Grundlegendes 6

„Der frisch ungetrübte Blick ins Zukommende fällt mir um genau soviel zu schwer, wie die Verfolger von gestern ihn sich zu leicht machen. Auch kann ich, flügellahm, wie mich nun einmal Exil, Illegalität, Tortur gemacht haben, nicht mitkommen bei dem ethischen Höhenflug, den ein Mann wie der französische Publizist André Neher uns Opfern proponiert. Wir Verfolgte, meint der hochfliegende Mann, müßten unser vergangenes Leid ebenso interiorisieren und in emotionaler Askese auf uns nehmen wie unsere Peiniger ihre Schuld. Daß ich es nur gestehe: Dazu fehlen mir Lust, Talent und Überzeugung. Unmöglich kann ich einen Parallelismus akzeptieren, der meinen Weg nebenher laufen ließe mit dem der Kerls, die mich mit dem Ochsenziemer züchtigten. Ich will nicht zum Komplizen meiner Quäler werden, verlange vielmehr, daß diese sich selbst negieren und in der Negation sich mir beiordnen. Nicht im Prozeß der Interiorisation, so scheint mir, sind die zwischen ihnen und mir liegenden Leichenhaufen abzutragen, sondern, im Gegenteil, durch Aktualisierung, schärfer gesagt: durch Austragung des ungelösten Konflikts im Wirkungsfeld der geschichtlichen Praxis.“ Jean Améry – Schuld und Sühne (1977)