Reread 2: „Zum Phänomen Ende äußere ich mich nicht“, …

…sagte Marcel Reich-Ranicki und tat gut daran! Andere Kritiker (die noch halbwegs bei Sinnen waren) fanden Michael Ende nur nervig, unbegabt oder so ähnlich.
Als Antwort auf die ihm nicht genehme oder nicht stattgefunden habende Kritik gab Ende 1989 den Walser für Kinder, schrieb „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ und erdichtete das Büchernörgele – das offenbar den Eichborn-Verlag 1996 zu seinem unerträglichen Büchernörgeli inspirierte: eine quietschende Gummibüste, die Marcel Reich-Ranicki darstellen sollte und den Vergleich mit Stürmerkarikaturen nicht scheuen musste. (Leider ist kein verwertbares Bild mehr auffindbar. Aber in einigen repräsentativen Bücherschränken dürfte das ‚allgemein belustigende‘ Objekt noch vorhanden sein, sofern es nicht die Kinder oder der Hund zerfetzt haben, wie ein ’sehr witziger Rezensent‘ fast vorherzusagen wagte).
Heute wäre Michael Ende 80 geworden – ein willkommener Anlass, nochmal auf die vermutlich schönste Kritik, die je an einem seiner Werke geübt wurde, hinzuweisen.
Excerpt – Peter Siemionek – Phantasie und Vernichtung. „Momo“ und die autoritäre Sehnsucht des Michael Ende (Bahamas 55/2008):
Ende ist von dem Wunsch nach einer harmonischen, widerspruchslosen und konfliktfreien Gemeinschaft umgetrieben, die den Einzelnen unter ihre wärmenden Fittiche nimmt und ihn vor den Zumutungen der bösen Welt zu schützen hat, und da Gemeinschaft ohne Führer nicht zu haben ist, fällt Momo diese Aufgabe zu. Sie ist die Verkörperung von Sinnstiftung, die von vornherein Erkenntnis und Selbstreflexion abwehrt. Ihre Funktion besteht darin, ein sich, mit ihrer Ankunft in einem Wohnbezirk der Stadt, wundersam konstituierendes Kollektiv zusammenzuhalten. Das gelingt durch ihr „übernatürliches“ Talent: das Zuhören. Durch ihre bloße Anwesenheit lösen sich Streitereien in nichts auf und der Frieden kehrt in die Gemeinschaft zurück. Droht einer einmal an seiner eigenen Ohnmacht zu verzweifeln, sorgt Momo dafür, dass diese schmerzhaft aufblitzende Erkenntnis sofort einer die Harmonie wieder herstellenden Lüge weicht. Ihr gelingt es, den Abweichler ins Kollektiv zu reintegrieren, denn sie stiftet neue Hoffnung und spendet Kraft zum Durchhalten: „Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle [!] Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.“ (Ende 2005, S.15)


2 Antworten auf „Reread 2: „Zum Phänomen Ende äußere ich mich nicht“, …“


  1. 1 Andreas Simon 20. Mai 2012 um 23:00 Uhr

    Kann es sein, dass Sie sich mit dem „Phänomen Ende“ auch nicht so gern befasst haben? Dieser Eindruck entsteht zumindest bei mir, wenn Sie sich Siemioneks Argumentation zu eigen machen. Für die Behauptung, Ende hege eine Sehnsucht nach gesellschaftlichen Schutzschirmen und Führerfiguren, finde ich in dessen Werk keine Belege.

  2. 2 junesixon 21. Mai 2012 um 3:23 Uhr

    Merci! So bin ich tatsächlich darauf aufmerksam geworden, dass das Video nicht mehr abrufbar war – jetzt aber wieder.
    Sonst bleibt mir nur die Anregung, den Siemionek-Text gründlich zu lesen und daraufhin nochmal das Ouevre Endes. Zumindest „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“, beide Bücher nämlich lassen keine anderen Schlussfolgerungen zu als die Siemioneks, ob es sich dabei um Sehnsucht nach oder bloßes Propagieren von handelt, steht zur Diskussion. Und, um die Frage, zu beantworten: Diesseits der Kindheit mag ich mich wirklich nicht mehr gerne mit „Dem Phänomen“ befassen, da nervt’s nur noch. Es war schon schlimm genug, den „Schwarm“ der Gründlichkeit wegen anderthalb Mal ein bisschen ernst zu nehmen…

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