Archiv für November 2009

„Wo man singt, da…“ II

….lass‘ dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder…“

Eltern sollten mehr mit ihren Kindern singen! Unsere neue Serie erinnert an die großen [! sleep big vs. The Big Sleep?], deutschen [!] Wiegenlieder: Jede Woche gibt’s Musik und Noten zum freien Download.“ (Zeit online)
Schlimm genug, aber andernorts singt Jürgen Elsässer sein äußerst deutsches Wiegenlied auf Robert Enke:
Vaclav Klaus hat kurz vor seiner Unterschrift unter den Lissabon-Vertrag gesagt, er könne sich nicht einem fahrenden Zug entgegenstellen. Enke hat es trotzdem gemacht – wissend um das Ergebnis. Der fahrende Zug, der uns [?] niederwalzt, ist der Turbokapitalismus. Er macht jedes Nachdenken, jedes In-sich-Gekehrtsein [!], jedes Innehalten unmöglich und verpflichtet uns ständig zur „Performance“ [!!!]. […] Turbokapitalismus heisst Globalisierung. Enkes Schicksal [?] macht deutlich, dass dieser Tiger selbst diejenigen zerfleischt, die ihn reiten. Profifussball ist Globalisierung par excellence: Statt den eigenen [?] Fußballnachwuchses [sic!] zu erziehen, kauft sich Big Money [?] die Spieler auf dem ganzen Globus zusammen. Enke schleuderte der Erfolg nach Barcelona, nach Istanbul. Dort fand er nicht sein Glück, sondern sein Unglück. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland? Nein [???]: Der Tod ist der Pesthauch [! Und wer an der Pest angeblich Schuld war, wussten die Deutschen ja schon immer!] der Globalisierung. Die Trauer, die wir [?] um Robert Enke empfinden [?], ist die Trauer um uns [?] selbst. Werden wir [?] zur Besinnung kommen?
(Liebermann!)
Die Kommentare sind ähnlich unangenehm! (Liebermann again!)

In diesem Kontext sollte eigentlich Johannes Brahms‘ sehr „Deutsches Requiem“ in „Requiem für deutsche Volksinitiativen“ umbenannt werden“:

Zeit online allerdings wird mit Sicherheit den deutschen Eltern demnächst einen vielleicht etwas weniger endgültigen Brahmsschen Mitkindernun-bedingtmehrdeutscheliedersingenerziehungsvorschlag machen – „wenn Gott will“:

Update 2.1.10: Hate to say I told you so: „Guten Abend, gut Nacht“

„Eine etwas freiere Generation rückt nach“

Was nicht möglich war: Die wütende Phantasie des Hans Frank-Sohnes Niklas Frank (Der Vater) – die Autobahnen mit Galgen zu säumen, an denen die Täter des „Dritten Reichs“ für alle sichtbar hätten büßen müssen… Und es glaube keiner, die (richtige!) Abschaffung der Todesstrafe im Postnazismus sei (ausschließlich) aus menschlichen Erwägungen erfolgt – man hätte sich im Falle ihrer Beibehaltung und unter einer zumindest halbwegs angemessen erscheinenden Gerichtsbarkeit von seinen Brüdern, Schwestern, Vätern, Müttern, Freunden etc. pp. für immer verabschieden dürfen (auch von Bernhard Schlinks unerträglicher zu Schullektüre geronnenen tragischen Heldin Hanna Schmitz, der haben sie aber lieber einen Bambi verliehen)… Was also nicht sein durfte, musste (! solange es noch eine beharrende Welt außerhalb Deutschlands gab) irgendwann ersetzt werden: zuerst durch die Imagination der Deutschen als eigentliches Opfer, dann als das erste Opfer, als Opfer der eigenen Väter und später wieder als das eigentliche Opfer etc. pp., linksrechtslinks als deutsche Ersatzopfer, die sich wahlweise selbst als (ermordete) Juden, als christlich respektive patriotisch Sühnende oder Ähnliches vorstellten. Seit 1945 haben die Deutschen ihre sie erst begründenden Opfermythen um unzählige Facetten erweitern können und nahezu jede fand ihren Ausdruck in Grabersatzstätten in Form von Mahn-, Ehren- und Gedenkmälern, in stationären Themenmuseen und Wanderausstellungen, die alle wiederum zum (triumphierend oder jammernd verlautbarten) Opfermythos beitrugen.
Das „intergenerationelle Rollenspiel“ (Günther Jacob) musste (! als endlich die Welt außerhalb Deutschlands zum Thema gefälligst die Klappe zu halten hatte: „Denn heute gehört uns der Holocaust und morgen…“) letzten Endes in der Lösung des Problems sich geradezu erschöpfen. Die unter der grausamen Volksmärchenwelt und die unter der grausam anschaulichen „Wir kneten ein KZ“ (Wolfgang Schneider)-Pädagogik Leidenden fallen sich in die Arme und sind sich einig, dass man so oder so mal Schluss machen sollte – mit allem außer der Selbstbeweihräucherung. Die rechte deutsche Erziehung, die am liebsten irgendwie ignorieren und die linke deutsche Pädagogik, die alles nachvollziehbar und damit gleich machen wollte, haben erfolgreich2 die Freude über das erstarrte, in Beton oder Metall gegossene Gedenken vorbereitet, das niemandem mehr weh tun kann, außer jenen, denen es vorgeblich gewidmet wurde.
Es ist symptomatisch, wenn die ‚mutigen‘ Werber für eine Fluggesellschaft Models u.a. in den Kleidern einer deutschen Modemacherin z.B. als eine Retro-2009er-1980er-Reinkarnation von Audrey Hepburn zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals tanzen lassen. Das „kleine Schwarze“ (“A sort of uniform for all women of taste”, Vogue), vorgeführt von einem Mannequin, das im selbstverversunkenen Ausdruckstanz (der ‚befreiten’ völkischen Protestform gegen das ebenso französisch wie russisch geprägte Ballett, ursprünglich klassisch und später expressionistisch) sich nach der ausgelassenen Party im Morgengrauen eben nicht zu Tiffany’s begibt, sondern die Sünden der vergangenen Nacht inmitten der von Deutschen gefeierten Opfer bereut. Der Ernst der Aktion ist ihr ins Gesicht geschrieben, das Blau der Accessoires harmoniert mit dem glänzenden (Graffiti-abweisenden © immer noch by Degussa) Beton der Stelen, nur das Rot des letzten Armreifens… wie auch immer… sehr sinnig… Die Nacht nach dem Tanz auf dem Vulkan.
Eine etwas freiere Generation rückt nach“, freute sich Peter Sloterdijk in seinem Offenen Brief an Jürgen Habermas: „Die Kritische Theorie ist tot“, Die Zeit, 09.09.1999. In seinem Opferdasein bewusst die Tatsache ignorierend, dass die „hypermoralischen Söhne von national-sozialistischen Vätern“ (Sloterdijk, ebd.) geholfen haben, Denkmäler zu errichten, die es den Deutschen leicht machen, auf den nicht existenten Gräbern der Opfer des deutschen Wahnsinns herumzuhüpfen und dass der Konsensdeutsche und Verfassungspatriot Habermas selbst einer der Möchtegern-Totengräber der Kritischen Theorie ist.
Vor (und nach) den verkaterten Deutschen hatten bereits die ‚guten Deutschen’ ihre Tänzerin durch das Stelenfeld geschickt, im Auftrag von Kulturzeit. Pädagogisch sinnstiftend als Akt des „kollektiven Erinnerns“ schleicht eine vermutlich schweben sollende, blonde Frau aus Anlass der Auslieferung John Demjanjuks zuerst durchs Berliner Grün, dann durch eine Unterführung bis zum Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, dem vornehm-weitläufigen Villenviertel Berlins, [dort] gab es die wenigsten Augenzeugen. Darum [aber sicher doch!] mussten die Berliner Juden hier einsteigen. Für sie alle, Arme, Reiche, Berühmte, Künstler, Kinder, Alte, Frauen und Männer, war das Reiseziel der Tod, die Vernichtung in irgendeinem Lager im Osten. Der erste Transport fand im Oktober 1941 statt. Am 18. Oktober wurden 1013 Berliner Juden deportiert. Von Gleis 17, Bahnhof Grunewald, fuhren zwischen 1941 und Kriegsende 35 Züge in die Todesfabrik Auschwitz. Alle Opfer begegneten dabei Männern wie John Demjanjuk. Die Nazis konnten sich für die industrielle Tötung von Millionen Menschen eines Heeres von willigen Helfern, Überzeugungstätern, gestrauchelten Existenzen oder unter Druck gesetzter Opfer bedienen. Was bleibt?(kulturzeit)
Auftritt eines Historikers, der erklärt, wie er um Verständnis für alles Mögliche wirbt. Dann ’schwebt‘ die Frau die Stelen streichelnd durchs Holocaust-Mahnmal und es folgt ein Interview mit Schülerinnen, die behaupten (sollen?), nicht zu wissen, worauf sie da gerade herumgetobt haben. Sie werden aufgeklärt und sind in Nahaufnahme einsichtig. Am Ende des Films tanzt die blonde Frau in dem häßlichen langen Kleid die Exposition des Modefotos.
Die eigentlich verdienstvolle Autorin des features Nina Gladitz ist natürlich nicht gleichzusetzen mit den Werbern für die „Generation Berlin“ (Heinz Bude), denen das Mahnmal kaum mehr als spannende wahlweise bedeutungsaufgeladene Atmosphäre bedeutet, mit (nicht trotz!) all seinen Implikationen. Aber der Glaube an die Macht der Vermittlung des Unvermittelbaren via Anschaulichkeit erzwingt in seiner notwendigen Kitschigkeit Bilder, die gleichmacherisch jegliche individuelle Erfahrung abwerten und Kulissen für jeden Gebrauch vorbereiten.1
Zu Thema ist eigentlich bereits alles gesagt worden – von Adorno:
Das alttestamentarische Bilderverbot hat neben seiner theologischen Seite eine ästhetische. Daß man sich kein Bild, nämlich keines von etwas machen soll, sagt zugleich, kein solches Bild sei möglich“.
Theodor W. Adorno – Ästhetische Theorie
Und von Claussen:
Vergessen wird, daß die traditionelle westliche Vorstellung der Adäquation, der Annäherung von Darstellung und Sache, durch die Welt der vollendeten Sinnlosigkeit in Auschwitz selbst erschüttert worden ist.“
Detlev Claussen – Fortsetzung der Lichterketten mit anderen Mitteln in ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich
Ian McEwan gab angesichts der Kulisse, als die Majdanek ihm diente den Versuch von Veranschaulichung gleich auf und verneint selbst die Aussagekraft der üblicherweise als ‚eindrucksvoll‘ gehandelten Ikonographie:
Wir folgten einer Gruppe von Schulkindern in eine Baracke, wo Drahtkäfige standen, vollgestopft mit Schuhen, Zehntausenden von Schuhen, flach gedrückt und zusammengeschnurrt wie Dörrobst. […] Das zu Lumpen verkommene Leben. Die extravagante Zahlenskala, die leicht dahinzusagenden Ziffern – Zehntausende und Hundertausende, Millionen – brachten die Einbildungskraft um das angemessene Mitgefühl, das rechte Vorstellungsvermögen für das Leiden, und man geriet in heimtückische Nähe zu der Annahme der Verfolger, daß das Leben billig war, ein Plunder, der sich in Haufen besichtigen ließ. Während wir weitergingen, versiegten meine Empfindungen. Wir konnten nichts tun, um zu helfen. Es gab niemanden, den man hätte füttern oder befreien können. Wir schlenderten umher wie Touristen. Entweder kam man hierher und verzweifelte, oder man grub die Hände tiefer in die Taschen und umklammerte sein warmes, loses Wechselgeld und ertappte sich dabei, daß man einen Schritt näher auf diejenigen zugetreten war, die den Alptraum ersonnen hatten. Das war unsere unvermeidliche Schande, unser Anteil am Leid. Wir standen auf der anderen Seite, liefen, wie einst der Lagerkommandant oder sein politischer Gebieter ungehindert umher, steckten hier und da unsere Nasen hinein und kannten den Ausgang […]“.

  1. Am einen Ende dieser Entwicklung stellen Peta-Aktivisten ein von Deutschen geschaffenes Massengrab nach und setzen Hühner-Käfighaltung mit Vernichtungslagern gleich. Die notwendige Dokumentation des trotzdem nicht Vorstellbaren verkommt zur tabulosen Veranschaulichung der eigenen Agenda. Das ist das Gegenteil von Adornos Diktum: „Alles einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole.“ [zurück]
  2. Freude kommt auch auf, wenn ein durch Möllemann, von dem er nicht lassen wollte, vorbelasteter und dann in diesem Moment plötzlich beliebter Außenminister die Israelis ‚austricksen konnte‘, indem er ‚Reizworte vermied‘ und trotzdem den Deutschen versichern durfte, längst irgendwann mal alles unterstützt zu haben, was man so sagenmüssendürfenwill. [zurück]

Mehr bei Lizas Welt und WadiBlog

Recommended Reading:
Wolfgang Schneider (Hg.) – Wir kneten ein KZ. Aufsätze über Deutschlands Standortvorteil bei der Bewältigung der Vergangenheit
ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus
Der Denkmalstreit – das Denkmal?. Die Debatte um das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Eine Dokumentation
Ian McEwan – Schwarze Hunde
Niklas Frank – Der Vater

Grundlegendes 12

„Ist alle Kultur auch Müll geworden, so kann sich kritische Theorie von psotmoderner noch immer darin unterscheiden, daß sie auf der Notwendigkeit der Mülltrennung beharrt. Die Kriterien dafür gibt ein Imperativ, den ebenfalls Adorno formulierte: „Alles einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole.“
Gerhard Scheit – Mülltrennung. Beiträge zu Politik, Literatur und Musik (1998)

Forwarded: „Antisemitische Schläger unmöglich machen – auch linke!“

via Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten

„Am Sonntag, den 25.10.2009, verhinderten Antisemitinnen und Antisemiten gewaltsam eine vom Hamburger Programmkino b-movie und der Gruppe Kritikmaximierung geplante Vorführung von Claude Lanzmanns Film »Warum Israel«.
Mitglieder des »Internationalen Zentrums« B5, der Gruppe »Sozialistische Linke« (SoL) und der »Tierrechtsaktion Nord« (TAN), die sich mit Mundschutz und Quarzsandhandschuhen auf eine körperliche Auseinandersetzung vorbereitet hatten, verweigerten den Gästen den Zugang ins Kino. Besucherinnen und Besucher wurden dabei gezielt ins Gesicht geschlagen und als „Schwuchteln“ und „Judenschweine“ beschimpft. Auch in den Tagen darauf wurden Gäste, die von Blockadebeteiligten auf der Straße wiedererkannt wurden, bedroht und, in mindestens einem Fall, auch tätlich angegriffen.
In einer offiziellen Stellungnahme rechtfertigte die B5 die Gewaltausbrüche inhaltlich und tat sie als „kleinere Rangeleien“ ab. Diese Erklärung strotzt abermals vor antisemitischen Klischees: So wird etwa „der Zionismus“ als „rassistisches Projekt“ bezeichnet, mittels dessen „künstlich der jüdische Charakter gewahrt werden“ solle. Denn als künstlich gilt der antisemitischen Denkweise immer das jüdische, als natürlich aber alle anderen Völker.

Wir halten es für unerträglich,

* dass ein Kino sein Programm vom Wohlwollen einer benachbarten Aktion Saubere Leinwand abhängig machen soll;
* dass Linke sich als antisemitischer Kampftrupp formieren, um missliebige Veranstaltungen zu Israel zu unterbinden;
* dass ein Film von Claude Lanzmann, französischer Jude, Résistancekämpfer und Regisseur von »Shoah«, der bedeutendsten Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, in Deutschland zum Angriffsziel einer militanten Blockade werden kann.

»Warum Israel« (1973) zeigt nicht bloß die verschiedenen Facetten der israelischen Gesellschaft. Es geht darin, aus der Perspektive eines Diasporajuden, um die Bedeutung des jüdischen Staates als Konsequenz aus der Shoah. Wer, wie die B5, die Vorführung eines solchen Films als „Provokation“ versteht, der nur mit Gewalt beizukommen sei, steht auf der Seite der Barbarei.
Dieses Spektrum ist seit Jahren dafür bekannt, seinen Antisemitismus gewaltförmig auszuleben. Es sind die gleichen, die sich 2002 mit Gewalt Zutritt zum Freien Sender Kombinat (FSK) verschafften und dort einen Kritiker ihres Israelhasses fachmännisch zusammenschlugen; die auf einer antifaschistischen Demonstration im Januar 2004 die Trägerinnen und Träger eines Transparents »Deutschland denken heißt Auschwitz denken« von der Kundgebung prügelten; die seither bei zahlreichen Gelegenheiten Menschen, die Israelfahnen oder -buttons trugen oder aus anderen Gründen nicht in ihr Weltbild passten, bedroht, geschlagen oder mit Flaschen und Steinen beworfen haben.
Was es diesen Gruppen um die B5 bislang stets erlaubt hat, ihre Übergriffe weiter fortzusetzen, ist die Tatsache, dass sie von der Mehrheit der Linken und Alternativen entschlossene Gegenwehr nicht zu fürchten hatten. Kaum jemand der Linken steht ausdrücklich auf ihrer Seite; aber allzu viele waren dennoch bereit, ihnen ihr Plätzchen im Bündnis, auf dem Stadtteilfest oder sonst wo in der Szene freizuhalten.
Weil wir wissen, dass es ebenso verantwortungslos wie gemeingefährlich wäre, Antisemitinnen und Antisemiten gewähren zu lassen; weil wir wissen, dass die Schlägerinnen und Schläger mit jedem Erfolg nur stärker werden – daher halten wir es für unabdingbar, dass am 13.12., bei der Neuansetzung von »Warum Israel« im b-movie, der Film auf jeden Fall gezeigt wird.
Um die Angreiferinnen und Angreifer vom 25.10. politisch zu isolieren und eine Wiederholung ihres antisemitischen Gewaltspektakels zu verunmöglichen, rufen wir für diesen Tag zu einer Demonstration zum b-movie auf.
Auftaktkundgebung: 13.30 vor der Roten Flora
Abschlusskundgebung: 15.00 vor dem B-Movie
(Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten, 18.11.09)“

+ „Antisemitismus unter ‚roter Fahne’ unmöglich machen!
+ „Augen zu und drauf
+ „Hamburger Erklärung gegen Antisemitismus
+ Sich als Opfer gerierende Deutsche, die andere des ‚Rumopferns‘ bezichtigen und „Backpfeifen“ (auch in Deutschland seit jeher beliebte Erziehungsmaßnahme [!] – wie man am volkstümelnden Begriff erkennen kann!) für „besonnen“ – there goes the anti-authoritarian education – und „milde“ halten… – Quintessenz: ‚Die Vorführung des Films sollte nicht verhindert werden, aber eine Blockade [? just a short stop on your way to…] war notwendig, weil die eigentlich doofen aber manchmal …huh… irgendwie eloquenten ‚Antideutschen‘ die ‚Linke‘ [?] beherrschen … spooky
+ Update 24.11.09: More info
+ Update: In Ansätzen sinnvollere Kritik by nature morte – später dazu mehr…

„Wo man singt, da…

…lass‘ dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder…“

„“Deutschland, Deutschland über alles…“ hob Liedermacher Stefan Krawczyk an, bis er unterbrochen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass bei der offiziellen deutschen Nationalhymne nur die dritte Strophe des „Liedes der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben gesungen wird: „Einigkeit und Recht und Freiheit …“. Die ersten beiden Strophen sind zwar nicht verboten, aber – nach den Erfahrungen [?] des Nationalsozialismus – weitgehend tabuisiert.“ (Spiegel online)

Tststs – Freud again!

+ Later: Mehr zum Thema!

US-Ökonom irrt sich: Die blödeste Stadtvermarktungsidee ever!

Wenn es den Deutschen dunkel im Gemüt wird, machen sie eine Lichterkette und heiligen mit dem Mittel den Zweck. Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommen dir mit Sicherheit ein paar Hundert, wenn nicht Tausende Teelichtlein entgegen, getragen von Menschen mit tragischem Ernst im Blick. Man mag sich freuen, dass die sich mal wieder „wehrenden“ Deutschen derzeit keine Fackeln mit sich rumschleppen, aber darf auch die Frage stellen: Warum nicht die viel praktischeren Taschenlampen oder diese hübschen kleinen tragbaren LED-Touch-On-Leuchten, die kann man sich auch an die Jacke kleben und hat die Hände frei zum Zigaretten anzünden… Egal!
Die jüngste friedlichenprotestäußernwollende Stadtillumination galt dem befürchteten Abriss des Gängeviertels, und sie ging einher mit einigen anderen Übeln, die sich kreativ wähnende Menschen immer wieder produzieren, z.B. einem Manifest und so genannten Kunstaktionen. ‚Politische Kunst’ (im öffentlichen Raum) zeugt regelmäßig von der Unmöglichkeit, Kunst einem Anlass unterzuordnen. Kunst als Reaktion auf einen akuten Zustand müsste, um noch vielleicht als Kunst bezeichnet werden zu dürfen, sich entweder (wortgewaltig, wenn man’s denn beherrscht) verweigern oder derart individuell und drastisch inkommensurabel ausfallen, dass die eigentlich wohlwollende Gemeinschaft ihren Schöpfer z.B. am liebsten auf der Stelle einweisen lassen wollte. In dem Moment, in dem ‚Kreative‘ akut wirksame Öffentlichkeit anstreben, müssen sie gezwungenermaßen einen Konsens mit ihrem (!) Verständnis von Öffentlichkeit herstellen und adressieren dann notwendigerweise nicht mehr als Individuum und nicht mehr Individuen. Kunst, die sich in den Dienst einer Sache stellt (oder stellen lässt), ist (im besten Falle!) Kunsthandwerk.1 Die einzige Möglichkeit, die Kunst tatsächlich darstellt, ist der voraussetzungsvolle mögliche Einblick in eine andere individuelle Reflexion. Darin aber ist sie unschlagbar, weil sie keinerlei Wirkung/ Anlass braucht, außer ihrer Existenz als radikal individualistischer Ausdruck (was mehr erfordert, als Befindlichkeitsillustrationen zu liefern2). ‚Das Gängeviertel‘ hingegen bietet DEN KÜNSTLER als Authentizitätsbeweis, Atelierbegehungen, Widerstandsillustrationen in Form z.B. von Barrikaden aus zerstörten Leinwänden (gähn!), Polit-Kunsthandwerk, grimmige Open Air-Parties mit Leuten im ‚echten’ Künstlerkostüm und Ringelpietz mit oder zum Anfassen.
Das ganze Ressentiment und die Ideen- und Theorielosigkeit spiegeln sich dann auch im ‚Manifest’ „Not in our name, Marke Hamburg“ wider. Die Anrufung auf Englisch adressiert den Feind, dem man sich ausgeliefert wähnt: Mit dem Niederländer (Mynherr Peeperkorn?) sogleich sinnloserweise den längst abgewählten US-amerikanischen Kriegsherren oder wer auch immer ‚hinter ihm stehen mochte’ zu plakatieren, ist so erwartungsgemäß wie ‚Portrait of the Artist as an Antiimp’! ‚No artists’ blood for soil’ wäre ebenso naheliegend gewesen gewesen. Der Rest ist leider nicht Schweigen sondern Naomi Klein. Das grundlegende Drama des Großteils der deutschen ‚Linken’ und der deutschen Künstler – ihre Intellektuellenfeindlichkeit – findet im Manifest seinen Ausdruck. Bereits im ersten Satz wird die Unfähigkeit, Texte tatsächlich zu lesen, erkennbar: „Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US [!]-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die ‚kreative Klasse‘ wohlfühlt.“
Exzerpt – Marx/ Engels – Manifest der Kommunistischen Partei:
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte? Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor. Der Kommunismus wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt. Es ist hohe Zeit, daß die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen.“
Sollten die kreativen Widerständler tatsächlich vermuten, dass Barroso und Verheugen, der Papst und Putin et al. sich gegen sie verschworen hätten oder die protestierenden Milchbauern als Künstler beschimpft würden und dergleichen mehr? Vielleicht, aber das wäre dann ein Problem gänzlich anderer Natur – vermutlich ist es allerdings wie üblich so, dass sie das „Gespenst“ nicht dort vermuten, wo es von Marx und Engels benannt wurde. Der Hamburger Senat zumindest mochte die deutschen Künstler überhaupt nicht hetzen, verschreien oder brandmarken – au contraire.
An anderer Stelle bedient man sich Gemeinschaft und Konsens erheischend der Bild-Zeitungssprache: „Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen.“ Ja, das tut wirklich weh! Aber nicht genug: „Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden“, wo sie bis dato doch nur das Ornament einer deutschen, sich kulturbeflissen gebenden Großstadt war. Weiter im Text: „Damit wird die Kulturbehörde zur Geisel eines 500-Millionen-Grabes, das nach Fertigstellung bestenfalls eine luxuriöse Spielstätte für Megastars des internationalen Klassik- und Jazz-Tourneezirkus ist.“ Da ist er endlich: Der Feind! Die internationalen (!) Megastars, die womöglich die eigene Irrelevanz und Überflüssigkeit kenntlich machen und die Freude am bejubelten Existenzminimum bedrohen. Auch indem sie die Möglichkeiten von Luxus illustrieren. Die das Geld einstreichen, das man selber verdient zu haben glaubt, aber das Bedürfnis danach in selbstauferlegter und mit Teelichten zur Schau getragener Frugalität verneint, denn „[w]ir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern. Unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten.“ (Aspekte bezeugt das mit einer Szene aus Fatih Akins Soul Kitchen, ein „Heimatfilm der neuen Art“ – self-promotion auf youtube –, in der ein ehemaliges Karstadt-Gebäude, das zur buntleuchtenden warehouse party location umfunktioniert wurde, zu sehen ist. Aber das Gequassel der – initiierten, nichtinitiierten und sich initiiert gebenden – Protagonisten auf dem Weg dorthin lässt einen bereits Schlimmes über das vermuten, was man dort vorfinden wird… Sorry, aber es heißt nicht umsonst polemics in parentheses und die Szene vermittelt nicht gerade 24 Hour Party People…)
Und: „Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist.“ Das Problem ist wohl eher, dass ‚ihr’ das eigentlich nicht mehr tun solltet. Dass ‚der Kapitalismus‘, in dem man sich als heimischer ‚Kulturschaffender’ so lange gerne eingerichtet hat, wie er einem das „Gemeinwesen“ heimelig als wohlverdient/-erkämpft vorspielte, ahnt, dass ‚ihr’ eigentlich nicht mehr gebraucht werdet. Adornos nicht gerade pointiertester Satz gilt trotzdem auch hier: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Gehet hin (irony alert!), deutsche Künstler, und leset die Pointierteren und kaum noch etwas wird überraschend kommen.
Der bekehrte Richard Florida sollte sich aber tatsächlich fragen, was er da nunmehr als zu bewahrenden Reichtum zu vermitteln ansetzt: Die Manifest-Künstler verkörpern nur, was im Kapitalismus sich als widerständig noch gut verkaufen lässt, und das ist denkbar armselig. Es sind hier nicht mal ihre Werke, die man benötigt, um ‚Flair’ und Esprit in ein Produkt zu imaginieren, nicht einmal der individuelle Künstler ist gefragt, sondern höchstens Typen, in die man je nach Bedürfnis sexuelle Freizügigkeit, Anleitung zu Kreativität in den eigenen vier Wänden, halbwegs originelle Partygäste oder Ersatzwildnis projiziert. Diese Erkenntnis sollte es sein, die Angst einjagt: Das ‚kreativ Widerständige’ im Kapitalismus dient nichts anderem als dessen Aufrechterhaltung und derart funktionierte es effektiver als McDonalds und nahezu auf einer Ebene mit einstmals Ikea, das dem deutschen Widerständler auch mal als das „etwas andere Möbelhaus“ galt.
Irgendwann ist auch das vorbei (noch nicht – denn noch konnte man sich selbst offenbar angemessen verkaufen) und gefragt ist nicht mehr die tatsächliche Existenz des sich widerständig Gebenden, es reicht eben ein Werbevideo, das all die Klischees widerspiegelt, in denen man sich bequem einrichten zu können glaubte. Dass die Künstler dieses als Werbung, an der sie teilhaben sollen, lesen, zeugt von einem weiteren grundlegenden Missverständnis. „Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die ‚Marke Hamburg‘. Nicht dass ihr uns freundlich gebeten hättet.“ So weit scheint es nun aber zu kommen und wenn wieder alle irgendwie lieb zu einem sind, richtet man sich erneut ein und malt oder klebt oder zeichnet oder sprüht die gleichen Befindlichkeitsbilder wie eh und und je, bastelt Installationen aus Wohlstandsmüll oder Dachbodenfundstücken, dokumentiert den Verfall von Nahrungsmitteln, kratzt respektive pinselt auf 8mm-Filmloops herum oder erfindet zum 26571. Male Mode aus Plastiktüten, läuft in dämlichen Mänteln (oder ohne alles) herum und gibt in Selbstinszenierungen für die Kamera den Klassenkaspar etc. etc. etc. Bis zur zehnten Wiederholung war das vielleicht noch interessant oder zumindest eine nette Idee. Aber es scheint, als arbeiteten 95% der Künstler parallel an ein paar Werkserien, denn so sieht sie seit Jahrzehnten aus, die laut Rocko Schamoni „[i]nteressante Kunst, Kunst, die die Kunstwelt und die Gesellschaft verändert, [die] immer von unten [kommt], immer aus Ecken, die nicht gesteuert sind, die nicht kontrolliert sind, sondern sich selbst erfinden können und dort also quasi etwas Neues [?] erschaffen können.“ (Aspekte)
When a place gets boring even the rich people leave“, sagt Richard Florida im Interview mit Aspekte. Das Problem ist vielmehr, dass das alles schon sehr lange unerträglich langweilig ist und niemand es erkennen will oder darf.
Die Illusion des ‚linken’ Künstlers, dass er mithilfe seines Schaffens (?) etwas (!) „verändern“ könne oder nur wolle, scheitert spätestens an einer Ideologie, die nicht mal mehr Rechtfertigung sein muss, weil sie mittels offener Integration viel erfolgreicher ist als durch Ausschluss.3
Um es nochmal zu betonen: Solange Kunst nach Verstehenden sucht oder sich verständlich zu machen versucht (sei es über die Botschaft oder die Ästhetik), solange sie also in irgendeiner Form kommensurabel sein muss, wird sie höchstens Bestätigung im Bestehenden erfahren können.
Da man mit den ‚gegebenen Mitteln’ keine Skandale jenseits konformistischer Rebellion erzeugen kann oder mag, gibt man sich wenigstens skandalisierend respektive skandalisiert. Dann stellt man eben ein wenig lauter das aus, was man eh so gerade tut: „Über 150 Künstler und Kreative bespielen ab Samstagmittag das Gängeviertel mit ihren Bildern, ihrer Musik und ihren Performances, um dieser Stadt zu zeigen, welches Potential hier an seiner Entfaltung gehindert wird.“ (Offener Brief) Und das nachdrücklich und ganz ernsthaft on a mission, denn niemand mag zugeben, dass er ganz einfach weiterhin gerne oder endlich mal Spaß haben will. Was ein Argument wäre!
Wie auch immer… wenn die „Hamburger Kreativen“ (self-chosen logo!) bleiben dürfen – und so sieht es aus und es sei ihnen natürlich gegönnt, seriously – dann haben sie sich tatsächlich gegenseitig verdient: die deutsche Kulturstadt, die das „Gemeinwesen“ aufrechterhalten wollenden Künstler und ‚die Reichen’, die das noch aufregend finden (denn selbst der Wohlmeinendste muss zugeben, dass denen auch äußerst selten nach wirklich Bahnbrechendem ist – eine gravierende Verstörung der eigenen Wahrnehmung ist nicht gefragt).
Zum Ende aber nennen diejenigen, die bei Hamburg nicht an „Wasser, Weltoffenheit, Internationalität“ (Warum eigentlich nicht? Der Alliteration wegen? Das wäre auch ein Argument!) denken möchten, nochmal den Preis und damit ist nicht der zum „Bewohnen und Bewahren“ aufrufende letzte Absatz gemeint, der da lautet:
Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen [!]. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der „Wachsenden Stadt“ gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein. Wir solidarisieren uns mit den Besetzern des Gängeviertels, mit der Frappant-Initiative gegen Ikea in Altona, mit dem Centro Sociale und der Roten Flora, mit den Initiativen gegen die Zerstörung der Grünstreifen am Isebek- Kanal und entlang der geplanten Moorburg-Trasse in Altona, mit No-BNQ in St. Pauli, mit dem Aktionsnetzwerk gegen Gentrifizierung und mit den vielen anderen Initiativen [darunter eine veritable Volksinitiative!] von Wilhelmsburg bis St. Georg, die sich der Stadt der Investoren entgegenstellen.
Sondern die Liste der Unterzeichner: „When a place gets boring…“

Later: Jungle World
Update 5.1.10: Das NDR-Kulturjournal zeigt nochmal 1:1 (sie können nicht anders), warum es so boring ist!
Update 18.3.10: Hate – Die Beistelltisch-Revolte

  1. Nicht umsonst gibt es in Adornos Ästhetischer Theorie keine Kunstwirkungsforschung (dazu irgendwann mal mehr) [zurück]
  2. Für alle, die Kritik und auch Kunst gerne als voraussetzungslos verstehen möchten: Sie sind es nicht! Außerdem: Jede Kunst und Kritik, die sich als authentisch ausgibt und sich als ‚gewachsen’ versteht, die sich unkritisch einrichtet in einen Geschichts- oder Kulturraum ist per se konsensherbeisehnend und entsprechend kritik- und kunstlos! [zurück]
  3. Das Statische und das Identische der Kulturindustrie (außerhalb derer sich die Künstler hier in Abgrenzung zu den „internationalen Megastars“ vermuten, es aber nicht sind) stabilisiert sich und kommt eben dadurch zur Geltung, dass sie Kunst und im weitesten Sinne Kultur immer auch Orte und Praktiken der Dynamik/ Differenz/ Alterität eröffnet und zulässt. Das ideologische Moment des Bewusstseins der ‚Kreativen‘, ihr falsches Bewusstsein liegt gerade in dem Glauben, dass Kunst auch unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auf direktem Wege ‚etwas’ ausrichten kann. Damit soll keinesfalls Kulturpessimismus verbreitet werden; man muss nur z.B. Adornos Briefwechsel mit Thomas Mann lesen, um eine Ahnung von Wirkungsmöglichkeit zu erhalten. Die ist allerdings nicht ohne Voraussetzungen zu haben – nicht z.B. ohne dem ‚Rezipienten‘ das Gefühl zu geben, es gebe da etwas, das er womöglich wissen müsse. [zurück]

Reread 2: „Zum Phänomen Ende äußere ich mich nicht“, …

…sagte Marcel Reich-Ranicki und tat gut daran! Andere Kritiker (die noch halbwegs bei Sinnen waren) fanden Michael Ende nur nervig, unbegabt oder so ähnlich.
Als Antwort auf die ihm nicht genehme oder nicht stattgefunden habende Kritik gab Ende 1989 den Walser für Kinder, schrieb „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ und erdichtete das Büchernörgele – das offenbar den Eichborn-Verlag 1996 zu seinem unerträglichen Büchernörgeli inspirierte: eine quietschende Gummibüste, die Marcel Reich-Ranicki darstellen sollte und den Vergleich mit Stürmerkarikaturen nicht scheuen musste. (Leider ist kein verwertbares Bild mehr auffindbar. Aber in einigen repräsentativen Bücherschränken dürfte das ‚allgemein belustigende‘ Objekt noch vorhanden sein, sofern es nicht die Kinder oder der Hund zerfetzt haben, wie ein ’sehr witziger Rezensent‘ fast vorherzusagen wagte).
Heute wäre Michael Ende 80 geworden – ein willkommener Anlass, nochmal auf die vermutlich schönste Kritik, die je an einem seiner Werke geübt wurde, hinzuweisen.
Excerpt – Peter Siemionek – Phantasie und Vernichtung. „Momo“ und die autoritäre Sehnsucht des Michael Ende (Bahamas 55/2008):
Ende ist von dem Wunsch nach einer harmonischen, widerspruchslosen und konfliktfreien Gemeinschaft umgetrieben, die den Einzelnen unter ihre wärmenden Fittiche nimmt und ihn vor den Zumutungen der bösen Welt zu schützen hat, und da Gemeinschaft ohne Führer nicht zu haben ist, fällt Momo diese Aufgabe zu. Sie ist die Verkörperung von Sinnstiftung, die von vornherein Erkenntnis und Selbstreflexion abwehrt. Ihre Funktion besteht darin, ein sich, mit ihrer Ankunft in einem Wohnbezirk der Stadt, wundersam konstituierendes Kollektiv zusammenzuhalten. Das gelingt durch ihr „übernatürliches“ Talent: das Zuhören. Durch ihre bloße Anwesenheit lösen sich Streitereien in nichts auf und der Frieden kehrt in die Gemeinschaft zurück. Droht einer einmal an seiner eigenen Ohnmacht zu verzweifeln, sorgt Momo dafür, dass diese schmerzhaft aufblitzende Erkenntnis sofort einer die Harmonie wieder herstellenden Lüge weicht. Ihr gelingt es, den Abweichler ins Kollektiv zu reintegrieren, denn sie stiftet neue Hoffnung und spendet Kraft zum Durchhalten: „Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle [!] Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.“ (Ende 2005, S.15)

„Das Volk siegt“

Der in Deutschland als gemäßigt gehandelte und dementsprechend volksdeutsche“ Erzbischof Robert Zollitsch predigte ökumenisch zum deutschen „Freudentag“; von den „Menschen und Völkern [?], die in Unfreiheit leben müssen“, von der „Rolle der Kirchen beim Mauerfall“ und vom 9. November 1938 wollte er erzählen. Weil ‚man’ um die Reichspogromnacht (noch) nicht herum kommt und Zollitsch als geduldiger Vermittler zwischen den Religionen gilt. Ein paar sorgsam gesetzte Worte schienen also angebracht. Wenn allerdings gemäßigte (Volks-)Deutsche sich genötigt sehen, aus Taktgefühl, um in der Rolle zu bleiben, oder weil es ihnen ein Herzensanliegen etc. ist, das Angebrachte zu äußern, wird’s meist unangebracht. Zollitsch assoziierte wild um das Thema Mauer herum und heraus kam eine Anklage gegen… Mauerbauer… im Allgemeinen und sowieso: „Die Erinnerung an den 9. November 1989 und nicht weniger die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse [?] der Reichspogromnacht am 9. November lehren uns unmissverständlich: Mauern – ob real oder in den Köpfen der Menschen – lösen keine Probleme. Im Gegenteil: Sie schaffen Probleme. Sie verbauen Zukunft“, sagte Zollitsch und warnte vor „potentiellen Mauerbauern“, die es auch heute noch gebe. „Sie sollten nicht das Sagen haben, weder in der Gesellschaft noch in den Kirchen.(ekd.de)
Den Volksdeutschen ging es aber spätestens 1938 darum Mauern einzureißen, die in ihren Köpfen (die von wenigen mühsam errichtet werden wollten, um als Tabu vor antisemitischer Brandschatzung, Raub und Morden zu bewahren) und die der Synagogen und Geschäfte von ihnen als jüdisch identifizierter Inhaber.

brennende synagoge1
(via)
‚Wenn Zollitsch et al. das sagen und eh Mauerverdammungstag ist…’, dachten sich einige Palästinenser und begannen (carpe diem), die „Mauer zu Israel [einzureißen]“. Reprise: „Mauern – ob real oder in den Köpfen der Menschen – lösen keine Probleme.“ (Zollitsch) Aber nein… Abgesehen davon, dass diese Mauer den Rückgang der Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung von 73 im Jahr 2003 auf vier im Jahr 2004 reduzierte Und:
Moussa Abu Marzouq was asked about the drop in the number of suicide bombing attacks ( al-‘amaliyyat al-istishhadiyya ) during the Hamas government’s term. In his reply, Abu Marzouq admitted that “[carrying out] such attacks is made difficult by the security fence and the gates surrounding West Bank residents”. He stressed that the (Hamas) movement was powerless to extend any significant assistance to the West Bank, but that the actual happenings on the ground (the existence of the security fence and the gates) gave it a legitimate reason to do so (meaning that the reality formed after the construction of the security fence impairs Hamas’s ability to carry out suicide bombing attacks.“ (terrorism-info.org)
Solange man die Ermordung von Menschen nicht als Problem betrachtet… alles im grünen Bereich (pun intended!).
Auch Bundespräsident Köhler hätte sich gerne angemessen geäußert: „Der 9. November 1938 und der 9. November 1989 seien miteinander verbunden, erklärte Köhler. An „diesem Tag der Freude“ vergesse Deutschland nicht die Reichspogromnacht. 1938 sei aus der Diskriminierung der Juden „endgültig systematische Verfolgung bis hin zum Massenmord“ geworden, erklärte der Bundespräsident. Die Teilung habe 1989 auch deshalb überwunden werden können, „weil wir Deutsche die nötigen Lehren [?] aus unserer Geschichte zwischen 1933 und 1945 gezogen haben“. Darum habe die Welt Deutschland 1989 vertraut [serious mistake!]. Darum hätten die Deutschen die Einheit in Freiheit wiedererlangt.“ (news.yahoo)
1933, 1934, 1935, 1936, 1937 waren also nicht „endgültig“ genug? Nicht z.B. das Jahr 1933, in dem die Deutschen entschieden, der erklärtermaßen antisemitische Adolf Hitler solle fortan ihr Führer sein, das Jahr z.B. des Boykott-Tages gegen jüdische Geschäfte? Oder das Jahr z.B. der Nürnberger Gesetze – 1935 – das Jahr z.B. der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, welche die Aberkennung des Wahlrechts und der öffentlichen Ämter und die Entlassung aller jüdischen Beamten bedeutete? Und so weiter und so fort! Nein, es kam über die Deutschen wie ein Wunder…sorry… ein Blitzschlag: ‚Das sind ja Antisemiten! Und fortan wollten sie nicht mehr mitspielen und stürzten den Führer … oder so ähnlich… Weswegen es ‚uns’ jetzt’ erlaubt ist, hemmungslos zu feiern und bei der Aufführung von Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ genervt zu pfeifen und mit den Regenschirmen rumzuspielen. Das Ghetto von Warschau entstammte ja nur einer antideutschen what-if-story. Tatsächlich hatte man es am 10. November 1938 verhindert, indem man Hitler und Konsorten in die Konzentrationslager verschleppte und dort verrotten ließ. Die Teilung… eine Bosheit der deutschfeindlichen Alliierten. Was sonst?‘
Das Volk siegt“ übertitelte der Spiegel sein Heft 46/ 1989 und Recht hat er gehabt. Das deutsche Volk ist immer einen Schritt weiter als seine Vertreter und sie sind dankbar und glücklich, wenn sie es endlich bemerken: Denn der Volksdeutsche besteht darauf, dass sein Wille so unauffällig wie möglich erfüllt werde. Das ist dann die letzte Mauer im Kopf!

In memoriam Herschel Feibel Grynszpan
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(via)

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“

In February 1848, at the funeral of Wagner’s mother, [Heinrich] Laube commiserated with his friend [Richard Wagner], conflating the sadness of the hour with their general resentment and despair at the state of German art: ‚On the way to the station, we discussed the unbearable burden that seemed to us to lie like a dead weight on every noble effort made to resist the tendency of the time to sink into utter worthlessness.’ And as the Struensee preface made clear, this ‚worthlessness’ consisted in the flowering of ‚Jewish’ values. Wagner’s only remedy was to ‚plunge dully and coldly into the only things that cheer and warm me, the working out of my Lohengrin and my studies of German antiquity.’“ (Paul Lawrence Rose – German Question/ Jewish Question. Revolutionary Antisemitism from Kant to Wagner)

Zum Mauerfall-Jubiläum sollen die Gräber noch einmal kurz (ungefähr sieben Minuten lang) geöffnet werden. Gräber, die meist nur im deutschen Wunschdenken existieren und deren Nichtvorhandensein die Deutschen durch Denkmale – von „fußballfeldgroß“ (Walser) bis zu drauftretenmüssenprovozierender Winzigkeit – zu ersetzen versucht haben. Ersatzgräber waren das einzige, was die Nachkriegsdeutschen den von ihnen ermordeten Juden zu gönnen bereit waren; eigentlich nicht mal das, aber es macht sich dann doch so gut im deutschen Lebenslauf. Nachdem sie einige Jahre zuvor ihre Opfer gezwungen hatten, Gräber in die Luft zu schaufeln (Paul Celan):
Und so wird die Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken.“ André Schwarz-Bart – Der Letzte der Gerechten (Le dernier des justes)
Und selbst noch diese grauenvolle Erkenntnis wurde hierzulande verwertet, indem man das Bilderverbot so drehte, dass deutsches (ostentativ und dann doch sehr laut) schweigendes Ertragen und Leiden, deutsches ‚Traumatisiertsein’ am eigenen Verbrechen und der nicht ausreichenkönnenden Strafe als Erlaubnis für absolut ignorantes und selbstverliebt romantisches (Nicht-)Handeln umgedeutet wird.
Ein Grab, das nur existiert, weil der eigentlich zum grablosen Tod Verurteilte das deutsche Europa vor der Vollstreckung verlassen konnte, wird am 9. November 2009 geöffnet und Arnold Schönberg daraus hervorgezerrt werden. Was von ihm übrig blieb, wird vor das Mauerfall-feiernde Publikum geschleift und als musikalisches Plastinat aufbereitet werden. Wie man sein zum Anlass aufzuführendes Werk beurteilt, ist in diesem Kontext tatsächlich irrelevant. Adorno äußerte angebrachte Zweifel: „So wahr hat nie Grauen in der Musik geklungen, und indem es laut wird, findet sie ihre lösende Kraft wieder vermöge der Negation“, jedoch „[e]twas Peinliches gesellt sich der Komposition Schönbergs, […] als ob die Scham vor den Opfern verletzt wäre. Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ (Vgl. aber auch Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus und Conne Island „’Ein Überlebender aus Warschau’ in Deutschland“).
Irrelevant ist es, weil der (musikalische) Rahmen, den die feiernden Deutschen verlangen, alles pervertiert, was dem Werk jemals hätte innewohnen können: „Das „Fest der Freiheit“ wird am 9. November um 19 Uhr mit einem Open-Air-Konzert der Staatskapelle Berlin und des Staatsopernchors unter Leitung von Daniel Barenboim auf dem Pariser Platz eröffnet. Auf dem Programm stehen musikalische Werke, die exemplarisch entscheidende Zäsuren der deutschen Geschichte beleuchten: Die Revolution von 1848/49, die Judenpogrome der »Reichskristallnacht« am 9. November 1938 sowie der Fall der Berliner Mauer ebenfalls am 9. November 1989. Für Arnold Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ hat Klaus Maria Brandauer den Part des Sprechers übernommen.“
Abgesehen davon, dass das nicht ganz zutreffend ist, denn das Programm sieht noch einen ‚kleinen’ deutschen Extra-Triumph vor, und das Warschauer Ghetto war eben nicht die Reichspogromnacht.

Richard Wagner: Lohengrin, Vorspiel zum 3. Akt (In der Ankündigung wird mal kurz verschwiegen, dass Wagner bereits 1848, wie sich das für einen strammdeutschen ‚Linken’ so gehört(e), radikal antisemitische Ansichten vertrat.)
Arnold Schönberg: A Survivor from Warsaw (Ein Überlebender aus Warschau) op. 46 (Sprecher: Klaus Maria Brandauer)
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92, 4. Satz: Allegro con brio
Friedrich Goldmann: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen (Fragment, 2009)

Ja, sehr mutiger Tabubruch im Land der Täter! Der von Heinrich (!) Himmler so geliebte Lohengrin (den die Staatskapelle am Vorabend1 komplett gibt): „Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich: was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen, dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich“ oder „Nach Deutschland sollen noch in fernen Tagen – des Ostens Horden siegreich nimmer zieh’n!“.
Sehr passend: das Vorspiel zum 3. Akt! Womöglich weil’s jetzt ans Heiraten geht? Daniel Barenboim erfüllt im Alleingang den drängendsten Wunsch der „Nachfahren der Täter“, die „angesichts der geleisteten materiellen Wiedergutmachung immer wieder so eine gewisse Gegenleistung [glauben] fordern zu können“ (Norbert Otto Eke – Im „deutschen Zauberwald“, in Bogdal, Holz, Lorenz – Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz).
Nahtlos anschließend: Hendrik Höfgen aka Gustav Gründgens, Eric Jan Hanussen, Georg Elser (Untertitel: Einer aus Deutschland), Hans Blixen und Oberst Redl, die den Deutschen deren Opfer und Schönbergs Leiche „zum Fraß“ vorwerfen.
Nicht wirklich nachvollziehbar (later: Barenboim begründet es damit, dass es im ersten Konzert nach dem Mauerfall gespielt worden sei – macht’s auch nicht besser, J6ON) oder eben doch folgt Beethovens aus der Euphorie angesichts Napoléons (der sich trotz aller Vorbehalte für die Rechte der Juden – Code civil – in Deutschland als wichtiger denn jeder Deutsche zu dem Zeitpunkt erwiesen hatte) sich ankündigender Niederlage gespeiste 7. Sinfonie. Und der Wiedererkennungswert ist natürlich nicht zu unterschätzen. Dann wird’s kurz zeitgenössisch.
Und danach geht es lustig weiter mit dem „Fest der Freiheit“.
Im Verlauf der „Dominoaktion“ (moderiert von Thomas Gottschalk, Guido Knopp und Klaas (MTV) …?…) wird endlich (!) die Kaffiyah umgekippt (war zwar nicht so intendiert, aber an irgendwas muss sich auch der Verzweifelnde erfreuen dürfen). Das Grauen will nämlich keine Ende nehmen: „Unmittelbar vor dem Fall der letzten Dominosteine direkt vor dem Brandenburger Tor und in Gegenwart aller Gäste präsentiert der für den Grammy nominierte internationale Musiker, „World’s No. 1 DJ” [“Heute gehört uns Deutschland und morgen…„], Paul van Dyk die Welturaufführung seiner eigens für diesen Anlass produzierten „We are one [the healing of multiple personalities? Aber nein: „Du bist Boom-Boom-Deutschland“]- Hymne“. Diesen emotionalen Höhepunkt mit dem Fall der letzten Dominosteine schließt ein Feuerwerk ab.“ (tixclub.de)
Das „unvermeidliche Feuerwerk“ jammerte schon 2008 der Berliner Tagesspiegel, weniger weil „man“ (siehe Heidegger) keine Feuerwerke mag, sondern weil „man“ das ja wieder ‚den Juden’ erklären musste: „Über den Umgang mit dem 9. November will sich Wowereit auch [?] mit der Jüdischen Gemeinde verständigen. Am 9. November 1938 hatten in vielen deutschen Städten Pogrome gegen jüdische Bürger und deren Eigentum [?] stattgefunden.
Sieh’ da, hätten „wir“ beinahe vergessen oder lieber noch: einfach mitgefeiert! (Vorsitzende der deutschen evangelischen Kirche Margot Käßmann)
Weil“ wie Günter Grass es so unnachahmlich in „Schreiben nach Auschwitz“ formulierte, „Auschwitz […] bleibendes Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! [!…!!!] - eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte, jetzt endlich kennen wir uns“? Dann ist ja alles noch mal gut ausgegangen, deutscher Dichter! Und so ist es auch möglich, allen deutschen Feiern nach Auschwitz die unverzichtbare deutsche Sentimentalität (Galsworthy) zu verleihen.

  1. Zum Jahrestag des Georg Elser-Attentats, den Spiegel online in seiner Holocaust-Relativierungsrubrik Eines Tages zum „großen Deutschen“ erklären möchte – „Allein gegen Hitler“ allerdings bedeutete per se den Ausschluss aus der deutschen Volksgemeinschaft, welcher „der Führer“ Symbol ihrer Wünsche war.[zurück]
  2. + Offensive Selbstverteidigung

Update 9.11.: Mehr zum Thema gibt’s bei Lizas Welt.
+ Placido Domingo singt im Anschluss an das Programm und sehr zur Freude des Publikums Paul Linckes (Verleihung der Ehrenbürgerschaft Berlins 1941(!)) besonders beim deutschen Militär beliebten Marsch Berliner Luft aus Linckes Operette Frau Luna. Ebenfalls 1941 entstand unter den Nazis eine Filmkomödie gleichen Namens, die um eine ’skandalisierte Uraufführung‘ der Operette herum spielt.
Ich verweise nochmals auf Max Liebermann!

Mauerfall-excerpt by Edgar Allan Poe – The Black Cat:
„Gentlemen,“ I said at last, as the party ascended the steps, „I delight to have allayed your suspicions. I wish you all health, and a little more courtesy. By the bye, gentlemen, this — this is a very well constructed house.“ (In the rabid desire to say something easily, I scarcely knew what I uttered at all.) — „I may say an excellently well constructed house. These walls — are you going, gentlemen? — these walls are solidly put together;“ and here, through the mere phrenzy of bravado, I rapped heavily, with a cane which I held in my hand, upon that very portion of the brick-work behind which stood the corpse of the wife of my bosom.
But may God shield and deliver me from the fangs of the Arch-Fiend! No sooner had the reverberation of my blows sunk into silence, than I was answered by a voice from within the tomb! — by a cry, at first muffled and broken, like the sobbing of a child, and then quickly swelling into one long, loud, and continuous scream, utterly anomalous and inhuman — a howl — a wailing shriek, half of horror and half of triumph, such as might have arisen only out of hell, conjointly from the throats of the dammed in their agony and of the demons that exult in the damnation.
Of my own thoughts it is folly to speak. Swooning, I staggered to the opposite wall. For one instant the party upon the stairs remained motionless, through extremity of terror and of awe. In the next, a dozen stout arms were toiling at the wall. It fell bodily. The corpse, already greatly decayed and clotted with gore, stood erect before the eyes of the spectators. Upon its head, with red extended mouth and solitary eye of fire, sat the hideous beast whose craft had seduced me into murder, and whose informing voice had consigned me to the hangman. I had walled the monster up within the tomb!“

Grundlegendes 11: „Schatten der Erkenntnis“

Max Horkkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung

„Wenn der Bürger schon zugibt, daß der Antisemit im Unrecht ist, so will er wenigstens, daß auch das Opfer schuldig sei. So verlangt Hitler die Lebensberechtigung für den Massenmord im Namen des völkerrechtlichen Prinzips der Souveränität, das jede Gewalttat im anderen Lande toleriert. Wie jeder Paranoiker profitiert er von der gleißnerischen Identität von Wahrheit und Sophistik; ihre Trennung ist so wenig zwingend, wie sie doch streng bleibt. […] Die paranoische Überkonsequenz, die schlechte Unendlichkeit des immergleichen Urteils, ist ein Mangel an Konsequenz des Denkens; anstatt das Scheitern des absoluten Anspruchs gedanklich zu vollziehen und dadurch sein Urteil weiter zu bestimmen, verbeißt der Paranoiker sich in dem Anspruch, der es scheitern ließ. Anstatt weiter zu gehen, indem es in die Sache eindringt, tritt das ganze Denken in den hoffnungslosen Dienst des partikularen Urteils. Dessen Unwiderstehlichkeit ist dasselbe wie seine ungebrochene Positivität und die Schwäche des Paranoikers die des Gedankens selbst. […] [Des Paranoikers] Scharfsinn verzehrt sich in dem von der fixen Idee gezogenen Kreis, wie das Ingenium der Menschheit im Bann der technischen Zivilisation sich selbst liquidiert. Die Paranoia ist der Schatten der Erkenntnis.
So verhängnisvoll wohnt die Bereitschaft zur falschen Projektion dem Geiste ein, daß sie, das isolierte Schema der Selbsterhaltung, alles zu beherrschen droht, was über diese hinausgeht: die Kultur. Falsche Projektion ist der Usurpator des Reiches der Freiheit wie der Bildung; Paranoia ist das Symptom des Halbgebildeten. Ihm werden alle Worte zum Wahnsystem, zum Versuch, durch Geist zu besetzen, woran seine Erfahrung nicht heranreicht, gewalttätig der Welt Sinn zu geben, die ihn selber sinnlos macht, zugleich aber den Geist und die Erfahrung zu diffamieren, von denen er ausgeschlossen ist, und ihnen die Schuld aufzubürden, welche die Gesellschaft trägt, die ihn davon ausschließt. Halbbildung, die im Gegensatz zur bloßen Unbildung das beschränkte Wissen als Wahrheit hypostasiert, kann den ins Unerträgliche gesteigerten Bruch von innen und außen, von individuellem Schicksal und gesellschaftlichem Gesetz, von Erscheinung und Wesen nicht aushalten. In diesem Leiden ist zwar ein Element von Wahrheit enthalten gegenüber dem bloßen Hinnehmen des Gegebenen, auf das die überlegene Vernünftigkeit sich vereidigt hat. Stereotyp jedoch greift Halbbildung in ihrer Angst nach der ihr jeweils eigenen Formel, um bald das geschehene Unheil zu begründen, bald die Katastrophe, zuweilen als Regeneration verkleidet, vorherzusagen. Die Erklärung, in welcher der eigene Wunsch als objektive Macht auftritt, ist immer so äußerlich und sinnleer, wie das isolierte Geschehen selbst, läppisch zugleich und sinister. Die obskuren Systeme heute leisten, was dem Menschen im Mittelalter der Teufelsmythos der offiziellen Religion ermöglichte: die willkürliche Besetzung der Außenwelt mit Sinn, die der einzelgängerische Paranoiker nach privatem, von niemand geteiltem und eben deshalb erst als eigentlich verrückt erscheinendem Schema zuwege bringt. Davon entheben die fatalen Konventikel und Panazeen, die sich wissenschaftlich aufspielen und zugleich Gedanken abschneiden: Theosophie, Numerologie, Naturheilkunde, Eurhythmie, Abstinenzlertum, Yoga und zahllose andere Sekten, konkurrierend und auswechselbar, alle mit Akademien, Hierarchien, Fachsprachen, dem fetischisierten Formelwesen von Wissenschaft und Religion. Sie waren, im Angesicht der Bildung, apokryph und unrespektabel. Heute aber, wo Bildung überhaupt aus ökonomischen Gründen abstirbt, sind in ungeahntem Maßstab neue Bedingungen für die Paranoia der Massen gegeben. […] [Die Kollektivität] wird sozialisiert: im Rausch vereinter Ekstase, ja als Gemeinde überhaupt, wird Blindheit zur Beziehung und der paranoische Mechanismus beherrschbar gemacht, ohne die Möglichkeit des Schreckens zu verlieren. […] Die paranoiden Bewußtseinsformen streben zur Bildung von Bünden, Fronden und Rackets. Die Mitglieder haben Angst davor, ihren Wahnsinn allein zu glauben. Projizierend sehen sie überall Verschwörung und Proselytenmacherei. […] Jene, die ohne eigenen Willen von der Menschheit ausgeschlossen waren, wußten es, wie jene, die aus Sehnsucht nach der Menschheit von ihr sich selbst ausschlössen: an ihrer Verfolgung stärkte sich der krankhafte Zusammenhalt.“