbständigtem Staatssubjekt überhaupt erst sichtbar macht. Das ist auch der Grund, warum antideutsche Kritik innerhalb der Linken, die sich alles vom Staat erwartet und das Volk hofiert, so mißfällt: die Kritik nämlich beharrt darauf, daß der verbrecherische Staat von seinen Bürgern nicht abstrahiert werden kann – ohne darum über den Verbrechen der Bürger vom Staat zu schweigen.“ (Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt, 253)
Die ebenfalls geschätzte ag no tears for krauts hat zu Recht eine Kritik an deutschen Demonstrationen gegen Antisemitismus verfasst: „Die Gemeinschaft der Guten demonstriert für die Freiheit der Kunst – „in Hamburg“! –; der antisemitische Kleinkunstklüngel liefert dazu das entsprechende Straßentheater.“
Jede – jede! – Demonstration gegen Antisemitismus in Deutschland trägt zum Selbstbild der Deutschen als ‚die Guten’ bei. Daher darf die Teilnahme an jeder entsprechenden Demonstration nur sehr wohlüberlegt erfolgen und muss entsprechende Distanzierungen beinhalten. Auch auf den israelsolidarischen Demonstrationen im Januar des Jahres befand man sich häufig mit Personen und Gruppierungen auf engstem (realem oder virtuellem) Raum, denen nichts mehr am Herzen liegt als die Exkulpation der Deutschen und denen Israel nur als Projektionsfläche des Deutschen dient (zu Pi-News etc. pp. irgendwann mal mehr). Hier wurde im besten Falle darauf verwiesen, dass sie sich zu entfernen hätten oder wurden gravierende Differenzen explizit und für jedermann hör- oder lesbar geäußert. In diesem Sinne „koaliert“ also die Gruppe Morgenthau auch nicht mit Micha Brumlik – auf die völlige Unmöglichkeit zu „koalieren“ wurde bereits lange zuvor hingewiesen.
Die Bedenken gelten natürlich auch, wenn es um die Demonstration des Hamburger Bündnisses geht. Was aber letztlich den Ausschlag geben sollte, es kritisch zu betrachten, jedoch nicht polemisch zu verdammen, ist, wozu aufgerufen wird:
Weil wir wissen, dass es ebenso verantwortungslos wie gemeingefährlich wäre, Antisemitinnen und Antisemiten gewähren zu lassen; weil wir wissen, dass die Schlägerinnen und Schläger mit jedem Erfolg nur stärker werden – daher halten wir es für unabdingbar, dass am 13.12., bei der Neuansetzung von »Warum Israel« im b-movie, der Film auf jeden Fall gezeigt wird. Um die Angreiferinnen und Angreifer vom 25.10. politisch zu isolieren und eine Wiederholung ihres antisemitischen Gewaltspektakels zu verunmöglichen, rufen wir für diesen Tag zu einer Demonstration zum b-movie auf.“
Das Ziel, den Film „auf jeden Fall“ zu zeigen, ist zu unterstützen. Dafür wurde er gemacht!
(Later: vgl. auch nochmal: Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten – „500 Menschen demonstrieren gegen Antisemitismus – Spießrutenlauf für Kinogäste unter den Augen der Polizei“)
Es geht keinesfalls darum, einen Minimalkonsens herzustellen, dem sich möglichst viele anschließen können. Widersprüche müssen aufgezeigt werden und sind zu diskutieren, mit angemessener Terminologie und Mitteln. Ein quasi-Boykottaufruf gehört nicht dazu.

Recommended reading:
Theodor W. Adorno – GS Band 20: Vermischte Schriften I/II: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. S. 360 – 382
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten
Unkultur – Kurze Synopsis “Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten…”

Gruppe Morgenthau – Hitler hat gewonnen. An das Fritz Bauer-Institut und die Frankfurter Anti-Israel-Lobby
Volker Radke – Zur Debatte um antideutsche Positionen
Stephan Grigat – Mit Wimpel und Mützchen!
Gerhard Scheit – Eliminierung der Widersprüche
Beispielhaft: Café Critique – „Antirassismus“ als ehrbarer Antisemitismus. Zweite Erklärung zur Sprengung unserer Veranstaltung „Der Iran und die Bombe“ am 9. März 2005

+ Later:
Exemplary: Redebeitrag der Hamburger Studienbibliothek – „Psychopathologie des Antizionismus“ !!!
Grußadresse von Claude Lanzmann
Demo-Bericht bei Cosmoproletarian Solidarity
Demo-Bericht von Posiputt bei classless Kulla
Demo-Bericht bei redok
USELESS – Nie wieder Hamburg!
Antideutsche Gruppe Hamburg – Liebe Bahamas-Redaktion, …
Ergänzung des [a:ka] – „Zum Rückzug“

Update 20.01.10: Lanzmann, Dax, Theweleit, Gremliza. Der Autor hofft lebendig heimzukehren. Theweleit opfert den Autor auf dem Altar der Interaktion. Der Autor holt sich die Autorenschaft wieder zurück, indem er sagt, er dreht das, was er drehen kann oder will. Gremliza bringt alles durcheinander. Theweleit bringt alles andere durcheinander und will schon wieder den Autor bevormunden, indem er ihn u.a. zu einer Stellungnahme drängen möchte, die eben so gar nicht zum Thema gehört – was ihm zuvor mitgeteilt wurde. Der Autor ist zu Recht genervt, weil es so gut wie gar nicht um den Anlass geht, der ihn in diese absurde Situation gezwungen hat. Audio-Dokumentation eines völlig grotesken Waseigentlich.
+ Eine hervorragende Zusammenfassung von Günther Jacob auf WADIblog: „Ein Ende DIESER Zensur“

Update 31.01.10: Tjark Kunstreich – „Mit „Israelkritik“ gegen Antizionismus. Über den Stand der antisemitischen Dinge “ (Vortragsankündigung für den 27.01., Bahamas)

Update 06.02.10: »Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten« – „Erneuter Überfall von B5-Aktivisten auf Antisemitismusgegner“: „In der Nacht zum Sonntag, den 31. Januar 2010, überfielen Aktivisten des »Internationalen Zentrums B5« zwei israelsolidarische Antifaschisten. Die beiden Antifaschisten, die unter anderem im »Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten« gegen Antisemitismus aktiv sind, wurden nach dem Verlassen einer Diskothek von drei Schlägern empfangen. Die Angreifer brüllten antiisraelische Parolen, gingen mit Faustschlägen auf ihre Opfer los und traten, als diese am Boden lagen, weiter auf sie ein. Erst als es den Angegriffenen gelang, die Polizei zu rufen, flohen die Angreifer…
Gruppe Sur l‘eau – [sinnvollere!] Stellungnahme: „Warum wir nicht länger Teil des „Bündnis(ses) gegen Hamburger Unzumutbarkeiten“ sein wollen“

Update 12.02.10: McGuffin Foundation/ JustIn Monday – „Ein lautschweigender Konsens. Spekulationen dazu, warum es der Linken so schwer fällt, die Gegenwart des Antisemitismus im Bewusstsein zu halten.“
Ein ambitioniert anmutender Versuch, der allerdings hinsichtlich diverser Aussagen kritisch hinterfragt werden muss, beispielsweise: „Der linke Antisemitismus, und das macht seine Problematik aus, ist nicht einfach eine Übernahme des Antisemitismus, der im Rest der Gesellschaft herrscht, vielleicht verwässert von sonstigem guten Willen, sondern durchaus eine Eigenproduktion, entstanden aus der Unfähigkeit, angemessen mit der eigenen Marginalität und Ohnmacht umzugehen.

The Swamp Thing

Reinhard Mohr ist auf Spiegel online mal wieder in Sachen Identitätsrechtfertigung unterwegs. Während er sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls über die beschwerte, die seine tränenreiche Freude über die ‚Wiedervereinigung’ nicht teilen mochten und sich rachelüstern ein rauschendes Fest wünschte (das dann wegen des Regens nicht stattgefunden hat… wenn man auch immer nur im Herbst Jubiläumsanlässe schafft – selbst Schuld, Deutschland), versucht er sich nunmehr, irgendwie, mit einem weiteren Abschnitt seiner Vergangenheit und seinen Ex-Sponti-Freunden zu versöhnen.
Im Rahmen einer, so sieht es zumindest Der Spiegel, sensationellen „Schonwiedermussdie68ergeschichteinneuemlichtgesehenwerden“-Story über das Peiner Umfeld (betitelt „Schrecken aus dem braunen Sumpf“ – alle folgenden Zitate) des Dutschke-Attentäters Josef Bachmann übt er sich im Loben der gerade noch Gescholtenen:
Die aktuelle SPIEGEL-Enthüllung veranschaulicht noch einmal, dass die Bundesrepublik von 1966/67 eine ganz andere war als das Deutschland von 2009 – dass es also jenseits aller ideologischen und verschwörungstheoretischen Ableitungen gute, ja beste Gründe für eine antiautoritäre Protestbewegung gab, die von der großen Weltpolitik bis ins Private und Biografische reichte.
Die damals so „ganz andere“ Bundesrepublik zeichnete sich im Gegensatz zum „Deutschland von 2009“ z.B. dadurch aus, dass es damals einen kleinen deutschen Ort mit einer „aktiven Neonazi-Szene“ gab, „deren abenteuerliche[s] Treiben […] unter den Augen der offensichtlich sympathisierenden Sicherheitsbehörden“ geschah und dass „nach der Festnahme Bachmanns […] Polizei und Staatsanwaltschaft […] bei ihren Ermittlungen den auch ihnen bekannten Hinweisen und Spuren, die in die braune Giftküche […] führten, nicht nach[gingen].“
Da muss man sich wohl glücklich schätzen, dass die „antiautoritäre Protestbewegung“, der auch Mohr sich eine zeitlang angehörend wähnte – in a way, oder die ‚Wiedervereinigten’ (gibt ja keine Stasi mehr, die überall ihre Finger drin hatte), denen er ganz zugehörig sein mag, gründlich damit aufgeräumt haben. Aber sowas von gründlich! Oder vermutet heute noch jemand eine „Verbindung von Teilen des Staatsapparates mit reaktionären und rechtsradikalen Gruppen?“ Oder dass ein linke oder andere ihm unliebsame Personen mordender Deutscher im schönen neuen Deutschland als „fehlgeleiteter unpolitischer Krimineller zu [nur?] sieben Jahren ‚Zuchthaus’ verurteilt“ werden würde? Oder dass Parteien wie die NPD noch in deutsche Landtage einziehen könnten?
Vielleicht tut es auch einfach überhaupt nicht mehr weh, seit man weiß, dass man nur ein paar Betroffenblickensollende mit Teelichten auf die Straße scheuchen muss und schon glaubt selbst ‚das argwöhnische Ausland’, das den Standort schließlich zu sichern hat, an den netten Deutschen von nebenan.
Die[se] jüngste deutsche Geschichte“ (wie jüngst scheint dann doch eine Definitionsfrage zu sein!) jedenfalls ist für Mohr (again!) ein „abgründig faszinierende[r] Filmstoff, der immer wieder neu die Vorstellungskraft beflügelt.“ (Hervorhebung J6ON und wie üblich zu Recht!) … ? … Rumballernde Deutsche – ja sicher – selten so vorstellungskräftig beflügelt gefühlt. Aber nicht beim nächsten Mauerfalljubiläum wieder rumjammern, dass alle anderen mehr geschichtliche Anerkennung bekommen, exzessiver verfilmt werden oder überhaupt ‚Spaß‘ hatten.

Update 17.12.09 – Jungle World: Jörn Schulz – Axel jagt die Affen

Grundlegendes 13

„Wenn Marx sagt, das Individuum sei ein Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, so legten die einen den Schwerpunkt auf die Verhältnisse, die anderen auf das Individuum; wenn es hieß, die Menschen machen die Geschichte selbst, aber nicht unter selbstgewählten Umständen, betonten die einen – in klassisch-idealistischer Tradition – das selbsttätige Subjekt, die anderen – in Anlehnung an die Milieutheorie – die Umstände. Während das dialektische Denken von dieser Spannung lebt, schlägt sich das strukturalistische auf die Seite der Umstände. Und im Gegenzug mystifiziert die Kritik am Strukturalismus wiederum das Subjekt; so schrieb Jean Améry, der leidenschaftliche Gegner Foucaults: „Es ist der Mensch, der die Sprache schafft, die soziale Praxis verwandelt, die Natur erkennend neu gestaltet. Er ist Subjekt und Objekt der Erfahrung, Ursprung und Ziel der Geschichte, er ist Be-deuter einer Realität, die ihn hervorgebracht hat und be-deutend zu jeder Stunde neu hervorbringt“ (Merkur, April/ Mai 1973).“
Gerhard Scheit – Mülltrennung. Beiträge zu Politik, Literatur und Musik (1998)

„Wo man singt, da…“ III… but „don’t mention the war!“

Dear Pete Doherty,
due to your obviously having been in a drunken stupor you may have forgotten a lesson that is of utmost importance whenever you happen to meet Germans. In 1975 John Cleese taught the British what to do NOT when talking to Germans – you definitely got it all mixed up (and singing doesn’t make a difference). The message was: „Don’t mention the war.“ In no way! Cleese then vividly illustrated what happens if you don’t abide by the rules. You failed – and now the ranting and raving, the howling and brawling have started all over again. The German media are upset and wailing that you reminded them that the first verse of the Deutschlandlied had been ‚abused’ (?) by the Nazis etc. etc. pp. (the lyrics are pretty explicit, though, and not exactly open to interpretation… wie auch immer). And the Bavarian Broadcasting Corporation demands you to apologise to… to whom? I wonder… Accordingly, don’t!1
Though I think I understand what your intention was when you sang the first lines of the Lied der Deutschen (the Germans didn‘t – otherwise they would merely have been embarrassed2) you gave them an (over here) always welcome reason to imagine themselves as victims of just another British bomber… pardon me… music group. And this is what I’m not going to forgive you unless you consent to atone for your sins by watching the following scene from Fawlty Towers over and over… and over again!3
With all best wishes
June Six O.N.

  1. Also, I haven’t heard that German Liedermacher (term cannot be translated into civilised languages) Stefan Krawzcyck has apologised for his singing the first verse yet and now there is a real difference. [zurück]
  2. Die angemessene Übersetzung lautet (zu Recht – Tautologie kann Spaß machen): „F*ck you, f*ck you, f*ck you.“ [zurück]
  3. Das ist ebenso dem Bayerischen Rundfunk und allen anderen rumjammernden Deutschen zu empfehlen. Die das nicht missverstehen sollten: Es geht nicht darum, Witze über das ‚Dritte Reich‘ zu reißen, sondern über die Deutschen, die permanent unangemessenes Leiden daran artikulieren, dass sie tatsächlich den 2. Weltkrieg angefangen haben, dass sie Nazis waren, Naziväter und -mütter hatten und dass die Alliierten dem ein Ende bereiten mussten etc. Aber die werden ja in Form der Briten sehr gerne als die wahren Stechschrittlehrer imaginiert (with thanx to JdB). [zurück]

Later: More people got the idea