Jonathan Meese – der Künstler als „Karlsson vom Dach“

„“Sehr einsamer kleiner roter Hahn, vom besten Hähnemaler der Welt gemalt“, sagte Karlsson mit zittriger Stimme. „Ach, wie ist das Bild wunderschön und traurig! Aber jetzt darf ich nicht anfangen zu weinen, sonst steigt das Fieber.““ Astrid Lindgren – Karlsson von Dach

Hitler verhindern, indem man ihn lächerlich macht – das ist nicht gelungen, wobei es im Vorfeld der ‚Machtergreifung’ viele versucht haben, die fähig und begabt waren. Hitler zu einer lächerlichen Figur erklären zu wollen, nachdem er und seine Deutschen massenmordend Europa in Schutt und Asche gelegt hatten, nach Auschwitz, ist entweder naiv (Hitler im Nachhinein oder seine Wiederkehr verhindern! Er muss nicht gar nicht ‚wiederkommen’, sein Vermächtnis wirkt als Möglichkeit im Postnazismus (Stephan Grigat) weiter), Aufmerksamkeitsbedürfnis (erfüllt im Bruch eines angenommenen Tabus, gerne auch ‚politisch inkorrekt’ genannt und somit mittlerweile meist „konformistische Rebellion“), kulturindustrielles Erfolgsversprechen, oder kalkuliert ‚unbefangene’ Entlastung von deutscher Schuld (man könnte es tatsächlich auch treffend als Holocaustrelativierung bezeichnen – vgl. Deborah E. Lipstadts Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory). Im Kulturbetrieb-Phänomen Jonathan Meese 1 scheinen all diese Aspekte zu kulminieren: Der aufmerksamkeitssüchtige oder ‚unreflektierte‘ ‚Kindkünstler‘, der sich lustvoll der Insignien des ‚Dritten Reiches’ bedient: ‚Dann malen wir halt Hakenkreuze, Eiserne Kreuze und Penisse irgendwohin, wenn man sowas in der Schule auf die Tische gemalt hat, gab’s ja auch jede Menge Aufmerksamkeit aka Ärger‘. Der Kunststudent, der sich einzigartig wähnt (‚Niemand in dieser Grundklasse malt Hakenkreuze, ha!‘) und in der Folge das ursprüngliche Erfolgserlebnis oder die alte Kränkung endlos mit nahe liegenden Assoziationen verbrämt (in nahezu jeder Kunstklasse gibt es übrigens einen wie Meese – nur der Phänotyp variiert ein wenig).

„Krister und Gunilla dürfen bis acht bleiben. Dann gehst du aber marsch ins Bett. Lillebror. Ich komme noch und sage dir später gute Nacht.“ […] „Sie hat nicht gesagt, wie lange ich bleiben darf“, sagte Karlsson und schob die Unterlippe vor. „Ich mach nicht mit, wenn es so ungerecht zugeht.“ „Du kannst bleiben, solange du willst“, sagte Lillebror. Karlsson ließ die Unterlippe noch mehr hängen. „Warum kann ich nicht auch um acht an die Luft gesetzt werden wie alle anderen Menschen?“ sagte Karlsson. „Ich mach nicht mit…““
Astrid Lindgren, ebd.

Meeses ‚Kampf gegen die Wiederkehr’ gerät dann auch entsprechend trotzig: Der extremste Menschenherrscher Adolf Hitler war doch da! Wieso wieder? Wieso wollen wir es wieder? Er war doch da! Wir haben ihn gehabt. Fertig. Ende. Nostalgisch. Eben, alles schon da gewesen – boring – next please! Das haben sich offenbar auch die Galeristen gesagt, die schon lange erkannt haben, in welchen Formen sich das Spiel (!) mit ‚der deutschen Vergangenheit’ gut ‚verkaufen’ lässt, bei Norbert Bisky war es beispielsweise die Riefenstahl-artige ‚Unbefangenheit’ in der Inszenierung des Körpers (‚Sind doch nur spielende Jungs und außerdem ist es eh camp, was wir ja nicht wirklich verstehen müssen, sagt zumindest Susan Sontag!‘); bei Meese ist es der Spieltrieb an und für sich, den er in Interviews unermüdlich repetitiv zum Besten gibt. Meese beherrscht den Diminutiv oder umgekehrt! Alles gerät ihm verniedlicht: Babyinflation, das Ei des Columbussy, HaiBabyPropagandist (in An’spielung‘ auf Damien Hirsts The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living?), Babysavonarola, Babypropaganda, das totale Spiel, Mary Poppins, Erzhumpty Dumpty, Tierbabyparty, die Mumins etc. etc. etc. Selbst in Bayreuth, wo er das Bühnenbild zu Castorfs „Meistersinger“-Inszenierung lieferte, wartete er mit den ewiggleichen auf Puppenstubengröße zurechtgebastelten Assoziationen auf und wurde dafür gelobt:Geboten wird ein Festival der Einfälle und Sinneneindrücke. Und dafür ist in erster Linie Bühnenbildner Jonathan Meese verantwortlich. Seine Bühne und die Ausstattung sind so fantasievoll, verspielt und voller ironischer Brechungen, dass der einzige Vorwurf lauten kann, dass sie zu sehr von der Handlung ablenken.“
Aber es ist eben diese „Ablenkung“, die ihn in Deutschland zu einem beispiellos erfolgreichen bildenden Künstler machen konnte: Wer es hierzulande schafft, fürs Ablenken von der Handlung der „Meistersinger“ tatsächlich erwähnt zu werden, hat sich ums ‚Volk’, das sich bis dato einen Dreck darum scherte, offiziell verdient gemacht. Eine Analyse der antisemitischen Motive der Oper ist in Gerhard Scheits Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus nachzulesen.
Meese: „Aber ich bin halt auch Bayreuth selber. Das steckt in mir. […] Es geht mehr um Atmung oder um Lebensrhythmus. Richard Wagner ist keine Musik von gestern, sondern eine Musik von morgen. Bestimmte Sachen sind zwar irgendwann entstanden, vor 1000 Jahren, die gelten aber immer noch und sie werden auch in 10 000 Jahren gelten. Viel stärker sogar. Sie werden verstärkt durch Verstärker.“ (Eine der schrecklichsten Vorstellungen überhaupt!)
Noch deutlicher wird die Entlastung, die Meese verschaffen kann in Daniel Richters Kommentar zu Meeses „TOTALADLER Baby-CHEF der Kunst (das Ei des Columbussy)“ (2007). Richter findet „Meese amüsant, weil er eigentlich alle großen deutschen Themen, die unappetitlich [!] sind – Ernst Jünger, Adolf Hitler, Stefan George, den Adler, Richard Wagner, das Hakenkreuz – weil er diesen ganzen Kram genommen hat und durch seine Performance komplett entwertet hat. Er hat all diese hehren Zeichen des deutschen Konservatismus durchzelebriert, ohne dass man sagen könnte, das sei platt kritisch gemeint. Das ist ja das Irritierende. Im Grunde werden all diese vermeintlich dämonischen Figuren zu Darth Vader. Das ist alles nur Wichtigtuerei. Dicke Eier. Adolf Hitler ist „Pimmel-Johnny“. Das ist das Faszinierende daran: die Lust an der Vernichtung und die Lust an dieser Allmachtsmaske, die der Infantile verspürt.“ Dagegen ist Adornos ‚Bilderverbot’ natürlich todlangweilig und so schafft man es auch in DIE große deutsche Jubiläumsausstellung: „60 Jahre, 60 Werke“.
Das Lieblingswort der Feuilletonisten etc. pp. im Zusammenhang mit Meese ist „umstritten“ – der Begriff hat offensichtlich eine Komplettumdeutung verpasst bekommen (‚pimp my term’), denn „umstritten“ bedeutet nunmehr „irgendwiefindensalletotaleinwenig-kicherigweileinbisschenbähundhuhabercool“. Z.B. empfinden das Bernhard Nellessen (SWR-Fernsehdirektor) und Thomas Baumann (ARD-Chefredakteur) so, die in ihrer Reihe „Deutschland, Deine Künstler“ – „[d]ie Schwierigkeit liegt darin, Kunst und Kultur so darzustellen, wie sie es verdienen: nicht elitär, kompetent und seriös. Selbstverständlich gehört auch das Attribut „unterhaltsam“ dazu“ (Baumann) – Meese als den „Besten [seines] Fachs“ präsentierten, neben dem besten grauhaarigen Schauspieler, der Armin heißt: Armin Mueller-Stahl, dem Dirigenten, der Beethovens 9. mittels völlig unangemessener Geschwindigkeit am besten verhunzte: Kurt Masur, dem Komiker, der am besten zwei Männer sich in einer Wanne um eine Plastikente streiten ließ: Loriot, der Autorin, die in ihren Titeln das Wort „Tinte“ am besten zur Geltung brachte: Cornelia Funke, Campino, „Deutschrocker“ Herbert Grönemeyer („Es tut gleichmäßig weh…“), Christoph Schlingensief (no comment), Reinhard in Vechta kommt mein Frühstücksei zur Welt Mey und dergleichen mehr. Meese also, der beste bildende Künstler, den Deutschland zu bieten hat – auf jeden Fall ein Künstler, der Deutschland derzeit ‚am Besten tut’.
Er und seine so genannten „Young German Art“-Kollegen (unter ihnen Neo Rauch, Daniel Richter und Norbert Bisky), deren Werke wohl nicht grundlos „als rundum deutsch, als vordringlich deutsche Themen, Mythen, Stimmungen und Geschichte verhandelnde Kunst rezipiert“ werden (Max Hollein in der „Welt“). Zufrieden wird konstatiert, daß die Künstler „nicht mehr hinter dem Berg [halten], daß sie Deutsche sind und hier auch ihr künstlerischer Nährboden ist. Dabei ist es kaum vorstellbar, daß das Label „Deutsch“ vor einigen Jahren international als trendiges Markenzeichen zu etablieren gewesen wäre. Künstler aus Deutschland hätten sich gehütet, sich primär als deutsch zu bezeichnen. Der motivschweren, figurativen Formensprache wäre man um so mehr mit Skepsis, wenn nicht mit Ablehnung gegenübergetreten, hätte sie wahrscheinlich als unzulässigen reaktionären Chauvinismus abgetan [Kann man ja immer noch machen!]. […] Jetzt hat das Pathos sein Kleid gewechselt. Es ist figurativer, verspielter und dabei verschlüsselter, allgemeingültiger geworden und hat die dunklen, düsteren Farben gegen pastellige Töne eingetauscht und sie mit einem Schuß nostalgischem Realismus gemischt. Besonders die aktuelle „Leipziger Schule“ trifft […] einen Nerv, der in der Zeit der Verunsicherung und dem Versagen politischer Systeme eine Sehnsucht nach einer heilen, wenn auch abgründigen Welt erkennen läßt.“ (ebd.) The next big German Abgrund thing!
Als hätten ‚die deutschen Künstler’ jemals zwanghaft versucht, ihren „Nährboden“ zu negieren. Fast alles, was im Postnazismus reüssieren konnte, bediente sich (jenseits der „Sommermärchen“-Ideologie „Vernunftpatriotismus“ – dazu irgendwann einmal mehr) des raunenden „Jargons“, nur der Tonfall variierte entsprechend der zeitgemäßen Vorzeichen: Joseph Beuys, Rainer Werner Fassbinder (siehe Thomas (!) Elsaesser – Rainer Werner Fassbinder), Hans Jürgen Syberberg, Anselm Kiefer oder die Literaten der Gruppe 47 (unter ihnen Hans Werner Richter, Günter Grass und Martin Walser). Die Tonarten reichten von Denunziation über Ignoranz, larmoyanter Ignoranz gegenüber dem differenten Leiden der Holocaust-Überlebenden, Schuldabwehr und Schuldzuweisung an ‚die Anderen’, Mystifizierung von Stimmungen und (NS-)Symbolen, Opferidentifikation, Triumph, Weichzeichnerei etc. pp. bis zum, endlich (!), comic relief – der ‚lachenden‘ Versöhnung mit deutscher Vergangenheit. Die Meese-artige kalkulierte „Naivität“ konstatierte Thomas Mann bereits bei Hans Werner Richter: „Auch er hat wenig Skrupel (dagegen viel ‚Naivität’)“ (siehe: Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu). Für den weitaus politisch berechnenderen Richter wie für das sich vermutlich tatsächlich banal ‚auslebende’ Werk Meeses („Vaterraum“), das neben Hitler-Bildern (beschriftet mit „Goldtier“) und Nazi-Symbolik Penisse, Brüste und Abbildungen Trotzkis oder Stalins usw. einbindet, gilt Thomas Manns Einschätzung von Richters Roman „Sie fielen aus Gottes Hand“: „Eher sogar noch widerstand mir oft der Hang zur moralischen Gleichwerterei von allem, – wie sie den Deutschen so paßt“ (zitiert nach Briegleb ebd.). (Meese: „Diese Gegenstände sind unabhängig. Ein Foto von Stalin oder ein Foto Adolf Hitler beinhaltet diese Personen nicht mehr. Das ist versachlicht. Hier können wir spielen – und vor allen Dingen können die Sachen miteinander spielen. Es geht hier gar nicht um den Menschen. […] Wir sind alle Spielzeug der Kunst, und im Grunde genommen ist dieser Raum Teil einer riesigen Propaganda-Maschine für die Diktatur der Kunst“.) Bei Meese heißt das „neutralisieren“ oder „domestizieren“ – also für den deutschen Gebrauch zurichten. Der „Kunst-Samurai“ (artnet), der „Leere“ und „Unwissenheit“ propagierende, der „pflichterfüllende“ und „regelbejahende“, der „naturgründige“ Meese findet alles gleich cool und fuhrwerkt während des Interviews mit Andrea Meier von Kulturzeit mit einer goldenen Schusswaffe (doch nicht Dr No, sondern The Man With the Golden Gun?) herum wie einst Hans-Jürgen Rösner während des Geiseldramas von Gladbeck oder Antonio Tejero im Parlament beim gescheiterten Militärputsch in Spanien 1981.
Eigentlich egal! Alles neutralisiert, gleichgewertet, nostalgisch! Und sowieso überschätzt, wenn auch nicht so überschätzt wie Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität [!] und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht.
Der ganze Kosmos ist viel leichter zu durchschauen, als man es publizieren möchte, zu einfach ist das enfant terrible zu handhaben, zu benutzen, um die imaginierten Tabus zu durchbrechen. Man muss es nicht selber tun, der beinahe selbsterklärte Hofnarr tut es für einen. Kulturindustrie funktioniert eben immer noch und hier insbesondere hervorragend und ideologietragend, gerade in ihren vorgeblich widerspenstigen Formen. Meese selbst hat sich ‚unangreifbar’ gemacht: Er ist das, was er ist, und das ist sein gutes Recht. Er benötigt nicht einmal mehr Tarantinoeske Ironie, um die, die ihn gernekritisierenwollenwürden, als übereifrig und überreagierend dastehen zu lassen. Es wäre also eigentlich müßig, sich über Meese herzumachen, wenn er hierzulande nicht so willkommen wäre – als Künstler, zu dem man gerne geht.
Im deutschen Workinprogressuniversum kann sich dann tatsächlich alles gegenseitig aufheben und eine Diktatur des propagierten Mittelmaßes von Kunst und der Deklarierung von ernst zu nehmender Kritik daran als überreagierend (hysterisch) ausgerufen werden, da jegliche Vorstellung vom Individuum (vom „quälbaren Leib“!) verschwinden gemacht wird. Und wer nicht mitspielen will, muss eben draußen bleiben: „Mit dem ‚Vaterraum‘ gibt es in unserem Kosmos nun einen Ort, wo [der Mensch] sich vergessen darf, wo er hemmungslos spielen darf zwischen all den Welt-Revolutionen, den Herrschern und Mutterbusen – wenn er das will. Alle anderen bleiben vor der Tür und schauen in den Vaterraum hinein als wäre es ein Blick in ein Kinderzimmer.“ (Andrea Meier)

„Der Kleinste kommt zuletzt“, sagte Mama. „Im übrigen ist das mein Platz. Ihr beide könnt auf dem Fußboden vor dem Apparat sitzen, du und Lillebror, dann gebe ich euch die Torte dorthin.“ Karlsson drehte sich zu Lillebror um. „Hast du das gehört? Springt sie immer so mit dir um, armes Kind?“ Dann schmunzelte er zufrieden. „Es ist schön, daß sie auch mit mir so umspringt, denn gerecht muss es zugehen, sonst mache ich nicht mit.“
Astrid Lindgren, ebd.

Und diejenigen, die mitspielen wollen, müssen sich halt an die Tonart gewöhnen (press the red ‚F‘ at the top)!

  1. Die womöglich spannenderen Seiten Meeses beschreibt Ludwig Seyfarth in Konkret 06/06, wobei man bezweifeln könnte, dass Meese „den eleganten Maler zart-erotischer Szenerien, Balthus“ nur deswegen „zur zentralen Leitfigur für sein malerisches Werk erkor“, sondern vermutlich auch weil in der öffentlichen Rezeption von Balthus schon immer die Faszination am verspielt Kindlichen in Verbindung mit Tabubruch das Medieninteresse beherrscht hat usw. usf. [zurück]