„Das Volk siegt“

Der in Deutschland als gemäßigt gehandelte und dementsprechend volksdeutsche“ Erzbischof Robert Zollitsch predigte ökumenisch zum deutschen „Freudentag“; von den „Menschen und Völkern [?], die in Unfreiheit leben müssen“, von der „Rolle der Kirchen beim Mauerfall“ und vom 9. November 1938 wollte er erzählen. Weil ‚man’ um die Reichspogromnacht (noch) nicht herum kommt und Zollitsch als geduldiger Vermittler zwischen den Religionen gilt. Ein paar sorgsam gesetzte Worte schienen also angebracht. Wenn allerdings gemäßigte (Volks-)Deutsche sich genötigt sehen, aus Taktgefühl, um in der Rolle zu bleiben, oder weil es ihnen ein Herzensanliegen etc. ist, das Angebrachte zu äußern, wird’s meist unangebracht. Zollitsch assoziierte wild um das Thema Mauer herum und heraus kam eine Anklage gegen… Mauerbauer… im Allgemeinen und sowieso: „Die Erinnerung an den 9. November 1989 und nicht weniger die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse [?] der Reichspogromnacht am 9. November lehren uns unmissverständlich: Mauern – ob real oder in den Köpfen der Menschen – lösen keine Probleme. Im Gegenteil: Sie schaffen Probleme. Sie verbauen Zukunft“, sagte Zollitsch und warnte vor „potentiellen Mauerbauern“, die es auch heute noch gebe. „Sie sollten nicht das Sagen haben, weder in der Gesellschaft noch in den Kirchen.(ekd.de)
Den Volksdeutschen ging es aber spätestens 1938 darum Mauern einzureißen, die in ihren Köpfen (die von wenigen mühsam errichtet werden wollten, um als Tabu vor antisemitischer Brandschatzung, Raub und Morden zu bewahren) und die der Synagogen und Geschäfte von ihnen als jüdisch identifizierter Inhaber.

brennende synagoge1
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‚Wenn Zollitsch et al. das sagen und eh Mauerverdammungstag ist…’, dachten sich einige Palästinenser und begannen (carpe diem), die „Mauer zu Israel [einzureißen]“. Reprise: „Mauern – ob real oder in den Köpfen der Menschen – lösen keine Probleme.“ (Zollitsch) Aber nein… Abgesehen davon, dass diese Mauer den Rückgang der Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung von 73 im Jahr 2003 auf vier im Jahr 2004 reduzierte Und:
Moussa Abu Marzouq was asked about the drop in the number of suicide bombing attacks ( al-‘amaliyyat al-istishhadiyya ) during the Hamas government’s term. In his reply, Abu Marzouq admitted that “[carrying out] such attacks is made difficult by the security fence and the gates surrounding West Bank residents”. He stressed that the (Hamas) movement was powerless to extend any significant assistance to the West Bank, but that the actual happenings on the ground (the existence of the security fence and the gates) gave it a legitimate reason to do so (meaning that the reality formed after the construction of the security fence impairs Hamas’s ability to carry out suicide bombing attacks.“ (terrorism-info.org)
Solange man die Ermordung von Menschen nicht als Problem betrachtet… alles im grünen Bereich (pun intended!).
Auch Bundespräsident Köhler hätte sich gerne angemessen geäußert: „Der 9. November 1938 und der 9. November 1989 seien miteinander verbunden, erklärte Köhler. An „diesem Tag der Freude“ vergesse Deutschland nicht die Reichspogromnacht. 1938 sei aus der Diskriminierung der Juden „endgültig systematische Verfolgung bis hin zum Massenmord“ geworden, erklärte der Bundespräsident. Die Teilung habe 1989 auch deshalb überwunden werden können, „weil wir Deutsche die nötigen Lehren [?] aus unserer Geschichte zwischen 1933 und 1945 gezogen haben“. Darum habe die Welt Deutschland 1989 vertraut [serious mistake!]. Darum hätten die Deutschen die Einheit in Freiheit wiedererlangt.“ (news.yahoo)
1933, 1934, 1935, 1936, 1937 waren also nicht „endgültig“ genug? Nicht z.B. das Jahr 1933, in dem die Deutschen entschieden, der erklärtermaßen antisemitische Adolf Hitler solle fortan ihr Führer sein, das Jahr z.B. des Boykott-Tages gegen jüdische Geschäfte? Oder das Jahr z.B. der Nürnberger Gesetze – 1935 – das Jahr z.B. der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, welche die Aberkennung des Wahlrechts und der öffentlichen Ämter und die Entlassung aller jüdischen Beamten bedeutete? Und so weiter und so fort! Nein, es kam über die Deutschen wie ein Wunder…sorry… ein Blitzschlag: ‚Das sind ja Antisemiten! Und fortan wollten sie nicht mehr mitspielen und stürzten den Führer … oder so ähnlich… Weswegen es ‚uns’ jetzt’ erlaubt ist, hemmungslos zu feiern und bei der Aufführung von Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ genervt zu pfeifen und mit den Regenschirmen rumzuspielen. Das Ghetto von Warschau entstammte ja nur einer antideutschen what-if-story. Tatsächlich hatte man es am 10. November 1938 verhindert, indem man Hitler und Konsorten in die Konzentrationslager verschleppte und dort verrotten ließ. Die Teilung… eine Bosheit der deutschfeindlichen Alliierten. Was sonst?‘
Das Volk siegt“ übertitelte der Spiegel sein Heft 46/ 1989 und Recht hat er gehabt. Das deutsche Volk ist immer einen Schritt weiter als seine Vertreter und sie sind dankbar und glücklich, wenn sie es endlich bemerken: Denn der Volksdeutsche besteht darauf, dass sein Wille so unauffällig wie möglich erfüllt werde. Das ist dann die letzte Mauer im Kopf!

In memoriam Herschel Feibel Grynszpan
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(via)