Grundlegendes 9

„Deutschland ist nicht umsonst das Paradebeispiel einer „nachholenden Entwicklung“. An ihrem Ende hätte allerspätestens der 8. Mai. 1945 stehen müssen, der kurze Moment aber ward verpasst, die negative Dialektik der Geschichte nimmt unverändert ihren Lauf, und ihre Apologeten sind drauf und dran, ihr einen weiteren barbarischen Bewältigungsversuch entgegenzusetzen und sich damit als die Vollstrecker ihres Vollzugs zu beweisen. Übrig bleibt der durch nichts begründbare, von nichts ableitbare Traum, der einem absoluten Bilderverbot unterliegt, denn einstweilen ist er nicht mehr als eine Ahnung davon, dass es anders sein könnte. Dass die Möglichkeit bestünde, davon zeugt die Notwendigkeit der Ideologie, die das Versprechen verriet. Und doch bleibt einzig dem Individuum, das nur als Behältnis für das Tauschsubjekt in der wertverwerteten Welt eine Existenzberechtigung hat, die Ahnung von der Möglichkeit; seine Abschaffung im kollektiven globalen Albtraum würde den Traum ebenfalls beseitigen. Seine revolutionäre Verwirklichung jedenfalls läge nur jenseits von Geschichte und Fortschritt, die Bedingung ihrer Möglichkeit jedoch ist untrennbar verbunden mit dem bürgerlichen Subjekt und seiner Fähigkeit, unglücklich zu sein. Es geht nicht um die Vollendung von Geschichte, sondern darum, ihre Vollendung zu verhindern, um eine Atempause, die zur Weiterentwicklung radikaler Kritik an jenen Bedingungen zu nutzen wäre, die den Antisemitismus als Reaktion auf die Dauerkrise des Kapitalismus stets aufs Neue hervorbringen.“
Tjark Kunstreich – Nach dem Westen (2003)