50 Jahre Blechtrommel

Es geht mir wie Hannah Arendt, die an Mary McCarthy schrieb, „daß sie ‚Die Blechtrommel’ nie zu Ende lesen konnte, weil sie das meiste darin ‚aus zweiter Hand nicht originär fand. Ich las sie […] vor Jahren auf Deutsch, und ich finde, es ist eine künstliche tour de force – als ob [Grass] alles an moderner Literatur gelesen und dann beschlossen hätte, sich einiges auszuleihen und etwas Eigenes daraus zu machen‚“ (zitiert nach Klaus Bittermann – Lutschen am Brühwürfel in ders., Hg., Literatur als Qual und Gequalle).
Es geht mir wie Hannah Arendt, nur dass ich bei Grass keinen Funken „moderner Literatur“ finden kann; er fällt weit zurück hinter z.B. Joyce, Beckett, Bellows, Nabokov, Sinclair, Pynchon, Vonnegut oder Walter Abish, hinter Henry James und Joseph Conrad (und ist nicht einmal ein guter Erzähler wie die zeitgenössischen Philip Roth, Ian McEwan, Leon de Winter, John Updike etc. etc. etc. – ganz zu schweigen von den im Vergleich zu Grass weitaus moderneren Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Joseph Roth etc. pp. – soll sagen: Er fällt so ziemlich hinter alle relevanten Schriftsteller zurück). Selbst wenn man auf die (meiner Meinung nach) zweite Riege verweisen wollte: Henry Miller vielleicht, Ernest Hemingway oder John Irving – Grass ist immer noch unlesbarer und unbeholfener – schlechter kann man auch sagen. Seine Kraftmeierei ist umständlich ziseliert und das Ziselierte wie mit der Axt bearbeitet. ‚Erotisches’ wird wie nach dem Stammtisch auf dem Nachhauseweg mit verschwörerischem Grinsen mitgeteilt: „Dir kann ich’s ja sagen: Letztens…“ I don’t want to know! Auch nicht von Walser und Lenz…
Grass volkstümelt (ganz bewusst oder kann nicht anders…) – sprachlich, gedanklich, zeichnerisch und bildhauerisch kunsthandwerkelnd: „Günter Grass ist der Inbegriff des Mythos und der Authentizität der deutschen Kultur [wer jemals Wolfgang Beutins mit Zitaten gespicktes Der Fall Grass gelesen hat, mag dem nicht widersprechen], er ist ihre Behausung und ihr Bewohner [äußerst treffend beschrieben, auch weil’s der Zeichner und Autor Grass irgendwie mit Schnecken hat]. Er ist der Aufschrei und das Lächeln eines Deutschland, das einmal – wie traurig und lächerlich – Alfred Döblins [hinter den fällt er auch zurück!] Heimat war. Grass ist ein hervorragender, faszinierender Schriftsteller, der sein Land auf vollendete Weise repräsentiert. Das Gefühl der Entfremdung von der Heimat, das der österreichische Autor Thomas Bernhard empfand, existiert für Grass nicht. Er fühlt sich zu Hause in dem Land, das seine Heimat ist, und wenn er sich nicht zu Hause fühlt, wird er selbst das Haus [Schnecke!]. […] Vielleicht ist Grass das Heidelberg der deutschen Literatur – in dem Sinne, dass Heidelberg sich nicht der Vertreibung der Juden in der Stadt erinnern will“ (Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner).
Bekanntlich wollte sich Grass (öffentlich) an rein gar nichts erinnern, bis er eines Tages (nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte, den er wohl unbedingt verdient haben wollte) beim Zwiebelnschälen bzw. beim Häuten einer Zwiebel, oops, bemerkte, dass er darüber nicht mal, wie so viele seiner deutschen Schriftstellerkollegen, Tränen ob seiner als Flakhelfer verschwendetenaberimmernochirgendwieunschuldigenblabla Jugend vergießen durfte: Waffen-SS, oops – again (“I’m not that innocent“ – German version)!
Ein Skandal, möchte man annehmen, zumindest wenn man sich das Lamento zu Gemüte führt, das die ganzen deutschen Opfer anstimmen, wenn sie mal wieder von nichts gewusst haben wollen – gnädig Spätgeborene allesamt oder in der Wehrmacht ‚verheizt’ [!] oder oder oder… Ergo, natürlich kein Skandal, sondern nur eine weitere Figur im fröhlichen Entschuldungsreigen.
Kaniuk hatte das wieder richtig beobachtet (ohne damals um Grass’ ausgesprochen deutsches Geheimnis zu wissen): Grass ist Deutschland und Deutschland ist wie Grass; seine Beichte erfolgt im Wissen darum, dass Deutschland sie ihm gerne abnehmen wird („Drei Vaterunser, heute im Sonderangebot auch für Protestanten und Atheisten, und das nächste mal vielleicht ein wenig früher kommen, tut doch nicht weh. Next one please…“), weil am Ende der ‚Sünder’ der Volksgemeinschaft mehr gilt als ‚Die Anderen’; er ist integrierbarer in das deutsche Prinzip, das da lautet: Einmal mit der Sense drübergemäht, und die künstlerisch Integrierbaren werden am Ende danach bewertet, dass ihnen der Kopf nicht abgeschnitten wurde.
Dem nobelpreisgewürdigten Roman (der Rest des Œuvres wurde sogar von Horace Engdahl und den Seinen verworfen) des Autors widmet das Lübecker Grass-Haus seit dem 13. September eine Sonderausstellung und „[i]m Begleitprogramm lesen junge Künstler wie Smudo von den „Fantastischen Vier“, Fritzi Haberland und Oliver Rohrbeck alias Justus Jonas aus der Jugendkrimireihe „Die Drei Fragezeichen“ aus der „Blechtrommel“, Feuilletonisten diskutieren in der Reihe „Zeit Forum Kultur“ über „Die Blechtrommel in ihrer Zeit“ und Grass und Schlöndorff erinnern sich in einem Podiumsgespräch an „30 Jahre ‚Die Blechtrommel‘ als Film“. (ntv)
Laut Die Presse ist „der erste Satz […] aus der Blechtrommel (beinah) unübertroffen: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“ Mit diesem doppelbödigen Satz beginnt die Erzählung aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath. Der Roman katapultierte den bis dahin unbekannten Autor Günter Grass aus Danzig in die erste Reihe der Weltliteratur.
Beinahe unübertroffen wohl nur, weil eine illustre Jury den ersten Satz aus Grass’ Der Butt als ‚den schönsten Satz, mit dem je ein deutscher Roman begann’, kürte: „Ilsebill salzte nach.“ … Ja, sehr schön (Ilsebilse, keiner willse, kam der Koch und zerhäckselte sie zu einem Anfangssatz…)… Der Zweitplatzierte wartet dann mit einem gar nicht schönen Satz auf; aber das ist eben das grundlegende Missverständnis der Deutschen, wenn es um Kafka geht: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Platz drei ist wieder volkstümelnd nachvollziehbar: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging“ (Siegfried Lenz – Der Leseteufel aus So zärtlich war Suleyken – auch unlesbar – aus grassähnlichen Gründen!). Damit werden ungleich beeindruckendere Romaneinstiegssätze kurzerhand nochmals relativiert, beispielsweise der aus Lion Feuchtwangers Goya: „Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war fast [!] überall in Westeuropa [!] das Mittelalter ausgetilgt“.
Der Lyriker und Bildhauer Grass hatte das Anfangskapitel aus der „Blechtrommel“ bereits ein Jahr zuvor auf einer Tagung der Autoren-“Gruppe 47″ im Gasthof „Adler“ in Großholzleute im Allgäu vorgelesen. „Er sah verwegen aus, etwas heruntergekommen, wie mir schien, desperat wie ein bettelnder Zigeuner [in Walsers Ein springender Brunnen mag man oder eben nicht nachlesen, was dem deutschen Kind als schlimmer als ‚ein Zigeuner’ erscheinen konnte]“, erinnerte sich später der „Vater“ der Gruppe 47, Hans Werner Richter, an diesen legendären Auftritt des späteren Literaturnobelpreisträgers. Es war ein Auftritt mit Folgen. Der damals neuartige [?], vitale, saftig-bildhafte Erzählstil riss die Zuhörer sofort mit – es war wohl eine der eindrucksvollsten Lesungen [vgl. John Felstiner – Paul Celan und – again – Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu zu den Gepflogenheiten im Umgang der Gruppe 47 mit den ihr nicht ganz so genehmen Vorlesenden] in der Geschichte der „Gruppe 47“ (Die Presse ebd.).
Vital und saftig – ernsthaft: Es konsalikt jetzt ganz gewaltig. „Für diesen Maßstab in der deutschen Gegenwartsliteratur sei Grass schließlich 1999 auch der Literaturnobelpreis verliehen worden. Akademie-Sekretär Horace Engdahl meinte in seiner Laudatio, Grass habe mit seiner literarischen Arbeit den „bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Dass der Autor selbst der Waffen-SS zugehörig war, wurde allerdings erst 2006 bekannt. [Tatsächlich ist das eben kein Widerspruch.] >em>Der Roman „Die Blechtrommel“ habe „die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert“ bedeutet, meinte Engdahl“ (ebd.). Ja, leider…
Einer deutschen Wiedergeburt gebührt natürlich eine Sonderausstellung, im Museum, das dem Autor bereits zu Lebzeiten errichtet wurde. Dem ‚Querdenker’ (lies: „Huh, der traut sich, das laut zu sagen, was ich schon immer gedacht habe!“). Dem selbsterklärten moralischen Gewissen der Nation, hinter dessen „laut und vernehmlich vorgetragenem „mea culpa“ nicht nur eine Art Zerknirschung [steckte], sondern mehr noch eine Art Erpressungsversuch, dass man endlich doch die Schuld vergeben möchte. Ganz besonders die Opfer selbst, die Juden sollten das tun“ (Karl Heinz Bohrer, zitiert nach Bittermann ebd.). Der Israel nie mehr besuchen mochte, weil man ihn dort (meiner Meinung nach zu Recht) mit Tomaten bewarf („Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgekommen!“ – aus Krieg der Knöpfe) und es Saddam Hussein (Schnauzbärte unter sich) nicht wirklich übel nehmen wollte, dass der die Bewohner Israels mit Giftgasraketen bedrohte, weil er wohl meinte, die Lehre, die die Deutschen aus dem 2. Weltkrieg gezogen hätten, müsse den Israelis erst noch erteilt werden – die Wahl der Waffen hatten die Deutschen dem irakischen Diktator ja leicht gemacht. Der Lehrmeister aus Deutschland: „Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muss man aufhören…[…] Aber dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.“
Es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass ein Humanist wie Grass die Unvernunft der deutschen Linken verteidigt, die mit dem Mörder und Diktator Saddam Hussein sympathisierte. Ich hatte gehofft, er würde es als schweren Fehler bezeichnen, dass Deutsche nicht gegen die Lieferung von Giftgas und dessen Verwendung für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen demonstrierten und stattdessen lauthals den Krieg gegen einen grausamen Diktator anprangerten, doch er sagte nichts dergleichen. Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen. Was er sagte, erinnert mich an den anämischen Charakter der deutschen Linken in den dreißiger Jahren, die zuließ, dass Hitler an die Macht kam, weil Kriege unfein sind [vgl. hierzu alles, was Olaf Kistenmacher, Martin Kloke, Hanno Loewy, Moishe Postone etc. zu linkem Antisemitismus geschrieben haben]. Am Ende der Diskussion erntete Grass tosenden Beifall. Mich behandelte man nachsichtig, doch ablehnend, oh, wie ablehnend. Ich kam mir vor wie mein jüdischer Großvater, der in Begleitung des siegreichen Barons Günter Grass zu einem Trauermahl geht. Dass er in dem Disput gesiegt hatte, stand außer Zweifel.“ (Yoram Kaniuk ebd.)
Ein „Humanist wie Grass“ bleibt doch immer nur ein deutscher Pazifist… Zur (nicht ausreichenden, aber wenigstens etwas) Strafe steht er jetzt für immer als Nobelpreisträger der Engdahl-Ära neben Harold Pinter und Doris Lessing.
Die wie ein lieblos eingerichtetes Kleinstadt-Kino anmutende Literarischersonderwegausstellung mit tomatenroten (honi soit qui mal y pense!) Wänden ist noch bis Januar 2010 zu besichtigen.
Highlights:
12. November, 19 Uhr, Lesung an der Universität zu Lübeck, Audimax – Smudo von den „Fantastischen Vier“ liest aus der „Blechtrommel“. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €
19. Dezember, 19.30 Uhr Filmhaus Lübeck – 30 Jahre „Die Blechtrommel“ als Film, Podiumsgespräch mit Volker Schlöndorff und Günter Grass, Moderation: Jörg-Philipp Thomsa. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €

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+ Lesenswerte Romananfänge:
Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagerndem Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“
Gisela Elsner – Fliegeralarm: „Meine Mutter brauchte uns nicht zu wecken.“
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre: „Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.“
Heinrich Mann – Die Vollendung des Königs Henri Quatre: „Der König hat gesiegt.“
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