Archiv für September 2009

Grundlegendes 9

„Deutschland ist nicht umsonst das Paradebeispiel einer „nachholenden Entwicklung“. An ihrem Ende hätte allerspätestens der 8. Mai. 1945 stehen müssen, der kurze Moment aber ward verpasst, die negative Dialektik der Geschichte nimmt unverändert ihren Lauf, und ihre Apologeten sind drauf und dran, ihr einen weiteren barbarischen Bewältigungsversuch entgegenzusetzen und sich damit als die Vollstrecker ihres Vollzugs zu beweisen. Übrig bleibt der durch nichts begründbare, von nichts ableitbare Traum, der einem absoluten Bilderverbot unterliegt, denn einstweilen ist er nicht mehr als eine Ahnung davon, dass es anders sein könnte. Dass die Möglichkeit bestünde, davon zeugt die Notwendigkeit der Ideologie, die das Versprechen verriet. Und doch bleibt einzig dem Individuum, das nur als Behältnis für das Tauschsubjekt in der wertverwerteten Welt eine Existenzberechtigung hat, die Ahnung von der Möglichkeit; seine Abschaffung im kollektiven globalen Albtraum würde den Traum ebenfalls beseitigen. Seine revolutionäre Verwirklichung jedenfalls läge nur jenseits von Geschichte und Fortschritt, die Bedingung ihrer Möglichkeit jedoch ist untrennbar verbunden mit dem bürgerlichen Subjekt und seiner Fähigkeit, unglücklich zu sein. Es geht nicht um die Vollendung von Geschichte, sondern darum, ihre Vollendung zu verhindern, um eine Atempause, die zur Weiterentwicklung radikaler Kritik an jenen Bedingungen zu nutzen wäre, die den Antisemitismus als Reaktion auf die Dauerkrise des Kapitalismus stets aufs Neue hervorbringen.“
Tjark Kunstreich – Nach dem Westen (2003)

„Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“ – Kann schon sein…

Die „Bundeszentrale für politische Bildung“, als deren Verdienst manche es bezeichnen mögen, eine ausgesprochen kostengünstige Ausgabe von Yaacov Lozowicks sehr lesenswertem Israels Existenzkampf. Eine moralische Verteidigung seiner Kriege (2007, 4,00) herausgegeben zu haben, wäre es nicht eine eher durchsichtige und recht billige Reaktion auf die Kritik an ihrem Lob des mindestens antiisraelischen Films Paradise Now (2005) – und wäre es nicht so traurig für den Konkret-Verlag, 2006, bei dem das Buch 19,90 kosten muss…
die ehemalige „Bundeszentrale für Heimatdienst“, in deren 24-seitiger Broschüre zum Film „[s]elbst noch die Hiszbollah […] verharmlosend als eine „antizionistisch eingestellte Organisation“ präsentiert [wird]. Zwar vermerkt die Broschüre, dass im Film die „Forderungen der Palästinenser stark vereinfacht dargestellt (werden). … Ob Said und Khaled den Staat Israel grundsätzlich anerkennen würden, erfährt man nicht“. Davon aber, dass eine so einflussreiche Gruppe wie die Hamas Israel gänzlich von der Landkarte verschwinden lassen will, schweigt sich die Broschüre aus. Mehr noch: Ein antisemitischer Code, wie der vom „Kollaborateur“ wird nicht nur nicht problematisiert, sondern distanzlos übernommen und nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt.“ (Matthias Küntzel) …
die BpB, die jahrelang dem häufig so genannten Israelkritiker und ‚deutschen Opfer’ (Beware! Arendt-so-called-art) Ludwig Watzal eine Heimstatt und ein Organ für seine … wie auch immer man das nennen mag… bot…
(…soviel nur zum Kontext, mit dem das Folgende „natürlich nichts“ zu tun hat…)
…eben diese „Bundeszentrale für politische Bildung“ hat in Zusammenarbeit mit „einer unabhängigen Redaktion, die aus jungen Erwachsenen besteht“ und „mit Unterstützung ihrer Partner und des niederländischen Instituut voor Publiek en Politiek (Institut für Öffentlichkeit und Politik – IPP) [den Wahl-O-Maten] entwickelt“.
Das tool funktioniert offenbar doch so hervorragend, dass sich einige Benutzer die Frage stellen: „Warum kann es vorkommen, dass bei mir Übereinstimmungen mit einer vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuften Partei angezeigt werden?
Worauf die BpB Unschuld wahrend aber zutreffend antwortet: „Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. […] Welche Parteien als extremistisch eingestuft werden, können Sie auf den Seiten des Verfassungsschutzes nachlesen: www.verfassungsschutz.de.“
Damit nicht allzu deutlich wird, dass deutsche Volksgenossen (und diverse sie unbedingt vertreten wollende Parteien) manchmal auch klassisches Nazigedankengut teilen, wurde Toralf Staud bemüht, um entsprechende Befürchtungen („Hilfe, bin ich jetzt ein Nazi?“) auszutreiben (alle folgenden Zitate): „Die NPD ist – wie ähnliche Gruppen [?] auch – ziemlich geschickt darin, Forderungen zu formulieren, denen viele Menschen zustimmen können.“ Oder: „Viele Programmaussagen der NPD aber lassen sich nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema nicht mehr deutlich einordnen – wenn man also einfach einen rechnerischen Durchschnitt ermittelt, dann kann die Partei durchaus in „der Mitte“ [!] liegen.“ – Warum das so ist, will man sich in diesem Rahmen natürlich nicht fragen! Oder: „Wer ausschließlich auf die konkreten [?] Forderungen von Parteien wie der NPD schaut, verliert das Wichtigste aus dem Blick. Dass nämlich vor der Lösung politischer Detailfragen erstmal Einigkeit über Grundsätzliches hergestellt sein muss – über Demokratie und Menschenrechte, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und die Ablehnung von Dingen [?] wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel. Aber das Problem ist wohl, dass all dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird.“ – Tatsächlich?
Die NPD fordert ein höheres Kindergeld. Sie will kleinere Schulklassen. Sie lehnt die Atomkraft ab. Und verlangt mehr Volksentscheide. Das sind doch alles gute Sachen, oder? [ODER?] Doch wer einige dieser Positionen teilt, kann beim Wahl-O-Mat eine „Übereinstimmung“ mit der rechtsextremistischen NPD bescheinigt bekommen. Ist er oder sie deshalb ein verkappter Nazi? – Nein, natürlich nicht.“ – Natürlich nicht! Verkappt?
Was Parteien wie der [sic] NPD von Demokraten unterscheidet, sind nicht so sehr [!] Forderungen zur Familien-, Bildungs- oder Umweltpolitik. Sondern die Antworten auf Fragen wie diese: Sind Sie dafür, dass alle Menschen gleiche Rechte und dieselbe Menschenwürde haben? Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu den höchsten Werten des Grundgesetzes und dürfen nicht angetastet werden, oder: Ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess für Sie ein Held? [Das würde so mancher Rechtsradikale weit von sich weisen – Hess, der Verräter!] Von solch harten Fragen lenkt die NPD durch ihre „weichen“ Forderungen ab, und das ist Strategie.“ – Und was ist dann die Strategie dahinter, dass diese „harten Fragen“ im Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung auch nicht gestellt werden? (Ja, schon klar…) Sondern fast nur Thesen angeboten werden, die man einfach überspringen muss, und das nicht nur, weil man eh weiß, wer die Worthülsen vorgegeben hat.
Z.B:
Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes.“
Die Bundeswehr soll sofort aus Afghanistan abgezogen werden.“
Deutschland soll aus der EU austreten.
Unternehmen sollen über die Höhe von Managergehältern frei entscheiden können.“
Das Erststudium soll gebührenfrei sein.“
Die staatliche Beteiligung an privaten Banken darf nur eine vorübergehende Notlösung sein.“
Handelsbeziehungen mit Staaten, die Menschenrechte missachten, sollen eingestellt werden.“
Einführung von Volksentscheiden auch auf Bundesebene!“ (Ok, das ist einfach!)
Jedem Jugendlichen soll ein Ausbildungsplatz gesetzlich garantiert werden.“
Der betriebliche Kündigungsschutz soll gelockert werden.
Studierende, Schüler/-innen und Auszubildende sollen unabhängig vom Einkommen der Eltern einen Anspruch auf BAföG haben.
Die Vermögenssteuer soll wieder eingeführt werden.“
Die Möglichkeit, in Deutschland Asyl zu erhalten, soll erleichtert werden.
Kommunales [?] Wahlrecht für alle, die dauerhaft [?] in Deutschland [?] leben.“
„Die Regelsätze für das Arbeitslosengeld II („Hartz-IV“) sollen deutlich angehoben werden.“
Die Demokratie, die wir [?] in der Bundesrepublik haben, ist die beste Staatsform.“ – Die richtige Antwort bitte jetzt beim Verfassungsschutz überprüfen!

Jenseits davon: „Wenn der Wahlsonntag kommt, ist Boykott dagegen gar nicht nötig – es genügt, einfach nicht hinzugehen.“ (Magnus Klaue)

Later:
+ „Viel Spaß damit.“

+ „Kein Kreuzchen für Deutschland! Sich jeglicher nationalen Konstruktivität verweigern!“

„Whatever the outcome…“

… die UNO wird sich dadurch kaum ändern.
Farouk Hosni mag die Wahl um den UNESCO-Vorsitz gegen die nun allgemein als „low profile[?] bezeichnete Irina Bokova verloren haben – was erst einmal zu begrüßen ist, allein aufgrund seines, eigentlich für einen hohen UNO-Posten prädestinierenden, „high profile“ in Sachen Bücherverbrennungswunsch und ‚Israelaversion‘. Nun hat’s halt mal nicht geklappt und schon sind die Verschwörungstheoretiker wieder unterwegs, die schön still gehalten hätten, wäre Hosni als Sieger aus dem „tight race“ hervorgegangen. Wie Bokova ihre zukünftige Arbeit gestalten (können?) wird, ist derzeit unvorhersehbar. Aber zumindest … gibt es erstmal keinen noch einflussreicheren Hosni, der sich bereits im Vorfeld als Opfer der ‚üblichen Verdächtigen‘ auswies: I clearly regret the words said and which I could have justified as being uttered under the tension and provocation [!] of the discussion at the time. However, I will not take that as an excuse. This is neither my nature, nor what I believe in. Unfortunately my adversaries took advantage of this to attribute negative [!] things to me. Nothing is more abhorrent to me than racism, rejection of the other or a desire to discredit any human culture, including the Jewish culture.“ Die Wahl ist für’s erste vorbei und man wird sehen, wie sich das entwickelt – außerdem stehen ja auch schon genug Gefolgsleute bereit, die sich in den nächsten Wochen ausführlich zu Wort melden werden. I bet!

Update 23.09.: Mr Hosny, who would have been the first Arab to hold the post, said he lost because of „Zionist pressures“. […] The opposition weekly Al-Ahrar wrote on its front page about „a ferocious campaign against him by the American administration, under Jewish pressure„.“ (BBC News)
+ JPost
+ CBS News

Update 24.09.: Kommentar von Ilja Trojanow (Pilgerreisender):
Der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel hatte erklärt, Hosnis Wahl wäre eine „Schande“ für die internationale Gemeinschaft. Gestern erklärten zwei GULag-Überlebende aus Bulgarien, die Wahl Bokowas sei beschämend für uns alle. Die Unesco mag einer Schande entgangen sein, aber um welchen Preis!

Update 25.09.: The Egyptian minister also accused America’s UNESCO representative, as well as the envoys of Eastern European states, Japan, and the Jews for undermining his candidacy.“ (ynet)

Update 26.09.: The Egyptian candidate who lost a bid to head the UN culture and education body after a row over remarks last year that he was ready to burn Israeli books has once again blamed the United States and Jewish lobby for his defeat. (novinite.com)

Update 29.09.: Egyptian newspaper AlMasry AlYoum reported on September 29 that the French government received a statement from the Department of Military Intelligence that Mossad agents were operating in Paris out of a hotel. They had allegedly arrived on September 21 to initiate a calculated campaign to thwart the election of the Egyptian Minister of Culture Farouk Hosni for the Director General position at UNESCO. (novinite.com)

To be continued…

50 Jahre Blechtrommel

Es geht mir wie Hannah Arendt, die an Mary McCarthy schrieb, „daß sie ‚Die Blechtrommel’ nie zu Ende lesen konnte, weil sie das meiste darin ‚aus zweiter Hand nicht originär fand. Ich las sie […] vor Jahren auf Deutsch, und ich finde, es ist eine künstliche tour de force – als ob [Grass] alles an moderner Literatur gelesen und dann beschlossen hätte, sich einiges auszuleihen und etwas Eigenes daraus zu machen‚“ (zitiert nach Klaus Bittermann – Lutschen am Brühwürfel in ders., Hg., Literatur als Qual und Gequalle).
Es geht mir wie Hannah Arendt, nur dass ich bei Grass keinen Funken „moderner Literatur“ finden kann; er fällt weit zurück hinter z.B. Joyce, Beckett, Bellows, Nabokov, Sinclair, Pynchon, Vonnegut oder Walter Abish, hinter Henry James und Joseph Conrad (und ist nicht einmal ein guter Erzähler wie die zeitgenössischen Philip Roth, Ian McEwan, Leon de Winter, John Updike etc. etc. etc. – ganz zu schweigen von den im Vergleich zu Grass weitaus moderneren Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Joseph Roth etc. pp. – soll sagen: Er fällt so ziemlich hinter alle relevanten Schriftsteller zurück). Selbst wenn man auf die (meiner Meinung nach) zweite Riege verweisen wollte: Henry Miller vielleicht, Ernest Hemingway oder John Irving – Grass ist immer noch unlesbarer und unbeholfener – schlechter kann man auch sagen. Seine Kraftmeierei ist umständlich ziseliert und das Ziselierte wie mit der Axt bearbeitet. ‚Erotisches’ wird wie nach dem Stammtisch auf dem Nachhauseweg mit verschwörerischem Grinsen mitgeteilt: „Dir kann ich’s ja sagen: Letztens…“ I don’t want to know! Auch nicht von Walser und Lenz…
Grass volkstümelt (ganz bewusst oder kann nicht anders…) – sprachlich, gedanklich, zeichnerisch und bildhauerisch kunsthandwerkelnd: „Günter Grass ist der Inbegriff des Mythos und der Authentizität der deutschen Kultur [wer jemals Wolfgang Beutins mit Zitaten gespicktes Der Fall Grass gelesen hat, mag dem nicht widersprechen], er ist ihre Behausung und ihr Bewohner [äußerst treffend beschrieben, auch weil’s der Zeichner und Autor Grass irgendwie mit Schnecken hat]. Er ist der Aufschrei und das Lächeln eines Deutschland, das einmal – wie traurig und lächerlich – Alfred Döblins [hinter den fällt er auch zurück!] Heimat war. Grass ist ein hervorragender, faszinierender Schriftsteller, der sein Land auf vollendete Weise repräsentiert. Das Gefühl der Entfremdung von der Heimat, das der österreichische Autor Thomas Bernhard empfand, existiert für Grass nicht. Er fühlt sich zu Hause in dem Land, das seine Heimat ist, und wenn er sich nicht zu Hause fühlt, wird er selbst das Haus [Schnecke!]. […] Vielleicht ist Grass das Heidelberg der deutschen Literatur – in dem Sinne, dass Heidelberg sich nicht der Vertreibung der Juden in der Stadt erinnern will“ (Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner).
Bekanntlich wollte sich Grass (öffentlich) an rein gar nichts erinnern, bis er eines Tages (nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte, den er wohl unbedingt verdient haben wollte) beim Zwiebelnschälen bzw. beim Häuten einer Zwiebel, oops, bemerkte, dass er darüber nicht mal, wie so viele seiner deutschen Schriftstellerkollegen, Tränen ob seiner als Flakhelfer verschwendetenaberimmernochirgendwieunschuldigenblabla Jugend vergießen durfte: Waffen-SS, oops – again (“I’m not that innocent“ – German version)!
Ein Skandal, möchte man annehmen, zumindest wenn man sich das Lamento zu Gemüte führt, das die ganzen deutschen Opfer anstimmen, wenn sie mal wieder von nichts gewusst haben wollen – gnädig Spätgeborene allesamt oder in der Wehrmacht ‚verheizt’ [!] oder oder oder… Ergo, natürlich kein Skandal, sondern nur eine weitere Figur im fröhlichen Entschuldungsreigen.
Kaniuk hatte das wieder richtig beobachtet (ohne damals um Grass’ ausgesprochen deutsches Geheimnis zu wissen): Grass ist Deutschland und Deutschland ist wie Grass; seine Beichte erfolgt im Wissen darum, dass Deutschland sie ihm gerne abnehmen wird („Drei Vaterunser, heute im Sonderangebot auch für Protestanten und Atheisten, und das nächste mal vielleicht ein wenig früher kommen, tut doch nicht weh. Next one please…“), weil am Ende der ‚Sünder’ der Volksgemeinschaft mehr gilt als ‚Die Anderen’; er ist integrierbarer in das deutsche Prinzip, das da lautet: Einmal mit der Sense drübergemäht, und die künstlerisch Integrierbaren werden am Ende danach bewertet, dass ihnen der Kopf nicht abgeschnitten wurde.
Dem nobelpreisgewürdigten Roman (der Rest des Œuvres wurde sogar von Horace Engdahl und den Seinen verworfen) des Autors widmet das Lübecker Grass-Haus seit dem 13. September eine Sonderausstellung und „[i]m Begleitprogramm lesen junge Künstler wie Smudo von den „Fantastischen Vier“, Fritzi Haberland und Oliver Rohrbeck alias Justus Jonas aus der Jugendkrimireihe „Die Drei Fragezeichen“ aus der „Blechtrommel“, Feuilletonisten diskutieren in der Reihe „Zeit Forum Kultur“ über „Die Blechtrommel in ihrer Zeit“ und Grass und Schlöndorff erinnern sich in einem Podiumsgespräch an „30 Jahre ‚Die Blechtrommel‘ als Film“. (ntv)
Laut Die Presse ist „der erste Satz […] aus der Blechtrommel (beinah) unübertroffen: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“ Mit diesem doppelbödigen Satz beginnt die Erzählung aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath. Der Roman katapultierte den bis dahin unbekannten Autor Günter Grass aus Danzig in die erste Reihe der Weltliteratur.
Beinahe unübertroffen wohl nur, weil eine illustre Jury den ersten Satz aus Grass’ Der Butt als ‚den schönsten Satz, mit dem je ein deutscher Roman begann’, kürte: „Ilsebill salzte nach.“ … Ja, sehr schön (Ilsebilse, keiner willse, kam der Koch und zerhäckselte sie zu einem Anfangssatz…)… Der Zweitplatzierte wartet dann mit einem gar nicht schönen Satz auf; aber das ist eben das grundlegende Missverständnis der Deutschen, wenn es um Kafka geht: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Platz drei ist wieder volkstümelnd nachvollziehbar: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging“ (Siegfried Lenz – Der Leseteufel aus So zärtlich war Suleyken – auch unlesbar – aus grassähnlichen Gründen!). Damit werden ungleich beeindruckendere Romaneinstiegssätze kurzerhand nochmals relativiert, beispielsweise der aus Lion Feuchtwangers Goya: „Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war fast [!] überall in Westeuropa [!] das Mittelalter ausgetilgt“.
Der Lyriker und Bildhauer Grass hatte das Anfangskapitel aus der „Blechtrommel“ bereits ein Jahr zuvor auf einer Tagung der Autoren-“Gruppe 47″ im Gasthof „Adler“ in Großholzleute im Allgäu vorgelesen. „Er sah verwegen aus, etwas heruntergekommen, wie mir schien, desperat wie ein bettelnder Zigeuner [in Walsers Ein springender Brunnen mag man oder eben nicht nachlesen, was dem deutschen Kind als schlimmer als ‚ein Zigeuner’ erscheinen konnte]“, erinnerte sich später der „Vater“ der Gruppe 47, Hans Werner Richter, an diesen legendären Auftritt des späteren Literaturnobelpreisträgers. Es war ein Auftritt mit Folgen. Der damals neuartige [?], vitale, saftig-bildhafte Erzählstil riss die Zuhörer sofort mit – es war wohl eine der eindrucksvollsten Lesungen [vgl. John Felstiner – Paul Celan und – again – Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu zu den Gepflogenheiten im Umgang der Gruppe 47 mit den ihr nicht ganz so genehmen Vorlesenden] in der Geschichte der „Gruppe 47“ (Die Presse ebd.).
Vital und saftig – ernsthaft: Es konsalikt jetzt ganz gewaltig. „Für diesen Maßstab in der deutschen Gegenwartsliteratur sei Grass schließlich 1999 auch der Literaturnobelpreis verliehen worden. Akademie-Sekretär Horace Engdahl meinte in seiner Laudatio, Grass habe mit seiner literarischen Arbeit den „bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Dass der Autor selbst der Waffen-SS zugehörig war, wurde allerdings erst 2006 bekannt. [Tatsächlich ist das eben kein Widerspruch.] >em>Der Roman „Die Blechtrommel“ habe „die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert“ bedeutet, meinte Engdahl“ (ebd.). Ja, leider…
Einer deutschen Wiedergeburt gebührt natürlich eine Sonderausstellung, im Museum, das dem Autor bereits zu Lebzeiten errichtet wurde. Dem ‚Querdenker’ (lies: „Huh, der traut sich, das laut zu sagen, was ich schon immer gedacht habe!“). Dem selbsterklärten moralischen Gewissen der Nation, hinter dessen „laut und vernehmlich vorgetragenem „mea culpa“ nicht nur eine Art Zerknirschung [steckte], sondern mehr noch eine Art Erpressungsversuch, dass man endlich doch die Schuld vergeben möchte. Ganz besonders die Opfer selbst, die Juden sollten das tun“ (Karl Heinz Bohrer, zitiert nach Bittermann ebd.). Der Israel nie mehr besuchen mochte, weil man ihn dort (meiner Meinung nach zu Recht) mit Tomaten bewarf („Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgekommen!“ – aus Krieg der Knöpfe) und es Saddam Hussein (Schnauzbärte unter sich) nicht wirklich übel nehmen wollte, dass der die Bewohner Israels mit Giftgasraketen bedrohte, weil er wohl meinte, die Lehre, die die Deutschen aus dem 2. Weltkrieg gezogen hätten, müsse den Israelis erst noch erteilt werden – die Wahl der Waffen hatten die Deutschen dem irakischen Diktator ja leicht gemacht. Der Lehrmeister aus Deutschland: „Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muss man aufhören…[…] Aber dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.“
Es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass ein Humanist wie Grass die Unvernunft der deutschen Linken verteidigt, die mit dem Mörder und Diktator Saddam Hussein sympathisierte. Ich hatte gehofft, er würde es als schweren Fehler bezeichnen, dass Deutsche nicht gegen die Lieferung von Giftgas und dessen Verwendung für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen demonstrierten und stattdessen lauthals den Krieg gegen einen grausamen Diktator anprangerten, doch er sagte nichts dergleichen. Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen. Was er sagte, erinnert mich an den anämischen Charakter der deutschen Linken in den dreißiger Jahren, die zuließ, dass Hitler an die Macht kam, weil Kriege unfein sind [vgl. hierzu alles, was Olaf Kistenmacher, Martin Kloke, Hanno Loewy, Moishe Postone etc. zu linkem Antisemitismus geschrieben haben]. Am Ende der Diskussion erntete Grass tosenden Beifall. Mich behandelte man nachsichtig, doch ablehnend, oh, wie ablehnend. Ich kam mir vor wie mein jüdischer Großvater, der in Begleitung des siegreichen Barons Günter Grass zu einem Trauermahl geht. Dass er in dem Disput gesiegt hatte, stand außer Zweifel.“ (Yoram Kaniuk ebd.)
Ein „Humanist wie Grass“ bleibt doch immer nur ein deutscher Pazifist… Zur (nicht ausreichenden, aber wenigstens etwas) Strafe steht er jetzt für immer als Nobelpreisträger der Engdahl-Ära neben Harold Pinter und Doris Lessing.
Die wie ein lieblos eingerichtetes Kleinstadt-Kino anmutende Literarischersonderwegausstellung mit tomatenroten (honi soit qui mal y pense!) Wänden ist noch bis Januar 2010 zu besichtigen.
Highlights:
12. November, 19 Uhr, Lesung an der Universität zu Lübeck, Audimax – Smudo von den „Fantastischen Vier“ liest aus der „Blechtrommel“. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €
19. Dezember, 19.30 Uhr Filmhaus Lübeck – 30 Jahre „Die Blechtrommel“ als Film, Podiumsgespräch mit Volker Schlöndorff und Günter Grass, Moderation: Jörg-Philipp Thomsa. Eintritt: 9 € / ermäßigt 6 €

Recommended reading:
Klaus Bittermann – Literatur als Qual und Gequalle. Über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass
Wolfgang Beutin – Der Fall Grass. Ein deutsches Debakel
Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner
Hannah Arendt/ Mary McCarthy – Im Vertrauen
Mary McCarthy – The Group
John Felstiner – Paul Celan
Paul Celan – Gedichte I
Leon de Winter – Das Recht auf Rückkehr
+ Lesenswerte Romananfänge:
Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagerndem Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“
Gisela Elsner – Fliegeralarm: „Meine Mutter brauchte uns nicht zu wecken.“
Heinrich Mann – Die Jugend des Königs Henri Quatre: „Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.“
Heinrich Mann – Die Vollendung des Königs Henri Quatre: „Der König hat gesiegt.“
And many, many more…

„Die Generation 9/11″ according to Jürgen Elsässer

Wir hatten in der Vergangenheit die Bewegung der 68er, das war rund um Vietnam. Dann kann man sagen, wir hatten so eine Art Bewegung der 78er, da ging’s vor allem um Atomkraft. Und was wir jetzt haben, meines Erachtens, ist die Generation 9/11. Ich kann’s für mich sagen und ich glaube, es trifft auch noch auf andere hier im Saal zu: Wir sind alle geprägt worden durch die Erfahrungen des 11. September, diese ungeheuren Lügen, die uns vermittelt worden sind.
Jürgen Elsässer Blog: „Wir, die 9/11-Generation“, Transkript – Video Nuoviso Geopolitik-Teffen: Talkrunde

Die neue Hauptstadt der Bewegung ist Leipzig (oder doch Stuttgart oder womöglich Fulda?) und wie bereits München (vielleicht auch) ist sie (wie immer sie am Ende heißen mag!) offensichtlich in der Lage, eine Heimstatt zu bieten für ‚Glaubensgenossen‘ zwar unterschiedlichen ‚Bekenntnisses‘, die dennoch ein Ziel eint: die Verbreitung völlig absurden, aber zunehmend massenkompatiblen (hoffen sie; zumindest erweisen sich „Frauen mit Kinderwagen“ als noch ein wenig widerspenstig…) Irrsinns.
Was früheren deutschen Bewegungsinitiatoren z.B. die Esoteriker um Lanz von Liebenfels waren, sind ihnen heutztage z.B. die Eklektiker von Nuoviso. Und so hat auch Jürgen Elsässer („Was wir hier miterleben, ist die Geburtsstunde einer neuen Bewegung„) offensichtlich überhaupt kein Problem mehr mit „Kumpels“ von Frank, die ihn „gleich so agitiert [haben] mit Ufos [“Wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen in Politische und Spirituelle„], oder so“, wobei man natürlich [!] eine „Abgrenzung nach … zu Neonazis und NPD und ähnlichen Geisterfahrern“ braucht, „aber es gibt auch… Früher hab‘ ich gedacht, es gibt nur Linke und Rechte. Aber im Laufe der Zeit wird man ja auch klüger und da merkt man: Die meisten Leute kannst du gar nicht so schnell links und rechts einsortieren; die passen gar nicht in das Schema. Und wir müssen diese Leute erreichen. Und die Leute gibt’s. Ich sag‘ mal ein Beispiel: Ich glaub‘, am Mittwoch oder am Donnerstag gab’s in München eine sensationelle Veranstaltung: Gauweiler und Lafontaine. Und das ist unsere alte These von der Volksinitiative von Anfang an: Man braucht ein gesellschaftliches Bündnis von Gauweiler bis Lafontaine. Und die Linken, denen wir das gesagt haben, die waren entsetzt: Ja, wie kannst Du nur mit Gauweiler und so weiter und so weiter und… aber die beiden, Gauweiler und Lafontaine, haben das jetzt selber gemacht, das hat auch mit uns gar nichts zu tun. Die haben in München einen Saal angemietet. Das war der Gauweiler, der hat dann den Oskar eingeladen, da waren tausend Leute, und das waren CSUler und Linke und die haben gemeinsam eins, zwei gsuffa. Und die einen haben beim Gauweiler geklatscht, und die anderen haben beim Lafontaine geklatscht. Aber es war ’ne freund… ‚ne Atmosphäre des freundschaftlichen Streites und Wettbewerbs und das ist, was in Deutschland fehlt: Das muss her!
(Jürgen Elsässer Blog, ebd.)
„In München steht a Hofbräuhaus, oans, zwoa gsuffa“ – da haben (z.B. am 24. Februar 1920) auch schon öfter mal recht viele Deutsche zueinander gefunden!
Wie bereits erwähnt: links… rechts… egal – deutsch eben… Die Hauptsache ist, dass ‚wir‘ uns alle als Opfer der üblichen Verdächtigen imaginieren können! (Gleichgültig, wie ‚ausgewogen‘ man daherkommen mag.)

Updates:
+ Antizionistisches Wochenende in Berlin
+ Eine verschworene Bande

Jenseits davon: Österreich und Deutschland mal wieder in trauter Harmonie…

Recommended reading:
Tobias Jaecker – Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters
Philip Roth – The Plot Against America
Ian McEwan – Saturday

Grundlegendes 8

„Letztlich tragen die Relativisten ihr Scherflein zu dem von mir so benannten „Ja, aber“-Syndrom bei. […] Ja, einen Holocaust hat es gegeben, aber er unterschied sich nicht von einer Reihe anderer Katastrophen, bei denen Unschuldige massakriert wurden. Die hieraus logisch resultierende Frage lautet: Wenn es so ist, warum hört man „immer nur“ vom Holocaust? Für die Holocaust-Leugner und viele weitere, die „noch keine“ Holocaust-Leugner sind, heißt die Antwort auf jene letzte Frage offensichtlich: weil die Juden zuviel Macht haben. „Ja, aber“ charakterisiert eine Haltung, welche in dem Zwielicht zwischen unverblümter Holocaust-Leugnung und Relativismus angesiedelt ist. In gewisser Hinsicht stellt sie eine heimtückischere Gefahr dar als die direkte Holocaust-Leugnung, da sie einer Pseudogeschichtlichkeit Nahrung bietet, deren Hintergründe und Ursprünge kaum klar zu definieren sind. Sie bildet das Gegenstück zu David Duke ohne Laken.“
Deborah E. Lipstadt – Leugnen des Holocaust (der deutsche Untertitel „Rechtsextremismus mit Methode“ ist, gelinde gesagt, irreführend – man hält sich besser an das Original: „Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory“)

Freud vs. kulturzeit 1:0

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass unsere Bewunderung für die weitgehend [!] fehlerfrei sprechenden Fernsehmoderatoren nicht ihrem phänomenalen Textgedächtnis gelten sollte. Auch wenn es nicht so aussieht [?], sie lesen fast alle ab. Nicht vom Blatt, das würden wir ja sehen, sondern von einem Gerät, welches [?] ihnen für uns unsichtbar, die Manuskripte anzeigt. Wenn jemand einen längeren Text direkt in die Kamera hineinsprechen soll, gibt es nichts Besseres als einen Teleprompter.“ (movie-college.de)
Schön und gut, aber wenn ein von Freud diagnostiziertes Problem einem dazwischenfunkt…
Kulturzeit 01.09.2009: „Die einzige Chance ist Transparenz“ – Verena Becker und der Verfassungsschutz, Anmoderation Tina Mendelsohn:
Eine Nachricht jagt gerade die andere. Erst vergangene Woche Hausdurchsuchung, dann die Verhaftung der begnadeten… begnadeten… begnadigten Terroristin Verena Becker…

Den Deutschen gefällt „Inglourious Basterds“

Die Nazis sind die Bösen gewesen. Ohne wenn und aber: Damit hat Tarantino einfach recht.“ (Marc Etzold – Die Nazi-Generalabrechnung, Cicero 09/09).
Allen Rettungsversuchen zum Trotz (z.B. Georg Seeßlen gleich dreimal: Spiegel, Jungle World – irgendwie, Konkret): An „Inglourious Basterds“ werden die Deutschen am Ende nichts Gravierendes auszusetzen haben. Der erste und wichtigste Grund ist (noch – siehe „Vorwärts und nicht vergessen…“), dass sich ein (‚widerspenstiger’) amerikanischer Regisseur (von dem gerne mal vermutet wird, die Europäer wüssten ihn mehr zu schätzen als seine ‚Landsleute’, weil man ja ‚drüben’ eh alle für doof hält) acht Monate in Deutschland aufhielt, seinen neuesten Film hier (billiger) drehte, ihn mit (billigeren) deutschen Schauspielern besetzte und diversen Printmedien mitteilte „dass ich immer hierher zurückkehren [kann] wie in eine zweite Heimat“ (Cicero-Version). (Die Österreicher kann man gleich mit heim ins …whatever… holen, weil der Regisseur einem ihrer Schauspieler in Cannes die „Silberne Palme“ und eine potentielle Hollywood-Karriere als Psychopathen-Darsteller besorgt hatte – im Gegenzug wurde ein österreichischer Regisseur für einen deutschen Film mit der „Palme d’Or“ bedacht – Deutsche Woche an der Côte d’Azur). Die Deutschen sehen bei jeder Vorführung ihr Babelsberg, ihren Til Schweiger, ihren Daniel Brühl, ihren Gedeon Burkhard, ihren August Diehl and the like.
‚Gut’ und ‚böse’ spielen sie ja auch nur. Und ‚Gut’ und ‚Böse’ lösen sich eh auf in den willkommenen Worten des Regisseurs und in „einem Film […], der keine eindeutige Unterscheidung zwischen Gut und Böse trifft. Alle sind sie Schlächter, mal gröber, mal raffinierter“ (Tarantino im Interview, Cicero 09/09). Was zum zweiten Grund führt: „Schließlich zeigt das Drehbuch alle als Mörder, die Nazis genauso wie die Juden. Und das war heikel, das wusste ich. Aber meine jüdischen Freunde waren begeistert, denn für sie war das Wichtigste, dass in meinem Film das Dritte Reich wirklich gestürzt wird, und zwar durch ein geglücktes Attentat. „Was für eine wunderbare Fantasie! Davon haben wir immer geträumt!“, war das einhellige Urteil. […] Als ich dann mit den deutschen Schauspielern über das Drehbuch sprach, wurde mir klar: Hey, das ist ja auch ihre Fantasie! Offenbar denken die Deutschen seit drei [?] Generationen fieberhaft darüber nach: Was wäre gewesen, wenn ein Hitlerattentat gelungen wäre? Klar, damit hätte ich rechnen können, doch dass ich das Wunschdenken und die Mentalität der Deutschen so genau treffen würde, hätte ich nicht vermutet“ (Tarantino ebd., meine Hervorhebung – zumindest vermeidet er eine Aussage darüber, ob ihm das gefällt oder nicht!). So einfach ist das und es wird noch einfacher, denn selbst die Neonazis mögen nicht boykottieren und üblicherweise tun sie fast nichts lieber (außer vielleicht Gesichter zerstören, um jedem die Individualität auszutreiben): Jenseits allen, beinahe wie eine müßige Pflicht zu lesenden, ‚Antideutschtum’- und „Deutschenhass“-Gejammeres „können die Nazis der »mordlüsternen Terrortour« Tarantinos auch etwas Positives abgewinnen. Dort findet man es »erheiternd«, dass es »mit dem tatsächlichen bewaffneten jüdischen Widerstand während des Krieges bekanntlich, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht allzu weit her war«. Dass der Altermedia-Autor dann doch mit Vergnügen klarstellt, wer hier in Wahrheit die Täter waren, hält ihn jedoch nicht davon ab, aus dem fiktiven Widerstand auf der Kinoleinwand irgendwie eine Rechtfertigung für den Holocaust abzuleiten: Der Film erzeuge nämlich eine »kausale Ereigniskette, der eine gewisse natürliche, im gewissen Sinne durch Notwehr begründete Folgerichtigkeit« für »Lager wie Auschwitz« »nicht abgesprochen werden« könne. […] Interessierte Volksgenossen dürfen sich die amerikanische »Kriegspropaganda« gern ansehen. Weil »man« sich angeblich [?] nach der Show »einmal mehr« frage: »Was werfen ausgerechnet die Hitler eigentlich vor?« (Michael Taeger in Jungle World 34/2009). Wirr, aber das ist sowieso ein grundlegendes Problem. Laut ‚Untertitel‘ gefällt den Nazis also Tarantinos Film nicht. Ja, schade – aber ihnen gefällt so vieles nicht. All quiet on the Nazi-Front. Vor dem Kino keine Figuren mit Eselsmasken und Schildern vor der Brust: „Ich Esel glaube noch…
Stattdessen cultural studies-empowerment-bewehrte Lesarten. Und damit bricht die ganze Verteidigungsstrategie (kulturindustriell) in sich zusammen. „Es ist eine Rachephantasie, die sich um die historische Realität nicht kümmert, weil für Tarantino sowieso schon immer das Kino die bessere Wirklichkeit war. Diese Unverschämtheit, die Geschichte einfach zu ignorieren, hat bislang noch kein Film gehabt. Das Kino rächt sich nicht nur an jenen Personen, die, bevor sie selber sterben mussten, der Welt so viel Unheil und Tod brachten. Das Kino rächt sich an der ungerechten Wirklichkeit selber“ (Georg Seeßlen im Spiegel). Egal!
Und selbst wenn Seeßlen (nur ein Beispiel!) in Konkret versucht, Tarantino gegen sich selbst zu verteidigen, nachdem der dem Spiegel gesagt hatte, Leni Riefenstahl sei „die beste Regisseurin, die je lebte“ gewesen, um das zu erkennen müsse man nur „nur ihre Olympia-Filme ansehen“, außerdem „sei es keineswegs so, dass die meisten der mehr als 800 Streifen, die in jenen Jahren [?] gedreht worden seien, Propagandawerke wie „Der ewige Jude“ oder „Jud Süß“ gewesen seien. Es habe auch viele Komödien [z.B. die natürlich völlig unverdächtige Feuerzangenbowle, man achte aber mal z.B. auf den Jargon des Lieblingslehrers], Operetten, Liebesgeschichten und Melodramen [auch La Habanera sollte gerettet werden – absurd, der Rassismus ist mehr als evident] gegeben. „Einige dieser Filme waren ziemlich gut“. Es kommt doch nur eine schön zu lesende und filmanalytisch sicherlich wertvolle Diagnose dessen, worin sich Riefenstahls und Tarantinos Ansatz/ Filmauffassung unterscheiden, dabei heraus. Der einzig hier relevante Aspekt ist irgendwo in der Mitte des Artikels zu finden: „Die „Schönheit“ der Riefenstahl-Filme ent[spricht] einer totalen Herrschaft des Todestriebs (ein altmodischer und daher mißverständlicher Begriff; wir könnten den mystischen „Trieb“ durch „Interesse“ ersetzen). Sie wären allerdings kaum anderes als cinéma maudit, Midnight Movie, „Surrealismus“, Trash, hätte es den Faschismus nicht wirklich gegeben.“ Es hat ihn aber gegeben und die deutsche Variante war eben nicht ‚nur’ Faschismus, sondern ein ungleich grausameres System, was Riefenstahl absolut unerträglich macht und jedes an sie oder ihr œuvre gerichtetes Lob ebenfalls. Dass sie zu preisen, nicht einmal mehr als Tabubruch zelebriert werden kann, beschrieb Gert Ockert in 1.000 Jahre Riefenstahl (Konkret 10/02) mit treffenden Worten. Es ist nämlich neben der ganzen deutschen Fernsehfigurendarsteller-, Politiker-, etc. pp. Prominenz leider auch das „Ausland nicht ganz dicht“ (Ockert über die Gratulationsflut zu Riefenstahls 100.); und das ist kein neues Phänomen und wird hierzulande noch (!) ganz gerne als Adelsprädikat verstanden. „Sie sind ein Genie, seit 20 Jahren bin ich verliebt in Sie und kenne alle Ihre Filme, grüßte via Video […] Michael Jackson ekstatisch. Und Jodie Foster dürfen wir uns nicht länger so intelligent vorstellen, wie sie in ihren Filmen dreinschaut, denn die Schauspielerin will unbedingt die Biographie der Riefenstahl nachspielen und solche Nähe zu einer Schreckensfrau macht blöd, wie die Grußkarte beweist: Ich wünsche Ihnen Gesundheit und nur Liebe. […] Spielen, verfügt des Teufels älteste Tochter in der »Bunten«, darf Jodie mich erst, wenn ich mal nicht mehr lebe. Also schätzungsweise nie. Ich habe keine Lust, mich darüber aufzuregen, was Hollywood aus meinem Leben macht. Und dafür wird sie notfalls so alt werden wie das Reich dann doch nicht wurde, das ihr innigster Freund einst begründete“ (ebd.).
Von Tarantino vermutet Seeßlen, dass er sich „ungebildeter gemacht“ habe, als er sei. Mal angenommen, er hat recht: Warum sollte man das tun?…? Das ist so kindisch („Ätschi bätschi, ihr haltet mich alle für doof, aber das bin ich gar nicht. Ich tue nur so, hihi!“), dass es eben nicht von überwältigender Intelligenz zeugt.
Fast verstörend ist allerdings, dass der hierzulande ebenfalls gerne mal als intelligent (der mag ja schließlich Berlin!) gehandelte Brad Pitt im Stern mit ähnlichen Superlativen aufwartet wie Seeßlen: „Brad Pitt glaubt, dass Tarantino dem Thema Zweiter Weltkrieg im Kino „jetzt einen Deckel auf den Topf gesetzt“ hat. „Mit den Basterds ist zu diesem Genre alles gesagt. Der Film zerstört alle Symbole. Die Arbeit ist gemacht, Ende der Geschichte“, sagte er dem stern.“1
Bei Seeßlen heißt das: „Mit „historischen“ Fakten kann man, das haben unsere Faschismus-Erzählungen bewiesen, trefflich Fiktionen füllen [soweit richtig, J6ON]. Quentin Tarantino verfährt umgekehrt. Mit einer historischen Fiktion kann man dem Mythos und der Ikonographie des Faschismus beikommen. [Und – schon kleinlauter:] Keine schlechte Art der Dekonstruktion.“
Kann man eben nicht – sonst wären die Nazis wütender und die ‚anständigen’ Deutschen nicht so begeistert oder abgeklärt genießend, Erstere über einen Film, den sie dann doch fröhlich als Wargarnichtnichtsoihrblödengeschichtsverdreher oder Siehstemalgut-dasswirzuerstzugeschlagenhaben abtun können und Letztere mögen ihn halt u.a., weil Tarantino ihnen bestätigt, ‚seine Juden’ seien eben auch böse, nur nicht so (eher banale Umkehr von Vorurteilen) „raffiniert“ wie Waltz/Landa und Deutschland sei ihm nunmehr wie eine zweite Heimat usw. usf. Eine andere Variante des Grund1-Themas liefert der nicht ganz so begeisterte Jens Jessen in der Zeit: „[U]nd dann auch noch die Besetzung! Brad Pitt, Christoph Waltz, Til Schweiger, Martin Wuttke als Hitler, Sylvester Groth als Goebbels und, und… Und, ach ja, natürlich [?]: Daniel Brühl als süßer [?] kleiner Schlingel von einem Wehrmachtsheckenschützen, der die Nazis überhaupt erst in das Kino lockt, in dem sie umkommen“. Um dann den deutschen Zeigerfinger zu erheben, dessen Inhaber sich stets mit allen Opfern auch denen amerikanischer Filme identifiziert, es aber nicht mögen, wenn das deutsche Opfer Hollywoods missbraucht wird und vor allem nicht ‚die jüdischen Opfer’, auf die haben die Deutschen Alleinanspruch: „Es kann eigentlich nichts schiefgehen. Der Erfolg des Filmes in den deutschen Kinos wird übrigens auch davon leben, dass sich das Publikum natürlich nicht mit den Deutschen von damals, sondern mit den amerikanisierten [!] Juden identifizieren wird. Für die Nachgeborenen ein Fest der Selbstgerechtigkeit. Alle werden auf der richtigen Seite das Splattermovie goutieren. Es sei denn, es beschliche den einen oder anderen Zuschauer doch die mulmige Ahnung, dass hier die Nazis missbraucht werden für eine Filmästhetik jenseits aller moralischen Absicht. Das könnte uns [!] vielleicht noch egal sein. Aber das Schicksal [!] der Juden wird damit auch missbraucht – und das sollte uns [!] nicht egal sein. Das Brutalste des Films ist seine Leichtfertigkeit. Es ist ihm alles nur ein blutiger Scherz.“ Und noch mehr entsprechende Versatzstücke: „Man könnte sagen, [die jüdische Partisanengruppe habe] sich von den Deutschen abgeschaut, wie man gegen jede Humanität Furcht und Schrecken verbreitet. Nur manchmal lassen sie einen gefangenen Deutschen laufen; sie ritzen ihm dann, zur ewigen Stigmatisierung, ein Hakenkreuz in die Stirn. Es ist gewissermaßen die Antwort [???] auf den Judenstern. Indes geht es bei Tarantino nicht nur darum, den deutschen Gräueln eine buchstäblich ultimative, nämlich die symmetrische jüdische Antwort zu geben. Der Baseballschläger des »Bärenjuden« deutet schon die Richtung der lustvollen Steigerung an: Es geht darum, auf das, was man von den Deutschen gelernt hat, noch ein amerikanisches Sahnehäubchen zu setzen. Die erschlagenen Wehrmachtssoldaten werden skalpiert […]. Die jüdischen Freischärler sind auf der ethnologischen Skala [!] der Gewalt nicht nur zu Deutschen, sie sind unter der Anleitung ihres amerikanischen Führungsoffiziers sogar zu Indianern geworden! Oder, wenn man die Ausdeutung noch weiter treiben will: Hätten sich die Juden nur beizeiten amerikanisiert und nach dem Vorbild der edlen Wilden verroht, dann wäre ihnen ihr Schicksal als Opfer erspart geblieben.“
Ethnologische Skala der Gewalt“ – wes Geistes Kind…?! Weiter im Text: Nicht nur zu Deutschen, sogar zu Indianern sind sie geworden, die Juden – und das den Deutschen, die in den Indianern (First Nation People of America) doch so gerne ihren Widerstand gegen alles Amerikanische sehen – Ausrutscher. Aber zumindest scheinen die Indianer schlimmer als die Deutschen gewesen sein …?… Aber waren das nicht eigentlich die gierigen nichtdeutschen Besatzer des Kontinents? Egal, Hauptsache ist, dass in diesem Kontext die Deutschen von irgendwem übertroffen worden sind, es verwerflicher ist, dass die ‚Filmjuden’ von den Indianern gelernt haben als von den Deutschen… und es irgendwie Kritik an irgendwas Amerikanischem (Baseball?) geübt wird.
Bei allen Vorbehalten gegenüber dem Jubel zum Film und aller Identifikationsabwehr: Zusehen zu dürfen, wie der Deutschen geliebter „Führer“ und Konsorten dahingemordet werden (und viel mehr kann Kulturindustrie eben nicht! Man darf sie mögen – aber man muss ihr nicht mehr Sinn verleihen, als sie tragen kann!), ist das unhinterfragbare Verdienst des Film („Anders als „Schindlers Liste“ kann man „Inglourious Basterds“ zwar genießen (meinethalben auch als „koscheren Rache-Porno“, wie Eli Roth meint, als Kinderphantasie vom Abmurksen der Bösen) […]“ – Georg Seeßlen ebd. – und danke dafür, dass er die Bösen nicht in Anführungszeichen gesetzt hat!). Nochmal: Man darf das wirklich ‚toll finden‘, aber es rechtfertigt die Superlative noch lange nicht.
Und wenn man sich wünscht, es möge tatsächlich so geschehen sein, dann nicht, weil ‚man’ in dem Fall ‚entlasteter’ (weil die Juden ja offensichtlich die Deutschen benötigten, um von ihnen zu lernen etc.) auf das ‚Vaterland’ blicken dürfte, sondern weil es unzählige Menschenleben gerettet und mal jemand gezeigt hätte, wie man mit ihnen hätte umgehen sollen. Das ‚Vaterland’ hatte schon lange vor dem angenommenen Datum des Filmgeschehens vernichtet – für die Deutschen war es ab 1933 zu spät, sich selbstgefällig zu exkulpieren – und sei es auch nur in der nachholend identifizierenden Imagination und der Freude über die antifaschistischen Leistungen deutscher Schauspieler.
Die wie auch immer wieder zelebrierte ‚Abschlussmentalität’ wird sich im deutschen Kino/ Fernsehen sowieso irgendwann in grotesken Produktionen niederschlagen – man kennt das und muss sich hier gar nicht ausmalen, wie das aussehen wird – billiger allemal!

Recommended viewing and reading:
The Boys from Brazil – Vorlage von Ira Levin (u.a. Rosemary’s Baby, The Stepford Wives 1975!)
To Be Or Not To Be
The Great Dictator
aber eben auch: Munich
Niklas Frank – Der Vater (u.a. zu Phantasien, was ein Deutscher hätte tun sollen und eben nicht tat)
+ alles, was Adorno, Horkheimer, Scheit, Quadfasel et al. jemals über Kulturindustrie geschrieben haben!

  1. Jenseits der erneuten Bestätigung von Grund 1: „Gespannt ist der Hollywood-Star, wie der mit zahlreichen deutschen Schauspielern wie Daniel Brühl, August Diehl oder Til Schweiger besetzte Film in der Bundesrepublik ankommen wird: „Ich habe eine Menge Freunde hier in Deutschland und bekomme mit, wie sehr diese Nazi-Zeit an ihnen hängt, obwohl sie alle nichts damit zu tun hatten.“ Bei den Leseproben mit den deutschen Kollegen war er erstaunt, dass diese mit der Geschichte am meisten Spaß hatten. „Vielleicht hat es sie auch befreit, das Thema Weltkrieg mal als Steptanz aufzuführen“, sagte Pitt dem Magazin“ (Stern ebd.) – natürlich, sicherlich, ganz bestimmt sogar! [zurück]

Update 18.02.10: Ich korrigiere mich! Die Deutschen lieben „Inglourious Basterds“. QED: „Bestimmt wird es Kritiker geben, die aufschreien: ‚Wie könnt ihr das wagen?‘“, sagt Bleibtreu. „Denen erwidere ich: ‚Wieso nicht? Was ist daran schlimm?‘ Wir haben mittlerweile das Recht, mit diesen Figuren zu spielen. Sie haben uns lange genug belastet. Tarantino erlauben wir fast alles, und der hat nichts mit der deutschen Geschichte zu tun. Wir müssen uns das jetzt auch trauen.“ (Das Verführerprinzip, Spiegel online)

Update 5.3.10: A somewhat more intelligent approach! Steve Sailer – Kill Adolf: „Tarantino is a smart guy; thus, all this is no doubt intentional. Perhaps Tarantino just wants to show that he’s so cool that he can get away with the ultimate transgression.“ (Taki’s Magazine)
Vgl. auch Peter Ehlent – Bowling for Hitler. Über Tarantinos Film Inglourious Basterds und seine deutschen Fans (Prodomo 12, November 2009, online)