„Es gab Folgen, zum Teil nicht unbedenkliche…“

…beklagte sich Eckhard Henscheid1 über die Reaktionen auf sein Interview mit der Jungen Freiheitanläßlich der Walser-Reich-Ranicki-Bubis-Möllemann-Sache“ (Henscheid in JF 24/02); so mochte ihn beispielsweise eine „Hannoveraner Kleingruppe wildgewordener Aufpasser“ nicht mehr als „Referent von einer Adorno-Gedenkjahrveranstaltung“ haben, was ihn „an Stil und Mentalität römisch-katholischer Inquisitions- und Indexkongregationen und deren Informanten“ erinnerte (Henscheid in JF 12/06).
Schlimmer noch imaginierte er sein Schicksal nach diesem neuerlichen Beweis wagemutigen Querdenkertums und nachdem er sich eingereiht hatte in die Riege der in Deutschland geradezu verfemten Unterstützer eines JF-Stands auf der Frankfurter Buchmesse, unter ihnen die öffentlich beleidigten und erniedrigten Joachim Fest, Helmut Markwort, Wolf Jobst Siedler, Arnulf Baring, Andreas von Bülow, Peter Gauweiler, Norbert Geis, Arno Surminski, Ernst Nolte und Alexander von Stahl, die natürlich seitdem alle ein trauriges und von ‚der öffentlichen Meinung’ verstoßenes Dasein fristen mussten.
Henscheid zumindest befürchtete, mühsam Ironie wahrend, dass „wer heute in der JUNGE FREIHEIT veröffentlicht oder dem Blatt auch nur ein Interview gibt, seiner […] Familie schadet, sie im Prinzip verhungern läßt! Gut, daß ich ein bißchen gespart habe.“ (ebd.)
Und schön zu wissen, dass das Ersparte die nächsten drei Jahre vorgehalten hat – denn nunmehr springt das „Sommerhilfswerk“ (Joachim Rohloff) des Freistaats Bayern ein und versieht den bedürftigen Pfleger einer Fülle von „Gattungen und Genres mit den dringlich benötigten 15.000 Euro, mit denen der Jean-Paul-Preis 2009 dotiert ist.
Henscheid, der, stolz Versagung predigend, die Annahme von Preisen üblicherweise ablehnt, macht diesmal eine Ausnahme, da ihm in diesem Fall die Preisträger, die Jury und der „Namensgeber des Preises sowieso“ „genehm“ sind.
Offenbar genehme Preisträger waren bis dato unter anderen Botho Strauß, Verfasser „tranige[r] Edelschickeriaprosa“ (Henscheid) und des „Anschwellende[n] Bocksgesang“. Und Gertrud Fussenegger, die „Stimme der Ostmark“, Verfasserin so ergreifender Zeilen wie „Wir finden uns in einen wüsten Irrgarten versetzt, in ein finsteres und häßliches Labyrinth unzähliger übereinandergetürmter Leichensteine, die in regellosen Massen, schief und gerade, aufrecht und umgestürzt, wie es eben kommt, den schwarzen unbegrünten Grund gleich einer Drachensaat besetzen“, angesichts des jüdischen Friedhofs von Prag im Jahre 1941; nachdem sie 1938 im Zuge des ‚Anschlusses’ dem „Führer“ „sich selbst als Gabe zu bringen / gewillt zu größtem Bekenntnis“ bereit erklärt hatte (cp. Zeit 44/1993).
Umso genehmer wird es dann womöglich, wenn ‚man‘ erfreut verkünden darf, dass ‚man‘ als Laudator der Preisverleihung am 7. Oktober Martin Mosebach gewinnen (!) konnte. Noch so ein ignorierter, missachteter und ungeliebter Autor, ein weiteres Opfer „wildgewordener Aufpasser und Puritätsvertreter“ (Henscheid JF 12/06) und das (fast) nur, weil er in seiner Rede aus Anlass der Entgegennahme des Büchner(!)-Preises den Bogen vom „französischen Revolutionär Saint-Just […] ’zu Himmlers Rede aus dem Jahr 1943’ an seine von der Judenvernichtung heimgekehrten SS-Männer“ schlug und „den Sieg der bürgerlichen Revolution mit dem Betrieb von Gaskammern zu konnotieren“ wusste (Hermann L. Gremliza, Konkret 12/2007).
There goes the neighbourhood…

  1. Im Februar 1999 hat ein langjähriger Autor der Redaktion mitgeteilt, daß in einem Blatt, das den »Obergauner Bubis« gegen Martin Walser verteidige, für ihn kein Platz sei. Der Herausgeber hatte geantwortet, er könne da leider nicht widersprechen. Drei Jahre später tritt der Autor an einem Ort vors Publikum, an dem ihm dergleichen nicht geschehen kann: beim Nazi-Blatt »Junge Freiheit«, wo er das »spezielle Judentabu« in Deutschland beklagt: »Wenn Möllemanns Aussagen tatsächlich schon einen Klimawechsel in Deutschland bewirken sollten, dann hat dieser Klimawechsel meinen Segen.« Es ist bitter. Und schade um Eckhard Henscheid.“ (Konkret 07/02) [zurück]

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