Archiv für Oktober 2009

„Ist das schon Deutschtümelei?“

Die Ideologie von Zuhandenheit, und ihr Widerpart, entblättert sich etwa in der Praxis jener Anhänger der musikalischen Jugendbewegung, die darauf schwören, eine rechte Fiedel müße der Geigende sich selbst gebastelt haben.
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen ideologie

Dem deutsch singenden Gitarrenspieler (oder umgekehrt) reicht es mittlerweile, sein Instrument seit 30 Jahren selbst schwarz-rot-gold zu streichen. Man habe ihn dafür ausgelacht, aber „[i]ch stehe trotzdem dazu, weil ich sage, nur die Liebe zu deinem Land kann dich dahin bringen, dass du für dein Land auch wirklich tatkräftig sein willst.“ Lacht ja schon keiner mehr! Man kennt das und hält sich lieber zurück; in Deutschland schlägt der Ausgelachte meist furchtbar zurück. Gunter Gabriel freut sich im voraus und nennt sein neues Album „Sohn aus dem Volk – German Recordings“ (damit auch die ganze Welt Bescheid weiß). Soweit so … wie auch immer.
Gunter Gabriel ist einer aus dem Volk. Sein Herz schlägt für das Land und seine Menschen“, teilt Deutschlands wochentägliches Kulturmagazin mit. Und der Kulturzeit-Autor fragt pflichtschuldig:
Ist das schon Deutschtümelei?
Um erleichtert mit einem nicht ausgesprochenen, aber deutlichen „Nein!“ zu antworten. Pöh, wieso denn? Außerdem gebe es auf dem neuen Album „nationale Streicheleinheiten“, und Gunter Gabriel „ist sich treu geblieben.“ Kulturzeit.
Wie sein vorbildgebender „Freund“ (oder umgekehrt) Johnny Cash hat Gunter Gabriel diverse songs zu Liedern gecovert (weil’s nun ernst wird mit dem „Sein zum Tode“?), und meistens passt das ganz wundervoll: Ideals verfrühter Ruhm- und Luxusabgesang „Blaue Augen“ wird zur Kenntlichkeit verstümmelt (lustiges Rumgeopfere, wenn „Ideal im TV lässt mich völlig kalt“ durch „Mariah Carey auf MTV“ ersetzt wird: Banned from the pub!), Peter Fox’ bodenständiges „Haus am See“ ist zuhause angekommen, der „Sohn aus dem Volk“ ist … der, der „keine Tricks gebraucht […], das Feuer im Eis, in dieser Tiefkühlwelt“ (Komm’ unter meine Decke von der one night stand-Aufforderung zum Heiratsantrag geläutert) und so weiter und so fort.
Bis hierhin sind’s Kanonen auf Spatzen, aber jetzt wird’s ernst!
Wenn nämlich ein heftig deutschtümelnder Sänger aus einem der eher wenigen Lieder, die geeignet sind, Aufdistanzverliebtseinkummer ausgiebig zu feiern, ein deutsches Lied mit allem Drum und Dran macht, hört der Spaß auf.
Aus dem durchaus sinnvoll frustrierten und angemessen bösartigen
When you were here before – Couldn‘t look you in the eye – You‘re just like an angel – Your skin makes me cry – You float like a feather – In a beautiful world – I wish I was special – You‘re so fucking special – But I ‚m a creep – I‘m a weirdo – What the hell am I doing here? – I don‘t belong here – I don‘t care if it hurts – I want to have control – I want a perfect body – I want a perfect soul – I want you to notice – When I‘m not around – You‘re so fucking special – I wish I was special – But I‘m a creep … – She’s running out again – She’s running out – She runs, run, run run – Run – Whatever makes you happy – Whatever you want – You‘re so fucking special – I wish I was special – But I‘m a creep – I‘m a weirdo – What the hell am I doing here? – I don‘t belong here …
Radiohead – Creep
wird
Nach 67 Jahren und 24 Tagen – Was hab ich erreicht? – Was hab ich, das bleibt? – Handvoll Kinder, handvoll Frauen – Verletzt und abgehauen – Was muss man schaffen? – Was hinterlassen? – Ich bin ein Nichts – Ich bin ein Niemand – Ein winziges Detail – Mit ein paar Liedern – Wo war ich 68? – Wo beim Mauerfall? – Was ist mein Vermächtnis? – Eine in Stein gehauene Zahl? – Wer wird sich erinnern? – Wenn ich mal nicht mehr bin – Was ich mal geschafft hab? – Was ich mal gemacht hab? – Ich bin ein Nichts etc. – Ich bin ein Nichts – Ich bin ein Fremder [? aber nicht doch…] – Was zum Teufel mach ich hier – Wenn ich nichts veränder – Was ist mein Auftrag? – Was ist mein Talent? [?] – Was steht unterm Strich? – Was immer von mir bleibt – Was immer von mir zeugt – Lass es noch hier bleiben – Lass es ewig bleiben – Ich bin ein Nichts etc.“
Gunter Gabriel – Ich bin ein Nichts
…???…
[Der Jargon der Eigentlichkeit] verfügt über eine bescheidene Anzahl signalhaft einschnappender Wörter. Eigentlichkeit selbst ist dabei nicht das vordringlichste; eher beleuchtet es den Äther, in dem der Jargon gedeiht, und die Gesinnung, die latent ihn speist. Als Modell reichen fürs erste existentiell, „in der Entscheidung“, Auftrag, Anruf, Begegnung, echtes Gespräch, Aussage, Anliegen, Bindung aus; der Liste ließen nicht wenige unterminologische Termini verwandten Tons sich hinzufügen“, und „Edelsubstantive sind durchaus nicht alle seine Worte; zuweilen greift er auch banale auf, und bronziert sie, nach faschistischem Gebrauch, der das Plebiszitäre und Elitäre weise mixt.
Theodor W. Adorno, ebd.
…!!!…

Recommended reading:
Victor Hugo – L’homme qui rit, Notre-Dame de Paris und Les travailleurs de la mer
Stefan Zweig – Brief einer Unbekannten
Thomas Hardy – The Return of the Native
Thomas Mann – Tod in Venedig
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie und Die Meister der Krise

+ To whom it may concern:

Reinhard Mohrs „wahre und wohl auch identitätsstiftende Gruselgeschichte, die noch den Enkeln Eindruck macht“

Reinhard Mohr war beim Mauerfall gerade mal 34 Jahre und doch schon so alt, dass er das Leben in der Bundesrepublik bis in den Herbst 1989 als „bleiernen Alltag“ empfand. Erst die Monate, plaudert er auf Spiegel online aus, die der Deutschen Einheit vorangingen, brachten seine „Verhältnisse tatsächlich zum Tanzen“, verwandelten sie in einen „schwebenden Aggregatzustand [..,] in ein merkwürdiges Flirren aus Ängsten und Sehnsüchten, alten Gewissheiten und neuen Hoffnungen“. Ganz plötzlich konnte der ob des deutschen Einheitsgegröles ad hoc zum Synästhetiker mutierte Mohr den „Atem der Freiheit, jenes abstrakten Sozialkundeworts aus verstaubten Schulbüchern“ „sogar riechen“. Hätte er mal vorher ein bisschen mehr Spaß gehabt oder wenigstens früh genug Wolfgang Pohrt gelesen1, dann wäre es ihm nicht so aufgestoßen, dass keiner, den er kannte, mitspielen wollte: „Fast schon merkwürdig erscheint im Rückblick, dass mir all diese verklemmten Abwehrreaktionen und krampfhaften Realitätsverleugnungen ziemlich fremd gewesen waren, obwohl ich damals selbst noch Teil jener westdeutschen Linken war, die ihren schon etwas angejahrten Traum von der Revolte (am liebsten gleich: Revolution) noch nicht ganz aufgeben wollte.“
Adorno rezipiert haben mag er, verstanden haben er und „seine zwanzig Frankfurter undogmatischen Linken, die meisten ‚Sponti’„-Freunde ihn wohl nicht, sonst hätten die sich kaum gewundert, dass „ausgerechnet […] Mandy, Cindy, Kevin & Co., die wahrscheinlich kein Wort von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gelesen und keine Ahnung hatten von der repressiven Toleranz des postfordistischen Spätkapitalismus“ „hinter dem Rücken der westdeutschen Linken – und gleichsam ohne ihre geschichtsphilosophische Erlaubnis – europäische Geschichte geschrieben“ haben.
Schöne Freunde! Die nicht (endlich!) mit ihm glücklich sein wollten. Vielleicht hatten sie doch ein bisschen besser als der „fast ein wenig naiv[e]“ Reinhard Mohr (der sich offenbar nicht mit sich selbst einig werden konnte, ob er nun infantil oder alterswissend war – klassisches Oskar-Matzerath-Syndrom!) verstanden, was deutsche „Revolte (am liebsten gleich: Revolution)“ bedeutet. Vielleicht auch nicht… Grass-Syndrom – ebenfalls nicht angenehm!
Im Bett mit seiner Freundin lag Mohr, als die Nachricht von der Maueröffnung verkündet wurde, bemüht darum, sie nicht merken zu lassen, dass er weinen musste. Das erklärt einiges und der Moment der Schwäche musste schnellstens trotzig umgedeutet werden in „autonom pathetische Gefühle, als die ersten Trabis über den Grenzübergang Bornholmer Straße knatterten und Westberliner wie von Sinnen auf die Plastedächer trommelten.“ Die Geburt des deutschen Lyrikers Reinhard Mohr:

Das Glück dieses Augenblicks war
mit Händen zu greifen und zugleich flog es
wie weiße Frühlingswölkchen durch die Luft.
Die Freiheit war in diesem Moment tatsächlich
der reine „Wahnsinn“,
so, als begänne sie
ganz von vorne, unbefleckt von jeder
Ideologie und jedem strategischen Kalkül.
Ein unwiederbringlicher, kostbarer Moment, in dem
alles möglich schien.
Ihn sollten wir in unserer
lebendigen Erinnerung bewahren.
Wir könnten sie noch
brauchen. Die Erinnerung und die Freiheit,
die wir meinen.

Die Freiheit, die er meint, endet mit: „Wolltest auf uns lenken – Gottes Lieb‘ und Lust – Wolltest gern dich senken – In die deutsche Brust – Freiheit, holdes Wesen – Gläubig kühn und zart – Hast ja lang erlesen – Dir die deutsche Art.“ (Max von Schenkendorf)
Wie von Sinnen“, „Wahnsinn“ – sich endlich gehen lassen dürfen und sei es nur beim Anblick für die Kameras glückliche Menschen spielender Vereinigungsstatisten. Mohr mag davon immer noch nicht lassen, weil er sich damals endlich im Leben angekommen wähnte.
Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ hört man ihn seinen Pakt mit dem deutschen Volk besiegelnd raunen.
Umso tragischer der Verlust dieses Augenblicks für den sich in trauter Einheit mit Millionen Volksgenossen Vermutenden: „Warum also ist die Erinnerung an diese Tage im Westen so verblasst Warum hat man die diffuse Vorahnung, dass der kommende 9. November wieder nur mit hilflos-steifen Inszenierungen samt der obligatorischen Eventkultur begangen wird – statt mit einem großen ausgelassenen Volksfest, bei dem sich einmal spontaner Jubel und historisch begründetes Pathos in glücklicher Umarmung wieder finden dürfen.
Ja, warum nur? Dem Lyriker bleibt zur Erklärung nur das Ressentiment, das auf die anderen projiziert werden muss: „Sympathisierende und kritische, später brav Solidaritätsbeitrag zahlende Beobachter eines historischen Umsturzes, dessen Subjekte Vokuhila-Ossis in stonewashed Jeans waren, die im sächsischen Tonfall „Wir sind das Volk!“ durch die Gassen brüllten und dabei brennende Kerzen in den Händen hielten. Sehr schnell ging es dann um die Einführung der D-Mark, die Kosten der Einheit, um Stasi, Aufbau Ost, und im Handumdrehen war es geschafft: Deutschland einig Jammerland, Deutschland peinlich Vaterland.
Egal – Mohr will nicht schon wieder allein sein, braucht andere, die mitmachen, um Tränen vergießen zu können und „fordert mehr Mut zum patriotischen Pathos“. Und wenn’s nur ist, um seinen früheren ‚Freunden’ und der hartherzigen Ex-Freundin noch im Nachhinein die Partylaune vom letzten Jahr zu versauen. Nichts sei ihnen gegönnt: „Schon im vergangenen Jubiläumsjahr 2008 schien es, als sei die westdeutsche Revolte von 1968 samt ihren Folgen zeithistorisch näher, intensiver spürbar und leidenschaftlicher umstritten als der Fall der Mauer, der sich gut 20 Jahre später ereignete.“ 68 war doch nur Revolte (nicht mal das, legt man die Victor Hugo-Skala an), „[w]enn aber in diesen Tagen an einen anderen deutschen Herbst erinnert wird, an den wahrhaft revolutionären [Recht hat er, nach 1933 schon die zweite deutsche „friedliche Revolution“, Wolfgang Pohrt], das heißt: umwälzenden Oktober/November 1989 vor zwanzig Jahren, dann herrscht eher Gedenkroutine vor“, jammert der Enttäuschte. Und vermutet missgünstig, selbst die ‚77er’ hätten im Nachhinein mehr Spaß als er: „Wenn vom „Deutschen Herbst“ die Rede ist, weiß jeder Bescheid: RAF, Schleyer, Mogadischu, GSG 9, Stammheim und die Selbstmorde von Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Unzählige Spielfilme und Bücher, Talkshows und TV-Dokus haben die Geschichte vom mörderischen Herbst 1977 wieder und wieder erzählt – sie scheint neben „1968″ die Story der westdeutschen Bundesrepublik zu sein. Eine wahre und wohl auch identitätsstiftende Gruselgeschichte, die noch den Enkeln Eindruck macht.
Den Titel „Deutscher Herbst“ kann er gerne haben: Als noch mörderischer als die Deutschen von der RAF haben sich seine wahnsinnigen Einheitsdeutschen erwiesen. 142 Todesopfer Deutschmotivierter lautet derzeit die halboffizielle Zahl – es sind wohl noch mehr gewesen. Damit kann man später schön die Enkel beeindrucken, die machen dann vielleicht auch schöne bunte Filme zur „Gruselgeschichte“.
Die Antwort aber auf Mohrs dringlichste Frage hätte er schon 1992 bei Wolfgang Pohrt nachlesen können, hier nur zwei kleine Hinweise:
1. Hinweis
Als wüßten alle, daß die spektakulären Umwälzungen eine ziemlich scheußliche Welt perpetuierten, kam über das Erreichte nirgends Jubel auf. Der abermalige Sieg dessen, was immer war, hieß nur, daß die Menschheit auf keine Entwicklung mehr hoffen durfte, die sich wesentlich von der bisherigen Geschichte unterscheiden würde. Es war ein resignativer Triumph, ein Triumph der Trostlosigkeit, der zwei Jahre lang teils mit zusammengebissenen Zähnen, teils mit kindischer Zerstörungslust gefeiert wurde, denn kein neues Zeitalter brach an, sondern die nächste Runde im ewigen alten Spiel, wer wen hauen, und wer das Mehrprodukt aufessen darf. Auch deshalb war die Vorstellung, die Menschen als vernunftbegabte Wesen nähmen ihr Geschick in die eigenen Hände, noch nie so tot wie in der Zeit, wo angeblich vom Verlangen nach Demokratie beseelte Massen dauernd Geschichte machten.
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit
2. Hinweis
Im Maße freilich, wie die Deutschen sich in den schadhaften Sadisten wiedererkannten, konnte es nicht ausbleiben, daß sie einander unheimlich zu werden begannen.
Ebd.

Mohr zum Trost: Die Deutschen tun in diesem Jahr wirklich alles, damit es so richtig lustig und aufregend und spannend wird und keiner sich einsam fühlen muss.

  1. Later – Er hat, wie ich dem Nachzuwort von Klaus Bittermann zu Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik gerade entnommen habe, and he was not amused! [zurück]

Deutsche Straßenfeste seit 1938 III

Auszug – Cosmoproletarian Solidarity – Wie antizionistische Wehrdörfler ihren ‚freien’ Sonntag verbringen:
„Am heutigen Sonntag zeigte sich die antizionistische Bande fest entschlossen ihren Brigittenstraßen-Kiez gegen israelsolidarische Menschen zu verteidigen, ihre heimatliche Trutzburg gegen die Zumutungen der kritischen Selbstreflexion, in der zu palästinensischen Bier, das im Gaza nicht erhältlich ist, den ‚Märtyrer_innen’ der panarabistischen P.F.L.P. gehuldigt wird und in der ausgelegten „Intifada“, dem deutschsprachigen Verlautbarungsorgan der Querfront „Campo Antiimperialista“, gestöbert wird. Mehrere Antizionisten zogen sich lederne Handschuhe über, ein Mobster bewies mit einem Gürtel seine Freunde an Züchtigung und ein anderer demonstrierte mit einem eisernen Fahrradschloss die Bereitschaft zum Todschlag. Mit ‚geschulten’ Faustschlägen und der Aufforderung, man solle mit der bloßen physischen Anwesenheit nicht weiter provozieren, bewies die testosteronschwangende Männerhorde, wem der Kiez gehört – dem antisemitischen Mob. Bereits am 20. Juni versuchten dieselben antizionistischen Schläger eine Solidaritätsaktion für die Freiheitsbewegungen im Iran von israelsolidarischen Menschen stalinistisch ‚zu säubern’. Somit machten sie mehr als deutlich, wem Militanz auf deutschen Straßen zu gelten habe: nicht dem deutschen, sondern dem jüdischen Staat Israel und seinen Freund_innen.“

Außerdem: Kritikmaximierung – Laiendarsteller schlagen sich durch

Grundlegendes 10: Ins volksinitiierte Poesiealbum zu schreiben

„Dem globalen Kapitalismus made in USA wird gerne auch immer wieder ein kulturloser Kulturimperialismus unterstellt, der das Urwüchsig-Eigene, sei dies die „Kultur“ oder das „Volk“ bedrohe. Die Attac-Gruppe Buchholz etwa demonstrierte gegen die Eröffnung einer McDonalds-Filiale in der Ortschaft Dibbersen mit dem Transparent „Bürger gegen Burger-Terror. Kein McDonalds hier und anderswo.“ Was als erste Reaktion ein Schmunzeln hervorrufen mag, hat es trotzdem in sich. Die erstaunliche Assoziation von Fast-Food mit Terror zeugt von einem doch recht eigentümlichen Bedrohungsgefühl, und da die Eröffnung einer Filiale von Nordsee wohl keinerlei Attac-Attacke hervorgerufen hätte, darf auch ein Schuss Nationalismus im Antiamerikanismus vermutet werden.“
Thomas Haury – „…ziehen die Fäden im Hintergrund“. No-Globals, Antisemitismus und Antiamerikanismus in Hanno Loewy (Hg.) – Gerüchte über die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschwörungstheorien

„Weil die Rede vom ‚Volk‘ zu nichts anderem taugt als zur kritischen Kategorie, zur Bezeichnung einer Zusammenrottung von zu Subjekten konstituierten Individuen zu Staatszwecken und damit zum Menschenmaterial von Herrschaft, gehört ihr Gebrauch unter Linken verboten. Und weil die Propaganda für das ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘ fundamental antisemitisch und strukturell rassistisch ist, darum hat sie in der Linken nichts verloren.“
ISF - Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie

„Wie in der bewußtlosen Gesellschaft die mythische Gewalt des Natürlichen sich erweitert reproduziert, so sind auch die Bewußtseinskategorien, welche sie produziert, bis zu den aufgeklärtesten im Bann und werden zur Verblendung. Gesellschaft und Individuum harmonieren darin wie nirgends sonst. Mit der Gesellschaft ist die Ideologie derart fortgeschritten, daß sie nicht mehr zum gesellschaftlich notwendigen Schein und damit zur wie immer brüchigen Selbständigkeit sich ausbildet, sondern nur noch als Kitt: falsche Identität von Subjekt und Objekt. Die Individuen, das alte Substrat der Psychologie, sind vermöge des Individuationsprinzips selbst, der monotonen Beschränkung jedes Einzelnen aufs partikulare Interesse, auch einander gleich und sprechen demgemäß auf die herrschende abstrakte Allgemeinheit an, als wäre sie ihre eigene Sache. Das ist ihr formales Apriori. Umgekehrt ist das Allgmeine, dem sie sich beugen, ohne es noch zu spüren, derart auf sie zugeschnitten, appeliert so wenig mehr an das, was ihm in ihnen nicht gliche, daß sie sich frei und leicht und freudig binden. Die gegenwärtige Ideologie rezipiert ebenso als Gefäß die jeweils schon durchs Allgemeine vermittelte Psychologie der Einzelnen, wie sie in den Einzelnen das Allgemeine unablässig aufs neue hervorbringt. Bann und Ideologie sind dasselbe.“
Theodor W. Adorno – Negative Dialektik

Ernste Warnung an Verschwörungstheoretiker! Wer ist Jürgen Elsässer wirklich?

Eines muss noch gesagt werden: Elsässers Feigheit besteht darin, seine Volksinitiative weiterhin als eine linke zu camouflieren. Spaltet er wieder, wie zu Beginn der 90er Jahre, als er mithalf, das ideologische Furunkel Antideutsche hochzupäppeln? Um auf das eingangs eingeflochtene Zitat zurückzukommen: Lieber Lenin, möge der geneigte Leser, der interessierte Publizist, der politisch Interessierte, der Betroffene sich lieber selbst ein Urteil bilden: Cui bono?“ (Jürgen Cain Külbel, Hintergrund)

Liebe Verschwörungstheoretiker, Angehörige einer, durch einen von Euch in die eigenen Reihen aufgenommenen Feind, dramatisch gefährdeten Spezies!

Ist Elsässer nun feige oder durchtrieben? Betreibt er die Spaltung aus Eigeninteresse? Weil’s Spaß macht? Einfach, weil er es kann? Wenn nicht: Wer bezahlt ihn dafür, die aufrechte und authentische deutsche Linke zu zerstören, als deren wahrer Anführer er sich doch bis dato wähnen musste/ vermutet wurde? Die Bundesregierung, sorry, ZOG oder NWO, die Pharmaindustrie, der CIA, der Mossad oder doch die außerirdischen Echsen? Mit was eigentlich? Nur interessehalber! Ist er der wahre Meister aller Kornkreise, die im Endeffekt nur dazu dienen sollen, die Spreu vom Weizen zu trennen (Spalter! Kornkreisgläubige: There’s your message!)? Ist er ein Opfer von Gehirnwäsche und weiß selbst nicht um sein zerstörerisches Potential? Ist Elsässer die personifizierte Dr. No-Kopfgeburt eines gewissen Jonathan Meese, der Matrix vor zig Jahren entwichen, um sich mit den Maschinen im Jahr 2056 zu verbünden und die freie Freiheit aller freien Freiheitsliebenden zu unterbinden? Sind die Gedanken frei? Werden sie nicht tatsächlich von Elsässer gesteuert? Ist er wirklich Jürgen Elsässer oder nicht doch THX 1138? Der Erfinder des cell phone und der Angst davor? Hat er insgeheim die Piratenpartei initiiert, um Das Volk im Glauben zu wiegen, es gebe einen Widerstand? Während die ehrlichen Jungaktivisten in abgedunkelten Hinterzimmern zu Schweinegrippeimpfstoff verarbeitet werden? „Wo komm‘ ich her? Wo geh‘ ich hin? Wer kennt die Antwort auf meine Fragen?“
Nuoviso, IK, ASR, Bandbreite et al. sollten so schnell wie möglich auf den Feind in den eigenen Reihen aufmerksam werden und sind hiermit aufgerufen, den Fall akribisch zu untersuchen! Und zwar schnell, bevor er da noch Kornkreisfreunde von 9/11wasaninsidejob-Vertretern und Impfgegnern etc. pp. entfremdet! Vergesst nicht, Ihr gehört zusammen, lasst Euch nicht auch spalten!

Yours sincerely
„Ideologisches Furunkel“ und „hochgepäppeltes“ Elsässer-Opfer, dem leider nicht mehr zu helfen ist…
Don‘t even try to! Biological Hazard Alert! Don‘t touch me!

Auch lustig! Vor allem: „Dank Ihrer neuen Beziehungen würde ich den Joseph-Goebbels-Preis 2009 also aus erster Hand erhalten?
+ (Die verborgene Botschaft für Kornkreisgläubige: Blindes Huhn, Korn… Got it?)

Update: Hier noch eine schockierende Dokumentation über die Ankunft Elsässers auf der Erde und der Beweis dafür, dass er schon von Beginn an spaltete!

Update 22.09.: Noch viel schockierender! Elsässer gibt endlich zu, dass er Verschwörungstheoretiker schwer verwirrt“ und „schizo findet!
+ Buy three, get one free: Noch mehr Deutsche Opfer!

Update 27.12.: Am allerschockierendsten! Jürgen Elsässer gibt seine Wiederkunft bekannt!

„Vor Antisemitismus ist man nicht mal mehr auf dem Monde sicher“

Jener Literatur bzw. Kunst allgemein, die sich [der gesellschaftlichen] Relevanz durch Provokation und Normverletzung zu vergewissern sucht, ergeht es nicht selten, daß sie gerade wegen ihrer kritischen Eigenschaften oder Inhalte affirmativ als „Herzenswärmer in der kommerziellen Kälte“ (Adorno) goutiert, als bloßes Medienspektakel auf einen puren Unterhaltungswert abgeflacht und eingemeindet wird.
Janusz Bodek (s.u.)

Angesichts der (natürlich mit angemessener Zurückhaltung geäußerten) Begeisterung des deutschen Feuilletons über die Mühlheimer Aufführung von Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ stellt sich die Frage, worüber alle so glücklich sind. Das Stück ist es nicht. Da sind sich die deutschen Kritiker seit mehr als 30 Jahren einig: Der Dramatiker Fassbinder ist „schwach“. Dann womöglich die Inszenierung? Ach…ja, vielleicht, neu ist das alles nicht, spannend irgendwie, schon gesehen, zu lang, es reißt einen nicht so von den Sitzen, aber Simone Thoma war toll. Was war es also, das 250 Zuschauer dazu brachte, minutenlang Beifall und Bravorufe zu spenden und die Kommentatoren das Ganze am Ende so freundlich abnicken ließ?
Auch da sind sich alle einig: ‚Fassbinder war kein Antisemit und „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ist kein antisemitisches Stück. (Und darüber haben sich „die Juden“ die ganze Zeit aufgeregt und „uns“ auch noch damit belästigt)’.
Stefan Keims (FR) Schlussfolgerung: Ob „Der Müll, die Stadt und der Tod“ ein antisemitisches Stück ist, fragt nach dieser Aufführung keiner mehr, trifft nur insofern zu, als sich fast alle bereits vorher entschieden hatten, die Frage mit einem eindeutigen „Aber nein!“ zu beantworten. Sonst wurde nur nach dem gesucht, was nicht antisemitisch zu sein schien, und da hat Roberto Ciulli offenbar ganze Arbeit geleistet, um die Deutschen von Fassbinders und damit ihrer eigenen Unschuld zu überzeugen. Symptomatisch Bettina Jäger in den Ruhrnachrichten: „Das Theater an der Ruhr hat gewagt – und gewonnen. 34 Jahre nach seiner Entstehung ist Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zum ersten Mal in Deutschland öffentlich zu sehen. Und zwar im Rahmen eines bildmächtigen, bunten, bizarren Fassbinder-Abends, der den Autor endlich vom Verdacht des Antisemitismus befreit. Es war als „Nutten-Schnulze“ und „antisemitisches Schmierstück“ geschmäht worden. Es ist weder das eine noch das andere, sondern in der sensiblen Regie Roberto Ciullis […] fast vier Stunden dauernde Kärrnerarbeit an der deutschen Geschichte.“
Ciullis Entscheidung, die Rolle des „Reichen Juden“ mit einer Frau zu besetzen beispielsweise, dient hervorragend der Bestätigung der weit verbreiteten exkulpierenden These, Fassbinder habe sich mit seinem jüdischen Protagonisten identifiziert – hier wird die Darstellung einer Filmfigur, die an Fassbinder orientiert ist, durch Eva Mattes (Ein Mann wie EVA) gespiegelt. Dagegen erscheint es dann schon platt, wenn Simone Thoma zwischen der Rolle des „Regisseurs Hans Fricke“ (Ciulli verbindet drei Stücke Fassbinders: Nur eine Scheibe Brot, Blut am Hals der Katze und Der Müll, die Stadt und der Tod) und der des „Reichen Juden“ hin- und herpendelt. (Natürlich schlüpft sie in die Rolle des „Regisseurs“, wenn sie die Prostituierte Roma B. erdrosselt.) Aber weder das Stück noch Fassbinders filmisches wie schauspielerisches Oeuvre geben Anlass zu einer derartigen Auslegung. In Daniel Schmids auf „Müll…“ basierendem Film Schatten der Engel (Drehbuch: Fassbinder) z.B. übernahm Fassbinder selbst die Rolle des Franz B. Auch deutete Fassbinder in keiner seiner Verteidigungsreden eine Selbstidentifikation mit dem „Reichen Juden“ an, stattdessen der Antisemitismusvorwurf an alle, die „Der Müll…“ kritisierten und das statement, „daß das Tabuisierte, Dunkle, Geheimnisvolle Angst macht und endlich Gegner findet“ (zitiert nach Konkret 01/86) – lies: ‚Alle sind Schuld nur nicht die Antisemiten, und „die Juden“ sind selbst Schuld, weil sie durch ihren Anspruch, z.B. nicht noch zusätzlich gefährdet zu werden, „dunkel und geheimnisvoll“ erscheinen. Da bekommt das Volk natürlich Angst und man kann es ihm nicht verdenken, wenn es sich mal wieder vorauseilend wehrt’. Auch stellen die antisemitischen Töne und Bilder in Fassbinders „Müll…“ durchaus keine Ausnahme in seinem Schaffen dar – nachzulesen u.a. in Janusz Bodek – Die Fassbinderkontroversen. Entstehung und Wirkung eines literarischen Textes, Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Tobias Ebbrecht – Die Dramaturgie des Selbstopfers (online) und weniger explizit in Thomas Elsaesser – Rainer Werner Fassbinder, vgl. darüber hinaus auch Matthias N. Lorenz – „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“. Judendiskurs und Auschwitzdarstellung bei Martin Walser).
Es ist nicht so, dass die Rezensenten das Stück nicht kennen konnten: Es gab 1979 Aufführungen in Bochum und 1985 eine „Wiederholungsprobe“ für geladene Kritiker (vgl. Bodek ebd.), der Text wurde vom Verlag der Autoren publiziert; es gibt Schatten der Engel, außerdem einen von Fassbinder selbst gedrehten Film in Anlehnung an das Stück (In einem Jahr mit 13 Monden1), die Romanvorlage von Gerhard Zwerenz (Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond) etc. pp.
Die Opfer im Häuserkampf sind zudem eindeutig besetzt: Fassbinder verfasste in politischer Übereinstimmung mit der Frankfurter Häuserkampfszene (auch via Zwerenz) eine Anklage gegen ‚Täter’, die ‚Zerstörer der Stadt‘ – als solcher erkennbar bleibt am Ende nur „Der Reiche Jude“: „Es ist die Dämmerung der Nachkriegsära, in der Fassbinders „reicher Jude“ auf der Bühne und im Film auftaucht. Mit ihm, dem die Stadtverwaltung die „Dreckarbeit“ überläßt, wird in Deutschland früh schon die Deregulierung beschworen. Seit dem Dahinscheiden des Wirtschaftswunders beginnt der Staat mehr und mehr Funktionen an den Markt abzugeben […]. Statt diesen Prozeß aber zu analysieren, greift Fassbinder – mag er noch so antiautoritär sich gebärden – auf sehr traditionelle, vor allem deutsche Erzählweisen und Darstellungsformen zurück, die eben ohne die Personifizierung des Kapitals in Gestalt des Judentums nicht auskommen. Die Nazivergangenheit wird dabei nicht verdrängt – im Gegenteil: Sie wird zum ständigen Referenzpunkt einer neugewonnenen Mythisierung des Judentums.“ (Gerhard Scheit, ebd.)
Ausgebeutet, verloren, aber empathisch, selbst aufopferungsbereit und zur Liebe fähig sind nur die Opfer dieser (!) Zerstörung. Dass der „Reiche Jude“ einstmals Opfer war, spricht bei Fassbinder in erster Linie gegen ihn. Jetzt ist er Täter – also nicht einmal geläutert durch seine Leiden. Wenn etwas ihn in seiner Opferstilisierung bedroht, zu übertreffen ansetzt, muss es vernichtet werden. (Auch das ist sehr deutsch.) So deutlich macht Fassbinder ‚das mit dem jüdischen Opfer’ übrigens nicht – immer schwingt im Stück der Verdacht mit: ‚Wie konnte er das Lager überleben?’.
Tatsächlich wäre die Identifizierung Deutscher mit jüdischen Opfern so abwegig nicht; auch das ist eine beliebte (und anmaßende) Praxis im deutschen Entschuldungsprozess – aber diejenigen, die das in Fassbinder hineinlesen mögen, projizieren lediglich mit viel Emphase und freuen sich manchmal darauf, irgendwann endlich wieder zu Tätern werden zu dürfen (und sei es auch nur mit Worten und ganz gewiss nicht so gemeint: „Die Deutschen müssen entdecken, daß Juden berührbar sind, die Juden müssen selbst aus ihrer sie nur scheinbar beschützenden Glasglocke heraustreten, sich berühren lassen“ (Walter Boehlich, Konkret 05/76)).
Allen „Müll…“-Debatten gemeinsam ist außerdem der Verdacht, die jüdischen Kritiker des Stücks seien gar nicht in ‚ihren Gefühlen’ verletzt, sondern hinter ‚dem Ganzen’ steckten nur Taktiken, sei es zu Beginn die Verschleierung von Machtinteressen im Frankfurter Bauboom oder das Bedürfnis, die Deutschen auf ewig ihrer Schuld zu versichern und so weiter und so fort. Oder in Wirklichkeit handele es eigentlich sich um die Interessen einer ganz anderen, womöglich fremden Macht, wie es auf Spiegel online nahe gelegt wird: „Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die jüdische Gemeinde Duisburg/Mülheim schickten Abgesandte [!] in die Proben“.
Die Befriedigung darüber, dass „die Abgesandten“ diesmal nicht mit ihren Argumenten und Bitten durchdrangen, ist evident: „Damit endete eine lange Reihe von Skandalen, abgesagten Premieren, Strafanzeigen und besetzten Bühnen in der Geschichte des Stücks, das jedoch auch vor dieser Premiere wieder heftig diskutiert worden ist. Denn der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde Duisburg/Mülheim haben erneut, diesmal jedoch vergeblich gefordert, die Aufführung wegen antisemitischer Tendenzen durch die im Stück ausgestellten Klischees abzusagen“ (nachtkritik.de); „So kann das Ende eines jahrzehntelangen Kulturkampfes aussehen: Etwa 250 Zuschauer spenden minutenlang Beifall, Bravorufe ertönen, Schauspieler und Regisseur verbeugen sich glücklich“ (FR online); „Der Skandal fiel aus. Die Proteste blieben aus, keine Buhs, kein Skandal. Das Großaufgebot an Pressevertretern schien fast schon obszön [?] angesichts der Normalität des Vorgangs. Die Premiere […] ging ohne jede Störungen über die Bühne. Nach den heftig umkämpften Inszenierungsversuchen 1985 in Frankfurt und 1998 in Berlin gelang so die erste öffentliche Aufführung des als antisemitisch inkriminierten Stücks in Deutschland überhaupt“ (der Freitag online).
Warum aber ist auch Ciullis Inszenierung, die anscheinend versucht, dem antisemitischen Originaltext (das haben Bodek, Scheit und andere grundlegend nachgewiesen) alles Antisemitische auszutreiben, trotzdem ebenso problematisch wie der Text selbst?
Bereits die 1985er „Wiederholungsprobe“ wurde von der Kritik weitgehend gelobt, auch damals nicht aufgrund der Qualität des Stücks, sondern wegen des für die Rezensenten nicht aufzufindenden Antisemitismus. Wie heute Ciulli hatte damals Hilsdorf das Stück überarbeitet: Der „Reiche Jude“ wurde zur Nebenfigur erklärt und so ‚unjüdisch’, wie es dem deutschen Regisseur nur möglich erscheinen kann, gestaltet, während die antisemitische Sprüche klopfenden Charaktere deutlich ‚ästhetisch abgewertet’ wurden (vgl. Bodek, ebd.) etc. etc. Bodeks (1991) Befürchtung in diesem Kontext ist, dass eine mögliche für das allgemeine Publikum zugelassene ‚entschärfte’ Aufführung „eine Inszenierung [denkbar macht], die den Tabubruch noch weiter treibt und die Vorlage antisemitisch radikalisiert“ (ebd.). Dem ist zuzustimmen. Doch bereits die ‚entschärfte’ Variante, die Ciulli vorgelegt hat, ist weder frei von antisemitischen Bildern, wenn auch weniger offensichtlichen als in der Vorlage, noch verhindert sie eine Rezeption als die Deutschen entschuldendes ‚Kunstwerk’. Angesichts einer 1998 drohenden Aufführung von „Müll…“ forderte Gerhard Scheit: „So ist auch nur eine einzige Art der Aufführung akzeptabel – sie müßte den »reichen Juden« als Projektion von Fassbinder selbst kenntlich machen“ (Konkret 10/98) – eine Projektion Fassbinders, nicht ein in den „Reichen Juden“ hinein projizierter Fassbinder – der Unterschied ist gravierend, und Ciulli hat sich für Letzteres entschieden. Auch er versucht, dem Täter/Opfer ‚sein Judentum’ zu nehmen, was auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen mag, wenn nicht jeder im Lande eh über die ursprüngliche Intention informiert wäre. Was nun aber erschaffen wird, ist eine zusätzliche Dimension der Ineinssetzung von Täter und Opfer (Fassbinder und der von ihm denunzierte, das deutsche Volk und die von Deutschen ermordeten 6 Millionen Juden und die traumatisierten Überlebenden), die unstatthafte Identifikation ermöglicht und deutsches Opferdenken und deutsche Täterphantasien beflügelt. Gleichzeitig operiert er mit antisemitischen Stereotypen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar, einer an Medien geschulten Zuschauerschaft aber durchaus geläufig sind – seine Bilder resultieren nicht aus dem Nichts.
Simone Thoma kommt nun als reicher Jude in einem schwarzen Prunksarg hereingerollt und krächzt ihre Monologe mit verfremdender Rabenstimme herunter. Zwischendurch sieht sie mit pelzgefüttertem roten Cape und weißem Babymützchen aus wie der Papst. Eine stilisierte Kunstfigur, ein geschlechtslos artifizielles Wesen, das niemandem zu nahe tritt und seine Texte aufsagt wie das Telefonbuch. So werden die Klischees zur Karikatur.“ (nachtkritik.de)
Eine Karikatur ist das nicht. Der Untote im Sarg, der Blutsauger, geschlechtslos und artifiziell, unberührbar, fremdartig und allen fremd, ein Vampir (den auch Francis Ford Coppola in Bram Stoker’s Dracula in einigen Szenen in päpstlich eingefärbter Verkleidung als tragischen Opfer/Täter gestalten ließ), kein Mensch – ein Wesen – der nicht tot zu kriegende „ewige Jude“: Das sind ganz einfach antisemitische Klischees, wie sie genauestens von z.B. Judith Halberstam in Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters oder der AG Gender Killer in Antisemitismus und Geschlecht: Von „effeminierten Juden“, „maskulinisierten Jüdinnen“ und anderen Geschlechterbildern dargelegt werden. Im Bemühen, sich selbst als Opfer eines erwarteten Skandals zu stilisieren, schmeißt der Regisseur alles in die Waagschale, um sich nur am Ende als unschuldig darstellen zu können. Und scheitert oder gewinnt, das kommt auf den Blickwinkel an. Der Skandal durfte diesmal nicht stattfinden, das hat Ciulli womöglich nicht verstanden. Lieber noch als Skandale haben die Deutschen ihre krampfhaft verteidigte neue ‚Normalität‘ und die gilt es, bis in den Exzess zu steigern. Normaler als ‚wir‘ soll dann am Ende niemand sein dürfen. Auf der Churchill-Skala („The hun is always either at your feet or at your throat.“) haben sich die Deutschen nunmal gerade bis zu den Eiern hochgearbeitet.
Dass noch ein Tabu auf dem Weg der Deutschen zur glücklichen Volkswerdung gebrochen wurde, ist zu beklagen. Es ist ein wichtiges Tabu gewesen, auch weil sich, erstmals in der Geschichte des postnazistischen Deutschland, die jüdische Gemeinde, lautstark und selbstbewusst sichtbar, für seine Aufrechterhaltung eingesetzt hatte. Ebenfalls zu beklagen ist, dass es das, Skandale zu Recht eigentlich schätzende, deutsche Feuilleton wirklich freut, dass der Skandal diesmal ausblieb. Hätte es ihn gewünscht, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, ihn zu befördern; aber man wollte offenbar viel lieber „die Abgesandten“ auflaufen lassen. Man hat definitiv aus der Walser/Bubis-‚Debatte’ gelernt (die eigentlich ein Monolog war): „Tatsächlich arbeitet Fassbinders Text [!] ja mit handfesten antisemitischen Klischees, doch das tun seit Shakespeare viele Theatertexte“ (nachtkritik.de) – ja, viele Theatertexte und auch Romane und Lieder, auf die Auschwitz folgte und die ‚Pause’ nach Auschwitz soll so kurz wie möglich gewesen sein. Tatsächlich dauerte sie, wenn überhaupt, ein paar Monate, dann machten sich die Texte einiger späterer Autoren der Gruppe 47 und anderer schnell an die Arbeit, die Deutschen mit allen Mitteln vor allen anderen Opfern auszuzeichnen.
Obwohl Fassbinder schon 1976 im Vorwort zur Buchausgabe auf das Selbstverständliche hingewiesen hatte – nämlich, dass diese Tirade einer antisemitischen Figur natürlich nicht seine Meinung wiedergäbe, waren solche Sätze 1985 zu viel für einen Teil der deutschen Öffentlichkeit. … Der vielfach für sein humanes Engagement ausgezeichnete Ciulli ist möglicherweise tatsächlich der einzige, der das Wagnis einer Aufführung eingehen kann, ohne Verdacht zu erregen.“ (Die Welt)
Ach ja, Ciulli, der ausgerechnet mit Adorno argumentiert, um seine Aufführung zu rechtfertigen. Unverdächtiger kann man kaum sein (via CampusWatchUDE).
Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“, glaubte Hannah Arendt und Fassbinder widerlegte sie zynisch – die erste Szenenanweisung in „Der Müll, die Stadt und der Tod“ lautet: „Auf dem Mond, weil er so unbewohnbar ist wie die Erde“.

Update 30.10.09 (currently reading!): Auch Micha Brumlik weist im Kontext von Zwerenz‘ Roman auf die Vampir/Juden-Analogie hin, hier insbesondere auf die Ankunft der Figur Abraham (bei Fassbinder „Der Reiche Jude“) auf einem Schiff an der deutschen Küste und das Stereotyp des Blutsaugers (vgl. Klaus-Michael Bogdal, Klaus Holz, Matthias N. Lorenz – Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz).

  1. „[D]er Jude erscheint als ein Mann, der Frauen genießt, ohne selbst der Liebe zu verfallen. Während der Transsexuelle seine Leidensgeschichte erzählt und sich selbst als „Opfertier“ bezeichnet, zeigt die Kamera in einer unerhört ausgedehnten Sequenz das massenhafte Schlachten von Rindern auf einem modernen Schlachthof. War sich Fassbinder bewußt, daß er damit eine Passage aus dem Nazi-Propagandafilm Der ewige Jude sequenzierte? – jene unendlich lange Szene, in der Juden gezeigt werden, die Rinder ‚schächten’? In beiden Fällen ist es der Höhepunkt des Films – unmittelbar danach lässt der Propaganda-Streifen das Versprechen folgen, daß die Nationalsozialisten „die Judenfrage lösen“ werden und blendet Hitlers Rede vom 30. Januar 1939 ein, worin die Vernichtung der Juden offiziell angekündigt wird.“ (Gerhard Scheit, ebd.) [zurück]

The Writings On the Wall

Bei Verschwörungstheorien ist Antisemitismus nicht weit. Dies gilt auch für die Modernisierungs- und Kapitalismuskritik, in der sich antiamerikanische und antisemitische Vorurteile, die historisch schon lange eng zusammenhängen (Wall-Street, Materialismus, westliche Dekadenz) verbinden. Der Zusammenhang von Krisenwahrnehmung und Antisemitismus ist historisch immer sehr eng gewesen.“
Werner Bergmann – Auschwitz zum Trotz in v. Braun/ Ziege, s.u.

Prolog:
Vor einigen Tagen in einer eher typischen (in diesem Kontext allerdings mal lobenswerten) Universitätsstadt in Deutschland, der vermutlich letzte warme Tag des Jahres, der Garten ist eigentlich geschlossen; aber Bank unter Baum reicht, wenn man, wie üblich in dieser Personenkonstellation, sich über Absurdes austauschen will: Verschwörungstheoretiker, Elsässers Volksinitiative, völkisches Gedankengut im Allgemeinen und überhaupt, antisemitische ‚Linke’, UFO-Gläubige, Kornkreisgläubige, Nazigemale in den Umgebungsdörfern, Nuoviso-Gepinsel auf Treppen, Kreidemenetekel von ‚Erleuchteten‘ auf Straßen und an Hauswänden etc. pp. Person A dokumentiert sowas fotografisch, Person B ekelt sich darüber heftig. Person A geht ins Etablissement hinein, um Getränke zu besorgen. Kurz darauf folgen fünf oder sechs Männer im Alter von 22 – 30 Jahren, die Person B ‚irgendwie abwegig’ findet (sorry – thought at first sight). Person A kommt zurück; die Knaben ebenfalls und bleiben etwas ratlos anmutend bei ihren Rädern stehen und reden – ist leider nicht zu verstehen. Person B fragt Person A: „Was ist das? Dorfnazis oder welche aus den großen grauen Häusern?“ Person B denkt absurderweise an verkleidete Burschenschaftler, die mal irgendwo reingelassen werden wollen. Person A allerdings glaubt, die nahe gelegene Forensische Klinik sei gemeint, ist damit nah an der Wahrheit und hat außerdem einen glorreichen Moment in der Geschichte der Stadt live miterlebt: Das Ende des Infokrieger-Stammtischs in besagtem Etablissement. Seit August hatten sich die ‚abwegigen’ Menschen im Garten getroffen, wo sie nicht allzusehr auffielen. Aus Anlass ihres Begehrens, die Treffen nunmehr innerhalb der Räumlichkeiten (die sie eben ‚dort’ benötigen, um sich ‚links’ zu wähnen) abzuhalten, wurde ihnen ein Hausverbot erteilt, weil man ‚dort’ ganz und gar nicht nicht einsehen wollte, dass der 11. September ein Inside-Job war, Rothschilds die Welt regieren und dergleichen Humbug mehr.

Club Voltaire:
Daß das Engagement jüngerer Juden [im Frankfurter Häuserprotest der 1970er] an der Seite des populistischen Protests nicht ohne weiteres möglich war, wurde spätestens klar, als antisemitische Darstellungsformen in die Öfffentlichkeit des ‚linken’ Protests selbst einsickerten. Auf einem Teach-in wurde zur großen Erbauung des ganzen Saals gejiddelt und eine Stadtzeitung feierte 1971/72 den barocken Judenfeind und Pogromhetzer Vinzenz Fettmilch als Sozialrevolutionär. Auf einem Plakat, das im Stile der BKA-Fahndungsplakate Albert Einstein und Rosa Luxemburg zeigt, wurde auch Fettmilch als ‚gesucht’ dargestellt. Dieses Plakat hing unbeanstandet längere Zeit auch im linkssozialistischen ‚Club Voltaire’ aus.
Micha Brumlik – „Entsorgungsversuche im Frankfurter Müll“, zitiert nach Janusz Bodek – Die Fassbinder-Kontroversen. Entstehung und Wirkung eines literarischen Textes

History reloaded: „Auftritt der verschwörungstheoretischen „Bandbreite“ und des Israel-Hassers Elias Davidsson am 09.10.2009 in den Räumlichkeiten des „Club Voltaire““ (reflexion)
Außerdem: reflexion, verschwörungsideologieblockieren, Faschismus 2.0, esowatch

Meister der Krise
Wes Geistes Kind die Aktivierten im Umfeld von Nuoviso, Alles Schall und Rauch, Infokrieger, Die Bandbreite, Jürgen Elsässer et al. (die überall Nazis sehen wollen, außer wenn sie in den Spiegel schauen) sind, dürfte mittlerweile klar sein. Worauf das Eurekakonglomerat hinausläuft, machen sie selbst mehr als deutlich. Und nur diejenigen, die sich gut aufgehoben fühlen, wenn die Rede vom „Apartheidsstaat Israel“, vom „zionistischen Gebilde“, „geheimen Machtzentren“, „NWO-Verschwörung“, „US-imperialistischer Weltbeherrschung“, „Critical Holocaust Studies“, der „Finanz- und Medienmacht der Juden“ etcppblabla geführt wird, mögen sich noch in Verleugnung üben – irgendwann glaubt man dann auch der ‚Sache’ Willen an die (zielgerichtete) Schädlichkeit von Handystrahlung, an die Machübernahme durch außerirdische Echsen, an Chemtrails, akzeptiert ein „Fürstentum Germania“ als Bündnispartner und ähnliches – solange nur „das Volk“ als Opfer dastehen darf und „weil wir [!] uns nicht auseinanderdividieren lassen [dürfen] in Politische und Spirituelle“ (Jürgen Elsässer).
Deutsche Weltanschauungskrieger, die überwiegend kein Hehl aus ihrer Homophobie, ihrem Sexismus und dem, was sie gerne Antizionismus oder Israelkritik nennen, machen, können sich der Eigenimagination entsprechend auf einen (völkisch) verkürzten Antirassismus einigen, dem der Feind links wie rechts von Beginn an eingeschrieben ist. Aufgrund dieses gemeinsamen Feindes ist es auch möglich, über alle ‚Unterschiede’ hinwegszusehen und wieder einmal die Volksgemeinschaft herbeizurufen. Das alles – nicht neu – in ersehnter Einheit mit ‚den Bewegungen der anderen unterdrückten Völkern der Welt’, solange sie nur den Feind zu teilen, bereit sind – was oft hervorragend funktioniert, da dieser jeglicher völkischen Ideologie spätestens seit dem weltweit erfolgreichen Sendungsbewusstsein des ‚Dritten Reiches’ gemein ist. Deutsche Ideologie ist eben auch ein Exportschlager und hierzulande sowieso allerorten billig zu haben.
Linker, sich links vermutender oder links gerierender Antisemitismus ist sicherlich kein neues Phänomen – siehe Olaf Kistenmacher, Martin W. Kloke, Janusz Bodek etc. Allerdings haben die öffentlichen und privaten deutschen Schuldabwehr- und Opferneid-Diskussionen nach Auschwitz, das Aufgreifen in Deutschland kurzfristig tabuisierter „Gerüchte über die Juden“ durch islamistische und andere Gruppen, irrationalen Schuldzuweisungen im Rahmen der wirtschaftlichen Krise, die Tatsache, dass ‚man’ schon kurz auf den ersten Schockmoment folgend in seinem persönlichen und im politischen Umfeld eine gewisse Schadenfreude angesichts der Anschläge vom 11. September erkennen konnte und ‚sich’ nicht mehr so alleine mit ‚seinem’ Ressentiment fühlen musste, die mittlerweile fast pausenlosen Deutschlandineinheitfeiern, die Adressierung der Deutschen als Teile einer Einheit, die im Sinne des Großen und Ganzen endlich mal „Gas auf der Deutschlandbahn“ geben sollen etc. etc. etc. dazu geführt, dass Antisemitismus mittlerweile über eine sichtbarere und tragfähigere Basis als irgendwann zuvor seit dem 2. Weltkrieg verfügt. Einige fordern explizit ein, politisch Trennendes zu ignorieren und das Volk im Protest gegen … irgendwas da oben oder, huh, im Hintergrund … zu vereinen; andere werden sich erst einmal wundern, dass alte Opponenten ihnen so fremd gar nicht sind, und viele haben es schon immer gewusst, aber nicht einordnen können oder zugeben wollen. Noch erscheint das alles recht diffus und das Jubeln über die vielen ASR/IK/VI-Stammtische“, aus der Matrix Befreiten und massenhafte Blogbesuche mutet eher lächerlich an. Aber es ist eben nicht neu und darauf muss man hinweisen: Die Deutschen haben schon einmal eine Volksbewegung initiiert, basierend auf denselben oder sehr ähnlichen Verkürzungen, Mythen, Opferimaginationen und Feindbildern. Neu ist auch nicht, dass sich im Prozess der Volkswerdung ehemals unversöhnlich erscheinende Gegner hervorragend miteinander arrangieren können.
Nachdem ‚die Linken’ und die Rechten ihre jeweiligen Tabus in erfolgreicher Arbeitsteilung gegenseitig erledigt und sich dafür gefeiert haben, ein angedachter möllemanndamalsnichtwirklichwidersprechen-wollender (liberaler?) Außenminister im eigenen Land nur noch die eigene Sprache gesprochenwerdenwissenwill, die Verleihung des Literaturnobelpreises an eine deutsche Schriftstellerin in eine mediale Dieanderenhabenaberauchganzschlimmeverbrechenbegangenaberdarüber-durftemanjaniereden-Orgie mündet (Höhepunkt heute: die Ankündigung der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises des Zentrums gegen Vertreibungen an Herta Müller), Gewerkschaften und SPD sich schonmal im Nazi-Jargon üben, das Zentrum gegen Vertreibungen zur paritätisch besetzten Volksvertretung avancieren konnte, Grüne und Schwarze sich vor Ort irgendwie auf Heimatpflege einigen und auch Eckart von Klaeden meint, „dass der Siedlungsbau gestoppt werden muss und dass der Siedlungsbau ein großes Hindernis für eine Zwei-Staaten-Lösung ist. Das ist eine Selbstverständlichkeit“ (dradio) (Again: Ist es eben nicht!) und so weiter und so fort – nachdem also immer weiter zusammenwächst, was tatsächlich zusammengehört, muss Kritik umso mehr am sie alle Einenden geübt werden.

Recommended reading:
Jon Ronson – Them. Adventures With Extremists
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und linksdeutsche Ideologie
Matthias Broch, Michael Elm et al. (Hg.) – Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus. Vom Idealismus zur Antiglobalisierungsbewegung
Tobias Jaecker – Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters
Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hg.) – Rote Armee Fiktion
Martin W. Kloke – Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses
Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.) – Antisemitismus – die deutsche Normalität. Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns
Christina von Braun, Eva Maria Ziege (Hg.) – Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus
Janusz Bodek – Die Fassbinder-Kontroversen: Entstehung und Wirkung eines literarischen Textes
Daniel Kulla – Entschwörungstheorie. Niemand regiert die Welt
Hanno Loewy (Hg.) – Gerüchte über die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschwörungstheorien
Gerhard Scheit – Die Meister der Krise
Theodor W. Adorno – Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie

* Mal wieder mit Dank an CdG!

„Town Without Pity“

And the Germans are sentimental, heady and brutal.“
John Galsworthy – A Modern Comedy, Nobelpreis für Literatur 1932

Noch mehr Opfer in Niedersachsen: Braunschweig strebt Dresdenstatus an. Die Stadt, die Hitler nicht mehr eingebürgert gehabthabenwill, in der Kaugummi in die Fußgängerzone spucken, 35 Euro kostet und die einem SA-Aufmarschgebiet und einer SS-Junkerschule ein prunkvolles Denkmal in Form eines Veranstaltungs- und Einkaufszentrums errichtet hat, gedenkt an eben diesem Ort (mit dem teuren Sandsteinpflaster davor) ihrer deutschen Opfer: „In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 wurden weite Teile der Stadt Braunschweig durch britische Kampfflugzeuge in Schutt und Asche gelegt. Nach diesem Angriff brannte die Stadt über zwei Tage lang ununterbrochen. Es sollen mehr als 1000 Menschen den Tod gefunden haben. Viele Überlebende [!] mussten in der zerstörten Stadt großes Leid ertragen und mit einem mühsamen Wiederaufbau1 beginnen. Das gesamte Erscheinungsbild der Stadt mit ihren alten Kirchen und historischen Fachwerkbauten wurde nachhaltig verändert [nur in den Köpfen ist alles beim alten geblieben!]. Zur Erinnerung an die „Nacht, in der die Bomben fielen“ lesen Schauspielerinnen und Schauspieler aus den persönlichen Erinnerungen Braunschweiger Bürger. Private Dokumente wie Briefe, Tagebucheintragungen, Postkarten [Liebe Gertrud, wir haben Bombenwetter. Wie ist es bei Euch in Dresden? Und wie macht sich Dein Siegfried so als Blockwart? HH, immer Dein stolzes Blitzmädel Anneliese…?…] etc. werden im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen, ergänzt durch Material aus dem Stadtarchiv.“ (BS Tourismus-Info) Am 13. wird gelesen und in der Nacht vom 14. auf den 15. erinnert. Da bis dato keine Hinweise auf die Natur des events zu finden sind, darf man gespannt sein, was die Braunschweiger Kulturschaffenden/-verwaltenden sich haben einfallen lassen – wenn da mal kein Wachs auf das Sandsteinpflaster tropft.
Aber man hat im ehemaligen niedersächsischen Rüstungszentrum schließlich – Hopsa“ [!…!!!] – Stolpersteine verlegt und darf nunmehr zur deutschen Normalität zurückkehren.

  1. I was surprised by the vast number of books on every aspect of the Third Reich, Hitler, and World War II. Was anyone actually reading them? A great many of them focus on that critical moment of defeat, Stunde Null, zero hour, with illustrations depicting a mind-numbing devastation – although, so many years later, might these pictures also serve as a measure of Germany’s postwar resilience and industriousness? At first glance, I was left with the erroneous impression that everything about the past was being revealed.“ Walter Abish – Double Vision [zurück]

Reread 1: „Hexenjagd“ an der Uni Hannover

Exzerpt – Gerhard Scheit im Interview mit Thomas Binger (sopos.org 2002):

Binger: Im Rahmen der Konferenz »Es geht um Israel« riefen Anfang Mai in Berlin »antideutsche Gruppen« zur bedingungslosen Solidarität mit Israel auf. Gibt es für die Linke keine andere Option, als das Vorgehen der aktuellen israelischen Regierung kritiklos zu unterstützen?
Scheit: Es ist sehr beklemmend, daß es nicht mehr solcher Veranstaltungen gibt, bei denen – durchaus kontrovers – über den wachsenden Antisemitismus diskutiert wird und in denen nach Möglichkeiten gesucht wird, die Solidarität mit Israel konkreter zu machen. Insbesondere angesichts einer Linken, die die palästinensischen Selbstmordattentate als Verzweiflungstaten darstellt und den sich in ihnen ausdrückenden antisemitischen Vernichtungswahn ausblendet, war diese Veranstaltung sehr wichtig und hat die richtigen Fragen gestellt.
Was die Formulierung von der unbedingten Solidarität mit Israel betrifft, so erscheint sie zwar als positives politisches Programm. Dennoch geht es dabei vor allen Dingen um eine »negative« Aufgabe, nämlich die kritische Analyse und den Kampf gegen Erscheinungen, die den Antisemitismus befördern oder verharmlosen. Was darüber hinaus an wirklich positiver Parteinahme möglich ist, ist natürlich sehr oft nicht mehr als eine gewisse Provokation – ist gerade darin aber so wichtig.
[…]
Läßt sich diese Rede vom antisemitischen Vernichtungswahn noch mit einer materialistischen Analyse von internationalen Herrschaftsverhältnissen und ökonomischen Interessen vermitteln?
Diese Verbindung ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Ich denke an den Begriff der pathischen Projektion aus der ‘Dialektik der Aufklärung’ von Horkheimer und Adorno: Er bringt ja die Entstehung solcher falschen Vorstellungen in den Zusammenhang mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, mit den verschiedenen Anforderungen, die die repressiven Formen dieser Gesellschaft an das Individuum stellen. Weil man gegen das Judentum kämpft, glaubt man sich im Widerspruch zu dieser Gesellschaft, während man in Wahrheit in tiefstem Einverständnis mit ihr steht. Sobald man Antisemitismus in diesem umfassenden gesellschaftlichen Sinn versteht, ist es auch nicht möglich, in der Kritik des falschen Bewußtseins und dessen antisemitischer Zuspitzung von realen sozialen Entwicklungen und politökonomischen Prozessen zu abstrahieren. Da muß die Ideologiekritik erkennen, daß sie nur dann Kritik bleibt, wenn sie ihre eigenen Grenzen kennt. Ideologiekritik gibt es nur, weil nicht alles Ideologie sein kann. Aber gerade Antisemitismus kann darum nicht aus einem einzigen solcher Prozesse – etwa der Entstehung des zinstragenden, »wuchernden« Kapitals – abgeleitet oder kausal erklärt werden, sondern ist immer nur im Bezug aufs Ganze zu durchleuchten. In diesem Sinne ist er so wenig zu »erklären«, wie erklärt werden kann, warum das Ganze als das Unwahre überhaupt existiert.

Exzerpt – Kommentar Gregor Kritidis:
Das Interview von Thomas Binger mit Gerhard Scheit macht deutlich, wohin ein Teil der Linken bereits gelangt ist: Unter dem Banner der Bekämpfung des Antisemitismus segelt diese Linke in die Arme von denjenigen, die sie zu bekämpfen vorgibt: Die herrschenden Klassen und ihre Ideologien. So betont Scheit, „daß der Antisemitismus in einer Welt, in der Kapital und Staat herrschen, nicht abgeschafft werden kann“. Als Konsequenz daraus folgt allerdings nicht der Kampf gegen den Kapitalismus und für eine libertär-sozialistische Gesellschaft, sondern „die Analyse und den Kampf gegen Erscheinungen, die den Antsemitismus befördern oder verharmlosen“. (In den Niederungen der Praxis, das läßt sich an den Auseinandersetzungen an der Uni Hannover ersehen, wird daraus eine Hexenjagd [! siehe auch „Es gab Folgen…“] auf alle diejenigen, die die israelische Besatzungspolitik kritisieren, wobei der Vorwurf des Antisemitismus auch gleichzeitig als Beweis gilt. Aber derartige Absichten will ich Gerhard Scheit nicht unterstellen).

Exzerpt – Replik Günter Peters:
Den Kommentator drängt offenbar ein Mitteilungsbedürfnis wie es sonst nur unter Hypochondern in Arztpraxen anzutreffen ist. Zwanghaft verfallen die Placeboempfänger im Wartezimmer selbst dann in Gejammer über eingebildete Zipperlein, wenn ein anderer im Raum bloß über das Wetter reden wollte. Gleichsam der ´SoPos´-Autor Kritidis, der abgedichtet gegen die Inhalte des Interviews, in den Antworten Gerhard Scheits nur ein beklagenswertes Vexierbild abtrünniger Gesinnung zu erblicken vermag, worunter der Bannerträger der konsequenten antikapitalistischen Kritik fürchterlich zu leiden hat. Genug, um öffentlich anzuklagen: ,,Unter dem Banner der Bekämpfung des Antisemitismus segelt diese Linke in die Arme von denjenigen, die sie zu bekämpfen vorgibt: Die herrschenden Klassen und ihre Ideologien.´´ Als sei das nicht schlimm genug, verfolgen die linken Überläufer den standhaften libertären Sozialisten bis in die Seminarräume des Schneiderbergs, wo eine ,,Hexenjagd auf alle diejenigen, die die israelische Besatzungspolitik kritisieren’’ durch die Meute der Überseesegler stattfand […]. Dem Scheiterhaufen der antideutschen Inquisition an der sozialwissenschaftlichen Fakultät nur knapp entgangen, identifiziert der aufrichtige Klassenkämpfer sogleich todesmutig einen theoretischen Anstifter und bezichtigt ihn der Kollaboration mit der kapitalistischen Bourgeoisie. Den Vorwurf des politischen Verrats an Scheit stützt der Verfolgte auf eine Beweisführung, die sich weder um logische Textanalyse noch um intellektuelle Redlichkeit schert. Dem Opfer genügt linkes Bekennertum als Kategorie der Kritik. [Hervorhebung J6ON und das zu Recht!]

Deutsche Straßenfeste seit 1938 II

Mit der Berliner Mauer fiel nicht nur die Begrenzung eines von Deutschen erstmals für die eigene Bevölkerung errichteten Ghettos. Mit jedem Stein, der aus der Mauer gehämmert wurde, fiel den Deutschen vor allem eine Zentnerlast vom Herzen. Denn es verschwand ein markantes Erinnerungszeichen an die selbstverschuldeten Gründe für die Teilung des Landes.
(Eike Geisel – Triumph des guten Willens)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November wird mal wieder der Himmel über Berlin brennen: Deutschland feiert den Jahrestag der Reichspogromnacht1 mit einem Feuerwerk, das in den „Nachthimmel“ der „deutschen Hauptstadt“ steigen wird. Moritz van Dülmen, Organisator des Ereignisses: «Das wird ein Fest der Straße“.2
Außerdem werden „rund 1000 symbolische [?]“ Styropor-Steine aufgestellt, welche das ebensovielejahrezählenwollende Reich repräsentieren. Kann man nur hoffen, dass die nicht irgendwer umkippt – wenn der deutsche Volksgenosse entgrenzt wird, passiert sowas schonmal…
Darüber darf man natürlich die Festivitäten zum Jubiläum des Mauerfalls nicht vergessen: Noch so ein event, in das man am liebsten die ganze Welt mit reinziehen möchte: Die Rednerliste steht noch nicht fest, wir werden sie so hochkarätig wie möglich besetzen. (van Dülmen)
Obama kommtdoch nicht, und die (gemeine Tarnung!) nach einem Volkswagen-Modell benannte3 britische Band Pink Floyd möchte offenbar diesmal nicht zum Tanz aufspielen. Amerikanische Präsidenten und britische einstmals appeasement-Musiker (with a twist – sie mussten die Einnahmen des The Wall-Konzerts – serious misunderstanding (nicht wahr, Herr Heß?)! –, dass sie 1990 in Berlin gaben, ja unbedingt einer im Namen eines ehemaligen WWII Royal Airforce-Piloten gegründeten Organisation spenden) können einem eh gestohlen bleiben. Dann feiern die Deutschen eben allein – können sie sowieso am besten. „Und wer doch kommt, muss dann machen, was wir wollen…“ (Deutsches Sprichwort)

Außerdem zum Fest gestiftet – Web 3.0 (non-interaktiv für Deutschewirhabenimmernurzugesehende): „Eingemauert! – Wie die innerdeutsche Grenze wirklich war“ – mit Knoppschem Lord of the Rings meets The Exorcist-Soundtrack; man beachte auch die schönen Laute aus der Fauna und der Zweitaktmotoren-Welt.

  1. Ja, ich weiß, dass es so eigentlich nicht ‚gemeint‘ ist… [zurück]
  2. …und, ja, ich weiß auch, dass das aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen könnte. [zurück]
  3. Schon klar… [zurück]

Deutsche Straßenfeste seit 1938 I

Aus gegebenem Anlass:

DMNV

Danke!