„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“

In February 1848, at the funeral of Wagner’s mother, [Heinrich] Laube commiserated with his friend [Richard Wagner], conflating the sadness of the hour with their general resentment and despair at the state of German art: ‚On the way to the station, we discussed the unbearable burden that seemed to us to lie like a dead weight on every noble effort made to resist the tendency of the time to sink into utter worthlessness.’ And as the Struensee preface made clear, this ‚worthlessness’ consisted in the flowering of ‚Jewish’ values. Wagner’s only remedy was to ‚plunge dully and coldly into the only things that cheer and warm me, the working out of my Lohengrin and my studies of German antiquity.’“ (Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner)

Zum Mauerfall-Jubiläum sollen die Gräber noch einmal kurz (ungefähr sieben Minuten lang) geöffnet werden. Gräber, die meist nur im deutschen Wunschdenken existieren und deren Nichtvorhandensein die Deutschen durch Denkmale – von „fußballfeldgroß“ (Walser) bis zu drauftretenmüssenprovozierender Winzigkeit – zu ersetzen versucht haben. Ersatzgräber waren das einzige, was die Nachkriegsdeutschen den von ihnen ermordeten Juden zu gönnen bereit waren; eigentlich nicht mal das, aber es macht sich dann doch so gut im deutschen Lebenslauf. Nachdem sie einige Jahre zuvor ihre Opfer gezwungen hatten, Gräber in die Luft zu schaufeln (Paul Celan):
Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken.“ André Schwarz-Bart – Der Letzte der Gerechten (Le dernier des justes)
Und selbst noch diese grauenvolle Erkenntnis wurde hierzulande verwertet, indem man das Bilderverbot so drehte, dass deutsches (ostentativ und dann doch sehr laut) schweigendes Ertragen und Leiden, deutsches ‚Traumatisiertsein’ am eigenen Verbrechen und der nicht ausreichenkönnenden Strafe als Erlaubnis für absolut ignorantes und selbstverliebt romantisches (Nicht-)Handeln umgedeutet wird.
Ein Grab, das nur existiert, weil der eigentlich zum grablosen Tod Verurteilte das deutsche Europa vor der Vollstreckung verlassen konnte, wird am 9. November 2009 geöffnet und Arnold Schönberg daraus hervorgezerrt werden. Was von ihm übrig blieb, wird vor das Mauerfall-feiernde Publikum geschleift und als musikalisches Plastinat aufbereitet werden. Wie man sein zum Anlass aufzuführendes Werk beurteilt, ist in diesem Kontext tatsächlich irrelevant. Adorno äußerte angebrachte Zweifel: „So wahr hat nie Grauen in der Musik geklungen, und indem es laut wird, findet sie ihre lösende Kraft wieder vermöge der Negation“, jedoch „[e]twas Peinliches gesellt sich der Komposition Schönbergs, […] als ob die Scham vor den Opfern verletzt wäre. Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ (Vgl. aber auch Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus und Conne Island „’Ein Überlebender aus Warschau’ in Deutschland“).
Irrelevant ist es, weil der (musikalische) Rahmen, den die feiernden Deutschen verlangen, alles pervertiert, was dem Werk jemals hätte innewohnen können: „Das „Fest der Freiheit“ wird am 9. November um 19 Uhr mit einem Open-Air-Konzert der Staatskapelle Berlin und des Staatsopernchors unter Leitung von Daniel Barenboim auf dem Pariser Platz eröffnet. Auf dem Programm stehen musikalische Werke, die exemplarisch entscheidende Zäsuren der deutschen Geschichte beleuchten: Die Revolution von 1848/49, die Judenpogrome der »Reichskristallnacht« am 9. November 1938 sowie der Fall der Berliner Mauer ebenfalls am 9. November 1989. Für Arnold Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ hat Klaus Maria Brandauer den Part des Sprechers übernommen.“
Abgesehen davon, dass das nicht ganz zutreffend ist, denn das Programm sieht noch einen ‚kleinen’ deutschen Extra-Triumph vor, und das Warschauer Ghetto war eben nicht die Reichspogromnacht.

Richard Wagner: Lohengrin, Vorspiel zum 3. Akt (In der Ankündigung wird mal kurz verschwiegen, dass Wagner bereits 1848, wie sich das für einen strammdeutschen ‚Linken’ so gehört(e), radikal antisemitische Ansichten vertrat.)
Arnold Schönberg: A Survivor from Warsaw (Ein Überlebender aus Warschau) op. 46 (Sprecher: Klaus Maria Brandauer)
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92, 4. Satz: Allegro con brio
Friedrich Goldmann: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen (Fragment, 2009)

Ja, sehr mutiger Tabubruch im Land der Täter! Der von Heinrich (!) Himmler so geliebte Lohengrin (den die Staatskapelle am Vorabend1 komplett gibt): „Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich: was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen, dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich“ oder „Nach Deutschland sollen noch in fernen Tagen – des Ostens Horden siegreich nimmer zieh’n!“.
Sehr passend: das Vorspiel zum 3. Akt! Womöglich weil’s jetzt ans Heiraten geht? Daniel Barenboim erfüllt im Alleingang den drängendsten Wunsch der „Nachfahren der Täter“, die „angesichts der geleisteten materiellen Wiedergutmachung immer wieder so eine gewisse Gegenleistung [glauben] fordern zu können“ (Norbert Otto Eke – Im „deutschen Zauberwald“, in Bogdal, Holz, Lorenz – Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz).
Nahtlos anschließend: Hendrik Höfgen aka Gustav Gründgens, Eric Jan Hanussen, Georg Elser (Untertitel: Einer aus Deutschland), Hans Blixen und Oberst Redl, die den Deutschen deren Opfer und Schönbergs Leiche „zum Fraß“ vorwerfen.
Nicht wirklich nachvollziehbar (later: Barenboim begründet es damit, dass es im ersten Konzert nach dem Mauerfall gespielt worden sei – macht’s auch nicht besser, J6ON) oder eben doch folgt Beethovens aus der Euphorie angesichts Napoléons (der sich trotz aller Vorbehalte für die Rechte der Juden – Code civil – in Deutschland als wichtiger denn jeder Deutsche zu dem Zeitpunkt erwiesen hatte) sich ankündigender Niederlage gespeiste 7. Sinfonie. Und der Wiedererkennungswert ist natürlich nicht zu unterschätzen. Dann wird’s kurz zeitgenössisch.
Und danach geht es lustig weiter mit dem „Fest der Freiheit“.
Im Verlauf der „Dominoaktion“ (moderiert von Thomas Gottschalk, Guido Knopp und Klaas (MTV) …?…) wird endlich (!) die Kaffiyah umgekippt (war zwar nicht so intendiert, aber an irgendwas muss sich auch der Verzweifelnde erfreuen dürfen). Das Grauen will nämlich keine Ende nehmen: „Unmittelbar vor dem Fall der letzten Dominosteine direkt vor dem Brandenburger Tor und in Gegenwart aller Gäste präsentiert der für den Grammy nominierte internationale Musiker, „World’s No. 1 DJ” [“Heute gehört uns Deutschland und morgen…„], Paul van Dyk die Welturaufführung seiner eigens für diesen Anlass produzierten „We are one [the healing of multiple personalities? Aber nein: „Du bist Boom-Boom-Deutschland“]- Hymne“. Diesen emotionalen Höhepunkt mit dem Fall der letzten Dominosteine schließt ein Feuerwerk ab.“ (tixclub.de)
Das „unvermeidliche Feuerwerk“ jammerte schon 2008 der Berliner Tagesspiegel, weniger weil „man“ (siehe Heidegger) keine Feuerwerke mag, sondern weil „man“ das ja wieder ‚den Juden’ erklären musste: „Über den Umgang mit dem 9. November will sich Wowereit auch [?] mit der Jüdischen Gemeinde verständigen. Am 9. November 1938 hatten in vielen deutschen Städten Pogrome gegen jüdische Bürger und deren Eigentum [?] stattgefunden.
Sieh’ da, hätten „wir“ beinahe vergessen oder lieber noch: einfach mitgefeiert! (Vorsitzende der deutschen evangelischen Kirche Margot Käßmann)
Weil“ wie Günter Grass es so unnachahmlich in „Schreiben nach Auschwitz“ formulierte, „Auschwitz […] bleibendes Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! [!…!!!] - eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte, jetzt endlich kennen wir uns“? Dann ist ja alles noch mal gut ausgegangen, deutscher Dichter! Und so ist es auch möglich, allen deutschen Feiern nach Auschwitz die unverzichtbare deutsche Sentimentalität (Galsworthy) zu verleihen.

  1. Zum Jahrestag des Georg Elser-Attentats, den Spiegel online in seiner Holocaust-Relativierungsrubrik Eines Tages zum „großen Deutschen“ erklären möchte – „Allein gegen Hitler“ allerdings bedeutete per se den Ausschluss aus der deutschen Volksgemeinschaft, welcher „der Führer“ Symbol ihrer Wünsche war.[zurück]
  2. + Offensive Selbstverteidigung

Update 9.11.: Mehr zum Thema gibt’s bei Lizas Welt.
+ Placido Domingo singt im Anschluss an das Programm und sehr zur Freude des Publikums Paul Linckes (Verleihung der Ehrenbürgerschaft Berlins 1941(!)) besonders beim deutschen Militär beliebten Marsch Berliner Luft aus Linckes Operette Frau Luna. Ebenfalls 1941 entstand unter den Nazis eine Filmkomödie gleichen Namens, die um eine ’skandalisierte Uraufführung‘ der Operette herum spielt.
Ich verweise nochmals auf Max Liebermann!

Mauerfall-excerpt by Edgar Allan Poe – The Black Cat:
„Gentlemen,“ I said at last, as the party ascended the steps, „I delight to have allayed your suspicions. I wish you all health, and a little more courtesy. By the bye, gentlemen, this — this is a very well constructed house.“ (In the rabid desire to say something easily, I scarcely knew what I uttered at all.) — „I may say an excellently well constructed house. These walls — are you going, gentlemen? — these walls are solidly put together;“ and here, through the mere phrenzy of bravado, I rapped heavily, with a cane which I held in my hand, upon that very portion of the brick-work behind which stood the corpse of the wife of my bosom.
But may God shield and deliver me from the fangs of the Arch-Fiend! No sooner had the reverberation of my blows sunk into silence, than I was answered by a voice from within the tomb! — by a cry, at first muffled and broken, like the sobbing of a child, and then quickly swelling into one long, loud, and continuous scream, utterly anomalous and inhuman — a howl — a wailing shriek, half of horror and half of triumph, such as might have arisen only out of hell, conjointly from the throats of the dammed in their agony and of the demons that exult in the damnation.
Of my own thoughts it is folly to speak. Swooning, I staggered to the opposite wall. For one instant the party upon the stairs remained motionless, through extremity of terror and of awe. In the next, a dozen stout arms were toiling at the wall. It fell bodily. The corpse, already greatly decayed and clotted with gore, stood erect before the eyes of the spectators. Upon its head, with red extended mouth and solitary eye of fire, sat the hideous beast whose craft had seduced me into murder, and whose informing voice had consigned me to the hangman. I had walled the monster up within the tomb!“