Deutsches Triptychon: Dresden – Buchenwald – Mauerfall

Herr Präsident, meine Damen und Herren, an diesem Ort wurde 1937 ein Konzentrationslager errichtet. Nicht weit von diesem Ort liegt Weimar, ein Ort, an dem Deutsche wunderbare Beiträge zur europäischen Kultur geschaffen haben. Nicht weit also von dem Ort, an dem sich einst Künstler, Dichter und Denker trafen, herrschten hier, in diesem Lager, fortan Terror, Gewalt und Willkür.“
Rede Angela Merkels anlässlich des Besuchs Barack Obamas in Buchenwald

Weimar, wie andere Orte in Deutschland, an denen Dichter und Denker wunderbare Beiträge zur deutschen Kultur schufen, niemals weit also von Schauplätzen deutschen Terrors, deutscher Gewalt und deutscher Willkür.
Beispielsweise Berlin, nicht weit gelegen also vom KZ Sachsenhausen: Die Christlich-Deutsche Tischgesellschaft mit ihren dichtenden, denkenden und überhaupt kreativen Mitgliedern, u.a. Achim von Arnim, Clemens Brentano, Karl Friedrich Schinkel, Johann Gottlieb Fichte, denen es die ‚Wohlanständigkeit’ gebot, Juden aus ihrem Kreis prinzipiell auszuschließen. Arnim empfahl bereits 1811 in „Über die Kennzeichen des Judenthums“, einem Juden zum Zwecke der Bestimmung seiner ‚Rassenzugehörigkeit’ die Haut abzuziehen und ihn in Asche zu verwandeln: „[M]an nehme also einen, zerstoße ihn erst und gebe Achtung auf Kristallisation und Bruch […] Ob er scharf-süßlich rieche u.s.w. Nachher zerreibe man ihn im Feuersteinmörsel, erwärme ihn mit Ätzlauge im Platintiegel, allmählich bis zum Durchglühen“ (zitiert nach Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld).
Oder der schöne See Stechlin, nicht weit entfernt also vom KZ Oranienburg und Sachsenhausen, wo Theodor Fontane seinen gleichnamigen Roman (1898) angesiedelt hat und den bis dahin als ‚judenfreundlich’ angesehenen Hauptprotagonisten irgendwann schwadronieren lässt: „Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. […] Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ‚zweideutig’ wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit `nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehen, immer die feinsten Menschenkenner.“
Oder Bayreuth, nicht weit also von Nürnberg und einem Außenlager des KZ Flossenbürg, wo Richard Wagner 1882 die Komposition des Parsifal vollendete und in einem Brief an Ludwig II sein letztes Werk fast resigniert abhakte: „Was soll jetzt dieses christlichste aller Kunstwerke in einer Welt, welche vor Feigheit vor den Juden vergeht“ (zitiert nach Gerhard Scheit, ebd.). Bayreuth, der heilige deutsche Kulturgral auch der Bundeskanzlerin und der Ort, über dem regelmäßig beklagt wird, dass man Wagner ja in Israel nicht aufführen könne. Aus unerfindlichen Gründen natürlich, da Wagner nun mal nur von den Nazis missbraucht worden sei, wie alle Angehörigen der Kulturnation Deutschland.
Oder Dresden, ganz in der Nähe also von z.B. Freital, einem weiteren Außenlager Flossenbürgs, das für Merkel ebenso ein Ort der Mahnung ist wie Buchenwald und der wie kaum ein anderer „in unserem Bewusstsein so eindrücklich für Leid und Zerstörung durch Krieg [steht]. Doch daraus ist Dresden heute auch eine ganz besondere Symbolkraft erwachsen: für Versöhnung und Wiederaufbau, für Weltoffenheit und Zukunftsgestaltung, die im Bewusstsein der Verantwortung für die Geschichte gelingen kann“ (Merkel anlässlich des Besuchs Obamas in Dresden und Buchenwald in der Sächsischen Zeitung).
Es geht eben niemals ohne die ausdrückliche Betonung der ‚deutschen Opfer’. Obwohl man trotz des engen Zeitplans Obama noch nach Dresden gescheucht hatte, kann man es sich selbst in Buchenwald nicht verkneifen: „Wir gedenken heute der Opfer dieses Ortes. Dies schließt das Gedenken der Opfer des so genannten „Speziallagers 2″ mit ein, des Internierungslagers, das die sowjetische Militäradministration hier von 1945 bis 1950 unterhielt. Darin erlagen viele tausend Menschen den Strapazen unmenschlicher Haftbedingungen“ (Rede Merkels in Buchenwald). Dass unter diesen vielen tausend Menschen viele tausend Täter waren, ist, seit ein anderer Kanzler einen anderen US-Präsidenten nach Bitburg verschleppte, offenkundig nicht mehr erwähnenswert.
Angela Merkel würde Barack Obama auch gerne nach Berlin zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls einladen – am 9. November 2009! „Denn wir vergessen nie“ (Merkel). Die lustigen „Spiele ohne Grenzen“ für die Jubelfeier werden entsprechend angemessen gestaltet: „Berlin feiert den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit einem „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor, das Kulturprojekte Berlin organisiert. Symbolisch soll der Fall der Mauer zwischen Reichstag und Potsdamer Platz mit 1000, etwa 2,5 Meter hohen Dominosteinen aus Styropor nachempfunden werden – live im ZDF übertragen. Auch wenn die komplette Choreografie noch nicht steht: Die letzten 30 bis 40 Steine sollen von den geladenen Zeitzeugen und Politikern umgestoßen werden“ (Der Tagesspiegel vom 6.6.2009).
Symbolisch wäre mit diesem Besuch Obamas auch das von Merkel geplante Deutsche Triptychon vollendet, ein handlicher Reisealtar – mit den deutschen (!) Opfern der alliierten Bombenangriffe auf Dresden links, der sühnenden Opferbereitschaft der Deutschen, sich den Holocaust als Gründungsmythos aufzuerlegen, um forthin als das moralischste und leidendste ‚Volk’ der Erde auftreten zu können prominent in der Mitte und rechts davon das strahlende Paradies in Einheit und deutsch verstandener Freiheit. Auf den Außenseiten des Triptychons findet man dann in schöner Kalligraphie die ganzen „Wirs“ und „Uns Deutschen“, die in Merkels Rede vorherrschten.

„Ich ziehe es vor, in eigenem Namen und andererseits von „den Deutschen“ zu sprechen. Verfährt man so, dann wird man regelmäßig von jenen angegriffen, die darin eine unzulässige Verallgemeinerung sehen. Aber gleichzeitig sich selbst eilfertig durchstreichen und bei jeder Gelegenheit „wir“ oder „wir Deutsche“ sagen.“ (Eike Geisel)