US-Ökonom irrt sich: Die blödeste Stadtvermarktungsidee ever!

Wenn es den Deutschen dunkel im Gemüt wird, machen sie eine Lichterkette und heiligen mit dem Mittel den Zweck. Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommen dir mit Sicherheit ein paar Hundert, wenn nicht Tausende Teelichtlein entgegen, getragen von Menschen mit tragischem Ernst im Blick. Man mag sich freuen, dass die sich mal wieder „wehrenden“ Deutschen derzeit keine Fackeln mit sich rumschleppen, aber darf auch die Frage stellen: Warum nicht die viel praktischeren Taschenlampen oder diese hübschen kleinen tragbaren LED-Touch-On-Leuchten, die kann man sich auch an die Jacke kleben und hat die Hände frei zum Zigaretten anzünden… Egal!
Die jüngste friedlichenprotestäußernwollende Stadtillumination galt dem befürchteten Abriss des Gängeviertels, und sie ging einher mit einigen anderen Übeln, die sich kreativ wähnende Menschen immer wieder produzieren, z.B. einem Manifest und so genannten Kunstaktionen. ‚Politische Kunst’ (im öffentlichen Raum) zeugt regelmäßig von der Unmöglichkeit, Kunst einem Anlass unterzuordnen. Kunst als Reaktion auf einen akuten Zustand müsste, um noch vielleicht als Kunst bezeichnet werden zu dürfen, sich entweder (wortgewaltig, wenn man’s denn beherrscht) verweigern oder derart individuell und drastisch inkommensurabel ausfallen, dass die eigentlich wohlwollende Gemeinschaft ihren Schöpfer z.B. am liebsten auf der Stelle einweisen lassen wollte. In dem Moment, in dem ‚Kreative‘ akut wirksame Öffentlichkeit anstreben, müssen sie gezwungenermaßen einen Konsens mit ihrem (!) Verständnis von Öffentlichkeit herstellen und adressieren dann notwendigerweise nicht mehr als Individuum und nicht mehr Individuen. Kunst, die sich in den Dienst einer Sache stellt (oder stellen lässt), ist (im besten Falle!) Kunsthandwerk.1 Die einzige Möglichkeit, die Kunst tatsächlich darstellt, ist der voraussetzungsvolle mögliche Einblick in eine andere individuelle Reflexion. Darin aber ist sie unschlagbar, weil sie keinerlei Wirkung/ Anlass braucht, außer ihrer Existenz als radikal individualistischer Ausdruck (was mehr erfordert, als Befindlichkeitsillustrationen zu liefern2). ‚Das Gängeviertel‘ hingegen bietet DEN KÜNSTLER als Authentizitätsbeweis, Atelierbegehungen, Widerstandsillustrationen in Form z.B. von Barrikaden aus zerstörten Leinwänden (gähn!), Polit-Kunsthandwerk, grimmige Open Air-Parties mit Leuten im ‚echten’ Künstlerkostüm und Ringelpietz mit oder zum Anfassen.
Das ganze Ressentiment und die Ideen- und Theorielosigkeit spiegeln sich dann auch im ‚Manifest’ „Not in our name, Marke Hamburg“ wider. Die Anrufung auf Englisch adressiert den Feind, dem man sich ausgeliefert wähnt: Mit dem Niederländer (Mynherr Peeperkorn?) sogleich sinnloserweise den längst abgewählten US-amerikanischen Kriegsherren oder wer auch immer ‚hinter ihm stehen mochte’ zu plakatieren, ist so erwartungsgemäß wie ‚Portrait of the Artist as an Antiimp’! ‚No artists’ blood for soil’ wäre ebenso naheliegend gewesen gewesen. Der Rest ist leider nicht Schweigen sondern Naomi Klein. Das grundlegende Drama des Großteils der deutschen ‚Linken’ und der deutschen Künstler – ihre Intellektuellenfeindlichkeit – findet im Manifest seinen Ausdruck. Bereits im ersten Satz wird die Unfähigkeit, Texte tatsächlich zu lesen, erkennbar: „Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US [!]-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die ‚kreative Klasse‘ wohlfühlt.“
Exzerpt – Marx/ Engels – Manifest der Kommunistischen Partei:
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte? Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor. Der Kommunismus wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt. Es ist hohe Zeit, daß die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen.“
Sollten die kreativen Widerständler tatsächlich vermuten, dass Barroso und Verheugen, der Papst und Putin et al. sich gegen sie verschworen hätten oder die protestierenden Milchbauern als Künstler beschimpft würden und dergleichen mehr? Vielleicht, aber das wäre dann ein Problem gänzlich anderer Natur – vermutlich ist es allerdings wie üblich so, dass sie das „Gespenst“ nicht dort vermuten, wo es von Marx und Engels benannt wurde. Der Hamburger Senat zumindest mochte die deutschen Künstler überhaupt nicht hetzen, verschreien oder brandmarken – au contraire.
An anderer Stelle bedient man sich Gemeinschaft und Konsens erheischend der Bild-Zeitungssprache: „Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen.“ Ja, das tut wirklich weh! Aber nicht genug: „Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden“, wo sie bis dato doch nur das Ornament einer deutschen, sich kulturbeflissen gebenden Großstadt war. Weiter im Text: „Damit wird die Kulturbehörde zur Geisel eines 500-Millionen-Grabes, das nach Fertigstellung bestenfalls eine luxuriöse Spielstätte für Megastars des internationalen Klassik- und Jazz-Tourneezirkus ist.“ Da ist er endlich: Der Feind! Die internationalen (!) Megastars, die womöglich die eigene Irrelevanz und Überflüssigkeit kenntlich machen und die Freude am bejubelten Existenzminimum bedrohen. Auch indem sie die Möglichkeiten von Luxus illustrieren. Die das Geld einstreichen, das man selber verdient zu haben glaubt, aber das Bedürfnis danach in selbstauferlegter und mit Teelichten zur Schau getragener Frugalität verneint, denn „[w]ir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern. Unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten.“ (Aspekte bezeugt das mit einer Szene aus Fatih Akins Soul Kitchen, ein „Heimatfilm der neuen Art“ – self-promotion auf youtube –, in der ein ehemaliges Karstadt-Gebäude, das zur buntleuchtenden warehouse party location umfunktioniert wurde, zu sehen ist. Aber das Gequassel der – initiierten, nichtinitiierten und sich initiiert gebenden – Protagonisten auf dem Weg dorthin lässt einen bereits Schlimmes über das vermuten, was man dort vorfinden wird… Sorry, aber es heißt nicht umsonst polemics in parentheses und die Szene vermittelt nicht gerade 24 Hour Party People…)
Und: „Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist.“ Das Problem ist wohl eher, dass ‚ihr’ das eigentlich nicht mehr tun solltet. Dass ‚der Kapitalismus‘, in dem man sich als heimischer ‚Kulturschaffender’ so lange gerne eingerichtet hat, wie er einem das „Gemeinwesen“ heimelig als wohlverdient/-erkämpft vorspielte, ahnt, dass ‚ihr’ eigentlich nicht mehr gebraucht werdet. Adornos nicht gerade pointiertester Satz gilt trotzdem auch hier: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Gehet hin (irony alert!), deutsche Künstler, und leset die Pointierteren und kaum noch etwas wird überraschend kommen.
Der bekehrte Richard Florida sollte sich aber tatsächlich fragen, was er da nunmehr als zu bewahrenden Reichtum zu vermitteln ansetzt: Die Manifest-Künstler verkörpern nur, was im Kapitalismus sich als widerständig noch gut verkaufen lässt, und das ist denkbar armselig. Es sind hier nicht mal ihre Werke, die man benötigt, um ‚Flair’ und Esprit in ein Produkt zu imaginieren, nicht einmal der individuelle Künstler ist gefragt, sondern höchstens Typen, in die man je nach Bedürfnis sexuelle Freizügigkeit, Anleitung zu Kreativität in den eigenen vier Wänden, halbwegs originelle Partygäste oder Ersatzwildnis projiziert. Diese Erkenntnis sollte es sein, die Angst einjagt: Das ‚kreativ Widerständige’ im Kapitalismus dient nichts anderem als dessen Aufrechterhaltung und derart funktionierte es effektiver als McDonalds und nahezu auf einer Ebene mit einstmals Ikea, das dem deutschen Widerständler auch mal als das „etwas andere Möbelhaus“ galt.
Irgendwann ist auch das vorbei (noch nicht – denn noch konnte man sich selbst offenbar angemessen verkaufen) und gefragt ist nicht mehr die tatsächliche Existenz des sich widerständig Gebenden, es reicht eben ein Werbevideo, das all die Klischees widerspiegelt, in denen man sich bequem einrichten zu können glaubte. Dass die Künstler dieses als Werbung, an der sie teilhaben sollen, lesen, zeugt von einem weiteren grundlegenden Missverständnis. „Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die ‚Marke Hamburg‘. Nicht dass ihr uns freundlich gebeten hättet.“ So weit scheint es nun aber zu kommen und wenn wieder alle irgendwie lieb zu einem sind, richtet man sich erneut ein und malt oder klebt oder zeichnet oder sprüht die gleichen Befindlichkeitsbilder wie eh und und je, bastelt Installationen aus Wohlstandsmüll oder Dachbodenfundstücken, dokumentiert den Verfall von Nahrungsmitteln, kratzt respektive pinselt auf 8mm-Filmloops herum oder erfindet zum 26571. Male Mode aus Plastiktüten, läuft in dämlichen Mänteln (oder ohne alles) herum und gibt in Selbstinszenierungen für die Kamera den Klassenkaspar etc. etc. etc. Bis zur zehnten Wiederholung war das vielleicht noch interessant oder zumindest eine nette Idee. Aber es scheint, als arbeiteten 95% der Künstler parallel an ein paar Werkserien, denn so sieht sie seit Jahrzehnten aus, die laut Rocko Schamoni „[i]nteressante Kunst, Kunst, die die Kunstwelt und die Gesellschaft verändert, [die] immer von unten [kommt], immer aus Ecken, die nicht gesteuert sind, die nicht kontrolliert sind, sondern sich selbst erfinden können und dort also quasi etwas Neues [?] erschaffen können.“ (Aspekte)
When a place gets boring even the rich people leave“, sagt Richard Florida im Interview mit Aspekte. Das Problem ist vielmehr, dass das alles schon sehr lange unerträglich langweilig ist und niemand es erkennen will oder darf.
Die Illusion des ‚linken’ Künstlers, dass er mithilfe seines Schaffens (?) etwas (!) „verändern“ könne oder nur wolle, scheitert spätestens an einer Ideologie, die nicht mal mehr Rechtfertigung sein muss, weil sie mittels offener Integration viel erfolgreicher ist als durch Ausschluss.3
Um es nochmal zu betonen: Solange Kunst nach Verstehenden sucht oder sich verständlich zu machen versucht (sei es über die Botschaft oder die Ästhetik), solange sie also in irgendeiner Form kommensurabel sein muss, wird sie höchstens Bestätigung im Bestehenden erfahren können.
Da man mit den ‚gegebenen Mitteln’ keine Skandale jenseits konformistischer Rebellion erzeugen kann oder mag, gibt man sich wenigstens skandalisierend respektive skandalisiert. Dann stellt man eben ein wenig lauter das aus, was man eh so gerade tut: „Über 150 Künstler und Kreative bespielen ab Samstagmittag das Gängeviertel mit ihren Bildern, ihrer Musik und ihren Performances, um dieser Stadt zu zeigen, welches Potential hier an seiner Entfaltung gehindert wird.“ (Offener Brief) Und das nachdrücklich und ganz ernsthaft on a mission, denn niemand mag zugeben, dass er ganz einfach weiterhin gerne oder endlich mal Spaß haben will. Was ein Argument wäre!
Wie auch immer… wenn die „Hamburger Kreativen“ (self-chosen logo!) bleiben dürfen – und so sieht es aus und es sei ihnen natürlich gegönnt, seriously – dann haben sie sich tatsächlich gegenseitig verdient: die deutsche Kulturstadt, die das „Gemeinwesen“ aufrechterhalten wollenden Künstler und ‚die Reichen’, die das noch aufregend finden (denn selbst der Wohlmeinendste muss zugeben, dass denen auch äußerst selten nach wirklich Bahnbrechendem ist – eine gravierende Verstörung der eigenen Wahrnehmung ist nicht gefragt).
Zum Ende aber nennen diejenigen, die bei Hamburg nicht an „Wasser, Weltoffenheit, Internationalität“ (Warum eigentlich nicht? Der Alliteration wegen? Das wäre auch ein Argument!) denken möchten, nochmal den Preis und damit ist nicht der zum „Bewohnen und Bewahren“ aufrufende letzte Absatz gemeint, der da lautet:
Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen [!]. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der „Wachsenden Stadt“ gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein. Wir solidarisieren uns mit den Besetzern des Gängeviertels, mit der Frappant-Initiative gegen Ikea in Altona, mit dem Centro Sociale und der Roten Flora, mit den Initiativen gegen die Zerstörung der Grünstreifen am Isebek- Kanal und entlang der geplanten Moorburg-Trasse in Altona, mit No-BNQ in St. Pauli, mit dem Aktionsnetzwerk gegen Gentrifizierung und mit den vielen anderen Initiativen [darunter eine veritable Volksinitiative!] von Wilhelmsburg bis St. Georg, die sich der Stadt der Investoren entgegenstellen.
Sondern die Liste der Unterzeichner: „When a place gets boring…“

Later: Jungle World
Update 5.1.10: Das NDR-Kulturjournal zeigt nochmal 1:1 (sie können nicht anders), warum es so boring ist!
Update 18.3.10: Hate – Die Beistelltisch-Revolte

  1. Nicht umsonst gibt es in Adornos Ästhetischer Theorie keine Kunstwirkungsforschung (dazu irgendwann mal mehr) [zurück]
  2. Für alle, die Kritik und auch Kunst gerne als voraussetzungslos verstehen möchten: Sie sind es nicht! Außerdem: Jede Kunst und Kritik, die sich als authentisch ausgibt und sich als ‚gewachsen’ versteht, die sich unkritisch einrichtet in einen Geschichts- oder Kulturraum ist per se konsensherbeisehnend und entsprechend kritik- und kunstlos! [zurück]
  3. Das Statische und das Identische der Kulturindustrie (außerhalb derer sich die Künstler hier in Abgrenzung zu den „internationalen Megastars“ vermuten, es aber nicht sind) stabilisiert sich und kommt eben dadurch zur Geltung, dass sie Kunst und im weitesten Sinne Kultur immer auch Orte und Praktiken der Dynamik/ Differenz/ Alterität eröffnet und zulässt. Das ideologische Moment des Bewusstseins der ‚Kreativen‘, ihr falsches Bewusstsein liegt gerade in dem Glauben, dass Kunst auch unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auf direktem Wege ‚etwas’ ausrichten kann. Damit soll keinesfalls Kulturpessimismus verbreitet werden; man muss nur z.B. Adornos Briefwechsel mit Thomas Mann lesen, um eine Ahnung von Wirkungsmöglichkeit zu erhalten. Die ist allerdings nicht ohne Voraussetzungen zu haben – nicht z.B. ohne dem ‚Rezipienten‘ das Gefühl zu geben, es gebe da etwas, das er womöglich wissen müsse. [zurück]