Reinhard Mohrs „wahre und wohl auch identitätsstiftende Gruselgeschichte, die noch den Enkeln Eindruck macht“

Reinhard Mohr war beim Mauerfall gerade mal 34 Jahre und doch schon so alt, dass er das Leben in der Bundesrepublik bis in den Herbst 1989 als „bleiernen Alltag“ empfand. Erst die Monate, plaudert er auf Spiegel online aus, die der Deutschen Einheit vorangingen, brachten seine „Verhältnisse tatsächlich zum Tanzen“, verwandelten sie in einen „schwebenden Aggregatzustand [..,] in ein merkwürdiges Flirren aus Ängsten und Sehnsüchten, alten Gewissheiten und neuen Hoffnungen“. Ganz plötzlich konnte der ob des deutschen Einheitsgegröles ad hoc zum Synästhetiker mutierte Mohr den „Atem der Freiheit, jenes abstrakten Sozialkundeworts aus verstaubten Schulbüchern“ „sogar riechen“. Hätte er mal vorher ein bisschen mehr Spaß gehabt oder wenigstens früh genug Wolfgang Pohrt gelesen1, dann wäre es ihm nicht so aufgestoßen, dass keiner, den er kannte, mitspielen wollte: „Fast schon merkwürdig erscheint im Rückblick, dass mir all diese verklemmten Abwehrreaktionen und krampfhaften Realitätsverleugnungen ziemlich fremd gewesen waren, obwohl ich damals selbst noch Teil jener westdeutschen Linken war, die ihren schon etwas angejahrten Traum von der Revolte (am liebsten gleich: Revolution) noch nicht ganz aufgeben wollte.“
Adorno rezipiert haben mag er, verstanden haben er und „seine zwanzig Frankfurter undogmatischen Linken, die meisten ‚Sponti’„-Freunde ihn wohl nicht, sonst hätten die sich kaum gewundert, dass „ausgerechnet […] Mandy, Cindy, Kevin & Co., die wahrscheinlich kein Wort von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gelesen und keine Ahnung hatten von der repressiven Toleranz des postfordistischen Spätkapitalismus“ „hinter dem Rücken der westdeutschen Linken – und gleichsam ohne ihre geschichtsphilosophische Erlaubnis – europäische Geschichte geschrieben“ haben.
Schöne Freunde! Die nicht (endlich!) mit ihm glücklich sein wollten. Vielleicht hatten sie doch ein bisschen besser als der „fast ein wenig naiv[e]“ Reinhard Mohr (der sich offenbar nicht mit sich selbst einig werden konnte, ob er nun infantil oder alterswissend war – klassisches Oskar-Matzerath-Syndrom!) verstanden, was deutsche „Revolte (am liebsten gleich: Revolution)“ bedeutet. Vielleicht auch nicht… Grass-Syndrom – ebenfalls nicht angenehm!
Im Bett mit seiner Freundin lag Mohr, als die Nachricht von der Maueröffnung verkündet wurde, bemüht darum, sie nicht merken zu lassen, dass er weinen musste. Das erklärt einiges und der Moment der Schwäche musste schnellstens trotzig umgedeutet werden in „autonom pathetische Gefühle, als die ersten Trabis über den Grenzübergang Bornholmer Straße knatterten und Westberliner wie von Sinnen auf die Plastedächer trommelten.“ Die Geburt des deutschen Lyrikers Reinhard Mohr:

Das Glück dieses Augenblicks war
mit Händen zu greifen und zugleich flog es
wie weiße Frühlingswölkchen durch die Luft.
Die Freiheit war in diesem Moment tatsächlich
der reine „Wahnsinn“,
so, als begänne sie
ganz von vorne, unbefleckt von jeder
Ideologie und jedem strategischen Kalkül.
Ein unwiederbringlicher, kostbarer Moment, in dem
alles möglich schien.
Ihn sollten wir in unserer
lebendigen Erinnerung bewahren.
Wir könnten sie noch
brauchen. Die Erinnerung und die Freiheit,
die wir meinen.

Die Freiheit, die er meint, endet mit: „Wolltest auf uns lenken – Gottes Lieb‘ und Lust – Wolltest gern dich senken – In die deutsche Brust – Freiheit, holdes Wesen – Gläubig kühn und zart – Hast ja lang erlesen – Dir die deutsche Art.“ (Max von Schenkendorf)
Wie von Sinnen“, „Wahnsinn“ – sich endlich gehen lassen dürfen und sei es nur beim Anblick für die Kameras glückliche Menschen spielender Vereinigungsstatisten. Mohr mag davon immer noch nicht lassen, weil er sich damals endlich im Leben angekommen wähnte.
Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ hört man ihn seinen Pakt mit dem deutschen Volk besiegelnd raunen.
Umso tragischer der Verlust dieses Augenblicks für den sich in trauter Einheit mit Millionen Volksgenossen Vermutenden: „Warum also ist die Erinnerung an diese Tage im Westen so verblasst Warum hat man die diffuse Vorahnung, dass der kommende 9. November wieder nur mit hilflos-steifen Inszenierungen samt der obligatorischen Eventkultur begangen wird – statt mit einem großen ausgelassenen Volksfest, bei dem sich einmal spontaner Jubel und historisch begründetes Pathos in glücklicher Umarmung wieder finden dürfen.
Ja, warum nur? Dem Lyriker bleibt zur Erklärung nur das Ressentiment, das auf die anderen projiziert werden muss: „Sympathisierende und kritische, später brav Solidaritätsbeitrag zahlende Beobachter eines historischen Umsturzes, dessen Subjekte Vokuhila-Ossis in stonewashed Jeans waren, die im sächsischen Tonfall „Wir sind das Volk!“ durch die Gassen brüllten und dabei brennende Kerzen in den Händen hielten. Sehr schnell ging es dann um die Einführung der D-Mark, die Kosten der Einheit, um Stasi, Aufbau Ost, und im Handumdrehen war es geschafft: Deutschland einig Jammerland, Deutschland peinlich Vaterland.
Egal – Mohr will nicht schon wieder allein sein, braucht andere, die mitmachen, um Tränen vergießen zu können und „fordert mehr Mut zum patriotischen Pathos“. Und wenn’s nur ist, um seinen früheren ‚Freunden’ und der hartherzigen Ex-Freundin noch im Nachhinein die Partylaune vom letzten Jahr zu versauen. Nichts sei ihnen gegönnt: „Schon im vergangenen Jubiläumsjahr 2008 schien es, als sei die westdeutsche Revolte von 1968 samt ihren Folgen zeithistorisch näher, intensiver spürbar und leidenschaftlicher umstritten als der Fall der Mauer, der sich gut 20 Jahre später ereignete.“ 68 war doch nur Revolte (nicht mal das, legt man die Victor Hugo-Skala an), „[w]enn aber in diesen Tagen an einen anderen deutschen Herbst erinnert wird, an den wahrhaft revolutionären [Recht hat er, nach 1933 schon die zweite deutsche „friedliche Revolution“, Wolfgang Pohrt], das heißt: umwälzenden Oktober/November 1989 vor zwanzig Jahren, dann herrscht eher Gedenkroutine vor“, jammert der Enttäuschte. Und vermutet missgünstig, selbst die ‚77er’ hätten im Nachhinein mehr Spaß als er: „Wenn vom „Deutschen Herbst“ die Rede ist, weiß jeder Bescheid: RAF, Schleyer, Mogadischu, GSG 9, Stammheim und die Selbstmorde von Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Unzählige Spielfilme und Bücher, Talkshows und TV-Dokus haben die Geschichte vom mörderischen Herbst 1977 wieder und wieder erzählt – sie scheint neben „1968″ die Story der westdeutschen Bundesrepublik zu sein. Eine wahre und wohl auch identitätsstiftende Gruselgeschichte, die noch den Enkeln Eindruck macht.
Den Titel „Deutscher Herbst“ kann er gerne haben: Als noch mörderischer als die Deutschen von der RAF haben sich seine wahnsinnigen Einheitsdeutschen erwiesen. 142 Todesopfer Deutschmotivierter lautet derzeit die halboffizielle Zahl – es sind wohl noch mehr gewesen. Damit kann man später schön die Enkel beeindrucken, die machen dann vielleicht auch schöne bunte Filme zur „Gruselgeschichte“.
Die Antwort aber auf Mohrs dringlichste Frage hätte er schon 1992 bei Wolfgang Pohrt nachlesen können, hier nur zwei kleine Hinweise:
1. Hinweis
Als wüßten alle, daß die spektakulären Umwälzungen eine ziemlich scheußliche Welt perpetuierten, kam über das Erreichte nirgends Jubel auf. Der abermalige Sieg dessen, was immer war, hieß nur, daß die Menschheit auf keine Entwicklung mehr hoffen durfte, die sich wesentlich von der bisherigen Geschichte unterscheiden würde. Es war ein resignativer Triumph, ein Triumph der Trostlosigkeit, der zwei Jahre lang teils mit zusammengebissenen Zähnen, teils mit kindischer Zerstörungslust gefeiert wurde, denn kein neues Zeitalter brach an, sondern die nächste Runde im ewigen alten Spiel, wer wen hauen, und wer das Mehrprodukt aufessen darf. Auch deshalb war die Vorstellung, die Menschen als vernunftbegabte Wesen nähmen ihr Geschick in die eigenen Hände, noch nie so tot wie in der Zeit, wo angeblich vom Verlangen nach Demokratie beseelte Massen dauernd Geschichte machten.
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit
2. Hinweis
Im Maße freilich, wie die Deutschen sich in den schadhaften Sadisten wiedererkannten, konnte es nicht ausbleiben, daß sie einander unheimlich zu werden begannen.
Ebd.

Mohr zum Trost: Die Deutschen tun in diesem Jahr wirklich alles, damit es so richtig lustig und aufregend und spannend wird und keiner sich einsam fühlen muss.

  1. Later – Er hat, wie ich dem Nachzuwort von Klaus Bittermann zu Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik gerade entnommen habe, and he was not amused! [zurück]

0 Antworten auf „Reinhard Mohrs „wahre und wohl auch identitätsstiftende Gruselgeschichte, die noch den Enkeln Eindruck macht““


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>